Vivat GGREN!

Fast Reviews of Books in Renaissance Intellectual History:
Rezension R20040315d

Contact: Dr. Heinrich C. Kuhn (hck@lrz.uni-muenchen.de)
Dokument erstellt: 2004-03-15
Letzte Änderung: 2011-06-22


Rezensiertes Werk:

Panofsky, Erwin
Wuttke, Dieter (Hrsg.)

Korrespondenz 1937 bis 1949
Wiesbaden [Harrassowitz] 2003
XXVIII, 1363 S. : Ill.
ISBN: 3-447-04564-7
Reihe:Korrespondenz 1910 bis 1968 : eine kommentierte Auswahl in fünf Bänden ; 2

Preis: EUR 180

[→ Bibliographische Daten, zur Weiterverarbeitung formatiert]

Rezension durch: Gabriele Sprigath

Rezensionsexemplar erhalten: 2004-01-07
Rezension abgeschlosen: 2004-03-15
Nota bene: Es gibt auch eine Englische Übersetzung (durch Randy Perry) dieser Rezension. Cf. etiam: die Rezension zum ersten Band von Wuttkes Edition des Panofsky-Briefwechsels.


Die Rezension

Zwei Jahre nach Erscheinen von Band I liegt das zweite, 762 Briefe und Dokumente umfassende Konvolut dieses Forschungsprojektes vor, das für die noch in ihren Anfängen steckende disziplingeschichtliche Erforschung der US-amerikanischen wie der deutschen Kunsthistoriographie von grundlegender Bedeutung ist.

In der Einleitung präsentiert Dieter Wuttke statistische Angaben und die zwischen 1937 und 1949 in der Korrespondenz angesprochenen Themen. Von den in den beiden ersten Bänden veröffentlichten 1423 Briefen und Dokumenten seien bisher nur knapp 4 % der Forschung zugänglich gewesen (S. IX). Er betont noch einmal, daß die von ihm herausgegebene Auswahl- und Studienausgabe als "Forschungs-Fundament vor allem vielfältige Spuren legen, Anstöße sowie Anregungen geben will. Jeder speziell Interessierte ist aufgerufen, seinem Anliegen gemäß sich die Materialien und Kommentare zu vervollständigen." (S. XI) Diesem Zweck dient der die Briefe und Dokumente erschliessende, gut handhabbare Apparat (Anhänge und Verzeichnisse).

Der Herausgeber führt zu seinem in Band I erklärten Prinzip "Edition ist Interpretation" in Band II weitergehend aus: er habe sich gegenüber seiner Vorstellung von der Persönlichkeit Erwin Panofskys und dessen Lebensverhältnissen in "sensibler Offenheit" zu verhalten, "um nicht fremden oder eigenen vorgefaßten Meinungen über den Gegenstandsbereich Vorschub zu leisten." (S. XI) In seiner auf der Grundlage eines "weiten Briefbegriffs" (Band I. S. XL) getroffenen Briefauswahl und den ihr zugeordneten Dokumenten entwirft er das in die Zeitläufte von 1937 bis 1949 eingebettete Bild eines Universalgelehrten. Dessen Korrespondenz spricht er "den Charakter eines eigenständigen Oeuvres" (Band II. S. IX) zu.

Wohl kann angesichts eines Bestandes von rund 27.000 Briefen festgestellt werden, daß Panofsky das Schreiben von Briefen als Medium der Selbstdarstellung gepflegt hat. Eben deshalb dokumentieren seine Briefe eine einzigartige Themenvielfalt, darunter wenig bekannte Facetten seiner Persönlichkeit. Doch selbst jene, in denen der Gelehrte mit Kollegen kunsthistorische Sachfragen erörtert, vermögen der Korrespondenz nicht die Qualität eines "eigenständigen Oeuvres" zu verleihen. Ihr Werk — Charakter entsteht erst durch das Zutun ihres Herausgebers, aus dessen Editionsprinzipien (s.o.) er sich ergibt. In der Tat lesen sich die vorliegenden zwei Bände als von Dieter Wuttke verfaßter Lebensroman seines Helden Erwin Panofsky: ungemein fesselnd im Sinne einer alle, private wie öffentliche Lebensbereiche vielschichtig miteinander verflechtenden und an Abgründiges heranreichenden Totalitätsdarstellung, wie sie Hermann Broch als die für die heutige "überkomplex gewordene Welt" angemessene Variante des Romans vorschwebte .[1]

Schon seit 1931 hatte Panofsky im alltäglichen Existenzkampf auf dem US-amerikanischen "academic market" (Nr. 676: 22.11.37 S. 83) und dann verstärkt in seinem 1934 beginnenden Emigrantendasein einschlägige Erfahrungen gesammelt .[2] Als er im Oktober 1935 die am Institute for Advanced Study (IAS) der University Princeton für ihn eingerichtete Professur antrat, ging seine Karriere zwischen dem 43. und 57. Lebensjahr (1937 — 1949) gradlinig ihrem Höhepunkt entgegen. Im April 1943 wurde er zum Mitglied der American Philosophical Society in Philadelphia ernannt (Nr. 896). 1946 wurde er von der Universität Amsterdam und im April 1947 von der Princeton University mit dem Ehrendoktortitel ausgezeichnet. Bereits im Januar 1947 war ihm die 1925 an der Havard University in Cambridge gegründete Charles Eliot Norton Professorship of Poetry zugesprochen worden, die bis dahin u.a. an Künstler wie die Komponisten Aaron Copland, Paul Hindemith, Igor Strawinsky und die Dichter T.S. Eliot und Thornton Wilder vergeben worden war (Nr. 1126 ).[3] Diese Auszeichnung sei "a great honor, the nearest to a Noble prize in our field in this country" (S. 797) schreibt Dora Panofsky an Sohn Wolfgang und Schwiegertochter Adèle (Nr. 1132: 11.2.47); "Pan" ergänzt einschränkend, Doras Einschätzung sei zwar "somewhat exaggerated, but it is a nice, and, in a sense, fantastic thing. Norton was the first man to give lectures on art in this country (in a university, that is), intermixed with others on literature." (Ebd .)[4] In seinem Dankschreiben (Nr. 1126: 25.1.47) begegnet, ebenso wie in dem für den Ehrendoktor der Princeton University (Nr. 1128: 30.1.47), die von ihm gern gebrauchte Ciceronianische Exclamatio "utinam dignus essem" .[5]

In den 13 Jahren des in Band II dokumentierten Zeitraums entwickelte sich die mit Panofskys Professur am IAS begründete School of humanistic studies zum international führenden Zentrum im Bereich der humanities. Neben seiner Lehrtätigkeit hat Panofsky in dieser Zeit die vier bekannten Monographien Studies in iconology (1939), The Codex Huyghens and Leonardo da Vinci’s Art Theory (1940), Albrecht Dürer (1943) und Abbot Suger on the Abbey Church of St.-Denis and its Art Treasures (1946) veröffentlicht. Sie sind, neben zahlreichen Einzeluntersuchungen (siehe Bibliographie Anhang C), aus seinen Lehrveranstaltungen an verschiedenen Instituten des im Vergleich zu den europäischen Universitäten gänzlich anders organisierten US-amerikanischen College-Systems hervorgegangen und insofern das Ergebnis der dort typischen Symbiose von Forschung und Lehre. Zu Panofsky Selbstverständnis als Kunsthistoriker gehörte durchaus der Anspruch, allgemeinverständlich zu sein. Die damit einhergehenden Schwierigkeiten hat er gelegentlich benannt (Nr. 746: 19.1.39): "[…] to give a good popular lecture is perhaps the most difficult thing in the world." (S. 182 ).[6]

Vorweg sei auf den bisher unbekannten Brief an John E. Abbott (The Film Library des Museums of Modern Art, New York) hingewiesen, in dem Panofsky anläßlich seines Besuchs des Walt Disney-Films Fantasia über das Verhältnis von Musik und Verbildlichung ("picturalization") und deren Definition als "animated cartoons" nachdenkt (Nr.811: 15.11.1940 ).[7] In diesem Fall gerät ihm der Brief zum Essay über das neue Medium Film, dem zweiten nach dem ersten von 1937 und vor dem dritten von 1947 .[8]

Als bedeutsames Vorspiel zu Panofskys 1960 erschienenem Buch Renaissance and Renascences in Western Art ist der 1944 in der Kenyon Review veröffentlichte Aufsatz Renaissance and renascences hervorzuheben .[9] Im Herbst 1943 hatte Panofsky auf dem vom Institut of Fine Arts in New York zum gleichen Thema ausgerichteten Symposium gesprochen. Es sollte die am 29.12.1941 in Chicago abgehaltene Renaissance session der American Historical Association zum Thema Tradition and Innovation in Fifteenth Century Italy um die Stellung des Kunsthistorikers ergänzen .[10] Panofskys Beitrag richtete sich gegen den im Januar 1943 im Journal of the History of Ideas erschienenen Artikel des Wissenschaftshistorikers Lynn Thorndike, der die Existenz der Renaissance als Epoche überhaupt bestritt (Nr. 922: 14.12.43. S. 435 ).[11] Auch wenn nicht ausdrücklich darauf Bezug genommen wird, so stehen diese Veranstaltungen doch im übergreifenden Zusammenhang der Historikerdebatte um die Epochenbegriffe Mittelalter und Renaissance, die mit dem 1927 erschienenen Buch von C.H. Haskins The Renaissance of the Twelfth Century erneut aufgebrochen war .[12]

Insbesondere rückt das in Band II unterbreitete Material Inhalt und Funktion des Terminus humanities in der US-amerikanischen Hochschulszenerie im Kontext der politischen Situation vor und nach dem Zweiten Weltkrieg in den Blick. Der Beitrag, den dazu aus Europa vor dem Hitler-Faschismus in die USA geflüchtete Gelehrte wie Erwin Panofsky und seine Schüler, aber auch Paul Oskar Kristeller, Hans Baron und andere geleistet haben, wird in Zukunft noch zu erforschen sein. Im Zusammenhang mit Hans Baron taucht der Name Lynn Thorndike noch einmal auf. Panofsky empfiehlt den eine Anstellung suchenden Hans Baron mit folgender Beurteilung (Nr. 1195: 3.3.48): "As to his scholarship, I can say with the best of consciences that he is one of the best men in the field of Renaissance Studies. I know that certain people, such as Lynn Thorndike, have tried to blacken his name; but this is, in my opinion, due to anti-Semitic and pro-Fascist views for which Mr. T. is well known. Everything that Baron has written shows excellent knowledge of the sources and a keen and constructive mind." (S. 905).

Den der Kunstgeschichte unter den humanities zugedachten Platz hat Panofsky in dem im April 1941 verfaßten Report on the activities on the Institute for Advanced Study in the History of Art (Nr. 823 B: 15.4.41. S. 287 — 294) umrissen: auf den Arbeitsbericht (I) folgen Methodical Principles (II), mit denen er sich aus seiner zuerst 1938 und 1940 in zweiter Auflage erschienenen Schrift The History of Art as a Humanistic Discipline bezieht, sowie Überlegungen zu einer "Educational" policy (III ).[13] Kunstwerke bestimmt er als "documents of human civilization, all the more so because the basic tendencies of the human mind express themselves more directly and unequivocally in works of art than in textual sources which are either of a purely factual character, or tend to subject those basic experiences to a process or rationalization." (Ebd. S. 289) Er stellt fest, die Kunsthistoriographie "began to suffer from a curious inhomogeneity of approach, to wit: connoisseurship (limiting itself to the ascertaining of condition, date, place, and authorship), iconography, and formal analysis." (Ebd. S. 289) Er gehöre zu jenen, die diese drei Ansätze miteinander zu vereinigen suchten.

Dieser Bericht hat eine Entwicklung beeinflußt, die in dem im April 1944 vom Berufsverband US-amerikanischer Kunsthistoriker (CAA) verabschiedeten Statement on the Place of the History of Art in the Liberal Arts Curriculum (Nr. 938: S. 459 — 464) gipfelte. Das bisher unbeachtete Dokument wurde, neben Millard Meiss, Alfred H. Barr, Walter W.S. Cook, George Kubler, Rensselaer W. Lee, Ulrich Middeldorf, Meyer Schapiro u.a., auch von Erwin Panofsky als Mitglied des CAA unterzeichnet. Es ist überraschend aktuell: beklagt werden die im Zuge des Krieges gegen Hitler-Deutschland auf Kosten der "useless areas", d.h. der "humanities" vorgenommenen Budget-Kürzungen und deren Auswirkungen — "specialization, indifference to ends, disregard of the emotional und imaginative life." (S. 460 )[14] Eine Revision der Bildungspolitik wird gefordert: "The growth of a democratic culture requires idealism and a sense of values among the young, and these qualities it is the function of the colleges to promote." (Ebd.) Einige spezifische Aspekte des Lehrfachs Kunstgeschichte werden angesprochen, u.a. die Tatsache, daß "the visual arts are not as widely understood as literature or music, some colleges have not introduced the study of them in any form whatever." (Ebd.) Dem wird das "unprecedented popular interest in the arts" gegenübergestellt, das durch entsprechende Bildungsmöglichkeiten zu fördern sei, um es nicht dem Einfluß der "Massenkünste" zu überlassen: "The value of study of the arts in American colleges assumes today a special poignancy. Without the kind of experience which this study provides, the student is abandoned to the blind deforming influence of the mass arts — advertising, popular magazines, movies, and soon no doubt, television. Largely commercial in intent, cynical, blatant, they exert a pressure to which he would be unable to oppose a critical attitude or any sense of values. They would assume, unchallenged, the role of shaping personality which the colleges refused to accept."(S. 460-461) Anstatt von Massenmedien ist hier bemerkenswerterweise von "Massenkünsten" (mass arts) die Rede.

Der im Statement beklagte Trend sollte jedoch weiterhin die Oberhand behalten — die darin formulierten positiven Grundsätze blieben praktisch folgenlos. Wiederholt stellt Panofsky den kultur- und bildungspolitischen Terrainverlust fest, den die humanities in Princeton zugunsten von Mathematik und Ökonomie hinnehmen mußten. So z.B. im Brief an Saxl (Nr. 1074: 8.3.46): "The Trustees […] seem quite decided to let the humanities go to hell in favor of mathematics, for which they have respect on account of incomprehensibility, and economics which they naively presume to be useful. Vacancies are not filled, the age limit rules are rigourously applied."(S. 710 )[15] 1949 charakterisiert er die "hier herrschende Atmosphäre” in einem Brief an Erich Auerbach im Tonfall des ihm eigenen lakonisch-bitteren Witzes, wenn er feststellt, "literary Ciriticism" sei "die den harten Kern von Mathematik und Physik umgebende, regenbogenartige Aura" (Nr. 1304: 2.4.49. S. 1065). Vergleichbar wird hierzulande zum gleichen Zweck die Randständigkeit der Kulturwissenschaften gegenüber den Naturwissenschaften gern mit der Metapher der "Orchideenfächer" beschönigt. In diesem Sinn ist die im Statement von 1944 erarbeitete Diagnose heute aktueller denn je. Vergleichbar weitsichtige Überlegungen werden in der BRD weder während der reformfreudigen 70er und 80er Jahre noch derzeit in den Publikationen des Ulmer Vereins für Kunst- und Kulturwissenschaften und schon gar nicht in denen des Verbandes deutscher Kunsthistoriker zu finden sein.

Die 1939 erschienenen Studies in Iconology leiten die bis heute anhaltende Wirkung des Panofsky’schen Konzeptes von Ikonographie und Ikonologie ein. Dabei hat sich eine lähmende Konfusion zwischen dem tatsächlichen Einfluß neuplatonischen Gedankenguts auf die Bildkünste vom ausgehenden 15. Jahrhundert bis zu Michelangelo und dem Niederschlag des Neuplatonismus in der kunsthistoriographischen Methodologie festgesetzt. Letzterer wäre im Hinblick auf die anstehende Methodendebatte im einzelnen zu untersuchen .[16] Panofsky hat an den Anfang der von ihm dargestellten Entwicklung Marsilio Ficino mit der "neuplatonischen Akademie von Florenz" gestellt. Zwar hat er darauf hingewiesen, daß es sich nicht um eine "Academy in the modern sense", sondern um "an informal `society´ which was a combination of club, research seminar und sect" gehandelt habe (S. 130). Gleichwohl wird bis heute der Mythos von der "neuplatonischen Akademie in Florenz" weitergereicht und bedient, ohne die einschlägige kritische Literatur zur Kenntnis zu nehmen .[17]

Die früheste Spur der Ikonographie-Debatte in Band II ist der knappe Meinungsaustausch zwischen Erwin Panofsky und Paul Oskar Kristeller. Der hatte sich angeboten, die Studies in Iconology zu besprechen, wie aus Panofskys Antwortschreiben hervorgeht (Nr. 757: 5.5.39). In seiner 1940 erschienenen, überwiegend positiven Rezension bemerkt Kristeller u.a. kritisch: "On the other hand, he almost eliminates the factor of form, perhaps in reaction against the over-emphasis given to it by former historians." (S. 82) [18] Panofsky reagiert mit Unverständnis (Nr. 806: 5.10.40). Die mit pro und contra vertretenen Standpunkte der beiden Gelehrten wären eine eigene Untersuchung wert.

Von einem anderen Kaliber war die von dem Journalisten Howard Devree in der New York Times vom 26.12.43 lancierte Attacke (Nr. 927B. S. 444 — 445) gegen die Ikonographie: "[…] One could not but feel that […] pedantic scholarship has laid particularly heavy mortmain on general and simple direct appreciation of art, imbuing all but the initiate with a sense of ignorance and unworthiness and erecting a wall of erudition between the ordinary citizen and the pretorian guard of Germanic art specialists." Panofsky hatte davon erst aus zweiter Hand erfahren .[19] Er vermutete hinter dem vorgeschobenen `"second string" Kunstschreiber Devree´ (S. 441) als Drahtzieher Francis Henry Taylor, den Direktor des Metropolitan Museum of Art in New York (1940 — 1954), der bereits 1939 in Worcester als dortiger Museumsdirektor "eine Bewegung zum Schutz der amerikanischen Museen vor `foreigners´ gestartet" (Nr. 754: 9.3.39. S. 195) hatte.

In einem unter dem 29.1.44. eingeordneten Brief an Panofsky (Nr. 929) erklärt Taylor, daß er "the temptations of iconography too unrewarding" fände "to be dangled before the eyes of the uneager American student. […]." (S. 448) Seiner Meinung nach müße "American scholarship, however difficult the path, develop in its own way + and not be reduced to the production of footnotes to someone else’s contributions to art history." (Ebd.) Noch aggressiver war Panofsky schon 1934 von dem Kunstkenner und Kunsthistoriker Bernard Berenson als "Hitler of art study" und Charles Rufus Morey als sein Hindenburg beschimpft worden (Bd.I: Nr. 450: 17.04.34, Zitat Anm. 3). Hinter diesen Attacken steht, von ihren nationalistisch-demagogischen Verkleidungen einmal abgesehen, der wissenschaftshistorisch relevante Konflikt zwischen Museum und Hochschule, der auch in Deutschland in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entscheidend in den Entstehensprozess der Kunsthistoriographie hineingespielt hat .[20]

Schließlich belegt der unaufgeregte kurze Schlagabtausch zwischen Erwin Panofsky und Edmund Schilling eine dritte, dieses Mal vom alten Europa kommende Anfechtung der Ikonographie .[21] Die beiden Gelehrten hatten gemeinsam bei Goldschmidt in Hamburg studiert. Schilling war 1937 auf Grund der Verfolgung seiner jüdischen Ehefrau nach England emigriert. 1947 schickt er einen Sonderdruck seines Aufsatzes Dürer und der Illuminist Jacob Elsner an Panofsky und bittet ihn um seine Meinung zu einem Aspekt seiner Untersuchung, wie aus Panofskys Antwort zu entnehmen ist (Nr. 1183: 27.10.1947 ).[22] Panofsky teilt ihm mit, warum er dessen Sicht der Dinge nicht teile. Daraufhin bringt Schilling die Sache mit der Frage auf den Punkt: "Wie weit fühlte sich ein Künstler vom Beginn des 16. Jahrhunderts an das ikonographische Schema gebunden, könnten für ihn nicht künstlerische Gründe wichtiger sein als ikonographische?" (Nr. 1185: 8.11.47. S. 888). Daß hier eine tiefgehende methodologische Kontroverse aufbricht, bestätigt Schillings abschließender Satz: "So gehen wir also in unseren Ansichten aus einander, und wir sind wieder einmal an den Grenzen der Kunstwissenschaft angelangt." (S. 889 ).[23]

Einen Monat später berichtet der Leydener Kunsthistoriker Henri van de Waal an Panofsky von entsprechenden Problemen (Nr. 1191: 31.12.47): "In the meantime I also got aware of the struggle of iconology for a place under the sun and of the lack of understanding existing among many colleagues." (S. 900 )[24] In Kenntnis der Arbeiten von van de Waal schätzt Panofsky sich glücklich, in ihm einen Verfechter der Ikonographie an seiner Seite zu wissen (Nr. 1198: 10.3.48): "I am happy to see how useful, in fact, indispensable iconographic methods are for the elucidation of works of art, however great and however modern. I think it would be perfectly possible to approach even Cezanne and Picasso in this manner."(S. 909)

Edmund Schilling hat in der Tat eine in Panofskys Konzeption von Ikonographie/Ikonologie fehlende Dimension des Kunstwerks angesprochen: die Arbeit des Bildkünstlers, der in seiner Tätigkeit zwar oft ein in Texten vorgegebenes Thema behandelt, dieses aber nach den Regeln seiner Kunst — Schillings "künstlerische Gründe" — zur eigenen Gestalt vergegenständlicht .[25] Die spezifische Tätigkeit des Bildkünstlers, der mit einem zwar von Sprache beeinflußten, aber ihr gegenüber eigenständigen Zeichensystem arbeitet, hat Panofsky in der systematischen Reflexion seines Kunstbegriffs nicht berücksichtigt .[26] Sein auf "Sinn und Bedeutung", "Wesensschau", auf die "Intention" des Künstlers, die Idee und das literarische Thema ausgerichteter Kunstbegriff ist philosophisch begründet .[27] Der fundamentale Bereich bildkünstlerischer Produktionsweisen und deren historische Bedingtheit bleiben ebenso ausgeblendet wie die wirkungsästhetische Dimension der Werke .[28]

Als Kunsthistoriker hat Panofsky methodologisch auf die Philologie gesetzt. 1937 schreibt er an Abraham Flexner, den Gründungsbeauftragten des IAS und dessen erster Direktor von 1930 bis 1939, ihn auf eine mögliche Anstellung am IAS für die kurz zuvor von den Nazis mit Berufsverbot belegten Klassischen Philologen Rudolf Pfeiffer und Ernst Kapp ansprechend (Nr. 640: 16.7.37): "If there would be a chance with the Institute itself, it would be all the better, because classical philology pure and simple is, after all, the basis of every humanistic endeavor […]." (S. 41) Entsprechend charakterisiert er sich selbst gegenüber Hanns Swarzenski nach einer ausführlichen philologischen Erläuterung eines Textproblems (Nr. 921: 23.11.43): "Verzeihen Sie, wenn ich soviel Raum auf ein für Ihren Zusammenhang unwesentliches Detail verschwende. Aber, Sie wissen, ich bin ja eigentlich kein Kunsthistoriker sondern ein verhinderter Philologe […]." (S. 434 ).[29]

In dieser Hinsicht sind auch Panofskys Äußerungen aufschlußreich, die den Arbeitsprozess des im Juni 1944 abgeschlossenen, aber erst 1946 erschienenen Buchs über Abt Suger von St. Denis begleiten .[30] In einem Brief an den ebenfalls über St. Denis arbeitenden Sumner McKnight Crosby (Nr. 1070: 25.1.46) spitzt er das Dilemma der Arbeit mit den Suger-Texten zu: "That I ventured upon the enterprise at all is due to my perhaps presumptuous belief, that, while most mediaeval archaeologists, including yourself, know infinitely more about art than I do, and while most mediaeval philologists know infinitely more Latin, I happen to belong to a comparatively small group of persons who know a little more Latin than the former, and a little more about art than the latter." (S. 698) Ausgerechnet mangelnde philologische Sorgfalt im Umgang mit den Suger-Texten sollte Otto Lehmann-Brockhaus dann an Panofskys Suger — Buch in seiner 1948 in der Kunstchronik erschienenen Rezension kritisieren. Der Betroffene hatte davon erst aus einem Brief Ludwig H. Heydenreichs erfahren, einem seiner Schüler und Direktor des 1947 in München gegründeten Zentralinstituts für Kunstgeschichte. Der Passus, in dem er darauf reagiert (Nr. 1321: 1.8.49), beginnt mit den Sätzen: "Apropos Buch: Ihre Mitteilungen über die Verreissung meines Suger durch Lehmann-Brockhaus bestätigt meine alte Theorie, dass die meisten Schwierigkeiten im Leben nicht von den Feinden sondern von den Freunden verursacht werden. […].” (S. 1086-1087 )[31]

Im Zentrum der kunsthistoriographischen Methodologie Panofskys steht das am Vorrang des Wortes ausgerichtete Verhältnis von Text und Bild. Der Widerspruch zu seiner im Report von 1941 (Nr. 823 B) geäußerten Ansicht, "the basic tendencies of the human mind express themselves more directly and unequivocally in works of art than in textual sources" (S. 289), ist offensichtlich. Wie tief er den Vorrang von Sprache verinnerlicht hat, bezeugt sein 1945 aus den Ferien an Harry Bober berichteter Traum (Nr. 1033: 18.9.45): "Otherwise there is little to report except that the other night, after an afternoon in the presence of my granddaughter, I dreamt the following epitaph on myself: `He hated babies, gardening, and birds,/ But loved a few adults, all dogs, and words.´" (S. 624) Panofskys Vorliebe für die Philologie steht in einer zweitausendjährigen europäischen Kulturtradition des Vorrangs der Sprachmedien gegenüber den handwerklich hergestellten Bildmedien. Eben dieses Rangverhältnis hat es mit sich gebracht, daß "the visual arts are not as widely understood as literature or music" (Statement von 1944. S. 460. Zitat s.o. S. 4).

Auch der Brief an Gerhard Müller bestätigt dieses Selbstverständnis Panofskys als Kunsthistoriker (Nr. 1215: 17.5.48). Sein alter Schulkamerad hatte sich nach Kriegsende aus Frankfurt gemeldet, wo er in der Bankenbranche tätig war. Was beide verband, war die Erinnerung an die in Berlin gemeinsam verbrachte Gymnasiastenzeit. Panofsky schreibt in diesem Fall an eine Person, die zur akademischen Welt, in der er heimisch war, keinen beruflichen Bezug hatte. Diese Distanz des Empfängers setzt in ihm offensichtlich einen eigenen Tonfall frei, der den Brief aus der Korrespondenz heraushebt. Aus seinem 57. Lebensjahr zurückblickend zeichnet Panofsky für den im alten Europa lebenden Müller seinen Lebensweg auf dem neuen Kontinent aus dem Blickwinkel desjenigen nach, der in den USA von den katastrophalen Folgen des Zweiten Weltkrieges verschont geblieben war und sich ein in jeder Hinsicht erfülltes Leben hatte einrichten können. Nach kurzer Erwähnung seiner öffentlichen Auszeichnungen folgt die hier interessierende Bemerkung: "Ich sage das nicht nur aus Eitelkeit (eitel ist jeder, und Professoren ganz besonders) sondern auch aus einem anderen Grunde (weswegen ich es auch bisher nie einem anderen mitgeteilt habe): wenn ich in meinem Fache eine gewisse Reputation erlangt habe, so verdanke ich das vor allem unserem alten Joachimsthal [Berliner Gymnasium] insofern als dieses mir wesentlich mehr Griechisch und, vor allem, Latein beigebracht hat als den meisten anderen Kunsthistorikern. Davon habe ich sozusagen immer gezehrt und durch Studium der alten Schriftquellen viele Fragen behandeln können, die dem weniger philologisch Geneigten unzugänglich sind […]." (S. 936)

Gleichwohl ist Erwin Panofsky als Gelehrter kein Mann des Elfenbeinturms gewesen — darüber kann angesichts des in der Korrespondenz zutagetretenden Bildes von ihm kein Zweifel bestehen. Was bereits in Band I für den ersten, in Europa verbrachten Lebensabschnitt deutlich geworden ist, wird in Band II bestätigt: Panofsky war ein allen Lebensbereichen aktiv verbundener und in diesem weitesten Sinn ein politischer Mensch. Er wußte zwischen dem, was er einigen Freunden und Persönlichkeiten in den USA zu verdanken hatte und den allgemeinen politischen Verhältnissen zu unterscheiden. Nicht zuletzt dokumentieren seine Briefe die widersprüchlichen Potentiale dieses Landes, mit denen er es zu tun hatte: z.B. die dort in ganz anderer Weise als in Europa gegebenen Möglichkeiten der Wissenschaftsförderung einerseits und "social"Antisemitismus andererseits (S. 933). Diese spannungsvolle Situation bringt Panofsky in einem Brief an Bruno Snell in Hamburg beim Schildern der Schwierigkeit, im Sommer eine Ferienunterkunft zu finden, sarkastisch auf den Punkt (Nr. 1213: 13.5.48): "Im Winter kann man überall Norton Professor oder Ehrendoktor werden, aber im Sommer ist es schwer ein Hotel zu finden. Such is life." (S. 933)

Zwar war der Lebensunterhalt für seine Familie durch die feste Anstellung in Princeton gesichert, doch tauchen in vielen der in den ersten Jahren geschriebenen Briefe immer wieder und in unterschiedlichen Formen Existenzängste auf. Eine Belastung für die Familie war auch die nach den notwendigen Schritten endlich 1940 erfolgte Einbürgerung .[32] Dazu kamen Geldprobleme, seien es die eigenen, besonders gelegentlich der unvermeidlichen, risikoreichen Operation, der sich Dora Panofsky 1946 hatte unterziehen müssen, oder die von Kollegen, die aus Europa vor dem Hitler-Faschismus in die USA geflüchtet waren. 1939 berichtet er an Fritz Saxl, daß ihn täglich zwei bis drei SOS-Briefe von Gelehrten erreichen (Nr. 745: 11.1.39): "In ein paar Fällen konnte ich helfen, weil ich bemittelte persönliche Freunde des Betreffenden heranziehen konnte, aber im allgemeinen hat sich alles aufgehört. Man selbst ist schließlich auch nur auf einem stark überfüllten `Floss der Medusa´. Aber wem sage ich das.” (S. 180 )[33] Wiederholt äußert Panofsky in den ersten Jahren die Befürchtung, 1941 könnte es auch in den USA zum Faschismus kommen .[34]

Der Zweite Weltkrieg spiegelt sich in der Korrespondenz in zwei Hauptthemen wider: im zeitweiligen Wunsch Panofsky, als Bürger der USA gegen den Hitler-Faschismus z. B. als Übersetzer in Afrika oder Syrien anzutreten (z.B. Nr. 892: 5.3.43 an Fritz Saxl) und seine in die Nachkriegszeit hineinreichende Auseinandersetzung mit der Atom-Politik der USA. Im Dialog mit seinem Sohn, dem Physiker Wolfgang, der am 16.7.45 als Beobachter in einem Spezialflugzeug bei der Explosion der ersten Atombombe in Los Alamos/Mexiko eingesetzt war, bildet er sich zum Kenner der Materie .[35] Im politischen Gespräch mit dem Schriftsteller Booth Tarkington sowie im Kontakt mit dem an der Princeton University lehrenden Albert Einstein und anderen nimmt Panofsky gegen die Geheimhaltungspolitik der US-Regierung in Sachen Atomforschung Stellung und fordert deren Veröffentlichung (z.B. Nr. 1043: 3.10.45 an Booth Tarkington und Nr. 1043 B ).[36]

Die vier Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges stehen in den USA im Zeichen der wirtschaftlichen Flaute, der "disinflation" und der Arbeitslosigkeit .[37] Panofskys Überdruß angesichts einer die humanities vernachlässigenden Hochschulpolitik ist unüberhörbar (Nr. 1122: 9.1.47): "Bei dem hier üblichen wasser- und geistdichten Abschluss aller `Departements´ gegeneinander kenne ich sonst nur Kunsthistoriker, und auch die oft nur vom Wegsehen." (S. 785) Die bei Berufungen im Bereich Kunstgeschichte üblichen Praktiken charakterisiert er in einem Brief an Wolfgang Stechow (Nr. 1137: 24.2.47) als "kunsthistorisches Empire-Building." (S. 803) In der mit dem Kriegsende eingetretenen neuen weltpolitischen Situation der Polarisierung zwischen den Machtblöcken USA und Sowjetunion kündigt sich bereits der Kalte Krieg an, wenn er an seinen alten Lehrer Wilhelm Vöge schreibt (Nr. 1282: 26.1.49): "Wir sind mit dieser ganzen Spaltung zwischen Ost und West (nicht nur was Deutschland betrifft) nicht einverstanden und gelten daher hier beinahe als Kommunisten. Wie das alles ausgehen soll, weiß kein Mensch." (S. 1034)

Von 1946 an treten die Kontakte mit Europa und besonders mit Deutschland in den Vordergrund. Im April 1946 ruft die Hansestadt Hamburg "mit Genugtuung" auf Vorschlag der Philosophischen Fakultät der Universität Erwin Panofsky auf seinen ehemaligen Lehrstuhl für Kunstgeschichte zurück, doch er lehnt ab .[38] Im August 1947 kündigt ihm der Archäologe Bernhard Schweitzer seine bevorstehende Berufung nach Leipzig auf den ältesten kunsthistorischen Lehrstuhl an, den er gleichfalls ablehnt .[39] Im Juni 1948 wird ihm, nachdem Fritz Saxl am 22.3.48 gestorben war, die Direktorenstelle des mittlerweile der Londoner Universität angegliederten Warburg Instituts angeboten, doch auch diesen Ruf nimmt er nicht an .[40]

Insbesondere verleihen der Korrespondenz jene Briefe eine zeitgeschichtliche und mentalitätsgeschichtlich bedeutsame Dimension, in denen die durch den Krieg unterbrochenen Beziehungen mit Freunden, Verwandten und Kollegen in Deutschland wieder aufgenommen werden. So z.B. die der treuen Hamburger Haushälterin Bertel Ziegenhagen ("Kohlen sind Diamanten") oder die von Martha Mosse, der Schwester von Dora, die Theresienstadt überlebt hatte. Sie beschreiben die erschütternden Lebensbedingungen in den zerstörten Großstädten Hamburg und Berlin. In diesen Jahren des Hungers und der Kälte haben die Panofskys nicht nur Freunden und Verwandten, sondern auch Kollegen, so weit es ihnen möglich war, mit den berühmten Care-Pakteten oder anderen, auf vielen Umwegen zugestellten Lebensmittelsendungen geholfen.

Panofsky Briefwechsel mit Hermann Giesau belegt die mit dem Zusammenbruch des Dritten Reichs einhergehende Demoralisierung und Unfähigkeit, sich Rechenschaft über das Erlebte abzulegen, ebenso wie die zwischen Emigranten und Dagebliebenen aufkommenden Mißverständnisse. Aber auch andere Haltungen werden bezeugt, so der ungebrochene Lebenswille von Dora Panofskys Schwester Martha Mosse, mit dem sie die Folgen von Unterdrückung, Erniedrigung und Entbehrung zu überwinden sucht, oder die Briefe des in der sowjetischen Besatzungszone lebenden Wilhelm Vöge, der in hohem Alter immer noch seiner Überzeugung anhängt (Nr. 1334: 20.10.49): "Das Anrecht an dem Licht der Wissenschaft u. Bildung ist ein Menschenrecht […]." (S. 1108) Der junge Archäologe Peter Heinrich von Blanckenhagen berichtet in seinen viele Aspekte der Nachkriegssituation reflektierenden Briefen u.a., der Archäologe Ernst Buschor, ein überzeugter Nazi-Anhänger, sei nach der Befreiung vom Faschismus der Auseinandersetzung mit seinem Schuldanteil nicht ausgewichen (Nr. 1171: 2.8.47). Dazu kommen viele Fachinternas zur sich neu anbahnenden Entwicklung der Kunsthistoriographie im westlichen Nachkriegsdeutschland.

Nicht zuletzt scheint in den zwei bisher vorliegenden Korrespondenz-Bänden die charismatische Seite der Persönlichkeit Erwin Panofskys durch. Sie hat entscheidend zu dessen beruflicher Karriere beigetragen, wie die Laudatio zur Auszeichnung mit dem Ehrendoktor der Princeton University bestätigt: "An historian of Art who lives easily in all ages, his profound scholarship, comprehensive curiosity, sympathetic wit, and elasticity of spirit have made him an admired and delightful interpreter of those other humanists, the artists of the Renaissance, who also discovered pleasure, beauty and enlightenment in the creations of the past." (S. 794) Hier wird auch deutlich, daß diese Seite Panofskys Bedürfnissen und Interessen entgegenkam, die im einzelnen zu untersuchen bleiben. In der Auseinandersetzung mit seinem Werk, das die Entwicklung der Kunsthistoriographie in den USA wie in Europa bis heute entscheidend prägt, sollte es nicht um Denkmalpflege, auch nicht um Denkmalsturz gehen, sondern um dessen historisch versachlichende Beurteilung. Dazu leistet die vorgelegte Korrespondenz einen grundlegenden Beitrag. In ihr tritt ein vielschichtig differenziertes Bild des Gelehrten zutage. Wohltuend unterscheidet es sich von der Ikone, die anläßlich des 100. Geburtstages von Erwin Panofsky 1992 am Institute for Advanced Study in Princeton in einem Symposium gefeiert wurde .[41]

Bleibt zum Schluß mitzuteilen, daß die Deutsche Forschungsgemeinschaft die Förderung des auf fünf Bände ausgelegten Korrespondenz-Projektes nach Band II und der Einstiegsphase in Band III eingestellt hat: "Jetzt heißt es `in des Schiffbruchs Knirschen nicht zu zagen´ und auf glückliche Rettung zu hoffen" (S. XXVIII). Möge es dem Herausgeber Dieter Wuttke gelingen, das begonnene Werk zum wünschenswerten guten Ende zu bringen.


[1] Broch, H.: Die Schuldlosen. Entstehungsbericht.
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[2] Z. B. auch an Meyer Schapiro (Nr. 978: 19.2.45): hier spricht Panofsky vom "Guggenheim Inferno" (S. 527); dazu Anm.5: "Gemeint ist die Guggenheim Memorial Foundation und deren Ausschuß zur Vergabe von Stipendien […]." Zur Tagung der CAA (der Berufsverband US-amerikanischer Kunsthistoriker) fragt Panofsky bei Stechow an (Nr. 1109: 12.11.46): "Kommen Sie zu dem Sklavenmarkt im Januar nach New York?" (S. 764)
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[3] Nr. 1126. S. 790 Anm. 2.
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[4] Etliche Briefe bezeugen Panofskys "gemischte Gefühle" angesichts dieser Ehrung, u.a. Nr. 1144: 24.3.47. S. 813. Das Thema der Norton Lectures war "Origins and character of Early Flemish Painting" (Nr. 1178: 7.10.47). Aus den 10 zu haltenden Vorträgen, die Panofsky in einem Brief an seinen alten Lehrer Vöge (Nr. 1188: 12.12.47) als "Pferderennen" (S. 893) bezeichnet, wird das 1953 erschienene Buch Early Netherlandish painting hervorgehen.
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[5] Z.B. auch Nr. 628: 6.4.37 an Elisabeth Gundolf; Nr. 1121: 24.12.46 an Elizabeth Morgan; Zitat: Cicero. Epistulae ad Atticum. 11.9.3. Ed. Bailey Bd. 5. 1966. S. 28.
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[6] So auch Saxl an Panofsky Nr. 894: 13.4.43: "It is so difficult to present our way of thought to a wide public." (S. 396)
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[7] Zu weiteren bisher unbekannten Äußerungen Panofskys: siehe im Register unter Film.
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[8] Style and Medium in the Moving Pictures. In: Transition. 26.1937. S. 121-133; Style and Medium in the Motion Pictures . In: Critique (New York). I.3.1947. S. 5-28.
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[9] Positive Reaktionen z.B. von H.A. Rademacher Nr. 943: 14.6.44 und Th.E. Mommsen Nr. 945: 4.7.44.
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[10] S. 436 Anm. 3; zur Konferenz in Chicago: Schiller, K.: Gelehrte Gegenwelten. Über humanistische Leitbilder im 20. Jahrhundert. Frankfurt 2000. S. 128-136.
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[11] Renaissance or Prerenaissance? In: JHI. 4.1.1943. S. 65-74; in der gleichen Nummer sind auch die übrigen Beiträge der Konferenz abgedruckt; Nr. 1000: 1.5.45 an Bing. Jaeger, S.: Pessimism in the Twelfth-Century "Renaissance". In: Speculum 78. 2003. S. 1151 - 1183; bes. Bibliographie zur Debatte um den Terminus "Renaissance" S. 1151 Anm. 1.
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[12] Ferguson, W.K.: The Renaissance in Historical Thought. Five Centuries of Interpretation. Cambridge 1948.
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[13] Zu Panofskys wenig bekannten Vorstellungen von Erziehung z.B. auch Nr. 1055: 22.11.45.
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[14] Schon 1943 (Nr. 903: 23.6.43) spricht Panofsky im Zusammenhang mit seinen Bemühungen um eine Stelle für den Klassischen Philologen Ernst Kapp von dem "well-known and much-lamented decline of interest in humanistic studies in general and classical scholarship in particular — a condition, by the way, which will thoroughly change if Western civilization should survive this war —and the almost total eclipse of these studies in war time." (S. 408)
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[15] Die gleiche Befürchtung, deutsch formuliert bereits in Nr. 1024: 6.8.45. S. 604.
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[16] Bredekamp, H.: Götterdämmerung des Neuplatonismus. In: Die Lesbarkeit der Kunst. Von der Geistes-Gegenwart der Ikonologie. Ed. Andreas Beyer. Berlin 1992. S. 75-83.
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[17] Hankins, J.: The Myth of the Platonic Academy of Florence. In: JWCI. 53. 1990. S. 144-162 und Renaissance Quarterly. 44. 1991. S. 429-75 sowie Fields, A.: The platonic Academy of Florence. In: Marsilio Ficino: His theology, his philosophy, and his legacy. Ed. Michael. J.B. Allen. Leiden-Köln 2002. S. 359-376.
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[18] In: The Review of Religion. 5. 1940/41. S. 81-86.
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[19] Das geht aus seinen Briefen an Hanns Swarzenski (Nr. 926) und Walter Friedlaender (Nr. 927) hervor.
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[20] Zu Panofskys Konzeption von den Aufgaben des Museums: Nr. 1012: 22.6.45, bes. S. 582-584. Meyer Schapiro spricht in seiner Rezension von F.H. Taylors Buch Babel’s Tower. The Dilemma of the Modern Museum. New York 1945 (The Art Bulletin. 27.1945. S. 272-274) von "extravagances of polemic rhetoric, but coming from the director of the largest museum in the United States as a part of his programmtic view on the museum and the teaching of art, they are serious enough to warrant a careful examination." (S. 272) Zum Konflikt zwischen Museum und Universität siehe auch die Briefe zur Affaire Walter W.S. Cook, beginnend mit Nr. 1258: 22.11.48.
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[21] Die vier Briefe Nr. 1183: 27.10.47, Nr. 1185: 8.11.47, Nr. 1214: 15.05.48 und Nr. 1225: 9.06.48.
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[22] In: Phoebus 1. 1946. S. 135-144; dazu die Anmerkungen S. 887.
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[23] Ob diese Meinungsverschiedenheit zwischen beiden schon vor ihrer Emigration bestanden haben und belegbar sind, bleibt zu untersuchen.
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[24] Zu van de Waals ikonographischen Arbeiten: 1113: 20.11.46 und Nr.1198: 10.3.48.
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[25] Sie sind nicht zu verwechseln mit dem Terminus "künstlerische Probleme", den Fritz Saxl und Erwin Panofsky in ihren in der Zeitschrift für Ästhetik und Allgemeine Kunstwissenschaft. Bd. 18 1925 erschienenen Beiträgen verwenden.
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[26] Heidt, R.: Erwin Panofsky. Kunsttheorie und Einzelwerk. Köln-Wien 1977.
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[27] Holly, M.A.: Panofsky and the Foundations of Art History. Ithaca-London 1984.
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[28] Im Brief an Richard Krautheimer Nr. 1149: 17.4.47 spricht Panofsky beiläufig die Unkenntnis des Kunsthistorikers im Bereich der "Techniken" an (S. 820).
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[29] Weitere Textstellen im Register unter Panofsky und Philologie.
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[30] Siehe im Register unter Suger.
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[31] Widerlegung der Panofsky’schen These vom Einfluß des Dionysios Areopagita auf Suger: Kidson, P.: Panofsky, Suger and St. Denis. In: JWCI. 50. 1987. S. 1-17. Zum Stand der Suger-Forschung, u.a. auch zu Panofskys Suger-Buch und den unter neuplatonischen Vorzeichen betriebenen Forschungen zur Kathedralen-Architektur: Abt Suger von Saint-Denis. Ausgewählte Schriften. Ordinatio De consecratione De administratione. Ed. Andreas Speer und Günther Binding. Darmstadt 2000; bes. S. 13- 18.
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[32] Nr. 793: 28.2.49 an den Sohn Wolfgang: "Wir haben zwar vor 2 Tagen das Examen bestanden nach ziemlicher Aufregung , aber Bürger sind wir nun erst nach 90 Tagen." (S. 248)
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[33] Die zahlreichen Briefe, die Panofskys Aktivitäten und die seiner amerikanischen Kollegen und Freunde wie z.B. Walter W.S. Cook (Nr. 1267: 29.12.48), sei es in der Zusammenarbeit mit dem Committee in Aid of Displaced European Scholars oder sonstige Initiativen zur Unterstützung der Emigranten belegen, bilden eine für die Emigrationsforschung wichtige Dokumentengruppe.
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[34] Z.B. Nr. 751: 28.2.39. S. 190.
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[35] Nr. 1025: 8.8.45 und Nr. 1026: 14.8.45; weitere Informationen zu diesem umfangreichen Komplex siehe im Register unter Panofsky, Wolfgang Kurt Hermann, militärische Forschung.
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[36] Nr. 976, Nr. 990 und Nr. 995 sind in Dr. Panofsky and Mr. Tarkington. An Exchange of Letters 1938 — 1946. Hrsg. Richard M. Ludwig. Princeton 1974 nicht enthalten.
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[37] Nr. 1288: 21.2.49 an Paul Frankl in Basel.
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[38] Nr. 1083: 28.4.46 und Nr. 1087: 16.5.46.
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[39] Nr. 1174: 15.8.47 und Nr. 1176: 19.9.47.
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[40] Nr. 1222: 7.6.48, Nr. 1223: 8.6.48 und Nr. 1228: 17.6.48.
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[41] Lavin, I.: Panofsky’s History of Art. In: Meaning in the Visual Arts: Views from the Outside. A Centennial commemoration of Erwin Panofsky (1892- 1968). Ed. Irving Lavin. Princeton 1995. Bes. S. 6: "It was this elevating, intellectual approach — not to mention, of course, the brilliance, perspicuity, and charm with which he pursued it — that put Panofsky justly in the company of Einstein, Gödel, and those other miracle workers who performed their tricks in the citadel of higher intellect and imagination that this strange new institution was intended to provide. And that is how art history at the Institute was born."
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Autor/in1:             Panofsky, Erwin
Autor/in2:             Wuttke, Dieter (ed.)
Autor/in3:             
Autor/in4:             
Autor/in5:             
Autor/in5:             
Haupt-Titel:           Korrespondenz 1937 bis 1949
Reihe:                 Korrespondenz 1910 bis 1968 : eine kommentierte Auswahl in fünf Bänden ; 2
Ort:                   Wiesbaden
Verlag:                Harrassowitz
Jahr:                  2003
Umfang etc.:           XXVIII, 1363 p. : Ill.
ISBN:                  3-447-04564-7
Währung:          EUR
Preis:                 180