Vivat GGREN!

Einführungsvortrag Wintersemester 1998/99

Bemerkungen zur Geistesgeschichte und Philosophie in wirren vergangenen Zeiten (ca. 1348 bis ca. 1648).
Nebst der Vorstellung eines exemplarischen Textes.

Autor: Heinrich C. Kuhn
Vortrag gehalten: 1998-12-02
Text im WWW zugänglich ab: 1998-12-03
Letzte Veränderung: 1998-12-17

MDDHH,

ich bin nicht hierhergekommen wie der Apostel Paulus in die Stadt der Philosophen Athen, um dort über jemanden zu berichten, dem dort bereits ein Tempel gebaut war, den unbekannten Gott, aber so ganz unähnlich ist das was ich heute abend vorhabe dennoch nicht zu dem was der Apostel tat: ich bin hierher gekommen, zu Ihnen, den Studierenden der Philosophie im Hörsaal 224, um Ihnen über etwas zu berichten, das vielen von Ihnen noch unbekannt sein wird, über etwas, was den Ort seiner Verehrung in München im 4. Stock der Ludwigstraße 31 hat: über die Philosophie zwischen Mittelalter und Normalmoderne, zwischen Wilhelm von Occam und René Descartes.

Eigentlich hatte ich vor, den Vortrag zu nennen "Lob der Unübersichtlichkeit und Nähe der Fremdheit", hatte dann aber befürchtet, Sie möchten aus solchem Titel lesen der Vortrag werde mit Gewißheit unübersichtlich und befremdlich sein, - und mich daher für folgenden Titel entschieden: "Bemerkungen zur Geistesgeschichte und Philosophie in wirren vergangenen Zeiten (ca. 1348 bis ca. 1648). / Nebst der Vorstellung eines exemplarischen Textes".

Wie Sie aus diesem neuen Titel sehen: zweierlei habe ich heute Abend vor Ihnen vorzutragen: Zunächst einige m.E. bemerkenswerte Punkte betreffend der Geistesgeschichte jener Zeit. Und dann die skizzenhafte Vorstellung eines m.E. exemplarischen Textes aus der Feder eines ziemlich übel beleumundeten Philosophen aus der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts. Danach haben Sie Gelegenheit für Fragen die ich versuchen werde zu beantworten, und haben wir alle Gelegenheit zur Diskussion. Vor der Diskussionspause, und auch noch vor der Beschäftigung mit dem Einzeltext steht die Beschäftigung mit dem Allgemeinen:

_

Die Beschäftigung mit dem Allgemeinen, eingeleitet durch eine Wiederholung: Heute abend werde ich im Rahmen der Ringvorlesung zur Einführung in die Philosophie über die Zeit von ca. 1348 bis ca. 1648 reden. Und jetzt zu neuem:

Das Reden über diese Zeit unterscheidet sich vom Reden über die vorangegangenen Zeiten bereits dadurch, daß die Bezeichnung für die betreffende Zeit (im Gegensatz zu den Bezeichnungen "Antike" und "Mittelalter") nicht einheitlich ist. Und daß andererseits das was in diesen ca. drei Jahrhunderten geschehen ist, denn doch zu sehr zusammenzugehören scheint, als daß ein begriffliches Zerschlagen in grobe Hundertjahresblöcke oder Fünfzigjahresblöcke, ein solches Zerschlagen wie es meist für die darauf folgenden Zeiten geschieht, daß ein solches Zerschlagen nicht sinnvoll möglich zu sein scheint. ˘ Zwei übliche Bezeichnungen gibt es für diese grob drei Jahrhunderte von ca. 1348 bis ca. 1648: "Renaissance" und "Frühe Neuzeit". Mit beiden Bezeichnungen ist mir nicht recht glücklich werden.

"Renaissance" das meint "Wiedergeburt"; verwendet man "Renaissance" deshalb für die Zeit über die ich heute abend sprechen werde, die Zeit von ca. 1348 bis ca. 1648, so legt man diese Zeit darauf fest, primär etwas bestimmtes gewesen zu sein: eine Zeit der Wiedergeburt der Antike. ˘ Man hat in einem solchen Fall allerdings noch eine schöne [und m.W. nach wie vor nicht befriedigend gelöste] Aufgabe vor sich: die Aufgabe zu erläutern, worin sich die Wiedergeburt der Antike in "der" Renaissance wesentlich von den Wiedergeburten der Antike in all den anderen Renaissancen, der karolingischen, der ottonischen, der des 12. Jahrhunderts und der des 13. Jahrhunderts unterschieden habe. ˘ Und: all das viele, was Menschen in diesen drei Jahrhunderten getan haben, und das nicht Beitrag zu Wiedergeburt sondern zu Neugeburt war, und all das viele, das Menschen in dieser Zeit nicht "wiedergeboren" haben - weil es nie tot war, sondern verändernd am Leben erhalten haben, all das wird bei einer solchen Interpretation der fraglichen Zeit als "Renaissance" zum bloßen Hintergrund - was mir problematisch erscheint, weil in den Auseinandersetzungen der damaligen Zeit Leute die solchem Hintergrund zuzurechnen wären zu häufig zugleich solche sind, die zugleich solchem Vordergrund zuzurechnen wären, und auch diejenigen, die eindeutig nur einem von beiden zuzurechnen wären, zu häufig im Dialog auf einer selben Ebene zu finden sind mit Leuten die eindeutig der anderen Ebene zuzurechnen wären.

Ich werde im folgenden dennoch von "Renaissance" sprechen: nicht um irgendwelche Wiedergeburten für primär wesentlich zu erklären, sondern zum einen als ein leichter aussprechbares "Ersatzwort" zu haben, ein "Ersatzwort" für "die Zeit von ca. 1348 bis ca. 1648", zum anderen weil's für diese Zeit eingeführt ist, und mir immerhin noch ein wenig weniger unglücklich als Bezeichnung erscheint, als "Frühe Neuzeit".

"Frühe Neuzeit": oder wie gelegentlich zu lesen "Frühmoderne": solche Bezeichnung setzt zum einen voraus, daß man wisse was "Moderne" sei (und:  Einführung des Buchdrucks,  Erfolge bei der Kolonialisierung Amerikas,  religiöse Zwangshomogenisierung der Bevölkerung in Spanien  und Verbreitung lutheranischer und calvinistischer Ketzerlehren in nordalpinen Ländern: scheinen mir doch etwas wenig zur Definition der 650 Jahre zwischen 1348 und 1998 ... ). Solche Bezeichnung setzt zudem voraus, daß es da ein Etwas "Moderne" gäbe, das in einem frühen, morgendlichen Zustand existiert habe, und dann vielleicht in einem mittäglichen, von Wärme und Licht glühenden, und dann in einem abendlichen, wo dann endlich die als dämmerungsliebend bekannte Eule der Minerva Hegels zu fliegen käme:

zum einen wäre damit zum Ausdruck gebracht, daß wir bei uns in unsrem Institut zuständig für die Amseln sind, und diejenigen die nach mir in dieser Ringvorlesung reden werden zuständig für die wahren Weisheitsvögel (und das obwohl von den Philosophen der von uns behandelten Jahrhunderte ebenfalls einige den Anspruch auf "Euligkeit" erhoben zu haben scheinen);

zum zweiten flickt derlei m.E. durchaus unzureichend jenen Traditionsbruch der nach der Mitte des 17. Jahrhunderts durchaus geschehen ist, und der den meisten von Ihnen wohl durchaus auffallen wird wenn Sie nach Studium späterer philosophischer Texte einen Blick auf die Texte werfen, die in der Zeit entstanden sind, die heute Gegenstand ist;

zum dritten halte ich dafür, daß - zumindest metaphorisch verstanden - Rankes Hinweis daß alle Zeitalter gleichunmittelbar zu Gott seien, durchaus bedenkenswert ist: "früh" und "spät", "jung" und "alt": das sind Bezeichnungen deren Verwendung in Anwendung auf Vergangenes kaum etwas anderes bewirkt als Verwirren.

Und es gibt bessere Gründe für Verwirrung als unglückliche Terminologie. Und es gibt produktivere Verwirrungen als diejenigen, die durch Verwendung unangemessener Bezeichnungen hervorgerufen werden. Z.B. einige derjenigen Verwirrungen, die durch die Beschäftigung mit Denkern der Renaissance hervorgerufen werden können.

Zunächst noch einige Sätze zur Periodisierung: Auch die Renaissance ist keine Epoche mit scharfen Grenzen, die Verbindungen zu den Zeiten vorher und nachher sind nicht zu unterschätzen; es war nicht möglich, sich im Mittelalter schlafenzulegen und am nächsten Morgen in der Renaissance aufzuwachen, es war nicht möglich, den ersten Gang des Abendessens in der Renaissance einzunehmen und das Dessert dazu im Barock (oder wie auch immer man den ersten Teil der Postrenaissance nennen will) zu genießen. ˘ Grenzen zu ziehen gemäß Ereignissen der Geistesgeschichte setzt vorherige Entscheidung darüber, was wesentliche solche Ereignisse gewesen seien voraus, und ist somit vorurteilsfrei nicht möglich. Ereignisse zu nutzen, die gar nichts mit Geistesgeschichte zu tun haben, hieße die unvermeidliche Willkür bis zur Aleatorik zu treiben. Ereignisse zu wählen, die keine solchen der Geistesgeschichte selbst sind, sondern solche betreffend der Bedingungen unter denen Ereignisse der Geistesgeschichte stattfinden, solche Ereigniswahl ermöglicht es der Willkür den willkommenen (wenn auch nur teilweise berechtigten) Anschein der Objektivität zu geben. ˘ "1348" und "1648": die beiden Jahre stehen für Grenzen, für begrenzende Ereignisse, die zunächst nichts mit Geistesgeschichte zu tun haben. ˘ 1348 ist das Jahr der großen Pest, in der rund ein Drittel der europäischen Bevölkerung das Leben verliert. Das bedeutet u.a. einen beschleunigten Wechsel von Funktionsträgern: Es gelangen Leute in Funktionen, in die sie sonst erst später oder gar nicht gelangt wären, und dies wiederum führt zu einer Beschleunigung von Entwicklungen. Und es bringt zunächst u.a. eine stärkere Stellung für grundbesitzlose Arbeitskräfte mit sich; nicht nur die Stellung von Arbeitern, sondern auch die von höheren (auch intellektuellen) Angestellten verbessert sich (zumindest vorübergehend), was z.T. mit einem dauerhaften Statusgewinn einhergegangen zu sein scheint. ˘ 1648 ist das Jahr des Ereignisses dessen Jubiläum am 24. Oktober in Münster und Osnabrück gefeiert wurde, des Westfälischen Friedens. Dieser Friede fixiert zum guten Teil das, was in den Jahren des Krieges und davor entstanden war. Und einige dieser Entwicklungen sind durchaus von Relevanz für die Geistesgeschichte: Die weitgehende und lange anhaltende Provinzialisierung der Europäischen Universitäten und damit einhergehend der Bedeutungsverlust dieser Universitäten; der sehr reduzierte Gelehrtenaustausch zwischen den einzelnen Territorien; die Reduzierung der Zahl derjenigen, die an überregionalem Gedankenaustausch beteiligt sind; im Zuge der Provinzialisierung eine massive Reduzierung des Wettbewerbs um bessere Bildungs- und Wissenschaftspolitik; relativ geringer Ideologiebedarf: all das prägt die Geistesgeschichte der auf 1648 folgenden Zeit in fast ganz Europa deutlich.

Die Renaissance: das ist eine Zeit der Unübersichtlichkeit und überraschender Gleichzeitigkeiten: Lassen Sie mich "früh" und "oben" anfangen: Kaiser Karl IV. importiert aus Italien bildende Kunst nach allerneuestem italienischem Gusto - und läßt sie in die Kapelle seiner Reliquienburg Karlštejn einfügen wie man früher antike Gemmen neben rund geschliffenen Edelsteinen in das Gold sakraler Kunstwerke fügte. Kaiser Karl IV. ordnet mit der Goldenen Bulle das Reich für die nächsten drei Jahrhunderte, und schreibt in selbiger goldener Bulle den Kurfürstensöhnen vor, Latein zu lernen (während unter seinem Vorgänger eine Umstellung der Kanzlei des Reiches auf volkssprachliche Aktenführung stattfand); und diese Vorschrift, Latein zu lernen ist (zumindest damals) wohl kein Zeichen für einen "Rückschritt" sondern im Gegenteil ein Aufnehmen von Veränderungen, die dazu führen, daß immer mehr Laien die Gelehrtensprache Latein beherrschen, und so Zugang zu Texten und Diskussionen erhalten, die noch ein Jahrhundert vorher fast ausnahmslos Klerikern vorbehalten waren.

Und der andere Blick, die anderen Interessen dieser Laien führen zu einer neuen Art von Philosophie: Eine Philosophie nicht der Professoren sondern der Sekretäre, politischen Bediensteten, Bürokraten, Bürgermeister, Literaten, Ärzte, Sprachlehrer, Privatgelehrten. Zum guten Teil Philosophie von Leuten und für Leute die für anderes bezahlt werden, als dafür Philosophie zu treiben. Und deren Philosophie, wenn sie Philosophie treiben, daher oft deutliche Spuren vom Leben in einer Welt, in der eben nicht nur Philosophen leben, zeigt.

Solche Spuren zeigen sich bereits in bezug auf jene Basisdisziplin, jenen grundlegenden Werkzeugkasten, den man Logik heißt: Man stellt fest: im alltäglichen Umgang mit Nichtphilosophen kommt es nicht nur, ja häufig nicht einmal primär, darauf an, die Richtigkeit der eigenen Thesen zu beweisen, sondern es kommt darauf an von der überlegenen Tauglichkeit der eigenen Thesen zu überzeugen: ˘ Neben die Logik tritt die Rhetorik. Und diejenigen, die ihre Wichtigkeit vertreten, verstehen zu überzeugen: Rhetorik wird neben der Logik universitäres Lehrfach - soweit ich sehe nicht Prüfungsfach, aber dennoch mit beträchtlichem studentischem Zulauf (und u.U. doch mit einer gewissen Prüfungsrelevanz, falls da, wie zu vermuten steht, Prüfer gewesen sein sollten, die keinen bloßen Kenntnisnachweis suchten, die von den Fähigkeiten ihrer Prüflinge überzeugt werden wollten ... ). ˘ Und: Es gab auch damals schon Stimmen, die darauf hinwiesen, daß selbst in der Philosophie die Verwendung verstaubter Fachsprache abschreckende Wirkung haben kann. Doch nicht nur deshalb, ja gewiss nicht einmal primär deshalb: Neben Logik und Rhetorik tritt das was die "Humanistæ" unterrichten, und was weitaus mehr ist als das was man früher "Grammatica" nannte: Die Humanistæ unterrichten: Einen Umgang mit der internationalen Wissenschafts- und Verkehrssprache Latein, der geeignet ist bei Lesern und Zuhörern Freude an stilistischer Eleganz und sprachlicher Ausdrucksfähigkeit hervorzurufen. Und auch hier gelingt (zumindest in einigen Fällen) die Institutionalisierung: Humanistæ werden zu Universitätsprofessoren; was sie unterrichten ist wieder soweit ich sehe nicht Prüfungsfach, aber auch hier ist der Zulauf groß. Ein (m. E. besonders bemerkenswertes) Beispiel mag das erläutern: Gegen Ende des 16. Jahrhunderts versuchen die Jesuiten in Padua eine Konkurrenzuniversität zur venezianer Landesuniversität im paduaner Palazzo del Bo zu etablieren. In einer Koalition verschiedener Interessen gelingt es den venezianer Regierungsgremien sehr schnell diese Konkurrenzuniversität wieder loszuwerden. Daraufhin gibt es beträchtlichen Protest aus der Paduaner Bevölkerung: Handwerker und Ladenbesitzer u. dgl. protestieren: die Jesuiten hatten es den Handwerkersöhnen und Ladenbesitzersöhnen ermöglicht, kostenlos eine humanistische Ausbildung zu erfahren, und diese Möglichkeit war reichlich genutzt worden, und sie entfällt nun, da die Preise des regulären Universitätshumanisten so sind, daß sie von den kleingewerbetreibenden Eltern nicht bezahlt werden können. Erfolgreich absolvierte humanistische Ausbildung ermöglicht sozialen Aufstieg. Man sieht: Humanistische Studien können ein Kontinuum schaffen, vom Bäcker und Schuster zum Juristen, Politiker, Philosophen.

Die Rhetorik (zusammen mit den eng mit ihr verbundenen humanistischen Studien) tritt jedoch nicht nur neben die Logik, sie tritt auch in die Logik: Logik soll tauglich werden, nicht nur für philosophische Auseinandersetzung, sondern auch für den Gerichtssaal und den Unterricht. Es kommt in der Logik zu einer bemerkenswerten Akzentverschiebung: weg von den sehr theoretisch-technischen Diskussionen der spätmittelalterlichen Logiker, weg von der Syllogistik (weg von der Theorie formal gültiger Schlussfolgerungen); es gibt ein zunehmendes und bald großes Interesse an anderen Themen: Der Lehre von der Definition z.B., der nun großes Gewicht beigemessen wird, und wo neben Wesensdefinitionen durch genus und differentia specifica ("Mensch = Lebewesen, das vernünftig ist" soll dem Vernehmen nach so etwas sein), wo neben solchen Definitionen nun auch in einigen Fällen die volle Fülle von in realen Diskussionen anzutreffenden Definitionsarten zugelassen wird: Definition durch Beispiel, Definition durch Beschreibung, Definition durch Metaphern, Definition durch Analogie, und weit mehr dergleichen. Auch für die Induktion, das Schließen von Einzelnem auf Allgemeines besteht nun großes Interesse, Anwendungsgebiete werden bis hinein in die Mathematik gesehen. ˘ Neben "vollkommenen" Methoden des Erkenntniserwerbs geht es nun auch und zunehmend um "unvollkommene" Methoden (z.B. Induktionen ohne Kenntnis aller Einzelfälle, Definitionen die nicht nachweisbar Wesensdefinitionen sind), solche "unvollkommenen" Methoden werden intensiv diskutiert; es wird festgestellt, daß in vielen Bereichen das einzige Wissen das erreicht werden kann, jenes Wissen ist, das durch "unvollkommene" Methoden erreicht wird: Die Entwicklung philosophischer wie nichtphilosophischer Einzelwissenschaften ohne Beachtung unbefolgbar strenger logischer Regeln wird legitimiert.

Ich habe vor einigen Minuten das Philosophieren der Sekretäre, politischen Bediensteten, Bürokraten angesprochen: Die Texte dieser Leute sind häufig besonders interessant: Wenn sie über Politik schreiben, dann meist im Hinblick auf die jeweilige politische Situation in der ihre Texte entstehen, vor dem Hintergrund der Situation in der sie selber stehen, sie schreiben im Normalfall nicht nur um über ihre politisch-theoretischen Gedanken zu informieren, sondern um politische Wirkung zu erzielen. Es sind dies sehr häufig standortgebundene Texte, es ist dies politisch-philosophisches Denken aus und für die jeweilige Situation - und ermöglicht uns so exemplarisch zu studieren wie sich aus der Auseinandersetzung mit Tagesereignissen und der Tradition politischen Denkens: Texte ergeben, die beides, das was zeitgleich passiert und das was zur Tradition der Auseinandersetzung mit politischen Themen gehört, aneinander messen, und die zu beidem tauglicher Beitrag sein sollen. Will man sie interpretieren, so wird neben der "üblichen" Frage "was sagt der Autor?" noch wichtiger als bei der Interpretation politisch-theoretischer Texte anderer Zeiten die Frage "was will der Autor mit seinem Text bewirken?". Die Antworten auf diese Fragen sind selten solche von höchster Sicherheit, aber sie können häufig überraschend sein: Teile des Textes die beim ersten Lesen als zentral erscheinen können sich bei näherer Überlegung als Textteile mit vermutlich primärer "Verpackungsfunktion" für das präsentieren, was man beim ersten Lesen für weitgehend belanglos gehalten hatte. So scheint es mir z.B. zunehmend plausibel, daß in Machiavellis berühmtem Text De principatibus (vulgo dem "Fürsten"), scheint mir daß dort die berühmten "machiavellistischen" Ratschläge relativ unspektakulär aus Aristoteles und Ægidius Romanus herleitbar sind, während hingegen die Ausführungen über die Untauglichkeit von Söldnertruppen einem "Langzeitprojekt" Machiavellis zuzuordnen sind, nämlich dem Projekt für Florenz eine Untertanenmiliz einzurichten und zu erhalten, und so den solcherart bewaffneten und militärisch ausgebildeten Untertanen Ausübung politischer Macht erzwingbar zu machen: als Ziel also keine Tyrannenherrschaft, sondern ein im Grunde republikanisch geordnetes Staatswesen. Ich würde mich sehr wundern, wenn dies eine These wäre, die Ihnen jetzt und hier und ohne jegliche Belege einleuchtete (und solche Belege zu liefern würde heißen diesen Einführungsvortrag zur Geistesgeschichte der Renaissance zu einem Spezialvortrag zu Machiavelli zu machen). Aber es ging mir mit der Erwähnung dieser These auch nicht darum, Sie von der Richtigkeit solcher Machiavelli-Interpretation zu überzeugen, sondern darum, ihnen ein Exempel dafür zu geben, daß solche politisch-theoretischen Texte der Sekretäre, politischen Bediensteten und Bürokraten intensiverer Auseinandersetzung bedürfen, und solcher Auseinandersetzung wert sind - sei's um Thesen wie die meine aufzustellen, sei's um sie zu widerlegen. Und als ein Exempel dafür, daß die politisch-theoretischen Texte dieser Leute zwar i.d.T. deutlich von der jeweiligen Situation geprägt sind, aber oft nicht auf sehr simple Weise.

Ich bleibe noch etwas bei den Schriften der bestenfalls "nebenberuflichen" Philosophen: Auch wo es nicht um Handeln im öffentlichen sondern um Handeln im privaten Raum geht, nicht um Politik sondern um Ethik, auch dort finden sich beträchtliche Spuren von Kontakten mit unakademischem Alltag: Lehren vom Guten, Tugendlehren, und dergleichen sind zwar auch Gegenstand, aber reichlich ergänzt durch Themen wie das Verhältnis von Vätern und Söhnen, Liebe und Freundschaft und Eheleben, die Auswahl von Ehepartnern, die Wichtigkeit guter Vornamensgebung für Kinder, richtige Berufswahl, Vor- und Nachteile unterschiedlicher Gewerbe, unterschiedliche Würde unterschiedlicher Berufe, häusliches Wirtschaften, Umgang mit Geld, Leben in der Stadt, auf dem Lande, bei Hofe. ˘ Und noch ein Aspekt ist nicht zu vernachlässigen: da sie nicht an irgendwelche "Orthodoxien" gebunden sind, können diese Autoren sich für die Entwicklung ihrer Gedanken frei bei unterschiedlichsten Denkschulen bedienen, neben peripatetischen auch stoische, epikureische und platonische Texte aufnehmen, zum Teil miteinander amalgamieren, und transformieren - und sie tun dies auch, und erzeugen so bemerkenswert interessante eigene Texte.

Und nicht nur praktische Philosophie gibt es außerhalb der Universitäten: Außerhalb der Universitäten stellt man fest, daß es neben Latein noch eine zweite wesentliche Sprache gibt in der antike Literatur abgefasst ist: Griechisch. Und daß es neben Aristoteles noch mindestens einen zweiten bedeutenden antiken Philosophen gegeben habe: Platon. Und daß der der Wahren Philosophie denn doch deutlich näher stehe als Aristoteles. Und daß es neben den Arabischen und Lateinischen Aristoteleskommentatoren noch griechische Aristoteleskommentatoren gibt (von denen einige deutliche platonische Einflüsse erkennen lassen), und daß diesen Kommentatoren der Vorrang vor den Arabischen und Lateinischen gebühre. ˘ Man entdeckt den Neuplatonismus neu und transformiert ihn, man behauptet und belegt, daß Philosophieren im Anschluß an Platon, Plotin (und nicht zu vergessen Hermes Trismegistos) - nicht zuletzt wegen der größeren Nähe dieser Autoren zur Lehre des Christentums im Vergleich zu den Lehren des Aristoteles (etwa von der Ungeschaffenheit der Welt und der Unmöglichkeit persönlicher Unsterblichkeit), man behauptet und belegt, daß solches "platonisches" Philosophieren dem an den Universitäten getriebenen "aristotelischen" Philosophieren überlegen sei. Man entwickelt platonisierende Metaphysiken, platonisierende Erkenntnistheorien, platonisierende Naturphilosophien. Man versucht weitere Traditionen und Texte zu integrieren: Medizinisches, magisches, astrologisches, pythagoräisches, kabbalistisches ... . Man wendet sich damit sowohl an Kollegen innerhalb wie außerhalb der Universitäten, als auch an Studenten, als auch an ein als interessiert erhofftes weiteres Publikum. Und in der Tat mit teils nicht unerheblichem Erfolg: sowohl die Verbreitung einiger dieser renaissance-platonischen Texte in der Renaissance selbst, als auch ihr Nachruhm bis zu heutigen Tage ist hochbeträchtlich. (Auf die Inhalte dieser Texte gehe ich heute abend nicht ein, da Prof. Keßler in diesem Semester eine eigene Vorlesung zu den Platonismen der Renaissance hält.)

˘ Wenn Sie nun meinten, daß mit dem universitären Aristotelismus (auf den ich bald eingehen werde), mit den bereits erwähnten Weiterdenkern stoischer Traditionen, mit den ebenfalls (wenn auch nur für die Ethik) erwähnten Nutzern Epikureischen Gedankenguts, und vor allem mit diesem angereicherten Platonismus in Anbetracht all dessen, was der letztere mitintegriert, wenn Sie meinen daß die im Wortsinn rinascimentale Fülle, die Fülle der Wiederbelebungen antiker Philosophen damit erschöpft sei: falls Sie das meinten, so befänden Sie sich im Irrtum: auch die ionischen Naturphilosophen (Thales, Anaximander, Anaxagoras und andere) werden wiederentdeckt und transformierend wiederbelebt - nicht zuletzt sogar durch Claudius Berigardus, einen jener Universitätsphilosophen, die eigentlich alle Aristoteliker sein sollten. ˘ Auch verschiedene Varianten antiker Skepsis erfahren Wiederbelebungen. ˘ Und: nicht nur antikes läßt sich wiederbeleben: In den Jahrhunderten um die es hier geht gibt es auch neue und intensive und häufig fruchtbare Auseinandersetzungen mit mittelalterlichen Philosophen, insbesondere mit Ioannes Duns Scotus und vor allem mit Thomas von Acquin. ˘ Und es gibt Autoren, die noch schwerer als andere einer bestimmten dieser Richtungen so zuordenbar wären, daß man sagen könnte, sie sei wohl ihre primäre Richtung gewesen. Es sind durchaus prominente darunter: z.B. Girolamo Cardano und Francis Bacon. Man spricht in bezug auf ihr Denken gelegentlich von "Neuen Philosophien der Natur" - doch scheint auch dies nur ein Verlegenheitsausdruck.

So, spätestens jetzt wird Ihnen der Kopf rauchen, spätestens jetzt werden viele von Ihnen erschöpft sein, spätestens jetzt werden Sie nach etwas ruhigerem suchen, und es steht ja nur noch die "Normalphilosophie" aus, die Philosophie, die an den Universitäten getrieben wurde, wo man sich im Normalfall mit nur einem Philosophen, Aristoteles, beschäftigte, und versuchte, diesen getreulich auszulegen, und solange wie möglich an ihm festzuhalten (was übrigens sehr lange ging: in Padua fand die formale Abkehr von Aristotelismus erst 1770 statt ...). 300 Jahre Aristotelismus also als (abgesehen von Claudius Berigardus) 300 Jahre beschaulicher Ruhe (denen sich dann zumindestens in Padua 122 Jahre weiterer beschaulicher Ruhe anschließen)? ˘ Ich fürchte ich werde Sie (ein weiteres Mal) enttäuschen müssen: Die hauptamtlichen Philosophen der Renaissance leben in der selben Welt wie die nichtuniversitären Philosophen über die ich bislang gesprochen habe. Sie rezipieren ihre Texte und schätzen in einigen Fällen sogar ihre persönliche Gemeinschaft. Sie reagieren auf das was außerhalb ihrer eigenen Hörsäle geschieht, sie rezipieren die griechischen Aristoteleskommentatoren und nichtaristotelische Philosopheme, sie stehen in lebendiger Auseinandersetzung mit anderen Fächern (insbesondere mit der Medizin, auf deren Studium nicht selten das Studium der Philosophie hinführt), ja sie schreiben zum Teil sogar volkssprachliche Texte, um sie vor Universitätsexternen, die nicht einmal des Lateinischen mächtig sind, vorzutragen. ˘ Damals wie heute betreibt wohl die Mehrzahl der Leute die sich mit Philosophie beschäftigen dies im universitären Kontext. Und die Zahl der Universitäten, die es um 1550 gibt ist beträchtlich (gut 80 Universitäten gibt es damals). Und an jeder oder so gut wie jeder davon wird Philosophie unterrichtet. Die Weisen wie aristotelische Philosophie gelehrt wird unterscheiden sich sehr, doch präsent ist die aristotelische Philosophie überall. Der Bogen ist weit: Vom Materialismus eines Biagio Pelacani da Parma mit seiner Astrologienähe zum grundausbildungsorientierten Thomismus der Ingolstädter Jesuiten, von Melanchthons Versuchen Tradition für praxisorientierte Ausbildung umzugestalten zum reaktionären Rationalismus eines Cesare Cremonini: Die Universitätsphilosophien der Renaissance bieten unter allen Gruppen von Philosophien dieser Zeit die größte Fülle an Texten und die meisten Varianten an Problemzugängen und Problemlösungen. ˘ Statt des unüberschaubar Vielen will ich Ihnen nur Eines noch kurz vorstellen: einen (zumindest für die Verhältnisse des Autors) kurzen Text eines dieser Aristoteliker: des Augustinus Niphus.


Es handelt sich gemäß der Überschrift des Textes um "Des Philosophen Augustinus Niphus aus Sessa Vorwort zu den Anmerkungen und Kommentaren zu den Büchern über die Seele".

Der Text beginnt vielversprechend: "Omissis ventosis exordiis, fricatisque verbis": (hören Sie das windig-blasende Zischen: Niphus scheint sein Rhetorik-Training nicht völlig vergessen zu haben ...);

"Omissis ventosis exordiis, fricatisque verbis": "Unter Vermeidung der aufgeblasenen Einführungen und aufgebauschten Sprüche die üblicherweise zu Beginn von Kommentaren zu stehen pflegen, habe ich <Niphus> als erster beschlossen, daß zu Anfang unserer Kommentierung diskutiert werden soll warum man sich bei allen Völkern, und zwar seit mehreren Jahrhunderten, daran hält, die Bücher des Aristoteles zu lesen."

Niphus hat offensichtlich zur Kenntnis genommen, daß es mehr Philosophien gibt, als nur die des Aristoteles, und er ist sich darüber im klaren, daß für das Festhalten an Aristoteles als dem Philosophen des universitären Philosophieunterrichts eine Begründung, eine Rechtfertigung willkommen wäre. ˘ Und nicht nur willkommen, sondern sogar erforderlich scheint sie zu sein in Anbetracht dessen, was andere als Aristoteles in verschiedensten Zweigen der Philosophie geleistet haben:

Niphus beginnt mit der Dialektik und verweist auf den Ruhm eines Protagoras, Chrysipp, Zeno von Elea, sagt es gebe noch weitere, und schließt, es sei offensichtlich, daß Aristoteles in der Dialektik nicht alle anderen überragt habe.

Und auch in der Rhetorik nicht, wie offensichtlich werde, wenn man sich Redner wie Lykurg, Solon und Demosthenes, Cicero und andere vor Augen halte. Unklar sei daher warum man ausgerechnet Aristoteles für das Rhetorikstudium heranziehe.

Analog sei das Ergebnis in Bezug auf die Poetik: wenn man an Homer, Hesiod, Vergil, Horaz, Catull und andere denke scheine es bedenklich, daß man ausgerechnet die Poetik des Aristoteles zum Unterrichtstext gemacht habe.

Und in der Naturphilosophie

"wird ... Anaxagoras für in höchstem Maße berühmt gehalten und daher auch wegen seiner Hervorragendheit von allen mit Anerkennung 'der Physiker' genannt, wie Aristoteles selber in den Büchern <seiner> 'Physikvorlesung' sagt."

Zudem habe es Empedokles mit seinen Anhängern Epikur und Lukrez gegeben; und vor allem gab es Demokrit, von dessen Ruhm und Einfluß Niphus ausführlich berichtet.

In der Moralphilosophie scheint zumindest Sokrates größer als Aristoteles gewesen zu sein. Und zudem werden fast überall die Regeln für menschliches Verhalten Texten aus der Feder von Juristen und Gesetzgebern entnommen, und nicht den Texten des Aristoteles, der hier von geringer Praxisrelevanz zu sein scheint.

Betreffend der Mathematik: wir glauben ja Diogenes Laertius (schreibt Niphus), wir glauben ihm ja, daß Aristoteles über viele Gebiete der Mathematik viel geschrieben hat, aber gelesen werden nicht seine Bücher sondern die des Euklid und Ptolomaios.

Und neuere Forschungsergebnisse, so Niphus, zeigten, daß Aristoteles auch von Metaphysik keine Ahnung gehabt habe.

Und, so argumentiert Niphus in einem längeren Abschnitt, Platon scheint der christlichen Theologie näher gewesen zu sein als Aristoteles es war, Aristoteles, der Dinge lehrt, die der wahren Religion widersprechen, wie etwa einen ungeschaffenen Kosmos und eine Entstehung von Lebewesen ohne göttlichen Einfluß, und der mit seiner Mäßigkeit zur Tugend machenden Ethik völlige sexuelle Enthaltsamkeit für ein Laster erklären muß, und großartiges Auftreten (magnamitas) für eine Tugend hält, und der für tugendhaftes Verhalten keine andere Belohnung kennt als Ehre, und der rät seinen Feinden zu schaden, und der das Verhungernlassen mißgebildeter Kinder und in einigen Fällen Abtreibungen befürwortet, "was <so Niphus, was> unfromme Dinge sind".

Zudem scheint es nach den Berichten, die man über Aristoteles hat, daß er einen schlechten Charakter hatte, und auch daher scheint er als Vorbild wenig geeignet.

Soweit die Gründe, die gegen Aristoteles als Schulphilosophen zu sprechen scheinen. Nun zur Antwort, die Niphus auf die Argumente gegen Aristoteles gibt. Niphus beginnt damit, Voraussetzungen und Gegenstand vor Augen zu stellen:

"Ich selbst aber bin kein sooooo großer Denker, daß ich den Unterschied <, den unterschiedlichen Wert> so vieler Männer <(all der Erwähnten von Protagoras bis Platon)> einschätzen könnte. Wer nämlich den Unterschied an Weisheit bei anderen beurteilen will, setzt sich selbst als weiser als beide <Beurteilten> voraus. ˘ Und: Gegenstand unserer Untersuchung ist auch nicht, wer größer sei, Platon oder Aristoteles, oder irgendwer von denen <anderen>, die in der Philosophie bewandert waren, sondern <Gegenstand der Untersuchung ist,> warum es bei allen Völkern so eingerichtet ist, daß die Bücher des Aristoteles gelesen werden."

Dies sei die Frage, die beantwortet werden müsse. Mit anderen Worten: Es geht nicht um die Überlegenheit des Aristoteles als Philosoph, sondern um seine Überlegenheit für den universitären Philosophieunterricht.

Und da gibt es in der Tat Punkte, die für Aristoteles sprechen:

Die Werke des Aristoteles sind wohlgeordnet und respektieren (im Gegensatz zu denen Platons) die Ordnung der Wissenschaften: was zusammengehört findet sich in den Werken des Aristoteles zusammen abgehandelt.

Zudem sind seine Werke didaktisch gut aufgebaut: Aristoteles geht (wieder im Gegensatz zu Platon) stets von dem was uns bekannter ist zu dem was uns unbekannter ist vor.

Des weiteren ist zu loben, daß Aristoteles wenn er einen Gegenstand untersucht, dies in Auseinandersetzung mit Aussagen anderer über diesen Gegenstand tut.

Aristoteles' Ausführungen sind nie zu weitschweifig, und nie zu knapp.

Seine Terminologie ist präzise, wissenschaftlich.

Seine Aussagen in seinen Schriften sind miteinander konsistent.

Mit knappen Formulierungen schafft er viel Klarheit.

Ob jemand Aristoteles in bezug auf die Inhalte seiner Lehren überlegen war, daß wolle er, Niphus, nicht beurteilen. Aber selbst wenn:

"Auch wenn also jemand in der Lehre dem Aristoteles überlegen war [...]: in der Kunst zu Lehren hat niemand Aristoteles überstrahlt."

Und was die Einwände gegen Aristoteles betrifft:

"Gegen die Dinge aber, die gegen Aristoteles gesagt wurden, sprechen wir leicht, wenn wir zuerst sagen, daß jemand in der Lehre und in den Inhalten dessen was er lehrt überlegen sein kann, und <zugleich> in den Vorschriften der Kunst geringer."

(Dies scheint mir sehr wichtig. Ich werde darauf zurückkommen.)

Es ist zweifelhaft, sagt Niphus, ob wirklich jemand dem Aristoteles in der Ausübung der Dialektik überlegen war, aber selbst wenn: Aristoteles ist unübertroffen darin wie er Dialektik lehrt.

Analoges gilt für Rhetorik und Poetik: Es mag bessere Redner und bessere Dichter als Aristoteles gegeben haben, aber es hat keine besseren Theoretiker der Redekunst und der Dichtkunst gegeben als ihn.

In der Naturphilosophie aber, hier erklärt Niphus dem Alexander von Aphrodisias zu folgen, in der Naturphilosophie habe Aristoteles nicht nur didaktisch sondern auch inhaltlich alle anderen übertroffen. (Niphus verwendet hier also ein bloßes Autoritätsargument: ich vermute: weder weil er meinte, daß seine Position so stark sei, daß er keines weiteren Argumentes bedürfe, noch weil er meinte, daß seine Position so schwach sei , daß er meinte kein besseres Argument zur Verfügung zu haben, sondern weil er wußte, daß die Widerlegung anderer Naturphilosophien durch Aristoteles selbst, in dessen Werken, geschehen war, und aus eigener Erfahrung wußte, daß ihn, Niphus, und seine Schüler die Erläuterung dieser Widerlegungen einen guten Teil des ganzen mehrsemestrigen Kursus in aristotelischer Naturphilosophie beschäftigen würde.)

Zur Moralphilosophie sind Niphus' Ausführungen ausführlicher: zweierlei Weisen gebe es, Moral zu lehren: [Erstens:] durch Gesetze: Gesetzgeber sind Philosophen ohne Vernunft und lehren Moral durch Zwang, so daß die Menschen durch die Furcht vor Strafe zu richtigen Verhalten gebracht werden, und [Zweitens:] Moral läßt sich lehren durch Überredung, so daß die Menschen sich aus Einsicht richtig und gesetzeskonform verhalten. In dieser zweiten Weise der Moralphilosophie sei Aristoteles unübertroffen. Immerhin: ein Zugeständnis durch Niphus:

"Im Vermitteln der Moralphilosophie auf die Weise des Gesetzes hat er nicht alle übertroffen - weil er sich darin nicht geübt hat."

Mathematik wird nur deshalb nicht nach Aristoteles gelehrt, weil seine mathematischen Bücher leider nicht überliefert sind; die Bücher, die man statt dessen liest sind ein schlechter Ersatz für das nicht Überlieferte mathematische Werk des Aristoteles.

Und was die Metaphysik betrifft: Hier erklärt Niphus von der positiven Einschätzung der Metaphysik des Aristoteles durch große ältere Autoren überzeugt zu sein: Die neuere Ansicht Aristoteles habe in der Metaphysik geirrt, werde sich nicht halten.

Und was die Theologie, und die Nähe oder Ferne zur christlichen Wahrheit betrifft: i.d.T. Aristoteles hat hier in vielem geirrt, ja irren müssen, weil ihm die göttliche Inspiration fehle, aber Niphus will hier der Lehre eines christlichen Theologen, des heiligen Thomas von Aquin folgen, der der Ansicht war, daß im Vergleich etwa mit Platon Aristoteles doch noch der Näheste an der christlichen Wahrheit gewesen sei.

Die Probleme, die es mit einigen moralphilosophischen Lehren des Aristoteles zu geben scheint, sagt Niphus, diese Probleme lassen sich durch genaue Textinterpretation hinweg-erklären, relativieren, hinreichend mildern.

Und was man gegen den Charakter, gegen die persönlichen Eigenschaften des Aristoteles gesagt hat, auch das lasse sich durch genauere Untersuchung der Überlieferung entkräften - mit einer Ausnahme: dem Vorwurf der Unfrömmigkeit: dieser Vorwurf ist berechtigt - aber es war richtig und gut von Aristoteles unfromm zu sein so wie er es war: unfromm gegenüber der Heidnischen Religion.

Nun ja.

Mein Eindruck ist: Die Abwehren der Argumente gegen die inhaltliche Richtigkeit der Lehren des Aristoteles sind schwach, Niphus - sonst durchaus kein übertrieben friedfertiger Autor - scheint ohne rechte Lust am Streit: Autoritätsargumente wo's um die Überlegenheit in Naturphilosophie, Metaphysik, und Nähe oder Ferne zur christlichen Theologie geht, mäßig überzeugende Kasuistik wo's um problematische Lehren in der Moralphilosophie geht, und gar nichts zu den problematischen Lehren in der Naturphilosophie. Aber Augustinus Niphus hatte ja auch gesagt: was ihn im Kontext seiner Fragestellung interessiere sei eben nicht, wer der überlegene Philosoph sei, dazu wolle er sich kein Urteil anmaßen. Und so sind jene schwachen Argumente für die inhaltliche Brauchbarkeit des Aristoteles vielleicht nicht mehr als der Versuch gegen Einwände die am Kern der Fragestellung vorbeigehen so kurz wie möglich zu antworten.

Interessant hingegen das Argument, es sei nicht von denen zu lernen, die eine bestimmte Kunst besonders gut ausübten, sondern von demjenigen, der das jeweils beste Lehrbuch darüber geschrieben habe: Nicht Excellenz in der Materie, sondern Excellenz in der Didaktik sei es was einen Autor tauglich zur Verwendung im universitären Unterricht macht. Es klingt ein Ernstnehmen der Lehr-Aufgaben der Universität mit. Und: Es ist kein ungefährliches Argument: Es schränkt den Blick auf unterschiedliche Behandlungen eine Materie ein, filtert nicht aufgrund der Behandlung einer Materie, sondern aufgrund der Vermittlung dieser Behandlung.

Und da ist noch die zweite, noch gewichtigere These: Die radikale Trennung zwischen der Richtigkeit einer Lehre und der Tauglichkeit ihrer Darbietung für den Unterricht: Hauptgrund dafür Aristoteles zu lehren, ist nicht die sachliche Richtigkeit dessen was er geschrieben hat, sondern daß er das was er geschrieben hat auf sehr unterrichtsgeeignete Weise geschrieben hat: nicht die Inhalte, sondern Ordnung, Struktur, und Stil seiner Texte machen Aristoteles zu demjenigen Philosophen, der zurecht an Universitäten gelehrt wird: Das wesentliche sind nicht die philosophischen Wahrheiten, die etwa in Aristoteles stehen möchten, sondern das wesentliche ist, daß seine Lektüre und Interpretation einen geordneten Einblick in das gibt, womit sich Philosophie beschäftigt.

Das heißt: die Studenten, die Philosophie anhand der Lektüre und Kommentierung der Schriften des Aristoteles studiert haben, haben nur akzidentell diese oder jene inhaltliche Wahrheit gelernt, was sie aber wesentlich gelernt haben ist der Umgang mit Philosophie und philosophischen Problemen. Nicht Wahrheit wird gelernt, sondern Philosophie, nicht wissen sondern philosophieren.

Niphus unterrichtet Philosophie in einer Zeit ohne Universitätsmonopol auf Philosophie, und er unterrichtet aristotelische Philosophie in einer Zeit in der es offensichtlich unmöglich ist, alle an Philosophie interessierten von der alleinigen Richtigkeit einer bestimmten Art von Philosophie zu überzeugen. Er rettet das universitäre Monopol des Aristoteles bei Aufgabe des alleinigen Wahrheitsanspruchs der aristotelischen Philosophie, indem er den Schwerpunkt vom Lehren von Einzelwahrheiten auf das Lehren von Philosophie verschiebt.

Es kann sein, daß Sie das befremdlich finden. Aber bevor Sie sich entscheiden es unerhört entsetzlich zu finden, sollten sie vielleicht einen Blick auf Paragraph 6 unserer Studienordnung werfen: sooo sehr unterscheiden sich die dort aufgeführten Studienziele nun auch wieder nicht von dem, was Niphus im Sinn zu haben scheint.


Und nun scheint der Zeitpunkt gekommen zu sein zu versuchen, die damit nicht ganz unverbundene Frage danach anzugehen, was es Ihnen bringen kann sich mit der Geistesgeschichte der Renaissance zu beschäftigen, scheint der Zeitpunkt gekommen zu sein zu versuchen diese Frage kurz zu beantworten.

Mehr als andere Zeiten ist die Renaissance eine Zeit der Heterogenität und der neuen Anfänge. Eine Epoche schneller Veränderungen. Was die Philosophie betrifft eine Epoche der Auseinandersetzung einer großen Zahl unterschiedlicher Strömungen und der Wechselwirkungen dieser Strömungen untereinander, und eine Zeit in der Philosophen in besonderem Maße über die Alltagswelt nachdenken. In all dem ist sie vermutlich unserer Zeit nicht sehr unähnlich. Aber sie ist vergangen: was in ihr geschah kann daher in größerer Ruhe beobachtet werden als das was in unserer Zeit geschieht; sie ist unserer Zeit fern genug, um sie aus solchem Abstand zu untersuchen, daß Konturen leichter erkennbar werden. Und: es ist eine vergangene Zeit und als solche eine, die philosophiehistorische Zugehensweisen zu erzwingen scheint: Die Autoren von 1348, ja auch die Autoren von 1648 schreiben und denken deutlich anders als die Autoren von 1998: ihre Texte zu interpretieren heißt, mit Augen sehen zu lernen, die nicht die eigenen Augen sind, zwingt dazu zu lernen Gedanken nach-zudenken, die unähnlich den eigenen Gedanken sind: Auseinandersetzung mit den Texten dieser Zeit macht das eigene Denken beweglicher und übt es. Und: Auseinandersetzung mit den Texten dieser Zeit kann Spaß machen, sehr viel Spaß sogar.

Ich versichere Ihnen: Die meisten der Texte jener Zeit sind spannender als dieser mein Vortrag. Aber immerhin: ab jetzt teilt mein Vortrag eine Eigenschaft mit den Texten jener Zeit: er ist zu ende, er gehört der Vergangenheit an.

Ich danke Ihnen für Ihre Geduld, und erwarte Ihre Fragen.

Heinrich C. Kuhn

[Vortrag: LMU, Hauptgebäude HS 224, 2. Dezember 1998, 19-21h]



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