Vivat Germania latina, Vivat Latinitas teutonica!

Peter Dilg

Apothekerlatein

Zur Entwicklung und Struktur der pharmazeutischen Fachsprache



Die neue Approbationsordnung für Apotheker, die am 1. Oktober 2001 in Kraft getreten ist, schreibt in Form eines (scheinpflichtigen) Seminars weiterhin eine Unterrichtsveranstaltung fest, die 1971 als 'Kursus der Pharmazeutischen und Medizinischen Terminologie' erstmals in das Curriculum der Pharmazie aufgenommen wurde, um den Studienanfängern hauptsächlich das griechisch–lateinische Basisvokabular ihrer Disziplin zu vermitteln [1] . Die Einführung eines solchen propädeutischen Kurses hatte sich damals als notwendig erwiesen, weil sowohl das bis dahin für Pharmazeuten obligatorische Latinum als auch das zweijährige, vor Beginn des Universitätsstudiums zu absolvierende Apothekenpraktikum in Wegfall gekommen war. Dieser Verzicht auf den traditionellen Ausbildungsrahmen, innerhalb dessen seit dem späten Mittelalter nicht zuletzt die primäre fachsprachliche Schulung des Nachwuchses erfolgte, markiert somit in zweifacher Hinsicht eine Zäsur: War doch einmal bis 1971 die Kenntnis des Lateins eine der Voraussetzungen für die Ausübung des Apothekerberufs bzw. seit dem 19. Jahrhundert für die Aufnahme des Pharmaziestudiums gewesen, weshalb Robert Wolff zu diesem Zeitpunkt noch mit Recht feststellen konnte, daß sich in der Chemie die Verwendung des Lateins als Sprache der Wissenschaft nur in dem engen Teilgebiet der pharmazeutischen Chemie "gleich wie in einem Reservat" erhalten habe [2] ; zum anderen setzte aufgrund dieser neuen Lehrveranstaltung aber auch eine intensivere Reflexion der Pharmazeuten über die eigene – vordem sozusagen nebenbei erlernte – Fachsprache ein [3] , die seither durch einen fortschreitenden Rückgang des angestammten, für diesen Berufsstand charakteristischen lateinischen Vokabulars [4] zugunsten landessprachiger bzw. im internationalen Rahmen zunehmend englischer Termini [5] gekennzeichnet ist. Schließlich kommt der Approbations–ordnung von 1971 im vorliegenden Zusammenhang auch insofern Bedeutung zu, als sie das Spektrum der die Pharmazie konstituierenden Kernfächer Chemie, Botanik (bzw. Biologie) und Technologie erstmals um die Pharmakologie erweiterte, so daß sich die Apotheker seitdem mit der medizinischen und insbesondere mit der klinischen Terminologie eingehender als vorher üblich vertraut machen müssen, was wiederum vermehrte Griechisch– und Lateinkenntnisse bedingt. Welchen Rang somit die lateinische Sprache im Berufsalltag der Apotheker einst besaß und – mutatis mutandis – noch heute besitzt, soll denn auch Gegen–stand des folgenden Überblicks sein, der in gebotener Kürze und mit Schwerpunkt auf den betreffenden Verhältnissen im deutschsprachigen Raum einige wesentliche Aspekte der Entwicklung und der spezifischen Struktur dieses sog. Apothekerlateins [6] aufzuzeigen versucht.

Sieht man einmal von dem allgemein grundlegenden, d.h. Medizin und Pharmazie gemeinsamen Substrat des seit und mit dem Corpus Hippocraticum sich ausbildenden heilkundlichen Fachvokabulars [7] ab, so sind die Anfänge einer speziellen pharmazeutischen Terminologie an die Institution 'Apotheke' gebunden, deren Entstehung innerhalb des christlich–abendländischen Kulturkreises man bekanntlich im 13. Jahrhundert anzusetzen pflegt. Als Ausgangspunkt dieses Prozesses, in dessen Verlauf sich die Apotheke mehr und mehr zu einer Einrichtung des öffentlichen Gesundheitswesens entwickelte, gelten gemeinhin die 1231 auf dem Hoftag zu Melfi verkündeten 'Constitutiones' des Hohenstaufenkaisers Friedrich II., der in diesem monumentalen Gesetzeswerk u.a. die Trennung der beiden Heilberufe festlegte [8] . Spätestens damit verband sich im lateinischen Westen denn auch die Etablierung der Apotheker als einer eigenständigen Berufsgruppe, die zwar bis in das 20. Jahrhundert hinein der amtlichen Kontrolle durch die Ärzte unterworfen blieb, ansonsten aber mit einer spezifischen Funktion betraut war: nämlich mit der Lagerung, Prüfung und Abgabe der Arzneimittel, vor allem aber mit deren Herstellung, die bis heute den eigentlichen Wesenskern der Pharmazie ausmacht. Gemäß der rein praktisch–manuellen Ausprägung der mittelalterlichen Apothekerkunst, die bis an die Schwelle des 19. Jahrhunderts als subordinierte Hilfsdisziplin der Medizin rangierte, war deshalb auch deren typischer Wortschatz nahezu ausschließlich am Bedarf der Praxis orientiert, wobei sich der sie tragende Stand allerdings durch den Gebrauch des Lateins von anderen Handwerkern abhob. Die Fachausdrücke namentlich zur Bezeichnung der Grundstoffe (Simplicia) aus den drei Naturreichen (Vegetabilia, Animalia, Mineralia) sowie zur Benennung der daraus zubereiteten Arzneimittel (Composita) einschließlich der dazu verwendeten Geräte, Verfahren usw. entstammten einmal und hauptsächlich dem aus der Antike überlieferten Lehrgut, stellten also zunächst Termini griechischer Provenienz dar, die man in der Regel durch das genuin–lateinische Heteronym substituiert bzw. ergänzt oder doch zumindest latinisiert und dann in dieser Form tradiert hat; zum anderen wurde die medizinisch–pharmazeutische Terminologie des hohen Mittelalters aber auch durch eine Fülle arabischer Wörter geprägt, die man ebenfalls latinisierte bzw. in mehr oder weniger verballhornter Form lediglich transkribierte [9] . Mit dieser zusätzlichen Anreicherung des fachspezifischen Vokabulars wuchs zugleich das –schon seit der Antike und im übrigen bis heute bestehende – Problem der Synonymie, dem man durch eine Vielzahl lexikalischer Hilfsmittel zu begegnen suchte: darunter etwa das berühmte griechisch–arabisch–lateinische Wörterbuch 'Clavis sanationis' des Simon von Genua, das anonyme medizinisch–botanische Vokabularium 'Alphita' und der 'Liber pandectarum medicinae' des Matthaeus Silvaticus aus dem Ende des 13. bzw. dem Anfang des 14. Jahrhunderts, die 'Synonyma Bartholomaei' oder das – bei jedem Lemma neben lateinischen Synonymen auch griechische, arabische und zum Teil sogar hebräische Übersetzungen samt einer Verdeutschung des betreffenden Stichworts bietende – Drogenlexikon 'Synonima apotecariorum', deren bislang jeweils nachweisbare Textzeugen aus dem 14. und 15. Jahrhundert stammen [10] .

War bis zum Ausgang des Mittelalters daher die 'confusio nominum' schon ziemlich weit fortgeschritten [11] , so wurden die diesbezüglichen Schwierigkeiten ab der Renaissance noch durch äußere Umstände vermehrt. Jene betreffen zunächst die Materia medica selbst, deren Umfang sich infolge der seit den Entdeckungsreisen nach Europa einströmenden ausländischen Drogen zunehmend vergrößerte; in sprachlicher Hinsicht bedeutet dies, daß zu den üblichen lateinischen bzw. dem Griechischen und Arabischen entlehnten Termini nun auch die sog. Vernakularnamen traten, die fortan in wachsender Zahl einen festen Bestandteil des pharmazeutischen Fachvokabulars bildeten, allerdings nur zum Teil latinisiert worden sind [12] . Zum anderen wurde der Arzneischatz seit dem Ende des 16. Jahrhunderts mehr und mehr durch die – insbesondere auf Paracelsus zurückgehende – Verwendung chemischer Stoffe und Präparate angereichert, was zwangsläufig mit der Aufnahme neuer bzw. semantisch modifizierter Begriffe verbunden war [13] . Über diese substantielle Ausdehnung der Materia medica samt der dadurch bedingten Erweiterung des fachlichen Wortgutes hinaus entstanden im Laufe des 16. Jahrhunderts ferner Bezeichnungen für eine Reihe neuartiger Arzneiformen, die vor allem eine vervollkommnete Destillationstechnik hervorgebracht hatte und die ihrerseits wiederum eine Differenzierung der Terminologie erforderten. Dieser Vorgang eines sich zunehmend spezifizierenden Apothekerlateins ist nicht zuletzt daran abzulesen, daß in nicht wenigen Werken der Fachliteratur – vornehmlich in Kräuterbüchern – entweder im Text oder auch marginal relativ häufig der Hinweis zu finden ist "[...] in officinis appellantur" oder "apud apothecarios [...]", womit die betreffenden Namen als Sonderformen gekennzeichnet werden sollten [14] .

Mit den Lateinkenntnissen der Apotheker, die ebendiesen ihre herausgehobene Position unter den übrigen handwerklichen Berufen verdankten, scheint es indes nicht immer und überall auf das Beste bestellt gewesen zu sein. Nicht von ungefähr hat deshalb schon Saladin Ferro von Ascoli, Leibarzt des Fürsten von Tarent, in seinem wohl um 1450 verfaßten 'Compendium aromatariorum' – dem wahrscheinlich ersten Lehrbuch für Apotheker – die Forderung erhoben, daß diese zumindest so viel von der 'grammatica' verstehen sollten, "ut valeant bene intelligere dispensationes receptarum et antidotariorum et scientiae medicinae" [15] . Doch war Saladin keineswegs der einzige, der die Notwendigkeit fachsprachlicher Kenntnisse betonte; vielmehr wurden solche (teilweise mit entsprechenden Prüfungsverpflichtungen) auch in den – ab Mitte des 15. Jahrhunderts in steigender Zahl erlassenen – Apothekerordnungen stets von neuem postuliert [16] , wobei alle diese Gesetzestexte letztlich nur ein und dasselbe belegen: daß nämlich die Beherrschung der lateinischen Sprache jahrhundertelang zum unabdingbaren Rüstzeug der Apotheker gehörte und damit entscheidend ihre tägliche Berufspraxis bestimmte [17] . Waren sie im Rahmen ihrer Tätigkeit doch einmal auf die relevante Fachliteratur und hier insbesondere auf die Arzneibücher angewiesen, deren Gebrauch bis weit in das 19. Jahrhundert hinein die Kenntnis des Lateins voraussetzte; zum anderen mußten sie die ebenfalls lateinisch abgefaßten Rezepte [18] der Ärzte richtig lesen können, da eine fehlerhafte Arzneimittelanfertigung nicht nur die Kranken in Gefahr, sondern die Doctores selbst in Mißkredit brachte, denen man möglicherweise den entstandenen Schaden anlastete.

Es verwundert daher nicht, wenn dieserhalb gerade von ärztlicher Seite aus immer wieder Tadel laut wurde. So monierte beispielsweise der vor allem als Kräuterbuch–Autor bekannte Otto Brunfels in seiner 1536 (postum) erschienenen Schrift 'Reformation der Apotecken', daß diejenigen als "undüchtig" zu gelten hätten, die "der lateinischen sprach nit erfaren", vielmehr nur "auff den gewin gericht" seien und die Arzneien lediglich zusammenmischten, "alein das sie den namen haben"; zwar wolle er gar keine "besondere rethoric" von den Apothekern fordern, zumal "die kunst nit inn der wolredenheit gelegen, sonder inn der krafft unnd erfarung" – doch weil nun einmal "die kunst inn den sprachen verfasset ist, nemlich griechisch und lateinisch", sollten sie zumindest die Heilpflanzen auf Latein nennen können sowie die einschlägigen Werke des Dioskurides und Galen gelesen haben, um die Rezepte der Doktoren zu verstehen und die bei den Namen der Simplicia mitunter auftretenden Unstimmigkeiten zu erkennen [19] . Hingegen mahnte die abschließende Deontologie im Nürnberger Dispensatorium des Valerius Cordus von 1546 – dem ersten amtlichen Arzneibuch in Deutschland – nicht weniger als die vollständige Beherrschung der lateinischen Sprache an, da die Apotheker sonst am Fortschritt der Wissenschaften nicht teilhaben könnten [20] . Aus diesem Grunde widmete auch Johannes Placotomus, Stadtphysikus in Danzig und zugleich Verwalter der dortigen Rats–Apotheke, eines der einleitenden Kapitel seiner 1560 veröffentlichten 'Pharmacopoea' ebenjenem Postulat, wobei er von seinen Kollegen zudem eine gewisse Kenntnis des Griechischen erwartete [21] . Während ferner der Paduaner Anatomie–Professor Prospero Borgarucci in seiner 1567 zu Venedig erschienenen 'La fabrica degli spetiali' die Apotheker dazu ermunterte, tunlichst schon vom Knabenalter an Latein zu lernen [22] , hat schließlich der dänische Arzt und Hochschullehrer Olaus Borrichius 1670 in Kopenhagen sogar ein ganzes Buch über die 'Lingua pharmacopoeorum' publiziert, dessen Titel–Fortsetzung 'sive de accurata vocabulorum in pharmacopoliis usitatorum pronun–ciatione' das eigentliche Anliegen des Autors verrät [23] .

Sowohl die wiederholt vorgetragene Kritik an den mangelhaften Lateinkenntnissen als auch die nicht minder häufig erhobene Forderung nach einer ausreichenden Beherrschung der alten Sprache zielte also letztendlich darauf ab, den sachgerechten Umgang mit der Fachliteratur durch die Apotheker sicherzustellen – ungeachtet dessen, daß es schon im Mittelalter neben den lateinischen eine nicht geringe Anzahl landessprachiger medizinischer Texte gab [24] , die hauptsächlich für die laikale Krankenversorgung gedacht waren und ab dem 16. Jahrhundert in wachsendem Maß auf den Markt gelangten [25] . Im deutschen Sprachraum führte diese "von der Aufwertung des volkssprachlichen Wortes durch kulturpatriotische Humanisten und Reformatoren begünstigte" Hinwendung zur 'lingua vernacula teutonica' freilich zu langwierigen Kontroversen unter den Ärzten, die allerdings kaum auf sachorientiert begründeten Vorbehalten basierten; mit der Aufgabe des Lateins erschien vielmehr "ein gruppensprachliches Abzeichen" gefährdet, "das den Medizinerstand hervorhob, sozial distanzierte, Autorität sicherte, Prestige verlieh und zugleich mithalf, das wissenschaftliche Fundament dieses Prestiges vor den prüfenden Blicken einer neugierigen Öffentlichkeit zu schützen [...]". Trotz allen Bemühens, das "auf dem Sprach– und Wissensmonopol latein–kundiger Mediziner beruhende Ordnungsgefüge" zu wahren, entstand gleichwohl eine umfängliche, dem Interesse eines breiteren Publikums an Selbstmedikation dienende Literatur, deren Verdienst nicht zuletzt darin besteht, beim frühneuzeitlichen Reifungsprozeß der Landessprache als leistungsfähigem Medium der Medizin eine wichtige Rolle gespielt und "dem Aufstieg der Landessprache zur allgemein anerkannten Sprache der Medizin und Naturwissenschaften den Weg bereitet" zu haben [26] . Die offiziellen Pharmakopöen, d.h. die amtlich vorgeschriebenen, bis Ende des 18. Jahrhunderts fast ausnahmslos von akademisch gebildeten Ärzten konzipierten Arzneibücher, die anfänglich nur für eine bestimmte Stadt, dann für eine größere Region bzw. ein ganzes Territorium Gültigkeit besaßen und schließlich nationalstaatlich verbindliche Gesetzeskraft erlangten, blieben allerdings von diesem seit der frühen Neuzeit zunehmend landessprachig geprägten Literaturzweig nahezu unberührt [27] und erschienen weiterhin in lateinischer Fassung [28] . Die damit gegebene normative Konstanz wurde vor allem durch den Umstand gefördert, daß die pharmazeutische Fachsprache insgesamt bis in das 19. Jahrhundert hinein noch vorwiegend an die Apotheke gebunden war und deshalb in Form des traditionellen Apothekerlateins einen vergleichsweise hohen Grad an innerer Geschlossenheit aufwies – mithin nicht zwingend eine Umstellung erforderte, zumal die Ärzte in ihren Verschreibungen ebenfalls an der lateinischen Sprache festhielten und sich dabei nach wie vor der herkömmlichen Arzneimittelbezeichnungen bedienten [29] .

So vollzog sich denn – obwohl das Latein gerade im Bereich der Naturwissenschaften schon im 18. Jahrhundert seinen ehemaligen Rang als europäische 'lingua universalis' weitgehend eingebüßt hat [30] – der definitive Übergang zu den Landessprachen auf dem Sektor der amtlichen Pharmakopöen erst im 19. Jahrhundert, in dessen Verlauf sich zugleich die Pharmazie von einer handwerklichen Kunst zu einer universitätswürdigen Wissenschaft emanzipierte [31] : ein Prozeß, der verständlicherweise nicht ohne Auswirkungen auf ihre Fachsprache blieb [32] . Im Zuge dieses Aufstiegs zu einer mehr oder minder autonomen Disziplin teilte sich nämlich die bis dahin relativ homogene, weil mit der Apothekentätigkeit nahezu identische 'ars pharmaceutica' gewissermaßen in eine praktische, nach wie vor in der Apotheke lokalisierte und eine wissenschaftliche, hauptsächlich an der Hochschule etablierte Pharmazie, welch letztere sich ihrerseits mit zunehmender Spezialisierung in verschiedene Fächer differenzierte, unter denen der Chemie bis heute die Leitposition zukommt. Während sich jedoch die Chemiker längst der Landessprache bedienten [33] , konservierten die Pharma–zeuten zumindest in den Arzneibüchern und in der Apothekenpraxis weiterhin die lateinische Sprache, was sich in Bezug auf die mittlerweile unter veränderten Gesichtspunkten vorzu–nehmende Arzneimittelstandardisierung [34] durchaus als problematisch erwies; denn mit der fortschreitenden Entwicklung der Naturwissenschaften und namentlich der Chemie mehrten sich auch die Schwierigkeiten, mittels des Lateins die einzelnen Stoffe und Verbindungen nomenklatorisch exakt zu erfassen sowie die neuen Methoden angemessen zu beschreiben, weil die alte Sprache hierfür häufig keine adäquaten Möglichkeiten bot.

Nur relativ geringe Probleme ergaben sich dabei im Falle der Botanik, in deren Rahmen das Latein mit Carl von Linnés grundlegenden Werken 'Systema naturae' von 1735 und 'Species plantarum' von 1753 sogar eine nochmalige Bestätigung erfahren hatte und in Form der binären Nomenklatur bekanntlich bis in die Gegenwart Verwendung findet [35] . Allerdings ist es trotz wiederholt unternommener Versuche nicht gelungen, in den Arzneibüchern eine durch–gängig einheitliche botanische Benennungssystematik zu schaffen, da man es schon im 18. Jahrhundert wie auch später versäumt hat, die angestammten Termini aus der Apotheken–praxis – hier also die Bezeichnungen der arzneilich verwendeten Pflanzendrogen – konsequent und vollständig der Linnéschen Nomenklatur [36] anzupassen und damit zumindest auf diesem Teilgebiet die für die Pharmazie und ihre Sprache so typische Heterogenität zu beseitigen; statt dessen transportierte man in der Regel die überlieferten Namen des Apothekerlateins weiter, woraus sich manche, partiell bis heute bestehende sprachlich–inhaltliche Diskrepanz erklärt [37] . – Hingegen bereitete die Beibehaltung des Lateins im Falle der antiphlogistischen, einen Paradigmenwechsel einleitenden, neuen Chemie gravierende Schwierigkeiten, zumal das diesbezügliche Grundlagenwerk – die 1787 erschienene 'Méthode de nomenclature chimique' von Louis Bernard Guyton de Morveau, Antoine Laurent Lavoisier, Louis Jacques Berthollet und Antoine François Fourcroy – bereits in französischer Sprache abgefaßt worden war [38] . Denn bei der bald darauf mit mehr oder minder großen Abwandlungen erfolgenden Übernahme dieses neuen Klassifizierungs– und Bezeichnungssystems durch die meisten Pharmakopöen zeigte sich deutlich, daß die jeweiligen Versionen der in einer Art Kunstlatein formulierten Benennungen – insbesondere in Frankreich, England und Deutschland – nicht einheitlich ausfielen [39] , wodurch der Anspruch auf Allgemeingültigkeit der lateinischen Arzneimittelnamen, mithin der internationale Charakter der 'lingua latina' auf diesem Gebiet erstmals unterhöhlt wurde. Trotz der grundsätzlichen Problematik, die chemischen 'Kunstwörter' in die alte Sprache zu übertragen, und der allenthalben Verwirrung stiftenden Aufgabe, die neue Nomenklatur mit den traditionellen, d.h. durch das Apothekerlatein geprägten Namen in Einklang zu bringen, hielten die Pharmazeuten des deutschen Sprachraums gleichwohl auch in diesem Falle an der lateinischen Bezeichnungsweise fest. Es verwundert daher nicht, daß sämtliche Bemühungen um eine generell verbindliche Systematisierung letzthin und einmal mehr deshalb scheiterten, weil man dabei stets auf einen Kompromiß zwischen Wissenschaft und Praxis, Fortschritt und Tradition abzielte [40] .

Der Hauptgrund dafür, daß man gegen Ende des 19. Jahrhunderts in der Regel schließlich doch die lateinische Arzneibuchsprache aufgab [41] , lag also in der prinzipiellen Schwierigkeit, neue wissenschaftliche Erkenntnisse in der herkömmlichen Form sachgerecht, mithin so exakt auszudrücken, daß nicht durch mögliche Interpretationsfehler die Arzneimittelstandar–disierung und –sicherheit gefährdet wurde; dies war nicht zuletzt auch deshalb zu befürchten, weil sich in Europa die Lateinkenntnisse der Apotheker zunehmend verschlechtert hatten – ein Mangel, den man vor allem in Deutschland durch Übersetzungen der Pharmakopöen sowie durch erklärende Wörterbücher auszugleichen suchte [42] . Erste Konsequenzen aus dieser Situation zog man daher in Frankreich, wo der nationale 'Codex medicamentarius' seit 1837 durchweg – d.h. unter Einschluß der Arzneimittelnamen – in Französisch erschien; zwei Jahre später folgte die Edinburgher und 1864 die Britische Pharmakopöe in englischer Sprache, während in den Vereinigten Staaten von Amerika aufgrund der dortigen besonderen Verhältnisse die US–Pharmacopoeia 1820 und 1830/31 zunächst zweisprachig publiziert worden war und fortan gleichfalls nur noch in englischer Fassung herauskam. In Deutschland hingegen rief die Frage, ob das Arzneibuch–Latein beibehalten oder aufgegeben werden solle, eine ebenso langwierige wie heftige Diskussion hervor, die selbst dann noch andauerte, nachdem man 1847 für Württemberg, 1856 für Bayern und 1861 für Hannover die ersten deutschsprachigen Pharmakopöen veröffentlicht hatte [43] .

Die mehr oder minder sachbezogenen, mitunter auch ideologisch gefärbten oder rein emotionsbestimmten Argu–mente, die in diesem Sprachenstreit vorgebracht wurden, wiesen einerseits auf die Vorzüge des Lateins hin, das kurze und dennoch präzise Termini biete, während eine Eindeutschung entweder zu Wortungetümen [44] oder – falls nur partiell möglich – zu einem Sprachgemisch führe, das ohne Lateinkenntnis auch nicht zu verstehen sei; ferner machte man als Vorteil gerade einer toten Sprache geltend, daß die Begriffe damit nicht dem sich ansonsten ständig vollziehenden Bedeutungswandel unterworfen seien, und betonte endlich den internationalen Charakter der 'lingua latina', der die Allgemeinverständlichkeit in Fachkreisen gewährleiste und außerdem eine wichtige Voraussetzung für die angestrebte Erstellung einer Universal–Pharmakopöe bilde. Im übrigen zählten die Befürworter der lateinischen Sprache vielfach zu jenen Pharmazeuten, die sich dem humanistischen Bildungsideal verpflichtet fühlten und nicht zuletzt hofften, durch dessen Pflege die seit langem strittige Maturitätsfrage in ihrem Sinne entscheiden zu können [45] ; daß somit in diesem Zusammenhang auch standespolitische Faktoren eine Rolle spielten, dokumentiert beispiels–weise der schon zitierte Artikel von 1860, in dem es abschließend heißt: "Wer die lateinische Sprache als Sprache der Pharmakopöen abgeschafft wissen will, der gehört zu denen, die die Pharmacie und die Heilkunde überhaupt erniedrigen, die höhere Bildung der Pharmaceuten verhindern und den Stand der Apotheker unterdrücken wollen[...]" [46] . So erschien 1872 – als erstes reichseinheitliches deutsches Arzneibuch – die Pharmacopoea Germanica (wie schon deren Vorläuferin: die Pharmacopoea Germaniae von 1865) in Latein, von der noch im selben Jahr Hermann Hager eine – inoffizielle – deutsche Übersetzung vorlegte [47] .

Andererseits waren es vor allem die Vertreter einer mehr naturwissenschaftlich ausgerichteten Bildungsauffassung, die für ein von vornherein deutschsprachiges Arzneibuch eintraten und deren schlagkräftigstes Argument schlichtweg auf die Notwendigkeit abhob, neue wissenschaftliche Resultate auch in einer modernen Sprache zu präsentieren [48] Unterstützt wurde dieser Standpunkt außerdem durch die nicht eben optimale Situation, daß man sich mittlerweile gezwungen sah, den Pharmakopöe–Text von Fachleuten entwerfen und anschließend ins Lateinische übersetzen zu lassen. So kam denn 1882 zunächst eine – ebenfalls offizielle – deutsche Version in den Buchhandel, die eine Besprechung in der 'Pharmazeutischen Zeitung' geradezu begeistert würdigte: "Die [...] in deutscher Sprache abgefasste Pharmacopoe macht trotzdem einen so streng wissenschaftlichen Eindruck und liest sich in dem schönen übersichtlichen Drucke und der klaren Diction so gut, dass man an eine etwaige Uebertragung derselben in die todte lateinische Sprache nur mit bedauerndem Kopfschütteln denken kann. Wieviel schöne und besser verwerthbare Zeit müssten die 10,000 deutschen Apothekenbesitzer, Gehülfen und Lehrlinge auf die Rückübersetzung der Pharmacopoe aus einem schlechten Latein in gutes verständliches Deutsch wieder vergeuden, wenn die amtliche Ausgabe der Pharmacopoe wirklich wieder lateinisch erscheint!" [49] Dessen ungeachtet wurde – wie Hermann Hager 1884 rückblickend schrieb – "von Seiten des Herrn Reichskanzlers [v. Bismarck] die Abfassung der Pharmakopoe in lateinischer Sprache gefordert, um diesem Werke einen universalen oder internationalen Charakter zu wahren, es jedem Apotheker und Arzte in der Welt verständlich zu machen", was dankbar anzuerkennen sei, "zumalen Deutschland von sechs Völkern umgränzt ist, von welchen ein jedes seine besondere Sprache hat. Man hätte nur die lateinische Uebersetzung einem in der medicinischen Wissenschaft bewanderten, des in der Botanik und Pharmacie eingebürgerten Lateins kundigen Manne übertragen sollen. Dies ist nicht geschehen! " [50] Die amtlich lateinische Übersetzung stieß denn auch zumindest im Inland auf entsprechende Kritik, die beispielsweise der Pharmaziehistoriker und Besitzer der Nürnberger Mohren–Apotheke Hermann Peters in ebenso drastischer wie national–pathetischer Form vorbrachte: "Dem weltumfassenden Wesen der medizinischen Wissenschaft würde sicher schon genügend Rechnung getragen, wenn in der Pharmakopöe neben den deutschen Namen die lateinischen Benennungen beibehalten würden. Die völlige Verdrängung unserer schönen Muttersprache in unserem deutschen Arzneigesetzbuche durch das alte Rokoko des Küchenlateins zeugt von einer, noch aus der schwächlichen Zeit des deutschen Reiches stammenden, ungerechtfertigten Bewunderung und Überschätzung des Ausländischen. Schon aus Rücksicht auf das deutsche Volksgefühl wäre es wünschenswert, wenn bei der Herausgabe der nächsten deutschen Pharmakopöe mit der alten lateinischen Gelehrtensprache endlich, wie in anderen deutschen wissenschaftlichen Werken, ein Kehraus gemacht würde; denn sie ist der Keim zu der Fremdwörterseuche, welche in der Kunstsprache des deutschen Apothekerstandes in erschreckender Weise herrscht. Nachdem andere Gewerbe und Stände schon mit gutem Beispiel vorangegangen sind, um ihre Fach– und Kunstausdrücke von fremdem Unrate zu reinigen, dürfen auch die Apotheker sich nicht länger der vaterländischen Pflicht entziehen, dafür Sorge zu tragen, daß der alte, häßliche fremde Zopf nach und nach aus dem Apothekerstande verschwinde [...]. Eine gründliche Wandelung zum Besseren hierin dürfte erst dann zu erwarten sein, wenn die Quelle des Übels – das Latein der Pharmakopöe – versiegt ist. " [51] Dies geschah in der Tat schon bald, indem sich letztlich die Ansicht durchsetzte, daß die alte, nicht weiter entwicklungsfähige Sprache ihren einstigen Wert nunmehr endgültig verloren habe [52] . Man entschloß sich demzufolge, mit der dritten Ausgabe von 1890 ein deutschsprachiges Arzneibuch vorzulegen, allerdings die lateinischen Arzneimittelnamen in den Haupttiteln der Monographien beizubehalten [53] und dadurch zu–gleich ein Bedenken auszuräumen, das die Verfechter des Apothekerlateins zu Recht ins Feld geführt hatten: nämlich die nach wie vor lateinisch ausgestellten Rezepte der Ärzte, die sich ebenfalls der entsprechenden Bezeichnungen bedienten.

Wie eingangs bereits betont, waren es neben der Fachliteratur in der Tat die ärztlichen Verschreibungen gewesen, deretwegen man den Apothekern von jeher die Kenntnis des Lateins abverlangt hatte – eine Forderung, die bis weit in das 20. Jahrhundert hinein ihre Relevanz behielt. Denn so lange in den Apotheken noch die sog. Magistral–Rezepturen angefertigt wurden, mußte man dort auch die betreffenden Verordnungen lesen können, weshalb in diesem ureigensten praktischen Bereich der Pharmazie die lateinischen Arzneimittelnamen am längsten konserviert worden sind. Indes ist mittlerweile selbst die durch eine jahrhundertealte Tradition sanktionierte und standardisierte Form des 'lege artis' ausgestellten Rezepts – wie sie bisweilen noch heute von älteren Ärzten oder auch von Homöopathen gepflegt wird – im allgemeinen bis auf das invokative 'Rp. (= Recipe) ' und ein gelegentliches 'S. (= Signa) ' verkümmert und hat in jüngerer Zeit lediglich durch den Arzneimittelauswahlvermerk 'aut idem' nochmals einen lateinischen Zuwachs erfahren. Nicht von ungefähr hatte deshalb schon 1970 ein bekannter Pharmakologe die Meinung vertreten, daß man – nachdem die katholische Kirche die Landessprachen im Bereich der Metaphysik zugelassen habe – nicht zögern sollte, auch dem Doktor der Medizin zu erlauben, mit dem Apotheker deutsch zu reden [54] . Sind doch die Rezeptiergewohnheiten der Ärzte inzwischen fast ausschließlich durch die industriell produzierten sog. Fertigarzneimittel bestimmt, deren Namen freilich häufig auf den gräkolateinischen Wortschatz zurückgreifen und damit wiederum ein neues Reservoir für altsprachige Relikte schaffen [55] . Hinzu kommt, daß die eingangs erwähnte Aufnahme des Faches Pharmakologie in den pharmazeutischen Studiengang auch einen erheblichen Anteil an medizinischen – bekanntlich ebenfalls auf dem Griechischen und Lateinischen beruhenden – Fachausdrücken mit sich brachte, wie sie nicht zuletzt auf den Beipackzetteln ebendieser Fertigarzneimittel erscheinen; da gegenüber den Patienten in aller Regel erklärungsbedürftig, bedeutet dies für die Apothekenpraxis, daß dem Pharmazeuten heute sogar vermehrte Kenntnisse in den beiden klassischen Sprachen abverlangt werden müssen, zumal ihm der Gesetzgeber 1987 offiziell eine Informations– und Beratungspflicht zugewiesen hat [56] .

Schließlich und vor allem aber ist das alte Apothekerlatein in Form zahlreicher, mehr oder minder eingedeutschter Fremdwörter präsent, die in gewisser Weise dessen wichtigsten Rest darstellen und in nicht wenigen Fällen sogar Bestandteil der Umgangssprache geworden sind [57] . In reiner, d.h. in seiner ursprünglichen Gestalt begegnet das Latein im vorliegenden Zusammenhang allerdings nur noch selten. Immerhin führt das Homöopathische Arzneibuch die traditionellen lateinischen Namen nach wie vor in den Haupttiteln seiner Monographien auf, wohingegen im derzeit gültigen Europäischen Arzneibuch (Ph[armacopoea] Eur[opaea]) allein die Untertitel in lateinischer Fassung erscheinen, um damit zumindest formal eine sprachlich einheitliche Verbindung unter den beteiligten Staaten herzustellen; dabei war man freilich meistens zu Neologismen gezwungen, die im Grunde nur demonstrieren, daß die Verwendung der lateinischen Sprache für derartige Zwecke in der Tat obsolet ist [58] , und die deshalb in der Praxis auch keine Rolle spielen. Dies gilt nicht zuletzt für die Beschriftung der Standgefäße in den Apotheken, die jahrhundertelang sozusagen die Schauseite des Apothekerlateins lieferten, heute jedoch – sofern überhaupt noch vorhanden – lediglich dekorative Aufgaben erfüllen. Mag sein, daß ein älterer Apotheker noch von 'Acidum sulfuricum' spricht, wenn er die Schwefelsäure meint; ein jüngerer wird jedenfalls – wie der Chemiker – die deutsche Bezeichnung gebrauchen, sofern er es nicht vorzieht, sich des englischen Terminus 'sulfuric acid' zu bedienen, um damit international kommunikations–fähig zu bleiben: eine Intention, die im übrigen auch die älteste noch bestehende pharmazeutische Fachzeitschrift – das 1822 gegründete 'Archiv der Pharmazie' – 1995 dazu bewog, die Beiträge fortan ausschließlich in Englisch zu veröffentlichen. So wird das ehedem universal verwendete Apothekerlatein in naher Zukunft zu einem guten Teil durch ein gleichfalls den weltweiten Austausch ermöglichendes Apothekerenglisch abgelöst sein [59] , womit sich freilich die Kenntnis des griechisch–lateinischen Basisvokabulars nicht erübrigt, da sich bekanntlich auch das Fachenglisch vornehmlich aus ebendiesen Sprachwurzeln speist. Der einleitend erwähnte Terminologie–Unterricht hat demnach selbst an der Schwelle zum dritten Millennium durchaus noch seine Berechtigung – eingedenk der Mahnung des Wiener Arztes und zeitweiligen Medizin–Professors Martin Stainpeis aus dem Jahre 1520: "Nullus assumi debet in apotecam nisi sit bonus latinus" [60] .



[1] Als spezielle Lehrbücher für diese (ein Jahr zuvor in ähnlicher Form auch in das Medizinstudium aufgenommene) Veranstaltung stehen derzeit zur Verfügung: Peter DILG/Guido JÜTTNER: Pharmazeutische Terminologie. Die Fachsprache des Apothe–kers. 2., überarb. und erg. Aufl. Frankfurt am Main 1975 [im Buchhandel vergriffen]; Christian BEYER: Pharmazeutische und Medizinische Terminologie. Ein Wörterbuch mit Einführung für Studium und Praxis. 4., überarb. und aktualisierte Aufl. Stuttgart 1996; Karl–Heinz SCHULZ/ Axel HELMSTÄDTER: Fachlatein. Pharmazeutische und Medizinische Terminologie. 13., überarb. Aufl. Eschborn 2001.

[2] Robert WOLFF: Die Sprache der Chemie vom Atom bis Zyankali. Zur Entwicklung und Struktur einer Fachsprache. Bonn 1971 (MNT [Mathematisch–Naturwissenschaft–liche Taschenbücher], 11). S. 132.

[3] Vgl. hierzu etwa Dietlinde GOLTZ: Die geschichtliche Entwicklung der pharma–zeutischen Terminologie und ihre aktuellen Probleme. In: Pharmazeutische Zeitung 117 (1972), 707–712; Karlheinz BARTELS: koiné dialektos – lingua latina. Historische Aspekte der medizinisch–pharmazeutischen Terminologie. In: Pharmazeutische Zeitung 118 (1973), 791–794.

[4] Zum Schwund der ehedem vorhandenen Lateinkenntnisse bzw. zu den daraus resultierenden Aufgaben für die genannte Lehrveranstaltung vgl. Peter DILG: 'Lalopathia terminologica' oder: Schwierigkeiten mit der Fachsprache. Erfahrungen aus dem pharmazeutischen Terminologie–Unterricht der letzten fünf Jahre. In: Pharmazeutische Zeitung 121 (1976), 2018–2022.

[5] Vgl. hierzu Jürgen SCHRIEWE: Von Latein zu Deutsch, von Deutsch zu Englisch. Gründe und Folgen des Wechsels von Wissenschaftssprachen. In:Friedrich Debus/Franz Gustav Kollmann/Uwe Pörksen (Hrsg.): Deutsch als Wissenschaftssprache im 20. Jahrhundert. Vorträge des Internationalen Symposions vom 18./19. Januar 2000. Stuttgart 2001 (Akademie der Wissenschaften und der Literatur [Mainz], Abhandlungen der Geistes– und Sozialwissenschaftlichen Klasse 2000, Nr. 10). S. 81–104. – In diesem Zusammenhang vgl. im übrigen auch Huldrych M. KOELBING: Englisch – die universelle Wissenschaftssprache des 20. Jahrhunderts. Alphonse de Candolle's Prognose von 1873. In: Gesnerus 54 (1997), 188–193.

[6] Zu diesem – dem Besucher einer Offizin ehemals auch auf zahllosen Standgefäßen und sonstigen Behältnissen (meist in abgekürzter Form) begegnenden – Apothekerlatein vgl. etwa Rudolf E. A. DREY: Apothecary Jars. Pharmaceutical Pottery and Porcelain in Europe and the East 1150–1850. London/Boston 1978. S. 179–238: Glossary of the More Important Terms used in Apothecary Jar Inscriptions; Wolfgang–Hagen HEIN/Dirk Arnold WITTOP KONING: Das Apotheken–Etikett. Eschborn 1994 (Monographien zur pharmazeutischen Kulturgeschichte, 9); ferner Werner DRESSEN–DÖRFER: Christoph Fabius Brechtels "Nomenclatura pharmaceutica" aus dem Jahr 1603. In: Geschichte der Pharmazie [Beilage der Deutschen Apotheker–Zeitung] 47 (1995), 49–55. – Die für den Laien unverständliche Fachsprache hat im übrigen auch manche Sprichwörter und Anekdoten hervorgebracht. Vgl. hierzu Walther ZIMMERMANN: Arzt– und Apothekerspiegel. Dresden/Stuttgart 1924. S. 77f.

[7] Vgl. hierzu u.a. John SCARBOROUGH: Medical Terminologies. Classical Origins. Norman/London 1992 (Oklahoma Series in Classical Culture, 13); ferner Gerhard BAADER: Die Entwicklung der medizinischen Fachsprache in der Antike und im frühen Mittelalter [1970]. In: Ders./Gundolf Keil (Hrsg.): Medizin im mittelalterlichen Abendland. Darmstadt 1982 (Wege der Forschung, 363). S.417– 442; DERS.: Die Entwicklung der medizinischen Fachsprache im hohen und späten Mittelalter. In: Gundolf Keil/Peter Assion (Hrsg.): Fachprosaforschung. Acht Vorträge zur mittelalter–lichen Artesliteratur. Berlin 1974. S. 88–123. – Vgl. im übrigen auch Enrico MARCOVECCHIO: Dizionario etimologico storico dei termini medici. Florenz 1993.

[8] Vgl. hierzu Rudolf SCHMITZ: Geschichte der Pharmazie. Bd. 1. Eschborn 1998. S. 508–514.

[9] Zu diesen ursprünglich arabischen bzw. über das Arabische vermittelten Fachwörtern gehören beispielsweise Begriffe wie Alkali, Alkohol, Borax oder Talk, aber auch Elixir, Julep oder Sirup. Vgl. hierzu Dietlinde GOLTZ: Studien zur Geschichte der Mineralnamen in Pharmazie, Chemie und Medizin von den Anfängen bis Paracelsus. Wiesbaden 1972 (Sudhoffs Archiv, Beiheft 14). S. 216–313; DIES.: Mittelalterliche Pharmazie und Medizin. Dargestellt an Geschichte und Inhalt des Antidotarium Nicolai. Mit einem Nachdruck der Druckfassung von 1471. Stuttgart 1976 (Veröffentlichungen der Internationalen Gesellschaft für Geschichte der Pharmazie, Neue Folge, 44). S. 73–76 und 179f. – Vgl. ferner Peter DILG: Arabische Pharmazie im lateinischen Mittelalter. In: Odilo Engels/Peter Schreiner (Hrsg.): Die Begegnung des Westens mit dem Osten. Kongreßakten des 4. Symposiums des Mediävistenverbandes in Köln 1991 aus Anlaß des 1000. Todesjahres der Kaiserin Theophanu. Sigmaringen 1993. S. 299–317.

[10] Vgl. hierzu die betreffenden Artikel in: Lexikon des Mittelalters. Bd. 1. München/Zürich 1980. Sp. 458, Bd. 6. München/Zürich 1993. Sp. 400, Bd. 7. München 1995. Sp. 1917, Bd. 8. München 1997. Sp. 378f. sowie in: Die deutsche Literatur des Mittelalters. Verfasserlexikon. 2., völlig neu bearb. Aufl. Bd. 9. Berlin/New York 1995. Sp. 557–559. – Zur Aktualität dieses Problems vgl. etwa: Synonym–Verzeichnis [zum Arzneibuch]. 4. Aufl. Stuttgart/Eschborn 2001.

[11] Vgl. hierzu exemplarisch Willem F. DAEMS: Nomina simplicium medicinarum ex synonymariis medii aevi collecta. Semantische Untersuchungen zum Fachwortschatz hoch– und spätmittelalterlicher Drogenkunde. Leiden/New York/Köln 1993 (Studies in Ancient Medicine, 6).

[12] Für den Zeitraum vom Beginn des 16. bis zum Ende des 19. Jahrhunderts seien hier etwa Namen wie China [Cinchona], Coca, Guajacum oder Ipecacuanha (latinisiert) bzw. Ananas, Cacao, Ginkgo oder Ginseng (unflektiert) genannt. Zur jeweiligen sprachlichen Herkunft vgl. unter dem betreffenden Stichwort Helmut GENAUST: Etymologisches Wörterbuch der botanischen Pflanzennamen. 3. vollst. überarb. und erw. Aufl. Boston/Berlin 1996.

[13] Vgl. hierzu Wolfgang SCHNEIDER: Der Wandel des Arzneischatzes im 17. Jahrhundert und Paracelsus. In: Sudhoffs Archiv 45 (1961), 201–215; ferner GOLTZ [wie Anm. 9], 366–379. – Zur eigenwilligen Sprache des Paracelsus, seinem Verhältnis zum Latein und seiner Stellung in der Geschichte des Übergangs vom Lateinischen zum Deutschen in den Wissenschaften vgl. neuerdings Michael KUHN: De nomine et vocabulo. Der Begriff der medizinischen Fachsprache und die Krankheitsnamen bei Paracelsus (1493–1541). Heidelberg 1996 (Germanische Bibliothek, Neue Folge, 3. Reihe: Untersuchungen, 24).

[14] Vgl. Peter DILG: Die botanische Kommentarliteratur Italiens um 1500 und ihr Einfluß auf Deutschland. In: August Buck/Otto Herding (Hrsg.): Der Kommentar in der Renaissance. Bonn–Bad Godesberg 1975 (Kommission für Humanismusforschung, 1). S.225–252, hier S. 249.

[15] SALADINI DE ASCULO Serenitatis principis Tarenti physici principalis compendium aromatariorum. Zum ersten Male ins Deutsche übertragen, eingeleitet, erklärt und mit dem lateinischen Text [Venedig 1572] neu hrsg. von Leo Zimmermann. Leipzig 1919. S. 5 bzw. 82.

[16] Einen Überblick über diese Apothekerordnungen bietet u.a. SCHMITZ [wie Anm. 8], 525–531.

[17] Vgl. hierzu etwa auch Olivier LAFONT: Le latin et la formation des apothicaires en France. In: Revue d'Histoire de la Pharmacie Tome 48 (2000), 345–350.

[18] Vgl. hierzu Ulrich SEIDEL: Rezept und Apotheke. Zur Geschichte der Arzneiver–ordnung vom 13. bis zum 16. Jahrhundert. Nat.wiss.Diss. Marburg 1977.

[19] Vgl. Peter DILG: Die 'Reformation der Apotecken' (1536) des Berner Stadtarztes Otto Brunfels. In: Gesnerus 36 (1979), 181–205, hier 189.

[20] Der lateinische Text dieser Pflichtenlehre findet sich – samt Übersetzung – wieder abgedruckt bei Gerd LEIDIG: Zur Standesethik des Apothekers. Die Deontologia Pharmaceutica aus historischer Sicht. Stuttgart 1997. S. 193–199.

[21] Vgl. Johannes PLACOTOMUS: Pharmacopoea in compendium redacta. Antwerpen 1560 [Neudruck Ghent 1973 (Opera Pharmaceutica Rariora, 11)]. Fol. 6r.

[22] Vgl. Richard PALMER: Pharmacy in the republic of Venice in the sixteenth century. In: A. WEAR/R.K. FRENCH/I.M. LONIE (Hrsg.): The medical renaissance of the sixteenth century. Cambridge 1985. S. 100–117, hier S. 104.

[23] Zu Borrichius vgl. den betreffenden Artikel in: Dictionary of Scientific Biography. Vol. II. New York 1970. S. 317 f.

[24] Vgl. hierzu etwa die Einleitung zum Sammelband von BAADER/KEIL [wie Anm. 7], 1–44, hier 25–42, den Übersichtsartikel 'Arzneibücher' in: Lexikon des Mittelalters. Bd. 1. München/Zürich 1980. Sp. 1091–1094 sowie Thomas BEIN (Hrsg.): Wider allen den suhtin. Deutsche medizinische Texte des Hoch– und Spätmittelalters. Eine Anthologie. Stuttgart 1989 (Helfant Texte, 10); ferner Gundolf KEIL: Deutsch und Latein. Strukturen der Zweisprachigkeit in medizinischen Fachprosa–Handschriften des Mittelalters. In: Das Mittelalter 2 (1997), 101–109.

[25] Vgl. hierzu u.a. Birgit ZIMMERMANN: Das Hausarzneibuch. Ein Beitrag zur Untersuchung laienmedizinischer Fachliteratur des 16. Jahrhunderts unter besonderer Berücksichtigung ihres humanmedizinischen–pharmazeutischen Inhalts. Nat. wiss. Diss. Marburg 1975; ferner Joachim TELLE (Hrsg.): Pharmazie und der gemeine Mann. Hausarznei und Apotheke in deutschen Schriften der frühen Neuzeit. Wolfenbüttel 1982 (Ausstellungskataloge der Herzog August Bibliothek, 36).

[26] Joachim TELLE: Wissenschaft und Öffentlichkeit im Spiegel der deutschen Arznei–buchliteratur. Zum deutsch–lateinischen Sprachenstreit in der Medizin des 16. und 17. Jahrhunderts. In: Medizinhistorisches Journal 14 (1979), 32–52, hier 40, 41, 43 und 44.

[27] Eine wichtige Ausnahme stellt hier das (allerdings wohl nur korporationsintern verbindliche) Arzneibuch von Florenz dar, das bereits 1499 – wie dann auch die folgenden Ausgaben – in Italienisch erschien und damit einmal mehr an die bekannte Tatsache erinnert, daß sich der Übergang vom Latein zu den jeweiligen Volkssprachen in den romanischen Ländern früher als in den Gebieten deutscher Zunge vollzog. Vgl. hierzu den betreffenden Artikel in: Lexikon des Mittelalters. Bd. 7. München 1995. Sp. 808 f. (s.v. Ricettario Fiorentino).

[28] Einen Überblick über diese Arzneibücher vermittelt u.a. Eberhard SCHMAUDERER: Entwicklungsformen der Pharmakopöen. In: Ders. (Hrsg.): Buch und Wissenschaft. Düsseldorf 1969 (Technikgeschichte in Einzeldarstellungen, 17). S. 187–287.

[29] Gleichwohl war es schon zu Beginn des 19. Jahrhunderts mancherorts üblich, Rezepte auch in der Landessprache auszustellen, wogegen sich 1815 der berühmte Christoph Wilhelm von Hufeland, königlicher Leibarzt zu Berlin, mit Nachdruck verwahrte: "Kenne ich etwas, was die Kunst herabwürdigen, unsicher machen, und in die Hände der Pfuscher spielen kann, so ist es fürwahr diese Sitte. Und auch abgesehen von dieser herabwürdigenden Sitte, die unsre Vorschriften mit denen der Küchen– und Toilettenrezepte in gleiche Klasse setzt, entspringt hierdurch der doppelte Nachtheil, daß die Vorschrift die Bestimmtheit des Ausdrucks und die allgemeine Verständlichkeit und die Kunst die Wohlthat der allgemeinen Sprache verliert. " Christoph Wilhelm HUFELAND: Aufforderung an alle Ärzte Teutschlands und des Auslandes zu einer Verbindung für die Beibehaltung der officinellen Namen der Heilmittel. In: Journal der practischen Arzneykunde und Wundarzneykunst 40 (1815), 6 f.

[30] Vgl. hierzu Uwe PÖRKSEN: Deutsche Naturwissenschaftssprachen. Historische und kritische Studien. Tübingen 1986 (Forum für Fachsprachen–Forschung, 2). S. 10–41: Aspekte einer Geschichte der deutschen Naturwissenschaftssprachen und ihrer Wechselbeziehung zur Gemeinsprache, S. 42–71: Der Übergang vom Gelehrtenlatein zur deutschen Wissenschaftssprache (Erster Übersetzungsvorgang) und S. 182–199: Populäre Sachprosa und naturwissenschaftliche Sprache (Zweiter Übersetzungsvor–gang).

[31] Vgl. hierzu Berthold BEYERLEIN: Die Entwicklung der Pharmazie zur Hochschuldis–ziplin (1750–1875). Ein Beitrag zur Universitäts– und Sozialgeschichte. Stuttgart 1991 (Quellen und Studien zur Geschichte der Pharmazie, 59).

[32] Vgl. hierzu Peter DILG: Die neuere Fachsprache der Pharmazie seit der Mitte des 19. Jahrhunderts. In: Lothar Hoffmann/Hartwig Kalverkämper/Herbert Ernst Wiegand (Hrsg.): Fachsprachen. Ein internationales Handbuch zur Fachsprachenforschung und Terminologiewissenschaft. 1. Halbbd. Berlin/New York 1998. S. 1270–1277.

[33] Zur Sprache der Chemie und ihrem Wandel vgl. Maurice P. CROSLAND: Historical Studies in the Language of Chemistry [1962]. 2. Aufl. New York 1978.

[34] Vgl. hierzu Erika HICKEL: Arzneimittel–Standardisierung im 19. Jahrhundert in den Pharmakopöen Deutschlands, Frankreichs, Großbritanniens und der Vereinigten Staaten von Amerika. Stuttgart 1973.

[35] Vgl. hierzu William T. STEARN: Botanical Latin. History, Grammar, Syntax, Termino–logy and Vocabulary. 2nd Edition. Newton Abbot 1973. – Im übrigen bedienen sich nicht nur die biologischen Wissenschaften, sondern auch die Anatomie bis heute lateinischer Nomenklaturen.

[36] Linné selbst hatte freilich in seiner 'Materia medica' von 1749 dafür plädiert, die "Pharmacopoearum nomina, saepius licet absurda, utpote complurium saeculorum auctoritate, ratione legibusque exempta" beizubehalten. Zit. nach SCHMAUDERER [wie Anm. 28], 232.

[37] So heißt z.B. das Süßholz – jedem Botaniker als 'Glycyrrhiza' vertraut – nur bei den Apothekern 'Liquiritia' oder die Ratanhiawurzel nicht – dem Gattungsnamen der bo–tanischen Nomenklatur entsprechend – 'Radix Krameriae', sondern 'Radix Ratanhiae', und selbst ein so geläufiger Terminus wie 'Species' für die 'Art' bedeutet in der Apotheke – dort stets im Plural verwendet – zuallererst die 'Teemischung'. Vgl. hierzu auch Dietlinde GOLTZ: Zur Entwicklungsgeschichte der Arzneibücher. Form – Inhalt – Problematik. In: Pharmazeutische Zeitung 114 (1969), 1819–1827 und 2009–2014, hier 2009f.

[38] Andererseits hatte z.B. noch 1782 Torbern Olof Bergman, Professor für Chemie in Uppsala, die Ansicht vertreten, daß allein das Latein die Sachverhalte angemessen wiedergeben könne, und auch die bis heute gebräuchlichen, von seinem Landsmann und Fachkollegen Jöns Jakob Berzelius ab 1814 eingeführten, aus einem oder (meist) zwei Buchstaben bestehenden Elementsymbole, mit denen er die Voraussetzung für die chemische Formelsprache schuf, leiten sich bekanntlich von den jeweiligen lateinischen bzw. latinisierten Namen ab. Vgl. hierzu neben CROSLAND [wie Anm. 33], 151 auch Viktor CORDIER: Die chemische Zeichensprache einst und jetzt. Graz 1928.

[39] Zu den sich daraus ergebenden, speziell nomenklatorischen Problemen, auf die im thematischen Rahmen dieses Beitrags nicht näher eingegangen werden muß, vgl. HICKEL [wie Anm. 34], 39–62 und vor allem Kurt GANZINGER: Zur Geschichte der chemischen Nomenklatur in den amtlichen Arzneibüchern. In: Beiträge zur Geschichte der Pharmazie [Beilage der Deutschen Apotheker–Zeitung] 31 (1980), 33–37. – In diesem Zusammenhang vgl. auch Bettina HAUPT: Deutschsprachige Chemielehrbücher (1775–1850). Stuttgart 1987 (Quellen und Studien zur Geschichte der Pharmazie, 35). S. 271–278.

[40] Vgl. hierzu u.a. SCHMAUDERER [wie Anm. 28], 231–236.

[41] Eine Ausnahme stellten hier insbesondere manche mehrsprachigen Länder dar, in denen der Verzicht auf das Latein zu weiterreichenden Konsequenzen geführt hätte: etwa zu erhöhten Druckkosten, da die verschiedenen Sprachen jeweils eigene Fassungen erforderten; aus diesem Grund gab man z.B. in Österreich noch 1906 das Arzneibuch in lateinischer Version heraus.

[42] Die Entwicklung von speziell pharmazeutischen Wörterbüchern setzt wohl mit dem 'Onomasticum trilingue, latino–germano–polonicum, rerum et verborum ad officinam pharmaceuticam spectantium [...]', Königsberg 1641, des Paulus Guldenius ein und führt z.B. über Johann Christoph Sommerhoffs vielbenutztes 'Lexicon pharmaceutico–chymicum latino–germanicum et germanico–latinum', Nürnberg 1701, zu den Nach–schlagewerken des 19. Jahrhunderts, von denen hier in Auswahl genannt seien: August Wilhelm LINDES: Vollständiges Wörterbuch zu der neuesten Ausgabe der Pharmacopoea borussica [...]. Berlin 1830; Hermann HAGER: Lateinisch–Deutsches Wörterbuch zu den neuesten und auch älteren Pharmakopöen [...]. Lissa 1863; Karl Friedrich GÜNTHER: Vollständige Worterklärung und lateinisches Specialwörterbuch zur Pharmacopoea Germanica. Ein praktisches Hilfsbuch zum sichern Verständniß derselben. Leipzig 1878; Oskar SCHLICKUM: Lateinisch–deutsches Special–Wörter–buch der pharmazeutischen Wissenschaften nebst Erklärung der griechischen Aus–drücke […]. Leipzig 1879.

[43] Einen signifikanten Beitrag zu dieser Auseinandersetzung lieferte u.a. der Artikel von [Ludwig Franz] B[LEY]/[Theodor] G[EISELER]: Sollen die Pharmakopöen für deutsche Staaten in deutscher oder lateinischer Sprache abgefasst werden? In: Archiv der Pharmacie Bd. 152 (1860), 257–270.

[44] So führten BLEY/GEISELER [wie Anm. 43], 263 als Beispiel etwa an, daß eine sachgerechte Übersetzung von 'Tinctura Arnicae' dann 'Geistiger Wohlverleihblumen–dünnauszug' heißen müßte.

[45] Vgl. hierzu neben BEYERLEIN [wie Anm. 31] auch Gunnar–Werner SCHWARZ: Zur Entwicklung des Apothekerberufs und der Ausbildung des Apothekers vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Nat.wiss.Diss. Frankfurt am Main 1976. Teil II. S. 439–451.

[46] BLEY/GEISELER [wie Anm. 43], 270.

[47] Pharmacopoea Germanica. Deutsche Pharmakopöe. Aus dem lateinischen Texte ins Deutsche übersetzt von Hermann Hager. Berlin 1872.

[48] Dieses Argument verzeichnen sogar BLEY/GEISELER [wie Anm. 43], 259 obwohl sie selbst für die Beibehaltung des Lateins stritten: "Die Naturwissenschaft, deren Bereicherungen und Erfahrungen einer jeden Pharmakopöe zu Grunde liegen, ist ein Kind der neuen Zeit. Für sie fehlen in der todten lateinischen Sprache oft die entsprechenden Worte und Ausdrücke. Diese müssen erst neu gebildet werden und machen die Abfassung einer Pharmakopöe in einem guten klassischen Latein un–möglich. "

[49] Pharmaceutische Zeitung 27 (1882), 249.

[50] Hermann HAGER (Hrsg.): Commentar zur Pharmacopoea Germanica Editio II. Bd. 2. Berlin 1884. S. IV.

[51] Hermann PETERS: Aus pharmazeutischer Vorzeit in Bild und Wort. Berlin 1886. S. 151 f.

[52] In diesem Sinne rechtfertigte auch der Berner Professor für Pharmakognosie Alexander Tschirch in einem 1904 gehaltenen Vortrag die Entscheidung, bei der Abfassung der vierten Ausgabe der Pharmacopoea Helvetica auf das Latein zu verzichten, wobei er indirekt auf die in Deutschland gemachten Erfahrungen anspielte: "In den fünfziger Jahren des XIX. Jahrhunderts gab es ja noch einige Apotheker, die ein gutes Latein schrieben [...], heute sind sie so gut wie ganz ausgestorben. Man wäre also auf die Übersetzung des Pharmakopöetextes ins Lateinische durch einen Philologen angewiesen. Das ist eine gewagte Sage [!]. Der Text muß lateinisch gedacht sein, und die moderne Naturwissenschaft denkt eben nicht mehr lateinisch. Es wäre ein Zwitterding herausgekommen, das niemand Freude gemacht hätte. " Alexander TSCHIRCH: Die Pharmakopöe, ein Spiegel ihrer Zeit. In: Ders.: Vorträge und Reden. Gesammelt und hrsg. von Schülern und Freunden. Leipzig 1915. S. 340–404, hier S. 402.

[53] Erst im Deutschen Arzneibuch, 7. Ausgabe 1968 wurden die lateinischen Bezeichnungen in die Untertitel verwiesen – eine Regelung, bei der es bis zur derzeit gültigen Fassung von 2001 geblieben ist.

[54] Vgl. Fred LEMBECK: Das 1x1 des Rezeptierens. 4., neubearb. und erw. Aufl. Stuttgart 1970. S. 13.

[55] Vgl. hierzu Otfried K. LINDE: Pharmazeutische Warenzeichen. Herkunfts– und Bedeutungswörterbuch. 2. Aufl. Stuttgart 1993; ferner Erwin WEHKING: Produkt–namen für Arzneimittel: Wortbildung, Wortbedeutung, Werbewirksamkeit. Hamburg 1984 (Hamburger Arbeiten zur Linguistik und Texttheorie, 2). – Einen aspektreichen Überblick über die ganze Vielfalt der Namensgebung auf dem pharmazeutischen Sektor bietet im übrigen Heinrich P. KOCH: Woher kommen die Namen für unsere Arzneimittel? Ein Streifzug durch Nomenklatur, Legislatur, Linguistik und Kultur–geschichte der modernen Medikamentennamen. In: Österreichische Apothekerzeitung 44 (1990), 604–612, 709–712, 851–859, 872–875, 956–961.

[56] Vgl. hierzu Janina SCHULDT: Den Patienten informieren. Beipackzettel von Medi–kamenten. Tübingen 1992 (Forum für Fachsprachen–Forschung, 15).

[57] Man denke etwa an so volkstümliche Begriffe wie Balsam, Kapsel, Pille oder Tablette. – Zum Verhältnis von pharmazeutischer Terminologie und Gemeinsprache allgemein vgl. im übrigen auch Peter DILG: Pharmazie und Sprache. In: Wolf–Dieter Müller–Jahncke/Anna Maria Carmona–Cornet/François Ledermann (Hrsg.): Materialien zur Pharmaziegeschichte. Akten des 31. Kongresses für Geschichte der Pharmazie, Heidelberg 3. –7. Mai 1993. Stuttgart 1995 (Heidelberger Schriften zur Pharmazie– und Naturwissenschaftsgeschichte, Beiheft 1). S. 13–38.

[58] So wurde etwa – um hier nur drei Beispiele anzuführen – "Niedrigsubstituiertes Carmellose–Natrium" mit "Carmellosum natricum, substitutum humile", "FSME [Früh–sommer–Meningo–Enzephalitis] –Impfstoff (inaktiviert) " mit "Vaccinum encephalitidis ixodibus [Zecken] advectae inactivatum" oder "Produkte mit dem Risiko der Über–tragung von Erregern der spongiformen Enzephalopathie tierischen Ursprungs" mit "Producta cum possibili transmissione vectorium enkephalopathiarum spongiformium animalium" übersetzt. EUROPÄISCHES ARZNEIBUCH NACHTRAG 2001. Amt–liche deutsche Ausgabe. Stuttgart/Eschborn 2001. S. 699, 1005 bzw. 1530.

[59] Diesem Trend tragen denn auch schon entsprechende Hilfsmittel Rechnung wie z.B. Anita MAAS/James BRAWLEY: Wörterbuch Pharma. Deutsch–Englisch–Französisch. Aulendorf 1999; Dagmar CARRA/Martha HEIN: Englisch in der Apotheke. 3., völlig neu bearb. Aufl. Stuttgart 2001.

[60] Vgl. Christian PAWLIK: Martin Stainpeis: Liber de modo studendi seu legendi in medicina. Bearbeitung und Erläuterung einer Studienanleitung für Mediziner im ausgehenden Mittelalter. Med. Diss. München 1980. S. 194 bzw. 195.



Autor (author): Peter Dilg
Dokument erstellt (document created): 2002-08-13
Dokument geändert (last update): 2002-08-19
WWW-Redaktion (conversion into HTML): Manuela Kahle & Stephan Halder
Schlussredaktion (final editing): Heinrich C. Kuhn