Vivat Germania latina, Vivat Latinitas teutonica!

Klaus Garber

Späthumanistische Verheißungen im Spannungsfeld von Latinität und nationalem Aufbruch



Erlaubt sei eine kurze Vorbemerkung. Indem ich geladen bin, heute morgen im Plenum zu Ihnen zu sprechen, möchte ich zusammen mit dem Dank, der insbesondere an Herrn Keßler gerichtet ist, doch im gleichen Atemzug eine gewisse Beklemmung zum Ausdruck bringen, die keine verkappte captatio benevolentiae werden soll. Ich spreche zu Ihnen nicht als Latinist, überhaupt nicht als Vertreter einer fremdsprachigen Philologie, sondern als Germanist. Man mag über das Fach denken was man will. Sicher ist nur, daß man in ihm, wenn man denn wollte und vielleicht auch eine Portion Glück hatte, weit kommen, wenn Sie denn wollen sogar durchkommen konnte, ohne irgend ein Handwerk — wie es in den Philologien nun eben zuallererst doch die fremden Sprachen sind — erlernt zu haben. Für uns Älteren waren es in der Germanistik das Gotische, Althochdeutsche und Mittelhochdeutsche, die es zu studieren galt, und diese weltliterarischen Idiome waren — das Mittelhochdeutsche ausgenommen — mit dem Tage des Examens vergessen, wenn man denn nicht in der sogenannten "Älteren Abteilung" blieb. Was hätte man Jahre später als gestandener Germanist darum gegeben, wenn im Fach zwei weitere z.B. romanische Sprachen dem Dissertanten abverlangt worden wären oder eben auch mehr als das große Latinum oder vielleicht das Graecum der Schule. Da kann man sich im nachhinein umtun und mühen wie man will — die Sicherheit einer in der Jugend erworbenen Fachausbildung ist später nicht mehr zu gewinnen, und schmerzlich trat dieser ein philologisches Leben begleitende Makel wieder ins Bewußtsein, als ich mich rüstete für den heutigen Auftritt.

Ich möchte ihn nutzen noch für eine Minute, um als aus einer kleinen Universität Kommender, die gleichwohl ein Massenfach mit 3000 eingeschriebenen Germanisten beherbergt, auf die schlechterdings überlebensnotwendige Verfügbarkeit zweisprachiger Texte zu verweisen, wenn uns nicht Kontinente literarischer Überlieferung endgültig versinken sollen. Jede neu hinzugewonnene zweisprachige Edition neulateinischer Texte macht es uns Frühneuzeitlern leichter, fünf Jahrhunderte abendländischer Kulturgeschichte über Lektüre und damit über Anschauung, die sich an Bildern geformt hat, lebendig zu halten. Ich gestehe, mich bei meinen ungezählten Besuchen in der Münchener Staatsbibliothek in den vergangenen Jahrzehnten des abends nach getaner Arbeit immer wieder inkognito in das herrliche Renaissance-Institut geschlichen und in den reichhaltigen Texten und Textreihen ungetan zu haben, darunter eben auch in den großartigen zweisprachigen des eigenen Hauses. Es ist mir ein Bedürfnis, ein Wort des Respekts wie des Dankes angesichts der hier geleisteten Arbeit zu sagen. Ich darf nicht verhehlen, daß es mich mit Freude und Stolz erfüllt, ein einziges Mal im Umkreis dieses — ich kann es nicht anders sagen — von mir geliebten Instituts sprechen zu dürfen, verwundert nur darüber, es fertig bekommen zu haben, den guten Geist des Hauses in Gestalt von Herrn Keßler schließlich und endlich erstmals im Sommer vergangenen Jahres leibhaftig begegnet zu sein. —

Das Thema des Kongresses führt den Untertitel "Politik, Wissenschaft, humanistische Kultur vom späten Mittelalter bis in unsere Zeit". Das ermutigt zum Blick über die literarischen Belange hinweg, zu ihrer Einbettung in womöglich umfassendere historische Zusammenhänge. Ohne diese ausdrückliche Lizenz, auch das sei vorweggesagt, hätte das folgende nicht formuliert werden können. Einzusetzen aber ist bei der epochalen Nomenklatur, die auch auf diesem Kongreß nur ein einziges Mal Verwendung findet, eben heute morgen. Der Späthumanismus hat es nicht vermocht, sich als Epochenbegriff durchzusetzen. Eine so bahnbrechende Arbeit wie die von Wilhelm Kühlmann zur Entwicklung und Kritik des deutschen Späthumanismus in der Literatur des Barockzeitalters, bald zwanzig Jahre zurückliegend, hat soweit ich sehe in epochentheoretischer und -historischer Perspektive keine Nachfolge gefunden. Neben Renaissance und Barock, ja selbst Spätrenaissance und Manierismus vermag er sich nicht zu behaupten. Zu gravierend und zu belastend wirkte das prekäre Erbe fort, das ihm seit Jahrzehnten anhaftete, ob er nun eigens begrifflich bemüht wurde oder ob es nur um die Sache ging, die er zu bezeichnen hatte. Ob man in eine gattungsgeschichtliche Arbeit wie die von Ellinger, ob man in eine epochengeschichtliche wie die von Hankamer, ob man selbst in eine gruppensoziologische wie die wiederum bahnbrechende von Trunz schaut — überall ist die nämliche verhängnisvolle organologische Vorstellung am Werk, die da mit Spätzeitlichkeit im gleichen Atemzug Künstlichkeit, Formalismus, Erstarrung, Lebensferne, Erlebnislosigkeit, Esoterik, Abkapselung, Spiel um des Spieles willen, Unverbindlichkeit, gelegentlich selbst Frivolität und wie die Charakteristika sonst lauten mögen, assoziiert. Die Herkunft der meisten dieser Formeln aus der Ausdrucks- und Erlebnisästhetik des 18. und 19. Jahrhunderts liegt auf der Hand. Wo diese aber in einer auf sich haltenden Barockphilologie zunächst in den zwanziger Jahren und dann wieder seit den frühen sechziger Jahren außer Kurs gesetzt werden konnten, da blieben die Vorstöße in das Terrain des Späthumanismus viel zu sporadisch und viel zu zersplittert, als daß sich in einer Generalrevision in eins mit der Trockenlegung des verseuchten Bodens auch die Umrisse eines genuinen und — um es sogleich vorweg zu sagen — grandiosen Epochenprofils abgezeichnet hätten . [1]

Denn das ist unsere Prämisse, die gar nicht erst auf leisen Sohlen eingeführt, sondern im folgenden vorausgesetzt und bewährt sein will: Der deutsche wie der europäische Späthumanismus, ein letztes Mal auf europäischem Boden geprägt von der alles ergreifenden Macht der Latinität, ist diejenige Epoche innerhalb der Frühen Neuzeit der longue durée zwischen Dante und Goethe, die nicht nur materialiter in ungezählten bislang unbekannten Zeugnissen wiederzuentdecken und zu erschließen ist, sie ist auch die einzige Periode in der langen Frühen Neuzeit, die begrifflich-nomenklatorisch und damit via Theorie und eine Philosophie epochaler Distinktionen und Konfigurationen der europäischen Kulturgeschichte überhaupt erst noch zu gewinnen ist. Ohne klare Anschauung von den und eine endlich herbeizuführende Verständigung über die Essentials des Späthumanismus und ihre Einpassung in eine Theorie der Topologie wie der Evolution der Frühen Neuzeit sowie eine Vermittlung mit den kurrenten disziplinären Diskursen ist weder eine geschichtlich fundierte Anschauung des Humanismus noch auch der Aufklärung zu gewinnen, von der Frage des Barock, die noch zu streifen sein wird, gar nicht zu reden . [2]

Man sehe es nach, wenn hier ganz entgegen guter und auch eigener Gewohnheit in wenig schöner Manier mit der Tür ins Haus gefallen wird. Aber über die wissenschaftsgeschichtlichen wie die periodentheoretischen Fragen und Implikationen, die sich mit dem Problem Späthumanismus verbinden, ist in den letzten Jahren von uns wiederholt gehandelt worden. Hier sollte es einleitend nur darum gehen, die weitreichenden und nicht nur komplexen, sondern ganz gewiß auch kontroversen Dimensionen anzutippen, die zu vergegenwärtigen sein dürften, wenn es denn endlich zu einem grundsätzlichen Aufrollen der mit dem Späthumanismus wie mit jeder anderen Epoche von Dignität gegebenen Fragen kommen sollte, wie wir sie uns so sehr erwünschen, wohl wissend, daß Epochenfragen in postmodernen und dekonstruktiven Wissenschaftsmilieus nicht eben zu den attraktivsten gehören dürften. Versuchen wir es über Paradigmen mit Bezug zur eigenen Facharbeit und zum gestellten Thema.

Späthumanistisches Schreiben vollzog sich im Horizont wenigstens dreier epochaler Erfahrungen, die zugleich distinkte Einsätze und Zäsurierungen markieren. Späthumanistische literarische Kommunikation in dem weitest denkbaren Sinn gefaßt war wenn nicht eingeengt, so doch zwangsläufig tingiert von den nach wie vor und gerade auf deutschem Boden vorwaltenden theologischen Auseinandersetzungen. Der ausdifferenzierte, argumentativ wie institutionell verfestigte Konfessionalismus war seit der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts ebenso evident wie die Formierung heterodoxer antikonfessioneller religiöser Strömungen. Späthumanistische Artikulationen von irgend geschichtlichem Rang und entsprechender Repräsentanz setzten den definitiven Zerfall der una societas christiana voraus, gingen aus von der Instrumentalisierung religiöser Motive für machtpolitische Belange und mußten grundsätzlich den konfessionellen Prozeß der Dissoziierung als Katalysator des nationalen oder territorialen Bürgerkrieges einschließlich Emigration, Exilierung, Vernichtung von Existenzen kalkulieren. Dem korrespondierte aufs genaueste die definitive Behauptung bzw. Wiedergewinnung nationaler bzw. territorialer staatlicher Gewalt und Souveränität inmitten der konfessionellen Fraktionierungen und Friktionen nebst entsprechenden politischen Theoriebildungen, wie sie gleichfalls in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts massiv einsetzten. Die späthumanistische Intelligenz war in sie in unerhört nachhaltiger Weise involviert. Sie haben bis in die schöne Literatur hinein, wie gleich zu zeigen, ihre gar nicht zu übersehenden Spuren hinterlassen. Schließlich drittens und bislang ganz besonders wenig erforscht: Die Ausbreitung des Späthumanismus fiel aufs exakteste zusammen mit den enzyklopädischen Formationen der Wissenssysteme in allen drei großen Konfessionen (wie gelegentlich außerhalb ihrer). In der zweiten Jahrhunderthälfte trat die langanhaltende Inkubationsphase des neuen Wissens aus einer Phase der Latenz in eine solche der Aktualität. Die Einkerkerung Campanellas über die Jahrzehnte im Castel d'Ovo, die Verbrennung Giordano Brunos auf dem Campo di Fiore, die erzwungene Zurücknahme der Galileischen Wahrheit und Weltsicht sind drei Fanale in der Geschichte des Wissens. Als öffentlich exekutierte im nachtridentinischen Zeitalter machen sie nicht anders als die Exekution Servets oder Oldenbarnevelts oder die Vernichtung der Hugenotten in der Bartholomäusnacht bzw. der Täufer zu Münster in symbolischer Prägnanz sinnfällig, daß Wissen wie Glauben über akademische und kirchliche Institutionen hinaus zu alles revolutionierenden öffentlichen Mächten aufgestiegen waren, deren Regulierung zu einer ordnungspolitischen wie existentiellen Frage erster Ordnung geworden war. Um 1600, inmitten des Zeitalters des Späthumanismus, erfolgten die entscheidenden Weichenstellungen. Über sie wurden Resümees des Zeitalters der Reformation wie des Humanismus zwischen 1450 und 1550 gezogen. Die späthumanistische nobilitas literaria sah sich fortan allenthalben aufgerufen, an der Verarbeitung dieser welthistorischen Erschütterungen in Theorie und Praxis mitzuwirken. Sie hat sich, so unsere Überzeugung, dieser Aufgabe nicht entzogen, sondern ist ihr in ihren führenden Köpfen wach und kompetent und ohne gelegentlich ergreifend dargebrachte persönliche Opfer zu scheuen nachgekommen . [3]

Das Medium der Artikulation und Kommunikation aber war ein letztes Mal bevorzugt und in ganzen Landstrichen und Gattungen ausschließlich das Latein. Was das in einem Zeitalter allseitiger Spaltungen und Ausdifferenzierungen zu bedeuten hat, ist schwerlich auszuloten und noch schwerer zu überschätzen. Die nobilitas literaria war auf Austausch über die politischen Grenzen hinweg zwingend angewiesen. Die Grenzen, die zwischen den Konfessionen verliefen, waren alsbald stabiler und lebensbestimmender als die zwischen Angehörigen verschiedener Territorien oder Staaten. Umgekehrt kann man sich trotz der Etablierung der Kanzleisprachen und der Nachwirkungen des Lutherdeutschen die linguistische Zerklüftung innerhalb der dialektologisch so vielfältig gegliederten Landschaften des Alten Reiches gar nicht drastisch genug vorstellen. Der Klagen sind ungezählte, daß offiziöse regierungsamtliche Verlautbarungen, sofern im Deutschen abgehalten, an auswärtigen Höfen angesichts mangelnder Standards und Normierungen nicht zu entschlüsseln waren. Die einzige Chance, die vielfältigen Barrieren bis hin eben zu den elementaren sprachlichen zu überspringen, blieb das Lateinische. In der Briefkultur hat dieser wie selbstverständlich praktizierte internationale gelehrte Verkehr vielleicht sein schönstes Denkmal gefunden. Aber es ging ja um mehr. Die gelehrten Gesprächs- und vielfach ja auch Verhandlungspartner, nicht selten in höchstem politischem Auftrag tätig, waren immer wieder auf Verschlüsselung ihrer Äußerungen verwiesen, um sie vor dem Zugriff Unbefugter zu schützen. Nur das Lateinische bot in den Händen von professionellen Kennern des Metiers genügend Möglichkeiten, über Anspielungen und geschickt gesteuerte Assoziationen brisante Inhalte zu transportieren. Das gilt selbstverständlich auch für die Pflege der poetischen Formen im Neulateinischen, die in ganz anderem Maße als die nationalsprachigen dieser allusiven Technik zugänglich waren. Und das schon ganz einfach deshalb, weil eine zweitausendjährige und also durch Tradition beglaubigte Pflege des einen ausgezeichneten Idioms über ein intertextuelles Referenz- und Verweissystem verfügte, das den in ihm sich bewegenden Experten schier unbeschränkte Möglichkeiten eröffnete, brisante Botschaften über die diversen und keinesfalls nur politischen Grenzen hinweg zu lancieren. Wenn die Rede Friedrich Heers von der dritten Kraft, die wir gerne für den Späthumanismus mit ganz besonderer Berechtigung in Anschlag bringen möchten, irgend zutrifft, so hat sie Schub und Spielraum allein durch das Idiom gewonnen, das dem vielfach prekären Verkehr und Transfer auf so einzigartige Weise entgegenkam. Ohne diese Vorgabe aber wäre auch das nationalsprachige Projekt nicht möglich gewesen und nicht auf den Weg gebracht worden. Es ist — zumindest im Umkreis des Alten Reiches — eines aus dem Geist des Späthumanismus und ohne seine Erbschaft nicht denkbar. Das nun hat uns im folgenden zu beschäftigen . [4]

Wir besitzen bislang zu unserem großen Schaden noch keine Topographie des Humanismus im alten deutschen Sprachraum. Unsere Literaturgeschichten belehren uns über seine Formation und erste Ansiedlung zwischen Krakau und dem Niederrhein, Prag und dem Elsaß etc. und führen uns bestenfalls bis an die Schwelle der Reformation. Aber was an diesen vom Humanismus berührten Orten und intellektuellen Milieus in den Städten, an den Höfen, in den Bistümern, an den Universitäten, auf den Gymnasien nach dem alles beherrschenden religiösen Umschwung sich abspielte, wie ganze Bezirke verstummten, andere zum Leben erwachten, die humanistische Bewegung der Früh- und Hochzeit also unter den Bedingungen des konfessionellen Zeitalters sich umgruppierte und neu formierte, darüber sind wir immer noch gänzlich unzureichend unterrichtet. Es mag dafür auch die Scheu vor raumkindlichen Fragestellungen verantwortlich sein, die mit Erbschaften belastet sind, in deren Nähe zu geraten immer noch gefährlich sein kann. Von der Sache her, sofern sie denn nur richtig angefaßt wird, ist diese bis heute zu beobachtende Abstinenz zu bedauern. Kulturraum-Konzepte haben auf klar überschaubaren Terrains in morphologischer wie in komparatistischer Hinsicht die allerbesten Chancen. Wo, wenn nicht hier, wären kulturelle Ensembles und Konfigurationen zu studieren, welche die Rede von der Gegenstandslosigkeit kulturwissenschaftlicher Fragestellungen mit einem Schlag außer Kraft zu setzen vermöchten. Erlaubt sei daher, dieses Paradigma, das doch gerade auf deutschem Boden, von den Humanisten selbst angefangen, eine so respektable Tradition hat, weil es den deutschen Verhältnissen zu eminent entgegenkommt, zum Leitfaden zu wählen, um am Rande zugleich die Aufmerksamkeit auf seine Tauglichkeit zu lenken . [5]

Zwei Landschaften ragen als Bastionen hervor, wenn es darum geht, den Späthumanismus in seinen lokalen bzw. territorialen Zentren zu verorten: die eine traditionell eng mit dem Humanismus liiert, die andere im Zeichen seiner letzten Phase erwachend und alsbald ein unerhörtes Erblühen zeitigend, das sich einem ganzen folgenden Jahrhundert in vielfältigen Metamorphosen mitteilte. Es sind beides Außenstationen des Reiches, nicht seine Kernlandschaften, und diese ihre exponierte Randlage scheint nicht zufällig, wenngleich aus ganz verschiedenen Gründen, mit der Attraktion und Konzentration der intellektuellen Kräfte im Zeitalter des Späthumanismus parallel zu gehen. Der ältere Humanismus — wenn wir von dem vielerörterten Ursprung am Hofe Karl IV. absehen, dem Burdachs grandiose und bis heute nicht eingeholte Forschungen galten — hatte seine Zentren im Südwesten und Südosten des Reichs, in Franken, Schwaben, dem Oberrhein-Gebiet mit Nürnberg, Augsburg, Ulm, Straßburg, Basel als den strahlenden Kapitalen, in denen der von Italien aus wirkende neue Geist in den Oberschichten eine respektable Trägerschaft gewann. Die Brechung des höfisch geprägten italienischen Humanismus in den oberdeutschen Kommunen und in seiner alsbald dem Luthertum zuneigenden patrizischen politischen und ökonomischen Eliten bleibt ein großes und faszinierendes Thema der Sozial- und Mentalitätsgeschichte des zentraleuropäischen Humanismus . [6]

Der Pfälzer Hof nebst Universität in Heidelberg nahm an diesem Spiel bekanntlich bereits im 15. Jahrhundert rege teil. Seine große Stunde kam jedoch erst im 16. Jahrhundert, genauer in seiner zweiten Hälfte. Wie überall war zunächst das Ereignis der Reformation zu bewältigen. Die aber nahm in der Pfalz wiederum bekanntlich mit dem frühzeitigen Übergang zum reformierten Bekenntnis unter Friedrich III. und seither nur kurzfristig unterbrochen durch die Rückkehr zum Luthertum eine besondere Wendung. Vor Hessen-Kassel, vor Anhalt, vor Brandenburg, vor Liegnitz und Brieg stieg die Pfalz binnen einer Generation zur führenden politischen Macht des reformierten Bekenntnisses auf deutschem Boden auf. Dafür war neben vielem anderen auch ihre Randlage verantwortlich, ihre Nähe zum hugenottischen Frankreich, zu den reformierten Kantonen der Schweiz, alsbald zu den reformierten Niederlanden, ja noch ihre größere Nähe zum elisabethanischen England. Die Pfalz verfügte mit dem Übergang zum reformierten Bekenntnis wie kein anderes Territorium auf deutschem Boden über die engsten Kontakte zum nichtkatholischen Westeuropa. Und da der Heidelberger Hof erst jetzt seine größte Machtfülle erreichte, die mit splendiden und mondänen Manifestationen seiner kulturellen Potenzen einherging, die ihrerseits eine Stütze in dem intellektuellen Potential der reformierten Universität fanden, waren alle Voraussetzungen für eine Bündelung und Zentrierung politischer wie kultureller Aktivitäten gegeben, die Heidelberg ein gutes halbes Jahrhundert lang bis zur Katastrophe im Jahr 1620 wahrgenommen hat, die alten Metropolen des Südwestens eben im Zusammenspiel von Hof und Universität überflügelnd. Nur aus der Lage und also der kulturpolitischen Interaktion heraus ist es erklärbar, daß der italienische Einfluß, für den Früh- und Hochhumanismus bestimmend, vergleichsweise zurücktrat und der Blick sich dem Westen zuwandte. Hier gaben Frankreich und England und alsbald auch die Niederlande ganz verschiedene, aber eben allemal doch einprägsame Beispiele für den Fortgang auf dem Weg zur nationalen Monarchie bzw. den Aufbau eines republikanischen Gemeinwesens im engsten Zusammengehen mit der konfessionellen Neuorientierung. Diese verfassungsmäßigen Unterschiede sind für die politische Theorie und Ideengeschichte nicht anders als für die argumentativen Topologien auch in den Künsten von vielfach ausschlaggebender Bedeutung geworden. Parallel zu ihnen aber vollzog sich ein kulturpolitischer Austausch- und Assimilations-Prozeß, der unmittelbar hineinführt in die hier zu thematisierenden literarhistorischen Zusammenhänge im Spannungsfeld von Latinität und Nationalsprache . [7]

Frankreich hat das wohl schlagendste Beispiel gegeben für das enge Zusammenspiel von Krone und Intelligenz bei der Durchsetzung des Französischen sowohl als Sprache der Verwaltung wie der erneuerten Literatur. Die "Pléiade" in ihrer Nähe zum Thron Franz I. stand den Humanisten seither als nachahmenswertes Vorbild vor Augen. Hier war die Transformation des Humanismus in fürstlicher Protektion, wie Florenz, Mailand, Rom, Neapel sie vorexerziert hatten, zur monarchisch erhöhten Interaktion vollzogen. Heidelberg, Stuttgart, aber auch noch ein so kleiner Hof wie Mömpelgard veranschaulichen, welch eine Attraktion von dieser höfisch-nationalen Symbiose ausging. Als dann aber der Bürgerkrieg ausbrach, wurde rasch deutlich, daß der französischen Sprache nicht anders als vorher schon im Luthertum für die Behauptung und Ausbreitung des reformierten Bekenntnisses in der publizistischen Propaganda wie in den literarischen Gattungen eine ganz erhebliche Bedeutung zukam. Ein Autor von dem Wirkungsradius eines du Bartas stellte das exemplarisch vor Augen. Noch denkwürdiger aber gestaltete sich womöglich das niederländische Beispiel, das über die Gelehrtenschaft vom Schlage eines Janus Gruter auch an der Heidelberger Universität eine festverankerte Position besaß. An ihm war zu studieren, wie der Kampf und die Selbstbehauptung eines kleinen Landes gegen eine Großmacht wie Spanien schlechterdings an der Funktionstüchtigkeit der heimischen Sprache hing. Sie bildete im Bündnis mit dem Bekenntnis und natürlich den Instrumenten politischer Macht alsbald die entscheidende Klammer der sieben aus dem Bürgerkrieg hervorgegangenen Provinzen, über die sich das Land gegenüber den abgespaltenen Landstrichen des Südens mit Brüssel als attraktiver Kapitale kulturell, intellektuell, literarisch zu behaupten vermochte. Die schlechterdings nicht mehr wegzudenkende Rolle der Sprache in dem konfessionellen und machtpolitischen Ringen und mit ihr der gelehrten Institution der Universität, wie sie in der Gründung Leidens paradigmatisch zur Ausprägung gelangte, wurde an den jungen Niederlanden sinnfällig. England aber, alsbald mit der Pfalz auch verwandtschaftlich verbunden, vermittelte seinerseits eine Ahnung, welche aktuellen Aufgaben großer Dichtung in der Nähe zum Hof zuwuchsen, sofern sie sich zum Organon nationaler Anliegen machte, wie sie für kurze Weise unter Elisabeth in der Unterstützung der protestantischen Sache koinzidierten. Das Werk der beiden Größten, Sidneys und Spensers, die aus dieser Überzeugung die Kraft für ihre Schöpfungen in Epos und Roman, Ekloge und Lyrik und nicht zuletzt der programmatischen Poetik zogen, lehrt dies . [8]

Genug der Andeutungen, um hinzuführen zu der Feststellung, daß es Affinitäten dieser Art sein dürften, die der Pfalz den Ruhmestitel bescherten, als erstes Territorium den Schritt aus dem lateinischen zum nationalen Idiom vollzogen zu haben. Es wäre ein eigenes Thema, die späthumanistischen Zirkel im Umkreis von Hof, Universität und Kirche zu porträtieren, die da auf engstem Raum zusammenfanden. Es war das westliche und zumal das französische Beispiel, das einen Meister der lateinischen Formkultur wie Melissus Schede dazu ermutigte, den Versuch zu wagen, zunächst in der urreformierten Gattung des Psalters, alsbald aber auch in der weltlichen Lyrik den Übergang zur deutschen Sprache zu vollziehen und dabei seine Autorität als poeta laureatus in die Wagschale zu werfen. Wir müßten gleichwohl befürchten, daß dieses Experiment, das durchaus Mitstreiter etwa in Gestalten wie der des Petrus Denaisius oder Friedrich Lingelsheim fand, ein kurzlebiges und vereinzeltes geblieben wäre, wenn ihm nicht Schubkraft wiederum aus dem politischen Raum zuteil geworden wäre. Erst als die Lage sich zuspitzte, die Konfessionen sich militarisierten und bündnisförmig organisierten und der Pfalz als der führenden Macht des reformierten Bekenntnisses eine Sonderrolle zufiel, die sie für machtpolitische Aspirationen größten Stils mobilisierte, zeitigten auch die Bemühungen um eine deutsche Sprachkultur eine neuartige Qualität. Der Aufbruch Friedrich V. nach Prag zur Übernahme der Königskrone aus den Händen der gegen das katholische Kaiserhaus revoltierenden Stände riß schlagartig eine Perspektive auf, innerhalb derer auch die nationalsprachigen Bemühungen eine neue Dimension gewannen. Denn nun galt es nicht nur wie in den Nachbarländern dem von Anfang an prekären und gefährdeten Unternehmen publizistische Unterstützung angedeihen zu lassen. Das konnte ebensowohl — wie Opitzens, Zincgrefs und anderer Versuche zeigen — immer noch wenigstens genauso wirkungsvoll im Lateinischen geschehen. Aufgerufen aber auf die Tagesordnung war, wie ungezählte Zeugnisse zeigen, angesichts der Bedrohung durch auswärtige katholische Mächte, Spanien an der Spitze, die nationale Frage, die in Frankreich soeben durchgekämpft worden war und nun den deutschen Südwesten zuerst erreichte. Es ist an anderer Stelle dargestellt und an Beispielen gezeigt worden, wie in den erregten publizistischen Debatten der Gedanke auch auf deutschem Boden sich Bahn brach, daß über den Konfessionen und ihren Ansprüchen jener der Nation zu rangieren habe, die Deutschen also vor ihrer Bindung an eines der drei Bekenntnisse Bürger des einen Reiches, ja der einen Nation seien und sich als solche dem Einmarsch ausländischer Truppen ungeachtet ihrer religiösen Überzeugung entgegenzuwerfen hätten. In dieser unerhört aufgeputschten Situation ist in den beiden ersten Dezennien des 17. Jahrhunderts auch der Gedanke der nationalsprachigen Kultur zu einer politischen Angelegenheit geworden. Zu der um ihre Selbstbehauptung, ihr Überleben kämpfenden Nation, das hatten die Niederländer und auf andere Weise wiederum die Hugenotten in Frankreich bewiesen, gehört die nationale Sprache und Dichtung als ein Instrument kultureller Selbstbehauptung und Identitätswahrung. In diesem Sinne ist der Übergang vom Lateinischen zum Deutschen in seinen kulturpolitischen Implikationen und Konsequenzen zuerst im reformierten Milieu der Pfalz gedacht und praktiziert worden. Um aber mehr zu sein als ein Ereignis im Umkreis des Pfälzer Hofes, bedurfte es der Zufuhr frischen Blutes von außen. Dieses kam von weit her, gleichwohl jedoch aus einer Landschaft, die seit zwei Generationen engsten Kontakt mit der reformierten Pfalz gepflegt hatte — aus Schlesien . [9]

Wo aber beginnen in einem Kapitel regionaler, nationaler, letztlich europäischer Literatur- und Kulturgeschichte, das eine ganz besondere Faszination ausübt und bis heute nicht aufgehört hat, Rätsel über Rätsel aufzugeben. Nur eines dürfte hinreichend befestigte Erkenntnis sein: Es hat kein Territorium auf deutschem Boden gegeben, in dem der Späthumanismus gleich tiefe Wurzeln geschlagen hätte wie in Schlesien. Kulturraum-Historiker wie eben Josef Nadler haben in den Neusiedelländern eine besondere Prädisposition für Neuschöpfungen aus dem Geist der Mystik oder des Humanismus, später des Pietismus und der Romantik sehen wollen. Derartig weite kategoriale Parameter sind jedoch ungeeignet zur Erklärung historischer Phänomene. Sie müssen genauer und detaillierter verortet werden, wenn der Ansatz selbst nicht diskreditiert werden soll. Schlesien sah sich seit eh und je und seit 1526 vielleicht mehr als je zuvor auf Mittlerrollen verwiesen, inmitten derer es seine eigene Rolle stets neu zu bestimmen hatte. Als habsburgisches Nebenland mit doppelter Ausrichtung auf Prag und Wien, als vorgeschobenste Bastion gegenüber dem polnischen Königsreich mit traditionell engen Beziehungen zu Großpolen und dem Preußen Königlich Polnischen Anteils, in Nachbarschaft zur Lausitz und den mitteldeutschen Kernländern schnitten sich in ihm vielfältige materielle wie geistige Verbindungslinien. Diese erfuhren wie allenthalben zunächst im Zeitalter der Reformation, dann jedoch ein weiteres Mal im Zuge der Zweiten Reformation eine neue Linienführung. War das Land immer schon in diverse Herrschaften geteilt, so fanden sich mit dem Übergang der Piasten zum reformierten Bekenntnis auch alle drei Konfessionen auf engstem Raum in unmittelbarer Nachbarschaft. Unsere kleine Betrachtung, die vielleicht mehr als statthaft gerade auch für die komplexen schlesischen Verhältnisse klare Prioritäten setzen muß, hat einen Moment lang bei der reformierten bzw. bei der sog. kryptocalvinistischen Ausformung der konfessionellen Szene zu verharren . [10]

Denn das ist ja die Quintessenz des Eindringens der lutherischen Reformation, daß sie fast zeitgleich — manifest etwa im Auftreten Schwenckfelds — Weiterbildungen zeitigte, die sich zunächst in mehr oder weniger offenen Sympathiebekundungen gegenüber Melanchthon merkbar machten, dann aber je länger desto mehr reformierten Optionen zuneigten. Sie waren lange in Breslau, in Liegnitz, in Brieg virulent, bevor sie unter den Herzögen Johann Christian von Liegnitz und Johann Georg von Brieg die offizielle Weihe erhielten. Wenn Breslau, Liegnitz und Brieg sowie einige weitere Ortschaften und Territorien in Schlesien einen unerhörten Aufschwung humanistischer Studien seit der Mitte des Jahrhunderts nahmen, so ist das gewiß auch dem blühenden Schulwesen zu danken, von dem es schon damals in den einschlägigen panegyrischen Verlautbarungen hieß, daß sie keine Parallele im Reich hätten. Und tatsächlich dürfte es keine andere Stadt gegeben haben, die sich zwei gleich illustre Gymnasien von universitärer Statur wie Breslau mit seinem Elisabethaneum und Magdaleneum hätte rühmen können. Dazu traten Liegitz und Brieg, Hirschberg und Schweidnitz, Goldberg und Beuthen an der Oder in unmittelbarer Nähe, Görlitz und Lauban in etwas weiterer Entfernung. Aber das eine ist die institutionelle Verankerung einer geistigen Bewegung, das andere ihre Funktion, ihre Antwort auf die Bedürfnisse, Wünsche, Sehnsüchte der Menschen. Deren Erkundung aber steht immer noch ganz am Anfang, und das um so mehr, als das Schrifttum, das ihnen entgegenkam, bislang nur zu einem Bruchteil erschlossen ist . [11]

Versuchten wir eine ganz vorläufige Sichtung, Charakteristik und Gewichtung, so vermöchten wir drei Akzente zu setzen. Hervorstechend — und immer gesehen — ist der Anteil an landeskundlichem Schrifttum aller Spielarten, Chroniken, Ortsbeschreibungen, Landesbeschreibungen, Herkunftserzählungen, Sagensammlungen, etc. Diese neben der natürlichen Beschaffenheit des Landes seine Verfassung, seine Religion, seine soziale Gliederung mit einschließenden Arbeiten kommunizieren aufs genaueste mit den schon weniger bekannten und zuallermeist nur handschriftlich überlieferten bio-bibliographischen Kompendien, Gelehrtenviten, epistolarischen Kollektaneen, Sammelhandschriften etc. Und diese wiederum werden umspielt von einer schlechterdings unübersehbaren Zahl von Anagramm- und Epigrammsammlungen von zeitweilig bis in die Tausende gehender Verfasser, womöglich nicht nur mit Namen, sondern mit Herkunfts- bzw. Wirkungsort, Beruf, gelegentlich auch mit Lebensdaten ausgestattet. Ihnen treten nicht minder kompendiöse und ganz ähnlich ausgestattete Wahlspruch-Sammlungen, große Stammbuch-Handschriften und schließlich nach Zigtausenden zählende poetische Gelegenheitsschriften an die Seite . [12]

Fragt man aber nach dem Gemeinsamen dieser auch heute noch in der Universitätsbibliothek Breslau schier unübersehbar gespeicherten gelehrten Produktion, so führt die Spur immer auf die Knüpfung von Netzen, auf die Formierung von Zirkeln, letztlich auf die Zusammenführung und Dokumentation der intellektuellen Potenzen des Landes. Noch ist es viel zu früh, bevor nicht die Auswertung im einzelnen eingesetzt hat, generelle Einschätzungen zu wagen. Und doch will es mit Blick auf die Wortführer vom Schlage eines Caspar Cunrad, eines Henel von Hennefeld, eines Tobias Scultetus und wie sie sonst heißen scheinen, daß sie ihr gruppenbildendes Werk, wenn denn in Abbreviatur so gesprochen werden darf, bewerkstelligt haben im Angesicht einer über ihnen schwebenden Gefahr, die sie zur Sammlung der Kräfte und zur Stiftung von Zusammenhalt verhielt. Es ist die mehr oder weniger dem reformierten Bekenntnis zuneigende geistige Elite des Landes, die sich der literarischen Medien des Humanismus mit bevorzugtem Adressatenbezug bediente, um Zugehörigkeiten zu bekunden und gemeinsame Überzeugungen zu artikulieren, wenn man so will eine intellektuelle Sammlungsbewegung fernab vom katholischen Kaiser und Landesherrn in durchaus konträrer konfessionellen Option, reflektiert im gelehrten okkasionellen Schrifttum des Späthumanismus. Daß es aber um derartige Kontaktstiftung in eminentem Maße ging, darüber belehren uns nun aufs schönste und genaueste die Verbindungen, die man nach außen, über die Landesgrenzen hinweg beobachtet. Gewiß, die Mittellosen mußten in der Nähe verharren, wenn sie ihr Studium absolvieren wollten, in Frankfurt, Wittenberg, Leipzig, Jena. Wer immer aber über Mittel und Wege verfügte, brach auf in die Kernlandschaften des Calvinismus, nach Heidelberg, in das konfessionell noch offene Straßburg, nach Basel, Genf, Lyon, Saumur und selbstverständlich nach Italien und Paris, aber ebenso auch nach Leiden, ganz gelegentlich nach London, Oxford, Cambridge. In diesen akademischen Wanderwegen, die später so häufig zu Wegen ins Exil werden sollten, sei es in den Südwesten oder nach Holland, sei es in den Nordosten in das liberale Polen oder gar in den Südosten in das Siebenbürgen Bethlen Gábors, besitzen wir die sichersten, existentiell beglaubigten Zeugnisse für die Macht, welche die Konfession über die Herzen im Zeitalter des Späthumanismus behauptete . [13]

Wieder aber stehen wir wie in der Pfalz vor dem Rätsel der Mutation dieser durch und durch lateinisch geprägten Gelehrtenkultur aus dem Geiste Melanchthons und in engster Fühlung mit dem internationalen Reformiertentum. Wie kam es, daß fast zeitgleich mit der Pfalz nun auch in Schlesien Stimmen eben aus den angedeuteten kryptocalvinistischen Kreisen laut wurden, die da den Übergang aus der lateinischen in eine erstmals deutschsprachige Formkultur sich angelegen sein ließen. Wieder sollte zuerst mit dem konfessionellen das dem Raum verpflichtete Argument bedacht werden. Schlesien unterstand dem Königreich Böhmen. In Böhmen wiederum war schwerlich nur zufällig bereits im Jahr 1600 die erste deutsche Lyriksammlung aus dem neuen Geist veröffentlicht worden. Sie stammt aus der Feder des gebürtigen Pfälzers Theobald Hoeck, ist gewiß poetisch noch ungelenk, birgt jedoch bereits ein Panegyrikum auf die Ehre der deutschen Sprache, so daß die poetischen Versuche einen programmatischen Rahmen und Bezugspunkt erhalten. Böhmen war der Nährboden für ein derartiges Werk, denn hier gab es eine starke ständische Bewegung im Adel, die vermittelt wiederum über das mehr oder weniger manifeste reformierte Bekenntnis die politische Absetzungsbewegung von der katholischen Krongewalt in Wien betrieb. Sie blieb auf kulturelle Autogenität verwiesen, und die ist stets gleichbedeutend mit der Erprobung und sodann der Schmeidigung des nationalen Idioms, sei es des tschechischen, sei es des deutschen. Prag wäre der Ort gewesen, wo auf der Basis einer weitläufigen lateinischen Kultur, wie sie uns das Werk von Martínek und anderen erschlossen hat, gestützt auf Adel und reformiertes Königtum, der Übergang zum Deutschen in großem Stil hätte vollzogen werden sollen, die mit Karl IV. anhebende Bewegung also zweieinhalb Jahrhunderte später zu einem inneren Abschluß gekommen wäre. Schlesien schaute deshalb mit den größten Erwartungen auf die Entwicklungen im Nachbarland. Aber es nahm eben auch seine westliche Kontakte wahr. Beide zusammengenommen müssen ins Blickfeld genommen werden, wenn eine Erklärung für den nationalsprachigen Aufbruch in Schlesien gelingen soll, wie er in der religiösen Literatur ja lange praktiziert wurde, nun aber eben für die humanistische Formenwelt zu bewerkstelligen war . [14]

Bei seinem Gönner Tobias Scultetus in der illustren Bibliothek auf Schloß Belamonte in Beuthen an der Oder hat der junge Martin Opitz Bekanntschaft gemacht mit den eben aus der Presse gekommenen Niederdeutschen Poemata von Daniel Heinsius. Sie ließen schlagartig deutlich werden, daß es keinesfalls nur den Romanen vorbehalten bleiben mußte, formale Eleganz im nationalen Idiom zu erreichen, sondern daß sehr wohl auch die germanischen Sprachen dazu befähigt seien. Die eben erst politisch neu geborenen Niederlande gaben wie kein anderes Land in Europa für den Schlesier und seine Freude ein Beispiel dafür, daß nationale Selbstbehauptung und nationale Sprachkultur zusammengingen. Die alsbald nachfolgenden theoretischen Verlautbarungen, angefangen bei dem die Germanen umständlich bemühenden Traktat zum Aristarchus, sollten diesen Gedanken ausspinnen. Daß aber dieses Thema überhaupt auf die Tagesordnung gelangte, dafür bedurfte es des Anstoßes von weitgereisten und erfahrenen Persönlichkeiten. Opitz hatte das große Glück, an dem jungen Beuthener Gymnasium, dieser gewiß reizvollsten und zukunftsträchtigsten akademischen Schöpfung im Schlesien der Frühen Neuzeit, in Caspar Dornau einem Humanisten zu begegnen, der derartige Voraussetzungen erfüllte. In Böhmen wie im deutschen und europäischen Südwesten gleichermaßen zu Hause, mit einer einmalig im Reich dastehenden Professur für Sitten in Beuthen betraut, wußte er, was auch für Deutschland an der Zeit war. Die humanistischen Studien, so sein Credo, bedürften einer Modernisierung. Weltgewandtheit, Kenntnis und Erfahrung in den öffentlichen, den politischen Angelegenheiten, insonderheit Vertrautheit mit den Belangen und Regularien bei Hofe sollte den Eleven neben der Absolvierung der gelehrten Exerzitien anerzogen werden. In einer Gestalt wie Dornau wurde offenkundig, daß der Aufstieg des Fürstenstaates nun auch das Erziehungsprogramm des Gymnasiums als Substitut für die fehlende Landesuniversität massiv zu bestimmen begann. Wurde in der parallelen Professur für Frömmigkeit — auch sie eine Novität im akademischen Bereich — der rechte Umgang mit der christlichen Lehre eingeübt, so in der für Sitten das angemessene Verhalten im säkularen öffentlichen Raum. Elegante, dem Adel und dem Gelehrten geziemende Bildung umfaßte selbstverständlich auch die Sprachen und die Künste. War die Befähigung zur durchgebildeten Artikulation eine conditio sine qua non für die berufliche Karriere im weitesten Umkreis höfischen Daseins, so machte dieser Anspruch selbstverständlich nicht Halt vor der eigenen, der deutschen Sprache. Sie sollte in die Obliegenheit der den Aufstieg nach oben anstrebenden Jugend fallen und ihrer Aufmerksamkeit und systematischen Pflege anheimgestellt werden, auf daß sie endlich den ihr gebührenden Platz im Konzert der europäischen Sprachen einzunehmen vermöchte . [15]

Doch wiederum: Das eine ist, diese Botschaft zu hören und gutzuheißen, das andere sie zu exekutieren und ihr zum Erfolg zu verhelfen. Es bedurfte des Kontaktes zwischen Schlesien und der Pfalz, dem Übertritts Opitzens aus dem gelehrten kryptocalvinistischen Milieu seiner Heimat in das geistige und politische Zentrum des Calvinismus auf deutschem Boden, damit der Funke übersprang und die Botschaft zündete. In Heidelberg fand Opitz die politische Elite um seinen neuerlichen Mentor Georg Michael Lingelsheim damit befaßt, die Schritte vorzubereiten und durchzuspielen, die dem Pfälzer Kurfürsten auf den Königsthron in Prag befördern sollten. Er wurde Zeuge eines politischen Projekts, das für einige Jahre als das aufregendste und zukunftsweisendste im Alten Reich gelten durfte. In diesem Milieu aber wurde schlagartig deutlich, welche Perspektiven sich hinter dem Einsatz für eine deutsche Sprache und Literatur auftaten, über den er im fernen Schlesien vom Katheder aus belehrt worden war. Eine deutsche Sprache und deutsche Literatur mußte wie zu Zeiten Luthers, nun jedoch aus humanistischem Ethos und auf antiken Grundlagen geschaffen werden, um den politischen Führungsanspruch gegenüber Habsburg auch kulturell zu beglaubigen. Auf- und Niedergang der Nationen, das wußte man aus ungezählten humanistischen Verlautbarungen, hingen an intakten sprachlichen Verhältnissen. Im Südwesten war man weiter als im Nordosten. Julius Wilhelm Zincgref in Heidelberg und Georg Rudolf Weckherlin in Stuttgart hatten auf den Spuren von Melissus Schede, Petrus Denaisius und Friedrich Lingelsheim damit begonnen, deutsche Gedichte nach dem Muster der Italiener und Franzosen zu verfassen . [16]

Opitz war da für eine kurze Weile durchaus noch einmal Lernender und Empfangener. Was aber schließlich seinem Auftreten zum Erfolg verhalf, so daß sich die reformatorische Tat alsbald ganz ausschließlich und sehr zum Befremden etwa der Straßburger Kreise um Bernegger mit seinem Namen verknüpfte, war ein Dreifaches: Opitz erweiterte den Anspruch, indem er ihn von den lyrischen Genera ausdehnte auf alle in den lateinischen und nationalsprachigen Literaturen der Antike und des neueren Europa gepflegten Gattungen. Er verlieh diesem Anspruch Gewicht, indem er ihn theoretisch in einer überaus einprägsamen Schnellkurs-Musterpoetik untermauerte. Und er sorgte mit einem gehörigen Rigorismus, der ihm später so viele Feindschaften einbrachte, dafür, daß feste Regelwerke nicht nur formuliert, sondern auch eingehalten wurden, indem er die Muster gleich mitlieferte. Er schritt mit rascher und gewandter Feder zunächst den lyrischen Formenkanon aus, so daß schon Anfang der zwanziger Jahre eine zunächst noch ungegliederte Sammlung seiner Gedichte unter den Heidelberger Freunden zirkulierte, die 1625 durch eine in acht Bücher abgeteilte ersetzt wurde, denen acht Form- und Funktionstypen entsprachen. Mit ihr erbrachte er den Erweis, daß das, was in Italien, Frankreich, den Niederlanden vorexerziert worden war, auch in Deutschland mit Erfolg in Angriff genommen werden konnte. Daß dann aber fast zeitgleich und neuerlich unter Führung Opitzens das Spektrum um die Großformen in Drama und Roman erweitert wurde, machte sinnfällig, daß es für die Deutschen fortan keine Grenzen in der Eroberung auch all jener Genera mehr geben mußte, die bislang als eine Domäne der Neulateiner und der nationalsprachigen Dichter der Romania gegolten hatten . [17]

Es ist bekannt, daß dieser Prozeß der Umpolung keineswegs als einer schlichter Ablösung gesehen werden darf. Opitz und so gut wie alle Großen in seiner Nachfolge, ob Fleming, ob Dach, ob Gryphius, ja noch die Nürnberger und späteren Schlesier, blieben auch poetisch häufig ihr Leben lang zweisprachig. Daher gehört es zu den schwierigen Aufgaben des Germanisten, jeweils im Einzelfall zu bestimmen, warum das Lateinische und nicht das ja nun prinzipiell verfügbare deutsche Idiom gewählt wurde. Dabei kamen gewiß immer wieder auch politische, standesgemäße, auftragskonforme Belange ins Spiel. In vielen Fällen aber dürfte keine andere Erklärung zur Hand sein als eben die, daß die gelehrten Poeten ein Vergnügen daran hatten, ihre Kompetenz gleichermaßen im Deutschen wie im Lateinischen zu demonstrieren und den Leser einzuladen zum kennerhaften Vergleich. Die Dinge bedürfen jeweils im Einzelfall der Erkundung. Eines aber sollte fraglos sein: Ohne die Schulung im Lateinischen hätte es eine deutsche Dichtung von formalem Anspruch und Niveau nicht gegeben. Schreiben mußte bei den Gründervätern im Latein gelernt sein, bevor an eine Erprobung im Deutschen gedacht werden konnte. Das scheint eine Trivialität. Aber ist es wirklich eine solche? Wenn wir in Schlesien in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts ein unübersehbares Heer von Poeten am Werk sehen, das sich beteiligte an den lateinischen Formspielen, wie sie auf jeder Lateinschule gelehrt wurden, wenn alle das Handwerk des Dichtens bei Gelegenheit, des Beitragens zur poetischen Erhöhung des Alltags beherrschten, dann war damit eben auch die Gewähr gegeben, daß diese ungezählten Hände den Übergang mitvollziehen konnten, den die Leitfiguren mit Opitz an der Spitze alsbald vorgaben. Daß die Reform der deutschen Dichtung nicht die Sache einiger weniger blieb — wäre sie dies, so wäre sie verloren gewesen —, sondern eine der vielen wurde, verdankt sie ausschließlich dem lateinischen Exerzitium. Wenn deutsche Dichtung, deutschsprachiges Denken in klassizistischer Manier von den Außenstellen im Westen und Osten angefangen, sukzessive eine Landschaft nach der anderen zumindest im Umkreis der protestantischen Territorien ergriff, am Schlusse noch die entferntesten Regionen des alten deutschen Sprachraums zwischen dem Baltikum und Siebenbürgen in Opitzscher Manier, wie es zu heißen pflegte, zu singen und dichten anhoben, so ist dies der lateinischsprachigen Infrastruktur geschuldet, die wie selbstverständlich funktionierte und deren Bestimmung es eben werden sollte, das Fundament und den Probierstein für die deutsche Dichtung abzugeben. Hier besteht ein unauflöslicher Zusammenhang, so daß jeder Lobpreis wie jede Schmähung dessen, was da schließlich im alten deutschen Sprachraum des 17. Jahrhunderts zuwege gebracht wurde, den Vorgänger und noch über Jahrzehnte getreulichen Begleiter mit traf und mit trifft. Vermittelt über das Lateinische hat Deutschland nach der Lutherischen Revolte zurückgefunden nach Europa, und Opitz und den Seinen war diese Erbschaft selbstverständlich bewußt . [18]

Wir aber müssen über diesen eher formalen, uns aber besonders wichtigen Aspekt noch einmal und nun abschließend auch auf Themen und Gehalte zurückkommen, die da im altbewährten lateinischen und sodann im jungen und erprobungsbedürftigen neuen Gewande transportiert und artikuliert wurden. Es blieb ja bis in jüngste Zeit ein Ärgernis, daß die Transformation neben dem Gelegenheitsgedicht zunächst bevorzugt in der Liebesdichtung erfolgte. In Opitzens Teutschen Poemata überwiegen sie in den frühen Ausgaben durchaus. Man wollte nicht wahrhaben, daß sich das kleine fiktive Poem mit vorgegebenem Themen- und Formenkanon aus dem europäischen Petrarkismus für die Einübung und Übertragung besonders gut eignete. Folgte daraus aber die Ansicht, die besonders in der sich eben etablierenden Barockforschung in den zwanziger Jahren unter den Radikalsten gelegentlich zu hören war, daß die gesamte klassizistische Literatur eben nur als experimentelles Spiel zu verstehen sei, so war und ist denn doch Einspruch zu erheben. Schon den Liebesgedichten gerade Opitzens sind sehr dezent und sehr versteckt Signale eingeschrieben, die den versierten Poeten als Sachwalter humanistischer Lebenskunst auch in eroticis zu erkennen geben, wie leider hier nicht gezeigt werden kann. Der Aufstieg des alles beherrschenden Neostoizismus hat sich mehr als bislang wahrgenommen durchaus auch der Liebesdichtung mitgeteilt. Und so wäre es die Aufgabe einer wirklichen Geschichte dieser Phase der deutschen Dichtung um 1600 und in den folgenden Jahrzehnten, die da unter dem Begriff des Barock so irreführend traktiert werden, im Spektrum der humanistischen Gattungen im Übergang vom Lateinischen zum Deutschen ungeachtet der fixen Gattungsvorgaben und intertextuellen Verweisungen den dem Tage geschuldeten Lichtstrahlen zu folgen, die auch in diese keinesfalls fensterlose Dichtung hereinbrachen . [19]

Wir besitzen bisher keine Darstellung, die uns wirklich im einzelnen zeigte, wie nicht nur in der geistlichen, sondern durchaus auch in der weltlichen Dichtung das konfessionelle Drama verarbeitet wurde, und das eben, um es zu wiederholen, keineswegs explizit mit festen stofflichen Vorwürfen, sondern in der Form der leisen und schlichten Bekundung eines Glaubens, der gereinigt und geläutert erscheint von allem dogmatischen, zu Zwist und Gewalt Anlaß bietenden Ballast und sich verströmt in ruhiger innerer Gewißheit. Die Opitzsche Dichtung ist voll von derartigen Bekundungen, die nicht verstummende Rede seines theologischen Agnostizismus oder Opportunismus schlichter Unsinn. In Beuthen am Schönaichianum hatte der Gründer Fürst Georg von Schönaich die Essentials eines erneuerten, auf Kernsätze und Praxis verpflichteten Christentums in die Gründungsakte der Anstalt geschrieben. Es war dies nichts anders als das humanistische, letztlich das Erasmische Erbe, das gerade in Schlesien auf vielerlei Wegen fortgewirkt hatte und nun am Ende des Jahrhunderts nach den unsagbaren Greueln, begangen im Namen des christlichen Glaubens, neue Attraktivität gewann. Es würde sich mit anderen Worten lohnen, die späthumanistische lateinische Dichtung und ihre deutschsprachige Metamorphose einmal konsequent unter dem Aspekt der Stiftung religiöser Toleranz und der Geißelung konfessioneller Fundamentalismen zu traktieren. Hier wartet, verpuppt in ein programmatisch ausgestelltes Formenspiel, eine geheime Botschaft auf ihren kundigen Exegeten, die tief hineinwirkt nicht nur in die mystische und spiritualistische Literatur, sondern eben auch die weltliche Kunstdichtung der verschiedensten Gattungen . [20]

Gekoppelt aber erscheint sie auf das genaueste in ungezählten Fällen an eine politische. Moderation in religiösen Belangen ist die Voraussetzung für ein friedliches Zusammenleben von Angehörigen verschiedener Bekenntnisse und Glaubensvorstellungen. Inmitten des 16. Jahrhunderts vollzog sich eine unübersehbare Scheidung der strikt konfessionell und der erstmals primär politisch votierenden gelehrten Intelligenz. In Frankreich war diese Frontlinie bekanntlich mit dem Auftreten der sogenannten "Politiques" im Umkreis der humanistisch ausgerichteten Parlamentsjuristen erstmals bezogen worden und sichtbar hervorgetreten. Ihre Markierung ging einher mit einem Bekenntnis zur Einheit der Nation als Summum bonum politischen Wirkens, der gegenüber die Statuierung konfessioneller Ansprüche als etwas Nachgeordnetes erschien. Wir haben bisher keine Arbeit, die das Eindringen dieser weit in die Zukunft weisenden Vorstellungen im Reich konsequent verfolgte. Gewiß ist nur, daß sie der späthumanistischen Generation um 1600 geläufig war. In der politischen Publizistik um Friedrich V. und seinen Anspruch auf die böhmische Krone ist sie ebenso gegenwärtig wie in der politischen Dichtung. Am Beispiel einer Analyse von Opitzens 1619/20 geschriebenen "Trostgedichte in Widerwärtigkeit des Krieges" konnte das vor längerem gezeigt werden. Diese nationale Aspiration, so muß verstanden werden, ist die Aktualisierung einer seit eh und je im Umkreis des Humanismus virulenten Idee der nationalen Option, angepaßt an die besonderen Verhältnisse des voll entfesselten konfessionellen Zeitalters. Ihm wird seitens der späthumanistischen Generation um 1600 im Namen einer transkonfessionellen religiösen Irenik und im Einklagen politischer Einigung im Namen des übergeordneten nationalen Wohles unmißverständlich eine Alternative bezeichnet . [21]

Sollten Zweifel an dieser These bestehen, deren Bewährung am Material, wie umstandslos einzuräumen, weiterhin von Einzelfällen abgesehen aussteht, so tut man stets gut daran, nach vergleichbaren Entwicklungen im politischen Raum Ausschau zu halten. Hier aber bietet sich mehr noch als das Pfälzer Unternehmen Friedrich V. das Wirken einer kulturpolitischen Vereinigung an, die mit den späthumanistischen Bestrebungen aufs schönste kommunizierte. 1617, in dem Jahr, da Opitz seine Rede für die Erneuerung der deutschen Sprache und Literatur in Beuthen an der Oder unter den Augen seines Lehrers Caspar Dornau vortrug, wurde in Mitteldeutschland ein Bündnis geschlossen, das die nämlichen Ziele auf seine Fahnen schrieb. Erneuerung, Pflege und Wertschätzung der deutschen Sprache lautete das Programm, das da von den Mitgliedern beobachtet und in Wort und Tat bekräftigt werden sollte. Blickt man allein auf die Leistungen auf dem Gebiet der Übersetzungen, mittels derer Epos und Roman und Lehrgedicht der Romanen nach Deutschland importiert wurden, so wird sogleich deutlich, daß Bedeutendes zumal in der Aufbruchphase geleistet wurde. Umrankt aber wurde das Programm von eher beiläufigen Bemerkungen, um die es hier geht. Religiöser Hader sollte von der Gesellschaft ferngehalten werden. Geistlichen, die Zwist in die Vereinigung hätten tragen können, wurde der Zugang verwehrt. Ausdrücklich verstand man sich als überkonfessionelles Bündnis. Der Bemühung um die deutsche Sprache und ihre Schmeidigung für eine anspruchsvolle Poesie war unverkennbar neuerlich ein patriotisches Moment beigesellt. Zu Ehre und Wohlfahrt der zerstrittenen, konfessionell geteilten, von auswärtigen Mächten bedrohten Nation geschah das vermeintlich anspruchslose sprachliche Erneuerungswerk. Die Fürsten und der hohe Adel, wiederum mit erkennbarem Übergewicht aus dem reformierten Lager, bekräftigten durch ihren Zutritt diese weniger manifesten aber eben doch auf der Hand liegenden weiterreichenden Zielsetzungen und Hoffnungen . [22]

Die Ablösung von der lateinischen Formkultur um 1600 oder genauer und gewiß den Verhältnissen entsprechender: die Einführung des Deutschen neben dem Lateinischen und in Konkurrenz zu den Nationalsprachen der Nachbarstaaten führte in dem kulturellen ein politisches Anliegen mit sich, das um 1600 eine merklich entkonfessionalisierte säkulare Gestalt annahm. Wir sehen in dem genau zeitgleichen Aufbruch des Pfälzer Kurfürsten nach Prag, dem Opitzschen Erneuerungs-Programm und dem Zusammenschluß vorwiegend der protestantischen Reichsstände in der Fruchtbringenden Gesellschaft die nämlichen Intentionen am Werk. Sie zielen auf religiöse, kulturelle und politische Einigung. Um 1600 zeichnete sich, verpuppt in die teilweise verschrobensten Bilder und Ursprungslegenden in den tonangebenden politischen und gelehrten Schichten die Vision ab, den nationalen Zusammenschluß wie auch immer bündnispolitisch abgefedert voranzutreiben und womöglich zu bewerkstelligen, bevor Soldaten fremder Herren Länder das Land überziehen und die konfessionellen Grenzen endgültig zementiert würden. Eben diese einmalige geschichtliche Stunde beförderte den Rückgriff auf die lateinische Literatur im Übergang von der Republik zum Prinzipat so merklich, sie steht wie keine andere an der Wiege noch der erneuerten deutschen Literatur . [23]

Es ist die Tragik der späthumanistischen Generation um 1600, daß ihre Frist zu knapp bemessen blieb, um diesem in Umrissen sich abzeichnenden Programm kulturelle und politische Durchschlagskraft zu verleihen. Der Weg Deutschlands wäre anders verlaufen, wenn es gelungen wäre, im Gleichklang mit den Nachbarn in eins mit der Installation der Dichtung im nationalen Idiom nun auch auf dem Feld der Politik zumindest eine Föderation zu bilden. Diese Verheißung, um den Begriff aus dem Titel unseres kleinen Beitrags ein einziges Mal aufzunehmen, lag über den Bemühungen der Nachfahren des Humanismus zu später Stunde in einer ausgesprochenen Krisensituation. Welkten ihre politischen Hoffnungen genauso rasch dahin wie die ihrer Vorfahren zwischen dem Einfall der Spanier und Franzosen in das Ursprungsland des Humanismus und dem Ausbruch des Schmalkaldischen Krieges auf deutschem Boden, so wirkte ihr geistiges und literarisches Tun weit in die Zukunft hinein. Wenn ihnen das Verdienst zukommt, in Übereinstimmung mit den besten Traditionen des älteren Humanismus die Ehrfurcht vor dem Leben und seinem Vollzug in einem befriedeten, ja womöglich einem geeinten Gemeinwesen als höchstes Gut zu bewahren und ihre Sprache und Dichtung diesem Anliegen zu unterstellen, so markierten sie damit ein Terrain, das dem der Aufklärung durch und durch affin war. Wagen wir es also, unser Wort für eine schärfere Profilierung des Späthumanismus in dieser entscheidenden Stunde des lebhaftesten Austausches zwischen der lateinischen und der deutschen Sprache in die Wagschale zu werfen, so tun wir es in der Überzeugung, daß wir um 1600 einer Bewegung begegnen, die einen Brückenschlag bewerkstelligte, der herübergeleitete aus dem Zeitalter des Humanismus in das Zeitalter der Aufklärung. Das aber war mehr als eine wie auch immer kryptisch verpuppte nationale Tat. Es war eine Bemühung in Assimilation der besten Traditionen Europas. Und so wünschten wir uns die hier nur eben angedeuteten Linien eines hoffentlich nicht allzu fernen Tages ausgezogen zu sehen in einem europäisch angelegten Epochenporträt, dessen Anschauung für uns späte Nachfahren und Erben eines Katastrophen-Jahrhunderts vielleicht immer noch bedenkenswerte Züge bereithalten könnte . [24]



[1] Dem vorliegenden Beitrag ging ein gleichfalls in München auf Einladung von Winfried Schulze gehaltener Vortrag zum Thema "Späthumanismus: Forschungsgeschichtliche Aspekte — Historische Umrisse — Ein publizistisch-poetisches Exempel" voraus, in dem eingehend über die wenigen einschlägigen Arbeiten zum Späthumanismus gehandelt wurde. Da der Vortrag demnächst veröffentlicht werden soll, wird hier nur ein knappes Resümee geboten.— Auszugehen ist bekanntlich von Erich Trunz' großer Abhandlung "Der deutsche Späthumanismus als Standeskultur", die 1931 im 21. Band der Zeitschrift für Geschichte der Erziehung und des Unterrichts erschien und de facto unbeachtet blieb. Erst in der Neuauflage durch Richard Alewyn, der die Arbeit zu dem Ertragreichsten der erneuerten Barockforschung zählte, wurde sie bekannt und war fortan aus der (insgesamt spärlichen sozialgeschichtlich orientierten literaturwissenschaftlichen) Arbeit am späten 16. und frühen 17. Jahrhundert nicht mehr wegzudenken. Alewyn rückte sie in seiner historischen Retrospektive der Erforschung des 17. Jahrhunderts (Deutsche Barockforschung, Dokumentation einer Epoche, 2. Aufl. Köln, Berlin: Kiepenheuer & Witsch, 1966 (Neue Wissenschaftliche Bibliothek, Band 7), S. 147—181) an den Anfang des Kapitels "Die Gesellschaft", wo mit Auszügen aus Günther Müllers Höfischer Kultur (1929) und Hirschs Bürgertum und Barock (1934) zwei weitere gewichtige Stimmen vernehmbar wurden. Es bedurfte ständiger Zureden, um Erich Trunz seinerseits zur Wiedervorlage dieser Untersuchung wie seiner weiteren, singulär dastehenden Arbeiten zur Literatur um 1600 zu bewegen. Vgl. Erich Trunz: Deutsche Literatur zwischen Späthumanismus und Barock, München: Beck 1995, S. 7—82. Hier ist dem Neudruck dankenswerterweise ein Abschnitt "Aus den Materialien" (S. 60 ff.) hinzugefügt worden, in dem alle die Themen nochmals berührt werden, die später in der Barockforschung Konjunktur hatten. Freilich handelt es sich nach dem Zeugnis von Trunz auch weiterhin nur um "einige Bruchstücke" (S. 60). Man wäre interessiert, das seinerzeit konzipierte Ganze kennenzulernen. Der Band ist insgesamt durchgehend für die Späthumanismus-Problematik heranzuziehen. Er hat in der Forschung bislang keine Parallele. Am ehesten vergleichbar die Arbeiten von Leonard Forster. Sie sind teilweise zusammengeführt in: Kleine Schriften zur deutschen Literatur im 17. Jahrhundert, Amsterdam: Rodopi 1977 (Daphnis, Band 6, Heft 4). Vgl. darüber hinaus ders.: Die Niederlande und die Anfänge der Barocklyrik in Deutschland, Groningen: Wolters 1967 (Voordrachten gehouden voor de Gelderse Leergangen te Arnhem, Band 20); ders.: Christoffel van Sichem in Basel und der frühe deutsche Alexandriner, Amsterdam etc.: North-Holland Publishing Company 1985 (Verhandelingen der Koninklijke Nederlandse Akademie van Wetenschappen, Afd. Letterkunde, Nieuwe Reeks, Deel 131).— Die erwähnte Kühlmannsche Arbeit hat das Verdienst, das akademische Schrifttum um 1600 erstmals für die Frage nach den historischen Grundlagen der Konstitution der neueren deutschen Literatur um Opitz systematisch herangezogen und vor allem über dieses den Funktionswandel der humanistischen Studien im Übergang zum Territorialstaat und den neuen, vom Hof ausgehenden Anforderungen aufgeklärt zu haben: Vgl. Wilhelm Kühlmann: Gelehrtenrepublik und Fürstenstaat, Entwicklung und Kritik des deutschen Späthumanismus in der Literatur des Barockzeitalters, Tübingen: Niemeyer 1982 (Studien und Texte zur Sozialgeschichte der Literatur, Band 3). Hinzuzunehmen vor allem seine exemplarische Studie: Zur literarischen Lebensform im deutschen Späthumanismus: Der pfälzische Dramatiker Theodor Rhodius (ca. 1572—1625) in seiner Lyrik und in seinen Briefen, Amsterdam: Rodopi 1988 (Daphnis, Band 17, Heft 4). In den beiden Sammelbänden: Das Ende der Renaissance, Europäische Kultur um 1600, hrsg. von August Buck, Tibor Klaniczay, Wiesbaden: Harrassowitz 1987 (Wolfenbütteler Arbeiten zur Renaissanceforschung, Band 6) und: Späthumanismus, hrsg. von Notker Hammerstein, Göttingen: Wallstein 2000, wird das epochale Problem, wie es mit dem Begriff "Späthumanismus" verknüpft ist, nur am Rande berührt.— Von historischer Seite wurde der von Trunz ausgegangenen Impuls bekanntlich am frühesten und fruchtbarsten von Gerhard Oestreich aufgenommen. Vgl. die leider erst posthum veröffentlichte Habilitationsschrift von Oestreich: Antiker Geist und moderner Staat bei Justus Lipsius (1547—1606), der Neustoizismus als politische Bewegung, hrsg. und eingel. von Nicolette Mout, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 1989 (Schriftenreihe der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 38) sowie die Zusammenführung der diesem Themenkomplex gewidmeten Arbeiten in: Oestreich: Neostoicism and the early modern state, ed. by Brigitta Oestreich and H.G. Koenigsberger, translated by David McLintock, Cambridge etc.: Cambridge University Press 1982 (Cambridge Studies in Early Modern History). Zugrunde liegen Beiträge aus den beiden Sammelbänden von Ostreich: Geist und Gestalt des frühmodernen Staates, ausgewählte Aufsätze, Berlin: Duncker & Humblot 1969 und ders.: Strukturprobleme der frühen Neuzeit, hrsg. von Brigitta Oestreich, Berlin: Duncker & Humblot 1980.

[2] Zu diesen Fragen die der Historiographie der Frühen Neuzeit gewidmeten Arbeiten des Verfassers: Frühe Neuzeit, Fragen an eine neue kulturgeschichtliche Kategorie im Lichte der Rezeptionsgeschichte, in: Texte, Bilder, Kontexte. Interdisziplinäre Beiträge zu Literatur, Kunst und Ästhetik der Neuzeit, hrsg. von Ernst Rohmer, Werner Wilhelm Schnabel, Günther Wittig, Heidelberg: Winter 2000 (Beihefte zum Euphorion, Heft 36), S. 3—19; ders.: Umrisse der Frühen Neuzeit — oder elegische Besichtigung von großen Männern, größeren Werken und unabsehbaren Torsi, in: Das Berliner Modell der Mittleren Deutschen Literatur, hrsg. und eingel. von Christiane Caemmerer, Walter Delabar, Jörg Jungmayr, Knut Kiesant, Amsterdam, Atlanta/Ga: Rodopi 2000 (Chloe, Beihefte zum Daphnis, Band 33), S. 443—468. Dazu das Epochenporträt mit weiterer Literatur: Renaissance/Humanismus, in: Das Fischer Lexikon Literatur, Band I—III, hrsg. von Ulfert Ricklefs, Frankfurt a.M. 1996, Band III, S. 1606—1646.

[3] Das nun wohl allmählich erschöpfte Konfessionalismus-Paradigma zuletzt forschungsgeschichtlich resümiert bei: Heinz Schilling: Konfessionelle und politische Identität im frühneuzeitlichen Europa, in: Nationale, ethnische und regionale Minderheiten in Mittelalter und Neuzeit, hrsg. von Antoni Czacharowski, Toruń: Uniw. Mikolaja Kopernika 1994, S. 103—123; ders.: Konfessionelles Zeitalter, Teil I—IV, in: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 48 (1997), S. 350—370, 618—627, 682—694, 748—766; ders.: Das konfessionelle Europa, die Konfessionalisierung der europäischen Länder seit Mitte des 16. Jahrhunderts und ihre Folgen für Kirche, Staat, Gesellschaft und Kultur, in: Konfessionalisierung in Ostmitteleuropa, Wirkungen des religiösen Wandels im 16. und 17. Jahrhundert in Staat, Gesellschaft und Kultur, hrsg. von Joachim Bahlcke, Arno Strohmeyer, Stuttgart: Steiner 1999 (Forschungen zur Geschichte und Kultur des östlichen Mitteleuropa, Band 7), S. 13—62. Hier auch der kritische Beitrag von Wolfgang Reinhard: Konfessionalisierung auf dem Prüfstand, S. 79—88. Vgl. von Reinhard auch: Sozialdisziplinierung, Konfessionalisierung, Modernisierung, ein historiographischer Diskurs, in: Die Frühe Neuzeit in der Geschichtswissenschaft, Forschungstendenzen und Forschungserträge, hrsg. von Nada Boskovska Leimgruber, Paderborn etc: Schöningh 1997, S. 39—55. In ähnlicher Richtung: Walter Ziegler: Kritisches zur Konfessionalisierungsthese, in: Konfessionalisierung und Region, hrsg. von Peer Frieß, Rolf Kießling, Konstanz: Universitätsverlag 1999 (Forum Suevicum, Band 3), S. 41—55. Dazu der Forschungsbericht von Thomas Kaufmann: Die Konfessionalisierung von Kirche und Gesellschaft, Sammelbericht über eine Forschungsdebatte, Teil I—II, in: Theologische Literatur-Zeitung 121 (1996), S. 1008—1025, 1112—1121. Vgl. jüngst auch Marie-Antoinette Gross: Die frühneuzeitliche Konfessionalisierung und ihre Konsequenzen für das Verhältnis von Staat und Kirche, eine Zwischenbilanz, in: Gesellschaften im Vergleich, Forschungen aus Sozial- und Geschichtswissenschaften, hrsg. von Hartmut Kaelble, Jürgen Schriewer, Frankfurt a.M. etc.: Lang 1998 (Komparatistische Bibliothek, Band 9), S. 53—83. Als instruktive Spezialstudie: Irene Dingel: Concordia controversa, die öffentliche Diskussion um das Lutherische Konkordienwerk am Ende des 16. Jahrhunderts, Gütersloh: Schöningh 1996 (Quellen und Forschungen zur Reformationsgeschichte, Band 63). Zum parallelen und mit dem Konfessionalismus verknüpften Problem des Etatismus zuletzt Olivier Christin: La paix de religion, l'autonomisation de la raison politique au XVIe siècle, Paris: Seuil 1997 (Collection Liber). Am lebhaftesten derzeit die Diskussion um die neuen Wissensordnungen. Vgl. beispielsweise Helmut Zedelmaier: Bibliotheca universalis und Bibliotheca selecta, das Problem der Ordnung des gelehrten Wissens in der frühen Neuzeit, Köln etc.: Böhlau 1992. Vgl. auch den Bericht von Helmut Zedelmaier: "Historia literaria", über den gelehrten Ort epistemologischen Wissens in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts, in: Das achtzehnte Jahrhundert 22 (1998), S. 11—21. Hervorzuheben die folgenden Sammelbände jüngsten Datums: Skepsis, Providenz, Polyhistorie, Jakob Friedrich Reimann (1668—1743), hrsg. von Martin Mulsow, Helmut Zedelmaier, Tübingen: Niemeyer 1998 (Hallesche Beiträge zur europäischen Aufklärung, Band 7); Jacob Brucker (1696—1770), Philosoph und Historiker der europäischen Aufklärung, hrsg. von Wilhelm Schmidt-Biggemann, Theo Stammen, Berlin: Akademie-Verlag 1998 (Colloquia Augustana, Band 7); Die Praktiken der Gelehrsamkeit in der Frühen Neuzeit, hrsg. von Helmut Zedelmaier, Martin Mulsow, Tübingen: Niemeyer 2001 (Frühe Neuzeit, Band 64); "Philologie und Erkenntnis, Beiträge zu Begriff und Problem frühneuzeitlicher 'Philologie'", hrsg. von Ralph Häfner, Tübingen: Niemeyer 2001 (Frühe Neuzeit, Band 61). Die Vermittlung mit den literarischen Prozessen um 1600 bleibt die große Aufgabe für die Zukunft. Ein Hinweis bei Klaus Garber: Speranza nel passato? Il protomoderno e l'europa in divenire, in: links, Rivista di letteratura e cultura tedesca/Zeitschrift für deutsche Literatur- und Kulturwissenschaft 1 (2001), S. 33—42.

[4] Das hier angesprochene Problem ist grundsätzlich bislang noch wenig ausgeleuchtet. Es stand im Hintergrund eines 1986 in Osnabrück abgehaltenen Kongresses, dessen Akten zum folgenden generell heranzuziehen sind: Nation und Literatur im Europa der Frühen Neuzeit, hrsg. von Klaus Garber, Tübingen: Niemeyer 1989 (Frühe Neuzeit, Band 1). Am weitreichendsten darin: Wilhelm Kühlmann: Nationalliteratur und Latinität, zum Problem der Zweisprachigkeit in der frühneuzeitlichen Literaturbewegung Deutschlands, S. 164—206, mit der bis zum Ende der achtziger Jahre vorliegenden Literatur (insbes. Anm. 20, S. 172 ff.). Vgl. von Kühlmann auch vorangehenden und offensichtlich aus Umfangsgründen leider gekürzten wichtigen Beitrag: Apologie und Kritik des Lateins im Schrifttum des deutschen Späthumanismus, Argumentationsmuster und sozialgeschichtliche Zusammenhänge, in: Acta Conventus Neo-Latini Bononiensis (1979), edited by R.J. Schoeck, Binghamton/NY 1985 (Medieval & Renaissance Texts & Studies, Vol. 37), S. 356—376. Vgl. jetzt auch den Sammelband Latein und Nationalsprachen in der Renaissance, hrsg. von Bodo Guthmüller, Wiesbaden: Harrassowitz 1998 (Wolfenbütteler Arbeiten zur Renaissanceforschung, Band 17), sowie die einschlägigen Beiträge in: Deutschland und Italien in ihren wechselseitigen Beziehungen während der Renaissance, hrsg. von Bodo Guthmüller, Wiesbaden: Harrassowitz 2000 (Wolfenbütteler Arbeiten zur Renaissanceforschung, Band 19); Nation und Sprache, die Diskussion ihres Verhältnisses in Geschichte und Gegenwart, hrsg. von Andreas Gardt, Berlin, New York: de Gruyter 2000. Zum vorangehenden Zeitraum: Latein und Volkssprache im deutschen Mittelalter 1100—1500, hrsg. von Nikolaus Henkel, Nigel F. Palmer, Tübingen: Niemeyer 1992 (mit einem einleitenden literaturintensiven Forschungsbericht der Herausgeber). Im Kontext jetzt vor allem heranzuziehen: Nationenbildung, die Nationalisierung Europas im Diskurs humanistischer Intellektueller, Italien und Deutschland, hrsg. von Herfried Münkler, Hans Grünberger, Katrin Mayer, Berlin: Akademie-Verlag 1998 (Politische Ideen, Band 8), insbes. S. 103 ff: "Die Stellung des Volgare im Nationendiskurs". Weitere Literatur in den reichhaltig ausgestatteten Forschungsberichten von Peter L. Schmidt: Die Studien in Deutschland zur humanistischen und neulateinischen Literatur seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert, in: La filologia medievale e umanistica greca e latina nel secolo XX, Roma 1993 (Testi e studi Bizantino-neoellenici, Vol. 7), S. 831—910, und Heinz Hofmann: Neulateinische Literatur: Aufgaben und Perspektiven, in: Neulateinisches Jahrbuch 2 (2000), S. 57—97. Der Eintrag "Latin and the Vernacular" in Jozef Ijsewijns Companion to Neo-Latin Studies, part II (1998), S. 420—422, ist denkbar knapp geraten, hier jedoch gleichfalls weitere Literatur. Auf die zahlreichen Beiträge, die sich mit dem Verhältnis des Lateins zu den jeweiligen Volkssprachen beschäftigen, kann hier nicht eingegangen werden. Vgl. zuletzt die große Abhandlung von Gilbert Tournoy und Terence O. Tunberg: On the Margins of Latinity? Neo-Latin and the Vernacular Languages, in: Humanistica Lovaniensia 45 (1996), S. 134—174.

[5] Dazu weiterführendes an versteckter Stelle bei Klaus Garber: Literaturgeschichte als Memorialwissenschaft, die deutsche Literatur im Osten Europas, in: Stimulus, Probleme und Methoden der Literaturgeschichtsschreibung in Österreich und der Schweiz, hrsg. von Wendelin Schmidt-Dengler, Wien: Edition Praesens 1997 (Mitteilungen der Österreichischen Gesellschaft für Germanistik, Beiheft 1), S. 39—53. Vgl. zur endlich sich wieder belebenden Diskussion beispielsweise auch: Hans Peter Ecker: Region und Regionalismus, Bezugspunkte für Literatur oder Kategorien der Literaturwissenschaft.- in: Deutsche Vierteljahrsschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte 63 (1989), S. 295—314; Andreas Schumann: "Die Kunst erscheint überall an ein nationales und locales Element gebunden...", Versuch einer Typologie regionaler Literaturgeschichtsschreibung in Deutschland im 19. und frühen 20. Jahrhundert, in: Sprachkunst 20 (1989), S. 237—257; Norbert Oellers: Aspekte und Prinzipien regionaler Literaturgeschichtsschreibung, in: Literatur an der Grenze, Festschrift Gerhard Schmidt-Henkel, hrsg. von Uwe Grundt, Günter Scholdt, Saarbrücken: SDV 1992, S 11—29; Walter Schmitz: Regionalität und interkultureller Diskurs, Beispiele zur Geschichtlichkeit ihrer Konzepte in der deutschen Kultur, in: Praxis interkultureller Germanistik, Forschung — Bildung — Politik, hrsg. von Bernd Thum und Gonthier-Louis Fink, München: Iudicium-Verlag 1993 (Publikationen der Gesellschaft für Interkulturelle Germanistik, Band 4), S. 417—438; Regina Hartmann: "Regionalität" — "Provinzialität"? Zu theoretischen Aspekten der regionalliterarischen Untersuchungsperspektive, in: Zeitschrift für Germanistik 7 (1997), S. 585—598; Renate Heydebrand: Erforschung regionaler Literatur — heute? Überlegungen zu Rechtfertigung und Methodik, in: Prolegomena zur Kultur- und Literaturgeschichte des Magdeburger Raumes, hrsg. von Gunter Schander, Michael Schilling in Zusammenarbeit mit Dieter Schade.- Magdeburg: Scriptum 1999 (Forschungen zur Kultur- und Literaturgeschichte Sachsen-Anhalts, Band 1), S. 13—31. Hinzu treten jetzt die ersten Beiträge aus dem Umkreis der sich rapide reaktivierenden regionalen Literatur- und Kulturgeschichtsschreibung. Vgl. etwa Detlev Ignasiak: Zum Problem der Regionalisierung in der Literaturgeschichtsschreibung, in: Beiträge zur Geschichte der Literatur in Thüringen, hrsg. von Detlef Ignasiak, Rudolstadt etc.: Hain 1995 (Palmbaum-Studien, Band 1), S. 7—13, sowie die drei Beiträge in den von Bernd Witte herausgegebenen "Oberschlesischen Dialogen, Kulturräume im Blickfeld von Wissenschaft und Literatur" (Frankfurt a.M.: Lang 2000; Schriften des Eichendorff-Instituts an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, Band 2) von Antje Johannig: Oberschlesische Dialoge, Kulturräume im Blickfeld von Wissenschaft und Literatur (S. 11—21), von Dietmar Lieser: Literaturräume, zu Begriff und Gegenstand regionaler Literaturgeschichtsschreibung (S. 25—39) und von Gertrude Cepl-Kaufmann: Grenzräume, sieben Notate zur komparatistischen kulturhistorischen Erforschung zweier Regionen (S. 63—77).— Mit Blick auf das 17. Jahrhundert bzw. die Frühe Neuzeit: Anthony J. Harper: Neglected Areas in Seventeenth-Century Poetry, in: German Life and Letters 36 (1983), S. 258—265. In deutscher Version wieder abgedruckt in: ders.: Schriften zur Lyrik Leipzigs 1620—1670, Stuttgart: Heinz 1985 (Stuttgarter Arbeiten zur Germanistik, Band 131), S. 47—66. Hier auch S. 67—82 der Beitrag: "Probleme bei der Definition eines regionalen poetischen Stils in der Barocklyrik". Des weiteren: Dieter Breuer: Raumbildungen in der deutschen Literaturgeschichte der frühen Neuzeit als Folge der Konfessionalisierung, in: Zeitschrift für deutsche Philologie 117 (1998), Sonderheft, S. 180—191.

[6] Vgl. den großen Forschungsbericht von Alfred Noe: Der Einfluß des italienischen Humanismus auf die deutsche Literatur um 1600, Ergebnisse jüngerer Forschung und ihre Perspektiven, Tübingen: Niemeyer 1993 (Internationales Archiv für Sozialgeschichte der deutschen Literatur, 5. Sonderheft), hier insbesondere das Kapitel "Die Entstehung des Humanismus in den Städten, an den Höfen und an den Universitäten", S. 56 ff. Dazu aus der neueren Literatur: die humanisten in ihrer politischen und sozialen umwelt, hrsg. von Otto Herding, Robert Stupperich, Boppard: Boldt 1976 (deutsche forschungsgemeinschaft, kommission für humanismusforschung, mitteilung III); Humanismus im Bildungswesen des 15. und 16. Jahrhunderts, hrsg. von Wolfgang Reinhard, Weinheim: Acta humaniora 1984 (Mitteilung XII der Kommission für Humanismusforschung); Humanismus und höfisch-städtische Eliten im 16. Jahrhundert, hrsg. von Klaus Malettke und Jürgen Voss in Zusammenarbeit mit Rainer Babel und Ute Müller, Bonn: Bouvier 1989 (Pariser Historische Forschungen, Band 27); The Harvest of Humanism in Central Europe, Essays in Honor of Lewis W. Spitz, ed. by Manfred P. Fleischer, St. Louis: Concordia 1992; Humanismus im deutschen Südwesten, biographische Profile, hrsg. von Paul Gerhard Schmidt, Sigmaringen: Thorbecke 1993; Humanismus und früher Buchdruck, hrsg. von Stephan Füssel, Volker Honemann, Nürnberg: Carl 1997 (Pirckheimer-Jahrbuch, Band 11); L'Europe des humanistes, édité par J.-F. Maillard, 2. éd., Paris: CNRS Éd. 1998; Europa humanistica (seit 1999).

[7] Die kulturelle Szene am Heidelberger Hof in der Frühphase ist inzwischen gut erforscht. Vgl. Martina Backes: Das literarische Leben am kurpfälzischen Hof zu Heidelberg im 15. Jahrhundert, ein Beitrag zur Gönnerforschung des Spätmittelalters, Tübingen: Niemeyer 1992. Zum Kontext: Wissen für den Hof, der spätmittelalterliche Verschriftungsprozeß am Beispiel Heidelberg im 15. Jahrhundert, hrsg. von Jan-Dirk Müller, München: Fink 1994 (Münstersche Mittelalterschriften, Band 67). Gleich gediegene Arbeiten zu Heidelberg als höfischem Kulturzentrum im 16. Jahrhundert fehlen. Von historischer Seite wurden die Voraussetzungen geschaffen durch Volker Press: Calvinismus und Territorialstaat, Regierung und Zentralbehörden der Kurpfalz 1559—1619, Stuttgart: Klett 1970 (Kieler Historische Studien, Band 7). Vgl. jetzt auch Johann Kolb: Heidelberg, die Entstehung einer landesherrlichen Residenz im 14. Jahrhundert, Stuttgart: Thorbecke 1999 (Residenzforschung, Band 8). Zur Heidelberger Konfessionsgeschichte im 16. Jahrhundert und dem Übergang zum reformierten Bekenntnis: Wilhelm Volkert: Kurpfalz zwischen Luthertum und Calvinismus (1559—1620), in: Handbuch zur bayerischen Geschichte, hrsg. von Max Spindler, Band III: Franken, Schwaben, Oberpfalz bis zum Ausgang des 18. Jahrhunderts, München: Beck 1971, S. 1306—1317, mit der gesamten älteren Literatur; Anton Schindling, Walter Ziegler: Kurpfalz, Rheinische Pfalz und Oberpfalz, in: Die Territorien des Reichs im Zeitalter der Reformation und Konfessionalisierung, Land und Konfession 1500—1650, Band V: Der Südwesten, Münster: Aschendorff 1993 (Katholisches Leben und Kirchenreform im Zeitalter der Glaubensspaltung, Band 53), S. 8—49, gleichfalls mit reicher Literatur. Des weiteren: Controversy and Conciliation, the Reformation and the Palatinate 1559—1583, Pennsylvania: Pickwick 1986 ( Pittsburgh Theological Monographs, Vol. 18). Jetzt Eike Wolgast: Reformierte Konfession und Politik im 16. Jahrhundert, Studien zur Geschichte der Kurpfalz im Reformationszeitalter, Heidelberg: Winter 1998 (Schriften der Philosophisch-Historischen Klasse der Heidelberger Akademie der Wissenschaften, Band 10). Die europäischen Verflechtungen aufgezeigt bei Claus-Peter Clasen: The Palatinate in European History 1555—1618, Oxford: Blackwell 1966 (Überarb. Ausgabe des 1963 mit gleichem Obertitel, jedoch mit dem anders lautenden Zusatz "1559—1660" erschienenen Werkes). Vgl. auch Peter Krüger: Die Beziehungen der Rheinischen Pfalz zu Westeuropa 1576—1582, Diss. phil. München 1964. Zum wichtigsten westeuropäischen Kontakt, der über Frankreich verlief: Bernhard Vogler: Die Rolle der Pfälzischen Kurfürsten in den französischen Religionskriegen (1559—1592), in: Blätter für Pfälzische Kirchengeschichte und Religiöse Volkskunde 37/38 (1970/71), Teil I, S. 235—266. Zur konfessionspolitischen Interaktion: Aart A. van Schelven: Der Generalstab des politischen Calvinismus in Zentraleuropa zu Beginn des Dreißigjährigen Krieges, in: Archiv für Reformationsgeschichte 36 (1939), S. 117—141.

[8] Unter dem hier verfolgten konfessionspolitischen Gesichtspunkt für Frankreich einschlägig: Jacques Pineaux, La poésie des protestants de langue française (1559—1598), Paris: Klincksieck 1971 (Bibliothèque française et romane, Série C: Etudes littéraires, Vol. 28). Vgl. auch Peter Burke: The Two Faces of Calvinism, in: French Literature and its Background, ed. by John Cruickshank, Oxford: University Press 1968, S. 47—62. Dazu die bekannte große gattungsgeschichtliche Untersuchung von Raymond Lebègue, La tragédie religieuse en France, les débuts (1514—1573), Paris: Champion 1929 (Bibliothèque littéraire de la Renaissance, Nouvelle série, Tome XVII), insbesondere Buch III: Les tragédies bibliques écrits en française par les protestants, S. 289 ff. Als Spezialbeitrag Anne Neuschäfer: Théodore de Bèze und seine "Tragédie Françoise" "Abraham Sacrifiant", ein hugenottischer Beitrag zur französischen Nationalliteratur, in: Nation und Literatur (Anm. 4), S. 382—403. In welchem Umfang die lateinische Epik des 17. Jahrhunderts von den Hugenottenkriegen geprägt ist, zeigte zuletzt instruktiv Ludwig Braun: Lateinische Epik im Frankreich des 17. Jahrhunderts, in: Neulateinisches Jahrbuch 1 (1999), S. 9—20. Zum Kontext die älteren (und im Vergleich zu den jüngeren durchaus ergiebigeren) Sammelbände: Culture et politique en France à l'époque de l'humanisme et de la renaissance, études réunies et présentées par Franco Simone, Torino: Academia delle Scienze 1974; Culture et pouvoir au temps de l'humanisme et de la renaissance, édité par Louis Terreaux, Genève: Slatkine, Paris: Champion 1978, insbes. Teil III: "De François Ier à la fin du siècle". Zum Frankreich der Bürgerkriege auch unter gelehrten- und literaturgeschichtlichem Gesichtspunkt weiterhin grundlegend in der Perspektivik: Roman Schnur: Die französischen Juristen im konfessionellen Bürgerkrieg des 16. Jahrhunderts, ein Beitrag zur Entstehungsgeschichte des modernen Staates. Als herausragende exemplarische biographische Studie die neue Arbeit von Beatrice Nicollier-de Weck: Hubert Languet (1518—1581), un réseau politique international de Melanchthon à Guillaume d'Orange, Genf: Droz 1995 (Travaux d'Humanisme et Renaissance, Vol. 293). Vgl. jetzt auch die Sammlung der durchweg einschlägigen Arbeiten von Myriam Yardeni, Repenser l'histoire, aspects de l'historiographie huguenote des guerres de religion à la Révolution française, Paris: Champion 2000. Dazu als neuere Monographien: Olivier Christin, Une révolution symbolique, l'iconoclasme huguenot et la reconstruction catholique, Paris: Les Editions de Minuit 1991 (Le Sens commun); ders.: La paix de religion (Anm. 3). Eine Untersuchung von der Statur des Werkes von Erich Haase, Einführung in die Literatur des Refuge, der Beitrag der französischen Protestanten zur Entwicklung analytischer Denkformen am Ende des 17. Jahrhunderts, Berlin: Duncker & Humblot 1959, steht zumindest von deutscher Seite für die entscheidende Zeit des französischen Humanismus zwischen der Mitte des 16. und den ersten Jahrzehnten des 17. Jahrhunderts weiterhin aus.— Zur europäischen Sonderrolle der Niederlande zuletzt der ergiebige Sammelband: A Miracle Mirrored, the Dutch Republic in European Perspective, ed. by Karel Davids, Jan Lucassen, Cambridge: University Press 1995, sowie die herausragende Gesamtdarstellung von Horst Lademacher, Die Niederlande, politische Kultur zwischen Individualität und Anpassung, Berlin: Propyläen 1993 (Propyläen Geschichte Europas, Ergänzungsband [1]), jeweils mit weiterer Literatur. Zur europäischen Orientierung der niederländischen nobilitas literaria besonders ergiebig: Leiden University in the Seventeenth Century, an Exchange of Learning, hrsg. von Th. H. Lunsingh Scheurleer, G.H.M. Posthumus Meyjes, Leiden: Brill 1975. Dazu die bekannte ältere Arbeit von Heinz Schneppen: Niederländische Universitäten und deutsches Geistesleben, von der Gründung der Universität Leiden bis ins späte 18. Jahrhundert, Münster: Aschendorff 1960 (Neue Münstersche Beiträge zur Geschichtsforschung, Band 6). Die literarischen Verhältnisse skizziert bei Ulrich Bornemann: Anlehnung und Abgrenzung, Untersuchungen zur Rezeption der niederländischen Literatur in der deutschen Dichtungsreform des siebzehnten Jahrhunderts, Assen, Amsterdam: Van Gorcum 1976 (Respublica Literaria Neerlandica, Band 1). Speziell zu dem konfessionsgeschichtlichen Aspekt vgl. etwa die Arbeit von Hendrik Duits: Van Bartholomeusnacht tot Bataafse opstand, studies over de relatie tussen politiek en toneel in het midden van de zeventiende eeuw, Hilversum: Verloren 1990. Als regionale Studie: Willem Jan Cornelis Buiteendijk: Het calvinisme in de spiegel van den zuidnederlandse literatuur der Contra-Reformatie, Groningen: Wolters 1942. Reiches Material jetzt auch in der großen Studie von Jeron Jansen: Brevitas, beschouwingen over de beknoptheid van vorm en stijl in de renaissance, Band I—II, Hilversum: Verloren 1995.— Für England um 1600 und seine kontinentalen, über die Niederlande verlaufenden Beziehungen grundlegend die Arbeiten von van Dorsten und Forster. Vgl. J.A. van Dorsten: Poets, Patrons, and Professors, Sir Philip Sidney, Daniel Rogers and the Leiden Humanists, Leiden: University Press; London: Oxford University Press 1962 (Publications of the Sir Thomas Browne Institute Leiden, General Series, Vol. 2); ders.: The Anglo-Dutch Renaissance, Seven Essays, ed. by J. van den Berg, Alastair Hamilton, with [Memorial] Contributions by A.G.H. Bachrach, Roy Strong, Leiden etc.: Brill 1988 (Publications of the Sir Thomas Browne Institute Leiden, New Series, Vol. 10). Vgl. auch den wichtigen, von van Dorsten herausgegebenen Sammelband: Ten Studies in Anglo-Dutch Relations, Leiden: University Press; London: Oxford University Press 1974 (Publications of the Thomas Browne Institute Leiden, General Series, Vol. 5). Hinzuzunehmen Leonard Forster: Janus Gruters English Years, Studies in the Continuity of Dutch Literature in Exile in Elizabethan England, Leiden: University Press; London: Oxford University Press 1967 (Publications of the Sir Thomas Browne Institute Leiden, Special Series, Vol. 3). Dazu der schöne Artikel von Forster: Die Festlichkeiten bei der Trauung Friedrichs von der Pfalz, in: Anglia 62 (1938), S. 362—367. Aus der neueren Literatur einschlägig: James D. Boulger: The Calvinist Temper in English Poetry, The Hague: Mouton; Berlin, New York: De Gruyter 1980 (De Proprietatibus litterarum, Series Maior, Vol. 21); Jonathan Goldberg: James I. and the Politics of Literature, Baltimore, London: The Johns Hopkins University Press 1983. Zum lateinischen Milieu die großartige materialintensive Studie von J.W. Binns: Intellectual Culture in Elizabethan and Jacobean England, the Latin Writing of the Age, Leeds: Francis Cairus 1990 (Arca, Classical and Medieval Texts, Papers and Monographs, Vol. 24). Vgl. jetzt auch mit weiterer Literatur Dana F. Sutton: The Queen's Latin, in: Neulateinisches Jahrbuch 2 (2000), S. 233—240. Dazu die beiden klassischen Studien von Elkin Calhoun Wilson: England's Eliza, Cambridge/Mass.: Harvard University Press 1939 (Harvard Studies in English, Vol. 20) ("England's Eliza is a study of the idealization of Queen Elizabeth in the poetry of her age." (Preface)); Frances A. Yates: Astraea, the Imperial Theme in the Sixteenth Century, London, Boston: Routledge & Paul 1975. Zur Rhetorik im Umkreis Elisabeth I: Catherine Bates: The Rhetoric of Courtship in Elizabethan Language and Literature, Cambridge: University Press 1992. Zum nationalliterarischen Kontext David Norbrook: Poetry and Politics in the English Renaissance, London etc.: Routledge & Paul 1984; Andrew Hadfield: Literature, Politics and National Identity, Reformation to Renaissance, Cambridge: University Press 1994, jeweils mit eigenen Kapiteln zu Sidney und Spenser. Vgl. auch die Einleitung zu Claire McEadern: The Poetry of English Nationhood, 1590—1612, Cambridge: University Press 1996. Zum kulturhistorischen Kontext: A Companion to English Renaissance Literature and Culture, ed. by Michael Haltaway, Oxford: Blackwell 2000. Als synchroner Querschnitt äußerst anregend: Werner Habicht: Texte und Kontexte der englischen Literatur im Jahr 1595, München 1995 (Sitzungsberichte der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Philosophisch-Historische Klasse, Jahrgang 1995, Heft 6) (wiederum mit instruktiven Sidney- und Spenser-Abschnitten).

[9] Die Ausführungen zu Heidelberg und der Pfalz wie die nachfolgenden zu Breslau und Schlesien auf der Basis einer noch unveröffentlichten Biographie über Martin Opitz. Die entsprechende Literatur zusammengeführt in einem ersten Umriß in Klaus Garber: Martin Opitz, in: Deutsche Dichter des 17. Jahrhunderts, ihr Leben und Werk, hrsg. von Benno von Wiese, Harald Steinhagen, Berlin: Schmidt 1986, S. 116—184. Hier die auf Heidelberg bezügliche Literatur S. 172 f., Anm. 19—27. Die entscheidenden Fortschritte haben sich seither auf editorischem Gebiet abgespielt. Vgl. neben den unten zitierten Ausgaben vor allem: Parnassus Palatinus, humanistische Dichtung in Heidelberg und der alten Kurpfalz, lateinisch-deutsch, hrsg. von Wilhelm Kühlmann, Hermann Wiegand, Heidelberg: Manutius 1989; Humanistische Lyrik des 16. Jahrhunderts, lateinisch und deutsch, in Zusammenarbeit mit Christof Bodamer, Lutz Claren, Joachim Huber, Veit Probst, Wolfgang Schibel und Werner Straube ausgew., übers., erläutert und hrsg. von Wilhelm Kühlmann, Robert Seidel, Hermann Wiegand, Frankfurt a.M.: Deutscher Klassiker Verlag 1997 (Bibliothek der Frühen Neuzeit, Band 5). Hier das für Heidelberg einschlägige Melissus-Kapitel, S. 753—861, mit den Kommentaren und der wissenschaftlichen Literatur, S. 1395—1483. Dazu die grundlegende Abhandlung von Dieter Mertens und Theodor Verweyen: Zu Heidelberger Dichtern von Schede bis Zincgref, in: Zeitschrift für deutsches Altertum und deutsche Literatur 103 (1974), S. 200—241, fortgeführt in: Theodor Verweyen: Zwischenbericht über die Ausgabe der 'Gesammelten Schriften' Zincgrefs, in: Literatur und Kultur im deutschen Südwesten zwischen Renaissance und Aufklärung, Neue Studien, Festschrift Walter Ernst Schäfer, hrsg. von Wilhelm Kühlmann, Amsterdam, Atlanta/Ga: Rodopi 1995 (Chloe, Beihefte zum Daphnis, Band 22), S. 185—218. Weitere essentielle Fortschritte dürften erst mit der Erschließung der Heidelberger Gelegenheitsdichtung um 1600 zu erwarten sein, die nach der Zerstreuung der Palatina selbst nur durch gezielten Einbezug der maßgeblichen Sammelzentren in Heidelberg selbst (u.a. Kollektion Mays), sodann im Westen in Straßburg, Basel und London, im Osten in Danzig und St. Petersburg sowie über die gleichfalls zersplitterten großartigen Bestände der Deutschen Staatsbibliothek zu Berlin (Sammlung Meusebach) zu erzielen sein dürften. Hier wartet auf die Heidelberger "Sodalitas Neccaro-Rhenana" und ihren geistigen Kopf eine schwerlich noch lange aufzuschiebende Aufgabe.

[10] Die einschlägige Schlesien-Literatur zusammengezogen in der erwähnten Opitz-Abhandlung des Verfassers, hier S. 170 f., Anm. 5—10. Als neuere Gesamtdarstellung jetzt vor allem aus dem deutschsprachigen Raum: Deutsche Geschichte im Osten Europas, Schlesien, hrsg. von Norbert Conrads, Berlin: Siedler 1994 (mit reichhaltiger Bibliographie; im literarhistorischen Kapitel des Hrsg. selbst, freilich ohne Kenntnis grundlegender Arbeiten). Jetzt auch prägnant: Schlesien und die Schlesier, hrsg. von Joachim Bahlcke, München: Langen Müller 2000. Vgl. auch ders.: Regionalismus und Staatsintegration im Widerstreit, die Länder der Böhmischen Krone im ersten Jahrhundert der Habsburgherrschaft (1526—1619), München: Oldenbourg 1994 (Schriften des Bundesinstituts für Ostdeutschen Kultur und Geschichte, Band 3). Zur historiographischen Situation die reichhaltige Festschrift für Norbert Conrads: Silesiographia, Stand und Perspektiven der historischen Schlesienforschung, hrsg. von Matthias Weber, Carsten Rabe, Würzburg: Verein für Geschichte Schlesiens 1998 (Wissenschaftliche Schriften des Vereins für Geschichte Schlesiens, Band 4). Die neuere Literatur jetzt jeweils leicht greifbar zusammengeführt in der mit Berichtsjahr 1994 einsetzenden deutsch-polnischen Gemeinschaftsbibliographie des Zentrums für schlesisch-böhmische Forschungen der Universität Breslau und des Herder-Instituts Marburg.

[11] Zu der Konfessions- wie der Schulgeschichte Schlesiens im 16. Jahrhundert und speziell den Affinitäten zum Calvinismus bleiben grundlegend die Werke von Gillet und Bauch. Vgl. J.F.A. Gillet: Crato von Craftheim und seine Freunde, ein Beitrag zur Kirchengeschichte, Band I—II, Frankfurt a.M.: Brönner 1860; Gustav Bauch: Geschichte des Breslauer Schulwesens vor der Reformation, Breslau: Hirt 1909 (Codex Diplomaticus Silesiae, Band 25); ders.: Geschichte des Breslauer Schulwesens in der Zeit der Reformation, Breslau: Hirt 1911 (Codex Diplomaticus Silesiae, Band 26); ders.: Valentin Trozendorf und die Goldberger Schule, Berlin: Weidmann 1921 (Monumenta Germaniae Paedagogica, Band 57). Zur Präsenz des Erasmus in Schlesien: Gerhard Eberlein: Melanchthon und seine Beziehungen zu Schlesien, in: Correspondenzblatt des Vereins für Geschichte der evangelischen Kirche Schlesiens 6 (1898) Heft 1, S. 76—101. Die neuere Literatur jetzt zusammengeführt in dem Artikel Schlesien von Franz Machilek in: Die Territiorien des Reichs im Zeitalter der Reformation und Konfessionalisierung, Land und Konfession 1500—1650, hrsg. von Anton Schindling, Walter Ziegler, Band II: Der Nordosten, Münster: Aschendorff 1990 (Katholisches Leben und Kirchenreform im Zeitalter der Glaubensspaltung, Band 50), S. 102-138.

[12] Das landeskundliche Schrifttum vor allem herangezogen in den vielen wichtigen Arbeiten Fleischers zum Späthumanismus, insbesondere in Manfred P. Fleischer: Silesiographia, the Rise of a Regional Historiography, in: Archiv für Reformationsgeschichte 69 (1978), S. 219-247, wieder abgedruckt in ders.: Späthumanismus in Schlesien, ausgewählte Aufsätze, München: Delp 1984 (Silesia, Band 32), S. 47—91. Vgl. auch Hans-Bernd Harder: Die Landesbeschreibung in der Literatur des schlesischen Frühhumanismus, in: Landesbeschreibungen Mitteleuropas vom 15. bis 17. Jahrhundert, hrsg. von Hans-Bernd Harder, Köln, Wien: Böhlau 1982 (Schriften des Komitees der Bundesrepublik Deutschland zur Förderung der Slawischen Studien, Band 5), S. 29—48. Das bio-bibliographische Schrifttum, das fast ausschließlich handschriftlich vorliegt, ist in den maßgeblichen Werken, soweit sie den Krieg überstanden haben, für das Osnabrücker Institut für Kulturgeschichte der Frühen Neuzeit komplett verfilmt worden und wird derzeit ausgewertet. Der (nach dem immer noch unbearbeiteten Caspar Cunrad) wichtigste Kompilator Henel von Hennefeld rückt derzeit auch anderwärts ins Blickfeld. Vgl. Wojciech Mrozowicz: Handschriften von und über Nikolaus Henel von Hennenfeld in der Universitätsbibliothek Breslau, in: Die oberschlesische Literaturlandschaft im 17. Jahrhundert, hrsg. von Gerhard Kosellek, Bielefeld: Aisthesis 2001 (Tagungsreihe der Stiftung Haus Oberschlesien, Band 11), S. 269—315; Wolfgang Kessler: Nikolaus Henel als Historiograph, in: Oberschlesische Dichter und Gelehrte vom Humanismus bis zum Barock, hrsg. von Gerhard Kosellek, Bielefeld: Aisthesis 2000 (Tagungsreihe der Stiftung Haus Oberschlesien, Band 8), S. 205—219. Das personale Gelegenheitsschrifttum, an keiner Stelle mehr in Blüte als in Schlesien und heute vor allem in der Universitätsbibliothek Breslau, wird von einem Marburger (Funeralia) und einem Osnabrücker Forscherteam erschlossen. Vgl. Katalog ausgewählter Leichenpredigten der ehemaligen Stadtbibliothek Breslau, bearbeitet von Rudolf Lenz, Ralf Berg, Eva-Maria Dickhaut, Sigrid Hubert, Martin Kügler, Marburg/Lahn: Schwarz 1986 (Marburger Personalschriftum-Forschungen, Band 8); Katalog der Leichenpredigten und sonstigen Trauerschriften in oberschlesischen Bibliotheken und Archiven, bearbeitet von Rudolf Lenz, Gabriele Bosch, Eva-Maria Dickhaut, Raphaela Lauf, Hartmut Peter, Jörg Witzel, Stuttgart: Thorbecke 2000 (Marburger Personalschriften-Forschungen, Band 30). Handbuch des personalen Gelegenheitsschrifttums in europäischen Bibliotheken und Archiven, Band 1: Universitätsbibliothek Breslau, Abteilung I: Stadtbibliothek Breslau (Rhedigeriana/St. Elisabeth), Teil I—II, mit einer bibliotheksgeschichtlichen Einleitung und einer kommentierten Bibliographie von Klaus Garber hrsg. von Stefan Anders, Sabine Beckmann, Martin Klöker, Hildesheim etc.: Olms-Weidmann 2001. Das Osnabrücker Projekt wird in den Jahren 2003 und 2004 mit einer Erschließung der außerordentlich reichhaltigen Bestände der ehemaligen Bernhardiner-Bibliothek sowie mit jener der Bibliothek des Magdaleneums fortgesetzt, die wie die Rhedigersche Bibliothek in der Mitte der sechziger Jahre des 19. Jahrhunderts in die Stadtbibliothek eingegangen sind und heute in ihrem Altbestand in der ursprünglichen Anordnung verwahrt werden. Der wesentliche Bestand auch nur der alten Stadtbibliothek wird erst mit der Ausschöpfung der reichhaltigen Genealogica-Sammlung erfaßt sein. Es bleibt zu hoffen, daß sich auch der bislang vergleichsweise schmalen Auswahl des in Breslau verwahrten Funeralschrifttums alsbald weitere Verzeichnisse anschließen.

[13] Grundlegend und immer wieder zu erinnern: Herbert Schöffler: Deutsches Geistesleben zwischen Reformation und Aufklärung, von Martin Opitz zu Christian Wolff, mit einer Vorbemerkung von Eckhard Heftrich, 3. Aufl., Frankfurt a.M.: Klostermann 1974. Fortgeführt von Gottfried Kliesch: Der Einfluß der Universität Frankfurt (Oder) auf die schlesische Bildungsgeschichte, dargestellt an den Breslauer Immatrikulierten von 1506—1648, Würzburg: Holzner 1961 (Quellen und Darstellungen zur schlesischen Geschichte, Band 5), und Otto Bardong: Die Breslauer an der Universität Frankfurt (Oder), ein Beitrag zur schlesischen Bildungsgeschichte 1648—1811, Würzburg: Holzner (1970) (Quellen und Darstellungen zur schlesischen Geschichte, Band 14). Dazu die wichtigen Arbeiten von G. Hecht: Schlesisch-kurpfälzische Beziehungen im 16. und 17. Jahrhundert, in: Zeitschrift für die Geschichte des Oberrheins N.F. 42 (1929), S. 176—222, und Ludwig Petry: Mittelrhein und Schlesien als Brückenlandschaften der deutschen Geschichte, in: Geschichtliche Landeskunde und Universalgeschichte, Festgabe Hermann Aubin.- o.O., 1950, S. 205—216. Vgl. in diesem Kontext schließlich auch die wichtig gebliebenen älteren Arbeiten von Paul Pfotenhauer: Schlesier als Rectoren der Universität Leipzig in dem ersten Jahrhunderte ihres Bestehens, in: Zeitschrift des Vereins für Geschichte und Alterthum Schlesiens 17 (1883), S. 177—229; ders.: Schlesier als kaiserliche Pfalzgrafen und schlesische Beziehungen zu auswärtigen Pfalzgrafen, in: Zeitschrift für Geschichte und Alterthum Schlesiens 26 (1892) 319—363. Als überzeugende Synopse von historischer Seite: Matthias Weber: Das Verhältnis Schlesiens zum Alten Reich in der frühen Neuzeit, Köln etc.: Böhlau 1992 (Neue Forschungen zur schlesischen Geschichte, Band 1).

[14] Dazu nach der eindrucksvollen bibliographischen Erschließung durch Hejnic und Martínek (Enchiridion renatae poesis Latinae in Bohemia et Moravia cultae, opus ab Antonio Truhlar et Carolo Hrdina inchoatum Josef Hejnic et Jan Martinek continuaverunt, Vol. I—V, Prag: Academia 1966—1982 [mit Erschließung aller Beiträger; es fehlen noch die Registerbände]) jetzt weiterführend: Studien zum Humanismus in den böhmischen Ländern, hrsg. von Hans-Bernd Harder und Hans Rothe unter Mitwirkung von Jaroslav Kolar und Slavomir Wollman, Teil I—III, Köln etc.: Böhlau 1988—1993 (Bausteine zur Geschichte der Literatur bei den Slaven, Band 29; Schriften des Komitees der Bundesrepublik Deutschland zur Förderung der slavischen Studien, Band 11, 13, 17); Später Humanismus in der Krone Böhmen, 1570—1620, Studien zum Humanismus in den böhmischen Ländern, Teil IV, hrsg. von Hans-Bernd Harder und Hans Rothe unter Mitwirkung von Jaroslav Kolar und Slavomir Wollman, Dresden: University Press 1998 (Schriften zur Kultur der Slaven, N.F. der Maisk-Schriften, Band 3 (22)). Insbesondere die Beiträge des letzten Bandes durchweg einschlägig für die hier nur eben angesprochenen Probleme, auch unter dem Gesichtspunkt des Verhältnisses zwischen dem Lateinischen und Tschechischen auf der Wende vom 16. zum 17. Jahrhundert. Leider nicht angemessen berücksichtigt die Arbeiten von Erich Trunz und seinen Prager Schülerinnen und Schüler, deren Arbeiten nur in den knappen Auszügen des Prager Jahrbuchs (1943) von Harder benutzt werden. Vgl. Erich Trunz: Wissenschaft und Kunst im Kreise Kaiser Rudolfs II. 1576—1612, Neumünster: Wachholtz 1992, hier insbesondere die Kapitel "Die neulateinische Dichtung", S. 86 ff. und "Die deutsche Dichtung", S. 96 ff., mit den reichhaltigen und weiterführenden Anmerkungen S. 152 ff. Wichtig insbesondere die Arbeit von Raissa Schkelenko: Die deutschen Neulateiner am Hofe Rudolfs II. in Prag, Diss. phil. Prag 1943 (masch.) [Kopie in der Bibliothek des Frühneuzeit-Instituts Osnabrück]. Eine große neue Arbeit zu Theobald Hoeck fehlt. Die insgesamt spärliche Literatur bei Kosch (3III,1294); Pyritz/Bölhoff (II,341 ff.) und Killy (V, 375 f. mit einschlägigem Eintrag Kühlmanns); die tschechische Literatur (auch zu den Rosenbergs) in der wichtigen Arbeit von Václav Buzek: Die Quellen der tschechisch-deutschen Zweisprachigkeit in den böhmischen und österreichischen Ländern im 16. und zu Beginn des 17. Jahrhunderts, im erwähnten vierten Band zum Humanismus in den böhmischen Ländern (1998), S. 121—130, Anm. 11. Peter Wok von Rosenberg, in dessen Diensten Hoeck stand, pflegte eine große Bibliothek, in der die deutschsprachige Literatur des 16. Jahrhunderts reichhaltig vortreten war. Diese Information bei Václav Bok: Zur Vertretung der deutschsprachigen Literatur in der Bibliothek der Herren von Rosenberg, in: Studien zum Humanismus in den böhmischen Ländern [Band II], S. 49—55. Deutsch ist demnach (nach dem Lateinischen) die zweithäufigste Sprache unter den nachweisbaren Titeln.— Zum Kontext die grundlegenden Arbeiten von Winfried Eberhard: Konfessionsbildung und Stände in Böhmen 1478—1530, München etc. Oldenbourg 1981 (Veröffentlichungen des Collegium Carolinum, Band 38), und: Monarchie und Widerstand, zur ständischen Oppositionsbildung im Herrschaftssystem Ferdinands I. in Böhmen, München: Oldenbourg 1985 (Veröffentlichungen des Collegium Carolinum, Band 54), sowie Joachim Bahlcke: Regionalismus und Staatsintegration (Anm. 10), ders.: Konföderation und Widerstand, die politischen Beziehungen der böhmischen und mährischen Ständegemeinde vom Bruderzwist bis zum Aufstand gegen Habsburg (1608—1619), in: Folia-Historica Bohemica 13 (1990), S. 235—288. Zuletzt in dem vierten Band der Studien zum böhmischen Späthumanismus der aus neu erschlossenen Quellen gearbeitete Beitrag von Inge Auerbach: Maximilian II. und Rudolf II. als böhmische Könige, die böhmischen Stände und das Problem von Reformation und Gegenreformation in Böhmen, S. 17—55. Zum politischen Kontext mit der gesamten Literatur: Frank Müller: Kursachsen und der Böhmische Aufstand 1618—1622, Münster: Aschendorff 1997 (Schriftenreihe der Vereinigung zur Erforschung der Neueren Geschichte, Band 23).

[15] Eine dringend benötigte Biographie zu Scultetus als einer Schlüsselgestalt des schlesischen Späthumanismus neben Monau, Cunrad, Dornau etc. fehlt. Zu vergleichen demnächst eine Abhandlung des Verfassers: "Daphnis, ein unbekanntes Epithalamium und eine wiederaufgefundene Ekloge von Martin Opitz in einem Sammelband des schlesischen Gymnasium Schoenaichianum zu Beuthen an der Oder in der litauischen Universitätsbibliothek zu Vilnius" in dem erwähnten Sammelband zur Kulturgeschichte Schlesiens in der Frühen Neuzeit. Sein Name fehlt in der ADB und NDB sowie den einschlägigen literaturwissenschaftlichen bio-bibliographischen Nachschlagewerken. Das bislang eingehendste verbirgt sich in einer Anmerkung bei Ernst Koch: Böhmische Edelleute auf dem Görlitzer Gymnasium und Rektor Dornavius, in: Neues Lausitzisches Magazin 93 (1917), S. 1—48, S. 31 f. Auf die richtige Opitz-Spur führte ein Bibliophiler, der eine einzig dastehende Barocksammlung zusammenbrachte. Vgl. Curt von Faber du Faur: Der Aristarchus: Eine Neubewertung, in: Publications of the Modern Language Association of America 69 (1954), S. 566—590. Zu diesem in Beuthen unter den Augen von Dornau entstandenen Schlüsseltext und seinen Voraussetzungen vgl. die drei einschlägigen Äußerungen von Kühlmann: Gelehrtenrepublik und Fürstenstaat (Anm. 1), S. 262 ff.; Heinz Entner: Der Weg zum "Buch von der Deutschen Poeterey", humanistische Tradition und poetologische Voraussetzungen deutscher Dichtung im 17. Jahrhundert, in: Studien zur deutschen Literatur im 17. Jahrhundert, Berlin/DDR, Weimar: Aufbau 1984, S. 11—144, S. 96 ff.; Garber: Martin Opitz (Anm. 9), S. 134 ff. Zu dem Anreger Dornau jetzt erschöpfend Robert Seidel: Späthumanismus in Schlesien, Caspar Dornau (1577—1631), Leben und Werk, Tübingen: Niemeyer 1994 (Frühe Neuzeit, Band 20). Hier S. 230 ff. ein großes Beuthen-Kapitel unter stetigem Bezug auf die noch unpublizierte Studie des Verfassers. Hinzuzunehmen Siegfried Wollgast: Zum Schönaichianum in Beuthen an der Oder, in: Jahrbuch der schlesischen Friedrich-Wilhelms-Universität zu Breslau 35 (1994), S. 63—103. Der Breslauer und Beuthener Kreis neben den Sammelbänden des Gelegenheitsschrifttums und den gelehrten Kollektaneen im "Schicksalsjahr" 1620 am besten greifbar in den Beiträgen auf den "Winterkönig" in den Flugschriften und sonstigen Gelegenheitsarbeiten. Sie sind unter der Signatur Yb vereinigt und in der hervorragend gearbeiteten Bibliographie von Heinrich Wendt: Katalog der Druckschriften über die Stadt Breslau, hrsg. von der Verwaltung der Stadtbibliothek, Breslau: Morgenstern 1903, Nachträge 1915, im Kapitel "Ortsgeschichtliche Schriften" im einzelnen erschlossen. Das gesamte Schrifttum, sofern erhalten, ist zwischenzeitlich verfilmt worden und in der Bibliothek des Osnabrücker Frühneuzeit-Instituts vorhanden. Vgl. auch Karl Bruchmann, Die auf den ersten Aufenthalt des Winterkönigs in Breslau bezüglichen Flugschriften der Breslauer Stadtbibliothek, ein Beitrag zur Quellenkunde des dreißigjährigen Krieges, Programm Breslau 1904/1905.

[16] Dazu die oben Anm. 9 zitierte Literatur. Eine dringend benötigte Lingelsheim-Biographie fehlt. Die Voraussetzungen dafür jetzt geschaffen mit der Osnabrücker Dissertation von Axel E. Walter: Späthumanismus und Konfessionspolitik, Georg Michael Lingelsheim und sein Korrespondentenkreis (demnächst in der Reihe "Frühe Neuzeit" des Niemeyer-Verlages). Zu Weckherlin unter biographischen und kontextuellen Gesichtspunkten grundlegend die Arbeiten Forsters, teilweise eingegangen in die in Anm. 1 zitierte Sammlung der Schriften Forsters zur Literatur des 17. Jahrhunderts. Hinzuzunehmen die Baseler Dissertation Forsters aus dem Jahr 1944, die ausführliche Kapitel zu den Jugend- und Reisejahren sowie zu Weckherlins Stellung als Hofpoet am Württemberger Hof enthält: Georg Rudolf Weckherlin, zur Kenntnis seines Lebens in England, Diss. phil. Basel 1944 (Basler Studien zur deutschen Sprache und Literatur, Band 2). Die beste Anschauung des höfischen Weckherlin bietet die reichhaltige Dokumentation: Stuttgarter Hoffeste, Texte und Materialien zur höfischen Repräsentation im frühen 17. Jahrhundert, hrsg. von Ludwig Krapf, Christian Wagenknecht, Tübingen: Niemeyer 1979 (Neudrucke deutscher Literaturwerke, N.F. Band 26). Für Zincgref vor allem heranzuziehen die reichhaltigen Beigaben und Kommentare in der vorbildlich von Dieter Mertens und Theodor Verweyen besorgten historisch-kritischen Edition seiner Schriften, von der die Bände II (Emblemata ethico-politica, 1993) und III (Facetiae pennalium, 1978) im Rahmen der "Neudrucke deutscher Literaturwerke" vorliegen. Vgl. auch Theodor Verweyen: Zwischenbericht über die Ausgabe der "Gesammelten Schriften" Zincgrefs, in: Literatur und Kultur im deutschen Südwesten zwischen Renaissance und Aufklärung, neue Studien, hrsg. von Wilhelm Kühlmann, Amsterdam etc.: Rodopi 1995 (Chloe, Beihefte zum Daphnis, Band 22), S. 185—218. Dazu die eingehende Dokumentation von Hans-Henrik Krummacher: Laurea doctoralis Julii Guilielmi Zincgrefii (1620), ein Heidelberger Gelegenheitsdruck für Julius Wilhelm Zincgref mit einem unbekannten Gedicht von Martin Opitz, in: Opitz und seine Welt (Anm. 17), S. 287—349.

[17] Eine Arbeit, die den inneren Zusammenhang des Opitzschen Werkes, also seine Morphologie, überzeugend nachzeichnen würde, existiert bislang nicht. Auch seine erste Gedichtsammlung aus den Jahren 1624 bzw. 1625 ist in ihrer Struktur bislang nicht zureichend erschlossen. Desgleichen fehlt eine große neue Arbeit zu seiner neulateinischen Lyrik und ein Vergleich mit der gleichzeitigen deutschsprachigen Produktion. Die auch in der Opitz-Philologie florierende Produktion gelehrter Sammelbände kann und darf diesen eklatanten Mangel nicht vergessen machen. Vgl. Martin Opitz, Studien zu Werk und Person, hrsg. von Barbara Becker-Cantarino, Amsterdam, Atlanta/Ga: Rodopi 1982 (Daphnis, Band 11, Heft 3); Opitz und seine Welt, hrsg. von Barbara Becker-Cantarino, Jörg-Ulrich Fechner, Amsterdam, Atlanta/Ga: Rodopi 1990 (Chloe, Beihefte zum Daphnis, Band 10); Martin Opitz (1597—1639), Nachahmungspoetik und Lebenswelt, hrsg. von Thomas Borgstedt, Walter Schmitz, Tübingen: Niemeyer 2002 (Frühe Neuzeit, Band 63). Am dringlichsten bleibt der Abschluß der von George Schulz-Behrend vor nunmehr 35 Jahren ins Leben gerufenen Opitz-Ausgabe, deren vierter, bis an das Jahr 1630 heranführender Band im Jahr 1990 erschien. Zu ihrer gediegenen chronologischen Anlage unter voller Berücksichtigung der lateinischen Produktion dürfte es keine Alternative geben. Zu leisten bleibt freilich die Edition der Briefe von und an Opitz, die soeben in einem verdienstvollen Repertorium versammelt wurden. Vgl. Claus Conermann, Andreas Herz unter Mitarbeit von Olaf Ahrens: Der Briefwechsel des Martin Opitz, ein chronologisches Repertorium, in: Wolfenbütteler Barock-Nachrichten 28 (2001), S. 3—133. Eine kommentierte zweisprachige Edition Opitius latinus hat Hans-Gert Roloff vor Jahren initiiert, die angesichts der Schwierigkeiten der zu bewältigenden Aufgaben naturgemäß nur langsam voranschreitet. Alle drei vorbereitenden Arbeitsschritte müßten im Grunde genommen absolviert sein, bevor an eine große Biographie gedacht werden kann, wie sie einer repräsentativen Figur des deutschen Späthumanismus von der Statur eines Martin Opitz natürlich zusteht. Sie würde tief hineinführen in das Zeitalter des Konfessionalismus und der frühmodernen Staatsbildung und selbstverständlich nur im europäischen Rahmen mit Böhmen, Polen und Siebenbürgen im Osten, Frankreich, den Niederlanden und England im Westen ständig im Blick angemessen zu entfalten sein — genau so wie Opitzens Freund, Weggefährte und erster Biograph Christoph Colerus dies mit seiner großen Rede im Magdaleneum zu Breslau im Todesjahr Opitzens 1639 bereits vorgab. Dazu die drei umfassenderen Arbeiten von Marian Szyrocki: Martin Opitz, Berlin/DDR: Rütten & Loening 1956 (Neue Beiträge zur Literaturwissenschaft, Band 4) (die 2.,überab. Aufl., München: Beck 1974, um den wichtigen dokumentarischen Anhang gekürzt!); Garber: Martin Opitz (Anm. 9); Wilhelm Kühlmann: Martin Opitz, deutsche Literatur und deutsche Nation, Herne 1991 (Martin-Opitz-Bibliothek Herne, Schriften, Band 1), 2., durchges. und erw. Aufl., Heidelberg: Manutius 2001.

[18] Es spiegelt sich darin jedoch nur der Umstand, daß wir so wie für diese fruchtbarste späthumanistische Literaturlandschaft so auch für die meisten anderen Regionen bislang kaum qualifizierte Hilfsmittel oder gar Darstellungen besitzen. Insbesondere der Kontinent des lyrischen Schrifttums harrt der Aufarbeitung, wie sie eben durch die erwähnte Erschließung und Bereitstellung der Gelegenheitsdichtung aller Spielarten vorbereitet wird. Die kurrenten Literaturgeschichten stehen dem Phänomen hilflos gegenüber. Vgl. Hans Heckel: Geschichte der deutschen Literatur in Schlesien, Band I: Von den Anfängen bis zum Ausgange des Barock, Breslau: Ostdeutsche Verlagsanstalt 1929 (Einzelschriften zur Schlesischen Geschichte, Band 2), S. 76 ff.: "Die schlesische Hochrenaissance und die Anfänge der Reformation"; S. 109 ff: "Die Dichtung im Reformationsjahrhundert", S. 115 ff. zur neulateinischen Dichtung im Kontext des sich etablierenden Schulwesens; ein eigenes Kapitel zur späthumanistischen neulateinischen Dichtung fehlt, die Namen Dornaus oder Exners sucht man bei Heckel vergeblich, produktivste Geister wie Cunrad oder Henel werden mit dürftigsten Worten gestreift; das Kapitel "Spätrenaissance" bleibt für den lateinischsprachigen Bereich ein weißer Fleck. Damit kann das Kapitel "Übergreifen der Renaissance auf die Dichtung in deutscher Sprache: Martin Opitz" (S. 179 ff.) nicht zureichend bearbeitet werden. Arno Lubos: Geschichte der Literatur Schlesiens, Band I—III, München: Korn 1960—1974, führt schon in der ersten Auflage des ersten Bandes ein Kapitel "Späthumanismus" mit einem Abschnitt "Althumanistische Bildung", das einschließlich der humanistischen Schulen auf ein wenig mehr als sechs Seiten (S. 83—89) behandelt wird. Das Gebirge der neulateinischen Gelegenheitsdichtung wird nicht betreten. In der Neuauflage des ersten Bandes (Teil I: Von den Anfängen bis ca. 1800, Würzburg: Korn 1995) ist auch das Kapitel "Späthumanismus" überarbeitet und erweitert, das Kapitel "Lateinische Dichtung" selbst umfaßt weiterhin nur fünf Seiten (S. 101 ff.), und auch in dem Kapitel "Zwischen Humanismus und Barock" ist die neulateinische Matrix, auf der die deutsche Dichtung erwächst, nicht entfaltet. Die in diesen Zusammenhang gehörige frühere Arbeit von Lubos: Der Späthumanismus in Schlesien, in: Jahrbuch der schlesischen Friedrich-Wilhelms-Universität zu Breslau 2 (1957), S. 107—147, folgt den Grundlinien der Literaturgeschichte. Vermutlich wird das große Kapitel erst nach Vorliegen der entsprechenden Osnabrücker Mikrofiche-Editionen und der sie begleitenden Kataloge im Olms-Verlag zu schreiben sein. Als ergiebige Spezialstudie vgl. Heinz Entner: Martin Opitz und der Späthumanismus, in: Acta Litteraria Academiae Scientiarum Hungaricae 26 (1984), S. 47—59.

[19] Das ist in der erwähnten, noch unpublizierten Arbeit "Daphnis" (Anm. 15) gezeigt worden, die eingehen wird in einen Band zur Kulturgeschichte Schlesiens in der Frühen Neuzeit, der für die Territorien des alten deutschen Sprachraums des Ostens im Rahmen wiederum der Reihe "Frühe Neuzeit" des Niemeyer-Verlages vorbereitet wird. Eine Untersuchung der Opitzschen Liebesdichtung unter diesen oder verwandten Gesichtspunkten steht aus. Förderliches bei Kühlmann: Noch deutlicher als bei Opitz tritt bei einem Nachfolger wie dem Wedeler Pfarrer Johann Rist diese bisher kaum wahrgenommene Ethisierung des Petrarkismus hervor. Vgl. Klaus Garber: Pétrarquisme pastoral et bourgeoisie protestante, la poésie pastorale de Johann Rist et Jakob Schwieger, in: Le genre pastoral en Europe du XVe au XVIIe siècle, édité par Claude Longeon, Saint-Etienne: Université de Saint-Etienne 1980 (Centre d'Etudes de la Renaissance et de l'Age Classique), S. 269—297. Verwandtes ist für Fleming schon von Pyritz und Alewyn gezeigt worden. Es wäre von erheblichem Interesse nach womöglich parallelen Zügen in der neulateinischen petrarkistischen Lyrik zu fragen.

[20] Vgl. mit Blick auf Opitz Christian Gellinek: Wettlauf um die Wahrheit der christlichen Religion, Martin Opitz und Christoph Köler als Vermittler zweier Schriften des Hugo Grotius über das Christentum (1631), in: Simpliciana 2 (1980), S. 71—89, eingegangen in die wichtige Sammlung von Gellinek: Pax optima rerum, Friedensessays zu Grotius und Goethe, New York etc.: Lang 1984 (Germanic Studies in America, Vol. 49), S. 55—65. Zum Kontext die schöne Arbeit von Manfred Fleischer: Die schlesische Irenik: Unter besonderer Berücksichtigung der Habsburger Zeit, in: Jahrbuch für schlesische Kirchengeschichte N.F. 55 (1976), S. 87—107. Vgl. auch Karol Glombiowski: Über die Verbreitung der Schriften des Erasmus von Rotterdam in Schlesien in der Zeit der Renaissance, in: Kwartalnik Historii Nauki i Techniki 5 (1960), S. 125—152.

[21] Vgl. die exemplarische Analyse des Opitzschen "Trostgedichtes in Widerwärtigkeit des Krieges" unter diesem leitenden Gesichtspunkt bei Garber: Martin Opitz (Anm. 9), S. 145 ff. Zum Kontext Klaus Garber, A propos de la politisation de l'humanisme tardif européen, Jacques Auguste de Thou et le "Cabinet Dupuy" à Paris, in: Le juste et l'injuste à la Renaissance et à l'âge classique, Actes du colloque international Saint-Etienne 1983, éditiés par C. Lauvergnat-Gagnière, B. Yon, Saint Etienne: Université de Saint-Etienne 1986, S. 157—177. Wesentlich veränderte Fassung unter dem Titel: Paris, die Hauptstadt des europäischen Späthumanismus, Jacques Auguste de Thou und das Cabinet Dupuy, in: Res publica litteraria, die Institutionen der Gelehrsamkeit in der Frühen Neuzeit, hrsg. von Sebastian Neumeister, Conrad Wiedemann, Wiesbaden: Harrassowitz 1987 (Wolfenbütteler Arbeiten zur Barockforschung, Band 14), S. 71—92. Die Analysen der publizistischen Schriften im Umkreis des Winterkönigs im Rahmen einer Opitz-Biographie noch unpubliziert.

[22] Nach einer erstaunlich langen Inkubationsphase belebt sich das Interesse an der Fruchtbringenden Gesellschaft jüngst merklich. Die Grundlinien einer Rekonstruktion der leitenden Prinzipien dieser bei weitem wichtigsten kulturpolitischen Vereinigung des 17. Jahrhunderts vermutlich erstmals vom Verfasser: Zentraleuropäischer Calvinismus und deutsche "Barock"-Literatur, zu den konfessionspolitischen Ursprüngen der deutschen Nationalliteratur, in: Die reformierte Konfessionalisierung — das Problem der "Zweiten Reformation", hrsg. von Heinz Schilling (Schriften des Vereins für Reformationsgeschichte, Band 195), S. 307—348, S. 341 ff. Diese Maximen standen hinter dem immer wiederholten und vornehmlich in Wolfenbüttel vorgetragenen Plädoyer, die Quellen aus dem Umkreis dieser weit über den Rahmen einer "Sprachgesellschaft" herausführenden Sozietät über die vorliegenden Editionen hinaus zugänglich zu machen. Das geschieht inzwischen in seinerzeit nicht zu erhoffenden Größenordnungen auf vorbildliche Weise (merkwürdigerweise unter einem schwerlich den Punkt treffenden Titel): Die deutsche Akademie des 17. Jahrhunderts — Fruchtbringende Gesellschaft, hrsg. von Martin Bircher und Klaus Conermann, im Niemeyer-Verlag (Tübingen). Von dem in zwei Reihen (Briefe — Dokumente und Darstellungen) und drei lokale Zentren gemäß Sitz des Ordenspräsidenten (Köthen, Weimar und Halle) gegliederten Werk liegen inzwischen sechs Bände vor, zwei Briefbände aus der Köthener Zeit (1617—1626, 1627—1629), ein Band mit den Gesellschaftsbüchern (1622, 1624, 1628) und ein Akademie-Diskurs Johann Baptist Gellis aus dem Jahr 1619 in italienischer und zeitgenössischer deutscher Version, sowie ein Band mit Briefen aus den Hallenser Jahren 1667—1680 und zwei Bände mit Zeugnissen der preußischen und süddeutsch-österreichischen Mitglieder der Gesellschaft, gleichfalls aus der späteren Phase. Dazu jetzt erstmals ein Sammelwerk mit einem nun wirklich ins Zentrum treffenden charakterisierenden Gesellschaftsnamen, das die ältere Literatur einschließt, die deshalb hier nicht zu wiederholen ist: Die Fruchtbringer — eine Teutschherzige Gesellschaft, hrsg. von Klaus Manger, Heidelberg: Winter 2001 (Jenaer Germanistische Forschungen, N.F. Band 10). Dazu aus dem Kontext zuletzt: Günther Hoppe: Zur anhaltischen Behördengeschichte im frühen 17. Jahrhundert und zum "persönlichen Regiment" des Fürsten Ludwig von Anhalt-Köthen in der Frühzeit seiner Regierung (bis zur Cabinetordnung von 1612), in: Mitteilungen des Vereins für Anhaltische Landeskunde 4 (1995), S. 113—142.

[23] Dazu die beiden aufeinander abgestimmten Arbeiten des Verfasser: Der deutsche Sonderweg — Gedanken zu einer calvinistischen Alternative um 1600, in: Kulturnation statt politischer Nation? Akten des VII. Internationalen Germanisten- Kongresses Göttingen 1985, Band IX, Tübingen: Niemeyer 1986, S. 165—172; ders.: Zentraleuropäischer Calvinismus (Anm. 22). Im vorliegenden Zusammenhang jetzt auch die interessante Studie von Axel Gottherd: Protestantische "Union" und katholische "Liga" — subsidiäre Strukturelemente oder Alternativentwürfe?, in: Alternativen zur Reichsverfassung in der Frühen Neuzeit, hrsg. von Volker Press, Dieter Stievermann, München: Oldenbourg 1995 (Schriften des Historischen Kollegs, Band 23), S. 81—112.

[24] Dazu Klaus Garber: Die deutsche Nationalliteratur des 17. Jahrhunderts im historischen Kontext der Deutschen, in: Zwischen Renaissance und Aufklärung, Beiträge der interdisziplinären Arbeitsgruppe Frühe Neuzeit der Universität Osnabrück/Vechta, hrsg. von Klaus Garber, Wilfried Kürschner, unter Mitwirkung von Sabine Siebert-Nemann, Amsterdam: Rodopi 1988 (Chloe, Beihefte zum Daphnis, Band 8), S. 179—200; ders.: Gefährdete Tradition, Frühbürgerliches Erbe und Aufklärung: Arnold — Leibniz — Thomasius, in: Kulturelles Erbe zwischen Tradition und Avantgarde, ein Bremer Symposium, hrsg. von Thomas Metscher, Christian Marzahn, Köln, Weimar, Wien: Böhlau 1991 (Europäische Kulturstudien, Band 2), S. 3—64. Jetzt die Sammlung kleiner Schriften des Verfassers: Nation — Literatur — Politische Mentalität, Beiträge zur Erinnerungskultur in Deutschland, München: Fink 2002.



Autor (author): Klaus Garber
Dokument erstellt (document created): 2002-10-02
Dokument geändert (last update): 2003-05-15
WWW-Redaktion (conversion into HTML): Manuela Kahle & Stephan Halder
WWW-Redaktion (final editing & update): Heinrich C. Kuhn