Vivat Germania latina, Vivat Latinitas teutonica!

Laetitia Boehm

Latinitas - Ferment europäischerKultur

Überlegungen zur Dominanz des Latein im germanisch-deutschen Sprachraum Alteuropas



Der Thematik dieses groß-dimensionierten Symposium kommt in der heutigen Situation universitärer Wissenschaft hohe Brisanz zu. Zwei Stimmen zur Notlage geisteswissenschaftlicher Grundlagenforschung mögen dies eingangs bezeugen. In der neubegründeten Zeitschrift der Deutschen Neulateinischen Gesellschaft sind Thesen von Jürgen Leonhardt abgedruckt [1] , aus denen ich folgendes zitiere: "Im Konzert der Klagelieder, die den Verfall der Lateinkenntnisse als allgemeinen Bildungsverfall bejammern, wird nicht immer deutlich, daß die Folgen ... sich in verschiedenen Bereichen ganz unterschiedlich auswirken. Denn der Verlust der Allgemeinbildung (der z.B. in den großen Tageszeitungen dokumentiert wird...) ist anders zu bewerten als die Bedürfnisse der Wissenschaft. Während nämlich die Inhalte einer vernünftigen Allgemeinbildung naturgemäß stets kontrovers diskutiert werden, läßt sich die Frage nach dem Anwendungsbedarf von Lateinkenntnissen in den Geisteswissenschaften ... sehr viel konkreter und ... differenzierter begründen." Und er schließt: "In einer Zeit, in der herkömmliche Studiengänge auf dem Prüfstand stehen, sollte man auch die Bedeutung lateinischer (und griechischer) Texte für die europäische Kulturtradition neu und zeitgerecht überdenken. Wenn sich die Pannen, die durch Unkenntnis dieser Sprachen entstehen, weiter häufen, werden wir den selbst gestellten hermeneutischen Ansprüchen nicht gerecht werden. Im Mittelalter stellte man Moses mit Hörnern dar, weil man eine Stelle des Alten Testaments (Exod. 34, 35) sprachlich falsch gedeutet hatte. Wir sollten uns nicht nachsagen lassen, daß wir den Objekten unserer Forschung Hörner aufgesetzt haben." Andererseits beklagte kürzlich auch das Vorwort zu einem germanistischen Tagungsband [2] das Absinken eines früher gewohnten altsprachlichen Wissensstandes von Studierenden. Das Teilgebiet frühmittelalterlicher Germanistik drohe aus dem universitären Alltag zu weichen, da "mit den wenigen, zum humanistischen Handgepäck unserer gymnasialen Bildung gehörenden Ausnahmen die Sprache und Literatur vor dem 11. Jahrhundert eher vom Hauch des Exotischen umweht ist".

Mein Vortrag beabsichtigt weder eine sprach- noch literaturgeschichtliche Einführung zum Kongreßthema "Germania Latina - Latinitas teutonica". Als Historikerin, wenngleich mit Neigung zur Bildungsgeschichte, fehlt mir die Fachompetenz für linguistische Spezifika. Hinzu kommt, daß ich selbst voller Spannung bin, zu lernen, was unter deutscher Latinität zu verstehen sei: Lateinische Sprache in Deutschland oder/und auch latinisierte deutsche Sprache? In folgendem möchte ich daher im Hinblick auf beide Verständnismöglichkeiten versuchen, die geschichtliche Rolle der Latinitas im Korrelat zur Volkssprache zu beleuchten; es geht also darum, für die Latinitas sozusagen den "Sitz im Leben" in Deutschland als Teil Alteuropas zu hinterfragen. Das geschieht in vier Schritten: I. versuchen einige begriffshistorische Überlegungen zu Europa, Germania und Deutschland die Thematik des Kongreßtitels terminologisch zu filtern. Teil II richtet den Blick auf die (im Tagungsdprogramm sonst nicht vorgesehenen) Fundamente des Orbis latinus, die weit über das Mittelalter hinaus Wirksamkeit entfalteten: Die großen lateinischen Übersetzungskulturen (Bibel, Aristoteles-Rezeption, Entstehung der althochdeutschen Sprache in Oientierung an der Latinitas). Daraus läßt sich die Situation der beiden Sprachkulturen seit dem 14. Jahrhundert, also dem Zeitansatz dieses Symposium, verstehen. Der III. Teil gibt exemplarische Einblicke in die Herausforderungen der Latinität in Deutschland durch Aufrücken der Volkssprache seit dem späten Mittelalter (Mystik, Fachprosa, deutsche Grammatik, Mischsprache) neben (neu-)lateinischen Bastionen (Rechtssprache, zwei Reichssprachen) bis hin zum Durchbruch deutscher Wissenschaftssprache im 18. Jahrhundert. IV. Zum Abschluß sollen anstelle eines faktographischen Ausblicks einige bilanzierende Reflexionen die Fragestellung nach dem Sitz der Latinitas im Leben deutscher Kultur abrunden.

I. Begriffsgeschichtliche Vorbemerkungen: Germania - latinitas teutonica vel theodisca - Heiliges Römisches Reich deutscher Nation - Europa

Der Tagungs-Titel gebraucht zwei Termini für Deutsches: Einmal Germania, den von Caesar über die Kelten bezogenen römisch-geographischen Terminus für den Raum rechts des Rheins und nördlich der Donau, wo die siedelnden Stämme sich selbst noch nicht als Einheit definierten und noch längst keine "Deutschen" waren. Der Germania-Begriff blieb nach der Völkerwanderung am ostfränkischen Raum haften, benachbart der westfränkischen Gallia. Jahrhunderte später, um 1500, erfuhr die Germania nationale Aufwertung durch Humanisten wie Celtis oder Wimpfeling oder Enea Silvio Piccolomini. Kaiser Maximilian I. verstand sich als "rex Germaniae". [3]

Der Kongreß thematisiert gleichwohl eine Latinitas teutonica, also mit einem Adjektiv, das sich anlehnt an die römische Benennung der vorchristlichen Teutonen. Im 9./10. Jahrhundert begleitete dieser antikisierende Stammesname besonders im romanisch-germanischen Grenzraum den Auflösungsprozeß des karolingischen Frankenreiches und die Entstehung des ostfränkischen Teilreiches. In Italien vital geblieben, diente der Terminus im Investiturstreit der Papst-Rhetorik zur demütigenden Verweisung Heinrichs IV. als "rex teutonicorum" in die Grenzen eines "regnum Teutonicum". [4] Das eher politische Attribut "teutonicus" verdrängte vorübergehend den ebenfalls seit der Karolingerzeit bekannten mittellateinischen Terminus für eine"lingua theodisca" im Gegensatz zur "lingua Romana". Interessant daran: Der Begriff entstand vermutlich in lautlicher und semantischer Kontamination mit dem germanischen Wort für Volk, "theot". Das Adjektiv "thiudisk" leitet sich nicht, wie "teutonicus", her vom Namen eines Stammes, einer "natio" wie der Franken, Alemannen usw. Das Wort "thiudisk" hatte zunächst keinen exklusiven Bezug zum Regnum der Ostfranken; auch in England und Italien bezeugt, meinte es die Sprache gentiler, ethnischer Gruppen. [5] Unser Wort deutsch leitet sich also her aus einer latinisierten Form althochdeutscher Lehnübersetzung von "vulgaris" oder "gens". Ab rd. 1200 vollzog sich die Übertragung auf teutsches Land und Leute. [6] Beide Termini, "teutonicus" und "theodiscus", obwohl von so unterschiedlicher Provenienz, eigneten sich übrigens klanglich dazu, in Verbindung gebracht zu werden einerseits mit Theut, dem ägyptischen Gott, den Platon in seinem Phaidros-Dialog als mythischen Erfinder der Schrift eindrucksvoll thematisiert hatte, und mit dem Riesen Theuton, andererseits mit dem von Tacitus in der Germania (c. 2) genannten erdentsprossenen Gott Tuisco, Urahn oder Erzkönig aller germanischen Völker. [7]

Quellen und Forschung kennen auch eine"lingua Franca". Der Stammesname der Franken, der unter Karl d.Gr. noch einem gesamtfränkischen Herrschaftsanspruch entsprach, blieb nach 843 dem monarchischen Aufstieg der westfränkischen Gallia als Francia überlassen [8] , - aus deutscher Sicht hießen die Westfranken eher geringschätzig "francigenae". Dennoch wurde die "lingua franca" mit den Kreuzzügen im lateinischen Orient zum Idiom des Okzidents hochstilisiert. Während der politische Verband ostfränkischer Stämme später das Selbstverständnis als Römisches Reich deutscher (nicht fränkischer!) Nation fand, wurde dieses jedoch seit dem 13.Jahrhundert aus antikaiserlicher Tendenz als "regnum Alemaniae" bezeichnet [9] , so ist es in Frankreich ja bis heute üblich geblieben. Um 1500 resumiert der humanistische Dominikanerprediger Felix Fabri [10] fünf Namen für Deutschland: Alemannia, Teutonia, Germania, Franconia, und zusätzlich Cymbria, erinnernd an die einst mit den Teutonen römisch besiegten Kymbern.

Der von rd. 1500 bis bis 1806 geführte Reichstitel Heiliges Römisches Reich deutscher Nation war genau besehen ein Puzzle aus historischer Klitterung von Lehnelementen, angepaßten lateinischen Fremdworten und altgermanischen Etymologien, aus byzantinischem Reichsverständnis des Sacrum Imperium der Justinian-Ära und seiner Renaissance in der staufischen Reichsidee, verbunden mit dem urgermanischen Wort "Reich" für Regnum und Imperium, zudem mit der eingedeutschten mittellateinischen Stammesbezeichnung "natio" sowie mit dem altdeutschen Wort "thiudisk" (diutisk). Man bedenke: Allein schon an den Bestandteilen des Reichstitels ließe sich mittels etymologischer und semantischer Analyse von sakral, römisch, deutsch, national die komplexe Sprach- und politische Bewußtseinsgeschichte Deutschlands, der Wandel der Verständnisebenen bis in die Moderne herein, aufrollen. Unser Symposium konzentriert sich auf sog. germanische Traditionsräume vorwiegend in der Neuzeit. Indes, die langzeitige Dominanz der Latinitas - sie beinhaltet weit mehr als die Sprache - versteht sich aus den spätantik-mittelalterlichen Grundlegungen, aus denen Europa gewachsen ist als jener Raum, den Leopold von Ranke politisch als romanisch-germanische Völkerfamilie definierte.

Unter den wissenschaftsgeschichtlichen Bemühungen um die europäische Sprachkultur hat kürzlich Francoise Waquet ihrem Buch zur Geschichte des Latein aus französischer Sicht einen vielsagenden symbolhaltigen Titel [11] gegeben in Anlehnung an ein Diktum von Joseph de Maistre. Dieser, einst Revolutions-Flüchtling und Verteidiger der monarchischen römischen Kirche gegen nationalkirchliche Tendenzen, hatte in seinem Werk "Le Pape" (1819) festgestellt: Die Geschichte konstituierte das Latein zur "langue de la civilisation", "Le signe européen, c'est le latin". Zwar hat die Restaurations-Ära eine Gleichung von Latinität mit Kirchenlatein und Katholizismus nahegelegt, weil seit der Aufklärung die römische Kirche sich als vornehmliches Reservat universaler Latinität erwies; aber die Kirche war nicht alleinige Platzhalterin. Dieses Symposium wird ja Einblicke in die Strahlkraft mehrfacher Humanismen vermitteln. Deren ambivalentes Verhältnis zum sog. Kirchenlatein wäre ein spannendes Thema für sich.

Das Diktum von de Maistre verweist auf die europäische Kultursituation. Deren Singularität wird gern formelhaft umschrieben als Symbiose von Antike, Christentum und Germanentum, womit Europa die Fähigkeit zu Humanismus und - über die wiederum anti-humanistische "Querelle des Anciens et modernes" hin - zur Aufklärung in die Wiege gelegt war. Ein jüngerer Tagungsband über das griechisch-lateinische Erbe in den europäischen Sprachen trägt den Titel "Eurolatein" [12] , eingedenk des Leibniz-Wortes vor drei Jahrhunderten von der "lingua europaea universalis", die Leibniz für "durabilis ad posteritatem" gehalten hatte: Er wollte das Lateinische bewahrt wissen, obwohl er die Ausbildung einer deutschen Wissenschaftssprache anmahnte. Zeitlebens befaßte Leibniz sich mit Konzepten für Erstellung eines schriftlichen Universal-Code, mit "characteristica universalis" durch Rückführung aller Ideen auf nicht weiter reduzierbare Begrifflichkeit [13] , - nicht als erster und nicht als letzter (man denke an die Universal- oder auch Geheimsprachen-Entwürfe von Johannes Thritemius, Athanasius Kircher, John Wilkins, Johann Joachim Becher, Cave Beck, Pedro Bermudo, vielfach anknüpfend an die "ars combinatoria" des mittelalterlichen Scholastikers Raimundus Lullus, an die Konstruktions-Ideologien einer Einheitssprache vom Stichwort-Artikel der Französischen Encyclopédie über eine "nouvelle langue" bis hin zum Esperanto des polnisch-jüdischen Augenarztes Ludwig Zamenhof).

Jüngst hat Uwe Pörksen Thesen zur deutschen Sprachgeschichte zusammengefaßt [14] , aus denen ich hier nur folgendes zitiere: "Dem Konzert der europäischen Mächte waren Thema und Stil bis an die Schwelle der Epoche des Nationalstaats und nationalistischer Verkrampfung vom lateinischen Mittelalter vorgegeben" (P. bezieht sich auf Ranke). "Unsere Kultur war unter lateinischen Vorzeichen europäisch".

Erlauben Sie daher noch Notizen zum heute global präsenten Europa-Begriff. Sein Alter von rd. 2800 Jahren bezeugt eindrucksvolle Wortkonstanz: Wohl semitischen Ursprungs mit der Bedeutung Abend, griechisch-lateinisch weiter vermittelt, teils mythologisch verwoben (auch München besitzt ein Denkmal an die Entführung der kretischen Königstochter durch Zeus in Stiergestalt in der neoklassischen Skulptur des Wittelsbacher Brunnen von Adolf von Hildebrand, +1921). Europa läßt sich zwar geographisch fassen, aber als historische Größe nicht statisch definieren, denn wesentliche Gebiete der antiken Kultur liegen außerhalb des heutigen Europa, "die europäische Kultur läßt sich weder auf die Antike ausdehnen noch gegen sie abgrenzen", aber die Frage, was Europa ohne die Antike geworden wäre, erlaubt nur die Antwort: "Nicht das, was es geworden ist", die Antike war die "Schule Europas". [15] Im Horizont der Alten Welt war es der dritte Kontinent neben Libyen und Asien; seit Homer zuerst auf das griechische Festland als vermutet größter Erdteil bezogen. Jahrhunderte später wurde es als kleinster erkannt, obwohl sich mit der Expansion des Imperium Romanum eine Ausweitung Europas zum Mittelmeerkreis und mit der Völkerwanderung nach Norden hin vollzog. Um 600 tradierte Isidor v. Sevilla (+633) die vage Vorstellung von einem "initium Europae" in der nach Asien offenen Scythia (inferior) als vermutete Urheimat der barbarischen Germanen, die sich ausbreiteteten bis zum Westland, Hesperia, mit Italien und Spanien. Das schon in der Antike umstrittene Ethnonym Skythien umschloß demnach auch die Nordvölker. Dem Europa-Begriff verband sich ein kultureller Kerninhalt, seit die griechisch-römische Oikumene die Völker vor ihren Grenzen wegen ihres fremdartigen Gestammels "Barbaren" nannte und sie somit zivilisatorisch als roh, ungesittet stigmatisierte. Das waren jene Völker, deren Nachfahren, das sind auch auch wir(!), längst Mitte europäischer Kultur geworden sind. Man bedenke: Das schon im vorchristlichen Rom von Cicero als Grundkategorie römischen Selbstbewußtseins formulierte "aemulatio"-Ziel der Übernahme hellenischer Kultur [16] , dann die latente politische und kirchliche Entfremdung des westlichen Reichsteils gegenüber dem griechisch sprechenden Ur-Europa, verdichtete sich während der Völkerwanderungen von Germanen, Slawen, Arabern. Bei der Verselbständigung des christlichen Orbis Latinus wurde die Abwehr von kaiserzeitlichen Orientalisierungs-Tendenzen[17] entscheidend mitgetragen von romanisierten germanischen Reichswaltern, wie Theoderich oder Chlodwig. Spätestens mit dem Selbstverständnis Karls d.Gr. als "pater Europae" formte sich eine christliche Europa-Idee, die später im Zeichen des Humanismus - parallel zum Germania-Begriff - weltanschauliche Aufladung erfuhr angesichts der Türkengefahr. Kürzlich wurden die Aussagen von Lorenzo Valla im Zusammenhang des Anfangs aller modernen Europäismen zitiert, "die zum großen Teil auf einem Eurozentrismus beruhen." [18]

Sprachgeschichtlich spiegelte sich die West-Verlagerung Europas auch im Begriffspaar Okzident-Orient [19] , das im Mittelalter sowohl lateinisch wie volkssprachlich für die Himmelsrichtungen (Sonnenuntergang- und aufgang) gebräuchlich war. Im 12. Jahrhundert verlieh der Weltchronist Otto von Freising der alten Translationsidee ihre kulturtheoretisch neu-europäische Deutung [20] : "omnis humana potentia vel sapientia, quo ab oriente ad occidentem vertitur in occidente terminare cepi", von Otto bezogen auf die Wandelbarkeit ("volubilitas") der Welt sowie auch auf den scholastischen Auftrieb in Westeuropa. Zum "Abendland" wurde Europa erst im Reformationsschrifttum als Pendant zu Luthers Übersetzung des Orient als Morgenland. Auch die deutsche Lehnbildung "Westen" aus lat. "vesper" für das althochdeutsche Wort "Abend" wurde geläufig, während die lateinische Abend-Vesper fürderhin ihren Weg in die Kirchensprache fand.

Die Rolle Europas als Erdteil mit flexiblen Konturen wurde kürzlich metaphorisch umschrieben als aufgespannter Schirm mit deutlichen Rändern. [21] Ich erinnere nochmals an den Mythos Isidors von Sevilla: Er bezog sich auf die biblische Erzählung von den drei Söhnen Noes als Stammväter der nachsintflutlichen Weltbevölkerung [22] . Der Jüngste, Japhet, besiedelte Skythien und Europa. Auf dem Genesisbericht (10 und 11) zu Japhets Nachkommen und zur Sprachverwirrung von Babel beruhten die im Mittelalter verbreiteten Völkertafeln, - gemäß Isidor schufen nicht die Völker die Sprachen, sondern aus der primären Sprache erwuchsen die gentes: "quia ex linguis gentes, non ex gentibus linguae exortae sunt." [23] Die Völkertafeln zählten 70 oder 72 Gentes und Sprachen, - eine viel strapazierte Symbolzahl, man denke etwa an die Benennung der Septuaginta, der ältesten, angeblich von 72 Gelehrten erstellten griechischen Übersetzung des Alten Testaments. [24]

Heute werden die auf der Erde lebenden Sprachen auf zwischen 4000 und 6000, genauer auf 5100 geschätzt [25] , wovon z.B. allein 30% Afrika zugehören; Europa mit rd. 67 eigenständigen Idiomen, kaum mehr als 1% davon, gilt als sprachenärmster Kontinent. Ob das vorwiegend aus nationalpolitischen Traditionen erklärbar sei, wie vermutet wird, sei dahingestellt. Auch die integrative Kraft des in Europa lebendig wirksamen antiken Spracherbes hatte ihren Anteil daran.

II. Fundamente langzeitiger Dominanz der Latinitas in Europa

Zu den Fundamenten für die Dominanz der Latinitas als Signe européen seien zwei Komplexe von unüberschätzbarer Nachhaltigkeit angesprochen. Einmal der Sachverhalt, daß die sog. barbarischen Stämme sich noch in einer schriftlosen Altertums-Phase befanden, als sie auf die hoch-entfaltete Literalität der spätrömischen Antike trafen. Das zweite Fundament betrifft die Übersetzungliteraturen; sie haben als bewundernswerte geistige Leistung Europa geprägt. Die religiöse, wissenschaftliche und politische Ideen-Substanz Europas vom Mittelalter bis in die Moderne ist erwachsen als eine "multikulturelle" Übersetzungskultur, - multikulturell historisch tiefergründig verstanden, als es im Tagesjargon der Medien unserer Gegenwart meist geschieht.

1) Ich beginne mit dem zweitgenannten Komplex, den Übersetzungskulturen. Sie verliefen vor allem über zwei Weichenstellungen auf sehr langen Schienen: a) Übertragungen der Bibel und b) der griechischen Philosophie. c) Dazu stellt sich die Frage nach der geschichtlichen Wandlungsfähigkeit lateinischer Sprache.

a) Die Übersetzungen der "sacra pagina" werden vom Kolloquiums-Programm nicht thematisiert. Aber sie sind aus unserer Kultur kaum wegdenkbar; sie schufen und wirkten als gravierende Grundlegungen europäischer Weltsicht. (Nebenbei: Den etymologisch kontroversen, erst mittelalterlich bezeugten Begriff "Bibel" sollte man nicht unreflektiert gebrauchen). Kaum vorstellbar ist die Arbeitskraft eines Origenes (+253/4), des profiliertesten Hauptes der Alexandrinischen Theologen-Schule; seine textkritische Konkordanz aufgrund der im 3./2. vorchristlichen Jahrhundert für die hellenisierten Juden Palästinas geschaffenen Septuaginta und jüngerer griechischer Übertragungen aus dem Alten Testament wuchs unter Rückgriff auf die hebräischen Urtexte zum wahren Mammutwerk. Die formal in 6 Kolumnen angelegte daher sog. Hexapla [26] benutzte im 4. Jahrhundert der römisch geschulte Hieronymus, Literat und Asket, für seine exegetischen Studien. Im Rahmen fortschreitender Latinisierung der weströmischen Liturgie beaufragte Papst Damasus I. (366-384) [27] , profilierter Vertreter römischer Primatspolitik, um 382 den Sekretär seiner letzten Pontifikatsjahre, Hieronymus von Stridon (+419), mit Erstellung einer lateinischen Fassung der Bibel, das meinte zur allgemeinverständlichen Revision älterer kursierender Varianten. So entstand die später sog. Vulgata, die sich erst seit dem frühen Mittelalter gegen die Vetus-Latina-Versionen durchsetzte. Das Trienter Konzil verlieh 1546 der auf Hieronymus zurückgehenden "vetus et vulgata editio" als durch langen Gebrauch erprobte Textnorm Anerkennung, was nicht Kanonisierung bedeutete. Erwähnenswert ist der Sachverhalt, daß dem Exegeten Hieronymus auch in der politischen Ideengeschichte Langzeitwirkung beschieden war: Seine Ausdeutung der alttestamentlichen Daniel-Vision im Hinblick auf die Abfolge der Weltmonarchien, die er historisierte, lebte fort über die mittelalterliche Theorie von der "translatio Imperii Romanorum" bis in die neuzeitliche deutsche Reichspublicistik. [28] Sein Ruhm aber beruhte auf der Bibelübersetzung, die auch noch Luther benutzte; sie prägte mehr als ein Jahrtausend Frömmigkeit und Theologie, dabei auch wesentlich die römische Rechtssprache.

Der einzigartige "vir trilinguis"hinterließ programmatische Äußerungen zu seiner Übersetzungsweise.Sie waren zentraler Bestandteil seines lebenslangen Ringens um angemessenen Umgang des Christen mit paganer Literatur; sein tiefer Gewissenskoflikt zwischen Askese und Bildung kam während der römischen Jahre, bevor er 385 nach Betlehem umsiedelte, zum Ausdruck in der brieflich überlieferten Erzählung vom Traumgesicht, als er vor seinem Richter Christus abgeschworen habe, ein "Ciceronianus" zu bleiben. Zeitlebens stand Hieronymus im Kreuzfeuer seiner Kritiker, aber auch seiner eigenen Zwiespältigkeit zwischen den kulturellen Welten. [29] Seiner Verwicklung in den Streit um die Rechtgläubigkeit des Origenes, wobei Hieronymus durch Angriffe seines Jugendfreundes Rufinus von Aquileja wegen Briefäußerungen in Verfälschungsverdacht geriet, ist es zu verdanken, daß Hieronymus sich zusammenfassend "De optimo genere interpretandi" äußerte. [30] Abgesehen von der Übertragung der Hl. Schriften, "ubi et verborum ordo mysterium est", rechtfertigte er seine Grundsätze des Übersetzens, die er mit vielen, auch heidnischen römischen Autoren, teile, besonders mit Cicero, nämlich sinngemäßer Übertragung, "non verbo e verbo, sed sensum de sensu." Wörtliche Übertragung verdunkele den Sinn, ähnlich wie wucherndes Unkraut die Saat erstickt. Es sei schwierig, von der fremden Linienführung nicht abzuweichen, wenn das, was in der anderen Sprache gut gesagt ist, dieselbe Schönheit in der Übersetzung behalten soll. Aus der Erfahrung kennzeichnet er die Tücken solcher Arbeit: "si ad verbum interpretor, absurde resonant; si ob necessitatem aliquid in ordine, in sermone mutavero, ab interpretis videbor officio recessisse." Wenn jemand die Vorstellung habe, daß die Anmut der Sprache ("linguae gratia") durch Übersetzung nicht leide, solle er doch mal versuchen, Homer wörtlich in Latein-Prosa widerzugeben, er würde eine lächerliche Wortfolge ("ordinem ridiculum") vorfinden und den sprachgewaltigsten Dichter als Stammler. Hieronymus benennt viele Exempel. Auch dieses: Der Evangelist, die Septuaginta und unsere Übersetzungen weichen voneinander ab, - solle man deshalb den Evangelisten Lügner schelten? Im Geiste stimmen die verschiedenen Wortlaute überein, "sermonum varietas spiritus unitate concordat." Obwohl Hieronymus die erforderliche "simplicitas">der Hl. Schriften oft betonte, sich zugleich in Demutsformel entschuldigte für die mangelnde "sermonis elegantia" der Übersetzung, was aus seiner Lektüre des Hebräischen resultiere, so blieb ein überzeugendes Argument für sein dennoch an klassischen Autoren geschultes Latein die von ihm gebrauchte Metapher vom Tongefäß, das den Geruch jener Flüssigkeit nicht mehr verliert, mit der es zuerst gefüllt worden war ("et saporem retinet et odorem, quo primum imbuta est"). [31]

Die Eigenheiten des hieronymianischen Bibellatein beschäftigen die Forschung bis heute. So beantwortet eine Miszelle die Frage "Christliches oder Ciceronianisches Latein?" [32] mit dem Ergebnis: "Jerome adapted his language and style to the minds and the culture of those to whom he wrote." Er habe variiert gemäß dem Prinzip: "Ipsa latinitas et regionibus quotidie mutatur et tempora". Auch seine Bibel erweise zeitgemäße Anpassungen - das entsprach ja dem Papst-Auftrag, - aber unter Wahrung mancher archaischer syntaktischer Vorgaben. Das Übersetzungs-Problem heiliger Schriften zwischen Gegenwarts-Verständlichkeit, rhetorischer Ästhetik und sakralem Ausdruck gehört zu den großen Herausforderungen aller Epochen. Ich komme darauf zurück.

b) Europa verdankt nicht minder nachhaltige Prägung der zweiten Schiene, welche Übersetzungen der Philosophie der Griechen in die lateinische Welt transportierte. Die Anfänge lateinischer Bearbeitung aristotelischer Schriften durch Boethius war bekanntlich abgebrochen mit dessen Hinrichtung um 525, einem Altersfehlgriff des sonst Rom verehrenden Gotenherrschers Theoderich. So blieb das Schulwissen im Okzident vorerst auf namentlich über Augustinus sekundär überliefertes Platonisches Ideengut angewiesen; müßig der Gedanke, wie anders die Perioden der Scholastik verlaufen wären, wenn Boethius sein Werk hätte vollenden können. Diesbezüglich bedeutete der Arabersturm eine welthistorische Wende. Gemeint ist das Phänomen des Aufstiegs der ursprünglich beduinischen Stämme, deren vorschriftliche Poesie schon als wortschatzreiche ästhetische Norm, als eine Art Koiné erschließbar wurde und in späterer Form noch die südfranzösische Troubadourdichtung beeinflußte. Gemeint ist das erstaunliche Phänomen, daß seit Mohammed unter dem Zeichen des Koran den Arabern die Kraft zuwuchs, um seit dem 7. Jahrhundert in weiten Eroberungsräumen das Geisteserbe alter Kulturreiche, griechische, persische, palästinensische, auch indisch durchsetzte Materialien zu rezipieren und daraus durch Einbringung eigener volkstümlicher Erfahrungen in Heilkunde, Naturbeobachtung und Mathematik eine arabische Wissenschaftssprache zu kreieren. [33] Als Eliteerscheinung in einer weithin analphabeten Zivilisation blühte der Kalifat Bagdad [34] im 10. Jahrhundert als gelehrte Übersetzerzentrale. Auf Überlieferungswegen über Byzanz, im Westen seit der christlichen Reconquista vornehmlich über Spanien, auch über Süditalien, diente arabisches Wissen zur Weitervermittlung. Die jahrhundertelang gereiften Übersetzungsleistungen arabischer Gelehrter, dann europäischer Scholastiker, haben bekanntlich in zwei großen Wellen seit dem 10. und 12. Jahrhundert in Europa Pfeiler gesetzt für neues, auch technisches Wissen. Zu frühen Übernahmen gehörte z.B. das Astrolab [35] , ein Handinstrument für astronomische Berechnungen aus griechischer Tradition. Die Transponierung der aristotelischen Naturphilosophie samt der arabischen Kommentarliteratur, wie den Werken des Averroes, hat die Scholastik geradezu revolutioniert, wie bekanntlich die Werke von Martin Grabmann erweisen. Man führe sich die Begleitumstände vor Augen, die Mühsal von Gelehrten-Generationen z.B. an der erzbischöflichen Kurie Toledo oder am kastilischen Königshof, arabische Sprache und Schrift zu erlernen, Dialekt-Formen zu erkennen, Wort-Aequivalente zu finden, wofür teils lateinische Fachtermini fehlten. [36] Die Kooperation zwischen jüdischen, muslimischen und mozarabischen Helfern führte oft über den mündlichen Umweg des spanischen Umgangsidiom. Um nur einen Namen aus dem 12. Jahrhundert zu nennen: Gerhard von Cremona (+1187), Bearbeiter des sog. Almagest mit Sternenkatalog von Ptolemäus [37] , wirkte etwa vierzig Jahre in Spanien. Paul Kunitzsch, Arabist an unserer Universität, hat die Formen des Prozedere jener Übersetzer-Pioniere editionskritisch beschrieben: Entweder bloße Transkription des arabischen Wortes, oder assimilierte Transkription, wobei das Fremdwort mit lateinischen Flexionsendungen versehen wurde; wortgetreue Übersetzung oder Widergabe mittels Umschreibung durch einen älteren, zuweilen auch griechischen Terminus. Manche arabischen Wörter haben bis heute eingedeutscht überlebt, z.B. Zenit, Sinus, Algebra. Im süditalienischen Rezeptionsraum war die Verständnisproblematik ähnlich gelagert: Wegen der teils deformierten antik-arabischen Medizinüberlieferung in Salerno waren freilich Fehlerquellen Legion; auch die Fortentwicklung des gesprochenen Lateins erschwerte die Entschlüsselung der Texte für Theorie und Therapie. [38]

Evolutionen von langem Atem machen von Zeit zu Zeit Innovationssprünge. Die Erkenntnis-Bewältigung des aufregenden Wissens-Zuwachses provozierte die scholastische Methode, die übrigens zeitgleich zum philosophischen Methodenwandel durch innerlateinische Rezeption der römischen Rechtsquellen Anwendung fand. Im 15./16. Jahrhundert wiederum suchten Humanisten über den Rückgriff auf Originalquellen scholastische Bastionen zu überwinden. Zum kämpferischen Anti-Arabismus sei nur exemplarisch ein ehemaliger Professor unserer alten Universität Ingolstadt zitiert, Leonhart Fuchs [39] , der sich um 1535 durch Streitschriften einen Namen als "publizistischer König" medizinischen Reformdenkens erwarb: "Ich hätte früher nie gedacht, daß das Studium der arabischen Autoritäten so schädlich (perniciosa) sei. ... Man muß viel strenger mit ihnen umgehen - der Nachwelt halber - damit diese nicht ahnungslos in die arabischen Bordelle gerät (ne arabica illa lupanaria improvidi). ... Wer kann es erdulden, daß diese Pest noch länger unter den Menchen wütet? ... Ad fontes ... laßt uns dort das reine unbeschmutzte Wasser schöpfen." Polemisch-virtuose Eloquenz versprach damals Ruhm und Karriere.

Soviel zum Fragenkreis der beiden fundamentalen Übersetzungsschienen. Die Begrenzung eines Vortrags erlaubt leider keinen Exkurs zu den Schulen (Latein- bzw. Trivialschulen, Gymnasien, weiteren Gelehrtenschulen, Artistenfakultäten). Praxis und Lehrstoff der Autoren-Exegese in den "artes liberales" und den "studia humanitatis" wären Schlüssel zum Verständnis für den Transfer von Bildungsinhalten. (Vgl. aber die Bemerkungen unten IV).

c) Es drängt sich aber ein Seitenblick zur Frage auf: Um welches Latein handelt es sich denn überhaupt bei der epochenübergreifenden Latinitas? Die geschichtliche Latinität ist keine statische Größe. Die Philologen nennen Neulatein [40] jenes von Petrarca eingeleitete Kulturphänomen der Sprach- und Literaturgeschichte, dessen Epoche für das 15. bis 17. Jahrhundert anzusetzen ist, für einige nördliche Länder bis ins 18. Jahrhundert. Es war also Ergebnis des kreativen Reformprogramms der "renatae" oder "bonae litterae", das sich im erwachten Ebenbürtigkeitsbewußtsein mit der Antike tragen ließ vom grammatikalischen Reinheits- und stilistischen Elegantia-Ideal. Man bezeichnet den Renaissance-Humanismus auch als dritte und letzte Phase der Sprachgeschichte des Latein, weil die Humanisten es "durch ihr Beharren auf klassischen Standards von einer lebendigen in eine 'tote' Sprache verwandelten" [41] , obwohl sich ihr auch manche Neologismen, gelehrte Begriffsneubildungen verdankten (so z.B. das neugriechische Kompositum "Enzyklopädie" Heinrich Alstedt, +1638, als Methodenbegriff propagiert wurde und zum literarischen Gattungs- und weltanschaulichen Leitbegriff der Barock-Literatur aufstieg). Die vorausgehende Phase, der post-antike Sprachwandel des Mittelalters, wurde bekanntlich abgewertet als sog. Küchenlatein; das besagte gemäß den wiederentdeckten Quintilianischen Rhetorik-Regeln soviel wie reich an Fehlern durch Barbarismen und Solözismen. Der bayerische Humanist Johann Aventin definierte in seiner Latein-Grammatik von 1519: "das grob nit gut latein ist: kuchilatein" [42] ; Reformatoren disqualifizierten es als Sprechweise der Klosterküchen. Jenes Mittellatein war jedoch umso reicher an Eigentümlichkeiten, als es eben keine tote Sprache war! Seine Anfänge verliefen parallel zur Entstehung der romanischen Sprachen, die sich in den römischen Provinzen aus dem gesprochenen, nicht als Schriftsprache bezeugten Vulgärlatein entwickelten. Kirchliche Zentren waren Orte der Konservierung, aber auch von Wandlungen des nachklassischen Latein als Schrift- und auch als Sprechsprache. In den gesellschaftlich veränderten Umfeldern, in Gallien anders als in den germanischen Missionsgebieten, wurde im Karolingerreich das schulmäßige Latein vorwiegend aus dem Spätlatein rezipiert. Das gleichzeitig entstehende Mittellatein entbehrte - im Unterschied zu den romanischen Dialekten - die Wurzel gesprochener Sprache, es war eine "Sprache ohne Volk"[43] , um sich dennoch als lebendes Kommunikationsmedium in Kirche, Schule, Recht, Verwaltung, Diplomatie zu entfalten, samt Vor- und Nachteilen von Interferenzen mit Vulgarismen, denen heute die Soziolinguisten nachspüren. Für das frühneuzeitliche Alteuropa erläutert Peter Burke [44] vier Beobachtungen, die auch für frühere Jahrhunderte bedingt gelten dürften: "1. Verschiedene soziale Gruppen benutzen verschiedene Sprachvarianten; 2. dieselben Individuen benutzen in unterschiedlichen Situationen verschiedene Varianten; 3. die Sprache spiegelt die Gesellschaft oder Kultur wider, in der sie gebraucht wird; 4. die Sprache formt die Gesellschaft, in der sie gebraucht wird."

Für das Mittelalter nenne ich zwei Beispiele zum umstrittenen Begriff vom christlichen Latein, das nicht identisch sein mußte mit dem Bibelatein. Zwei Jahrhunderte nach dem Sprachniveau des Hieronymus erschien die Situation völlig verändert, nicht nur politisch-wirtschaftlich. Papst Gregor I. d.Gr. (+604), persönlich noch verankert in römischer Bildungstradition, stand um 600 im langobardisch besetzten Italien, umgeben von germanischen Herrschaftsbildungen, nicht mehr einem homogen literaten Publikum gegenüber; sein pastorales Schrifttum, darunter mehr als 850 Briefe und Dekrete, mußte sich auf romanisch und germanisch sprechende, teils schriftlose Volkskreise ausrichten. Gregors berühmte Stellungnahme zum Bilderstreit - Verbot der Anbetung ("non ad adorandum"), jedoch Empfehlung von Bildern in der Kirche zur Belehrung ("ad instruendas") - ist in die Literatur eingegangen als Verteidigung der Laienbibel, der "Bibla pauperum". Der Wortlaut enthüllt als Nebenaussage, daß der Papst ein breites nicht-christliches analphabetes Publikum voraussetzte, das er mit dem mehrdeutigen Begriff "gentes" benennt. [45] Sein Seelsorgs-Handbuch, die "Regula pastoralis", erfuhr in England, dessen Missionierung Gregor eingeleitet hatte, durch König Alfred (+899) eine angelsächsische Übersetzung. Die scheinbar naive Erzählweise in der Legendensammlung der "Dialogi" brachte Gregor manch neuhumanistisches Verdikt ein wie "mönchischer Simplismus", "Vulgärkatholizismus". [46] Indes, historisch betrachtet stellte der Papst sich damit offensiv einerseits dem orientalischen Spiritualismus und andererseits der spätantiken Rhetorik entgegen. Brieftexte bezeugen mehrfach, daß Gregor die Sprache der Christen abgrenzen wollte gegen Stilformen spätlateinischer Profan-Literatur; man könne doch nicht in einem Munde die Lobsprüche für Jupiter mit den "laudes Christi"vermengen. Für die exegetische Methode bekennt er sich zur Nicht-Beachtung der Grammatik-Regeln, "quia indignum vehementer existimo ut verba caelestis oraculi restringam sub regulis Donati". [47]

Der Tansformationsprozeß der Latinität wurde von dem gleichamigen Zeitgenossen, dem Hagio- und Historiographen Bischof Gregor von Tours (+594), griffig belegt. [48] Im Gesichtskreis des merowingischen Gallien diente - neben einer "lingua Syrorum" orientalischer Minderheiten - das Latein noch zur allgemeinen mündlichen und schriftlichen Kommunikation, allerdings entfernt von Regeln und Ornatus des Spätlatein. Gregor wußte um die "rusticitas" seiner Sprache, "quia sum sine litteris rhetoricis et arte grammatica"; seine Schreibweise,"incultu effatu", rechtfertigte er aus religiöser Haltung "propter intelligentiam populorum"; denn "philosopantem rhetorem intellegunt pauci, loquentem rusticum multi". Die Divergenzen lagen weniger zwischen Schrift- und Umgangssprache, vielmehr im Abweichen von syntaktischen, lexikalischen, phonetischen Normen. In Gallien verlief der Prozeß wohl beschleunigter als in Italien, wo um 580 Cassiodors Alterstraktat noch "De Orthographia" handelte, oder in Spanien, wo der jüngere Isidor (+633) mit seinem Werk zur etymologischen "vis verbi" das Latein seiner Gegenwart als barbarisch verderbt empfindet.

Der Begriff "Christliches Latein bleibt also schwammig. Pol-Distanzen liegen zwischen dem kultivierten "sermo humilis" der Hieronymus-Bibel, der provinzialrömischen Verkehrssprache im Übergang zum romanischen Dialekt oder zum Mittellatein, und schließlich dem hochmittelalterlichen Scholastiker-Latein, das rationale Züge als Denkform und Sondersprache ausformte. Die bewegliche Latinitas hat die neuzeitlichen Wissenschaftssprachen sowohl provoziert als auch befruchtet. Humanisten führten auch eine Debatte darüber, wie man wohl im Rom der Cicero-Zeit gesprochen habe, ob und wie sich das gesprochene Latein des "vulgus" von dem der "literati" unterschied. [49]

2) Die germanisch-römische Kulturbegegnung war der politische Nährboden für die Entstehung einer Germania latina , der "lingua theodisca", der "lingua teutonica" bzw. der althochdeutschen Sprache. Auch hier, wie bei den Arabern, zählen sich Jahrhunderte seit den ersten kriegerischen Berührungen zwischen Römern und barbarischen Nomaden bis zum Auftauchen germanischer Schriftzeugen im 3./4. Jahrhundert. Und nachdem der Römer Tacitus um 98 die jenseits von Donau und Rhein siedelnden unbesiegten Stämme beschrieben hatte, dauerte es bis um 800, daß im dortigen Raum Zeugnisse einsetzten für eine sog. althochdeutsche Sprache, die sich aus dem Westgermanischen ausgliederte. Deren literarische Verselbständigung benötigte erneut mehrere Jahrhunderte.

Der Untergang des Weströmischen Imperium ermöglichte immerhin einen langwierigen Ausgleichsprozeß zwischen den so unterschiedlichen Kulturstufen, weil Klöster und Bistümer als Reservate der Überlieferung und als Träger missionarischer Aktivität fungierten. So formierte sich eine Sprach-, Bildungs- und Sozialgliederung in lateinkundige "clerici litterati" und "laici illiterati" ("idiotae"), die das sog. lateinische Mittelalter mindestens bis ins 13. Jahrhundert bestimmte. [50] Die politische Führungselite, der Adel, blieb langzeitig illiterat, während die von Klerikern betreuten Herrscherkanzleien auf Latein-Basis funktionierten. Soziologisch wird die Situation diskutiert als Spannungsfeld zwischen "arma et litterae". [51] Analog werden die Bereiche von illiteraten "artes mechaniae", Handwerkskünsten, und schulischen "artes liberales" oft als allzu undifferenziert-plakative Kontrastwelten beschrieben.

So erhebt sich die Frage: Entstand im frühen Mittelalter wirklich eine in isolierte Sprach- und Denkwelten gespaltene Kultur? Wuchsen im werdenden deutschen Land gar gegensätzliche Zivilisationen? Folgendes sei dazu bedacht. Die Völkerwanderung bewirkte im provinzialrömisch-germanischen Begegnungsraum zwar eine zügige Kultursymbiose, greifbar in den lateinischen Volksrecht-Kodifikationen des 5./6. Jahrhunderts (der Westgoten, Burgunder, Salischen Franken; vgl. dazu auch unten). Jedoch in der weitgehend romfrei gebliebenen Germania läßt sich Schriftlichkeit erst zwei Jahrhunderte später nach der Missionstätigkeit des Angelsachsen Winfried Bonifatius (+754) vermuten, d.h. mit den Anfängen einer Kirchenorganisation, die zuerst Bayern, dann Mainz und die Neugründung der Abtei Fulda 744 umfaßte, letztere bis zum 9. Jahrhundert profiliert als schulische und bibliothekarische Zelle. Der Begriff vom "lateinischen Mittelalter" betrifft vorerst so gut wie ausschließlich die kirchlich-klösterliche Rezeption, nicht aber die mündliche Kommunikation im Gros der Bevölkerung, - solche Aussage ist für die europäischen Länder natürlich zu differenzieren. Jan Assmann [52] , Ägyptologe, der sich mit Wahrnehmungsweisen in alten Kulturen befaßt, kennzeichnet das gesamte europäische Mittelalter als eine "im Integrationsprozeß mit der Schriftlichkeit befindliche orale Kultur", also vorwiegende Gedächtniskultur, in der eine spezifische Aneignung von Wirklichkeit stattfand; denn "mündlich tradiertes Wissen ist praktiziertes in der Aktualisierung lebendes Wissen, das nur dadurch tradiert wird, daß es von der Gesellschaft ... approbiert wird." Dem entsprechen grobe Schätzungen der Alphabetisierung: Für das karolingische Frankenreich, dessen hohes Niveau lateinischer Codices unbestritten ist [53] , wird der Analphabetismus bei einer Bevölkerung von rd. 3 Millionen (ohne Italien) auf 95% geschätzt. Sogar noch um 1600 lag die Rate deutscher Lese- und Schreibfähiger unter 10%; bis um 1800 hat sich in Mitteleuropa der Anteil Schriftkundiger auf rd. 25% vermehrt. Mehrere mediävistische Sonderforschungsprojekte widmen sich heute den vor-schriftlichen sozialen Umgangsformen (z.B. der Frage: wie funktionierte Herrschaft nach ungeschriebenen Gesetzen?) und der Entstehung pragmatischer Schriftlichkeit. In oralen und halboralen Gesellschaften hatten hatten Rituale, Symbole, Bilder als visualisierte Texte wesentliche Funktionen; Sprache verdankte ihre Wirkung dem Gebrauch von Spielregeln in Gesten und Metaphern, Sprachbilder verstärkten die Aussagekraft, auch Texte bedienten sich bis in die Neuzeit herein bildhafter Redeweisen. [54] Die oben erwähnte gregorianische Rechtfertigung der kerygmatischen Kraft von Bildern als "biblia pauperum", als Belehrungsmedium für Laien, "qui literas nesciunt", stand im Prinzip auch noch hinter dem Trienter Konzilsdekret von 1563 als Reaktion gegen den reformatorischen Bildersturm. Die damit betonte ethische Gleichwertigkeit von Buchstaben- und Bild-Lektüre behielt in der deutschen religiös bezogenen Kulturgeschichte langzeitige Gültigkeit, zumal auch Martin Luther sich zunehmend von radikaler Bilderfeindlichkeit distanzierte und sich sogar um sinnvolle Bibel-Illustration kümmerte. [55]

Was die Anfänge von Schreib- und Lesefähigkeit betrifft, so sehen Religionssoziologen einen direkten Zusammenhang von Mission und alphabetischer Schriftlichkeit [56] , weil die Glaubens-Anhänger durch Bindung an ein heiliges Buch und ein kanonisches Bekenntnis definiert werden können. Solche Zusammenhänge wären wohl auch belegbar am ältesten, einzig ostgermanischen Literaturzeugnis, der westgotischen Bibelübersetzung des Bischof Ulfilas (+383), eines im Westgotenland geborenen Kappadokiers, der wohl als Arianer mehrsprachig predigte. Die im berühmten Codex Argenteus des 6. Jahrhunderts (heute in Uppasala) überlieferten Fragmente aus den Evangelien und Paulusbriefen sind verfaßt in einer aus griechischen und lateinischen Buchstaben und Runenzeichen konstruierten Alphabetschrift. [57]

Hingegen scheinen die frühen Leges Barbarorum für die Germanen in Kontinental-Westeuropa - anders als die bereits volkssprachlichen Angelsachsen-Gesetze, - durch die mit Vulgarismen durchsetzten lateinischen Texte zu betätigen, daß die Westgoten, Burgunder und auch Franken bis ins frühe 6. Jahrhundert noch keine Schriftlichkeit übten. Wortforschungen ergaben, daß seit der merowingischen Lex Salica Stammesrechts-Kodifikationen vielfach Spuren gesprochener germanischer Sprache aufweisen (Georg Baesecke sprach in den 30er Jahren noch von "deutschen Worten der germanischen Gesetze"). Meist waren es frankolateinische Mischwörter mit Suffix-Angleichung an das Latein; beispielsweise reflektieren die Zusätze der sog. Malbergischen Glossen die bei der Gerichtsversammlung, beim "mallus" (= franko-lateinisches Mischwort), gebrauchte Sprache. [58]

Wann und wie entstand eine "deutsche" Sprache? Und was kann man mit einer "latinitas teutonica" verbinden? Die Genese der Sprache eines Volkes ist eine spannende Thematik. Sprachen sind keine Stiftung, sie lassen sich nicht nach ihrem Beginn kalkulieren. Sie sind nach einem Wort von Harald Weinrich [59] "Sozialgebilde, die ihren Ort im Bewußtsein vieler Sprecher haben", sich unaufhörlich verändern; sie "wachsen nicht wie Bäume. Sie funktionieren nicht wie Maschinen". Beim forschungsüblich kontroversen Fragenkreis um Anfänge und Eigenart althochdeutscher Sprache ist jedoch unzweifelhaft, daß die Mehrzahl der seit rd. 800 überlieferten Schriftzeugen aus Übersetzungen aus dem Lateinischen besteht. Das Wachsen volkssprachlicher Schriftlichkeit hat sich - das ist nur graduell strittig - am lateinischen Vorbild geschult. Bemerkenswert erscheint, daß Hand in Hand damit eine intensivierte Lateinpflege verlief. Erinnert sei dazu an die sog. karolingische Renaissance; von Josef Fleckenstein [60] wurde sie treffender als "Verwirklichung der norma rectitudinis" bezeichnet. Denn Karl dem Großen ging es um "correctio", Herstellung der rechten Zustände in Reich und Kirche. Die Reformen zielten auf bereinigende, verbessernde Vereinheitlichung in den Lebensbereichen von Recht, Liturgie, Lehre, Klosterobservanz durch normative Textgrundlagen. Einbezogen waren auch Sprache und Schrift. Die innovative karolingische Minuskel ersetzte die verwilderten spätrömisch-merowingischen Schreibformen. Leitmotive der Gesetzgebung lauteten: "corrigere quae corrigenda essent" , "emendatio", Ausmerzung von Fehlerhaftigkeit in Büchern und Bräuchen, "docere" zwecks "intellectio", zwecks Einsicht in den Sinn der "lex Dei" zu deren rechtgläubiger Lehre. Auch die Volkssprache erhielt dabei angemessene Aufgaben. Das große Reform-Kapitular von 789, die "Admonitio generalis" [61] , verpflichtete die Priester, zur Wahrung der "fides recta" Meßtexte und das Vaterunser zuerst selbst verstehen zu lernen, um sie allen vestehbar so zu verkünden, "ut quisque sciat quid petat a Deo". Synodalstatuten ermahnen die Bischöfe, "ut secundum proprietatem linguae praedicare studeant", genannt werden "lingua theodisca" und "rustica romana". Die Frankfurter Synode 794 betont, keiner solle glauben, daß Gott nur in drei Sprachen anzubeten sei, "quia in omni lingua Deus adoratur et homo exauditur, si iusta petierit". Auch die Rechtsgewohnheiten erforderten, daß die Königsboten die Gesetze den Untertanen in der Volkssprache zu erklären und diese für die Rechtsfindung zu befragen hatten "quomodo legem ipsorum sciant vel intellegant", da Karl, so sein Biograph Einhard, die "iura" aller Stämme "quae scripta non erant describere ac litteris mandari fecit", also Aufzeichnungen von Stammesrechten geplant waren. Die merowingische Lex Salica erhielt damals eine lateinische Revision und eine althochdeutsche Übersetzung.

So war kraft politischem Willen lateinisch-deutsche Di-Glossie für Kirche, Recht, Schule sanktioniert. Das bedeutete nicht Gleichheit der Stammessprachen, nur Ähnlichkeit, wie es die "Dialekt"-Unterschiede vernakulärer pastoraler Gebrauchsliteratur erweisen: Vaterunser, Glaubensbekenntnis, Taufformeln, Priestereid, belegt auch durch Glossen. Für die volkssprachliche Ableistung von Vertragsschwüren dienen als berühmtestes Textdenkmal die zweisprachig überlieferten Straßburger Eide [62] von 842 zwischen Karl dem Kahlen und Ludwig, - letzterer, "der Deutsche" genannt, war ebenswenig schon ein Deutscher, wie das von Sprachforschern des 19. Jahrhunderts so benannte Althochdeutsch schon eine deutsche Hoch- oder Gemeinsprache war. Stets begleitendes Rüstzeug aller Übersetzungstätigkeit waren Glossen, Vokabularien, und blieben es in der Germania latina bis in die Neuzeit, wie es manche Referate dieser Tagung beleuchten werden.

Aus der Fachdebatte zur Funktion von Übersetzungen bei Entstehung von Schriftliteratur im Zeichen vorherrschender Oralität erscheinen aus historischer Sicht die Aussagen von Stefan Sonderegger [63] überzeugend: "Sprache besteht auch ohne Literatur. ... Die Literarizität der Sprache ist demnach nicht primär, sondern eine sekundäre Erscheinung. ... Dennoch drängt Sprache zur Literatur." Die deutsche Literaturgeschichte habe sich entwickelt und immer wieder erneuert im bewußten oder unbewußten Rückgriff auf "rezeptive Vorbildwirkung", so z.B. die mittelhochdeutsche Dichtung auch anhand romanischer Vorlagen. Für den Übergang von altdeutscher Oraltradition zur Schriftlichkeit verweist er auf die Evangelienharmonie des Otfried von Weißenburg um 870 als ersten Höhepunkt dichterischen Wettreits mit der Antike, außerdem auf die an Cicero und Boethius gebildete Lehrtätigkeit Notkers III. von St.Gallen (auch "teutonicus"' genannt) im klösterlichen Schulbetrieb um 1000.

Hinsichtlich der Vorbild-Funktion des Latein hier einige Bemerkungen zu Otfried, dessen Kunstwerk in exemplarischer Weise die Beheimatung des Autors in beiden Sprachwelten spiegelt, nämlich als gelehrter Teilhaber lateinischer Buchkultur, auch Glossator grammatischer Traktate, und zugleich als Teilhaber der vorwiegend mündlich geprägten Kultur seines Volkes, dessen gesprochene Sprache mit einfloß in Otfrieds Gestaltung der Sprechweise biblischer Personen. [64] Otfried beantwortet die Motivfrage"cur scriptor hunc librum theodisce dictaverit" im deutschen Reimprolog, neudeutsch etwa: "Warum sollen die Franken davor zurückweichen, im Fränkischen Gottes Lob zu singen?" Die Neuheit seines Unternehmens ist dem Dichter bewußt: Zwar sei diese Sprache noch nicht so gesungen worden ("nist si so gisungan") und in Regeln gefaßt, sie habe aber ihre Geradheit in schöner Schlichtheit. Otfried, Verehrer der drei heiligen "edilzungun" - Hebräisch, Griechisch, Latein als Sprachen der Kreuzesinschriften - rechtfertigte er mit einer Art Translationsidee im Sinne des erwähnten Frankfurter Synodalkanons von 794. Die beiden Widmungen des Werks - in Volkssprache an Ludwig, den "Frankono kunig des ostarrichi", mit lateinischem Brief an den Mainzer Bischof - entsprachen biglossischem Usus. Die lateinische Epistel erörtert konkret die Problematik bei Verschriftung der "barbaries linguae", weil sie "inculta, indisciplinabilis", ohne Grammatikregeln sei; Otfried muß deshalb seine orthographische Praxis bei unlateinischen Buchstaben eigens erklären. Das fränkische unbeackerte Idiom ("agrestis"), gemessen an der Eleganz des Latein, erlaube dennoch dieses Unternehmen, denn Gott sieht nicht auf die glatten Worte im Dienst eitler Lippen, sondern auf die Frömmigkeit unseres Sinnes. Gott ist Herr aller Sprachen. Ob freilich, wie einige Philologen feststellten, Otfrieds Formwahl des Endreims eine zivilisatorische Tat als "ethischer Protest" gegen den germanischen Stabreim war [65] , kann ich nicht beurteilen. Dem Historiker aber ist bekannt, daß Klang und Sangbarkeit, Rhythmik, Metrik als Merkmale gesprochener Sprache in archaischen Religions- und Rechtsbereichen erschließbar sind und daß auditive wie visuelle Perzeption in halboralen Gesellschaften lange fortgewirkt hat. Die Denk- und Gestaltungsweisen mündlich tradierter oder von vorneherein schriftlich verfaßter Dichtung unterscheiden sich also in zweifacher Hinsicht deutlich, einerseits bezüglich Sprachrhythmik und Stil, andererseits durch Fehlen oder Vorhandensein grammatischer Regelhaftigkeit. Die von Otfried eingefügten Akzentzeichen dienten wohl dem rezitativen, dem Sprechgesang der Messe ähnlichen Vortrag. Darauf deutet auch hin, daß in Quellentexten häufig für gebundene mündliche Wortkultur die Begriffe "cantica", "carmina", "cantus" - nicht identisch mit liturgischen Bezeichnungen "hymnus", "psalmus" - gebraucht wurden. [66]

Der Schweizer Max Wehrli [67] wertet Otfrieds Werk als frühen Beleg für Antiken-Rezeption, näherhin der Sacra Poesis, welche als großes Thema alteuropäischer Dichtung bis ins 18. Jahrhundert fortlebte. Für solche Brückenstellung dieser Gattung auf dem Weg zu volkssprachlicher Literalisierung hatte Ernst Robert Curtius, der sonst für antike Traditionen so einfühlsame Vater moderner Romanistik, noch keinen Blick, wenn er äußerte [68] : "Das Mittelalter ... hielt an der Aeneis fest und stellte ihr Bibelepen zur Seite. ... Sie zu lesen ist eine Qual." Das Bibelepos sei von Juvencus bis Klopstock "eine hybride und innerlich unwahre Gattung gewesen, ein genre faux", eine "Kompromißlösung" aus dem "Bedürfnis nach einer kirchlichen Literatur, die sich der antiken gegenüber und entgegenstellen ließ."

III. Herausforderungen der Latinitas seit dem 14. Jahrhundert

1) Heutzutage wird die Emanzipation der Volkssprache aus der scholastisch-lateinischen Monokultur vielfach thematisiert, so zur Entstehung deutscher Fachprosa, sei es durch Popularisierung enzyklopädischer Stoffe über Weltbild, Realien- und Naturkunde, sei es durch Verschriftlichung handwerklicher Künste etc. Die Vorgänge spiegeln ein hochkomplexes Spektrum, das historisch-sozial und funktional zu differenzieren wäre. Es gab ja viele intermediäre Kontakt- und auch Interferenzzonen. Auf Hof- und Reichstagen, auf städtischen Marktplätzen, in Predigten und vor Gerichten überwog volkssprachliche Verständigung gegenüber dem Latein, das die Kirchensynoden und Schulbänke beherrschte, wenngleich auch dort beide Idiome in Gebrauch kamen. Man darf ausgehen von Gewöhnung an beide Lautweisen auch bei solchen Bevölkerungsgruppen, die je nach Sozial- oder Berufsstand nicht unbedingt lese- oder gar schriftfähig waren. Das Fortschreiten oraler und literaler Zweisprachigkeit ließe sich reich exemplifizieren. Kurze Hinweise sollen genügen.

Die Integration der beiden Bildungwelten war nicht nur ein gradueller, sondern ein grundsätzlicher Vorgang, vor allem bei Berührung von Theologie und Frömmigkeitsformen. Denn seit der Zunahme von religiösen Bewegungen formierten sich schon vor der Reformation neuralgische Zonen zwischen wachsendem Laienanspruch, z.B. auf Privatisierung der Bibel-Lektüre, und Anspannung kirchlicher Lehrfaufsicht zur Bewahrung des Reservats professioneller Theologie. [69] Immerhin differierten, wie Susanne Köbele [70] ausführt, die Sprachrealitäten hinsichtlich Formen von Wissensbildung, Inhalten und institutionellem Rahmen des Lernens und Lehrens, sie differierten nach argumentativen Standards von definiertem Wortschatz, metaphorischen Normierungen, Theoriebildung und Denkstruktur. So verwundert nicht, daß die deutsche Mystik, verbreitet namentlich in Frauenkonventen, zumal der verbotenen Beginen, in Häresieverdacht geriet, weil sie für ihren auf Inspiration rückgeführten charismatischen Aussageanspruch die Sprache der Demut für angemessener erklärten, als das exklusive Latein. Meister Eckhart (+1328), Dominikaner-Seelsorger, erregte Irritationen durch die Praxis, seine lateinischen und deutschen Predigten für klerikales und laikales Publikum auf gleichem Reflexionsniveau spekulativer Theologie anzubieten. Textanalysen der überlieferten Predigten zeigen, daß Eckhart zur Beschreibung mystischer Erfahrung, des Kairos der Inspiration, die deutsche Sprache durch bildhafte Ausdruckskraft und Terminologie schöpferisch bereicherte. Darauf geht letztlich übrigens auch der deutsche Begriff "Bildung" zurück, als "ein-bildung" des Bildes Gottes in der Seele [71] .

Weitere Bereiche der Biglossie in spätmittelalterlicher Fachprosa werden in einigen Referaten zur Sprache kommen. Darum möchte ich nur folgendes erwähnen. Naturkundliches Wissen gehörte natürlich seit den enzyklopädisch-allegorischen Werken des Früh- und Hochmittelalters [72] zu den autoritativ gebundenen Materien. Dem Bamberger Domscholaster Konrad von Megenberg (+1374) war deshalb sein Wagnis von Vulgar-Bearbeitungen der Lehrbücher des Johannes de Sacrobosco und des Thomas von Cantimpré durchaus bewußt. Er rechtfertigte sich gegenüber potentiellen Kritikern damit, daß Naturwissen der belehrenden Erbauung diene. Dabei verwies er auf die sakrosankt verehrten Übersetzer Hieronymus und Boethius als Vorbilder sowie mit dem Argument, die Sprache sei ja nur ein "klaid" der Erkenntnisobjekte, kein geistiges Attribut der Dinge selbst; Theologumena wolle er indes dem geweihten und kompetenten "genus clericorum" vorbehalten, weil das "genus laicorum" der Führung bedürfe. [73] Das war ein deutlicher Kompromiß mit dem Zeitgeist.

Die Forschung hat vielfältige Überlieferungsgattungen mit deutschen und lateinischen Text-Bestandteilen kenntlich gemacht, wie z.B. manche Codices oder wie Vokabulartraditionen, Konzeptstufen, usw. [74] Jedoch die Schulwelt, auch unterhalb der Universitäten, blieb vorerst überwiegend lateinisch geprägt. Die meisten Lateinschulen kannten noch bis ins 15. Jahrhundert den Lupus, der die "vulgarisantes" denunzierte, und den Asinus, den zur Strafe aufgesetzten Eselskopf, auch wenn hier oder dort im Unterricht volkssprachliche Beschreibungsweisen bezeugt sind, die ein jüngeres Projekt aus Quellen zur Schulpraxis aufspürt. [75] Frühestens für das späte 15.Jahrhundert konnte die Forschung handschriftliche Exemplare einzelner deutscher Rhetorik-Lehren sowie einer Lesefibel entdecken. Erst von 1534 datiert die älteste gedruckte "Teutsche Grammatica" des Schulmeisters Valentin Ickelsamer. [76] Seine Einführung stellt fest, daß "schier der halb teil der teutschen sprache/Jren vrsrprung auß anderen sprachen hat/ ...die teütschen... solten sich auch nit schämen etwa fremmder wörter bedeütung zu lernen.../ dieweil sy auch deren vil in der teütschen sprach eben so gemain als die teütschen wörter selbs allerlay dingen/ gebrauchen/ Dann welcher brauchet vund redet nit Supplikatz/ Citaz/ Polizey/ Syndicus/ Vocat? In der Artzney/ Recept/ purgatz/ Clystier ... / Welches doch nit teütsche wort sein/ sonder Lateinisch vnd Griechisch/". Dem Autor ging es um Einsicht in die Sprachstruktur. Bisher wurde deutsches Buchstabieren stets anhand der altbewährten lateinischen Grammatiken gelehrt, meist des Donat, seltener des Priscian.

Erwähnt sei noch ein weiteres Symptom für den zwar über Jahrhunderte andauernden, aber um 1500 deutlich greifbaren Geltungsaufstieg deutscher Volkssprache bis zur "Salon-" und Konkurrenzfähigkeit - zunächst wiederum auf gelehrter Ebene: Das Phänomen flexibler, quasi spielerischer Handhabung lateinisch-deutscher Mischsprache, natürlich mit qualitativen und motivischen Varianten. Vorstufen erkennt man schon in der mittelalterlichen Vagantenpoesie oder auch in Glossenliedern; auf solcher Grundlage beruhten u.a. die Wechsel-Verse des alten Weihnachtsliedes "In dulci jubilo - nun singet und seid froh". [77] Vor allem im 16. Jahrhundert begegnet Mischprosa einesteils als satirische Kunstform, wie in der Virtuosität der Makkaronischen Dichtung, wie in der deutschen Narrenzunft-Literatur, oder wie auch in den Pamphleten der "Epistolae obscurorum virorum" (1515/17) gegen die Scholastik. Andererseits wurde Mischsprache vielfach von meist hochgebildeten bilingualen Persönlichkeiten zur terminologischen Differenzierung genutzt; gern zitierte Paradebeispiele dafür sind die Werke von Paracelsus und vor allem die Tischgespräche Martin Luthers [78] , der die Auffassung vertrat und praktizierte, "grammatica soll nicht regnare super sententias".

2) Es drängt sich natürlich die Frage auf: Welche Rolle spielte der Humanismus für die Zukunft der zweitsprachigen Kultur? Drosselte er die eine, beflügelte er die andere? Spezielle Fragen wie nach sprachlichen Einflüssen auf scholastisches Latein möchte ich den Philologen überlassen. Aber einige historische Aspekte legen sich nahe. Die Studia humanitatis zeitigten trotz des Latein-Enthusiamus ambivalente Wirkung. Sie gewichteten erneut die klassische Latinität, sie verdrängten aber keineswegs vernakuläre Literatur. Vielmehr erhoben sie erneut Wesen und Formen der Sprache zum Brennpunkt literarischer und philosophischer Diskussionen, zuerst im Geburtsland des Humanismus, in Italien.

a) Wenn der Ruhm Dantes heutzutage weniger dem Staatstheoretiker, vielmehr mit Blick auf die Göttliche Komödie dem Schöpfer eines literaturwürdigen Volgare in Italien gilt, so wird leicht vergessen, daß sein politologischer Traktat "De monarchia" sich lateinischer Sprache bediente und daß sein sprachtheoretischer Traktat "De vulgari eloquentia" ein zunächst wenig wirksamer Torso geblieben war. Auch Dante blieb als scholastischer Latinist im Verein mit seinen Zeitgenossen von der humanistischen Kritik des Quattrocento nicht verschont. Interessant aber ist, daß Dante trotz seines Eintretens für logistische Erarbeitung einer italienischen Hochsprache einen deutlichen Dignitäts-Unterschied zwischen Volgare und Latein anerkannte [79] , nämlich ersteres gemäß Orientierung am sprechsprachlichen Gebrauch, letzteres an der Grundlage von Grammatik, also einer "ars" als Bollwerk gegen den Sprachwandel. Das Latein sei "più bello, più virtuoso e più nobile" (so im "Convivio"), und es habe den Vorzug der Stabilität. Man erinnere sich dazu an Otfrieds Argument (s. oben). Die Bedingung einer"ars grammatica" als Kriterium der Sprachdisziplin spielte in der humanistischen Debatte über "vulgaris sermo" und "litteratus sermo" weiterhin eine wichtige Rolle.

Der empirische Befund von Wandel und Vielfalt der Sprachen, - Dante thematisierte noch deren Herleitung aus dem Verlust der paradisischen Einheit nach dem Sündenfall durch göttliche Strafe beim Babel-Turmbau [80] - rückte während der italienischen Renaissance um 1500 positiv in den Vordergrund. Gegenüber der bisher unangefochtenen zeitlosen Norm der Latinitas konzentrierten sich Fragen nach literaturwürdigen Stil-Qualitäten, wie Reichtum und Eleganz der Ausdrucksfähigkeit, nun zunehmend auch auf"erwachsen werdende" Nachfolge-Idiome. Der vielzitierte "Dialogo delle lingue" des Sperone Speroni [81] gewährt Einblick in die erregten Debatten jener Zeit, ob das Latein oder die "modernen" Umgangs- bzw. Sprechsprachen als Wissenschafts- und Dichtungssprachen angemessener seien. Sperone selbst hatte 1542 als Principe der neu begründeten Paduaner "Accademia degli Infiammati" das Volgare als Vortrags- und Diskussionssprache eingeführt. [82] Die Streitgespräche zwischen einem konservativen Humanisten, anererseits einem fortschrittlichen humanistischen Verteidiger der Volkssprache sowie einem Höfling als Kritiker jedes Traditionalismus wird in der Forschung gerne zitiert als Ausdruck für eine schon damalige Krise des Latein. Sperone blendet als Bericht einen früheren Dialog zwischen seinem Lehrer Peretto Pomponazzi mit dem Graezisten Lascari ein. Den Aristoteles in das Lombardische zu übertragen, meint Lascari, "hieße einen Orangen- oder Olivenbaum aus einem gut bestellten Obsgarten in ein Dornenfeld verpflanzen. Die Gegenstände der Philosophie sind von einem Gewicht, das andere Schultern verlangt, als die Volkssprache sie besitzt." Der progressive Aristoteliker Pomponazzi hingegen, der bekennt, selbst ohne Griechischkenntnisse mit Übersetzungen zu arbeiten, vertritt die Meinung, daß alle Sprachen, das Arabische wie das Indische, das Römische wie das Attische, zweckgeschaffen von gleichem Wert seien. Würden wir die zum Erlernen von Griechisch und Latein verlorene Zeit zum Studium der Philosophie benutzen, "würde auch die Moderne ähnlich der Antike von sich aus Leute wie Platon oder Aristoteles hervorbringen." "Wer in mantuanischem oder Mailänder Dialekt über Philosophie reden will, dem kann es aus keinem vernünftigen Grund verboten werden, wenn ihm nicht das Philosophieren überhaupt verboten werden soll." Als vermittelnder Humanist tritt Pietro Bembo auf, - er gehörte damals mit seinem Traktat "Prose della volgar lingua"(1525) zu den Verteidigern gegen die Kritiker der beiden volkssprachlichen Dichter des Trecento, Dante (+1321) und Francesco Petrarca (+1374); ihm war wesentlich auch der Erfolg des Canzoniere von Petrarca (der selbst als lateinischer Stilist seine italienischen Liebesdichtungen nur als "nugae" bezeichnet hatte) zu verdanken. Bembos Dialog-Argument ist auch wegen seiner historischen Sicht bedenkenswert: Wenngleich der Ursprung der toskanischen Sprache barbarisch war, "glaubt ihr denn nicht, daß sie im Zeitraum von vier- oder fünfhundert Jahren italienische Bürgerin geworden ist? Sicher! Andernfalls wären selbst die Römer Barbaren, welche, von den Phrygiern vertrieben, sich in Italien ansiedelten; das römische Volk, seine Sitten und seine Sprache, wären barbarisch." Es wäre natürlich besser, lateinisch zu reden; "aber besser noch wäre es, wenn die Barbaren niemals Italien erobert und zerstört hätten, und wenn das römische Imperium bis in die Ewigkeit bestanden hätte. Da aber die Dinge anders stehen, ... Wollen wir (deshalb) stumm bleiben und nicht mehr sprechen, bis Cicero und Vergil wiedergeboren werden?" Wenn Pomponazzi noch radikaler als Anwalt von jüngeren Übersetzungen argumentiert, daß der Weg der Vernunft in jeder beliebigen Sprache zur Wahrheitserkenntnis führen könne, daß die sprachliche Form gemäß menschlicher Freiheit arbiträr sei, so bediente er sich offenkundig nominalistischer Logik, so wie einst schon Konrad von Megenberg die Sprache als nur äußeres Kleid bezeichnete. In Deutschland folgten diesem Sprach-Rationalismus die Verteidiger der Muttersprache bis hin zu Thomasius und Wolff - und bis in unsere Gegenwart.

b) Auch der im Gefolge Italiens entfaltete "deutsche" Humanismus huldigte einerseits dem Ideal des Neulatein (s. oben), vermittelte aber auch der Volkssprachlichkeit manche neuen Impulse. Drei Beobachtungsfelder seien dazu notiert.

Zum einen: Die Wertsteigerung von Schriftlichkeit als solcher stimulierte die weitgehend noch mündlicher Tradierungsform verpflichteten Handwerke zum Heraustreten aus bewußter Werkstatt-Hermetik in die Öffentlichkeit, in welcher Diktion auch immer, lateinisch wie deutsch. Auch bisher waren in zahlreichen "artes mechanicae" die wesentlichen Wissenstraditionen aus mündlicher Rezeption vertraut, wie z.B. den Bauhütten und Architekten die Gesetze des Euklid. [83] Die Preisgabe der in Zunft oder Hütte geheim gehüteten Erfahrung durch Musterbücher und Fachprosa signierte daher einen Bewußtseinswandel der Künste. Volkssprachliche ebenso wie lateinische Fachprosa entfaltete sich weitgehend als Novität.

Zweitens verband sich das humanistische Epochenbewußtsein auch in Deutschland, analog zu und dennoch anders als in Italien, mit einem neuen "nationalen" Selbstbewußtsein [84] , das sich auch auf den Stolz über die heimatliche Erfindung der Druckkunst stützen konnte. Das Vergangenheitsinteresse erzielte über die virulente römisch-politische Translationstheorie hinaus historiographische Besinnung auf die Werte der "patria" und ihre Ursprünge zur Bestimmung der eigenen kulturellen Identität, womit der Vorwurf des Barbarentums - auch gegenüber humanistischer Mittelalter-Verachtung - endgültig überwunden werden sollte. Die Quellenforschung nach der> "origo gentis" implizierte allenthalben, nicht nur in Deutschland, einen nationalen Impetus. Für die Spurensuche, deren Hauptstrang z.B. auch in den skandinavischen Ländern über den trojanischen Altersbeweis führte, seien aus dem deutschen Humanismus hier nur zwei singuläre, für die Sprachrelevanz amüsant-interessante Geschichtskonstrukte erwähnt. Der deutsche Erzhumanist Konrad Celtis (+1508), der in seiner Patria-Dichtung der "Amores" als erster das deutsche Identitätsproblem zum Thema erhob [85] , entdeckte eine Ähnlichkeit zwischen altfränkischem und griechischem Idiom. Er erklärte solche Sprachverwandtschaft aus einer Kolonisierung durch griechisch lebende und sprechende Druiden, eine Art Priester-Philosophen, die sich nach Vertreibung durch Tiberius aus Gallien in Germanien niedergelassen hatten. Celtis glaubte sogar, in Würzburg, der "Sadt des Erebos", Reste griechischer Sprache und Tracht ausmachen zu können; vor der Kirche stünden noch Bilder des Mars und der Pallas. Johannes Aventin baute in seiner Bayerischen Chronik den Sprachvergleich seines Lehrers unter Hinweis auf Wort-Exempel noch weiter aus: "Und fürwar die teutsch sprach, vorauß die säxisch und niederländisch, vergleicht sich fast in allen dingen der kriechischen zungen ...". Einen weitergehenden originellen Versuch zur historischen Nobilitierung des deutschen Sprach-Volkes reflektiert die skurrile "origo"-Version eines oberrheinischen Reformators um 1500. [86] Der Anonymus vermutet das Deutsche als Urprache des Paradieses: In der Arche Noah "was nit mer denn adams sproch dz was tüsch die brocht Japhet uff den rhin" - also Japhet hatte die Sprache an den Rhein gebracht; der Verfasser gibt die etymologische Deutung, daraus könne "alman" (= jeder) verstehen, daß Adam "ein tuscher man gewesen". Wir Deutschen heißen darum "alman", da vor der Sprachverwirrung deutsch die "alman sproch", allgemeine Sprache, war. Der seit der Spätantike nicht untergegangene Mythos von der Einheit der Ursprache sowie die Spekulationen um die drei heiligen Sprachen mit dem Wettstreit um die "antiquitas" der daraus entstandenen jüngeren Diversifikationen mündete schließlich in die Gelehrsamkeit der Aufklärung, die sich umfassender um die sog. Zivilisationsgeschichte einschließlich Fragen um die Sprache Adams, die Anfänge von Schrift und Wissenschaften seit Adam oder Moses, bemühte. [87]

Drittens ergibt sich aus diesen und anderen Aspekten der Sachverhalt: Der Humanismus hinderte nicht die Ausbildung einer deutschen Gemeinsprache. Rein sprechsprachlich hätte sie kaum entstehen können, auch wenn die gesteigerte Mobilität Bildungsreisender den mündlichen Dialektausgleich förderte; potentiell hätte insofern auch die mittelniederdeutsche Geschäftssprache der Hanse zur Gemeinsprache werden können, - ihr Einfluß hat um 1500 so stark auf die nördlichen Länder gewirkt, daß der Nordistik-Germanist Werner Betz äußerte: [88] "Ein Däne, Norweger oder Schwede kann sich mit einem Landsmann kaum eine Minute unterhalten, ohne daß er irgendein aus Deutschland gekommenenes Wort benutzt." Die deutsche Gemeinsprache verdankte sich jedoch maßgeblich den humanistisch eifernden ober- und niederdeutschen Fürstenkanzleien, d.h. vorwiegend den Verwaltungszentren Kaiser Maximilians und des Kurfürsten Friedrichs des Weisen von Sachsen [89] , dazu wesentlich der neuen Druckpresse, die der überregionalen Reputation der Luther-Bibel von 1545 zugutekam.

Ein gutes Halbjahrtausend hatte es also gedauert, bis die "lingua theodisca" literarisch konkurrierend neben das Latein gerückt war, ohne dieses vorerst zu verdrängen. Die älteren Auflagen des Gebhardt-Geschichtshandbuchs vertraten in Bezug auf den Buchdruck noch die Auffassung: "Durch die Reformation sind die Deutschen ein lesendes Volk geworden". [90] Das ist allerdings erheblich zu relativieren. Selbst wenn seit dem 15. Jahrhundert die Lesefähigkeit expandierte, so erforderte solche bis zum flüssigen Gewohnheits-Buchlesen noch langen Atem [91] , das gilt sozial differenziert für beide Sprachen. Zwar hat jüngst Uwe Neddermayer durch minutiöse quantitative Untersuchungen erwiesen, daß schon ab 1370 - er nennt es Manuskriptzeitalter - eine enorme Wachstumsrate der Buch-Produktion einsetzte, die sich dann im neuen Druckmedium fortsetzte. Der Anteil volksprachlichen Zuwachses stieg in Deutschland schlagartig aber erst mit den Anfängen der Reformation, um ab 1530 jedoch wieder in retardierende Tendenz zu verfallen. Von Buchmarkt-Quoten läßt sich statistisch keineswegs so einfach auf Leser-Quoten schließen. Wie das von Wolfgang Harms seit Jahren initiierte Forschungsprojekt erhellt [92] , verdankte das illustrierte Fluglatt seinen Erfolg als Massenmedium der Tatsache, daß die neue Technik mit Kupferplatte und Walzenpresse den Druck textbegleitender Bildallegorien ermöglichte, die das Publikum auf mehreren, auch illiteraten Verständnisebenen, erreichte.

c) Wenn also die "renatae litterae" die Entstehung einer vernakulären Gemeinsprache nicht hemmten, eher beförderten, so gab es dennoch wesentliche Faktoren, welche zu Schutz oder erneuter Aktivierung der Dominanz des Latein beitrugen. Bei folgenden Überlegungen sei generell vorausgesetzt, daß die beiden vorrangigen Festungen der Latinitas Kirche und Schule waren, d.h. zum einen das apologetische katholische Kirchenlatein, in dem die Societas Jesu parallel zu protestantischen Bildungsideen eines Johannes Sturm ihre "sapiens atque eloquens pietas" als europäisches Kulturattribut entfaltete, zum andern die Universitäts-Scholastik, die bis ins 18. Jahrhundert interkonfessionell lateinisch fortbestand. Ich möchte aber auf zwei sprachhistorisch wirksame Phänomene nachdrücklich aufmerksam machen.

Wie schon angedeutet, gewannen auf dem deutschen Buchmarkt nach einer kurzfristigen Schwemme volksprachlicher Titel in den 1520er Jahren dann wieder lateinische Bücher die Oberhand bis Ende 17. Jahrhundert. Die neue Welle der Latinisierung hing u.a. damit zusammen, daß die meisten Reformatoren, die den Einzug der Volkssprache in die Kirche überzeugend propagierten, andererseits ja selbst als Humanisten schriftlich beider Idiome fähig waren. Sie befürworteten durchaus die von Erasmus von Rotterdam beförderte und interkonfessionell platzgreifende "trilinguae"-Kollegien-Pädagogik; sie selbst publizierten bevorzugt oder sogar primär gemäß gelehrter Tradition weiterhin in lateinischer Sprache. Francoise Waquet vermerkt [93] , daß in den Korrespondenzen der Reformatoren zu 80-90% das Latein überwiegt. Erasmus distanzierte sich zwar vehement von Gegnern der Bibel-Laienlektüre, denn sie würden argumentieren, als ob Christus so verwickelt gelehrt hätte ("tam involuta docuerit"), "und als ob der Schutz der christlichen Religion darin bestünde, daß sie unbekannt bleibt". [94] Jedoch nicht nur in seinen Werken, auch in seiner umfangreichen Korrespondenz nutzte Erasmus die Universalsprache. Und die spektakuläre Leistung seiner Edition des griechischen Neuen Testaments bestand in der programmatischen stilistischen Modernisierung der beigegebenen neulateinischen Fassung. Der Genfer Reformator Jean Calvin übersetzte die Urfassung seiner "Institutio religionis christianae" erst sekundär ins Französische. Und es war Melanchthons lateinische Grammatik, die den Humanismus nach Skandinavien und Rußland ausstrahlte. Über protestantisches Latein trotz geradezu emotional bekundeter Öffnung für volkssprachliche Verbreitung der Heilswahrheiten werden wir noch manches in diesem Symposium erfahren.

Hier sei noch auf ein anderes Reservat der Germania latina hingewiesen, in welchem das bisher scheinbare Entwicklungsgefälle von Latein zu Deutsch reziprok verlief, indem die herkömmlich volkssprachliche Funktionsweise beim Übergang in die Neuzeit sogar vorübergehend kraft Latinisierung zurückgedrängt wurde: Die Rechtssprache. In Europa wie in den meisten alten Kulturen bewahrte das Gerichtswesen langzeitig die ursprünglich mündlich-volkssprachlichen Verfahrensformen, auch über Anfänge von Aufzeichnungen seit dem 13. Jahrhundert hinaus. In der Frühphase pragmatischer Verschriftung, z.B. von Weistümern, verfaßte um 1220/35 Eike von Repgow (+nach 1233) den "Sachsenspiegel", eine Privatarbeit von hohem geistigem Niveau, als älteste Darstellung deutschen Gewohnheitsrechts, zuerst in lateinischer, dann auch in der heute meist zitierten niederdeutschen Fassung. [95] Seit der Karolingerzeit standen sich Volkssprachlichkeit laikalen Rechtsdenkens und offiziöse Latinität der Königsgesetzgebung gegenüber. Deutschsprachige Gesetze (Kapitularien, Konstitutionen) kannte das Früh- und Hoch-Mittelalter noch nicht; die zweisprachige Überlieferung des Mainzer Reichslandfriedens von 1235 war diesbezüglich frühe Ausnahme. [96] Nach der seit dem 12. Jahrhundert von Bologna ausgegegangenen europaweiten Frührezeption des Justinianischen römischen Zivilrechts parallel zum Kirchenrecht, was die Entstehung eines weltlichen Juristenstandes befördert hatte, erfolgte an den deutschen Universitäten im 15./16. Jahrhundert ein Siegeszug der lateinischen Vollrezeption ("in complexu"). [97] Im Imperium Romano-Germanicum setzte sich die subsidiäre Geltung der römischen "lex scripta" als Ius commune durch, während in England und Frankreich die einheimischen gewohnheitlichen Fundamentalrechte ("lois fondamentales") als Gemeinrecht Übergewicht behielten. Anders gewann in Deutschland die Latinitas erneut an Boden, begleitet durch die traditionellen Gattungen volkssprachlicher Rechtslinteratur.

Aus solchen Zusammenhängen versteht sich die Regelung der offiziellen Reichsprachen. Das Schlußkapitel der Goldenen Bulle Karls IV. von 1356 [98] bestimmte, daß die Söhne der Kurfürsten, welche "Teuthonicum idioma" als Kinder erlernt haben, ab dem 7. Lebensjahr in "grammatica" (Latein), italienischer und slavischer Sprache unterrichtet werden; das sei notwendig, weil darin oft schwierigste "negocia Imperii" verhandelt werden. Es folgen Ratschläge zur Spracherziehung. Die sichtliche Annäherung zwischen "arma" und "litterae" an deutschen Fürstenhöfen ab rd. 1400 verdankte sich komplexen Motiven; auch die römisch-rechtliche Majestas-Aufwertung und humanistische Regenten-Pädagogik trugen dazu bei. [99] Die Wahlkapitulation Kaiser Karls V. von 1519 enthielt die Verpflichtung, in Schriften und Handlungen am kaiserlichen Hof "keine andere Zunge noch Sprache gebrauchen (zu) lassen, denn die deutsche und lateinische, es wäre denn an Orten außerhalb des Reichs, da gemeiniglich eine andere Sprache in Übung wäre...". Zwar bevorzugten protestantische Reichsstände und der Reichstag für ihre Abschiede die deutsche Sprache; aber das kaiserliche Versprechen blieb bis 1792 Bestandteil der Regierungsantritte. Den Geschäftsgang regelte eine Hofratsordnung von 1654 derart, daß bei Annahme fremdsprachlicher Texte eine beglaubigte "Translation in Teutscher oder lateinischer Sprach stets mit producirt" werden"solle. Ebenso verfuhr das Reichskammergericht. In Frankreich hingegen verordnete die berühmte Ordonnance von Villers-Cotterêts König Franz' I. 1539 für alle "actes et exploicts de justice, ou qui en dependent, soient prononcez, enregistrez et delivrez" als Amtssprache die "langaige (sic) maternel francois et non autrement", das hieß die Königs-Sprache der Ile-de-France. Das habe die Entwicklung einer neuen französischen Rechtssprache, eines "dialecte administratif et judiciaire" bewirkt, "un peu pédant, un peu lourd et gauche, mais solide, grave et exact", so das Urteil des großen sprachgeschichtlichen Werkes von Ferdinand Brunot. [100] Wenn also auf Reichsebene seit 1519 bis zum Ende des Alten Reichs neben der lateinischen Kirchen- und Wissenschaftssprache die lateinische Amtssprache auf höchster Ebene quasi gleichragngig mit der deutschen Gemeinsprache gesetzlich verankert blieb, obgleich ohne Verbindlichkeit für die Landesherren, so konnte das freilich den dynamischen Wandel der Sprachverhältnisse nicht mehr aufhalten.

d) Als Pendant zur neulateinischen Repräsentanz artikulierte sich im 17. Jahrhundert der Drang zum volkssprachlichem Eigenstand gegenüber lateinischen Sozial-Bastionen durch Rufer in verschiedenen barock-patriotischen Bildungsbewegungen [101] . Ihre Postulate zielten auf muttersprachliche Erziehung und Bildung, so im pädagogischen Realismus eines Wolfgang Ratke oder Balthasar Schupp. Die im Gefolge der 1583 in Florenz begründeten "Accademia della Crusca" ("crusca" = Kleie) entstandenen deutschen Sprachgesellschaften [102] , am wirksamsten die von Fürst Ludwig von Anhalt-Köthen 1617 in Weimar initiierte "Fruchtbringende Gesellschaft", appellierten an Tugendbildung durch Kultivierung deutscher Literatur und "Spracharbeit". Ihr Programm richtete sich auf Reinerhaltung und "Fortwuchs" des deutschen Wortschatzes mittels Ersatzwörtern für Lehnwörter, meist Komposita, wie "Mundart" für Dialekt, "Irrgarten" für Labyrinth usw. Freilich, nicht alle Verdeutschungen der Puristen hatten Erfolg, - auf der Strecke blieben z.B. Wörter wie "Löschhorn" statt Nase, "Jungfernzwinger" für Frauenkloster, "Leichentopf" für Urne, am zähesten hielt sich "Lehrart" für Methode. "So gering der unmittelbare Nutzen sämtlicher Sprachgesellschaften für die Literaturproduktion war - hierin der modernen Gruppe 47 vergleichbar" (Grimm) -, so seien doch ihre puristischen Bemühungen nicht zu unterschätzen, gerade gegenüber damaligen Gefahren sprachlichen "Fremdgehens" von Adel und Gelehrten. Um 1660 markieren die Termini "Teutsche HaubtSprache" und "Hochdeutsch" den grammatikalischen Status der Schriftsprache. [103] Das war indes noch keine Vollendung volkssprachlichen Eigenstands, solange Wissenschaft lateinisch traktiert wurde.

3) Die Weichenstellung zur Wende wissenschaftlicher Sprachpolitik an Hochschulen kündigte sich an, nachdem Gottfried Wilhelm Leibniz (+1716) mit Blick auf die "Sprachmengerei" in vertiefter Weise die deutsche Sprachkrise angemahnt hatte [104] . Die Bemühungen der Sprachgesellschaften hielt er für ungenügend. Er engagierte sich weder als Kämpfer gegen das Latein noch als Puritaner; er tolerierte Entlehnungen aus verwandten Sprachen, ausdrücklich den skandinavischen. Vielmehr äußerte er sich als Mahner zur Verbesserung des Deutschen im Wissenschafts-Diskurs wegen der überhandnehmenden modischen französischen Überfremdung; uns mangele noch der Vorteil der Ausländer, "deren wohl ausgeübte Muttersprache wie ein rein poliertes Glas gleichsam die Scharfsichtigkeit des Gemüts befördert und dem Verstand eine durchleuchtende Klarheit gibt." Leibniz dürfte an René Descartes' (erst nachträglich ins Latein übertragenen) Discours de la méthode" (1637) gedacht haben, wenn er meinte: "Besser ist: ein Original von einem Deutschen als eine Kopie von einem Franzosen zu sein." Mit Überlegungen, die sich sowohl mit der konkreten deutschen Sprache als auch grundsätzlich mit sprachtheoretischen Prinzipien befaßten, näherte Leibniz Sprache und Philosophie einander an [105] und ebnete die Interessens-Orientierung der Aufklärung am Verhältnis von Sprache und Vernunft, an der Sprache als Organ des Verstandes. Anstöße eher universitätspolitischer Art gab Christian Thomasius (+1728), als er 1687 mit deutschen Vorlesungsankündigungen in Leipzig, später auch in Halle Aufsehen erregte [106] , freilich dem Habitus nach als Verkörperer der eleganten Jurisprudenz "à la mode". Jedoch sein Schüler Christian Wolff (+1754), Philosoph und Cartesianer, eine Begabung sui generis, schuf, ja konstruierte erstmals eine deutsche Wissenschaftssprache - nicht nur zufällig auf der Basis mathematischer Kategorien, einer "mathesis universalis" als logischer Struktur, wie sie auch Kern des Leibniz'schen Kunstsprachen-Konzepts gewesen war. [107] Wolffs Methode beruhte nicht auf Übersetzung oder Lehnübertragungen, sondern auf dem Prinzip, Wissenschaft als Gesamt-System aus evidenten Begründungen durch rein deutsche Kunstwörter für präzise Definitionen zu erfassen und diese konsequent lexikonfähig einzusetzen (wie er es selbst gleichzeitig ein solches Vokabular erarbeitete). Er entwarf einen instrumentalen deutschen Begriffsapparat mit "termini technici", der sich für alle Disziplinen eignen sollte. [108] (Seitdem wurde übrigens die moderne abstrakte Bedeutung "Begriff" in der Philosophie heimisch). Wolff war kein Wortschöpfer, sondern Sprachschöpfer [109] ; er gebrauchte die Sprache nicht um ihrer selbst oder um patriotischer Ziele willen, sondern zur methodischen Erreichung gedanklicher Klarheit. Sein System beruhte natürlich auf den Aufklärungs-Postulaten Vorurteilsfreiheit, Verlagerung des Wahrheitsbeweises von den Autoritäten auf Erfahrung und Vernunft. Wolff publizierte Lehrbücher in deutscher, aber philosophische Werke auch weiterhin in lateinischer Sprache, was die überkonfessionelle Rezeption seines Systemdenkens - bis ins katholische Bayern herein [110] - sicherte.

Die muttersprachliche Neuorientierung in der Wissenschaft nun auch in Deutschand - gegenüber Westeuropa und Italien etwas verzögert - erbrachte den vorest ungewohnten Erweis, auch "vernakulär" philosophieren zu können. Der Reifegrad einer Wissenschaftssprache, abhängig von Kriterien der "copia verborum", also von Qantität und Qualität der Ausdrucksformen zur Formulierung abstrakter Kategorien des Denkens, beanspruchte allerdings Zeit. Das wurde deutlich greifbar am Fallbeispiel der Kant-Rezeption. Als Immanuel Kant [111] mit der "Kritik der reinen Vernunft" (1781) die Reihe seiner deutschsprachigen Hauptwerke eröffnete, war er sich dieser Problematik durchaus bewußt: "Neue Wörter zu schmieden, ist eine Anmaßung zum Gesetzgeben in Sprachen, die selten gelingt, und ehe man zu diesem verzweifelten Mittel schreitet, ist es ratsam, sich in einer toten und gelehrten Sprache umzusehen, ob sich daselbst nicht dieser Begriff samt seinem angemessenen Ausdrucke vorfinde ...". Aber auch dies schien beim Novum seines Kritizismus kompliziert, was die Rezeption in Italien und Frankreich erschwerte und seinem Stil zunächst die negative Qualifizierung als dunkel und schwerfällig einbrachte. Die lateinische Übersetzung ließ Kant überprüfen, um deren Stil, der vielleicht zu sehr auf Eleganz angelegt sei, "mehr der scholastischen, wenn gleich nicht so altlateinischen Richtigkeit" anzupassen. Die erste italienische Übersetzung schuf 1820/2 Vincenzo Mantovani, ein Chirurg, mit Äußerungen über die Unsicherheit, die Begriffe der neuen Ideen immer angemessen übertragen zu haben, da sie nicht einmal in deutschen (Kant-) Wörterbüchern zu finden waren, so daß er im Zweifelsfall die lateinische Version zu Rate gezogen habe. Bei der fremdsprachlichen Kant-Rezeption blieben Mißverständnisse nicht ausgeschlossen.

Neben den letztlich erfolgreichen Bemühungen um eine deutsche Wissenschaftssprache nahm das Programm rationalistischer Sprachreinigung auch für die Alltagssprache ihren Fortgang, hier mit so manchen puristischen Übertreibungen. Zu den prominentesten Vorkämpfern für Sprachreinigung zählte Joachim Heinrich Campe (+1818) [112] , dem es um das gesellschaftliche Anliegen ging, im Trend der Französischen Revolution die Fremdworte durch Verdeutschungen "aus den Köpfen der Gelehrten in die der ungelehrten Volksklassen" zu bringen, also durch "Aufklärung" der Sprache die Menschen aufzuklären. Sein "Wörterbuch der Deutchen Sprache" (1807/11) enthielt rd. 11000 Verdeutschungsvorschläge, von denen sich immerhin wenige Hundert teilweise durchsetzen konnten (dazu gehörten aber jedenfalls nicht Wörter wie "Dörrleiche" für Mumie, eher schon "Alleinherrschaft" für Monarchie).

Der Purismus trieb auch manche heute seltsam anmutenden Blüten, so auf dem Feld der Bibelübersetzung. Die homiletische "Akkomodation" in der neologischen Phase der Aufklärungs-Theologie [113] ging davon aus, daß vieles so, wie es in der Bibel dargeboten ist, eine Zumutung für die Vernunft sei, denn: "Ist nun aber das Christentum eine Religion für alle Menschen und für alle Zeiten, so muß sich auch der Vortrag und die Lehrart desselben nach dem jedesmaligen Genius der Zeit und nach der jedesmaligen herrschenden Denkart der Menschen richten"; auch Jesus und die Apostel hätten sich auf ihre Zeitgenossen eingestellt. In solchem Zeitgeist begann der hochgebildete Göttinger Orientalist Johann David Michaelis (+1791) 1769 eine Revision der Luther-Bibel zur Anpassung an das in seiner Gegenwart gewöhnliche Deutsch [114] ; er wolle den Text davor schützen, daß Mutwillige "das Bibeldeutsch zum Spaß nachahmen". Seine Version veränderte die Textvorlage folgendermaßen.

Luther hatte im Schöpfungsbericht zum zweiten Tag übersetzt: "VND Gott sprach/ Es werde Liecht. ...Es werde eine Feste zwischen den Wassers/ vnd die sey ein Unterschied zwischen den Wassern. Da machet Gott die Feste/ vnd scheidet das wasser vnter der Festen/ von dem wasser vber der Festen/ Vnd es geschach also. Vnd Gott nennet die Festen/ Himmel. Da ward aus abend vnd morgen der ander Tag."

Michaelis übersetzte: ..."Und Gott sprach: es entstehe ein Fußboden zwischen dem Wasser, der Wasser von Wasser absondere! ...Und Gott machte diesen Fusboden (!), ...und es ward, wie Gott es befohlen hatte: den Fusboden aber nannte Gott, Himmel. Dis war Abend und Morgen, der zweite Tag." Michaelis erläuterte seinen Sprachgebrauch in den "Anmerkungen für Ungelehrte" folgendermaßen: "was wir jetzt mit dem prächtigen, Ehrfurcht gebietenden Nahmen Himmel benennen, ist Gotte eigentlich nichts weiter als ein Fusboden. Er siehet ihn nicht wie wir, hoch über seinem Haupte, sondern unter seinen Füßen. Allein unter Sterblichen soll dieser Fusboden den Nahmen, Himmel, tragen, und Gott verordnete, daß er ihnen Himmel wäre." Soweit Michaelis. Der Vulgatatext lautet: "et Deus vocat firmamentum caelum."

Die Problematik, das rechte Maß zwischen Stil-Dignität und Volksmund zu finden, hat von jeher die Übersetzer vor allem sakraler Texte gepeinigt, - bis heute. [115] Das befürchtete einst auch Luther, wenn er an die Kritiker des Hieronymus erinnerte. Denn im "Sendbrief vom Dolmetschen" distanzierte Luther sich von sinnzerstörender wörtlicher Übertragung nach Art der "buchstabilisten", um die Würde der Heiligen Texte zu wahren. Bemerkenswert ist, daß Luther nicht nur durch sein Methodenbekenntnis, sondern auch in seiner Bibelübersetzung selbst - vielleicht würde er sich nachträglich im Grab herumdrehen? - durch seine Vorrede zum Buch Daniel 2 (37 ff.) sich als Zeuge für die Macht der Tradition ausgewiesen hat: Er übernahm entweder aus dem Kirchenvater selbst oder, vermutlich, aus dessen Wirkungsgeschichte die zur historisch-politischen Idee kondensierte Vier-Reiche-Lehre, wie sie eigentlich nicht im Bibeltext steht, mit der Devise "Daniel lügt nicht". [116]

Sakral-, Kirchen-, Wissenschafts- und Umgangssprache waren niemals völlig identisch, weder in der lateinischen noch in der Volkssprache. Das gilt umso mehr, als von Zeit zu Zeit Perioden oder Tendenzen von "Spachpolitik", von welcher Seite auch immer, die natürliche Sprachentwicklung disziplinierend beeinflußten. Lohnende Untersuchungsfelder böten sich diesbezüglich vor allem im Zusammenhang der Französischen Revolution, z.B. in den linksrheinischen Eroberungsgebieten. Nur hingewiesen sei etwa auf das Spannungsfeld im späten Kurstaat Mainz, Zentrum katholischer Aufklärung, wo eine kirchenstaatliche Verordnung 1787 modernisierend zwecks muttersprachlicher Liturgiereform ein doppelspachiges latein-deutsches Gesangbuch einzuführen versuchte, was den "Mainzer Gesangbuchstreit" auslöste, - das war wenige Jahre vor Beginn der Franzosenzeit, die dann für alle öffentlichen Bereiche revolutionäre Sprach- und Französisierungspolitik betrieb. [117] In der römisch-katholischen Kirche wurde das liturgische Latein bekanntlich offiziell erst seit dem II. Vatikanischen Konzil 1963 durch die "lingua vernacula" abgelöst, indes für apostolische Enzykliken bis heute bewahrt. Während also seit dem 18. Jahrhundert das kirchliche Latein konfessionell unterschiedlich, im katholischen Raum sporadisch, jedoch das scholastische Latein als universitäre Verkehrssprache progressiv zurücktrat, - in Schweden hielt es sich m.W. am längsten bis gegen 1800, - setzte sich die deutsche Wissenschaftssprache dennoch erst mit Fortschreiten des 19. Jahrhunderts durch, und zwar als Vehikel des Aufstiegs akademischer Grundlagenforschung zu internationaler Geltung. [118] Das geistige Fundament für letztere Entwicklungen ebnete der sog. Neuhumanismus. Während dessen Antikenverehrung sich auf besondere Pflege des Philhellenismus verlagerte, förderte diese neue Etappe humanistischen Quellenzugriffs auch wiederum in multipler Weise einesteils eine Stabilisierung der deutschen Sprache in den Wissenschaften, andererseits aber verband sich das jetzt mit der philologischen und historischen methodischen Erschließung des griechisch-lateinischen Erbes auf dem zukunftsträchtigen Forschungs-Terrain der Altertumswissenschaften. Parallel dazu verlief eine Expansion der alten Sprachen auf gymnasialer Ebene, insonderheit der Latinitas auf der Grundlage klassischer Autoren als Bildungs-Lernstoff. Das alles gehört nicht mehr zur Thematik meines Referats, das sich auf Alteuropa beschränkte, jedoch zum Programm dieses Kongresses.

IV. Horizonte - Überlegungen zum Abschluß

Es ging um eine Hinterfragung der Rolle der Latinitas im europäischen Raum, um ihren "Sitz im Leben" seit der Spätantike. Hinweise auf die großen Kulturleistungen von Übersetzungen der Bibel und der griechischen Philosophie, der Blick auf die nachrömischen Entwicklungen romanischer und germanischer Sprachen, sodann die exemplarische Beleuchtung der Wechselwirkungen zwischen lateinischer und volkssprachlicher Sozialwelt und Literatur im frühneuzeitlichen Deutschland wollten erinnern an die weit über Sprachgeschichtliches hinausweisenden Grundlegungen europäischer Bildungskultur aus dem Geist der Latinitas. Das Wachstum dieser unserer Kultur vollzog sich natürlich im stets sich erneuernden Diskurs zwischen jeweiliger Gegenwart und Vergangenheit, aus dem Sichtfeld verschiedener Horizonte. In den geschichtlichen Modifikationen der lateinischen Welt hat keiner der Horizonte - bis heute - seine Leuchtkraft ganz verloren.

Zum philosophischen Horizont: Seit der griechischen Antike haben Grammatiker, Pädagogen und Philosophen über das Wesen von Sprache nachgedacht. Stets ging es um das Verhältnis von Sprache und Wirklichkeit bzw. Wahrheit, von "res et verba", "eloquentia et sapientia". Zum Erbe der Antike gehörte die Überzeugung von der Entsprechung zwischen Erkenntnis- und Seinsordnung, vom Apriori der Dinge gegenüber der Sprache. Der Sprache wurde entweder die Sekundär-Funktion zeichenhafter Abbildung oder der Etikettierung zur Identifizierung der vorgegeben gedachten Realia im Sinne von Allgemeinbegriffen zugesprochen. Gegenüber solchen realistischen Konzeptionen schoben sich in der Neuzeit zunehmend andere Denk-Positionen in den Vordergrund, welche der Sprache die Fähigkeit primärer kognitiver Begriffskonstruktion für den Zugriff auf die amorphe Masse der Phänomene zuerkennen - und in radikalen Varianten Wirklichkeit überhaupt nur als Resultat sprachlicher Konstruktion ansehen. Seit dem mittelalterlichen Universalienstreit hat die Grundsatz-Debatte zwischen realistischen und relativistischen Theorie-Konzeptionen bis in moderne Sprachphilosophie herein ihre Relevanz bewahrt. Ein kürzlicher Aufsatz von Andreas Gardt [119] belehrt darüber, daß "die Durchsetzung relativistischer Erkenntnistheorien gegenüber realistischen ein Kennzeichen der Moderne insgesamt" sei. Die Frage, ob den Dingen oder der Begriffsbildung die Priorität zukomme, verbindet sich dem Verständnis der Historizität der Sprache als Attribut des Menschen.

In der noch alteuropäisch geprägten Sattelzeit für das 19. Jahrhundert wirkte Wilhelm von Humboldt (+1835) einerseits als Pionier neuhumanistischer Hermeneutik und eines daraus entfaltenen Verständnisses von Bildung als individueller Selbstbildung , andererseits als Wissenschaftstheoretiker zur Förderung eines neuzeitlichen Forschungbegriffs, nicht zuletzt aber als Kultur-Philosoph und Sprachhistoriker. Seine damals kulturpolitisch brisante anti-utilitaristische Weichenstellung für "reine Wissenschaft" sowie für die Universitätsreform wird heute als ein de facto durch die positive Macht der Realitäten rasch überholtes Modell diskutiert, das zwar mit dem Einfluß der deutschen Universität als Postulat international ausstrahlte, das allerdings erst nach der Erstpublikation von Humboldts vielzitierter Schrift "Über die innere und äußere Organisation der höheren wissenschaftlichen Anstalten in Berlin" (1900) im 20. Jahrhundert, so in den 20er Jahren und besonders nach 1945, als Humboldt'sches Ideal eine Wirksamkeit geradezu als "Mythos" angetreten habe. [120] Indes blieb Humboldts Bedeutung für die Förderung der Geisteswissenschaften, insonderheit der Sprachwissenschaft, unüberschätzbar. Humboldt stand am Beginn vergleichender Sprachen-Erforschung. Im Anschluß an die oben (II, 2) angedeuteten Fragestellungen um das Verhältnis von Sprech- und Schreibsprache und den Kulturwert der Alphabetschrift sei hier exemplarisch hingewiesen auf seine Akademierede "Ueber die Buchstabenschrift und ihren Zusammenhang mit dem Sprachbau" (1824) [121] , welche die beiden Verfahrensprinzipien der Sprache, inhaltliche Gliederung der Gedankenwelt (Reflexion) und Lautsequenzen (Artikulation) im Hinblick auf die beiden großen Schrifttypen, die ideographische Zeichenschrift und die (phonographische) "Buchstabenschrift" bespricht: Letztere erachtet er als die der semiotischen Struktur der Sprache angemessenere, die "sprachlichere", eigentlich kulturreifere Ausdrucksform für begriffliches Denken, denn sie sei nicht nur Aufschreibesystem, sondern integraler Bestandteil der Sprache, indem sie das "Theilungsgeschäft" der Sprache vollendet. Die Beschäftigung mit den amerikanischen Sprachen, mit dem Alt-Indischen und Chinesischen, erschien ihm geschichtlich zu bestätigen, "als wenn die Annahme und Bearbeitung des Alphabetes, ja selbst die Art und vielleicht auch die Erfindung desselben, von dem Grade der Vollkommenheit der Sprache, und noch ursprünglicher, der Sprachanlagen jeder Nation abhienge." Der Philologe und Sprachhistoriker Humboldt kann aber auch als Schöpfer deutscher - und deutschsprachiger - Sprachphilosophie gelten, indem er dem Wesen von Sprachlichkeit als integrativer Kraft des aus seiner Natur und Geschichte verstandenen Menschen nachspürte. Seine methodisch neu gedachte Welt- und Werte-Orientierung an der Sprache als Instrument des Denkens sei zu begreifen als eine Tranformation des aristotelischen systematisch-ontischen Wirklichkeitsentwurfes: So interpretierte es jüngst eine umfangreiche Untersuchung über Humboldts Sprachverständnis als "Verwandlung der Welt in Sprache" [122] ; denn analog der ontologischen Statik, wie Aristoteles die Welt der objektiven Wirklichkeit konstituierte, so gehe für Humboldt die Welt der objektiven Wirklichkeit auf in einer Welt der Sprache. Ausgangspunkt solcher weitgehend konstruktivistischen Interpretation ist für den Autor die Summe, die der späte Humboldt selbst aus seinen sprachtheoretischen Studien zog [123] : "Die Sprache, in ihrem wirklichen Wesen aufgefaßt, ist etwas beständig und in jedem Augenblick Vorübergehendes. Selbst ihre Erhaltung durch die Schrift ist immer nur eine unvollständige (...). Sie selbst ist kein Werk (Ergon), sondern eine Thätigkeit (Energeia). Ihre wahre Definition kann daher nur eine genetische seyn. Sie ist nemlich die sich ewig wiederholende Arbeit des Geistes, den articulierten Laut zum Ausdruck des Gedankens fähig zu machen." Wenn Humboldt, der in allen alten Sprachen beheimatete Verehrer namentlich der griechischen Antike, seine nicht nur philologischen, sondern auch philosophischen Entwürfe in deutscher Sprache schrieb, so war auch das ein Vermittlungsversuch zwischen alteuropäischer und anbrechender moderner Welt des Denkens, die nach seinem Streben antimaterialistische, forscherliche, human-individuelle und nationale Züge fördern sollte.

Zum sprachgeschichtlichen Horizont: Die Geschichte der deutschen Sprache bietet wissenschaftsgeschichtlich viele Anregungen zum Nachdenken. Einige hat Uwe Pörksen im Blick auf die gewordene Struktur der deutschen Gegenwartssprache sowie auf die künftige Situation von Mehrsprachigkeit thesenhaft zusammengefaßt. Nur fragmentarisch zitiere ich daraus [124] : "Zweisprachigkeit war in unserem Sprachgebiet etwa 1000 Jahre lang der Normalzustand. Vom 8. bis zum 18. Jahrhundert gab es das Latein der Schriftkundigen... und demgegenüber die Sprache der Laien"; seine fast überspitzt klingende These dazu lautet: "Die deutsche Sprache ist tiefer vom Latein geprägt, als uns zumeist bewußt ist. Unsere deutsche Schriftsprache ist nicht so sehr aus der mündlichen deutschen Sprachkultur hervorgewachsen, wie man spontan annehmen möchte, sie entstand eher im Bruch mit ihr, als Lehnbildung des Lateinischen". Die These scheint nicht übertrieben auf dem oben beschriebenen Hintergrund der Entstehung althochdeutscher Sprache sowie angesichts der Schätzung, daß das heutige deutsche Vokabular (rd. 400 000 Wörter) zu mindestens einem Viertel aus Fremdwörtern besteht. [125] Pörksens Argumentationen unterstreichen den heute opportunen Nachweis, daß die deutsche Kultursprache sich unabhängig von "Nationalstaatlichkeit" herausgebildet habe und daß der Mensch - gerade auch in Europa - kein "homo monolinguis" war und ist und wohl je sein wird, "Zweisprachigkeit wird aller Voraussicht nach unsere Zukunft bestimmen, teils in der Form des Pendelns zwischen den Sprachen Deutsch und Englisch (...). Europäische Mehrsprachigkeit, die lange selbstverständlich war, wäre ein zu wünschendes Ziel." Von anderer Seite wurde das heutige Englisch als bevorzugte Wissenschaftssprache geradezu als "New Latin" bezeichnet [126] - unter Berufung auf den einstigen Lösungsvorschlag des humanistisch-fortschrittlichen Aristotelikers Pomponazzi. Dante habe, so Jürgen Trabant, darin recht gehabt, daß von Gott mit der ersten Seele die Sprache mitgeschaffen wurde ("dicimus certam formam locutionis a Deo cum anima prima concreatam fuisse"), aber die Meinung Dantes, sie ist zu Babel verloren gegangen, sei falsch. Die Frage nach der Wissenschaftssprache werde "nicht im Sinne der protestantischen Neuzeit, sondern des katholischen Mittelalters gelöst. ... Das amerikanische Englisch ist das Latein dieses neuen Mittelalters, das Neue ist das Alte".

Zum wissenschaftsorganisatorischen Horizont: Die Schulpraxis durch die Jahrhunderte war in diesem Vortrag weitgehend ausgeklammert, sodaß es naheliegt, hier noch ein Wort zum historisch-institutionellen Ort der Latein-Studien anzufügen. Bekanntlich bildeten seit der spätrömischen Antike die drei Studienfächer Grammatik mit dem Doppelaspekt von Sprachlehre und Autorenlektüre mit Exegese, Rhetorik als Stillehre und Philosophie, namentlich Logik (Dialektik), einen Kreis von Unterrichtsfächern, die im Rahmen des aus der griechischen enkyklios paideia gestalteten "orbis doctrinae" (so Quintilian ) jenes allgemein Wissenswerte zusammenfaßten, das für gesellschaftliches Ansehen sowie auch für bestimmte höhere Fachstudien Bildungs-Voraussetzung war. In der mittelalterlichen Schulwelt blieben - mit historisch-sozialen Modifikationen - die sieben sog. Freien Künste mit diesem Eingangstor des Trivium und den vier mathematischen Fächern des Quadrivium die grundlegenden Schuldisziplinen, wie sie sich in enzyklopädischen Werken (im 13. Jahrhundert etwa im Speculum Maius des Vinzenz von Beauvais) darstellten. Das Trivium vermittelte dabei die sprachlichen, geschichtlichen und philosophischen propädeutischen Kenntnisse, man kann sagen, jenen Gehalt der Latinitas-Bildung, wie sie Dantes Göttliche Komödie erstmals in originär-volkssprachlicher (nicht übersetzter!) Dichtung auf höchstem Niveau repräsentierte. An den Universitäten seit rd. 1200 bis 1800 blieb in den Artisten-, dann den umbenannten Philosophischen Fakultäten der organisatorische Verbund von altsprachlichen und philosophischen Lehrfächern gewahrt, auch wenn sich Methodenkonflikte zwischen philosophischen Richtungen oder auch über das Gewicht der Autoren zwischen humanistischer oder logistischer Ausrichtung, nicht zuletzt auch wiederholt Spannungen um Funktion und Stellung der Artes in der universitären Hierarchie der vier Fakultäten abspielten.

Die Philosophische Fakultät gehörte also zur Grundausstattung der europäischen Universität. Sie beanspruchte stets eine Sonderrolle gespielt wegen ihres breitgefächerten Ausbildungs-Spektrums, das noch lange keinem bestimmten Berufsstand zugeordnet war. Seit dem Spätmittelalter war diese Fakultät als Eingangsstufe in höhere Bildung nichtsdestoweniger - oder gerade deshalb - die quantitativ größte; Artisten trifft man in differenzierten Tätigkeitsfeldern von Kirche, Staat und Stadt. [127] Erst die Aufklärung beförderte die Fakultät endgültig aus der propädeutischen Funktion in eine zwar nach wie vor fundierende, nun aber zugleich führende Position. Schon Friedrich Schiller brachte in seiner bekannten Jenaer akademischen Antrittsrede "Was heißt und zu welchem Ende studiert man Universalgeschichte?" 1789 sein Plädoyer für den "philosophischen Kopf" gegenüber den "Brotgelehrten" zum Ausdruck. [128] Solche Klassifizierung im buchstäblichen Sinn realisierte z.B. die bayerische Universitätsreform 1804 in Landshut durch Gliederung der Fakultäten in zwei "Klassen" der Allgemeinen (philosophischen) und der Besonderen (Fach-) Wissenschaften, was sich freilich nicht allzulange bewährte; die Fakultätengliederung blieb in der Observanz und kehrte auch offiziell zurück. 1798 veröffentlichte Kant seinen Traktat "Der Streit der Fakultäten", worin er die philosophische Fakultät als die eigentlich höchste verteidigte, weil sie diejenige sei, "die nur das Interesse der Wissenschaft zu besorgen hat", das heiße mit dem Interesse der Wahrheit zu tun hat, - anders als die anderen Fakultäten, deren Lehren im Regierungsinteresse stehen. [129] Die Aufbrüche von idealistischer Philosophie und neuhumanistischen Bildungskonzepten wirkten nach 1800 darin zusammen, daß die preußische Reformgründung der neuverstandenen Universitas litterarum in Berlin trotz zunächst universitätsfeindlicher Tendenzen dann doch in der substantiellen Motivation ausging von den Geisteswissenschaften, wesentlich getragen von Klassischer Philologie und Philosophie; und analog orientierte sich die 1826 nach München transferierte bayerische Alma Mater. Altphilologie im Bündnis mit Alter Geschichte sowie bald auch die neusprachlichen Philologien betraten künftig den Weg zur Professionalisierung sowohl in schulischen Lehrberufen als auch in Forschungsinstitutionen (wie Editionsunternehmungen wie u.a. die Monumenta Germaniae Historica, die Historische Kommission). Daraus resultierte nach der Jahrhundertmitte die Verselbständigung der Geistes- in organisatorischer Trennung von den Naturwissenschaften. Auf den Philosophischen Fakultäten beruhte das spektakuläre quantitative Wachstum der deutschen Philosophischen Fakultäten im 19. und 20. Jahrhundert. [130]

Indes, die Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften haben den "Streit der Fakultäten" nicht ganz verloren; er gewinnt immer wieder Aktualität, wenn man die altsprachlichen, althistorischen und anderen historisch orientierten Forschungs- und Lehrfächer mit Meßlatten unserer modernen Welt nach an ihrem Nutzen für die Gesellschaft befragt. "Es hindert sie, daß ihre Fachspezifik und eigene Tradition eine solche von Nutzen und Wahrheitserkenntnis ist, von praktischem Handeln und zweckfreier Wissenschaft ist." (Kintzinger). [131] Nachdem die 1968 ausgelösten Diskussionen um Nutzen und Gesellschaftsrelevanz unserer geisteswissenschaftlichen Fächer seinerzeit sehr grundsätzlich von Thomas Nipperdey aus geschichtswissenschaftlicher Sicht beantwortet wurden [132] , vervielfältigen sich in der Gegenwartssituation erneut Wahrnehmungen und Stimmen gegen eine spürbare "Marginalisierung" von Disziplinen philosophischer Fakultäten, vor allem soweit sie (wie manche sog. Orchideenfächer) reine Wissenschaft betreiben, d.h. nicht in das staatliche Berechtigungswesen eingegliedert sind. Kosten-Nutzen-Erwähungen, In- und Output-Messungen gewinnen leicht die Oberhand.

Diese Thematik sei mit einer persönlichen Beobachtung zur Münchener Universität abgeschlossen. Die Hochschulreform 1974/5 hatte die Philosophische Fakultät in sieben neustrukturierte "Fachbereiche" zergliedert, wobei die seit dem 19. Jahrhundert forschungsbedingt neu stabilisierte wissenschaftsorganisatorische Zusammengehörigkeit von Klassischen Philologien und Alter Geschichte (= Altertumswissenschaften) sowie andererseits von Mittellateinischer Philologie mit Mittelalterlicher Geschichte und Historischen Hilfswissenschaften ein bisher nicht revidiertes Ende fand. Die Fachbereiche nannten sich bald wieder "Fakultäten" mit dem jeweiligen Zusatz "Philosophische Fakultät für (...)."Indes, das Vorlesungsverzeichnis des Wintersemesters 2000/2001 weicht erstmals - aufgrund einer Verordnung - von diesem Brauch ab. Das führte zu dem gegenwärtigen Tatbestand, daß zwar sechs Fakultäten (statt sieben, wegen zwischenzeitlicher Vereinigung der beiden 1974 geteilten Fakultäten für Sprach- und Literaturwissenschaften) das historische Kernrecht der Universitätskorporation noch ausüben, nämlich die Gradverleihung des Doctor philosophiae (auch an Latein-Unkundige), und daß unsere Münchener Universität zwar vorerst noch über Theologische Fakultäten, eine Juristische Fakultät etc., dazu über mehrere fachspezifisch benannte Fakultäten (darunter eine Fakultät für Philosophie, Wissenschaftstheorie und Statisik), teils auch über Untergliederungen nach sog. Departments verfügt. Das neue Vorlesungsverzeichnis fixiert jedoch auch den Tatbestand, daß die Ludovico Maximilianea, eine der ältesten deutschen Universitäten, keine "Philosophische Fakultät" mehr besitzt. Nur ein zufälliger unbedachter Wechsel der Nomenklatur? Vielleicht auch Symptom für einen Verzicht auf fakultative Grundlagenforschung in den Geisteswissenschaften zugunsten überwiegend fachhochschulartiger Bedarfs-Ausbildung? Vor zwei Jahrhunderten obsiegte in Deutschland gegen die Auflösung in Fachschulen die Universitätsstruktur als Ort von Forschung und Lehre dank der Weisheit "philosophischer Köpfe".

Zum kulturgeschichtlichen Horizont: Die Frage "Was wäre Europa ohne die Antike?" beruht auf der methodischen Fiktion, "als ob die antike Komponente aus dem nachantiken Europa herausgelöst werden könnte", - Alexander Demandt [133] erwägt solche rein gedankliche Möglichkeit in gewissen Plausibilitätsgrenzen: Wenn man christliche Religion oder römisches Kaisertum wegdenken würde, oder wenn man gar beim Wegfall der griechisch-römischen Antike die Alternative bedächte, daß die Germanen mit ihrer Bereitschaft, von höheren Kulturen zu lernen, ihre Lehrmeister in Ägypten oder Mesopotamien gesucht hätten: "Dann hätten wir unser orientalisches Erbe nicht durch die Antike gefiltert erhalten, ...Unsere Denkform wäre nicht die logische Argumentation, sondern die symbolische Assoziation." ..."Hätten die Nordeuropäer die mediterrane Hochkultur nicht vorgefunden, so hätten sie ..." usw., "Wo wir dann stünden? Vielleicht im Hellenismus, vielleicht in der Spätantike...". Und spinnen wir dieses "wenn - dann" noch fort: Dann würde Deutschland weder Germania noch Teutonia heißen und sicher auch nicht über mittellateinische Wortvermittlung Deutschland; und es gäbe zumindest sprachlich - wohl auch historisch-sachlich - keine romanischen Völker, keine Nationen, keine Revolutionen, keine Demokratien europäischer Art.

Die wirkliche Geschichte verlief gleichwohl anders. Zur Wiegenausstattung Europas gehört mit den alten durch Sprachen übermittelten Kulturen - und "Kulturen sind Konglomerate" (Demandt) - die Fähigkeit zu Humanismen, nicht nur von sprachlicher, sondern wesentlich auch von inhaltlicher Dimension. "Die Antike ist eine Schule, in welche die Absolventen immer wieder zurückgekehrt sind, in der sie nie ausgelernt haben". [134]

Die Latinitas wird - trotz der auf langwierigen Wegen literatur- und wissenschaftsfähig gewordenen modernen Sprachen, trotz des "New Latin" - Vitalität behalten (müssen!), solange ihre fundamentale Bedeutung als "l'empire d'un signe européen", als Identitätsmerkmal Europas, begriffen wird. Ein wissenschaftlicher Verzicht auf das Latein käme einem Verzicht auf Hermeneutik gleich. Mit dem Verzicht auf Verständniswege zur europäischen Geschichtlichkeit würden wir unsere Fundamente, unsere Identität verleugnen.

Zum literarischen Horizont: Aus dem Humanismus unserer Gegenwart sei abschließend Michael von Albrecht aus dem Vorwort seines neuaufgelegten großen literaturhistorischen Wurfes [135] zitiert: "Die antike Tradition gilt der Neuzeit als Spiegel, in dem sie sich selbst erkennen kann. So kommt griechischen und römischen Quellen eine instrumentale Rolle und zugleich kognitive Bedeutung zu. Bei der Neuerweckung von Literaturgattungen im Europa der Neuzeit üben die antiken Literaturen eine befreiende Wirkung aus. ...Die emanzipatorische Bedeutung antiker Autoren für die modernen kann kaum überschätzt werden". Albrecht zeigt an Autoren des 19. und 20. Jahrhunderts auf, daß und wie das alte Rom zu einer "Schule Europas" geworden ist - nicht als Vorbild zur drückenden Last, nicht mehr nur als "imitatio", sondern als Mittel zur fortdauernden Möglichkeit kreativer "inventio".



[1] Jürgen Leonhardt, Sieben Thesen zum Verhältnis von Latein und Geisteswissenschaften, in: Neulateinisches Jahrbuch 1 (1999), 283-288.

[2] Wolfgang Haubrichs (u.a. Hgg.), Theodisca. Beiträge zur althochdeutschen und altniederdeutschen Sprache und Literatur in der Kultur des frühen Mittelalters. Eine internationale Fachtagung (...) 1997, Berlin 2000, V.

[3] Die Anmerkungen verstehen sich lediglich als Belege für einzelne Aussagen, sie beabsichtigen grundsätzlich keine Vollständigkeit. - Zum Germania-Begriff: Artikel 'Germanen' (H. Ament) in: Lexikon des Mittelalters,Bd. IV, 1988, Sp. 1338-1344; Widu-Wolfgang Ehlers, Jacob Wimpfelings Epithoma Rerum Germanicarum. Von der Germania zu den Res Germanicae. In: Gabriele Thome/Jens Holzhausen (Hgg.), Es hat sich viel ereignet, Gutes wie Böses. Lateinische Geschichtsschreibung der Spät- und Nachantike, München 2001, 179-193; unüberholbare Einführung zur Denkwelt Kaiser Maximilians: Jan-Dirk Müller, Gedechtnus. Literatur und Hofgesellschaft um Maximilian I., München 1982.

[4] Eckhard Müller-Mertens, Regnum Teutonicum. Aufkommen und Verbreitung der deutschen Reichs- und Königsauffassung im früheren Mittelalter, Wien 1970.

[5] Zur Sprachentwicklung vgl. Wolfgang Haubrichs (Hg.), Deutsch - Wort und Begriff (= Zeitschrift für Literaturwissenschaft und Linguistik 24, H. 94), 1994; Heinz Thomas, Sur l'histoire du mot "Deutsch" depuis le milieu du XIIe siècle jusqu'à la fin du XIIIe siècle. In: Rainer Babel/Jean-Marie Moeglin (Hgg.), Identité régionale et Conscience nationale en France et en Allemagne du Moyen Âge à l'Époque moderne, Sigmaringen 1997, 27-35 (mit Lit.); zum Verhältnis von Sprache und Nationsbildung Hans-Werner Goetz, Gentes et linguae. Völker und Sprachen im Ostfränkisch-deutschen Reich in der Wahrnehmung der Zeitgenossen. In: Haubrichs (Hg.), Theodisca (wie Anm. 2), 290-312.

[6] Dazu Ernst Schubert, König und Reich. Studien zur spätmittelalterlichen deutschen Verfassungsgeschichte, Göttingen 1979, bes. 226 ff.

[7] Aleida u. Jan Asmann/Christof Hardmeier (Hgg.), Schrift und Gedächtnis. Beiträge zur Archäologie der literarischen Kommunikation, Bd. 1, München 1983, zum Phaidros 7 ff.; Hannes Kästner, 'Der grossmächtige Riese und Recke Theuton': Etymologische Spurensuche nach dem Urvater der Deutschen am Ende des Mittelalters, in: Deutsche Philologie 110 (1), 1991, 68-97, dort 86 ff. auch zu Tuisco, Tuyscon, Tuisto, Tuitscho (u.a. Formen); generell zum Phänomen der Abstammungsfabeln der Sammelband von Peter Wunderli (Hg.), Herkunft und Ursprung. Historische und mythische Formen der Legitimation, Sigmaringen 1994.

[8] Artikel Francia (B.Schneidmüller) in: Lexikon des Mittelalters, Bd. IV, 1988, Sp.679-683; zur "nationalen" Monarchie-bezogenen Propaganda im 12.Jh. Anne Lombard-Jourdan, "Montjoie est Saint Denis!" La Centre de la Gaule aux origines de Paris et de Daint-Denis, Cahors 1989.

[9] Schubert, König und Reich (wie Anm. 6), 226 ff.; zum Begriff 'Reich' vgl. den Begriffsartikel in: Otto Brunner+/Werner Conze/Reinhart Koselleck (Hgg.), Geschichtliche Grundbegriffe. Historisches Lexikon zur politisch-sozialen Sprache in Deutschland, Bd. 5, Stuttgart 1984, 423-508; auch Franz Bosbach, Monarchia Universalis. Ein politischer Leitbegriff der frühen Neuzeit, Göttingen 1986.

[10] Erwähnt von Schubert, König und Reich (wie Anm. 6), 228 A. 11.

[11] Francoise Waquet, Le Latin ou L'Empire d'un Signe. XVIe-XXe siècle, Paris 1998; zu de Maistre 82 f.

[12] Alan Kirkness/Horst Haider Munske (Hgg.), Eurolatein. Das griechische und lateinische Erbe in den europäischen Sprachen, Tübingen 1996.

[13] Grundlegend dazu Louis Couturat, La logique de Leibniz d'après des documents inédits, Paris 1901, ND Hildesheim 1961, bes. Kap. III über La langue universelle, Kap. IV über La caractéristique universelle. - Beispiele weiterer universalsprachlicher Konzepte bei Gerhard F. Strasser, Lingua realis, lingua universalis und lingua crypotologica: Analogiebildungen bei den Universalsprachen des 16. und 17.Jahrhunderts, in: Berichte zur Wissenschaftsgeschichte 12,4 (1989), 203-217; Hinweise auch in dem populär gehaltenen informativen Werk von Hans Joachim Störig, Abenteuer Sprache. Streifzug durch die Sprachen der Erde, München (Humboldt-TB) 21997, über Welthilfssprachen bes. 367 ff. (ohne Einzelbelege). Zu Leibniz' Anmahnungen deutscher Wissenschaftssprache vgl. unten zu Anm. 104 ff.

[14] Uwe Pörksen, Brauchen wir eine vergleichende europäische Sprachgeschichte? Latein als Hintergrund und Untergrund unserer Wissenschaftssprache. In: Herbert Ernst Wiegand (Hg.), Sprache und Sprachen in den Wissenschaften. Geschichte und Gegenwart. FS für Walter de Gruyter & Co., Berlin 1999, 638-667, Zitate 639; Ders., Mehrsprachigkeit und Selbststand. Über die staatsunabhängige Herausbildung einer deutschen Gemeinsprache und ihre denkbare Zukunft: Sieben Thesen. In: Volker Michael Strocka (Hg.), Die Deutschen und ihre Sprache. Reflexionen über ein unsicheres Verhältnis, Bremen 2000, 7-33.

[15] Zitate nach Alexander Demandt, Was wäre Europa ohne die Antike? In: Peter Kneissl/Volker Losemann (Hgg.), Alte Geschichte und Wissenschaftsgeschichte. FS für Karl Christ, Darmstadt 1988, 113-129, bes. 114 f., 128.- Vgl. weiterhin Deug-Su I, Der Europabegriff in Mittelalter und Neuzeit. In: Thome/Holzhausen (Hgg.), Es hat sich viel ereignet (wie Anm. 3), 127-134; Klaus Oschema, Der Europa-Begriff im Hoch- und Spätmittelalter. Zwischen geographischem Weltbild und kultureller Konnotation, in: Jahrbuch für Europäische Geschichte 2 (2001), 191-235 (mit Lit.).

[16] Laetitia Boehm, Organisationsformen der Gelehrsamkeit im Mittelalter. In: Klaus Garber/Heinz Wismann (Hgg.), Europäische Sozietätsbewegung und demokratische Tradition. Die europäischen Akademien der Frühen Neuzeit zwischen Frührenaissance und Spätaufklärung, 2 Bde. Tübingen 1996, hier I, 65-111, zur Wirksamkeit von Ciceros Idee vom Kulturtransfer 73 ff. (mit Lit.).

[17] Hans Erich Stier, Untergang und Wiedergeburt Europas in der Spätantike, in: Jahresschrift der Ges. zur Förderung der Westfälischen Wilhelms-Universität zu Münster 1962, 31-61.

[18] Deug-Su I, Europabegriff (wie Anm. 15), 133.

[19] Vgl. die entsprechenden Artikel in: Peter Dinzelbacher (Hg.), Sachwörterbuch der Mediävistik, Stuttgart 1992; Hermann Paul/Werner Betz (Bearb.), Deutsches Wörterbuch, Tübingen 81981; Staatslexikon. Recht, Wirtschaft, Gesellschaft, hg. von der Görres-Gesellschaft, 7. neu bearb. Auflage, Bd. I, Freiburg 1985, Sp. 1-6 (O. Köhler).

[20] Chronik I prol. u.ö.; dazu Joseph A. Fischer (Hg.), Otto von Freising. Gedenkgabe zu seinem 800. Todesjahr, Freising 1958, darin bes. Joseph Staber, Eschataologie und Geschichte bei O.v.F., 106-126, hier 122 f.

[21] So Deug-Su, Europabegriff (wie Anm. 15), 134.

[22] Zum gesamten Problemkreis nach wie vor das außerordentlich materialreiche Grundlagenwerk von Arno Borst, Der Turmbau zu Babel. Geschichte der Meinungen über Ursprung und Vielfalt der Sprachen und Völker, 4 Bde. Stuttgart 1957/63; zu Isidor bes. II,1, 438 ff., 447 ff.; Isidor von Sevilla, Etymologiae sive Origines V, IX und XIV.

[23] Die Stelle steht im Zusammenhang mit der Frage, welche Sprache Gott beim Anfang der Welt gebraucht habe, als er sagte 'Fiat lux'; "inveniri difficile est. Nondum enim erat linguae." Danach sei auszugehen von nur einer einheitlichen Sprache, "quae fuit antequam esset linguarum diversitas". Isidor, Etymologiae IX, 1.

[24] Knapper Überblick bei Franz C. Endres/Annemarie Schimmel (Hgg.), Das Mysterium der Zahl. Zahlensymbolik im Kulturvergleich, München 1998, 277 ff.(zur Zahl 70, 72); zur Septuaginta (= LXX) vgl. Gilles Dorival (u.a.Hgg.), La Bible grecque des Septante du Judaisme hellenistique au Christianisme ancien, Paris 1988.

[25] Störig, Abenteuer Sprache (wie Anm. 13), schätzt in der Einleitung "Wie viele Sprachen gibt es?, 9-13, die Richtzahl geschätzt danach, daß die Bibel in mehr als 1800 Sprachen = ein Drittel der Weltsprachen übersetzt sei; Pörksen, Mehrsprachigkeit (wie Anm. 14), 15, benennt aus anderer Quelle die Zahl 5103.

[26] Zu Grundinformationen über Origenes und Hieronymus vgl. die entsprechenden Abschnitte bei Berthold Altaner/Alfred Stuiber (Hgg.), Patrologie. Leben, Schriften und Lehre der Kirchenväter, Freiburg i.Br. (Sonderausgabe) 1993; zur allgemeinen Information auch über einschlägige Lit. vgl. Otto B. Knoch/Klaus Scholtissek, Artikel 'Bibelübersetzungen' in: Lexikon für Theologie und Kirche Bd. II, 31994, Sp. 382-385, 388-396; insonderheit Bonifacius Fischer, Beiträge zur Geschichte der lateinischen Bibeltexte, Freiburg i.Br. 1986.

[27] Walter Ullmann, Kurze Geschichte des Papsttums im Mittelalter, Berlin 1978, 6 ff.; Bernhard Schimmelpfennig, Das Papsttum. Grundzüge seiner Geschichte von der Antike bis zur Renaissance, Darmstadt 21987, bes. 25 ff.

[28] Zur Debatte um die Monarchienlehre im Zusammenhang der Strukturdefinition der deutschen Reichsverfassung vgl. Notker Hammerstein, "Imperium Romanum cum omnibus suis qualitatibus ad Germanos translatum". Das vierte Weltreich in der Lehre der Reichsjuristen, in: Zeitschrift für Historische Forschung, Beiheft 3, 1987, 187-202; Arno Seifert(+), Der Rückzug der biblischen Prophetie von der neueren Geschichte. Studien zur Geschichte der Reichstheologie des frühneuzeitlichen deutschen Protestantismus (aus dem Nachlass), Köln 1990; Laetitia Boehm, Christoph Besold (1577-1638) und die universitäre Politikwissenschaft. Zum Bildungs- und Erfahrungshorizont seiner Staatslehre. In: Dies. (Hg.), Christoph Besold. Synopse der Politik, Frankfurt a.M. 2000, 291-332, bes. 317 ff. (mit Lit.); vgl. auch unten Anm. 116.

[29] Grundsätzlich dazu Georg Jenal, Italia ascetica atque monastica. Das Asketen- und Mönchtum in Italien von den Anfängen bis zur Zeit der Langobarden (ca. 150/250-604), Bd. II, Stuttgart 1995, 535 ff., bes. 543 ff.; 579 ff., auch zum Origenistenstreit; zum Traumgesicht des Hieronymus Bd. I, 384.

[30] Textbeispiele auch bei Hans Armin Gärtner (Hg.), Kaiserzeit II. Von Tertullian bis Boethius (= Die römische Literatur in Text und Darstellung, Reclam-Ausgabe hg. von Michael von Albrecht, Bd. 5), Stuttgart 1988, 470 ff.; Hans Joachim Störig (Hg.), Das Problem des Übersetzens (= Wege der Forschung 8), Darmstadt 21969.

[31] Jenal (wie Anm. 29), 542, 589.

[32] Jolanta Gelumbeckaite, St.Jerome: Christian or Ciceronian Latin? Evidence from the syntax of his writings. In: Hubert Petersmann/Rudolf Kettemann (Hgg.), Latin vulgaire - latin tardif V. Actes du Ve Colloque international Heidelberg, 5-8 sept. 1997, Heidelberg 1999, 377-380.

[33] Paul Kunitzsch, Das Arabische als Vermittler und Anreger europäischer Wissenschaftssprache, in: Berichte zur Wissenschaftsgeschichte 17,3 (1994), 145-152; die Artikel 'Araber' (S.Y. Labib), 'Arabische Sprache u. Literatur' (R. Jacobi) und 'Arabismus' (G. Baader) im Lexikon des Mittelalters, Bd. I, 1979/80, Sp. 834-847, 849-853, 853-855.

[34] Artikel 'Bagdad' (R. Sellheim) ebd., Sp. 1345.

[35] Paul Kunitzsch, Das Astrolab. In: Uta Lindgren (Hg.), Europäische Technik im Mittelalter 800 bis 1200. Tradition und Innovation. Ein Handbuch, Berlin 1996, 399-404 (mit Abb. und Lit.).

[36] Paul Kunitzsch, Das Arabische (wie Anm. 33) sowie Ders., Mittelalterliche astronomisch-astrologische Glossare mit arabischen Fachausdrücken = SB der Bayer. Akademie der Wissenschaften, Phil.-hist. Kl. 1977, H.5, München 1977.

[37] Paul Kunitzsch (Hg.), Claudius Ptolemäus, Der Sternenkatalog des Almagest. Die arabisch-mittelalterliche Tradition, II: Die lateinische Übersetzung Gerhards von Cremona, Wiesbaden 1990.

[38] Klaus-Dietrich Fischer, Überlieferungs- und Verständnisprobleme im medizinischen Latein des frühen Mittelalters, in: Berichte zur Wissenschaftsgeschichte 17,3 (1994), 153-165.

[39] Dag Nikolaus Hasse, Die humanistische Polemik gegen arabische Autoritäten. Grundsätzliches zum Forschungsstand, in: Neulateinisches Jahrbuch 3 (2001), 65-79, dort 66 Zitat (Übers.) aus Leonhart Fuchs, Paradoxorum medicinae libri tres, Basel 1535; zu Fuchs vgl. den Artikel von Fritz Krafft in: Laetitia Boehm (u.a. Hgg.), Biographisches Lexikon der Ludwig-Maximilians-Universität München, Teil I: Ingolstadt-Landshut 1472-1826, bearb. von Winfried Müller/Michael Schaich, Berlin 1998, 135-142.

[40] Hans-Gert Roloff, Neulateinische Literatur. In: Propyläen Geschichte der Literatur. Literatur und Gesellschaft der westlichen Welt, Bd. III: Renaissance und Barock 1400-1700, Berlin-Frankfurt a.M. 1984, 196-230, bes. 200 ff.: Neulateinische Sprache.

[41] So Peter Burke, Küchenlatein. Sprache und Umgangssprache in der frühen Neuzeit (aus dem Englischen von Robin Cackett), Berlin 1987, 32.

[42] Monika Rössing-Hager, "Küchenlatein" und Sprachpurismus im frühen 16.Jahrhundert. Zum Stellenwert der "Latinismen" in frühneuhochdeutscher Prosa. In: Nikolaus Henkel/Nigel F. Palmer (Hgg.), Latein und Volkssprache im deutschen Mittelalter 1100-1500. Regensburger Colloquium 1988, Tübingen 1992, 360 ff., hier 361 f.; unüberholt Paul Lehmann, Mittelalter und Küchenlatein. In: Ders., Erforschung des Mittelalters, Bd. 1, Leipzig 1941, 46-62; zu Johannes Turmair, gen. nach der Heimatstadt Abensberg, Quelleneditionen und Lit. vgl. Jan-Dirk Müller, Artikel Aventinus in: Boehm/Müller (u.a. Hgg.) , Biographisches Lexikon (wie Anm. 39), 23-26.

[43] Artikel 'Lateinische Sprache und Literatur' (F. Brunhölzl) in: Lexikon des Mittelalters, Bd.V, 1991, Sp.1722-1735, hier 1724.

[44] Burke, Küchenlatein (wie Anm. 41), im Abschnitt: Zur Sozialgechichte der Sprache. Eine Einführung, 10.

[45] Gregor kritisiert in einem Brief an Bischof Serenus von Marseille, "qui inter gentes habitas" (den er unter Heiden lebend weiß), dessen bilderfeindlichen Übereifer: "Nam quod legentibus scriptura, hoc idiotis praestat pictura cernentibus, quia in ipsa ignorantes vident, quod sequi debeant, in ipsa legunt qui literas nesciunt; unde praecipue gentibus pro lectione pictura est." Text entnommen aus Carl Mirbt (Hg.), Quellen zur Geschichte des Papsttums und des römischen Katholizismus, Tübingen 51934, Nr. 212, S. 99 f.

[46] Vgl. etwa Johannes Spörl, Gregor der Große und die Antike. In: Karlheinz Schmidthüs (Hg.), Christliche Verwirklichung. FS für Romano Guardini, Rothenfels 1935, 198-211; Schimmelpfennig, Papsttum (wie Anm. 27), Register.

[47] Franz Brunhölzl,Geschichte der lateinischen Literatur des Mittelalters Bd.I, München 1975, passim; Jenal, Italia ascetica (wie Anm. 29), 668 ff.; vgl. dort auch Register.

[48] Józef Herman, La conscience linguistique de Grégoire de Tours. In: Petersmann/Kettemann, Latin vulgaire (wie Anm. 32), 31-39; zur Kurzinformation mit jüngster Lit. vgl. Rüdiger vom Bruch/Rainer A.Müller (Hgg.), Historikerlexikon. Von der Antike bis zum 20.Jahrhundert, München, bearb. Neuauflage (im Druck), Artikel Gregor von Tours (L. Boehm).

[49] Z.B. Dialog zwischen Leonardo Bruni und Flavio Biondo; dazu Peter Wunderli, Realitätskonstitution und mythischer Ursprung. Zur Entwicklung der italienischen Schriftsprache von Dante bis Salviati. Vortrag (= Nordrhein-Westfälische Akademie der Wissenschaften. Geisteswissenschaften, Vorträge G 370), Wiesbaden 2000, 16; vgl. auch unten zu Anm. 79 f..

[50] Den Anstoß zu solcher Gegenüberstellung gab Herbert Grundmann, Litteratus - illitteratus. Der Wandel einer Bildungsnorm vom Altertum zum Mittelalter, in: Archiv für Kulturgechichte 40 (1958), 1-65; trotz kritischer Revisionen bwahrte der Aussagekern seine Geltung; vgl. auch Laetitia Boehm, Artes mechanicae und artes liberales im Mittelalter. Die praktischen Künste zwischen illiterater Bildungstradition und schriftlicher Wissenschaftskultur. In: Karl Rudolf Schnith/Roland Pauler (Hgg.), FS für Eduard Hlawitschka (= Münchener Historische Studien Abt. Mittelalterliche Geschichte 5), Kallmünz 1993, 419-444.

[51] August Buck, "Arma et litterae" - "Waffen und Bildung". Zur Geschichte eines Topos. In: SB der Wissenschaftlichen Gesellschaft an der Univ. Frankfurt a.M., Bd. XXVIII, 3, Stuttgart 1992, 61-75.

[52] Assmann/Hardmeier (wie Anm. 7), Zitate aus dem Nachwort; zu den wichtigsten Werken vgl. die bibliographischen Angaben in der jüngsten Studie von Jan Assmann, Weisheit und Mysterium. Das Bild der Griechen von Ägypten, München 2000 (Sonderausgabe des Verlags C.H.Beck).

[53] Rosamond McKitterick, The Carolingians and the Written Word, Cambridge 1989.- Zu Fragen des Analphabetismus in Mittelalter und Früher Neuzeit vgl. Laetitia Boehm, Wissenschaft und Bildung. Aspekte zum Verhältnis der beiden Wissensformen in historischen Erfahrungsräumen, in: Berichte zur Wissenschaftsgeschichte 23,2 (2000), 83-114, bes. 95 ff. (mit Lit.).

[54] Gerd Althoff, Spielregeln der Politik im Mittelalter. Kommunikation in Frieden und Fehde, Darmstadt 1997; Klaus Schreiner/Gabriela Signori (Hgg.), Bilder, Texte, Rituale. Wirklichkeitsbezug und Wirklichkeitskonstruktion politisch-rechtlicher Kommunikationsmedien in Stadt- und Adelsgesellschaften des späten Mittelalters (= Zeitschrift für Historische Forschung, Beiheft 24), Berlin 2000, hier bes. Einleitung von K. Schreiner, Zitate 5.- Zum Text Papst Gregors I. vgl. oben Anm. 45; zu Spätmittelalter und Früher Neuzeit vgl. unten zu Anm. 92.

[55] Hans von Campenhausen, Die Bilderfrage in der Reformation, in: Zeitschrift für Kirchengeschichte 68 (1957), 96-128, hier 118 f.

[56] Arnold Angenendt, Verschriftlichte Mündlichkeit - vermündlichte Schriftlichkeit. Der Prozeß des Mittelalters. In: Heinz Duchhardt/Gert Melville (Hgg.), Im Spannungsfeld von Recht und Ritual. Soziale Kommunikation in Mittelalter und Früher Neuzeit, Köln 1997, 3-25.

[57] Vgl. Artikel Ulfila (H. Wolfram) in: Lexikon des Mittelalters, Bd. VIII, 1997, Sp. 1189 f. (mit Lit.).

[58] Ruth Schmidt-Wiegand, Stammesrecht und Volkssprache. Ausgewählte Aufsätze zu den leges Barbarorum, hg. von Dagmar Hüppner u.a., Weinheim 1991, darin bes. : Die Malbergischen Glossen, eine frühe Überlieferung germanischer Rechtssprache; Die volkssprachigen Wörter der Leges barbarorum als Ausdruck sprachlicher Interferenz.

[59] Harald Weinrich, Wege der Sprachkultur, Stuttgart 1985, Vorwort, 7.

[60] Josef Fleckenstein, Die Bildungsreform Karls des Großen als Verwirklichung der norma rectitudinis, Freiburg i.B. u. Brigge-Ruhr 1953.

[61] Admonitio Generalis vom 23.März 789: MG Cap. reg. Francorum II, Nr. 22; dort auch Edition weiterer Kapitularien-Texte.

[62] Überliefert von Nithard, Historiarum libri IV, MG SSrer.Germ. 1907, 35 ff.; dazu Artikel (S. Sonderegger) in: Lexikon des Mittelalters, Bd. VIII, 1997, Sp. 219-220; vgl. auch Dieter Geuenich, Ludwig "der Deutsche" und die Entstehung des ostfränkischen Reiches. In: Haubrichs (Hg.), Theodisca (wie Anm. 2), 313-329; zur pastoralen Gebrauchsliteratur Wolfgang Haubrichs (Hg.), Geschichte der deutschen Literatur von den Anfängen bis zum Beginn der Neuzeit, Bd. I, Teil 1, Die Anfänge: Versuche volkssprachiger Schriftlichkeit im frühen Mittelalter (ca. 700-1050/60), Tübingen 21995, 229 ff.

[63] Stefan Sonderegger, Grundsätzliche Überlegungen zu einer literarischen Sprachgeschichte des Deutschen. In: Werner Besch (Hg.)., Deutsche Sprachgeschichte. Grundlagen, Methoden, Pespektiven. FS für Johannes Erben, Frankfurt a.M. 1990, 31-49, hier 32, 37 f.

[64] Letztere Fragestellung beleuchtet Wolfgang Haubrichs, Heilige Fiktion? Die Gestaltung gesprochener Sprache in Otfrieds von Weissenburg Liber Evangeliorum. Vier Fallbeispiele zur inneren Sprachreflexion des Karolingischen Dichtertheologen. In: Ders. (u.a. Hgg.), Vox Sermo Res. Beiträge zur Sprachreflexion, Literatur- und Sprachgeschichte vom Mittelalter bis zur Neuzeit, FS für Uwe Rugenberg, Stuttgart 2001, 99-111 (mit Lit.).

[65] Hinweis bei Max Wehrli, Sacra Poesis: Bibelepik als europäische Tradition. In: Fritz Wagner/Wolfgang Maaz (Hgg.), M.W. Gegenwart und Erinnerung. Gesammelte Aufsätze, Hildesheim 1998, 126-146, hier 136.

[66] Michael Richter, Vortragsformen und Vortragsbedingungen in einer mündlichen Kultur im Frühmittelalter. In: Haubrichs (u.a. Hgg.), Theodisca (wie Anm. 2),1-9, hier 5.

[67] Wehrli, Sacra Poesis (wie Anm. 65).

[68] Ernst Robert Curtius, Europäische Literatur und Lateinisches Mittelalter, (Erstauflage) Bern 1948, 44, 459.

[69] Aus mehreren Studien von Klaus Schreiner seien hier genannt: Laienbildung als Herausforderung für Kirche und Gesellschaft. Religiöse Vorbehalte und soziale Widerstände gegen die Verbreitung von Wissenschaft im späten Mittelalter und in der Reformation, in: Zeitschrift für Historische Forschung 3 (1984), 257-354; Laienfrömmigkeit - Frömmigkeit von Eliten oder Frömmigkeit des Volkes? Zur sozialen Verfaßtheit laikaler Frömmigkeitspraxis im späten Mittelalter. In: Ders. (Hg.), Laienfrömmigkeit im späten Mittelalter. Formen, Funktionen, politisch-soziale Zusammenhänge (= Schriften des Historischen Kollegs, Kolloquien 20), München 1992, 1-78, bes. Kapitel 4: Mystisches Denken als Motiv und Antrieb zur Ausbildung einer neuen, ständeübergreifenden Frömmigkeit, 42 ff.

[70] Susanne Köbele, Bilder der unbegriffenen Wahrheit. Zur Struktur mystischer Rede im Spannungsfeld von Latein und Volkssprache, Tübingen 1993, 49; bes. zu Mechthild v. Magdeburg 32 ff., Meister Eckhart 123 ff.

[71] Bemerkungen mit Lit. dazu bei Boehm, Wissenschaft und Bildung (wie Anm. 53), 94.

[72] Christel Meier, Grundzüge mittelalterlicher Enzyklopädik. Zu Inhalten, Formen und Funktionen einer problematischen Gattung. In: Ludger Grenzmann/Karl Stackmann (Hgg.), Literatur und Laienbildung im Spätmittelalter und in der Reformationszeit (= Symposium Wolfenbüttel 1981), Stuttgart 1984, 467-500; Christian Hünemörder, Antike und mittelalterliche Enzyklopädien und die Popularisierung naturkundlichen Wissens, in: Sudhoffs Archiv 65 (1981), 339-365.

[73] Vgl. dazu Schreiner, Laienbildung (wie Anm. 69), 305 f.

[74] Vgl. z.B. Nikolaus Henkel/Nigel F. Palmer (Hgg.), Latein und Volkssprache im deutschen Mittelalter 1100-1500, Tübingen 1992, mit einem einleitenden instruktiven Forschungsüberblick; Klaus Grubmüller edierte zusammen mit einer Forschergruppe den sog. Vocabularius ex quo. Überlieferungsgeschichtliche Ausgabe, 5 Bde., Tübingen 1988/9.

[75] Klaus Grubmüller, Der Lehrgang des Triviums und die Rolle der Volkssprache im späten Mittelalter. In: Bernd Moeller/Hans Patze/Karl Stackmann (Hgg.), Studien zum städtischen Bildungwesen des späten Mittelalters und der frühen Neuzeit, Göttingen 1983, 371-397; Ders. (Hg.), Schulliteratur im späteren Mittelalter, München 2000; dazu Helmut Puff, 'Von dem schlüssel aller Künsten/nemblich der Grammatica'. Deutsch im lateinischen Grammatikunterricht 1480-1560, Tübingen-Basel 1995; vgl. auch Nikolaus Henkel, Bibelübersetzung im mittelalterlichen Schulbetrieb. Ein Evangelistar des 15. Jahrhunderts aus St. Zeno/Reichenhall. In: Heimo Reinitzer (Hg.), Deutsche Bibelübersetzungen des Mittelalters = Vestigia Bibliae, Jahrbuch des Deutschen Bibel-Archivs Hamburg, Bd. 9/10 (1987/1988), Frankfurt a.M. 1991, 325-335.

[76] Hansjürgen Kiepe, Die älteste deutsche Fibel. Leseunterricht und deutsche Grammatik um 1486. In: Moeller/Patze/Stackmann (Hgg.) (wie Anm. 75), 453-461; Monika Rössing-Hager, Konzeption und Ausführung der ersten deutschen Grammatik. Valentin Ickelsamer: >Ein Teütsche Grammatica<. In: Grenzmann/Stackmann (Hgg.), Literatur und Laienbildung (wie Anm. 72), 535-556; dies.,"Küchenlatein" (wie Anm. 42), 364 ff., dort Zitat.

[77] Hinweise bei Weinrich, Wege (wie Anm. 59), dort Beitrag: Mit gemischten Sprachgefühlen, 290 ff.; zahlreiche Beispiele parodistischer Mischpoesie bei Günter Hess, Deutsch-lateinische Narrenzunft. Studien zum Verhältnis von Volkssprache und Latinität in der satirischen Literatur des 16.Jahrhunderts, München 1971.

[78] Birgit Stolt, Die Sprachenmischung in Luthers Tischreden. Studien zum Problem der Zweisprachigkeit, Stockholm (u.a.) 1964, passim; allgemein vgl. auch Peter von Polenz, Deutsche Sprachgeschichte vom Mittelalter bis zur Gegenwart, Bd. I: Einführung. Grundbegriffe. Deutsch in der frühbürgerlichen Zeit, Berlin, 1991; zu Paracelsus Uwe Pörksen, in: Ders. (Hg.), Wissenschaftssprache und Sprachkritik. Untersuchungen zu Geschichte und Gegenwart, Tübingen 1994, 37-84.

[79] Wunderli, Realitätskonstitution (wie Anm. 49), 6 ff. Analyse von "De Vulgari Eloquentia".

[80] Wunderlis Interpretation, ebd., erkennt in Dantes Text eine Unterscheidung zwischen Sprachfähigkeit und Sprache. - Zur Ursprungs-Problematik vgl. auch Arnold Angenendt, Der eine Adam und die vielen Stammväter. Idee und Wirklichkeit der Origo Gentis im Mittelalter. In: Wunderli (Hg.), Herkunft und Ursprung (wie Anm. 7), 27-52.

[81] Helene Harth (Hg.), Sperone Speroni, Dialogo delle Lingue (mit Übersetzung und Einleitung), München 1975; vgl. dazu auch Pörksen, Brauchen wir? (wie Anm. 14), 659 ff. mit Überlegungen, wie der Kontroversdialog zwischen den Humanisten unterschiedlicher Haltung heute nach 450 Jahren lauten könnte; sowie Jürgen Trabant, La lingua di questa Scienza: Alte Sprache - Neue Wissenschaft. In: Wiegand (Hg.), Sprache und Sprachen (wie ebd. Anm. 14), 716-741, zur Vorgeschichte des Englischen, das er als "New Latin" bezeichnet.

[82] Außer den Kommentaren der Herausgeberin Harth vgl. eingehender dazu auch Florian Neumann, Die Paduaner Accademia degli Infiammati und die Anfänge der italienischen Akademiebewegung (Magisterarbeit München 1989, Ms. im Univ.-Archiv, Veröffentlichung von Quellenmaterialien in Vorbereitung); vgl. jetzt auch Dens., Francesco Petrarca (= Rowohlt Tb), Reinbek 1998, zum damals expansiven Erfolg der italienischen Gedichtsammlung Petrarcas, des Canzoniere, wesentlich auch durch Vermittlung des im Dialogo auftretenden humanistischen Verteidigers der Volkssprache Pietro Bembo.

[83] Laetitia Boehm, Technische Bildung von den Anfängen bis zur Frühen Neuzeit. In: Dies./Charlotte Schönbeck (Hgg.), Technik und Bildung (= Technik und Kultur, hg. von der Georg Agricola-Gesellschaft, Bd.V), Düsseldorf 1989, 59-117, bes. 101 ff.

[84] Christine Treml, Humanistische Gemeinschaftsbildung. Sozio-kulturelle Untersuchung zur Entstehung eines neuen Gelehrtenstandes in der frühen Neuzeit, Hildesheim 1989, bes. 155 ff. (über Patriotismus und Erforschung der nationalen Vergangenheit).

[85] Im 3. Kapitel der Schrift Norimberga. De origine, situ, moribus et institutis Norimbergae (1502), hg. von Albert Werminghoff, Freiburg 1921; Friedrich von Bezold, Konrad Celtis, "der deutsche Erzhumanist". In: Ders., Aus Mittelalter und Renaissance. Kulturgechichtliche Studien, München 1918, 82-152, hier 143 f.; Treml (wie Anm. 84), 160 f.; dort auch Zitate.- Zur Celtis-Forschung vgl. den Artikel von Franz Josef Worstbrock in: Boehm/Müller (u.a. Hgg.), Biographisches Lexikon (wie Anm. 39), 65-68.

[86] Werner Besch, Die Entstehung der deutschen Schriftsprache. Bisherige Erklärungsmodelle - neuester Forschungsstand. In: Rheinisch-Westfälische Akademie der Wissenschaften. Geisteswissenschaften, Vorträge G 290, Wiesbaden 1987, 7 f.

[87] Helmut Zedelmaier, Der Ursprung der Schrift als Problem der frühen Neuzeit. Die These schriftloser Überlieferung bei Johann Heinrich Ursinus (1608-1667). In: Ralph Häfner (Hg.), Philologie und Erkenntnis. Beiträge zu Begriff und Problem frühneuzeitlicher "Philologie", Tübingen 2001, 207-223.

[88] Werner Betz, Die Entstehung der deutschen Gemeinsprache. In: Herrschaft und Gesellschaft in der Sprache. Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung Darmstadt, Jahrbuch 1973, Heidelberg 1974, 81-105, Zitat 85.

[89] Luther vermerkte in den Tischreden, er "brauche der gemeinen deutschen Sprache, daß mich beide, Ober- und Niederländer verstehen mögen. Ich rede nach der sächsischen Canzeley, welcher nachfolgen alle Fürsten und Könige in Deutschland; ... Kaiser Maximilian und Kurfürst Friedrich, Herzog von Sachsen, haben im römischen Reich die deutschen Sprachen also in eine gewisse Sprache gezogen." Zitat bei Betz, ebd. 89, nach der Weimarer Werkausgabe I, 524, 40 ff.; zu der von Luther so benannten "comunissima lingua Germaniae" vgl. auch Polenz, Deutsche Sprachgeschichte (wie Anm. 78), 175 f.

[90] Gebhardt Handbuch der deutschen Geschichte. Neunte neu bearb. Auflage, Bd. 8: Walther Peter Fuchs, Das Zeitalter der Reformation, Stuttgart 1973, 102.

[91] Helmut Zedelmaier, Lesetechniken. Die Praktiken der Lektüre in der Neuzeit. In: Ders./Martin Mulsow (Hgg.), Die Praktiken der Gelehrsamkeit in der Frühen Neuzeit, Tübingen 2001, 11-30, sowie auch Ders., Das Buch als Recheneinheit. Überlegungen zur Erforschung der Buchkultur, in: Historisches Jahrbuch 120 (2000), 291-300 als Stellungnahme zu: Uwe Neddermeyer, Von der Handschrift zum gedruckten Buch. Schriftlichkeit und Leseinteresse im Mittelalter und in der frühen Neuzeit. Quantitative und qualitative Aspekte, 2 Bde., Wiesbaden 1998.

[92] Wolfgang Harms/Michael Schilling (Hgg.), Das illustrierte Flugblatt in der Kultur der frühen Neuzeit, Frankfurt a.M. 1998; vgl. auch Boehm, Wissenschaft und Bildung (wie Anm. 53), 98 ff.

[93] Waquet, Le Latein (wie Anm. 11), Abschnitt "Le Latin protestant" 98 ff. Zur Buchgeschichte vgl. - außer oben Anm. 91 - grundsätzlich auch die Veröffentlichungen der Arbeitskreise der Herzog August-Bibliothek Wolfenbüttel zur Geschichte des Buchwsens sowie zur Bibliotheksgeschichte.

[94] Wilhelm Ribhegge, Erasmus und Europa. Studien zur Korrespondenz des Erasmus von Rotterdam, in: Zeitschrift für Historische Forschung 25 (1998), 545-580, Zitat 570 f.

[95] Artikel Sachsenspiegel (R. Lieberwirth) in: Lexikon des Mittelalters, Bd. VII, 1995, Sp. 1239-1242.

[96] Wiederabdruck der ältest-überlieferten deutschen Fassung in: Arno Buschmann (Hg.), Kaiser und Reich. Klassische Texte und Dokumente zur Verfassungsgeschichte des Hl. Römischen Reiches Deutscher Nation, München (dtv) 1984, 95-103; Ders., Der Mainzer Reichslandfriede von 1235 - Anfänge einer geschriebenen Verfassung im Heiligen Römischen Reiche, in: Juristische Schulung 1991, 453 ff.

[97] Grundsätzlich der Sammelband: Peter Claasen (Hg.), Recht und Schrift (= Vorträge und Forschungen Bd. XXIII), Sigmaringen 1977; Peter Weimar, Zur Renaissance der Rechtswissenschaft im Mittelalter, Goldbach 1997; Helmut Coing (Hg.), Handbuch der Quellen und Literatur der neueren europäischen Privatrechtsgeschichte, Bd. I, München 1973. - Zu weiterer Lit. sei verwiesen auf einschlägige Stichworte in gängigen Lexika und Handbüchern (z.B. zu Bologna, Glossatoren, Rezeption etc.).

[98] Karl Zeumer, Die Goldene Bulle Kaiser Karls IV., 2 Tle. Weimar 1908; Hinweise auf weitere Editionen sowie Abdruck des Übersetzungstextes bei Buschmann (Hg.), Kaiser und Reich (wie Anm. 96), 105 ff.

[99] Vgl. oben Anm. 51; dazu auch Laetitia Boehm, Konservativismus und Modernität in der Regentenerziehung an deutschen Höfen im 15. und 16. Jahrhundert (1984). Jetzt in: Dies., Geschichtsdenken, Bildungsgeschichte, Wissenschaftsorganisation. Ausgew. Aufsätze, hg. von Gert Melville u.a., Berlin 1996, 405-432.- Zum folgenden die gewichtige Studie von Hans Hattenhauer, Zur Geschichte der deutschen Rechts- und Gesetzessprache. SB der Joachim Jungius-Gesellschaft der Wissenschaften e.V., Jg.5, Heft 2, Hamburg 1987; dort auch Textzitate.

[100] Dort die in der Literatur oft zitierten Artikel 110 und 111 der Ordonnance; vgl. Ferdinand Brunot, Histoire de la Langue Francaise des Origines à nos Jours, Bd. 2: Le XVIe siècle, Paris 1967, 30-32; dahinter stand wohl auch noch die sprachpolitische Wirksamkeit des Königsberaters und Hofhistoriographen Claude de Seyssel (+1520).

[101] Garber/Wismann (Hgg.), Europäische Sozietätsbewegung (wie Anm. 16), darin bes. Wilhelm Kühlmann, Sozietät als Tagtraum - Rosenkreuzerbewegung und zweite Reformation, 1124-1151; weitere einschlägige Lit. genannt bei Laetitia Boehm, Studium, Büchersammlung, Bildungsreise: Elemente gelehrter Allgemeinbildung und individueller Ausprägung historisch-politischer Weltanschauung im konfessionellen Zeitalter, in: Acta historica Leopoldina 31 (2000), 117-151.

[102] Als Derivate entstanden einige kleinere Sozietäten, wie die "Deutschgesinnte Genossenschaft" in Hamburg und der "Pegnesische Bumenorden" in Nürnberg. Zur historischen Einordnung vgl. Jürgen Schiewe, Die Macht der Sprache. Eine Geschichte der Sprachkritik von der Antike bis zur Gegenwart, München 1998, bes. 62 ff.; Harald Weinrich, Die Accademia della Crusca als Lehrmeisterin der Sprachkultur in Deutschland. In: Ders., Wege (wie Anm. 59), 85 ff; Gunter E. Grimm, Die Suche nach der eigenen Identität. Deutsche Literatur im 16. und 17. Jahrhundert. In: Propyläen Geschichte der Literatur Bd. III (wie Anm. 40), 326-369, Zitat 352; dazu die beiden einschlägigen Aufsätze von Günther Hoppe und Martin Bircher über die Fruchtbringende Gesellschaft in: Garber/Wismann (Hgg.), Sozietätsbewegung (wie Anm.16), 1230-1260, 1261-1285.

[103] Justus Georg Schottel(ius), Ausführliche Arbeit von der Teutschen HaubtSprache, Braunschweig 1663 u.ö., neu hg. von Wolfgang Hecht, Tübingen 1667, 21995.

[104] Pörksen, Brauchen wir? (wie Anm. 14), 649 f.; Schiewe, Macht der Sprache (wie Anm. 102),68 ff., dort auch Zitate; die volle Bedeutung Leibniz'scher Beschäftigung mit dem Sprachproblem wurde teils erst aus dem Nachlaß bekannt; Couturat, La logique de Leibniz (wie Anm. 13).

[105] Jürgen Mittelstraß, Die Einheit der Wissenschaftssprache. Einige wissenschaftstheoretische und wissenschaftshistorische Anmerkungen, in: Berichte zur Wissenschaftsgeschichte 17,2 (1994), 79-88, über Zusammenhänge der Leibniz'schen Sprachenreflexion mit seiner Monadologie und insonderheit mit Mathematik.

[106] Schiewe, Macht der Sprache (wie Anm. 102), 80 ff.; Werner Schneiders (Hg.), Thomasius 1655-1728. Interpretationen zu Werk und Wirkung, Hamburg 1989.- Seit Jahrhundertmitte fand dann auch in Jesuiten-Gymnasien die deutsche Sprache Zulassung ; Harald Dickerhof, Die katholischen Universitäten im Heiligen Römischen Reich deutscher Nation des 18. Jahrhunderts. In: Notker Hammerstein (Hg.), Universitäten und Aufklärung, Göttingen 1995, 21-47, hier 44.

[107] Wolfgang Walter Menzel, Vernakuläre Wissenschaft. Christian Wolffs Bedeutung für die Herausbildung und Durchsetzung des Deutschen als Wissenschaftssprache, Tübingen 1996 (dort auch Forschungsbericht zu Wolff und zum Fachsprachenproblem); Couturat, La logique de Leibniz (wie Anm. 13), zur Mathématique universelle 283 ff., 473 ff.

[108] Beispiele für Wolffs Hinarbeit auf lexikalische Fachterminologie bei Menzel, 228 f.

[109] Hattenhauer, Rechts- und Gesetzessprache (wie Anm. 99), 32.

[110] Notker Hammerstein, Christian Wolff und die Universitäten. Zur Wirkungsgeschichte des Wolffianismus im 18. Jahrhundert. In: Werner Schneiders (Hg.), Christian Wolff 1679-1754. Interpretationen zu seiner Philosophie und deren Wirkung, Hamburg 1983, 266-277.

[111] Gian Franco Frigo, Vernunft und Sprache - oder die Schwierigkeit, Kant auf Italienisch sprechen zu lassen, in: Berichte zur Wissenschaftsgeschichte 17,3 (1994), 167-182, dort auch Zitate.

[112] Jürgen Schiewe, Sprachpurismus als Aufklärung. Soll man Fremdwörter verdeutschen? In: Strocka (Hg.), Die Deutschen (wie Anm. 14), 35-68, bes. 44 ff.

[113] Christian-Erdmann Schott, Akkomodation - Das Homiletische Programm der Aufklärung. In: Reinitzer (Hg.), Beiträge zur Geschichte der Predigt = Vestigia Bibliae (wie Anm. 75), Bd. 3 (1981), 49 ff.; Zitat 54; der Begriff der Akkomodation geht zurück auf den Exegeten Johann Salomo Semler (+1791).

[114] Dieter Gutzen, Bemerkungen zur Bibelübersetzung des Johann David Michaelis. In: Reinitzer (Hg.), Was Dolmetschen fur Kunst und Erbeit sey. Beiträge zur Geschichte der deutschen Bibelübersetzung = Vestigia Bibliae (wie Anm. 75), Bd. 4 (1982), 71-78.

[115] Birgit Stolt, Biblische Erzählweise vor und seit Luther - sakralsprachlich - volkssprachlich - umgangssprachlich? In: Vestigia Bibliae, ebd., 179-192.

[116] Ernst Walter Zeeden, "...Denn Daniel lügt nicht". Daniels Prophetie über den Gang der Geschichte in der Exegese des Kirchenvaters Hieronymus und Martin Luthers. Von der Dominenz der Tradition über das Bibelwort. In: Christine Roll (u.a. Hgg.), Recht und Reich im Zeitalter der Reformation. FS für Horst Rabe, Frankfurt a.M. 1996, 357-395, hier bes. 374 ff.; vgl. oben Anm. 28.

[117] Allgemein vgl. Burke, Küchenlatein (wie Anm. 41), 23; für Frankreich : Brunot, Histoire de la Langue Francaise (wie Anm. 100), Bd. 9: La Révolution et l'Empire, dort bes. Buch VIII: La Révolution et le Latein, Paris 1967; Knut Thielsen, Die Sprachpolitik der französischen Revolution und die katholische Kirche. Untersuchungen zum Verhältnis von staatlicher Sprachregelung und kirchlichem Sprachgebrauch am Ende des französischen 18. Jahrhunderts, (Diss.) Tübingen 1987.

[118] Vgl. etwa Ulrich Ammon, Deutsch als Wissenschaftssprache: die Entwicklung im 20. Jahrhundert und die Zukunftsperspektive. In: Wiegand (Hg.), Sprache und Sprachen (wie Anm. 14), 668-685; Ders., Deutsch oder Englisch als Wissenschaftssprache der Deutschen? Fakten, Probleme, Perspektiven. In: Union der Deutschen Akademien der Wissenschaften/ Sächsische Akademie (...) zu Leipzig, "Werkzeug Sprache". Sprachpolitik, Sprachfähigkeit, Sprache und Macht, 3. Symposium, Hildesheim 1999, 13-33. Nicht mehr einsehen konnte ich den Sammelband von Friedhelm Debus (u.a. Hgg.), Deutsch als Wissenschaftssprache im 20. Jahrhundert, Stuttgart 2000 (darin angekündigt auch ein Beitrag über Deutsch als Wissenschaftssprache in Skandinavien).

[119] Andreas Gardt, Sprachvertrauen. Die notwendige Illusion der 'richtigen Bezeichnung' in der Wissenschaftssprache. In: Wiegand (Hg.), Sprache und Sprachen (wie Anm. 14), 462-486, Zitat 483.

[120] Mitchell G. Ash (Hg.), Mythos Humboldt. Vergangenheit und Zukunft der deutschen Universitäten, Wien 1999, darin bes. Rüdiger vom Bruch, Langsamer Abschied von Humboldt? Etappen deutscher Universitätsgeschichte 1810-1945, 29-57; Weiterführung der innovativen Thesen in: Rainer Christoph Schwinges (Hg.), Humboldt International. Der Export des deutschen Universitätsmodells im 19. und 20. Jahrhundert, Basel 2001, mit instruktiver Einleitung des Hg.; dort speziell Sylvia Paletschek, Verbreitete sich ein 'Humboldt'sches Modell' an den deutschen Universitäten im 19. Jahrhundert?, 75-104.

[121] Hier benutzt die kommentierte Ausgabe von Jürgen Trabant, Über die Sprache. Reden vor der Akademie, Tübingen 1994 (UTB 1783), 98-125, dazu 252 ff.

[122] Ulrich Welbers, Verwandlung der Welt in Sprache. Aristotelische Ontologie im Sprachdenken Wilhelm von Humboldts, Paderborn 2001 (mit umfassender Bibliographie).

[123] Wilhelm von Humboldt, Ueber die Verschiedenheit des menschlichen Sprachbaues und ihren Einfluss auf die geistige Entwicklung des Menschengeschlechtes (1830/35). In: Albert Leitzmann (u.a. Hgg.
bzw. Preußische Akademie der Wissenschaften), Humboldt, Gesammelte Schriften 17 Bde. Berlin-Leipzig 1903/36, ND Berlin 1968, Bd. 7, 1-344, hier 45 f.

[124] Pörksen, Mehrpsrachigkeit (wie Anm. 14), 24, 21, 31.

[125] Schiewe, Sprachpurismus (wie Anm. 112), 41 f. aufgrund des Duden von 1990.

[126] Jürgen Trabant, La lingua di questa Scienza (wie Anm. 81), 720, 740 (Dante-Zitat wurde oben nach Original vervollständigt).

[127] Die verschiedenen Aspekte, auch unter sozial- und berufsgeschichtlichem Blick, beleuchtet epochenübergreifend der Sammelband von Rainer Christoph Schwinges (Hg.), Artisten und Philosophen. Wissenschafts- und Wirkungsgeschichte einer Fakultät vom 13. Bis zum 19. Jahrhundert, Basel 1999; für die gesamte Schulwelt vgl. Arno Seifert (posthum aus dem Nachlaß), Das höhere Schulwesen. Universitäten und Gymnasien. In: Notker Hammerstein (Hg.), Handbuch der deutschen Bildungsgeschichte Bd. I, 15. bis 17. Jahrhundert, München 1996, 197-374.

[128] Helmut G. Walther, Reform vor der Reform. Die Erfahrungen Wilhelm von Humboldts in Jena 1794 bis 1797. In: Schwinges (Hg.), Humboldt International (wie Anm. 120), 33-52, hier 46 f. u.ö.

[129] Zuletzt daran anknüpfend Martin Kintzinger, Die Artisten im Streit der Fakultäten Vom Nutzen der Wissenschaft zwischen Mittelalter und Moderne, in: Jahrbuch für Universitätsgeschichte 4 (2001), 177-194 , hier 177 f. als Ausgangspunkt für den themenbezogenen historischen Überblick (mit Lit.).

[130] Hartmut Titze, Der Strukturbruch in der höheren Bildung im 19. Jahrhundert. In: Schwinges (Hg.), Artisten (wie Anm. 127), 351-374, 360 ff.

[131] Kintzinger, Die Artisten (wie Anm. 129), 193.

[132] Thomas Nipperdey, Über Relevanz. Zuerst in: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 23 (1973), 577-596.

[133] Demandt, Was wäre Europa (wie Anm. 15), 115 f., 128; vgl. auch Ders., Ungeschehene Geschichte. Ein Traktat über die Frage "Was wäre geschehen, wenn ...?", Göttingen 21986.

[134] Demandt, Was wäre Europa (wie Anm. 15), 118.

[135] Michael von Albrecht, Rom: Spiegel Europas. Das Fortwirken antiker Texte und Themen in Europa, Tübingen 21998 (Titel angelehnt an den Dichter Christian Dietrich Grabbe: 'Du Rom! bist der zerbrochne Spiegel der Umfassendsten Vergangenheit'), Zitat aus der Einführung I-XVI.



Autor (author): Laetitia Boehm
Dokument erstellt (document created): 2002-08-13
Dokument geändert (last update): 2002-08-19
WWW-Redaktion (conversion into HTML): Manuela Kahle & Stephan Halder