Vivat Germania latina, Vivat Latinitas teutonica!

Walter Berschin

Neulateinische Utopien im Alten Reich(1555-1741)



Im mare magnum der neulateinischen Literatur bilden die utopischen Schriften so etwas wie glückliche Inseln; sie sind im wesentlichen kartographiert, anschaulich beschrieben, relativ leicht zu besuchen und hinterlassen nachhaltige Eindrücke. Utopia, dieses absichtlich oder versehentlich schief gebildete Graecolatinum [1] des Thomas Morus mit der Bedeutung "Nirgendwo", "Nirgendwo-Land", "Nirgendheim" ist in alle großen modernen Sprachen eingegangen; überdies hat das Titelwort gattungsbildend gewirkt wie zweihundert Jahre später der Robinson (1719) des Daniel Defoe. So wie sich die "Robinsonade" zunächst durch ihren Bezug auf das Gründungswerk der Gattung definiert, so hat auch die in vielen Sprachen verbreitete "Utopische Literatur" ihren Prototyp. Die Utopia, mit der Thomas Morus die Atlantis-Erzählungen Platons weitergesponnen hat [2] , ist zweifellos das gegenwärtig bekannteste neulateinische Werk. In der utopischen Literatur, der wohl einzigen modernen Literaturgattung, die einen neulateinischen Namen trägt, sind die Neulateiner präsent geblieben, jedenfalls durch den libellus vere aureus des Morus, den "Sonnenstaat" des Campanella und die "Neue Atlantis" des Francis Bacon. In einem Taschenbuch ist diese Trias – in deutscher Übersetzung – seit 1960 in 26 Auflagen mehr als 100000mal gedruckt worden [3] . Die Auseinandersetzung mit utopischen Motiven geht weit über das Literarische hinaus; Philosophie, Staatsrecht und Politische Wissenschaft sind beteiligt durch Vertreter so unterschiedlichster Couleur. Eine rege philosophische Publikationstätigkeit zum Thema versetzt den Interessenten in die Lage, relativ leicht die Texte lesen zu können; da diese neuen Ausgaben oder Nachdrucke nicht auf der folgenden Liste verzeichnet sind, seien sie eingangs genannt.

Von Stiblins Eudaemonensium Republica, der ersten Schrift in der Nachfolge der 1516 erstmals publizierten Utopia des Morus, gibt es eine zweisprachige Ausgabe von Isabel-Dorothea Jahn [4] . Andreaes Christianopolis wurde von Richard van Dülmen lateinisch/deutsch herausgegeben [5] . Keplers Somnium ist neuerdings in der Kepler-Gesamtausgabe ediert [6] . Die Nova Atlantis von Francis Bacon liegt in einer neuen italienisch/lateinisch/englischen Ausgabe vor, deren bibliographische Daten nicht so leicht zu nennen sind. Im Impressum steht der Mailänder Verlag Mondadori. Auf der Titelseite erscheint ein Silvio Berlusconi als Editore [7] . Die Einleitung ist unterzeichnet mit Massimo Cacciari, die italienische Übersetzung stammt von Carlo Carena. Für den lateinischen Text ist als Leittext die 6.Auflage, Amsterdam 1661, benutzt worden – leider nicht der beste Druck [8] . Ein Facsimile der Erstausgabe von Bidermanns Utopia ist Teil eines Dissertationsdruckes von Margrit Schuster [9] . Die Scydromedia des Antoine LeGrand wurde herausgegeben und übersetzt in einer Dissertation von Ursula Greiff [10] .

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Inwieweit hat die Germania latina mit den utopischen Autoren und ihren Werken zu tun? Zur Beantwortung dieser Frage sind im folgenden die einschlägigen Autoren, die Titel ihrer Werke, die Erscheinungsorte und –daten aller feststellbaren Auflagen in tabellarischer Form zusammengestellt.

Autor

Titel

Erscheinungsort

und -jahr (bis 1800; ohne Gesamtausgaben)

Thomas Morus Utopia Löwen 1516
Paris 21517
Basel 31518
Basel 41518
Florenz 51519
Löwen 61548
Köln 71555
Basel 81563
Löwen 91565
Löwen 101565
Löwen 111566
Löwen 121566
Wittenberg 131591
Frankfurt/M. 141601
Hannover 151613
Hannover 161619
Mailand 171620
Köln 181629
Amsterdam 191629
Amsterdam 201631
Oxford 211663
Frankfurt/M. 221670
Helmstedt 231672
Frankfurt/ 241689
Glasgow 251750
Hamburg 261752
1 Casparus Stiblinus Commentariolus de Eudaemonensium
Republica
Basel 1555
2 Josephus Hall Mundus alter et idem Frankfurt/M.(?) 1605
Hanau 21607
Frankfurt/M. 3ca.1640
Utrecht 41643
*Bartholomeus
Delbene
Civitas veri sive morum Paris 1609
3 Johannes Valentinus Andreae Christianopolis Straßburg 1619
4 Thomas Campanella Civitas Solis Frankfurt/M. 1623
Paris 21637
Utrecht 31643
5 Iohannes Keplerus Somnium sive De Astronomia Lunari Sagan 1630
Sagan/ 21634
Frankfurt/M.  
6 Iohannes Victorius Rossi Eudemia Leiden (Köln?) 1637
Köln 21645
Köln 31712
Köln 41740
7 Franciscus Bacon Nova Atlantis London 1638
London 21638
Utrecht 31643
Amsterdam 41648
Leiden 51648
Amsterdam 61661
*Iacobus
Bidermannus
Utopia Dillingen 1640
Dillingen 21644
Köln 31649
Genua 41666
Venedig 51668
Dillingen 61670
Dillingen 71691
Dillingen 81714
Augsburg 91762
8 Lucius Cornelius Europaeus (=Julius Clemens Scotti?) Monarchia Solipsorum Venedig 1645
Venedig 21648
Venedig 31651
Helmstedt 41665
? 51673
London 61680
9 Samuel Gott Nova Solyma London
1648
London (?) 21649
10 Antonius Le Grand Scydromedia, seu sermo, quem Alphonsus de la Vida habuit coram comite de Falmouth, de monarchia London (?) 1669
Nürnberg 21680
11 Ludovicus Holberg Nicolai Klimii
Iter subterraneum
Kopenh./Leipzig 1741
Kopenh./Leipzig 21754
Kopenh./Leipzig 31766
Kopenh./Leipzig 41776

Zu einzelnen Autoren ist folgendes zu bemerken. Die Civitas veri sive morum des Bartholomeus Delbene steht auf dem Blatt, weil sie im Rahmen der Literaturgattung diskutiert wird. Wer in dem prächtig ausgestatteten Buch blättert, wird zumindest eine Darstellung finden (Abb.1), die lebhaft an die urbanistischen Konzepte utopischer Autoren wie Campanella und Andreae (Abb.2) erinnert. Die Architektur hat riesige Ausmaße, ist geometrisch angelegt und streng zentralisiert. Jedoch zeigt schon die Lektüre der Beschriftung, daß es sich bei Delbene nicht um ein soziales Gebilde handelt; denn die fünf radialen Straßen der Stadt haben Tore, die von Osten (unten) ausgehend (im Uhrzeigersinn) folgende Namen tragen Porta de la Vista, Porta de lodorato, Porta del gusto, Porta del tatto, Porta de ludire. Trotz der teilweise kuriosen italienischen Worttrennung erkennt man hier sofort die fünf Sinne. Die so futuristisch und totalitär anmutende Stadt ist also Bild des einzelnen Menschen.

Die Stichprobe zeigt, daß wir in Delbenes Civitas keine soziale oder politische Schrift vor uns haben, sondern eine Anthropologie. Die Utopie ist, um hier gleich einige Definitionen einzuführen, die auf einen Minimalkonsens rechnen können, das "Wunsch- oder Furchtbild" eines Gemeinwesens [11] , sie stellt dar "une communauté... comme idéal à réaliser... ou comme la prévision d'un enfer" [12] , sie beinhaltet «Search for the Ideal Society» [13] . All das liegt bei Delbene nicht vor. Seine Civitas veri ist vielmehr eine allegorisch-didaktische Ethik, in der die Nikomachische Ethik des Aristoteles in Form eines Gedichtzyklus mit Kommentar und Bildern aktualisiert wird. Das Werk ist auf unserer Liste nicht in die fortlaufende Numerierung einbezogen, also nicht als Utopie gezählt.

Jakob Bidermann hat nach Thomas Morus das erfolgreichste Buch geschrieben, das im Titel einen utopischen Horizont anspricht; aber schon der Untertitel Sales musici sagt, worum es sich handelt: um "geistreiche Späße" nämlich zur Unterhaltung und Belehrung. Die Gesamtform dieses erst aus dem Nachlaß Bidermanns († 1639) publizierten Werks sollte man vielleicht besser als "Novellenzyklus" mit kunstvoll gestalteten Rahmenerzählungen denn als "Roman" [14] bezeichnen. Einer Untersuchung bedürfte noch die Frage, ob die satirische Landkarte, die der zweiten Auflage der Utopia Bidermanns (1670) beigedruckt wurde [15] , nicht von Halls Mundus alter et idem abhängt. Bei Hall gibt es z.B. eine Provinz Golosini, deren Hauptort natürlich Cucina heißt; sie wird begrenzt von den Zuckery colles, an deren Fuß ein Ort namens Marzapani liegt. In der Idee ganz ähnlich erscheint auf der Bidermann zugeschriebenen Karte der Utopia von 1670, oben eine Gegend namens Frissgoiae Pars, in der Orte namens "Leckerbissen" (Lautitia) und "Weinrausch" (Crapula) liegen. Und durch die Gegend schlängelt sich der Nectar Fluvius. Von da geht wohl eine direkte Linie zur "Schlaraffenlandkarte" des kaiserlichen Generals Johann Andreas Schnebelin († 1706), die 1716 als Utopiae tabula mit weit über tausend scherzhaften Namen vom Typ Bibonia Regnum "Trinkland" etc. erschien [16] .

Solcherlei gelehrte Späße zeigen die Richtung an, in die Bidermanns Utopia zielt. Sie will in unterhaltsamer Form Moralisches und Stilistisches vermitteln, zeigt aber keinerlei staatliche und sozialen Ambitionen; deshalb wird sie von uns ebenfalls nicht als utopische Schrift im engeren (politisch-sozialen) Sinn aufgefaßt, also nicht mitgezählt.

Zum Werkverzeichnis insgesamt ist zu sagen, daß keine Rücksicht darauf genommen wurde, ob der lateinische Text als Version eines volkssprachigen Textes desselben Verfassers erschienen ist, bzw. ob der Verfasser selbst seinem lateinischen Text eine volkssprachige Fassung zur Seite gestellt hat. Solche Fragen wären bei Campanella, Bacon und Holberg zu erörtern.

In der Autorenreihe sind zwei Namen zu diskutieren. Die Autorschaft der Monarchia Solipsorum (nr.8) ist schon bald nach Erscheinen dieser bitterbösen Satire auf den Jesuitenorden verschieden benannt worden. Nach herrschender Meinung war Verfasser der Exjesuit Julius Clemens Scotti aus Piacenza (1602-1669); allerdings ist auch immer wieder der österreichische Jesuit Melchior Inchofer (1585-1648) genannt worden, der u.a. die sprachgeschichtlich interessante Historia sacrae Latinitatis (Messina 1635, München 1638, Prag 1742) verfaßt hat [17] .

Der Name Samuel Gott (nr.9) wird in einigen Katalogen mit John Milton gleichgesetzt. Das geht zurück auf die Ausgabe der puritanischen Utopie Nova Solyma, die Walter Begley 1902 mit dem Untertitel "Drawn from Obscurity, and Attributed to the Illustrious John Milton" in englischer Übersetzung publiziert hat [18] . Diese Zuschreibung ist längst widerlegt durch einen Aufsatz von Stephen K.Jones in der Bibliophilen-Zeitschrift The Library [19] ; daß Milton immer noch als Verfasser der Nova Solyma durch unsere Bibliographien geistert, ist nur der maxima vis inertiae zuzuschreiben, die unsere Lexikonindustrie ins Gigantische vergrößert hat.

Bei den Erscheinungsorten stehen auf der Liste einige Fragezeichen. Hier ist folgendes anzumerken: Zu nr.2 wird vom englischen Übersetzer John Millar Wands [20] (1981) des Mundus alter et idem angegeben, daß der Druckort der ersten Auflage fiktiv sei. Die Drucktype zeige, daß das Buch in London gedruckt worden sei. Bei nr.5 ist das Jahr und der Ort der Erstausgabe von Keplers Somnium anhand eines Exemplars der Universitätsbibliothek Halle eingetragen sind. Der Druck von 1634 wäre bereits die zweite Auflage. Schließlich ist noch darauf hinzuweisen, daß die vierte Auflage von Hall (nr.2), die dritte von Campanella (nr.4) und die dritte von Bacon (nr.7) in ein und demselben Band zusammengedruckt sind propter affinitatem materiae. Diese erste Trias utopischer Schriften in einem Band ist wichtig als Beleg für das Bewußtsein einer utopischen Literaturgattung.

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Bernhard Kytzler hat in einem Aufsatz "Zur neulateinischen Utopie" [21] die Texte der Gattung kreuz und quer befragt und dabei auch die regionale Verteilung der Autoren gestreift. Nach ihm sind «unter den 11 Autoren

4 Engländer (Morus, Bacon, Hall, Gott);
4 Deutsche (Stiblin, Bidermann, Andreae, Kepler);
2 Italiener (Campanella, Rossi);
1 Skandinavier (Holberg)» [22] .

Diese 11 sind nicht vollkommen identisch mit den elfen unserer Liste. Morus' Utopia haben wir als das die Gattung begründende Werk in einer Sonderstellung belassen und Bidermann ausgeschieden; dafür sind Scotti (?) und LeGrand hereingekommen. Verschiebt sich damit die Statistik? Kommt mit LeGrand endlich ein Franzose in die Nationalitätenliste? Hier stoßen wir auf einen interessanten Grenzfall. LeGrand stammt aus Douai, einer Stadt im heutigen Nordfrankreich. Allerdings gehörte Douai zur Zeit der Geburt LeGrands, seines Studiums und der Lehrtätigkeit an der dortigen Universität "noch zu den Spanischen Niederlanden»" [23] , also in damaligen Grenzen gesprochen: zum Reichsgebiet. 1667 wurde Douai von den Franzosen in den euphemistisch so genannten "Devolutionskriegen" erobert. Ein Jahr danach ist LeGrand bereits in England, was von Douai aus nahelag; denn Douai war ein bedeutender Zufluchtsort der englischen Katholiken, und Engländer waren in diversen katholischen Kollegien der wallonischen Stadt stark vertreten. Ab dem Jahr 1669 publizierte LeGrand übrigens nicht mehr französisch, sondern nur noch lateinisch.

LeGrand ist also eine Figur, die sich in das Nationalitätenkonzept, wie es sich erst im XIX.Jahrhundert scharf herausgebildet hat, kaum einordnen läßt; deshalb wollen wir diese Art der Bilanzierung nicht fortschreiben, sondern eher die Rezeption der neulateinischen Utopien in der Nachfolge des Morus betrachten. Dieser Versuch, die Rezeption festzustellen, beschränkt sich auf den Bereich, wo einigermaßen zuverlässige Daten zu gewinnen sind, nämlich die Fragen: Wo hat der Autor einen Verleger gefunden, wo sind gegebenenfalls weitere Auflagen erschienen?

Wenn wir nun versuchen, den historischen Standpunkt zu beziehen, also die Verhältnisse aus der Zeit selbst und nicht ex post sehen, dann liegen die Ersterscheinungsorte von ca.6 unserer Werke in der Germania, d.h. genauer im Gebiet des Heiligen Römischen Reichs (1,2,3,4,5,6). "Ca.6", weil bei nr.2 Frankfurt mit einem Fragezeichen versehen ist und beim Erscheinungsort von nr.11 (Kopenhagen/Leipzig) nicht klar ist, welche Stadt der tatsächliche Erscheinungsort ist. Auch bei den späteren Auflagen der utopischen Schriften tritt das Reichsgebiet – zu dem die holländischen Druckorte bis zum Westfälischen Frieden 1648 gehören – stark hervor [24] . Läßt sich das durch die bekannte Aktivität der Drucker und Verleger im Reichsgebiet erklären? Oder anders gefragt: Wie erklärt sich die nahezu totale Absenz des Königreichs Frankreich? Frankreich wird im XVII.Jahrhundert die europäisch führende Literaturnation, ist aber auf der Ihnen vorliegenden Liste gerade zweimal vertreten, mit der jeweils 2.Auflage des Thomas Morus (1517) und des Campanella (1637). Kann dieser auffällige Befund rein druckwirtschaftlich erklärt werden? Reicht es aus, wenn man darauf hinweist, daß sich in Frankreich das Verhältnis von volkssprachigen Büchern zu den lateinischen viel rascher zuungunsten des Lateinischen verschoben hat [25] als im Sacrum Imperium?

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Hier ist auf ein Phänomen aufmerksam zu machen, das erst in den letzten Jahrzehnten wieder in den Blickwinkel der Geschichtswissenschaft getreten ist, obwohl seine massive Präsenz eigentlich unübersehbar war. Es ist die Auseinandersetzung mit der ungewöhnlichen politischen Gestalt des Heiligen Römischen Reichs in der sogenannten Reichspublicistik – Publicistik "am besten mit zeitgenössischem c zu schreiben, um Verwechslungen vorzubeugen" [26] Das einzige, was man in unseren Geschichtsbüchern bis vor kurzem darüber las, war ein Satz von Samuel Pufendorf, der mindestens ebenso oft ebenso falsch kolportiert wurde wie das odiose Habent sua fata libelli der Bibliothekare. Der Satz lautet in der Erstausgabe des Buches De statu imperii Germanici, die 1667 unter dem Pseudonym Severinus de Monzambano erschien (VI §9). Nihil ergo aliud restat, quam ut dicamus Germaniam esse irregulare aliquod corpus et monstro simile, siquidem ad regulas scientiae civilis exigatur... [27] class="ZitatG">"Es bleibt uns also nichts anderes übrig, als zu sagen, daß Deutschland ein der Regel nicht entsprechendes Gemeinwesen ist, das einem Fabelwesen entspricht, sofern man es an den Regeln der Wissenschaften mißt, die das Leben in Gemeinschaft betreffen." Mit überkommenen Begriffen der Staatslehre, vor allem denen, die man aus der Politica des Aristoteles gewonnen hat, nämlich den Begriffen Demokratie, Aristokratie, absolute Monarchie, beschränkte Monarchie war die politische Form des Alten Reichs nicht zu fassen; deshalb ist es für Pufendorf monstro simile. Für den Kenner der alten Diskussion um die vier Weltreiche hatte die Formulierung nichts Negatives, sondern faßte zusammen, was in der Danielvision (7,7) vom vierten und letzten Weltreich gesagt ist: "Hiernach schaute ich... ein viertes Tier, fürchterlich und wunderbar... es hatte große eiserne Zähne, fraß und zermalmte, und was übrig blieb, zertrat es mit seinen Füßen; es war auch den anderen Tieren, die ich zuvor gesehen", nämlich der Löwin, dem Bären, dem Panther, «ungleich» dissimilis autem erat ceteris bestiis, quas videram... (Dn 7,7). Freilich konnte das monstro simile auch ganz negativ als «monströs» "ungeheuerlich" "mißgestaltet" verstanden werden; daß das nicht gemeint ist, zeigt die schon 1669 publizierte anonyme deutsche Übersetzung [28] irregulare aliquod corpus et monstro simile = "ein gantz unrichtig und wundersetzames corpus; und daß das monstro simile auch Pufendorf nicht als "monströs" verstanden wissen wollte, hat er dadurch gezeigt, daß er die Formulierung in den folgenden Auflagen seines Buches De statu Imperii Germanici einschränkte und schließlich (1706) ganz strich.

Pufendorf steht im Zentrum einer lebhaften Diskussion über die Stellung des Imperium im Ius publicum. An ihr beteiligen sich u.a. auch Leibniz und Rousseau. Rousseau äußert sich übrigens über die seit der Goldenen Bulle von 1356 sich kontinuierlich akkumulierende Verfassung des Reichs positiv, weil er in ihr eine Garantie des Friedens erblickt. Er weiß auch von der riesigen Literatur um die Staatsverfassung, die eine Besonderheit der damaligen Germania ist: "le droit public, que les Allemands étudient avec tant de soin, est encore plus important qu'ils ne pensent, et n'est pas seulement le droit public germanique, mais à certains égards celui de toute l'Europe" [29] . Die damals neu gegründeten Universitäten Halle (1694) und Göttingen (1734) waren Zentren der Reichspublicistik, wie man diese eng mit der Reichs-Historie verknüpfte Variante des "Staatsrechts" nannte. "Die Sonderstellung des Reichs", so faßt Notker Hammerstein [30] diesen Wissenschaftszweig zusammen, "vermittelte den Publicisten ein Gefühl besonderen Vorzugs eben dieses Reichs... Das Reich erschien als das freieste der europäischen Staatswesen. Absolutismus – die Publicisten sagen Despotismus – wie in Frankreich sei hier undenkbar. Jeder, Kaiser, Fürsten, die Stände, alle Untertanen, jeder also hatte seinen altehrwürdigen Rechtsbereich, der ihm Freiheit und Menschenwürde garantierte. Alter und Unverbrüchlichkeit des Reichsrechts stünden in scharfem Kontrast zur Willkür der französischen Rechtsordnung, da hier ausschließlich der königliche Wille Quelle des Rechts sei...». Ihren Höhe- und Endpunkt erreichte die Reichspublicistik in den 53 Bänden des Teutschen Staatsrechts (1737-1754) von Johann Jakob Moser [31] , dem derselbe Autor noch 20 Bände eines Neuen Teutschen Staatsrechts (1766-1775) folgen ließ. Die Werke dieses letzten großen "Reichspublicisten" haben weiteste Verbreitung gefunden. In den Zusätzen zu seinem Neuen Teutschen Staatsrecht (1782) findet sich eine Zusammenfassung seiner Arbeit über den kuriosen Staat in der Mitte Europas, der 600 Jahre lang keinen Angriffskrieg geführt hat, eine Zusammenfassung, in der utopische Töne anklingen [32] : "Es ist wahr, sie [die Reichsverfassung] hat vile und große Gebrechen: selbige ändern aber dennoch nicht, daß nicht Teutschland ein glückseliger Staat seyn könnte, wenn der Kayser und die Reichsstände es ernstlich wollten".

Das Problem der Staatsverfassung wird auf dem Reichsgebiet im XV./XVI.Jahrhundert virulent im XVII.Jahrhundert kontrovers diskutiert und im XVIII.Jahrhundert in der Reichspublicistik umfänglich dokumentiert. Ausgangspunkt der Diskussion ist die Feststellung, daß das Heilige Römische Reich keiner der politischen Kategorien des Aristoteles entspricht. Dennoch sichert diese Staatsform ein hohes Gut, nämlich die Freiheit und den europäischen Frieden und könnte bei Verbesserungen sogar einen "glückseligen Staat" abgeben. Besteht zwischen dieser die damalige Öffentlichkeit im Reich generationenlang beschäftigenden Problematik und der auffallenden Präsenz neulateinischer Utopien auf dem verlegerischen Markt des Reichsgebiets ein Zusammenhang? Hat die Existenz und Diskussion eines atypischen Staats bei seinen gebildeten Bewohnern die Bereitschaft und das Interesse gefördert, sich mit imaginären Modellen auseinanderzusetzen? Der Erfolg der neulateinischen Utopisten auf dem Reichsgebiet könnte nicht zuletzt ihrer Nähe zur sogenannten Reichspublicistik zu verdanken sein.



Abbildung 1

[Abbildung u. zgl. Link zu hoeher aufgelöster Version]


Kupferstich aus Bartholomeus Delbene Civitas veri sive morum Paris 1609 p.28-29: Der Mensch als moralisches Wesen im Bild einer zentralisierten befestigten Stadt.


Abbildung 2

 [Abbildung u. zgl. Link zu hoeher aufgelöster Version]
 


2 Kupferstich aus Johannes Valentin Andreae Christianopolis Straßburg 1619: Das christliche Gemeinwesen als zentralisierte befestigte Stadt.

[1] Zur Diskussion um dieses Kunstwort E. Surtz/J.H.Hexter (edd.), The Complete Works of St.Thomas More t.4: Utopia, New Haven/London 1965,p.385.

[2] nämlich am Anfang des «Timaios» und im unvollendeten «Kritias».

[3] K.J.Heinisch, Der utopische Staat, (Philosophie des Humanismus und der Renaissance 3) Hamburg 1960.

[4] I.-D.Jahn (ed.), Kaspar Stiblin: Commentariolus de Eudaemonensium Republica, Regensburg 1994.

[5] R. van Dülmen (ed.), Joh. Valentin Andreae: Christianopolis, Stuttgart 1972.

[6] Johannes Kepler: Gesammelte Werke t.11/2, München 1993,p.317-379.

[7] M. Cacciari/C.Carena (edd.?), Francesco Bacone: Nuova Atlantide, [Mailand] 1995. Nach dem nicht unterzeichneten Vorwort wäre das eine zweite Auflage; denn «la prima edizione... è stata pubblicata lo scorso anno [=1994] in un numero limitato di copie» (p.V).

[8] Der beste Druck ist London 1638 nach der Magisterarbeit von T. Licht, Francis Bacon: Nova Atlantis. Studien zur Entstehung, Aufbau und Sprache, Heidelberg 2000 (Ms.). Herrn Licht wird auch die hier folgende tabellarische Übersicht über die neulateinische utopische Literatur verdankt.

[9] M.Schuster (ed.), Jakob Bidermanns Utopia, Bern/Frankfurt a.M. 1984.

[10] U.Greiff (ed.), Antoine LeGrand: Scydromedia, Bern/Berlin 1991.

[11] R.Saage, Politische Utopien der Neuzeit, Bochum 22000,p.48),

[12] R.Trousson, Voyages aux pays de nulle part. Histoire littéraire de la pensée utopique, Brüssel 21979,p.28.

[13] So der englische Untertitel der französisch-amerikanischen Ausstellung, zu der ein umfangreicher Katalog erschienen ist: Utopie. La quête de la société idéale en Occident, edd.L. Tower Sargent/R.Schaer, Paris 2000.

[14] M.Schuster (wie n.9),p.25sqq.

[15] Reproduktion bei M.Schuster (wie n.9),p.50.

[16] J.B.Homann, Atlas novus terrarum, Nürnberg 1716 und öfter.

[17] Cf.J.G.Kneschke, De autore libelli Monarchia Solipsorum, Zittau 1811.

[18] W.Begley, Nova Solyma. The Ideal City;... an Anonymous Romance... With Introduction, Translation, Literary Essays..., London 1902.

[19] S.K.Jones, «The Autorship of Nova Solyma» ,The Library III 1,1910,p.225-238.

[20] J. Millar Wands, Another World and yet the Same. Bishop Joseph Hall's Mundus Alter et Idem, New Haven/London 1981,p.LII.

[21] Zuerst gedruckt unter dem Titel «Neulateinische Utopien» in Acta Conventus Neo-Latini Turonensis. Troisième Congrès International d'Etudes Néo-Latines, ed.J.-C.Margolin, Paris 1980,p.729-740; dann in verbesserter Fassung «Zur neulateinischen Utopie» in Utopieforschung, ed.W.Vosskamp, t.2, Stuttgart 1982,p.197-209.

[22] B.Kytzler, «Zur neulateinischen Utopie» (wie vorige n.), p.205.

[23] M.Greiff (wie n.10),p.9sq.

[24] J.Fest, Der zerstörte Traum. Vom Ende des utopischen Zeitalters, Berlin 1991, kommt in Argumentationsschwierigkeiten, weil er glaubt, daß «es aus dem Deutschland des 15. bis 18.Jahrhunderts so gut wie keine Utopie als bloßes Gedankenspiel» gebe (p.61). Dieser Mangel besteht aber nicht. Die hier vertretene These von der starken Präsenz der Utopie im Reichsgebiet unterstreicht die Darlegungen Fests.

[25] Einige Daten zur relativ frühen Ablösung des Lateinischen als Publikationssprache durch das Französische bei H.-J.Martin, «Classements et conjonctures» bei H.-J.Martin/R.Chartier (edd.), Histoire de l'édition française t.1, Paris 1982,p.429-457, bes.p.445 mit tab.5, und D.Julia, «Livres de classe et usages pédagogiques», ib.t.2,1984,p.468-497, bes. p.485.

[26] N.Hammerstein, «Voltaire und die Reichspublicistik», in Voltaire und Deutschland, Stuttgart 1979,p.327-342, hier p.330.

[27] Zitiert nach N.Hammerstein (ed.), Staatslehre der frühen Neuzeit, Frankfurt a.M. 1995,p.830.

[28] Staatslehre der frühen Neuzeit (wie vorige n.), p.831.

[29] J.-J.Rousseau, Extrait du Projet de paix perpétuelle, Oeuvres complètes, ed.M.Launay, t.2, Paris 1971,p.332-352, hier p.339.

[30] N.Hammerstein (wie n.26), p.334.

[31] M.Stolleis, Geschichte des öffentlichen Rechts in Deutschland t.1: Reichspublizistik und Policeywissenschaft 1600-1800, München 1988,p.258-267.

[32] Zitiert nach bei K.O. v.Aretin, Das Alte Reich 1648-1806 t.3, Stuttgart 1997, p.293.



Autor (author): Walter Berschin
Dokument erstellt (document created): 2002-08-13
Dokument geändert (last update): 2002-08-19
WWW-Redaktion (conversion into HTML): Manuela Kahle & Stephan Halder
Schlussredaktion (final editing): Heinrich C. Kuhn