CFPs in Renaissance Intellectual History

exemplaris imago
Ideale und Formen ihrer Vermittlung in Mittelalter und Frueher Neuzeit


Source of Information: H-HRE, 2006-06-01
Date of Event: 2007-01-24 to 26
Location of event: Münster, Germany
Deadline for abstracts etc.: 2006-07-31




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Ideale und Formen ihrer Vermittlung in Mittelalter und Früher Neuzeit
(24.-26. Januar 2007) 

Der Begriff des Ideals erfreut sich in
kulturwissenschaftlichen Forschungen zur Vormoderne einer großen
Beliebtheit. In den unterschiedlichsten Kontexten wird er - meist in
seiner alltagssprachlichen Bedeutung - zur Beschreibung von Zielen und
Leitgedanken verwendet. Das Ideal wird gemeinhin als ein besonders
adäquater Begriff zur Beschreibung mittelalterlicher und
frühneuzeitlicher Denk- und Kommunikationsweisen angesehen, wobei es
sich aber um einen modernen Terminus handelt. Es stellt sich daher die
Frage, ob die als Ideal bezeichneten mentalen Konstruktionen wirklich
miteinander vergleichbar sind und ob nicht der Begriff des Ideals in
vielen Fällen eine zu große Eindeutigkeit und Verbindlichkeit
suggeriert. Als Ausgangspunkt für die Beschäftigung mit Idealen können
folgende bewusst weit gefasste Kriterien dienen, die wir auf der Basis
des üblichen Sprachgebrauchs in der neueren Forschung entwickelt haben.
1. Das wichtigste Merkmal von Idealen ist Vollkommenheit; Fehler oder
Mängel sind mit dem Gedanken des Idealen nicht vereinbar. Ein wichtiger
Weg zur Konstruktion von Idealen führt vielmehr gerade über die
gedankliche Eliminierung von Fehlern aus der Realität. 
2. Ideale stehen im Spannungsverhältnis zur Realität. Sie sind 
grundsätzlich verschieden von dem, was die Beobachter als den 
gegenwärtigen Zustand wahrnehmen. 
3. Ideale sind nicht identisch mit den Wertvorstellungen, die ihnen
zugrunde liegen. Sie können jedoch als eine imaginäre Umsetzung von
Werten beschrieben werden. Somit nehmen Ideale eine wichtige
Mittlerposition zwischen Werten und Handlungen ein. 
4. Ideale können Haltungen und Handlungen beeinflussen. Dabei spielt der 
Glaube an ihre Erreichbarkeit eine wichtige Rolle, unabhängig davon, ob diese
Erreichbarkeit auch in der Praxis gegeben ist. 
5. Ideale sind immer konstruiert, und obwohl ihnen subjektiv 
überzeitliche Geltung zugeschrieben wird, unterliegen sie dennoch dem 
Wandel der historischen Gegebenheiten, da sie immer in irgendeiner 
Weise auf die Realität und ihren Kontext bezogen sind. 

Im Rahmen der Arbeit des Graduiertenkollegs
"Gesellschaftliche Symbolik" sind Ideale von besonderem Interesse, weil
sich in ihnen gesellschaftliche Wertvorstellungen und 
Ordnungskategorien manifestieren. Vor allem interessiert 
der Aspekt ihrer Vermittlung und die Rolle, die symbolische 
Kommunikation dabei spielt. Auf der  geplanten
interdisziplinären Tagung zum Ideal in der Vormoderne möchten wir
folgende drei Fragekomplexe diskutieren: 

1. Der Begriff des Ideals und seine Anwendbarkeit auf die Vormoderne
 Allgemein interessiert uns, wie sich das Konzept des Idealen mit zeitgenössischen Theorien aus Theologie, Naturwissenschaft und Ethik 
vereinbaren, bzw. aus ihnen herleiten lässt. Der moderne Begriff des 
Ideals muss hier mehr als ein heuristisches Prinzip denn als ein 
theoretisches Konzept behandelt werden. Zu fragen ist weiter, 
ob der Gedanke der Vollkommenheit einen absoluten Geltungsanspruch 
nach sich zieht, ob Ideale nur für ein Kollektiv oder für den 
Einzelnen gelten und wie Ideale miteinander in Konkurrenz treten. 
Wie lässt sich außerdem die Wechselwirkung zwischen Ideal und 
Realität beschreiben? 

2. Die Genese von Idealen Die  Entstehung und Konstruktion von 
Idealen lässt sich einerseits auf die Wahrnehmung
von Defizienz in der Realität, andererseits auf die normative Wirkung
von Traditionen zurückführen. In synchroner Perspektive interessieren
die Techniken der Konstruktion, Korrektur und Modifikation von Idealen
sowie ihre Prägung durch den jeweiligen argumentativen Kontext und die
gewählten Darstellungsmittel. 

3. Ideale im gesellschaftlichen Kontext Vor allen Dingen stellt sich 
die Frage, wie Ideale avant la lettre in der Vormoderne im 
gesellschaftlichen Kontext erfahrbar und wirksam
werden. Wie werden Ideale in der Politik, in der höfischen Welt, in der
Bildung, in der Religion usw. zu erreichen gesucht, und wie bewusst 
sind sie den jeweiligen Akteuren? Als Funktion eines Ideals ist nicht nur 
die eines anzustrebendes Ziels, sondern auch eines Korrektivs oder 
Arguments denkbar. Wie sind außerdem die Wirkungsweisen von Ideal 
und Vorbild zu unterscheiden? Im Folgenden sollen beispielhaft einige mögliche
Untersuchungsfelder skizziert werden, deren thematische Auswahl aber
keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt. Sie sind als Anregung für
weiterführende Fragestellungen zum Thema zu verstehen. - Zum
monastischen Lebensideal gehören im Allgemeinen ein Leben für Gott in
Gemeinschaft und Dienst für Kirche und Welt. In den verschiedenen 
Zeiten und Kontexten entwickelten sich ganz unterschiedliche Lebensmodelle wie
die peregrinatio propter Christum im frühen iroschottischen Mönchtum
oder das Leben in Armut und Einfalt in der Nachfolge des Franz von
Assisi. Hier wäre u.a. dem Zusammenhang zwischen Mönchsideal, Theologie
und gesellschaftlichem Kontext nachzugehen. - In Minnesang und Roman
entwickelt die Literatur des Mittelalters ein höfisches
Gesellschaftsideal, welches als Leitbild über die Literatur hinaus
wirkmächtig war. Die entfalteten Herrscher-, Ritter-, Frauen- oder
Minneideale stehen mit der gesellschaftlichen Realität in einer
spannungsvollen Wechselbeziehung. Neben der körperlichen Schönheit als
Ausdruck der inneren Vollkommenheit beinhaltet die hövescheit
(courtoisie) angenehme Umgangsformen und höfische Fähigkeiten sowie
spezielle höfische Tugenden, ohne dass sich jedoch von einem
einheitlichen Tugendsystem sprechen ließe. Kennzeichnend scheint jedoch
die Verbindung mit christlichen Wertvorstellungen zu sein. Diese
höfischen Ideale sind besonders vor dem Hintergrund ihrer literarischen
Konstruiertheit in den Blick zu nehmen. - Den idealen Herrscher
kennzeichnen die Tugenden Weisheit, Stärke, Milde und Mäßigung sowie
Gerechtigkeit. Zu untersuchen wären beispielsweise Wandel und Konstanz
des Herrscherideals im Zuge der Entwicklung eines transpersonalen
Königtums, weiter in verschiedenen Quellengattungen konstruierte
Herrscherideale, sowie die Möglichkeit der Indienstnahme von
Herrscheridealen seitens der Untertanen. - Geschlechterkonzepte und 
ihre Formulierung als Ideal sind in theologischen und ethischen Diskursen 
des Mittelalters typischerweise eingebunden in Wertesysteme, die einem
klaren Oppositionsschema folgen, nach dem sich das Männliche und das
Weibliche gegenüberstehen. Dabei handelt es sich um ein Konzept, das
Aufschluss über mittelalterliche Vorstellungen von der Ordnung der Welt
nicht zuletzt auch in ethischer Hinsicht geben kann. So lassen sich in
unterschiedlichen Quellengattungen Rückschlüsse auf ideale Konzepte von
Mann und Frau sowie auf die ihnen zugrundeliegenden Welt- und
Wertvorstellungen ziehen. - Zu diesen inhaltlich definierten Idealen
kommen auf der Ebene der Darstellungsmittel ästhetische Ideale hinzu,
wie sie sich in Literatur, bildender Kunst, Musik und im Zeremoniell
finden. Besonders in der Musiktheorie (ars musica) und in den bildenden
Künsten leiten sich diese Ideale aus Theorien der natürlichen und
kosmischen Ordnung her. Während in aristotelischen Modellen die
Naturnachahmung und somit eine analoge Teilhabe am Göttlichen die
Grundlage der Ästhetik bildet, bezieht eine andere Denkrichtung,
basierend auf Pseudo-Dionysius und Augustin gerade das Groteske und
Abstoßende in den Bereich der Ästhetik ein, aus dem Bemühen heraus, das
Böse mit dem Willen Gottes zu vereinbaren. Ein weiteres
Spannungsverhältnis besteht im Bereich der ästhetischen Ideale zwischen
dem theoretischen und dem wahrnehmungsorientierten Ansatz, was vor 
allem  für die Musik gilt. Außerdem wäre die Wechselwirkung zwischen
ästhetischen Idealen und den bereits skizzierten Gegenstandsbereichen 
zu untersuchen. Willkommen sind Papiere aus den Fachbereichen Mittlere und
Neuere Geschichte, Literaturwissenschaft, Theologie, Philosophie,
Musikwissenschaft, Kunstgeschichte, Rechtsgeschichte und verwandten
Disziplinen. Interessentinnen und Interessenten schicken bitte bis zum
31.07. 2006 ein Paper an die u.g. Adresse. 
Graduiertenkolleg
"Gesellschaftliche Symbolik im Mittelalter" 
Pferdegasse 3 
48143 Münster
Tel.: 0251/ 8328302 
eharding@uni-muenster.de 
Elizabeth Harding