Vivat Germania latina, Vivat Latinitas teutonica!

Monika Balzert

Nicht nur für den Tag:

Joseph Eberles Triumph der Memoria



Josef Eberle, geboren in Rottenburg am Neckar am 8.9.1901, gestorben am 20.9.1986 in Pontresina, konnte dank seiner großen Popularität als der schwäbische Mundartdichter "Sebastian Blau" in Württemberg den außergewöhnlichen und neuartigen Gebrauch, der er von Latein als lebender Dichtersprache in der größten Zeitung des Landes machte, unbefangen riskieren. Er hatte am 8. September 1945 als einer der von den Amerikanern lizenzierten Herausgeber der Stuttgarter Zeitung selbst gefordert, nach dem "Sieg des Geistes" über die Nazibarbarei "Brücken (zu) schlagen, zurück... und zu den anderen Völkern der Welt" und damit die Wochenbeilage "Die Brücke zur Welt" konzipiert, die in den nächsten Jahrzehnten eine Fülle seiner Aufsätze, Übersetzungen und endlich die eigenen lateinischen Gedichte aufnahm. In der gemeinsamen lateinischen Tradition glaubte Eberle, der Französisch und Englisch fließend beherrschte, das geistige Band der neu zu ordnenden Weltzivilisation zu erkennen. Die Sprache des "überkritisch-nüchternen Bauernvolks vom Tiber", funktional und ansprechend zugleich durch "mörtellose Fügung" und "musikalischen Fluß", schien ihm das bewährte Medium der von Griechenland ausgegangenen, aber lateinisch verbreiteten und vom Lateinischen her wiederzubelebenden europäischen Kultur der libertas und humanitas [1] . "Latinitas ist die knappste Formel für die Gesittung, die der westliche Geist, allen Rückschlägen und Rückfällen zum Trotz, seit mehr als zwei Jahrtausenden zu verwirklichen trachtet und die sich verkörpert in Freiheit, Recht und Menschenwert". Ohne philologische Pflichtübungen, mit sprachlicher und moralischer Sensibilität hatte Josef Eberle seinen "Lebenszugang" zum Latein gefunden. Der Rottenburger Katholik, im protestantischen Tübingen zum Buchhändler ausgebildet, durch seine Heirat mit dem Judentum verbunden, war zugleich Verehrer von Voltaire und Lichtenberg. Sein bis heute populärstes Pseudonym "Sebastian Blau", 1933 unter dem Zwang der Zeitumstände gewählt, scheint nicht zuletzt an Sebastian Brant anzuklingen, den Autor des "Narrenschiffs", nach dem öfters gebrauchten Motto "Perversi difficile corriguntur et stultorum infinitus est numerus" (Liber Eccles. I,15).

Die erste Verantwortung des Journalisten und Zeitungsmachers Josef Eberle, dafür einzutreten, daß sich eine Barbarei wie die nationalsozialistische niemals wiederholen kann, stützte sich auf die unerschütterliche Einsicht, daß Europa seine Zivilisation im Ganzen den Römern, der Humanität vermittelnden Latinitas zu danken habe. Das lateinische Abendland erschien als Hüterin dieses Bewußtseins, auch unabhängig von der im Mittelalter Einheit stiftenden Kirche, Nationalismus als moderne Verirrung, die "vatermörderisch" gegen die gemeinschaftlichen Traditionen der Antike, bewahrt im europäischen Mittelalter, gewütet habe. Josef Eberle konzipierte für sich die Aufgabe, Anwalt dieser Idee zu werden und sie an der Schaltstelle seines einflußreichen Mediums nach Kräften zu propagieren.

Als Buchhändlerslehrling (wie vor ihm in derselben Tübinger Antiquariatsbuchhandlung Hermann Hesse) hatte Josef Eberle zuerst an die Dichtertradition der Württemberger des 19. Jahrhunderts anknüpfen wollen. Das zeigen lyrische Gedichte, die in den "Rottenburger Bilderbogen" (1943) [2] eingingen und die wie ein nachgeholter Jugendtraum in den Lyrischen Notizen der "Buchsbaumflöte" (1971) wieder erscheinen [3] : "Beim Wiederlesen alter Gedichte" eröffnet diese Sammlung. Manche seiner lyrischen Gedichte "paraphrasierte" er in Latein; die lyrische Ader lebt in deutscher Form aber sogar auch "aus dem Lateinischen" wieder auf, z. B. "Herbst auf der Reichenau". Romane Eberles über kalifornische Goldgräber drangen bis in die Leihbibliotheken. Früh begann er sich journalistisch, unter dem Pseudonym "Tyll", zu betätigen. Nach Stationen in Berlin und Baden-Baden und einer Reise nach Paris war er seit 1927 als Rundfunkjournalist Leiter der Vortragsabteilung beim Süddeutschen Rundfunk in Stuttgart. Er hat dort für sein unpolitisches Ressort unbefangen einen Vortrag abgelehnt, den ein gewisser Adolf Hitler halten wollte. Mit Ablauf des Juni 1933 wurde er "aus Gründen der politischen Betriebsumstellung" entlassen, vorher mehrere Wochen im KZ Heuberg interniert. Den Krieg überstand er zusammen mit seiner jüdischen Frau Else aus Rexingen. Er fand Beschäftigung im Amerikanischen Konsulat, zuletzt bei der Württembergischen Feuerversicherung in Stuttgart. Er dichtete schwäbisch weiter - bekannt als "Sebastian Blau", der er immer geblieben ist. Gedächtnis und die Treue, auch zu sich selber, sind bemerkenswerte Eigenschaften Josef Eberles.

Lateinische Dichtung

Es ist sicher, dass Eberle erst nach dem Krieg, als er Herausgeber der Stuttgarter Zeitung ist, lateinisch zu dichten beginnt, und zwar in Reimstrophen ganz entsprechend seinen schwäbischen. Der Start ist genau bekannt: In der Maske des shakespearischen Banausen "Peter Squenz", seinem Pseudonym für meist politische Zwischenrufe, apostrophiert er den Freund Dr. Theodor Heuss, den gediegenen Humanisten, inzwischen Bundespräsident vor der Wiederwahl, in der Stuttgarter Zeitung vom 25.1.1954 zum 70. Geburtstag mit einem dreistrophigen lateinischen "Ave Theodore" [4] . Heuss geht auf das (grammatisch etwas mißglückte) Latein nicht ein; da deutsche Gedichte in antikem Versmaß unter den Freunden öfter ausgetauscht werden, nimmt Heuss lieber auf die große Elegie Bezug, die Josef Eberle als solcher in derselben Nummer hatte erscheinen lassen [5] . Die lateinische Fassung der Anfangsstrophen des schwäbischen Gedichts "Necker" von "Sebastianus Caeruleus" folgt kurz darauf an Fastnacht. Hier erst kommt freundliches Echo von Hermann Weller aus Tübingen: "Heute vor acht Tagen habe ich ihr nettes Gedicht samt der danebenstehenden lateinischen Übersetzung mit großem Genuß gelesen... Auch die lateinische Fassung ist ein wahres Meisterstück. Wie glücklich ist das Scholaren-Versmaß und wie gewandt ist der Stil und das Metrum! Der ganze Stammtisch war voll Bewunderung." (am 8. März 1954).

In Korrespondenz mit dem Stuttgarter Leiter des Eberhard-Ludwigs-Gymnasiums Dr. Walther Sontheimer und Tübinger Philologen wie Otto Weinreich und Hermann Weller gewinnt Eberle allmählich Zutrauen in seinen"impetus", akzentuierend-rhythmisch zu dichten: In Privatdrucken (Horae/ 1954 und Imagines/1955) erscheinen die Gedichte, später zusammengefaßt in Laudes/1959. Die reimenden Rhythmi des Archipoeta (von den Gedichten der Horae hat Stabat-mater-Strophe das Gedicht "Sumelocenna" über seine Heimatstadt Rottenburg; Vagantenstrophe "Nicer", "Penates", "Ave, Archipoeta") und der Carmina Burana entsprechen Eberles schwäbisch-deutscher Sprachmusikalität: Ein unkonventioneller "Ton" für nur metrisch dichtende Neulateiner. Der musische Latinist Otto Weinreich (1886-1972), ein Badener, machte selbst eingestandenermaßen nie lateinische Verse, seine Anerkennung hatte aber schon früh den schwäbischen Versen des "Sebastian Blau" gegolten. Eberle ergreift das studium des Lateinischen im wahren Sinn des Wortes neu: Unbefangen, in einer Art "méthode directe", überträgt er, von seinen Gewährsleuten ermutigt, seine melodische Sprachkompetenz auf das neue Ausdrucksmedium Latein. Hermann Weller (1878 – 1956), als neulateinischer Dichter selbst europaweit bekannt, Professor der Indologie in Tübingen, bestärkt humorvoll Eberles Anfänge in den "Rhythmi" weiter und bedankt sich am 15. Juli 1954 für die "Horae": "Sie haben die "ritmische" Dichtung wieder auferweckt und die Töne der Carmina Burana, der Vagantenlieder, der Hymnen und Weisen der akzentuierenden Verskunst des Mittelalters und der neulateinischen Zeit nun so fröhlich erklingen lassen, daß die lateinische Sprache nicht nur lebt, sondern auch hebt..."

Erst " als Sechziger", also in den Sechzigern, erschließt sich Apellus "in kühnem Anlauf ein neues und so anspruchsvolles Gelände wie die Meisterung des klassischen lateinischen Verses" [6] .

Hexameter nach dem Schwäbischen dienen ihm zur heiteren Übung in Prägnanz:

Quem saltare iuvat, facile est buxo canere illi. / Wer gut tanzt, dem ist guat pfeife'.

Difficile est stomachum ieiunum pascere verbis. /Emme' hongrige Mage' ist et guat predige'.

Vacca vetus non vult prius ipsa fuisse iuvenca. /De alt Kuah vergisst, dass se au e' Kälble gsei' ist.

Vir timidus caelo non est securus in ipso. / E' verschockener Ma' ist em Hemmel et sicher.

Lehrmeister war schon Ovid, Eberle verbrachte "ganze Ferien im Ovid" und veröffentlicht sein "Stunden mit Ovid" 1959. 1964 publiziert er mit "Sal niger" (nach Horaz und nach Martials Rezept würzt er scharf) hundert metrische Epigramme, die er zu je zehnt vorher mit Übersetzung in der Stuttgarter Zeitung veröffentlicht hatte. Im Dialog mit Klassikern und Humanisten verschiedenster Zeiten, sei es Martial, Ausonius, Weckherlin oder Voltaire, fasziniert ihn der Anspruch der kleinen Form. Epigrammatik und Spruchdichtung, auch das parodische Lehrgedicht lassen die Neigung zur Satire erkennen. Bei aller Volkstümlichkeit ging er damit zur Masse der Zeitgenossen auf Distanz, zeigte aber gerade mit dem schwierigen Latein bereitwillig "den Kletterpfad in die Lebenswelt der genialen Einzelnen" [7] . Für einen Erfolgs-Journalisten ein ungewöhnliches Training, unter misanthropischen Masken vom Massenpublikum innerlich unabhängig zu bleiben: Als Moralist und Gesellschaftsarzt ("Piper album") ist er Timon von Athen oder der Menschensucher Diogenes. Diese Masken bleiben nicht an Latein gebunden: wie der weise Chinese Wang reden sie später auch alle deutsch. Pointierte Modernismen scheut sein Latein nicht, denn umständliche Umschreibungen störten die brevitas. Seine Gedichte seien "alle zuerst lateinisch entstanden und nachher deutsch paraphrasiert" [8] –das macht der lateinische Wortwitz und etymologische Beziehungsreichtum glaubhaft. Das Motto "nulla dies sine linea" [9] galt übrigens für den Journalisten Eberle, der von "Cassiodor" bis zu "Voltarius latine loquens" dem Leser der Stuttgarter Zeitung das lateinische Europa, die "Latinitas perennis", in literarhistorischen sehr lesbaren Abhandlungen nahebrachte, wie für den Dichter, der die brevitas übte.

Die Professoren Hildebrecht Hommel [10] und Wolfgang Schadewaldt ehren beide den Schwaben Eberle-Sebastian Blau durch den auch schriftlich niedergelegten Vergleich mit Ennius, der erfolgreich in drei Sprachen dichte: Schwäbisch – Deutsch - Lateinisch. Freundschaftliche Kritik übte der professionelle Neulateiner Harry C. Schnur / Gaius Arrius Nurus, auch er dem Tübinger Seminar als amerikanischer Gastdozent verbunden. Schnur wie Schadewaldt haben zu der von Eberle 1961 herausgegebenen Anthologie "Viva Camena" –sie enthält Metra und Rhythmi – Metrisches kontribuiert. Eberle konnte diese durch vielseitige Kontakte, durch die Zeitschriften Vita Latina in Avignon und Palaestra Latina in Barcelona propagieren und im Jahr seines 60. Geburtstags etwa 50 neulateinische Dichter aus aller Welt vorstellen. Joseph und Lina Ijsewijn-Jacobs in Antwerpen schrieben dazu einen "Commentariolus de litteris latinis recentioribus ad Iosephum Eberle doctorem honoris causa et poetam elegantissimum". Die Haltung des lernenden und gleichzeitig schon moderierenden und Impulse gebenden Multiplikators und Kulturreporters erscheint heute außerordentlich modern.

Von besonderer Bedeutung ist der Kontakt zu Dr. Walther Sontheimer in Stuttgart, der seit 1951 das Gymnasium Illustre der Stadt, das Eberhard-Ludwigs Gymnasium, leitete. In ihm hatte Eberle einen Verbindungsmann zum gymnasialen Schulbereich, abgesehen von der correctio fraterna im Umgang mit dem "abgebrochenen" Latein, dessen aktiver Gebrauch seit seiner Rottenburger Schulzeit "dreißig" und mehr Jahre geruht hatte: "Daß meine Gedichte ein ganz bewußtes Kompliment und ein aufrichtiger Dank an meinen letzten Lehrer sind, der mich eigentlich erst richtig Latein gelehrt hat, habe ich Herrn Dr. Sontheimer mehrfach erzählt [11] ." Als Squenz durfte er vergessen, dass zu dignus der Ablativ gehört: aber Korrektur war dringend erwünscht. Durchsicht aller Strophen, "mit dem Rotstift", verdankte der frischgebackene poeta latinus Professor Hermann Weller in Tübingen und Walther Sontheimer in Stuttgart: beide Humanisten, keineswegs schulmeisterliche Pedanten, beide die Art von Zeitungslesern, um die es Eberle ging. Auch Weller war vor der Habilitation 13 Jahre altphilologischer Gymnasiallehrer in Ellwangen gewesen. Sontheimer begrüßte natürlich Eberles pädagogische Initiativen für die Alten Sprachen im Unterricht. Der mächtige Herausgeber des ersten und größten Printmediums des Landes war bestrebt, humanistische Neubesinnung - natürlich von Schwaben ausgehend - übernational zu stärken, die Tradition des lateinisch geprägten Europa neu zu beleuchten und für die Verständigung der Völker zu nutzen, die der verhängnisvolle Nationalismus gegeneinander geführt hatte. Das wurde den Humanisten im Lande als Zeitungslesern sofort erkennbar, und zwar seit in der "Brücke zur Welt" am 6. Juli 1946 bei einer Kontroverse um das Schulfach Latein Eberle persönlich für "Humanismus und Humanität" plädiert hatte und daneben sein Votum für inspirierenden Lateinunterricht, die deutsche "Elegie an einen alten Lehrer", auf der gleichen Seite abgedruckt hatte. Diese Elegie stellt Eberle 1956 mit dem Titel "Rex" dem Essay-Band "Interview mit Cicero" voran, rezitiert sie wieder 1957 in Hamburg, als ihm die Ehrenmitgliedschaft im Deutschen Altphilologenverband verliehen wird [12] , und übersetzt 1970 eine gekürzte Fassung in Latein.

Er proklamiert zum 150. Geburtstag Eduard Mörikes in der Stuttgarter Zeitung vom 8. September 1954 die Mörike-Stiftung, gewissermaßen als eine Vorläuferin der heutigen baden-württembergischen Landesstiftung Humanismus heute, um "begabten Abiturienten unseres Landes, die anders nicht in der Lage, wohl aber geeignet wären, zu studieren, zum Studium" der Altertumswissenschaften zu verhelfen: "Wenn wir für unsere Bemühung, die große Tradition des schwäbischen Humanismus zu unserem Teil zu fördern, den Namen Eduard Mörikes in Anspruch nehmen, so deshalb, weil auch dieser formvollendete und menschlichste unserer heimischen Dichter, wie so viele unserer Großen, mit seinem Wesen in dieser Tradition verwurzelt ist. Unsere Zeit ist den humanistischen Studien wenig gewogen. Um so mehr fühlen wir uns verpflichtet, das geistige Erbe, das uns die Alten hinterlassen haben, und das unsere Art so bestimmend mitgeformt hat, zu bewahren und der nächsten Generation weiter zu reichen."

Leiter der Gymnasien wie Dr. Sontheimer in Stuttgart und Dr. Erich Haag in Tübingen, aber auch Professor Weinreich gehören mit Eberle ins Kuratorium der Stiftung, die Stipendiaten für das Studium der Alten Sprachen begutachtet. Nicht nur in der Vorliebe für Cicero berührte sich Eberle mit Sontheimer, der seit 1926 den Jordan-"Sontheimer", das Cicero-Lesebuch für die Schule, betreute [13] . Er hatte im November 1955 bereits den philosophischen Ehrendoktor der Universität Tübingen erhalten. Dahin gewirkt hatten wieder Tübingens Altphilologen, denen Sontheimer als Beisitzer im mündlichen Staatsexamen zugehörte, in erster Linie aber Weinreich, der den Werdegang Eberles verfolgt hatte, der ihm schon in den Lehrjahren in Tübingen begegnet war und ihn als den "Sebastian Blau" zu Neujahr 1934/5 freimütig aus dem jüdischen Rexingen nach Tübingen einlud. Lateinische Gedichte gab es damals noch keine, wie gesagt.

Sontheimer hatte seinerseits dem Latinisten Otto Seel die "Horae" nach Erlangen übermittelt: Seels Briefe an Eberle gehören zu den schönsten Anerkennungen, die ein Profi-Philologe einem Naturtalent, einem durch Neigung und Geist und Fleiß auf eigene Faust zum Humanisten Gewordenen, zollen kann. Seel hatte gerade sein Cicero-Lesebuch geschrieben, das in der Stuttgarter Zeitung zu besprechen Herausgeber Eberle wiederum Walther Sontheimer bat. Der Vergilaufsatz "Vergils schönster Vers" mit Widmung "Für Walther Sontheimer" erschien bald in Eberles Essayband "Interview mit Cicero" (1956).

Die Arche des Gedächtnisses

Vor einer "barbaries generalis" durch Verlust des Kulturgedächtnisses hat Eberle in der Vorrede zu seinen gesammelten Rhythmi (Laudes 1959) gewarnt: "Memoriam originum suarum, moris maiorum, historiae propriae deponere" bedeute Barbarei: "pro mea parte radices nostri cultus curare et alere conor". [14] 1974, mit 73 Jahren, schließt Josef Eberle seine Autobiographie "Aller Tage Morgen" [15] , die seine Jugendjahre bis 1920 umfasst, bewußt ab. Er endet sie mit einem langen Zitat vom Schluß des "Marius" des Plutarch (c. 46):"Antipatros von Tarsos sah jede Gabe des freundlichen Geschicks als eine Gnade an und bewahrte sie bis an sein Ende im Gedächtnis auf, dieser einzig sicheren Schatzkammer [16] , die der Mensch für seine Lebensgüter besitzt". Die Schatzkammer glücklicher Eindrücke der Jugend hat einem Mann, der Verfolgung erlitten und Schlimmes erfahren hat, überleben geholfen. Alles weitere war demgegenüber nicht darstellenswert. Das Gedächtnis, die glückliche Erinnerung ist ein sicheres Gepäckstück, das "Bleibendes" verwahren kann, griechisch mneme, lateinisch memoria, oft verbildlicht als ein fester Kasten, ein Schrein, ein Vorratskasten für dürftigere Zeiten. Im Vergleich wird es von der Brust, vom Kopf des Menschen gesagt, wo er – gegen Zugriffe gewappnet – aus der Vergangenheit mit sich führt, was für ihn wesentlich ist.

Das lateinisch Wort für diesen Kasten, der Verlust und Verfall von diesem Schatz abwehrt, ist arca. Das im Vulgatalatein häufige Wort hat uns die "Arche Noah" [17] gestiftet, einen großen Kasten, der Genesis 6, 14 gebaut wird. Fac tibi arcam de lignis levigatis: Länge, Breite, Höhe des großen Kastens werden Noe angegeben. Die zweite bedeutende arca der Vulgata, die gezimmert wird, um die mosaischen Tafeln zu verwahren, ist die Bundeslade, der Schrein des alten Bundes, englisch "the ark", französisch "arche d'alliance", was modern auch der Schrein für die Torahrolle in der Synagoge ist. (Exodus 25, 10: arcam de lignis compingite, ebenfalls mit Angabe von longitudo, latitudo, altitudo). Wer viel vor hat, von weither kommt, schlimme Zeiten überdauern will, braucht einen festen Kasten, einen Koffer, einen Tresor für das Kostbarste, das zu bewahren ist, das überdauern soll. Die arca pectoris, ein "pectus purum ac firmum" (Ennius [18] ) macht den vir bonus stabil, ein ordenlicher Mann hat ein "pectus quadratum", einen gut gefügten Herzkasten, oder die arca capitis – einen "Dickschädel". Am geläufigsten ist der nüchterne römische Alltagsgebrauch von arca für unsere Cassa (wohl von capsa): für Geld dient es bei Ovid zweimal. Wir wissen, daß in pompejanischen Häusern die eisern bewehrte Kassentruhe fürs Metallgeld des Hausherren im Atrium auf einem gemauerten Sockel stand.

"Was hast du auf dem Kasten?" –eine mehrsinnige Frage auch bei uns.

Arca war ein Lieblingswort des Schwaben Josef Eberle, der sich sehr gut im Latein der Vulgata (Clementina) auskannte und als poeta latinus – nach der Kriegszeit - reflektierte, wie er die schlimmen Zeiten überstanden hatte.

Alter Archipoeta

Eberles frühes Gedicht "Ave Archipoeta" (1954) ist ein Gruß an das verehrte Vorbild aus dem 12. Jahrhundert. Die 10 bekannten Gedichte hat Eberle 1966 mit Versübersetzung herausgegeben. "Ave Archipoeta", eines der ersten Vagantengedichte Eberles, im Privatdruck der Horae (p. XIX) an neunter Stelle der 14 Gedichte zwischen pompejanischem Faun des "Eidyllion" und den "Laudes Francisci", rückt in der Publikation der Laudes 1959 auf den zweiten Platz [19] . Die Freunde rühmen Eberle nach der Lektüre der "Horae" als "Alter Archipoeta": so nennt auch der schwäbische Politiker in Bonn Carlo Schmid [20] den Freund, dem die Reimstrophen gelingen, "das Spiel mit lateinisch-deutscher Prosodie und Mentalität", wie es der dichtende Studienrat Paul Wanner [21] , auch er Schwabe, ausdrückt. Von Valafried Strabo auf der Reichenau bis zum Tübinger Professor Hermann Weller, gebürtig aus Schwäbisch-Gmünd, dem im Certamen Hoeufftianum ständig prämierten neulateinischen Dichter, waren nach Eberles Überzeugung die maßgebenden lateinischen Dichter diesseits der Alpen – transmontani - von Anfang an Schwaben. Im Essay "Lateinisch dichten" in der Stuttgarter Zeitung vom 11.Juni 1955 hatte er betont, dass der Meister klassischer Prosodie Hermann Weller, der neuerdings auch gereimte Strophen dichtete, "Schwabe ist, dieser Meister aller lateinischen Poesie von heute" [22] . Auch auf den Archipoeta möchte er nur zu gern diese Hypothese ausdehnen. In "Ave Archipoeta" zielte er darauf ab, den Anonymus zum schwäbischen Kompatrioten zu machen, indem er in der 4. Strophe (Fassung der Horae) den Neckar nennt - als mögliche Heimat:

"Pariter ignota sunt / aetas, vita, genus,

Nicer utrum patria / fuerit an Rhenus,

sermo vel domesticus / anne alienus –

Certum est: divitiis / numquam fuit plenus."

"Gleichermaßen unbekannt sind Alter, Leben, Herkunft, ob der Neckar die Heimat war oder der Rhein, ob er unsere Heimatsprache gesprochen hat oder eine fremde – sicher ist: Reichtümer hat er nie besessen."

In der Publikation (Laudes 1959) wandelt er den Wortlaut der Verszeile zwar ab:

"utrum eius patria / Rhodanus an Rhenus,

sermo sit domesticus / an sit alienus...

"ob seine Heimat die Rhône war oder der Rhein,
ob die Sprache unsere heimische war oder eine fremde..."

Die kritische Ausgabe von Watenphul 1958 gibt ihm aber neue Anstöße [23] . Eberle versucht seine Position philologisch zu erhärten: Dem Archipoeta sei ein Suebismus nachzuweisen. In einem Vortrag erläutert er das 1959 [24] so: "Doch findet ja zuweilen auch ein blindes Huhn ein Korn, und so wage ich die These: daß mindestens an einer Stelle des Archipoeta ein aus regionalem deutschem Sprachgebrauch ins Lateinische übersetzter Ausdruck vermutet werden dürfe. Nach der von mir benützten und nach einigen anderen von mir eingesehenen Ausgaben lautet die 19. Strophe der "Vagantenbeichte":

Mihi numquam spitirus poetrie datur,

nisi prius fuerit venter bene satur;

dum in arce cerebri Bacchus dominatur,

in me Phoebus irruit et miranda fatur."

In dieser Strophe des "Aestuans intrinsecus" [25] will Eberle statt "dum in arce cerebri / Bacchus dominatur" "lieber mit dem Florentiner Codex" die Variante "arca" (in F "archa") [26] , für die ursprüngliche halten. "So gewinnt man erstens einmal ein echt archipoetisches parodistisches Wortspiel", "kräftiger Tonfall des Venter bene satur" setze sich fort im "volkstümlichen deutschen Ausdruck: Hirnkasten". Das sei klar dem süddeutschen sermo domesticus entsprungen: Ein Schwabe habe hier, wo vom Rausch die Rede ist, die Redewendung vom "Hirnkasten" ins Latein übertragen. Seine dichterische Übersetzung wählt aber doch eine gelehrte Metapher, die Kapitol und caput so zusammenbringt, daß auch arx, Burg und Akropolis des Menschen, zugrunde liegen könnte.

Im "Psalterium Profanum" (1962) stellt Eberle den Archipoeta als der mittlere eines Dreigestirns vor, zwischen Hugo von Orléans und Walter von Châtillon: auf Wunsch des Verlegers Dr. Walther Meier sollte eine Prosaübersetzung "keine weitere Aufgabe erfüllen, als das Verständnis der lateinischen Texte zu erleichtern" [27] . Hier findet sich die passende Übersetzung der 19. Strophe der Vagantenbeichte neben der lateinischen Fassung v. 150 mit arca cerebri :"wenn aber im Hirnkasten Bacchus herrscht".

Dum in arca cerebri

Bacchus dominatur,

in me Phoebus irruit

et miranda fatur.

Eberle zu 1964 (lat. arce) und 1966 (lat. arca):

"Erst wenn auf dem Capitol

Bacchus' Fahnen ragen,

fährt Apollos Geist in mich,

Wunder vorzutragen."

Eberle 1962 (Prosa; lat. arca)):

"wenn aber im Hirnkasten Bacchus herrscht, dann fährt Phoebus in mich und spricht Wunderdinge"

Im Vorabdruck der Versübersetzung mit dem Originaltext in der Zeitung hat Eberle 1964 nicht mehr gewagt, in den Text einzugreifen [28] , zwei Jahre später aber druckt er in seiner zweisprachigen Inselausgabe "Gedichte des Archipoeta" (1966) "arca cerebri" mit der "Kapitol"-Übersetzung ab, ohne Begründung und Hinweis auf eine Diskussion, die er ja bereits bei Watenphul-Krefeld s.v. "arx cerebri" im Index finden konnte.

Seine subjektive vorher schon zu belegende Vorliebe für das Wort arca, auf die wir noch eingehen, gab wohl den Ausschlag zum bewußten philologischen Willkürakt.

Die Stationen seiner Beschäftigung mit dem Archipoeta führten ihn zur gar nicht unwillkommenen Entdeckung der scharfen Konturen allzumenschlich-unheiliger Existenz, die sich auch im mittelalterlichen Latein als der freiheitlich antik bleibenden Denk- und Sprechhaltung niedergeschlagen haben. Die Textauswahl des "Psalterium profanum" stützt die These von der Kirche als Schützerin und Hegerin der Zivilisation im Mittelalter: "aus einer fanatischen Widersacherin des Heidentums" sei sie "zur Retterin und Bewahrerin seines geistigen Erbes geworden".

Eberles Respekt vor der selbstlosen Aufgabe, der Tradition antiker Autoren zu dienen, gilt, um ein unbekanntes Beispiel zu zitieren, im selben Jahr Reginbert von der Reichenau, einem Schreiber des 9. Jahrhunderts. Er wird für Eberle offenkundig spontan zum Gegenstand einer romantischen Huldigung in Versen, die er mit dem Weihnachtsaufsatz des Tübinger Kunsthistorikers Hubert Schrade in der "Brücke zur Welt" verbindet, später aber nicht in eine Sammlung aufnimmt [29] :

LAVS REGINBERTI

MAGISTRl SCRIBARVM AVGIENSIS

†A.D. 847

QVlS mihi praebeat aures canenti

temporis huius in strepitu vano?

Magis quam foro confido silenti

chartae secundum exemplum, quod cano:

animo toto concordans cum illo

credo clamorem pervinci tranquillo.

SERVVM servorum se nominans Dei

ecce magister in operis scena

suae suppliciter deditus rei:

flexus ad codices et pergamena,

gracili dextera scribens et pingens

atque scripturam ornatibus cingens

ALII laudent homiliis Deum,

alii precibus, hymnis, sculpturis

alii granditer praedicent Eum

dignis officio Domini muris: -

tua maiorem ad gloriam Christi

magna collatio fuit: scripsisti.

VIRIDI, rubro colore flavoque,

floribus, foliis, spiris, pampinis,

quolibet calami ductu punctoque

usque claudentes ad litteras "Finis"

Numini Laudes cantasti Superno

ornans honore te ipsum aeterno.

TUO sub calamo cunctae Camenae,

levis Thalia vel seria Clio,

quamquam gentiles et saeculi plenae,

Deo psallerunt et animo pio.

Tuis nam patuit auribus piis

Verum Nasonis: et Deus in nobis.

ILLE qui iusserat fieri lucem,

etiam stilis scriptorum est usus,

quorum te principem fecit et ducem

mundus ut esset divini perfusus

spiritus radiis luminibusque,

nobis quae luceant semper et usque.

Haud ignoro Reginhardum illum, scriptorum magistrum Augiensem, non multos auctores classicos transscripsisse neque vario decore manuscriptorum suorum excellere; tamen illius nomen hic stet pro multis confratrum eius, qui in medii aevi claustris veteres paganos ex voluminibus papyriis in codices mambranaceos transscripserunt et hoc modo nobis servaverunt. J(osef). E(berle).

ZUM LOBE REGINBERTS

DES SCHREIBMEISTERS DER REICHENAU

† 847

WER liehe mir sein Ohr, wenn ich sänge

im blinden Lärm dieser Zeit?

Mehr als dem Markt vertraue ich dem schweigsamen

Papier nach dem Vorbild, das ich besinge:

Aus ganzem Herzen stimme ich ihm bei

und glaube an den Sieg der Stille über den Lärm.

ER nannte sich den Knecht der Knechte Gottes.

Siehe den Meister am Ort seiner Arbeit

demutsvoll seinem Werke hingegeben:

wie er über Folianten und Pergamente gebeugt

mit seiner zierlichen Rechten schreibt und malt

und das Geschriebene mit Schmuck umrandet.

ANDERE mögen Gott in Predigten loben,

andere im Gebet, in Hymnen, in Skulpturen,

andere mögen ihn großartig preisen

mit Bauten, die des Herrendienstes würdig sind –

deine große Beisteuer zur größeren Ehre Christi

ist gewesen: du hast geschrieben.

MIT grüner, roter und gelber Farbe,

mit Blumen, Blättern, Schnörkeln und Ranken,

mit jedem Strich und Punkt deiner Feder

bis zu den abschließenden Buchstaben ,,Finis"

hast du dem göttlichen Wesen Lob gesungen

und dir selbst damit ewigen Ruhm errungen.

UNTER deiner Feder psallierten alle Musen,

die leichte Thalia wie die ernste Clio,

obgleich sie heidnisch und voll Weltsinn waren,

zur Ehre Gottes aus frommem Herzen:

denn deinen unbefangenen Ohren war aufgegangen

die Wahrheit Ovids: es waltet Gott in uns.

ER, der befohlen hatte, es werde Licht,

hat sich auch der Griffel der Schreiber bedient,

zu deren Herrn und Meister er dich gemacht hat,

auf daß die Welt überflutet werde

vom strahlenden Glanz des göttlichen Geistes,

der immer und fortan uns leuchten möge.

Ich weiß wohl, daß der Reichenauer Schreibmeister Reginbert nicht viele klassische Autoren abgeschrieben hat und sich auch nicht durch bunten Schmuck seiner Manuskripte auszeichnet; dennoch stehe dieser Name hier für die vielen andern seiner Mitbrüder, die in den Klöstern des Mittelalters die heidnischen Alten aus den Papyrusrollen in Pergamentcodices übertragen und sie uns so gerettet haben. J(osef). E(berle).

Als junger David in Paris

Aus der "Schatzkammer des Gedächtnisses" seiner jungen Jahre hat Eberle in den "Imagines" 1955 in dem erfolgreichsten Reimgedicht im Stil des Archipoeta eine wesentlich Vorkriegserinnerung wieder belebt: noch vor dem Lob Roms ("Urbs") stehen vierzehn Strophen der farbigen Schilderung von Paris ("Lutetia"). Eberle, der gut Französisch sprach, war von de "lucida Lutetia", dem hellen Paris, das er im Frühjahr 1927 besuchte [30] , "fasziniert": der Aufenthalt gehört zu seinen schönsten Jugenderinnerungen:

Sed hoc saeclum aureum / mox est intercisum / diro bello populis / rapiente risum.

Aber diese Goldenen Zwanziger Jahre wurden bald abgeschnitten durch den entsetzlichen Krieg, der den Völkern das Lachen raubte.

Nach dem Krieg ließ sich das Jugenderlebnis so nicht mehr wiederholen: "Salve tamen, dulcis urbs/ meae iuventutis!" Der alternde Dichter kann aber die Erinnerungsbilder wiederbeleben. "Allevet memoria / onus senectutis." Das Gedicht Lutetia spiegelt modernes Lebensgefühl im Ton des Archipoeta und setzt mit einem groß ausgeführten Vergleich ein: beschwingt, wie der Jüngling David psallierend vor der Bundeslade – arca - in Jerusalem einzog, eroberte sich der junge Josef Eberle das herrliche Paris [31] . Er sieht sich selbst in Paris wie den jungen David tanzen und spielen: den psallierenden, damals unverheirateten iuvenis hat er sich, später selber Mitglied einer jüdischen Familie, als Identifikationsfigur ausgesucht, um ein unvergleichliches Hochgefühl zu beschreiben. Die beiden ersten Strophen wurden zum Neujahrsgruß 1955/56 für Freunde auf Doppelkarten mit Paris-Veduten gedruckt.

"Ave ter dulcissima!

Iuvenis clamavit,

vias tuas splendidas

primum cum intravit

saltans totis viribus

sicut olim David

intrans Ierosolyma

arcae praesultavit.

Quod papalis Roma est

Gregi vel praelato,

Mecca quod fanatico

In desertis nato,

aut quod est philosopho

sanctus ille Plato,

erat mi Lutetia

urbe fascinato.

"Dreimal erquickende und süße Stadt!

rief der Jüngling aus,

als er deine glänzenden Straßen

zum erstenmal betrat

tanzend nach Kräften

wie einst David beim Einzug

in Jerusalem vorantanzte

vor der Bundeslade.

Was das päpstliche Rom

Fürs gläubige Volk oder den Prälaten,

Was Mekka dem fanatischen

Wüstensohn bedeutet,

oder dem Philosophen

der erhabene Platon,

das war mir Paris –

ich war fasziniert von dieser Stadt."

Die "Priamel" religiöser Motive in der 2. Strophe soll das ausführliche biblische Bild der 1. Strophe wohl relativieren. Dennoch bleibt der starke Eindruck erhalten, den Eberle an den Anfang gesetzt hat.

Er nimmt das Wort arca aus der bedeutendsten biblischen Belegstelle der Vulgata, im 2. Buch Samuel 6,12 des Alten Testaments. Exzerpte zeigen, wie intensiv Eberle sich gerade im Alten Testament der Vulgata umgetan hatte, er war "bibelfest", wie er es am Archipoeta lobt [32] : Die wörtlichen Anklänge sind zu hören.

"David ...adduxit arcam Dei ... in civitatem David cum gaudio cumque transcendissent qui portabant arcam Domini ... David saltabat totis viribus ante Dominum ... et David et omnis domus Israel ducebant arcam testamenti Domini in iubilo et in clangore bucinae cumque intrasset arca Domini civitatem David Michol filia Saul prospiciens per fenestram vidit regem David subsilientem atque saltantem coram domino... et introduxerunt arcam Domini et posuerunt eam in loco suo in medio tabernaculi."

Aufatmen ist zu spüren, dass der Zwang, Kultur jenseits der deutschen Grenzen als diejenige von Nationalfeinden ansehen zu müssen, zuende ist: "angustum patriae/ fugiebam saeptum: Dem engen Zaun der Heimat/ entfloh ich..". Paris, Rom, Europa, die Welt steht wieder offen und ist über eine Tradition zugänglich, die auf der Antike und besonders dem lateinischen Mittelalter und seiner Latinität beruht und die alle Nationalliteraturen verbindet. David ist ein selbstsicherer säkularisiert zu denkender Sänger, wie der junge Eberle: er war in den Zwanzigern, voll Hoffnung und literarischer Ambitionen, mit besten Berufsaussichten für den begabten Journalisten und Musenjünger, der er damals war (Lutetia, 5. Strophe):

Versus scripsi plurimos/

in Parnasso monte/,

hoc poesis uberi

et coffeae fonte;

sed nocturna carmina/

dedi mea sponte /

prima luce piscibus /

Sequanae de ponte."

Verse schrieb ich furchtbar viel

Auf dem Mont Parnasse,

an dieser Mutterbrust der Dichtung

und dem Musenquell des Kaffees,

aber die nachts gemachten Verse

gab ich in der Morgenfrühe

von selbst wieder den Fischen

von der Seinebrücke harab.

Daß keine vordergründig religiöse Metapher, sondern liberale musische Ausgelassenheit des jungen König David das Gedicht bestimmt, zeigt der Fortgang: Kaffetrinkend wie der Freigeist Voltaire, dessen von Dr. Owlglass geerbte Büste in Eberles Dienstzimmer stand, erlebte er geistige und kulturelle Freizügigkeit, die er nach der Beschränktheit des Hitler-Deutschtums, wieder offen feiert.

Voltarius

Quidquid in hunc dicas, habuit

cor forte bonumque:

Quinquaginta bibit vasa diurna "café".

Was du auch gegen ihn sagst –

sein Herz war tapfer und tüchtig – /

Fünfzig Tassen Kaffee trank er pro Tag –

das war viel! [33]

Georg Christoph Lichtenberg (1742-1799), von Eberle hoch geschätzt, hatte in seinen "Stichelreden auf den lieben Gott" den Satz niedergeschrieben: "Wir sind doch am Ende nichts weiter als eine Sekte von Juden" (Nr. 29) und spottete über "die alleinseligmachende Kraft des Katholischen Glaubens (Nr. 57)". Lichtenberg, "unsterblich, doch kein Klassiker", gehört zu Eberles schon früh adoptierten Hausgöttern im Geistigen, die er in seinem frühen lateinischen Programmgedicht "Penaten" in den Horae (1954) aufgezählt hat.

Die glückliche Stimmung beschwört er nicht nur für sich selbst, der das schlimme Naziregime – "annos Martios/ extra modum duros – Übermäßig harte Kriegsjahre" - überstanden hat, sondern ebenso für das hoffnungsvolle neue Europa mit seinen besten geistigen Traditionen. Er preist im Lutetia-Gedicht die Metropole der Kulturnation Frankreich, er ermuntert zum Ablegen der nationalen Scheuklappen, die so lange aufgezwungen waren. Bisher feindselig Gegensätzliches wird im Bild wieder zusammengeführt: Ein Deutscher zieht wie König David durch Paris! Eberle gibt in hintergründiger Weise - gegen die dunkle Folie des Ungeistes einer nun verflossenen und überwundenen Epoche – dem hochberühmten Schrein die Ehre, dessen Nennung lange verfemt war, wie der Name Davids: dem Schrein der Bundeslade des Alten Bundes, die von König David spielend und tanzend nach Jerusalem überführt wird.

Das erfolgreiche "Lutetia"-Gedicht wurde einem Übersetzungs-Wettbewerb zur Aufgabe gestellt, den die Zeitschrift Antares in Mainz ausschrieb: Eberle selbst gehörte zur Jury. Professor Hermann Weller erhält den 3. Preis und schrieb daraufhin aus Tübingen am 24. Juni 1955 an Eberle: "Sehr verehrter lieber Herr Eberle,

[...] Vielleicht sind Sie auch schon darüber orientiert, daß ich in dem Wettbewerb des Antares den Dritten Preis erhalten habe. Es ist zwar ein bescheidener Sieg, aber doch etwas Bedeutendes, wenn man bedenkt, um was es ging und daß die Beteiligung erfreulich rege war. Ihr humorvolles, reizendes modernes Vagantengedicht leitet nämlich eine neue Ära ein in der neulateinischen Poesie. Es ist auch so formvollendet, daß es ein Muster werden kann für Jünger der rhythmischen Verskunst, deren Wesen/ und Bedeutung von Ihnen in Ihrer Betrachtung "Lateinisch Dichten" so glänzend dargetan wurde. Da hat sich etwas Neues angebahnt, und so freut mich mein Erfolg auch deshalb, weil Sie der Vater des Gedichtes sind. Nebenbei auch persönlich, weil ich mit diesem Erfolg meine 30ste literarische Auszeichnung buchen kann (26 lat. und 4 deutsche). [...] Auch darüber bin ich befriedigt, daß ich einmal wieder Gelegenheit hatte zu zeigen, daß die Übersetzung eines Philologen nicht immer nur korrekt, trocken und schulmeisterhaft sein muß. [...] Nun, lieber Herr Eberle, kann ich Ihnen nur noch meinen trockenen Dank sagen für soviel Entgegenkommen und Hingabe. Mit herzlichem Gruß

Ihr Hermann Weller"

Eberles Initiative wird es bald gelingen, moderne neulateinische Dichter zum Projekt einer Anthologie zusammenzuführen, er realisiert dieses Projekt in "Viva Camena" 1961, in die auch Weller noch postum miteinbezogen wird. Über das Lutetia-Gedicht befand der Erlanger Latinist Otto Seel, er lese es, "die Geschmeidigkeit und Formsicherheit Ihrer lateinischen Diktion ehrlich bewundernd, und mit wirklichem Entzücken die Mischung von Vergnüglichkeit und elegischer Besinnlichkeit dieses Carmen genießend. Zu einer Rückübersetzung fühle ich mich leider nicht geschickt genug, zumal mir der Spaß am originalen Wortlaut überwiegt" [34] Seel hatte durch den Direktor des Stuttgarter Eberhard-Ludwigs-Gymnasiums Dr. Walther Sontheimer einen Vorabdruck zugesandt bekommen.

"Alter Weller" und König David

Nach Hermann Wellers Tod im Dezember 1956 ergibt sich eine bedeutsame Successio, die sich im Briefwechsel schon angekündigt hatte: Allgemein wird Freude geäußert, daß Eberle in die Fußstapfen Wellers trete. Bis heute gibt es natürlich den Einwand, Wellers formales Können sei nie von Eberle erreicht worden. Eberle hat seinerseits bereits 1946 das Erscheinen von Wellers Carmina latina in 2. Auflage eindringlich gewürdigt und besprochen. Die lateinische Versifikation verglich er in seiner Besprechung mit der "Meistersingerart", jener handwerklich tradierbaren "Ars" zünftiger mittelalterlicher Dichter. Erfrischend hat die humanitas Josef Eberles selbst die neulateinischen "Töne" –im Sinne der Meistersinger-Töne – bereichert. Immer wieder kommt bei Eberle Hochachtung vor dem Handwerklichen der biederen alten zünftigen Dichter zum Ausdruck, zuletzt im Feuilleton "Der letzte Meistersinger" [35] . Hier finden wir endlich den Psalmisten David abgebildet, zu dem Eberle so eine große Nähe verspürt: er ist der Schutzpatron der Meistersinger, als Insigne der Meistersingerkette von 1572 im Ulmer Museum beigegeben, die Eberle seit langem kannte; er nennt auch "ein in Silber getriebenes Standbild Davids des Psalmisten" im Besitz der Meistersinger in Memmingen. Richard Wagner hatte das Vorspiel zur Oper "Die Meistersinger von Nürnberg" selbst so erläutert: "Die Meistersinger ziehen im festlichen Gepränge vor dem Volke in Nürnberg auf; sie tragen in Prozession die "leges tabulaturae", diese sorglich bewahrten altertümlichen Gesetze einer poetischen Form, deren Inhalt längst verschwunden war. Dem hochgetragenen Banner mit dem Bildnis des harfespielenden Königs David folgt die einzig wahrhaft volkstümliche Gestalt des Hans Sachs: seine eigenen Lieder schallen ihm aus dem Munde des Volkes als Begrüßung entgegen" [36] .

Der psallierende David hatte für Eberle, den sehr Belesenen, also eine weitere Bedeutung: hat er sich doch oft auf die Prämissen seines schon früh geübten deutschen und schwäbischen wie des später erarbeiteten lateinischen Dichthandwerks besonnen. Thematische Arbeit, Fleiß, Verbesserung waren ihm nicht fremd. Beide Traditionen interessierten Eberle ja brennend: Zuerst die biedere handwerkliche deutsche Zunft eines Hans Sachs, Schuster seines Zeichens, aber "Meister aller Meister", der mit seiner "echten poetischen Ader und ... Fruchtbarkeit in allen Gattungen" Eberle früh beeindruckt hat. Das sonst poetisch selten gestaltete Motiv der "Concha Augustini" nämlich, zum Augustin-Jubiläum im November 1954 passend gedichtet, hat Eberle bei Hans Sachs finden können (Geheimnis der Gottheit , 3. 1514) [37] . Dann beschäftigt ihn die humanistische Tradition der Dichterkrönung des poeta laureatus, an die 1962 angeknüpft wird, als er von den Tübinger Philologen bei einem heiteren Seminarfest gekrönt wird [38] . Als Poeta Laureatus liefert er selbst die historischen Bezüge dieser Institution in Form einer Rede nach, die am 4.1.1964 in der Stuttgarter Zeitung abgedruckt wird: es erscheint in der dort beigefügten Abbildung auf dem Diadem der vom Kaiser verliehenen Insignien (nach dem Holzschnitt von Hans Burgkmair von 1506) König David mit der Harfe, der das österrreichische Wappen mit Doppeladler stützt, zusammen mit einer hochgeschürzten Minerva, der Patronin der lateinischen Dichtung.

David als Inbild des redlich-frommen, auserwählten und inspirierten Sängers nach Regeln der Kunst, ob deutsch oder lateinisch, war für Josef Eberle eine "maßgebende" Identifikationsfigur, denn sein Handwerk, ob Buchhandel, Journalismus oder Poesie, verstand Sebastian Blau wie Josef Eberle und Apellus [39] . Das treue Festhalten am Alttestamentarischen im Sinne der jüdischen Familientradition, die durch seine Heirat die seinige geworden war, die aber auch deutsche beste Tradition gewesen war, bis der Naziterror ausbrach, läßt sich daran zugleich ablesen.

König David in Stuttgart

Eberle hat seine Rolle als lateinischer Dichter mit dem Rühmen begonnen, als er Theodor Heuß aus dem Munde des shakespearischen Handwerkers Peter Squenz begrüßt hatte. Er tritt 1957 in die Rolle des Festdichters für das humanistische Gymnasium Illustre Stuttgarts ein, des Eberhard-Ludwigs-Gymnasiums, eine Funktion, die 1936 der hochdekorierte lateinische Dichter Dr. Hermann Weller ausgeführt hatte. Es geht beide Male um ein Carmen gratulatorium für Stuttgarts älteste und berühmteste Schule. 1936 war es die 250-Jahr-Feier der 1686 gegründeten Anstalt, zu der Weller eine formvollendete klassisch-metrische Elegie mit eigener Übersetzung lieferte. Sie soll später betrachtet werden.

Der erste Anlaß für eine Festschrift nach der Kriegszerstörung ist die Tatsache, daß endlich ein neues Schulgebäude bezogen werden kann. Josef Eberles 3-strophiges lateinisches Vagantenlied im Archipoeta-Ton ist zum 6. April 1957, zum Tag der Einweihung des neuen Hauses am Herdweg, pünktlich in der Festschrift erschienen, die durch sein Gedicht eröffnet wird [40] .

Es fällt ins Auge, dass Josef Eberle unter seinem Festgedicht lateinisch als "Societatis pristinorum Collegii Illustris discipulorum socius h.c.", d.h. "Mitglied der Ehemaligen Schüler des Gymnasium Illustre ehrenhalber" firmiert. Josef Eberle war jedoch weder Stuttgarter noch jemals Schüler des Eberhard-Ludwigs-Gymnasiums gewesen - das hatte er jedenfalls mit Weller gemeinsam.

Er hatte das Progymnasium in Rottenburg mit dem Einjährigen verlassen müssen, da die verwitwete Mutter für ein Studium nicht aufkommen konnte.

Nun war er formell in den Verein der Ehemaligen des Ebelu aufgenommen, sicher auf Betreiben von Dr. Walther Sontheimer (1890 – 1984). Sontheimer war nach Jahren der Schulleitung in Ulm und Entnazifizierung selbst als ein Ehemaliger, Schüler und Lehrer, an die Schule zurückgekehrt: Der Verein der Ehemaligen war in Zusammenhang mit seinem Amtsantritt als Rektor 1951 gegründet worden. Die 1956 fällige Pensionierung war vor allem wegen seiner Verdienste um den Neubau des Eberhard-Ludwigs -Gymnasiums um ein Jahr bis zum 31. Juli 1957 aufgeschoben. Dr. Paul Ludwig, sein Stellvertreter und Herausgeber der Festschrift 1957, unterstützte die Kontakte Sontheimers zum Turmhaus lebhaft und bewies in einem Brief, wie aufmerksam die Lehrerschaft Eberles Initiativen beobachtet hatte. In den Mitteilungen der "Ehemaligen" wurde schon 1955 über den Übersetzungswettbewerb berichtet, der Eberles Lutetia-Gedicht betraf; Sontheimer schreibt damals Eberle selbst offenbar schon als "Ehemaligen" am 28.7.55 dringlich an: "Bitte: Das neue Mitteilungsheft des ELG-Vereins, das im August/September [41] erscheint, soll neben Ihrem Vergil-Aufsatz auch das Ergebnis des Preisausschreibens bringen. Nun sind 5 Arbeiten vorgelegt worden, die alle so ziemlich gleichwertig sind. Wären Sie in der Lage und bereit, statt dem einen Preis für alle fünf Bewerber einen solchen (Ihre "Horae" mit Widmung) auszusetzen?" Dr. Elmar Doch, einer der preiswürdigen Ehemaligen, war der pensionierte Oberbürgermeister von Ludwigsburg.

Zwei Jahre nach dem in der Schulöffentlichkeit demnach "berühmten" Paris-Gedicht stellt Josef Eberle sein Gedicht, betitelt ARCA, an der Spitze der Festschrift zur Schulgebäudeeinweihung.

Wie zufällig, unaufdringlich, nimmt Eberle fast wörtlich den biblischen Eingang des Lutetia-Gedichtes auf – "ut scriptum est" weist sogar auf die biblische Quelle hin. Er beschwört wieder in der ersten Stroph im ausgeführten Vergleich den psalmodierenden König David, der vor der Bundeslade, arca, einher tanzt und sie in das neue "Heiligtum der Stadt" zurückgeleitet. Auf sie, die Bundeslade, nicht auf David fällt diesmal stärker der Blick. Das Alte Testament ist gegenwärtig, die gleiche Vulgatastelle, die zum Lutetia-Eingang herangezogen wurde, wird geradezu nachzuschlagen suggeriert. Es sei hier nicht unerwähnt, dass nach dem Krieg in Deutschland in Schulbibliotheken und in den Familien die Alten Testamente rar waren: Das Regime der Nazis hatte sie systematisch verdrängt. Ein Heiligtum wird in Gestalt der Arca zurückerstattet, in das neue Haus übertragen: so wird der "focus sapientiae", der häusliche "Herd" der Weisheit, neu eingerichtet - eine Anspielung auch auf den Namen der Straße, "Herdweg", an dem die Schule nun liegt. Der Inhalt der arca ist aber das wesentliche, ex silentio zu Erschließende: Nach einer plausiblen Überlieferung sind es ja die Gesetzestafeln mit den 10 Geboten, die im Heiligtum das Zentrum des jüdischen Volkes darstellten.

Eberle überbrückt wortlos eine abgründige Epoche, indem er nach vorn blickt und Verantwortung vor allem für die Zukunft anmahnt, vorwärts schreitet er als Propagator der humanitas und als jemand, der durch die wechselvollen Zeiten dank der ethischen Richtschnur mit sich selbst in Übereinstimmung bleiben konnte.

ARCA

Carmen gratulatorium

David rex, ut scriptum est,

plenus pietatis

praesultavit fidibus

canens modulatis

arcae, quam cum sociis

rettulit ornatis

novum in sacrarium

suae civitatis.

Vobis et canendum est,

vobis et saltandum:

focus sapientiae,

bellum quem infandum

diruit, refectus est

modum in mirandum

Larem domus veteris

Accepturus blandum.

Arca nunc sollemniter

novum intratura

templum vobis omnibus

sit augusta cura:

ut prateritorum mens,

animi cultura,

in futurum maneat,

sicut fuit, pura.

Josef Eberle

Societatis pristinorum Collegii Illustris discipulorum socius h. c.

Die Lade.

Glückwunschgedicht

König David, wie geschrieben steht,

voll Frömmigkeit,

tanzte voran mit Saitenspiel

und mit Gesang, vor der Lade her,

die er mit den

geschmückten Gefährten

in das neue Heiligtum

seiner Gemeinde zurückbrachte.

Auch ihr sollt singen,

auch ihr sollt tanzen:

der Herd der Weisheit,

den der unsägliche Krieg

zerstört hatte, ist wieder errichtet,

auf erstaunliche Weise,

und bereit, den guten freundlichen

Geist des alten Hauses

Wieder aufzunehmen.

Die Schatztruhe, die nun

in den neuen Tempel zieht,

sei euer Augapfel,

damit der Geist der Früheren,

ihre Bildung -

so wie sie es war -

rein bleibe für die Zukunft.

Zum Mittanzen, zum Sich-mit-freuen lädt der Dichter alle socii freundlich ein: er gehört zu der Schulgemeinde, der ein Herd (focus sapientiae) neu gegründet wird, Heimstätte der Weisheit und Philosophie. Das Zentrum der neuen Schule enthält wieder die Gewähr für animi cultura und den höchsten Wert der Erziehung und Bildung, ein pectus purum zu haben, möchte man mit Ennius sagen. Zu erinnern ist an die griechische Devise der Schule: Nichts Übles trete ein – meden kakon eisito!

Das Gedicht brüskiert auch die nicht, die sich an einen obligatorischen Holzschrein erinnert fühlten möchten, der als Gefallenendenkmal seit dem 1.Weltkrieg, von einer Bronze-Plastik des Sterbenden Kriegers bekrönt, im Festsaal des zerstörten Schulhauses gestanden hatte. Die Erneuerung dieser hölzernen Lade war damals zwar geplant, der Schrein sollte erneuert die Erinnerungen an die Gefallenen nunmehr des 2. Weltkriegs aufnehmen, er wurde aber erst am im Dezember 1957 fertiggestelt und konnte beim Einzug in den Neubau noch gar nicht in Erscheinung treten [42] . Dennoch beziehen Zeitzeugen der Feier von 1957 Eberles Gedichttitel "Arca" spontan auf "den" Schrein der Schule [43] , dessen Bekrönung, Ludwig Habichs "niedersinkender Krieger" aus Bronze, aus den Trümmern "ausgeglüht" geborgen war und in derselben Festschrift 1957 ganzseitig abgebildet ist.

Diesen Schrein sollte Eberle mit der Bundeslade verglichen haben? Auch das Futur intratura kann kaum auf eine feierliche Überführung des Memorial-Schreines bezogen werden, die gar nicht stattfand, wenngleich Eberle die Ambiguität der Assoziationen in der Stimmung der damaligen Zeit und in der Trauer um die Schüler, die gefallen waren, hinzunehmen geneigt war.

Im Schrein, dem David voran tanzt, sind vielmehr stets die "Leges" aufbewahrt, –zu allererst einmal die 10 Gebote, der Dekalog, das ethische Zentrum des jüdischen Volkes und das der ganzen christlichen Welt, das Fundament der Gesittung. In württembergischen Kirchen, zum Beispiel in Markgröningen, trägt Moses mit den Tabulae die ganze Barockkanzel samt den Evangelisten! In Maulbronn am Chorgestühl ist Davids Tanz vor der Bundeslade dargestellt. Den Dekalog neu zu begründen, in Erziehung und in politischer Moral, das bedeutet den Aufbruch in eine Epoche, die sich von der Barbarei der Nazizeit innerlich und äußerlich abwendet. Erhabenes – augusta – galt es ab jetzt besser zu hüten: nämlich den letztlich dem Alten Testament der Juden verdankten ethischen Kanon humanen Denkens und Handelns, vor allem: "Du sollst nicht töten". In deutscher Sprache hatte Josef Eberle 1945 das Gedicht "Die Toten an die Lebenden" veröffentlicht, in dessen letzter Strophe es heißt: "Ihr wußtet nichts. Laßt uns den Streit beenden: / Es sei! Wir führen nicht wie Krämer Buch. / Die Zukunft aber liegt in euren Händen..." [44]

Beklommenheit könnte im Lehrerkorpus, in der Elternschaft um sich gegriffen haben, in Gedanken an die unvorstellbare Diskriminierung, die Davids Namen und Davids Volk wenige Jahre zuvor doch erlitten hatten. Das Alte Testament war seit 1935 aus den Schulbibliotheken verbannt gewesen.

Deshalb ist die Metaphorik des Tanzes Davids vor der Bundeslade, subjektiv unbefangen von Eberle eingebracht, objektiv zu diesem Anlaß und an dieser Stelle von erschütterndem pädagogischem Wert – nicht für die jungen Schüler, wohl aber für die Generation, die die Hitlerzeit durchlebt hatte.

Aber wie das Wort "pura" am Ende der drei Strophen integrierend und versöhnlich klingt, so bürgt Eberle in eigener Person für die menschenfreundliche und versöhnliche Stimmung seiner Verse, von denen er ja wußte, daß sie oberflächlich betrachtet niemand mehr überraschen konnten: Ihre Publizität war schon im Lutetia-Gedicht vorbereitet.

Wellers Festgedicht von 1936:

Ein Rückblick mag die Interpretation stützen und den Kontext der Vorgeschichte nachliefern:

Sehr feinfühlig nimmt Eberle Bezug auf das Gedicht, das Weller zwanzig Jahre früher gerade zum Beginn der Nazizeit der Jubiläumsfestschrift derselben Schule vorangestellt hatte. Es hatte keinen besonderen Titel. Von David war bei Weller 1936 die Rede nicht. Es gibt es in seinem Gedicht dennoch eine arca: ein Wort der Volkssprache, kein Wort der klassischen Prosa oder gehobenen Dichtersprache [45] , das bei Weller als "unpoetisches" Wort umso eher auffällt, denn der Ton seiner Festelegie ist hochgestimmt und sehr feierlich, wie auch seine deutsche metrische Übersetzung anzeigt.

 

CARMEN GRATULATORIUM

GYMNASIO DICATUM ILLUSTRI

POST DUO SAECULA DECEMQUE LUSTRA

IUBILAEI FESTUM SOLLEMNITER PERAGENTI

Fila move, fidicen, resonos da, tibia, cantus

jungite vocales carmina fausta, chori.

Prodiga purpureos, Aestas, effunde colores,

Ornet et Illustrem festa corona Domum.

Aonidum sacram celebremus rite palaestram

Sitque piae matri laudis opimus honor.

Salve, digna parens: ut Nicri, fertilis, ora

Nutristi magnos, tu quoque magna, viros.

Quae tibi succrevit, gaudet Stuttgardia prole:

Pulchra refert speciem filia quaeque tuam.

Dives inexhausta gemmas largiris ab arca:

Graecia quas orbi Romaque liquit, opes.

Maeonidae recreas iuvenes de fonte perenni,

Te duce Vergilii sacra fluenta bibunt.

Mellaque Teutonicis Heliconibus orta propinas
 

Et laudes patriae claraque facta refers.

Arma iubes librosque tuam tractare iuventam,

Ut tua sint populo pignora digna suo.

Vive diu, generosa parens, per saecula vive,

Cum patria flore, cresce vigeque tua.

Hermann Weller

Übersetzung:

Glückwunschgedicht, dargebracht dem

Gymnasium Illustre, das sein

250 –Jahr-Jubiläum feierlich begeht.

 
 

"Rühret die Saiten, ihr Spieler, laßt hell die Flöten erklingen,

Singet ein segnendes Lied, jubelnde Chöre, vereint.

Schütte verschwenderisch aus deine Purpurfarben, o Sommer,

Dass in dem festlichen Kranz prange dies herrliche Haus.

Laßt uns der musischen Schule die würdigste Feier bereiten,

Denn der Mutter gebührt Ehre und innigstes Lob.

Sei mir, Mutter, gegrüßt: wie des Neckars Fruchtland gesegnet,

Hast du, Große, so oft Große des Geistes genährt.

Töchter wuchsen dir nach: dein Stuttgart freut sich der Töchter,

Die dir, stattlich und schön, gleichen an Wesen und Art.

Und wir bist du so reich! Du hebst aus schenkender Truhe

Schätze, die Hellas der Welt, Schätze, die Rom hinterließ.

Aus Homers urewigem Born erquickst du die Jugend,

Weisest ihr auch zu Vergils heiligen Fluten den Weg.

Spendest den Nektar ihr, der strömt von den deutschen Parnassen,

Kündest der Heimat Preis und ihrer Helden Geschick.

Wehr und Wissen zugleich stellt du vor die Jugend als Hochziel

Und so gibst du dein Pfand wert seines Volkes zurück.

Lebe, du edle Mutter, noch lange Jahrhunderte lebe,

Und mit dem Vaterland blühe und wachse voll Kraft!

Hermann Weller. 1936".

Am 17. und 18. Juli 1936 ("Aestas") war das 250-jährige Jubiläum des Gymnasiums, das damals sein humanistisches Profil mit Griechisch behalten konnte, prächtig gefeiert worden. Die Losung der bereits fortgeschrittenen nazionalsozialistischen Ära war griechenfreundlich: "Erhaltung einer Kultur, die Griechentum und Germanentum gemeinsam umschließt". Römisches trat hinter dem direkten Verhältnis der Deutschen zu den Griechen sehr zurück. Der damalige Rektor der Universität Tübingen, der Gräzist Friedrich Focke, beschwor in der Grußansprache den Gedanken des "gymnasion" als einer Stätte germanisch-griechischer Leibeserziehung", man dürfe den "diskos" nicht nur deklinieren, man müsse ihn werfen können [46] . Das war auch von der bevorstehenden Olympiade (August 1936 in Berlin) angeregt. Trotzige Selbstdarstellung einer siegessicheren Wehrmannschaft äußert sich in den Reden und Texten der Festschrift, die erst 1937 erscheint. "Heil unserm Geschick!" sangen beim Festkonzert in der Stiftskirche im "Deutschen Bekenntnis" E. G. Kolbenheyers zum "all-einen" Deutschland, einer eigens gelieferten Festdichtung [47] , die Braunhemden "vom jüngsten Pimpf bis zum gereiftesten Primaner" unter neu verliehener Hitlerjugend-Flagge, ebenso wie sie das "Gloria" sangen.

Dennoch: Ein lateinisches Glückwunschgedicht, "in dem der schwäbisch-humanistische Geist besonders anmutende Gestalt gefunden, veröffentlichen wir", schreibt der Direktor Dr. Hermann Binder im Festbericht 1937, "im lateinischen Urtext und in der vom Verfasser gespendeten Übertragung" - das so gerühmte Gedicht stammt jedoch von einem Ehemaligen [48] , Weller wird nicht so gelobt: "wie wir auch dem diesen Band eröffnenden Carmen gratulatorium des poeta laureatus Hermann Weller seine deutsche Übertragung wieder beigeben". Volksnähe scheint geboten - eine mitgelieferte Übertragung Wellers hat nämlich sonst Seltenheitswert. Wellers Festgedicht steht doppelseitig (p. VI-VII) nach dem kurzen Vorwort. Schüler oder Lehrer am Ebelu war Weller nie. "Manchem Zeitungsleser wird noch in Erinnerung sein, wie Jahr für Jahr mit konstanter Regelmäßigkeit ein und derselbe Name als der des Preisträgers für die beste lateinische Dichtung durch die Zeitungen ging: Hermann Weller. Bei der großen Tradition des schwäbischen Humanismus, bei der Neigung unseres Stammes zum Tüfteln und Bosseln, und bei seiner unbestrittenen poetischen Begabung ist es gewiß kein Zufall, daß Hermann Weller, dieser "poeta semper laureatus" und Tübinger Professor für Indologie, Schwabe ist" – so wird 1946 Josef Eberle selbst seine Besprechung der 2. Auflage der Carmina Latina Wellers nach dem Krieg einleiten [49] , die dieses Carmen enthält, ohne Übersetzung, unter "Varia" nicht chronologisch eingeordnet [50] . Die Festschrift erst verdeutlicht, wie sehr auch Weller den Machtsymbolen der neuen Zeit Tribut zollte. Als vielfacher württembergischer Preisträger des Certamen Hoeufftianum - das letzte Praemium aureum hatte er 1935 erhalten - ist Weller in vorderster Linie präsentabel. Hat er, damals in Tübingen noch Privatdozent [51] , an der Stuttgarter Jubiläumsfeier teilgenommen oder nach Zeitungsberichten gearbeitet? Sein Gedicht ist 1936 datiert. Eindrücke der Feststimmung sind formuliert, beginnend mit dem symphonischen Festkonzert, dem Chor, der Blumenpracht in sommerlichen Farben, das entspricht der Dokumentation. "Filialgründungen" des Gymnasium Illustre sind angesprochen: deren Grußbotschaft wurde beim Festakt durch die "filia" Friedrich-Eugens-"Oberrealschule", "älteste Tochter des Stuttgarter Gymnasiums" [52] - überbracht.

Die zweite Hälfte von Wellers Elegie beschreibt die Schule mit Anspielung auf den Namen als illustrem...domum, metaphorisch als "Mutter" (dreimal im deutschen Text) , pia mater, die aus einer "Schatztruhe" (inexhausta...gemmas ab arca v.11, opes v. 12) erst die griechischen, die römischen und deutschen Bildungsgüter wie Edelsteine austeilt. In einem metaphorisch als Schatzkiste angesprochenen "Bibliothekscrinium" sind die Edelsteine der Literatur - nur Griechisches, Römisches und Deutsches - verwahrt, aber nicht gehortet: die mütterliche Schule reicht sie weiter und teilt sie aus. Bruno Roos, selbst Lehrer am Ebelu, hatte in einem Vorausbericht [53] am 16. Juli ganz entsprechend formuliert: "Mit Stolz nennt sich das Gymnasium noch heute humanistisches Gymnasium. Es will aber das antike Gut nicht als einen Hort betrachtet wissen, den man ängstlich hüten muss, sondern als ein Gold, das nur dann Werte schafft, wenn man es immer wieder neu prägt." Eine Reichtümer bereit haltende arca ist hier in der Bildvorstellung bereits entworfen. Wellers metaphorische Verwendung des Wortes "arca" als Schatztruhe scheint von dem auszumünzenden Goldvorrat bei Roos angeregt: Weller übersetzt selbst v. 11-12 mit "Truhe": "Und wie bist du so reich! Du hebst aus schenkender Truhe / Schätze, die Hellas der Welt, Schätze, die Rom hinterließ", die "Schatztruhe" der unvergänglichen Literatur, der Schätze der klassischen Literatur. Für Homer wird dann gleich das Bild vom unversieglichen "Born" danebengesetzt, Vergil, die epischen Gedichte natürlich, werden auch als trinkbares Labsal dargestellt (bibunt), schließlich laudes patriae claraque facta als "Nektar von deutschen Parnassen".

Arca, als Schatztruhe seit Plautus geläufig, enthält den Schatz der klassisch-antiken und der deutschen Literatur, die "Edelsteine" sind die "libri", die die Schule als weibliche "parens" hütet und verschwenderisch spendet (largiris). Hat Weller bei den Strömen aus Homers Quelle an einen südlichen Sarkophagtrog als Brunnen-arca gedacht? Bruno Roos hatte formuliert:

"In ganz anderer Weise als einst werden wir zu den Quellen unseres eigenen Volkstums vordringen und aus ihnen schöpfen. Aber in dem geistigen Schatz der Nation wollen und können wir nicht die Güter missen, die sie in gläubiger Sehnsucht angenommen und aus eigenem Geist zu eigenem Besitz umgeschaffen hat". Damit ist wohl "Hellas und Rom" gemeint.

"Arma", Waffen, im Zeitstil mit "Wehr" eingedeutscht, die Vorrang hat vor Büchern, ließe sich ebenfalls in einem Synonym von arca aufbewahrt vorstellen (armarium) [54] .

Jedenfalls - auch bei Weller läßt sich kein Anklang an den erwähnten Gefallenen-Schrein der Schule heraus zu hören, wie er damals in anderen Zeitungsberichten, nicht aber bei Roos, Erwähnung gefunden hatte. Nach Nennung Homers v. 13 und Vergils v.14 wird zuerst die Charakterisierung der deutschen Dichtung v.15-16, gipfelnd in laudes patriae, clara facta" eingeschaltet, dann erst v. 17 ein wörtlicher Vergilanklang: "arma... librosque" hörbar. Hier, nicht an Vergils Namensnennung anschließend, ist unter Hervorhebung am Versanfang von arma die Rede. Bücher, vorher aufgezählt, stehen jetzt nur an zweiter Stelle. Im Anschluß an die nationale "heldische" Formulierung, in Übersetzung Wellers: "Kündest der Heimat Preis und ihrer Helden Geschick" – hört man aus "Arma iubes librosque tuam tractare iuventam" den allgegenwärtigen Wehrerziehungsgedanken heraus, der Lehrpläne und Freizeit der damaligen Schüler längst stark bestimmte. Weller übersetzt markig alliterierend "Wehr und Wissen zugleich stellst du vor die Jugend als Hochziel" und umreißt v.18 als Erziehungsziel Kinder als "Pfand, wert seines Volkes". Die Schule, die "edle Mutter" soll mit dem Vaterland wachsen: "blühe und wachse voll Kraft": cresce – im letzten Vers 20 [55] . Kolbenheyer rief am selben Festtermin auf zum "all-einen Deutschland". Bei aller Dezenz des Latein hat Wellers Elegie im Kontext dieses Festes und dieser Festschrift auffallende Konformität mit "nationalpolitischen" Elementen, wie sie von Roos ausgedrückt wurden: "Und hingebender Dienst an Reich und Volk war immer die letzte Verpflichtung, die das Gymnasium seinen scheidenden Schülern mit auf den Lebensweg gab... So gilt es vor allem eine Jugend herauszubilden, die, ohne der geistigen Kraft und Tiefe zu ermangeln, doch unproblematischer und zäher, tatenreicher und zielsicherer ist, als das früher manchmal der Fall war. Hieran dienend mitzuarbeiten wird dem Eberhard-Ludwigsgymnasium höchste Ehre sein." Auf einem Sportfest, daß mit einer Gefallenenfeier verbunden ist, heißt es weiter in derselben Zeitung, "darf die Jugend den stolzen Ruf der Anstalt unter Beweis stellen, daß in ihr die die geistige Bildung stets Hand in Hand geht mit der Erziehung zu mutigem Einsatz und straffer Körperzucht".

Ist die Aufzählung der literarischen Schätze, eingeschränkt auf das Erbe Griechenlands, Roms und auf die deutsche Literatur, bei Weller nicht auffallend "beschränkt" ? Es fehlen im Rahmen der Schulsprachen schließlich die Franzosen, die Engländer – man denke nur an Shakespeare - und es fehlt die Grundlage der in Württemberg immer bedeutenden theologischen Studien, die Bibel.

Wir wissen: Das Alte Testament paßte damals nicht in den Schrein der Juwelen der Weltliteratur, obwohl das wort arca daran erinnern konnte. Polemik der Nazis besonders gegen das Alte Testament hatte ja längst massiv gerade auch in Tübingen ihre Vertreter. Im Oktober 1935 war außerdem zum Exempel ein staatlicher Religionslehrer Hans Faber vom Friedrich-List-Gymnasium [56] in Reutlingen strafversetzt worden, weil er sich geweigert hatte, Rosenbergs "Mythos des 20. Jahrhunderts" in die Bibliothek aufzunehmen und dessen Parole "Abgeschafft werden muß ... ein für allemal das sog. Alte Testament als Religionsbuch" zu befolgen.

Synkrisis

Die Synkrisis zeigt von dem gewonnenen Blickpunkt aus, wie das schlichte Gedicht Josef Eberles neben dem formvollendeten des Metrikspezialisten Hermann Weller einen Herzenston der gültigen humanitas trifft, während Wellers Opportunismus betrüblich erscheint. Oder sollte das Verwenden des Wortes arca bei Weller hellhörig machen? Vielleicht erkennt Eberle darin einen Appell, die ausgeblendete Latinität, die übergangenen Literaturen zu erinnern.

Eberles Treue zu sich selber, der subjektive Ansatz, sich dem David nahe zu fühlen und selbst aus der Enge des deutschen Dünkels auszubrechen, wirken befreiend. Paris und Jerusalem – doppelt hatte Eberle die berühmte Belegstelle des Alten Testamentes für "arca" Revue passieren lassen.

Die Eberle entgegengebrachte gediegene Wertschätzung hat das Schulkollegium an einer Musteranstalt des Landes in Sachen Klassischer Sprachen bewogen, ihn zu den Ihren zu rechnen, ja ihn um das lateinische Grußgedicht für die Festschrift zum Anbeginn einer neuen Ära anzugehen.

Eberle war hinreichend informiert, als er die Aufgabe übernahm. Sicher ist, daß er Wellers Gedicht aus dessen Nachkriegsausgabe der Carmina 1946 kannte: er hatte diese selbst sehr positiv besprochen. Er wird jedoch auch das Jubiläum 1936 und die Festschrift 1937 zur Kenntnis genommen haben, deren Reflexe Wellers Gedicht in Mitleidenschaft ziehen.

Eberle traf den richtigen, aber auch den versöhnlichen Punkt:

Sein Gedichttitel "Arca" weist sicher auf Wellers Umgang mit dem Wort hin, nimmt ihn auf, will dem Inbegriff der Tradition an der großen alten Schule einen neuen, belebenden, integren Sinn geben. Dabei hat er ein anderes Konzept: er evoziert ein ernst-heiteres Bild, dessen Bezüge auf dem zeitgeschichtlichen Hintergrund vieldeutig sind: Dem Fest des Einzugs in die neue Schule entsprechend wird der festlichste Einzug des Alten Testamentes zitiert und parallelisiert.

Dass Feinfühligkeit in "bezüglichem" Wortgebrauch in Zeiten des Gesinnungsterrors verbreitet war und indirekter Verständigung diente, bezeugt Eberle selbst: Er erläutert "bezügliches Lesen" so:

In eine Ausgabe der Pliniusbriefe, die er einem Freund zuschickte, legte er ein "Papierschnipfelchen" "zwischen den betreffenden Seiten" des "bezüglichen" Briefes Plin.epist.1,12: "Damals mußte ich mich auf die Lateinkenntnisse meines Freundes verlassen; Tyrannen haben ja ein empfindliches Gespür für alles, was ihnen widersetzlich und feindlich ist". Der bedeutete Satz, der die "moralische Widerstandskraft" auf den Punkt bringt, ist ein Ausspruch des Corellius Rufus: 'Warum, meinst du wohl, halte ich solche Qualen so lange aus? Einzig und allein deshalb, weil ich jenen Banditen überleben möchte, und wärs auch nur um einen Tag!'. Gemeint war Domitian, gemeint unter den damals sich verständigenden Freunden Hitler [57] .

Versöhnliches zu Weller

Wie herzlich der Umgangston zwischen Eberle und Hermann Weller war, ist schon deutlich geworden. Das zweite längere Faunsgedicht der Horae, "Faunus in nivibus saltans", ist Weller gewidmet, der sich für dieses Gedicht entschied, als Eberle ihm die Wahl überließ. "Eidyllion", zwei Strophen über denselben pompejanischen Faun mit dem Fink, trägt die Widmung an Sontheimer. Beiden Mentoren dankt Eberle viel: der schnelle Start ins Publizieren lateinischer Gedichte wäre ohne sie nicht zu verantworten gewesen.

Weller hatte seinerseits am 5.12.54 mit einer beziehungsreichen Bildpostkarte (Degas' "Tänzerinnen in Blau") in präzis bezüglichen Versen vom Datum des Posttages geantwortet, als ihm Eberle kühn das erste "Lehrgedicht" - "Carmen didacticum" - zugesandt hatte, den "Limes":

Spectatissime poeta

Quos ego versiculos a te, carissime, missos

Accepi, dederunt gaudia magna mihi.

Praecipue, quod non dubito quin in nive Faunus

Saltans, capripedis stirps numerosa dei, *

Astiterit tibi cantanti praeconia prisci

Limitis, et quae sint limitis ora novi.

Machte Tui novitate salis; sit, muneris huius

Et dator et genitor, gratia magna tibi!

S.P.D. Tuus H. Weller

5.12.54

*cf. Numerosus Horatius [58]

Hochverehrter Dichter,

Die Verse, die Sie, mein Lieber, mir zugesandt haben, habe ich bekommen: Sie haben mich sehr erfreut!

Besonders deshalb, weil ich sicher bin, daß der Faun, der im Schnee tanzt, der musikalische Abkömmling des bocksfüßigen Gottes, Ihnen zur Seite stand,

als Sie den Ruhm des altehrwürdigen Limes bedichteten und das Aussehen des heutigen beschrieben.

Wohl Ihrem ganz neuartigen Witz, für dieses Geschenk, daß Sie gemacht und gewidmet haben, großen Dank!

Es grüßt Sie herzlich Ihr H. Weller!

(geschrieben am 5. 12.54)

Ein wenig satyresk erschien Weller wohl die Laune, in der Eberle, tiro im lateinischen Dichten, sich gleich zu einem Langgedicht in 124 rhythmischen und reimenden Langversen aufgeschwungen hatte: Dieses schwäbisch-patriotische "Limes"-Gedicht hatte er (in dem Inhaber der Stuttgarter Turmhausdruckerei leicht herstellbaren Sonderdrucken) auch an Sontheimer und Heuss gelangen lassen. Sontheimers erhaltenes Widmungsexemplar zeigt, dass bei dem problematischen Opusculum keine Verbesserungsvorschläge eingetragen sind. Die unstrophischenVerse, von Caesars Prosasatz angeregt ("Omnis Germania duas in partes divisast") sind daktylisch-rhythmisch dem Hexameter nachempfunden und haben Endreim erst umgreifend, dann im Schema a-b-a-b, schließlich fortlaufend a-a-b-b. Ein geistiger Limes im Sinne der latinitas-Grenze wird entworfen:

"Loqui discebant: Et nos quoque sumus Romani!" Eberle war hier seiner Zeit voraus: Man bedenke, das berühmte Kennedy-Wort "Ich bin ein Berliner", meist aus dem Zusammenhang gerissen, bereitete Kennedy am 26. 6. 1963 zuerst lateinisch durch ein Zitat vor: Civis romanus sum – um inhaltlich im Anschluß daran am Ende der Rede deutsch abzuwandeln "Ich bin ein Berliner"! "Two thousand years ago the proudest boast was "civis Romanus sum." Today, in the world of freedom, the proudest boast is "Ich bin ein Berliner." Und erst mehrere Abschnitte weiter heißt es am Ende schließlich: "All free men, wherever they may live, are citizens of Berlin, and, therefore, as a free man, I take pride in the words "Ich bin ein Berliner." Er war aus Köln angereist, wo ihn die 2000-jährige römische Tradition der Stadt sehr beeindruckt hatte.

Eberle kombiniert etwas kleinlich mit dem Lob der Segnungen römischer Zivilisation eine Betrachtung über Vielredner norddeutscher Herkunft im schwäbisch-lakonischen Südweststaat der cislimitanei, die dank der Segnungen der römischen Abkunft und besonders des Weines allein die wahre Spachmusikalität besitzen. In die "Laudes" (1959) wurde das Gedicht nicht mehr aufgenommen, denn Theodor Heuß in Bonn hatte sich bedenklich geäußert.

Der Anfang des Langgedichts sei in nachahmender rhythmischer Übersetzung mitgeteilt:

Translation Langgedicht

Lehrgedicht: Der Limes

Deutschland im Ganzen zerteilt eine Grenze in Hälften,

so wie der Abend den Tag von der Nachtzeit zur elften

abtrennt, und Strandsand das Ufer von schwellenden Wogen:

So ist durchs Vaterland sauber ein Grenzstrich gezogen.

Ähnlich erscheinen die Leute dort, Landmann und Städter

gehen auf Beinen und halten die Nasen ins Wetter.

Außerdem sind sie als Nordlichter stolz auf die Sprache,

bühnenreif sprächen sie unsere – dass ich nicht lache!

Denn dass sie reden wie wir, diesem Wahne verfallen

sprechen sie stur nach der Schrift in ermüdendem Lallen:

als ob die Wörter allein schon den Sinn überbrächten –

hier macht der Ton die Musik, und wir treffen den rechten!

Ja, unsre Töne, die klingen, die reden verständlich.

Eure Vokabeln – da denkt man nur: Schweiget auch endlich!

Gänzlich entbehrt ihre Sprache der rhythmischen Vielfalt,

laut oder barsch oder aufdringlich reden sie viel halt:

ja, ihr Kommandoton kann ihnen selbst imponieren:

Milchbart, so denken wir, fang lieber an zu studieren.... [59]

Eberle hat sich immer selbstkritisch mit den Fehlern auseinandergesetzt, wie man sie z. B. gerade im Lateinschreiben macht. Das Mittelalter war ihm wie ein Trittstein auf dem Weg, schließlich die schwierigen Anfänge im metrischen Dichten zu riskieren. In den Inschriften, die er genau studierte, schien ihm die Licentia des lateinischen Alltags tröstlich: "Was die sprachliche und orthographische Fassung vieler dieser Inschriften betrifft, so darf man sagen, dass die Schreiber mit ihrem Latein im württembergischen Landexamen sicherlich durchgefallen wären....Ein humanistisches Vollgymnasium hätte nicht genug rote Tinte, alle diese Fehler anzustreichen" [60] .

Viele ernsthafte und heitere Voten akademisch ausgewiesener Philologen gab es für Eberle – eigentlich kein Wunder, dass fehlende Examina längst aufgewogen waren und der Ehrendoktor verliehen wurde, in Ansehung natürlich des wachsenden Oeuvres eines unermüdlichen Wissenschaftsjournalisten in puncto Antike. Besonders scheint aber allen bewußt gewesen zu sein, die ihn ehrten, wie viele hochdekorierte Altphilologen diesen Amateur der Latinität um seine wahre humanitas und integritas, um sein "purum pectus" Grund hatten zu beneiden.

Seine memoria soll geehrt werden.

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Wie Eberle ein besonderes Fest und einen für ihn sehr beglückenden Eindruck durch die Dichtung in die unverwesliche "Schatzkammer des Gedächtnisses" übernahm, kann das folgende Gedicht zeigen. Studenten und Professoren des Philologischen Seminars der Universität Tübingen hatten sich 1962 entschlossen, in einer akademischen Feier Professor Dr. h.c. Josef Eberle zum Tübinger Poeta Laureatus zu krönen. Das es sich nicht um Historiker, sondern um Literaturwissenschaftler handelte und da das kaiserliche Privilegium historisch gesehen erloschen war, krönte das versammelte Seminar Josef Eberle aus eigener Machtvollkommenheit. Ein studentischer Fackelzug zum Neckar und durch das nächtliche Tübingen macht das nachträglich entstandene Gedicht zu einem Nachtbild: der Eingang deutet darauf hin, dass Melancholie des Rückblicks den Dichter ergreift, der Lorbeerkranz welkt schon: das Gedicht aber verleiht dem glücklichen Abend Dauer.

Ad Memoriam Coronationis poetae

a.d.. Kal Iul. Anni MCMLXII

Dulci commixtum est semper amarum

Ita humanae se habent res:

Curat alatus temporis pes

Ne felicissimam quidem horarum.

Invidum felicitati manenti

Fallimus tempus memoria:

Ecce arescens haec laurea

Semper colore virebit recenti.

Viret iucunditas horae beatae,

lauro cum mihi cinereos

crines ornavit iuvenum flos

manus per teneras Musae Renatae.

Nec dissipatur praeconium vento,

os numerosum quod edidit –

nil nisi monitor defuit

clamans: te hominem esse memento.

Carmina quoque non prius audita

Nobis iuventae cecinit vox –

Usque sonabunt in auribus. Nox

Fluvium super vetustum finita

Attigit festivitatis cacumen:

Prisca sub urbe vagantibus

voce canora laetantibus

ipsum Tubingae aderat numen.

Ista in corde haerebit imago,

lampadum cuius luciditas

Mihi fulgebit per tenebras

Vitae. Sodales, gratias ago.

Sodalibus Seminarii Philologorum Tubingensis

Dedicatum ab

Iosepho Eberle

Poeta Laureato.

Zur Erinnerung

an die Krönung des Dichters

am 22.6.1962

Dem Süßen ist immer Bitteres beigemischt:

So ist es im Menschenleben.

Der Flügelfuß der Zeit geht achtlos auch

über die glücklichste der Stunden hinweg.

Die Zeit, die dem Glück die Dauer neidet,

überlisten wir durch die Erinnerung:

Schau, dieser welkende Lorbeer

Wird immer sein frisches Grün behalten!

Es grünt lebendig die erfreuliche und glückliche Stunde, als mir Musa Renata, die Blüte der Jugend, mit zarten Händen das schon aschgraue Haar

mit dem Lorberkranz schmückte.

Auch die Versansprache zergeht nicht im Wind,

die ein metrenkundiger Dichter

sprach – es fehlte nur der Mahner, der mir zurief:

"Gedenke, daß du nur ein Mensch bist!".

Auch Lieder, vorher nie gehörte, sang uns

der jugendliche Chor, sie werden mir

immer im Ohr bleiben. Die Nacht über dem altehrwürdigen Fluß neigte sich schon zum Ende,

da erreichte das Fest seinen Gipfel:

Die Gottheit Tübingens war selbst bei denen,

die in der alten Unterstadt umherschweiften

und sich an wohltönenden Gesängen freuten.

Dieses Bild wird in meinen Herzen

haften bleiben, der helle Glanz

seiner Fackeln wird mir

durch die Finsternisse des Lebens leuchten.

Ich danke euch, Gefährten.

Den Kommilitonen des Philologischen Seminars Tübingen, gewidmet

von Josef Eberle

Poeta Laureatus.

Das Entstehungsdatum ist nicht festzustellen, da im Tübinger Seminar keine Fassung des Einblattdrucks erhalten ist.

Nur für einen Tag: Die Tagesmode

Das Gegenbild zur Achtung vor der Tradition erlebt Josef Eberle wie die Professoren Tübingens, zu denen er seit 1961 gehört, als die Universität, als das angefeindete "Establishment" die Achtundsechziger ertragen muss. Liest man in den Exzerpten Eberles aus dem Jesus Sirach (Sir 6,18): Fili, a iuventute tua excipe doctrinam / et usque ad canos invenies sapientiam", so ist die Bitterkeit zu ahnen, mit der Eberle die Zeitströmung wahrnahm. Die Abwendung der studentischen Jugend von traditioneller Ästhetik, von den Werten und dem Optimismus der 50iger Jahre mußte herb enttäuschen. Eberle greift zur Satire. Ein Epyllion in Hexametern schildert ironisch das "Wiedergefundene Paradies" der neuen Generation mit ihren weltverbessernden Versprechungen: "invenies igitur iam non mala tradita nobis, / nos iamiam scelerum fontes abolevimus omnes." Alle Tradition ist vom Übel. Das führt Eberle weiter aus in einer Art zeitgemäßen Anti-"Schule des Schreibens", "Ars bene dicendi brevis huius more diei": "Kurze Anleitung zum Schreiben nach der Mode von heute" oder, wie er freier übersetzt, "Über die Kunst, nach der Tagesmode zu schreiben". Das Motto dazu stammt aus dem Prediger Salomo (Ecl 12,12): Faciendi plures libros nullus est finis. Enthalten ist sie in einer Gedichtsammlung, die paradoxerweise deutsch "Nie verstummendes Echo" von Josef Eberle und von Iosephus Apellus lateinisch "Echo perennis" genannt ist: Elegiae, Satirae, Didactica. Schnell erkennt man unter der Form des Carmen Didacticum die Satire: Ironie findet sich schon im Titel mit dem Aplomb der Wortstellung: huius ist herausgestellt - ein abfälliger Ton ist wahrzunehmen. Es handelt sich bei diesem Lehrgedicht von 1970 um eine Elegie, die formal Ovid verpflichtet ist, der Beginn zitiert die Ars amatoria (1,1-2). Bei einem Epigramm hatte er in ähnlich kritischem Ton eingesetzt:

Mensura

Siquis in hoc mores populo vult noscere, spectet,

quomodo tractentur lingua, senecta, pecus.

Der Maßstab

Wie es bei uns mit Gesittung bestellt sei, möchtest du wissen?

Nun, wie behandelt man hier Sprache und Alter und Tier? [1]

Vor einer barbaries generalis hat sich Eberle in der Vorrede zu den Laudes noch verwahrt. Memoria originum suarum, moris maiorum, historiae propriae deponere – wer diese Werte vertritt, gilt nun wirklich als laudator temporis acti. Das Bild des Baumes, der Wurzeln braucht, um Früchte tragen zu können (Laudes praef. p. 9), war Eberle Leitbild. Die junge Generation stellt diese Vorstellungen auf den Kopf. Enttäuschend ist, dass der neuen Kunst und Literatur mit ihren Happenings und schrillen Effekten und Tabubrüchen öffentliche Aufmerksamkeit und auch Anerkennung in hohem Maß zuteil wurde. Eingeschüchtert durch die Jugend, die mit dem Ruf "Trau keinem über dreißig!" und "Unter den Talaren der Muff von tausend Jahren!" die Tradition herausfordert, paßt sich der Literaturbetrieb an. Eberle nimmt kein Blatt vor den Mund. Es überrascht vielleicht, dass der zeitkritische Ansatz der Achtundsechziger bei Eberle, dem kämpferischen Feind der Nationalsozialisten, nicht gesehen wird. Eberle hat dieses Motiv nicht gelten lassen und empfahl wohl, wie sich schon gezeigt hat, einen anderen und weiseren Umgang mit den "tacenda" der älteren Generation.

45 Distichen, also 90 Verse rechtfertigen, Eberles "ars brevis" zu nennen, dem drei Bücher umfassenden Lehrgedicht Ovids gegenüber. Nüchtern proklamierte Ovid: Usus opus movet hoc (1,29). Ein peritus magister gibt seine "techne" preis, erzieht zu angepaßt-kultiviertem Benehmen im zivilisierten großstädtischen Rom, in aufrichtiger Belehrung. Doctor Apellus tritt am Ende der "Ars fumatoria" auch als redlicher magister hervor. Hier aber redet er hinter vorgehaltener Hand, er liest eigentlich seiner Meinung nach ungezogenen Skribenten die Leviten.

Inclutus auctor, clarus umreißen die unbescheidenen Ansprüche, auf die er nur zum Schein eingeht: Erfolg garantiert.

Ovids Ars:

Si quis in hoc artem populo non novit amandi

Hoc legat et lecto carmine doctus erit.

Si quis in hoc fieri populo vult inclutus auctor,

me legat, instructus carmine clarus erit.

(Horae: et doctus)

Ansehen als Autor in der Öffentlichkeit zu gewinnen ist das Ziel, aber erreichen wird der Befolger der drastischen Regeln, die hier ausgesprochen werden, trotz aller Tabubrüche und schockierenden Mittel nur einen Bekanntheitsgrad gerade "bis auf den morgigen Tag": Der Autor "von heute", das entlarvt das Schlußdistichon, ist eine Eintagsfliege.

Dist. (45)

Haec praecepta sequens tu non delebile nomen

Percipies – saltem crastinum adusque diem.

Wenn du dies alles befolgst, wird strahlen dein Ruhm bis ans Ende –

Oder genauer gesagt, bis auf den morgigen Tag.

Lateinisch und deutsch laufen die Distichen nebeneinander her und beleuchten dasselbe Anliegen im manchmal abweichendem Blickwinkel der Sprachen- und Assoziationsunterschiede. Mephisto im Pelz des Professors ist es, der den Autoren der Achtundsechziger Kulturszene Ratschläge erteilt. Nachdem das Szenario steht: ironischer magister und effektsüchtiger Adept, beginnt im 3. Distichon der Abstieg in eine Kaskade der Aischrologie.

Leitet Ovid die "Auffindung des Materials" als ersten Schritt mit 'principio' ein, (Ars I, 35)'

versetzt Eberle hier die Gewichte zur intensiveren Betonung: die erste Regel:

Omnia quae scripsere patres, dic stercore digna:

Hoc teneas, hoc sit regula prima tibi.

Alles, was bisher gedruckt, das wirf resolut auf die Miste (Schwäbisch auszusprechen!)

Dies ist das erste Gebot, merk es und präg es dir ein!

Alles ist - "Mist". Eberle vermeidet nur den seit der Zeit grassierenden Fäkalausdruck. Omnia ist schon ein hyperbolischer Anfang. Aber: Verwerfung alles bisher Geschriebenen, aller literarischen Tradition, Ablehung jedes Vorbilds soll neu sein? Die Haltung erinnert ja an Baccalaureus, dem Mephisto sagt: "Die Welt, sie war nicht, eh' ich sie erschuf". Vorbilder, auctores, exemplaria gelten nichts: Stercus, Mist oder Schlimmeres, ist alle Tradition. Das ist das neue Credo (3 - 5. Dist.) Da fragen ein paar Greise nach Goethe? Nie gehört von dem "homo", suggeriert Eberle!

Mephisto aus der Baccalaureus-Szene könnte fortfahren:

"Wie würde dich die Einsicht kränken:
Wer kann was Dummes, wer was Kluges denken,
Das nicht die Vorwelt schon gedacht? -
Doch sind wir auch mit diesem nicht gefährdet,
In wenig Jahren wird es anders sein:
Wenn sich der Most auch ganz absurd gebärdet,
Es gibt zuletzt doch noch e' Wein."

Das Sprichwort könnte auch schwäbisch sein. Aber Eberle hat dem verehrten "Zeitgenossen Goethe" gerade auf diese Verse erwidert: "Die Jugend meint, es werde original, /was man in modisch neue Kleider mumme, /Jedoch es steckt darunter allemal /Das alte Kluge wie das alte Dumme." [61]

Also: erste Regel: Hochmut gegenüber jedem Vorgänger – keine auctores gelten lassen, gerade Goethe dient als Beispiel.

Dann die materia: Von den Themen sollen "die scharfriechenden" gewählt werden: ein materialreiches Distichon mit Aufzählungen der stinkenden Items: Male mit Jauche die Welt, tauche die Feder in Mist: "Kurz, der Kloakenbereich". Der ist in einem Wortfeld des Anrüchigen drastisch umrissen, das "vulgo tacendum" macht sich breit (stercus, olet, sordet, squalet, atrox, pravum, turpe, palustre – schlüpfrig, procax, oculo-naso-auri molestum; violat mores – celebrat lutum: cacare; fimo pinge, stercore tingue stilum!) Die Anleitung, unter Verzicht auf jede Konvention literarisch oder journalistisch zu produzieren, wird überboten durch die Sujets, die jedes Tabu brechen: res acidas (6. Dist.)

(7./9.Dist.)

Quidquid olet, sordet, squalet vulgoque tacendum est,

quidquid atrox, pravum, turpe palustre, procax

Quidquid et est oculo nasoque aurique molestum,

quod violat mores, quod celebratque lutum –

En tua materies puerili congrua menti:

Mundum pinge fimo, stercore tingue stilum.

Alles, was stinkt und von Unflat starrt und was man verschwiegen,

alles, was roh und brutal, schlammig und frech und verrückt,

Alles, was Auge und Ohr und der Nase zuwider und eklig,

Anstand und Sitte verletzt, kurz, der Kloakenbereich –

Das ist der richtige Stoff, wie geschaffen für geistige Knaben,

male mit Jauche die Welt, tauche die Feder in Mist!

Wenn Dichter – nach dem alten Topos, dass Dichter lügen dürfen – angenehm und lieblich zu lügen wissen –blanda mendacia – so soll der Mode-Autor dabei jede venustas, ansprechende, gewinnende Gestaltung seines Werks - der Ton liegt auf blanda – vermeiden. Die Anweisung ist ebenfalls auf fünf Distichen verteilt. Es folgen zehn Distichen, die die Unverhältnismäßigkeit des Sujets focussieren: dolorculi – Wehwehchen werden zum "Weltschmerz", abgerundet durch die Ad-absurdum-Führung des sokratischen: noscat se ipsum sapiens. Mit Unbekümmertheit drückt Eberle Phänomene seiner Zeit auch in Vokabeln aus, die den neuen Moden entsprechen und die er sich einfach fabriziert:

Ecce dolorculus est quivis sociale problema / Alldie Wehwehchen begreif als rein soziale Probleme..

In Verdrehung der Junktur "res publica" erhält der lateinische Text eine Pointe, die in der Übersetzung verloren ist: "Publica res etiam, si male quando cacas. /Kommst du nicht täglich zu Stuhl, trifft die Gesellschaft die Schuld". Im Lateinischen steht: Publica res – Staatsaktion.

(19) Tabubrüche sind immer aggresiv, sie verletzen: hier ist dazu"placet" gesetzt, danach das Räsonnement des Autors: der es liest, verdient es nicht besser, suum dedecus ipse parat.

(Dist. 19)

Sis memor usque tuos lectores laedere diris:

Pluribus offendi – qua ratione? –placet.

"Hier noch ein weiterer Rat. Du mußt deine Leser beschimpfen;

Vielen gefällt er, ich weiß freilich den Grund nicht dafür".

Eberle redet der Publikums-Beschimpfung ironisch das Wort. Man denkt an die berühmten Literaten der Zeit, werden sie nicht namentlich erwähnt, sollen hier doch Daten genant sein, die zu Eberles Charakterisierung gut passen könnten:

Erstes Beispiel: Peter Handkes "Publikumsbeschimpfung" hatte 1966 Furore gemacht.

Zweites Beispiel: Hans Magnus Enzensberger. Ein erfolgreicher Literat der Achundsechziger, der 1955-57 Rundfunkredakteur in Stuttgart war, Büchnerpreis und 1965 die Gastdozentur für Poetik in Frankfurt erhielt: lateinische Motti aus Plinius oder der lateinischen Aschermittwochsliturgie oder der Aeneis in seinen Gedichten von 1955 bis 1970 gruppieren sich mit der "Nänie an die Liebe" zusammen, deren Incipit "Dies haarige Zeichen an der Abortwand" ist, oder mit der Schilderung der Müllabfuhr im Gedicht "Poetik-Vorlesung". Enzensberger empfahl das Kursbuch zu lesen, statt Lyrik, und begründete die gleichnamige Zeitschrift. 1968—69 hielt er sich in Cuba auf, von ihm stammt ein Flugblatt "Staatsgefährdende Umtriebe" 1968.

Drittes Beispiel: Günter Eich, auch er Rundfunkredakteur, aber erst nach 1933, Mitglied der Gruppe 47, seit 1957 mit Ilse Aichinger verheiratet, wurde 1968 mit dem Schiller-Gedächtnispreis des Landes Baden-Württemberg ausgezeichnet. Manche seiner Gedichte der damaligen Zeit sind vergessen, wie zum Beispiel "Latrine: Über stinkendem Graben / Papier voll Blut und Urin / Umschwirrt von funkelnden Fliegen / Hocke ich in den Knien....../ In den Schlamm der Verwesung / Klatscht der versteinte Kot."

Dann – zur Erinnerung an das eingeführte Gliederungsprinzip, nach den ersten zwanzig Distichen:

(Dist. 21) die 2. Regel: Altera discipulo nunc regula magna notanda est - die Verachtung der Grammatik wird sanktioniert: despice, temne, nega! Die Grammatik, der selbst der Heilige Vater unterworfen ist; "papa non ultra grammaticam" ist unwichtig. Die primitivste Voraussetzung allen Schreibens wird abgeschafft. Solözismen, Barbarismen gegen mos, exemplum, regula, norma sind die neue Norm. Der Tiro, der Adept ist dominus linguae – "sic volo, sic iubeo dicere debet erus" formuliert Eberle nach Iuvenals herrischer domina (Iuv. sat. 6.223 hoc volo, sic iubeo).

Auch die Theologie der Dichter - (Dist. 26) ist vom "Musenanruf" die Rede – ist umzuformulieren: numina sacra der modernen politischen Szene sind Inspirationsquelle der Generation, die alle Zöpfe abschnitt. Mao und anderen "patroni" gegenüber kommt dennoch wieder strengste Gläubigkeit zum Ausdruck. Ein komischer Kontrast entsteht: angerufen und in den Hexameter eingepasst werden lateinisch die Namen, die damals in Sprechchören durch die Straßen der Universitätsstädte tönten:

(Dist. 26)

Atque prius calamum quam sumis, numina sacra,

coeptis ut faveant, supplice voce roga:

Scilicet Hoh-Tschi-Minh, Mao-Tsé Sanctumque Fidelem

Aut alios quorum nomina forte sonent.

Usque patronos invocet hos tua pagina sanctos –

Dicta virum nescis? Fingere dicta licet.

Eh du die Feder ergreifst, knie nieder vor deinen Patronen,

bitte sie gläubigen Sinns, dass sie dir helfen beim Werk.

Flehe zu Hoh-Tschi-Minh, Mao-Tsé und dem heiligen Fidel

Oder zu Namen, die sonst Ware am gängigen Markt.

Immer wieder zitier, was an Sprüchen sie von sich gegeben,

hast du grad keine zur Hand, tun es erfundene auch.

Die letzten sieben Distichen spiegeln die Unzufriedenheit mit der öffentlichen Anerkennung und "Preisverteilung": der Erfolg beruht auf Schiebung und Absprache. Deshalb muss ein Literat hierin firm sein: Ultima nunc artis praecepta probata sequuntur – In einer Steigerung ist dem Adepten besonders ans Herz zu legen Klüngelei, Beziehungen schaffen: quaere rationes, sodales, / coniuncta cohors sunt ubivis critici. Kritiker sind, wie du weißt, Clique und Claque zugleich.

Eine Hand wäscht die andere: Spurca manus – luteam nonne lavare licet? (Mit einem Gedankenstrich läßt sich hier die Härte in der Verwendung von licet mildern.) Die deutsche Übersetzung ist grob: "Kritikern geh um den Bart und schmier ihnen Rotz um den Backen, weil eine schmutzige Hand gern eine dreckige wäscht. " Da bedauert man, dass Sebastian Blau nicht in Schwäbisch übersetzt hat.

(Dist. 43) Dann das Hauptgebot als prima supremaque lex: Te doctrina regat – vita magistra mala est. Wahr ist allein die Doktrin, falsch, was das Leben dich lehrt. Die Übersteigerung der doctrina kennzeichnet die Studentengeneration der linken Theoretiker; peregrinae voces, terminologische "inflatio" kennzeichnen den Stil. Maoisten und Kommunisten, antiamerikanische Demonstranten gegen den Vietnamkrieg, Studentengruppen, die die die Außerparlamentarische Opposition erfanden und Sit-inns vorbereiteten, diskutierten und theoretisierten - über den Generationenkampf und die Abrechnung mit der Elterngeneration, alle Probleme und Entwicklungsproblemchen wurden problematisiert und immer wieder diskutiert.

Die Achtundsechziger waren Studenten, in Berlin wie auch in Tübingen, die Universitäten litten unter den Zeitumständen. Ablehnung von Institutionen, z. B. Schulen und von der Autorität der Älteren – das prägte die Universitätsöffentlichkeit ein Jahrzehnt. Inzwischen ist bekannt, daß die Universitätsreformen nicht einmal von den 68ern erstritten, sondern schon früher angebahnt waren.

Die oxymorische Schlußpointe, daß alle diese Ratschläge nur dem von Bedeutung sind, der ein "non delebile nomen" –"aber gerade nur bis auf den morgigen Tag" - erringt, trifft sie zu?

Aus einer Kritik von Thilo Bock über Peter Handkes 'Publikumsbeschimpfung' am Berliner Ensemble im Jahr 2000: "'Theaterstücke haben einen zeitlich begrenzten Nutzen, wie Regenschirme oder Zahnbürsten, wenn sie ausgedient haben, gehören sie in die Mülltonne.' So Peter Handke vor einigen Jahren. Und betrachtet man die Sprechstücke, mit denen er populär geworden ist, möchte man ihm sofort zustimmen: Sie haben zwar mal provoziert, aber die Zeiten haben sich eben verändert. Wegschmeißen muß man sie nun nicht gleich, aber wegstellen, dem literaturhistorischen Regal anvertrauen sollte man sie schon. Trotzdem wird Handkes Debütstück, die "Publikumsbeschimpfung", wieder gespielt. Am Berliner Ensemble, als eins der ersten in der neuen Ära Peymann. Der Intendant knüpft damit an den Beginn seiner Kariere an, schließlich hatte er die Uraufführung der "Publikumsbeschimpfung" 1966 am Frankfurter Theater am Turm auf die Bühne gebracht. Damals war es das Theaterereignis des Jahres". (Quelle: Internet)

Schon 1970 wollten Eberles Freunde ihm für jedes seiner Distichen "eine Fülle von Beweisen herbeischaffen": "Ganz besonders gefreut haben mich die Pfeile, mit denen Sie auf die Kritiker, die Cliquen etc. zielen. Ich finde es immer wieder erstaunlich, wenn hochbürgerliche Zeitungen, die in ihren Leitartikeln gemäßigt konservativ und im Handelsteil sachlich kapitalistisch sind, ihre Literaturbeilagen aber neomarxistisch, hochgestochen soziologisch, scharf antibürgerlich schreiben lassen" schrieb der Verleger Dr. Walther Meier vom Manesse-Verlag, "als ich einmal einem Journalisten diesen Widerspruch vorhielt, sagte er: 'Ach, die Literatur- und Theaterkritik betrachten wir als Eselswiese. Gelesen werden diese Sachen wiederum nur von Literaten oder solchen, die es werden wollen...' [62] " Die tolle "Satire auf den Humbugsbetrieb [63] " - in der alten Traditionssprache Latein - hatte ins Schwarze getroffen.



[1] Sal niger (1964) S. 87.

[1] Josef Eberle, Lob des Lateins, Stuttgarter Zeitung v. 23.1.1958.

[2] Die lyrischen "Heimateindrücke für Frontsoldaten" durften trotz Schreibverbot vom 25. März 1935 mit Namen erscheinen, was den Eindruck erwecken konnte,auch Josef Eberle, zugleich der populäre Sebastian Blau, sei von der Partei vereinnahmt.

[3] Privatdruck Herbst 1971.

[4] : Karlheinz Geppert, hrsg.: Josef Eberle, Poet und Publizist, Stuttgart 2001, darin: Monika Balzert, Rühmen und gerühmt werden, S. 144.
In diesem Band S. 196-2001: Werkeverzeichnis Josef Eberles von 1928 – 2000.

[5] Heuss am 5.2.54:"Ich kann mich nicht entschließen, das –vv –vv wieder einmal nachzuzählen, sondern sage nur "danke schön."

[6] Hildebrecht Hommel, "Hundert Körner schwarzen Salzes". In: Stuttgarter Zeitung v. 19.9.1964.

[7] Stuttgarter Zeitung v. 11.9.1976: Friedrich Weigend, "Romulus Apellus; Versuch über die Latinität des Josef Eberle".

[8] Vorspann zu: "Urticae/ Brennesseln", Epigramme lateinisch und deutsch, Stuttgarter Zeitung vom 9.7.1962.

[9] Als Motto in Eberles Mappe "Arcu lyraque". Vereinfacht nach Plin.nat. 35,84: Devise des griech. Malers Apelles.

[10] Hildebrecht Hommel am 10.12.55: Sebastiano Kyaneo: "Heus! Quanta spectacula/ habebamus nuper/ cum tu sine macula/ praedisertus uber/ usus et vernacula / lingua et latina/ nobis auscultacula/ es largitus trina./ Nam ut olim Ennius/ tria corda unus/ habes."

[11] Eberle brieflich am 11.8.54 an Otto Seel nach Erlangen.

[12] Abgedruckt am 13. Juni 1957 im Bericht der Stuttgarter Zeitung .

[13] Wilhelm Jordan "Ausgewählte Stücke aus Cicero auf biographischer Grundlage", Jordan-Sontheimer ab der 12. Auflage 1931. Ende Juli 1957 pensioniert, ist Sontheimer (mit Alfred Druckenmüller in "Mitteilungen des Vereins der Ehemaligen" Sept.1961, S.80 abgebildet) von 1964-1975 Mitherausgeber des "Kleinen Pauly".

[14] Laudes praef. p. 9.

[15] Josef Eberle, Aller Tage Morgen, DVA Stuttgart 1974.

[16] gr. "tamieion".

[17] Zu "Arche Amors", "Arche Noahs" vgl. Bettina v. Freytag, Eifrig als Sammler..., in: Karlheinz Geppert, Josef Eberle...(2001), S.180-183.

[18] Bei Gellius VI,17,9.

[19] "Laudes". Carmina latina. Tübingen (Wunderlich-Leins) 1959, S.15-17, Änderungen, aber gleiche Strophenzahl.

[20] am 30.6.54 brieflich.

[21] am 11.7.54.

[22] Hermann Wellers Brief vom 24.6.55 nimmt Bezug. Abgedruckt in: Interview mit Cicero (1956) S.105-129, hier S. 128.

[23] Die Gedichte des Archipoeta. Kritisch bearbeitet von Heinrich Watenphul, hrsg. v. Heinrich Krefeld, Heidelberg 1958, Zitat S. 21:"die an sich nächstliegende Annahme..., dass der Dichter ein Deutscher war".

[24] Privatdruck: Der Archipoeta. Vortrag Stuttgart 1959. "Dieser Vortrag wurde vor der Akademie der Diözese Rottenburg am 30. Juni 1959 in Stuttgart gehalten."

[25] Nr. X Watenphul nach Grimm (VII Langosch).

[26] Watenphul-Krefeld polemisiert S.146 bereits gegen die Änderung in arca, die Mauriz Schuster schon 1929 vorgeschlagen hatte, und nennt Belege für "arx cerebri" ( Sidonius c. 2,5,238 al.).

[27] Der Wunsch wurde schon am 4.11.54 nach der Lektüre der Horae von Meier brieflich ausgesprochen.

[28] "arce" in "Die Beichte des Archipoeta", Stuttgarter Zeitung v. 28.3.1964. "arca" in: Josef Eberle, Gedichte des Archipoeta, Lateinisch und deutsch, Insel-Bücherei Nr. 887, Frankfurt 1966, Nr. 10, S. 106 f.

[29] Stuttgarter Zeitung vom 22.12.1962 am Sockel des Aufsatzes von Prof. Hubert Schrade: "Über die Schreiber des Mittelalters".

[30] Karlheinz Geppert, Josef Eberle, Poet und Publizist, Lebensweg und Lebenswerk, Stuttgart 2001, S. 32f.

[31] Die erste Strophe im Wiederabdruck Laudes (1959) ohne Änderungen.

[32] Psalterium profanum (1962) S. 49: "Für seine klassische Bildung und seine Bibelfestigkeit zeugen seine Verse in jeder Zeile."

[33] Drei Epigramme am 30.12.1967 in der Stuttgarter Zeitung zum Neuen Jahr 1968 (Buddha, Voltaire, Lichtenberg)

[34] Otto Seel brieflich an Eberle am 3.3.55.

[35] Stuttgarter Zeitung vom 10.7.1976.

[36] Zur Aufführung am 2. Dezember 1863 in Löwenberg. Grundsätzliches zu "David als Meistersänger" und zum "Davidsgewinn": Walter Salmen, König David - eine Symbolfigur in der Musik, Wolfgang Stammler Gastprofessur, Universitätsverlag
Freiburg Schweiz 1995, S. 18 - 21.

[37] Stuttgarter Zeitung v. 18.7.1976, dann in: Caesars Glatze, Stuttgart 1977, S. 198-207 (ohne Abbildungen!);
"Concha Augustini" zum Augustin-Jubiläum am 13.11.1954.

[38] Sein Dankgedicht an das Tübinger Seminar (s. unten) gelangte durch Else Eberle kurz vor ihrem Tod 1989 an Prof. Ulrich Ott, Marbach.

[39] Abb. Stuttgarter Zeitung 18.7.76 (Brücke zur Welt).

[40] Festschrift zur Neubaueinweihung des Eberhard Ludwigs-Gymnasiums in Stuttgart 1957, hrsg. Dr. Paul Ludwig, Stuttgart 1957, S. 7.

[41] Leider war das Heft vom Herbst 1955 nicht greifbar.

[42] Auf der Unterseite Fertigungsdatum "16. Dezember 1957" und Adresse des Stuttgarter Schreiners.

[43] StD Wolfgang Dittus brieflich am 2.11.2001 an OStD Peter Mommsen.

[44] In: Das heimliche Deutschland. Blätter der Widerstandsbewegung... Jahreskundgebung am 22.8.1946, Berlin, S.2: Josef Eberle, Die Toten an die Lebenden.

[45] ThLL II (1906) Sp. 431: "Voce ab altiore stilo scriptorum poetarumque aliena".

[46] Festschrift 1937 S. 26f.

[47] Festschrift 1937, p. V und S.3.

[48] Festschrift 1937, Paul Bracher, Iter matutinum: Frühgang eines Schulveteranen, S. 44-46.

[49] Stuttgarter Zeitung vom 2.11.1946 (Die Brücke zur Welt).

[50] Hermann Weller, Carmina Latina, 2. Aufl. Tübingen 1946, Varia S. 237.

[51] Erst 1938, anläßlich seines 60. Geburtstags, wird Weller zum a.o. Professor ernannt, vgl. Uwe Dubielzig, Die neue Königin der Elegien. Hermann Wellers Gedicht Y, in diesem Band S.

[52] Festschrift 1937, S. 27.

[53] Vgl. Festschrift 1957, T.XX, Totentafel S. 135. Vorausbericht von Bruno Roos im Stuttgarter NS-Kurier vom 16.7.1937.

[54] Alle Valenzen waren im Thesaurusartikel s.v. arca ThLL II (1906) greifbar.

[55] Schicksal eines Festteilnehmers 1936 (Jahrgang 1919): Eintritt in die HJ 1934, Führerlehrgang Gebietsführerschule Solitude Frühjahr 1936, Freiwilliger, ärztlich untersucht am 14.1.37 im Wehrbezirkskommando Stuttgart I, Abitur Frühjahr 1937, auf den Führer vereidigt am 1.5.37 (...), Kopfschuß tödlich am 26.5.40 - dokumentiert jetzt im "Schrein". 12 am 3.3.55 brieflich. 13 Heft vom Herbst 1955 mir nicht greifbar.

[56] Zur Kampagne gegen das AT als Schulbuch: Eberhard Röhm, Jörg Thierfelder, Juden, Christen, Deutsche, Bd.2/!: 1935-1938: Entrechtet. Calwer Taschenbücher 9, Stuttgart 1992, S. 219-235.

[57] Josef Eberle, Ein Pliniusbrief. In: Lateinische Nächte, 21967, S. 159-162. Zitiert von Eberle schon in: "Interview mit Cicero"(1956), S. 9.

[58] Ov.trist.4,10,49 tenuit nostras numerosus Horatius aures.

[59] Übers. M. Balzert.

[60] "Lateinische Nächte" (1967), S. 149f.

[61] Josef Eberle, Zeitgenosse Goethe. Sprüche und Widerspruche. Stuttgart 1977, S. 57.

[62] Brief v. 11.2.1970.

[63] so Kultusminister a.D. Gerhard Storz (2.2.1970).
Für Einsichtnahme in den Nachlaß von Professor Dr. h.c.Josef Eberle und die Erlaubnis zur Benutzung des Materials bin ich dem Deutschen Literatuarchiv Marbach zu Dank verpflichtet.



Autor (author): Monika Balzert
Dokument erstellt (document created): 2002-08-13
Dokument geändert (last update): 2002-08-22
WWW-Redaktion (conversion into HTML): Manuela Kahle & Stephan Halder
Schlussredaktion (final editing): Heinrich C. Kuhn