Vivat Germania latina, Vivat Latinitas teutonica!

Dietfried Krömer

Selbstverständlichkeiten?

Zweisprachige Wörterbücher seit dem 16. Jahrhundert



Bei meinem allerersten Aufenthalt in Oxford (vor vielen, vielen Jahren) [1] begegnete mir eines Abends – es war schon dunkel – ein Freund mit seinem Fahrrad. Verblüfft betrachtete ich das aus meiner Sicht seltsame Gefährt: Es hatte zwar eine funktionierende Beleuchtung; die aber wurde nicht von einem Dynamo, sondern einer Batterie gespeist. Auf meine erstaunte Frage, wieso er anstatt des in Deutschland damals selbstverständlichen Dynamos eine so ausgefallene Beleuchtungsmethode praktiziere, fragte Peter genau so erstaunt zurück: "Wieso ausgefallen; das ist doch selbstverständlich."

Selbstverständlich! Auch und gerade die Fremdsprachenlexika, die Wörterbücher (ich verwende beide Termini synonym), scheinen eine Domäne der Selbstverständlichkeit zu sein, erst recht, wenn es sich bei der fremden Sprache um eine sogenannte tote Sprache wie das Latein handelt. Schon daß es die Lexika gibt, nimmt man normalerweise als selbstverständlich: Es gibt sie einfach, und man benutzt sie, ohne sich groß Rechenschaft zu geben, wie und wann sie zustande gekommen sind. Bestätigt kann man sich in dieser Haltung dadurch fühlen, daß es lateinische Lexika tatsächlich schon seit zwei Jahrtausenden gibt – ein ebenso lehrreiches wie amüsantes Florilegium einschlägiger Produkte der Antike bildet die Sammlung Glossaria bilinguia in papyris et membranis reperta von J. Kramer. [2]

Eine negative Folge dieses "selbstverständlich" sei aber auch gleich genannt. Weil man lateinische Lexika als etwas Selbstverständliches ansieht, fehlt einem vielfach das Bewußtsein für ihre Bedingtheit, insbesondere dafür, daß die heute existierende scheinbare Vielfalt der lateinischen zweisprachigen Lexika weitgehend eine Illusion ist – wenn man das Oxford Latin Dictionary und natürlich den Thesaurus linguae Latinae ausnimmt, gehen sie praktisch alle (ob lateinisch-deutsch, lateinisch-englisch, lateinisch-französisch oder lateinisch-italienisch) auf Immanuel Johann Gerhard Scheller (1735 – 1803) und seine Tätigkeit als Lexikograph zurück, mit der die Jetztzeit der lateinischen Lexikographie begonnen hat.

Wir werden später noch etwas mehr über ihn hören; die Behauptung über die nur scheinbare Vielfalt sollte ich aber wohl gleich jetzt belegen. Schellers großes, in der letzten (3.) Auflage von 1804 auf fünf Bände angewachsenes lateinisch-deutsches Wörterbuch ist nicht nur für andere Sprachen bearbeitet worden (u.a. für das Niederländische von keinem Geringeren als David Ruhnken [3] ); vor allem führt eine direkte Linie von seinem knapperen "Handlexicon" über dessen Bearbeitungen durch G.H. Lünemann und K.E. Georges (der wiederum ist ins Italienische übersetzt worden von F. Calonghi [4] ) zu H. Georges, dem heute im deutschen Sprachraum meistbenutzten Wörterbuch. –Aber auch die lexikographischen Aktivitäten von W. Freund [5] (1806 – 1894) sind ohne Schellers Wirken nicht denkbar; und Freund seinerseits hat einen besonders großen Einfluß auf den nichtdeutschsprachigen Raum ausgeübt: Sein vierbändiges Lexikon hat nicht nur in französischem Gewand Jahrzehnte weitergewirkt (die Übersetzung von N. Theil [6] wurde noch 1929 nachgedruckt), sondern es ist vor allem 1850 von E.A. Andrews ins Englische übersetzt worden; diese Übersetzung ist dann von Ch.T. Lewis und Ch. Short bearbeitet worden (1879), und in dieser Form ist das Lexikon seitdem ein über den englischen Sprachraum hinaus geschätztes Hilfsmittel. –Auch das zweite große lateinisch-deutsche Lexikon neben Georges, das Wörterbuch von R. Klotz, ist nicht ohne Scheller zu denken; insbesondere die von Klotz im Laufe der Arbeit herangezogenen Mitarbeiter haben Freund und Georges kräftig benutzt.

Es ist also durchaus gerechtfertigt, wenn man Scheller als die vergessene Zentralgestalt in der neueren Geschichte der lateinisch-muttersprachlichen Lexika bezeichnet; ich habe es daher für geboten erachtet, ihn auch dadurch etwas ins Blickfeld der wissenschaftlichen Öffentlichkeit zu rücken, daß ich in meinem Beitrag über Lateinische Lexikographie, der in Bd. 15,1 des Neuen Pauly erschienen ist, Schellers Porträt präsentiere. [7]

Nach diesem Exkurs nun wieder zurück zur Hauptlinie unserer Überlegungen! Selbstverständlich sind uns die lateinischen Lexika deswegen, weil wir sie brauchen, und zwar zum Verständnis von Texten, geschrieben in einer Sprache, die nicht unsere Muttersprache, sondern eine Fremdsprache ist. Damit aber ist auch zugleich das grundsätzliche Aussehen dieser Lexika selbstverständlich vorgegeben: Sie müssen für jedes lateinische Wort bzw., wenn sie weniger ambitioniert sind, für die gängigsten lateinischen Wörter, die deutsche Bedeutung angeben bzw. die verschiedenen Bedeutungen, und diese in einer sinnvollen Ordnung präsentieren, so daß man den einzelnen Artikel leicht überblickt; und die lateinischen Wörter müssen natürlich in streng alphabetischer Reihenfolge aufgeführt werden, damit man das lateinische Wort, das man nicht kennt oder mit dem man an einer bestimmten Textstelle nichts anfangen kann, sofort findet.

Wir haben uns klar gemacht, wie ein lateinisches Lexikon auszuschauen hat, bzw. was wir mindestens von ihm erwarten. Betrachten wir nun, ausgerüstet mit diesem Wissen, ein lateinisch-deutsches Lexikon des Barock! Ich präsentiere ihnen als Beispiel das erstmals 1739 in Leipzig erschienene zweibändige lateinisch-deutsche Wörterbuch von Benjamin Hederich (geb. 1675, gest. 1748), einem sächsischen Gymnasiallehrer, der von 1705 bis zu seinem Tod als Rektor in Großenhain nördlich von Dresden wirkte. Daß ich gerade von diesem Wörterbuch ausgehe, hat auch zwei außerlexikalische Gründe. Zum einen ist dieses Werk für jeden von Ihnen leicht erreichbar, weil es in einer Microfiche-Reproduktion vorliegt; [8] vor allem aber handelt es sich bei Hederich um einen auch in anderer Hinsicht nicht unwichtigen Autor – stammt doch von ihm das "Gründliche Lexicon mythologicum", [9] das Goethe "stets zur Hand war" [10] und das als "seine mythologische Fundgrube" [11] nicht nur die Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt seit langen Jahren als Nachdruck in ihrem Programm führt, sondern auch der Saur-Verlag (auf Mikrofiche) anbietet. [12]

Hederich hatte schon 1729 ein deutsch-lateinisches Wörterbuch herausgebracht. [13] 10 Jahre später ließ er dann den lateinisch-deutschen Teil (2 Bände) folgen; sein Titel (ich beschneide seine barocke Üppigkeit ein wenig): Lexicon manuale Latino-Germanicum, ... ad intelligendos, cum veteres, tum medii atque recentioris aevi scriptores, quarumcumque Artium atque Scientiarum apprime commodum.

"Hier stock' ich schon", möchte man da mit Hederich-Benutzer Goethe sagen. Zwar ist der genannte Zweck des Wörterbuchs, das Verständnis lateinischer Autoren, für uns selbstverständlich, und auffällig daran ist allenfalls, daß er im Titel ausdrücklich genannt wird; wirklich irritierend aber ist, daß ein Buch, das diesem Zweck dienen soll, einen lateinischen Titel hat. Doch das ist erst der Anfang. Die Verwunderung steigt, wenn man das Buch aufschlägt, darin ein umfängliches Vorwort findet, das die Anlage des Buches erläutert und praktische Hinweise für die Benutzung bietet – und das alles ebenfalls wieder in Latein und nur in Latein. Und schaut man sich die einzelnen Artikel des Lexikons an, werden zwar wie bei uns deutsche Bedeutungen angegeben, ja jedes lateinische Beispiel ins Deutsche übersetzt; aber gerade bei größeren Artikeln folgt am Schluß nach einem speziellen Hinweiszeichen (eine deutende Hand) noch ein eigener Teil, in dem Literatur zu diesem Wort (insbesondere zur Etymologie) referiert und erörtert wird – und das wiederum ganz in lateinischer Sprache.

Was ist das für ein seltsames Lexikon, das auf der einen Seite für Leute gemacht ist, die Hilfe zum Verständnis lateinischer Texte brauchen, auf der anderen Seite aber voraussetzt, daß seine Benutzer einen lateinischen Text selbstverständlich lesen und verstehen können?

Ein Grund liegt sicher in der Person des Autors. Alles in allem wird man nämlich leider sagen müssen, daß er nicht zu den Sternen erster Ordnung gehört. Es fehlt ihm philologischer Überblick und Augenmaß in wissenschaftlichen Dingen. Ich gebe Ihnen ein ganz kleines Beispiel, gehe etwas näher auf den Artikel postis, Türpfosten ein. Hederich bietet für dieses Wort zwei Bedeutungen: 1) "Thür-Pfoste, Seiten-Stein oder Holtz einer Thüre"; 2) "Gewände eines Fensters, Seiten-Stein oder Holtz eines Fensters". Mit der 2. Bedeutung "Fenster-Gewände" präsentiert Hederich zwar etwas ganz Rares (der antike Vergil-Kommentator Servius postuliert diese Bedeutung für eine Vergil-Stelle – ob zu Recht, ist gar nicht sicher); [14] dafür aber unterschlägt Hederich die ganz gängige Bedeutung "Tür" (pars pro toto) bzw. "Türflügel" [15] , die schon für Lukrez so geläufig ist, daß er das Wort postes verwendet, wenn er metaphorisch von den Augen als dem Tor des Geistes spricht. [16] Damit erweist sich Hederich aber zugleich als nicht auf dem lexikographischen Stand seiner Zeit befindlich; beide bei ihm vermißte Bedeutungen bzw. Ausdrucksweisen finden sich nämlich etwa in dem Septem Linguarum Calepinus von 1718, an dem der große Forcellini (ich komme auf ihn noch zu sprechen) als junger Mann in Padua mitgearbeitet hat. [17] Stattdessen wendet Hederich den gleichen Raum wie für die Bedeutungsangabe auf, um obskure Ansichten zur Etymologie des Wortes postis zu referieren und zu erörtern! [18] Man wird also F.J. Hausmanns Begeisterung für Hederich als Lexikographen [19] doch etwas relativieren oder zumindest spezifizieren müssen – als Lexikon für spezifisch neulateinische Wörter ist sein Wörterbuch tatsächlich noch heute wichtig. [20]

Unabhängig von der persönlichen Qualifikation Hederichs drängt sich aber eine weitere Erklärung sofort auf: Germania latina. Das Lexikon entsteht in einer Zeit und ist für eine Zeit konzipiert, in der Latein noch nicht allein Gegenstand historischen Interesses geworden ist, sondern immer noch im täglichen praktischen Lebensvollzug eine Rolle spielt. Dieser Situation trägt der Verfasser ganz bewußt Rechnung: Das moderne Latein wird, wie gesagt, einbezogen, wie schon der Titel betont (Sie erinnern sich, es heißt: ad intelligendos, cum veteres, tum medii atque recentioris aevi scriptores); es gibt Anhänge, [21] die das gleiche Bestreben zeigen, insbesondere die Interpretatio notarum signorumque medicorum, [22] in der moderne Abkürzungen und Zeichen, wie sie Mediziner im 18. Jahrhundert in ihren lateinischen Texten verwendeten, aufgelöst werden. [23] Und wenn wir einen Moment den Blick von unserem Wörterbuch weg auf die anderen Publikationen Hederichs wenden, so stellen wir fest, daß er sich bemüßigt gefühlt hat, auch ein Lexicon manuale Graecum zu verfassen; [24] dessen ersten Teil bildet ein griechisch-lateinisches Wörterbuch, also ein Wörterbuch, das griechische Texte verstehen helfen soll und als Verständnisebene die lateinische Sprache benutzt. Latein als quasi lebendige Sprache noch im 18. Jahrhundert – das erklärt manches an diesem für uns etwas seltsamen Lexikon.

Manches – aber nicht alles! Wirklich verständlich wird diese in einer Art widersinnige Gestaltung erst, wenn man sich klar macht, daß das Lexikon von Hederich ziemlich am Ende einer Epoche der lateinischen Lexikographie steht, d.h. daß es zwar einerseits von mehr als 200 Jahren lexikographischer Tradition geprägt ist, andererseits aber deutliche Spuren des Epochenendes zeigt. Dieses Epochenende wird markiert durch den schon erwähnten schlesischen Gymnasialrektor Scheller, der seine drei verschiedenen lateinisch-deutschen Lexika zwischen 1780 und 1804 herausbrachte und mit ihnen den Typ des modernen zweisprachigen lateinischen Wörterbuchs geschaffen hat, wie wir ihn kennen und benützen. Am anderen Ende, am Beginn dieser Epoche, steht der italienische Augustinereremit Ambrosius Calepinus mit seinem erstmals 1502 erschienenen Dictionarium, das den Übergang von den Wörterbüchern des Mittelalters darstellt. Allerdings ist dieses Dictionarium noch einsprachig (ein Erbteil des Mittelalters); das noch modernere lateinische Lexikon, der in der Auseinandersetzung mit dem so ungeheuer erfolgreichen Calepinus entstandene Latinae linguae Thesaurus des Robertus Stephanus, war dagegen in seiner ursprünglichen Form von 1531 zweisprachig (lateinisch-französisch); er ist hinfort der Orientierungspunkt auch für die lateinisch-deutschen Lexika der Epoche.

Für all diese lateinisch-deutschen Wörterbücher ist die Germania latina, ebenso wie für Hederich, die Situation, in der und für die sie konzipiert werden. Das bedeutet zunächst einmal: Auch sie wenden sich verständlicherweise (anders als heute) an Benutzer (vorzugsweise Schüler), für die Latein weniger Fremdsprache (geschweige denn "tote" Sprache) als zweite Verkehrssprache war. Dementsprechend haben sie fast alle, vom großen Faber (1571) [25] bis zum simplen Elementarbuch des Cellarius (1689) [26] , lateinische Titel, sind ihre Vorreden fast ausnahmslos lateinisch, und erfolgen auch die sprachlichen und sachlichen Erläuterungen innerhalb der einzelnen Artikel vielfach in lateinischer Sprache. Wichtiger aber als diese Gemeinsamkeit im Äußerlichen ist die ebenfalls aus dieser ganz anderen Rolle des Lateins resultierende Gemeinsamkeit des Ziels: Alle diese Lexika – die früheren mehr, die späteren weniger –sind nicht nur (z.T. nicht einmal in erster Linie) als Hilfsmittel zum besseren Verständnis lateinischer Texte konzipiert, sondern wollen und sollen auch (bzw. vor allem) die aktive Sprachbeherrschung fördern. Wer meint, so Faber in der Vorrede, dieses Werk sei dazu da, erst dann aufgeschlagen zu werden, wenn man die Bedeutung eines lateinischen Wortes nicht wisse, der sei völlig auf dem Holzwege; vielmehr müßten Lehrende wie Lernende, so fordert er (und andere Lexikographen nach ihm), gestützt auf Autoritäten wie Hieronymus Wolf, den Folianten immer wieder vom Anfang bis zum Ende mit größter Sorgfalt durchlesen! [27]

Eine solche von unseren Anschauungen so ganz und gar abweichende Aufgabenstellung für das lateinische Lexikon findet sich allerdings nicht nur bei den lateinisch-deutschen Wörterbüchern, sondern spielt schon beim Thesaurus des Stephanus eine Rolle und beeinflußt seine Gestalt in dem einen oder anderen Punkt. Ich gebe Ihnen dafür nur ein Beispiel, allerdings ein besonders wichtiges – betrifft es doch die Frage, welche Wörter in das Lexikon aufgenommen werden sollen. Grundsätzlich wählte Stephanus ein Verfahren, das ungemein modern anmutet, ja geradezu an die Materialsammlung des modernen Thesaurus linguae Latinae erinnert: Er arbeitete zunächst Plautus und Terenz durch, adnotierte diese Texte, ließ sie verzetteln, und baute diesen Grundstock dann durch ausgiebige Lektüre weiter aus. Im Vorwort des Lexikons liest sich das so: In primis itaque duos Latinae linguae authores et copia, et elegantia, et verborum proprietate praestantissimos, Plautum ac Terentium diligenter evolvi, atque perlegi: in quibus etiam minutissima quaeque adeo scrupulose annotavi, ut nullum fere verbum praetermiserim. So weit, so gut! Doch der Satz ist damit noch nicht zuende, vielmehr fährt Stephanus mit einer bemerkenswerten Einschränkung fort: (ut nullum fere verbum praetermiserim:) quod ad Latine tum loquendum, tum scribendum, commodum esse existimarem. Also nicht Vollständigkeit zumindest für die frühen Autoren ist das Ziel; vielmehr wird ausgewählt, und zwar nach den Erfordernissen des modernen Lateingebrauchs.

Bei den lateinisch-deutschen Wörterbüchern beeinflußt diese uns so fremde Zielsetzung die Lexikongestaltung v.a. in folgenden Punkten:

1) Wenn das Lexikon mit Gewinn durchgelesen, ja zum Vokabellernen herangezogen werden soll, ist eine streng alphabetische Anordnung aller berücksichtigten lateinischen Wörter nicht unbedingt ideal, vielmehr empfiehlt es sich unter diesem Gesichtspunkt, lediglich die nichtzusammengesetzten und nichtabgeleiteten Wörter alphabetisch zu reihen und ihnen dann jeweils Komposita und Ableitungen unterzuordnen. Dieser ordo mnemonicus (so Dentzler 1666 [28] in der Praefatio) oder naturalis (so Cellarius im Titel), den v.a. die früheren Lexika favorisiert haben [29] (u.a. Faber, Cellarius, Weismann 1698 [30] ), bedingt allerdings, soll das Lexikon auch noch zum Nachschlagen taugen, zahlreiche Verweise (wer sucht schon reconditus sofort unter dare), evtl. sogar zusätzlich einen eigenen Index schwer zu findender Wörter (so Dentzler, Cellarius) –kein Wunder also, daß Kirsch (1714) [31] , Bayer (1724) [32] und natürlich unser Hederich ganz auf das Alphabet setzen.

2) Sprichwörter und dgl., womit man sein Latein wirkungsvoll aufputzen kann, spielen gerade in den älteren Lexika eine schier unglaublich große Rolle. Bei Faber geht das so weit, daß er reihenweise Zitate aus griechischen Autoren bringt, die zum Verständnis des lateinischen Wortes, bei dem sie gebracht werden, überhaupt nichts beitragen – so erscheint unter color eine Sentenz aus Stobaeus, Schamröte sei die schönste Farbe. So weit gehen die späteren Lexika nicht, doch erscheinen adagia, proverbia, usus proverbialis bei Bayer, Dentzler und Weismann sogar im Titel, und umgekehrt hält es Kirsch für notwendig, in seiner Vorrede ausdrücklich zu begründen, warum er bei den proverbia Sparsamkeit habe walten lassen.

3) Doch welches Latein soll der Benutzer des Lexikons schreiben und reden lernen? Die humanistische Tradition legt dem Lexikographen die Beschränkung auf die klassischen Stilmuster nahe, die Realität dagegen fordert selbst die Einbeziehung des Gegenwartslateins, insbesondere der Sprache der verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen. In der lexikographischen Praxis dominiert der Kompromiß (Puristen: Cellarius, Weismann): Man berücksichtigt zwar auch unklassisches, insbesondere modernes Latein (so v.a. Kirsch, Bayer und unser Hederich, der, zumindest was sein Autorenverzeichnis betrifft, auch das MA bei weitem am ausgiebigsten mit einbezieht), versucht aber, die verschiedenen Sprachstufen auseinanderzuhalten, indem man bei den einzelnen Wörtern und Ausdrücken entweder in großem Umfang die Quellenautoren angibt (so Faber und auch Hederich) oder den neueren Sprachgebrauch kennzeichnet (so Dentzler, Bayer; beide Möglichkeiten kombiniert Kirsch). Den Bedürfnissen des um einen guten lateinischen Stil Bemühten war damit Genüge getan, einer genauen Angabe der Fundstellen bedurfte es dafür nicht – so unterblieb sie in der Regel.

4) Vor allem aber hat die Ausrichtung auf die aktive Sprachbeherrschung bis gegen Ende des 18. Jahrhunderts verhindert, daß das Hauptmanko aller frühen Lexika abgestellt wurde: die mangelnde Gliederung der einzelnen Artikel nach Bedeutungen. Wohl tauchen in den Vorreden gelegentlich Bemerkungen auf, die zeigen, daß das Problem natürlich nicht völlig übersehen worden ist – so äußert sich unser Hederich über die Notwendigkeit, die ursprüngliche Bedeutung eines Wortes aufzuspüren. In der Praxis aber reihte man doch in erster Linie Ausdrücke, die man sich einprägen konnte; und wenn man tatsächlich Gruppen bildete und diese sogar noch bezifferte, so war das mehr ein Aufsetzen einer äußerlichen Ordnung als das Aufspüren eines in der Sache selbst liegenden Zusammenhangs und Beziehungsgeflechts: Gruppen werden in endloser Reihe präsentiert [33] , aber kaum je wird der Versuch gemacht, einzelne dieser Gruppen wieder zu größeren Einheiten zusammenzufassen und so zu einer sachlich gerechtfertigten und zugleich übersichtlichen Anordnung von Bedeutungen und Ausdrucksweisen zu kommen. Muster für die eigene Lateinpraxis zu bieten – dieses Ziel hatte eben einen allzugroßen Einfluß.

Hederich setzt sich dieses Ziel für sein lateinisch-deutsches Wörterbuch überhaupt nicht mehr; er unterscheidet [34] vielmehr in seiner Praefatio ausdrücklich zwischen dem analytischen Wörterbuch (fremdsprachig-deutsch), das für das Verständnis der Autoren zu sorgen hat (wir erinnern uns an die Notiz in seinem Titel: ad intelligendos ... scriptores) und dem synthetischen Wörterbuch (deutsch-fremdsprachig), das für die aktive Sprachbeherrschung zuständig ist. Daß er sich trotzdem noch nicht ganz von der Tradition lösen kann, trägt ganz wesentlich zum widersprüchlichen Charakter seines lateinisch-deutschen Wörterbuchs bei.

Die Tatsache, daß sich Hederich nicht mehr zum Ziel setzte, mit dem lateinisch-deutschen Lexikon auch die aktive Sprachbeherrschung zu fördern, bedeutet freilich nicht, daß dieses Ziel für andere zeitgenössische Lexikographen nicht mehr aktuell war. Selbst für Egidio Forcellini (1688 – 1768), mit dessen Hilfe Scheller in eine neue Ära der lateinischen Lexikographie vorgestoßen ist, hat es noch durchaus Gültigkeit. In der Praefatio seines erst nach seinem Tod erschienenen monumentalen Totius latinitatis lexicon (1771) spricht er ganz selbstverständlich und unbefangen von den beiden Zielgruppen, die ein Werk wie das seine habe: [35] Cum enim duo sint studiosorum genera, qui hoc opere indigent, et qui Latina intelligere, et qui Latine scribere volunt; und er beschreibt dann ganz detailliert, durch welche Maßnahmen er welcher Gruppe zu dienen versucht habe. Die Details würden hier zu weit führen; festgehalten sei daher für jetzt nur, daß nach Forcellinis Ansicht für die zweite Gruppe ein wesentlich größerer Aufwand nötig ist: Multo plura postulant ii, qui scribendo verba componere, et sensa sua Latine explicare aggrediuntur. Zu solchem Aufwand ist Forcellini durchaus noch bereit; so gibt er seinem Wörterbuch beispielsweise als Anhang eine Liste nicht zu gebrauchender Wörter bei.

Scheller hat, wie gesagt, endgültig einen neuen Typ des lateinisch-muttersprachlichen Wörterbuchs etabliert, der in seiner Gestaltung nichts mehr von Konzessionen an die Sorge für die aktive Sprachbeherrschung wissen will, sondern sie ganz dem muttersprachlich-lateinischen Lexikon zuschreibt. Doch keine Regel ohne Ausnahme: Auch auf dem Titelblatt der 3. Auflage von Schellers großem lateinisch-deutschen Wörterbuch aus dem Jahre 1804 heißt es immer noch: "Ausführliches und möglichst vollständiges lateinisch-deutsches Lexicon oder Wörterbuch zum Behufe der Erklärung der Alten und Übung in der lateinischen Sprache" – dieses "Übung in der lateinischen Sprache" sogar in größeren Lettern als das "zum Behufe der Erklärung der Alten"! Rache der Überwundenen oder souveräner Tribut Schellers an die unleugbare Tatsache, daß auch ein modernes lateinisch-muttersprachliches Lexikon das beste Hilfsmittel zur Förderung der aktiven Sprachbeherrschung ist?



[1] Der vorliegende Beitrag, dessen Vortragsform bewußt beibehalten worden ist, fußt auf meinen umfassenden Veröffentlichungen zur Geschichte der lateinischen Lexikographie – zuletzt in: Der Neue Pauly, Bd.15,1, Stuttgart/Weimar 2001, Sp.131–149; deswegen konnte hier auf vollständige bibliographische Angaben und Nachweise verzichtet werden, soweit sich diese bereits a.a.O. finden.

[2] J. Kramer, Glossaria bilinguia in papyris et membranis reperta, Bonn 1983.

[3] D. Ruhnken, I.J.G. Schelleri Lexicon latino-belgicum auctorum classicorum, 2 Bde., Leiden 1799.

[4] C.E. Georges, Dizionario della lingua latina. Traduzione con aggiunte condotta da F. Calonghi, Turin 1891.

[5] Über ihn D. Krömer, Grammatik contra Lexikon: rerum potiri, in: Gymnasium 85 (1978), S.248f.

[6] 3 Bde., Paris 1883.

[7] Sp.136.

[8] B. Hederich, Lexicon manuale latino-germanicum, Leipzig 1739; Promtuarium latinitatis probatae et exercitae, oder vollständigstes Teutsch-Lateinisches Lexicon, Leipzig 1729; Lexicon manuale graecum, Leipzig 1722, auf Mikrofiches. Einleitung von F.J. Hausmann, Erlangen 1988.

[9] Leipzig 11724; 21741.

[10] So K. Reinhardt, Die klassische Walpurgisnacht. Entstehung und Bedeutung, jetzt in: K.R., Tradition und Geist, hrsg. v. C. Becker, Göttingen 1960, S.309–356, hier S.318 Anm.6 (s. auch S.340 Anm.29).

[11] K. Reinhardt, Tod und Held in Goethes Achilleis, jetzt in: K.R., Tradition (vorige Anm.), S.283–308, hier S.289. Tatsächlich zeichnet sich das Werk durch einen ungemeinen Reichtum an Details aus, für die zudem jeweils die Belege aus der antiken Literatur nachgewiesen werden. Was allerdings Hederichs Art der Darstellung betrifft, so wird schon in Goethes Gespräch mit F.A. Wolf u.a. vom 28.5.1795 "die unnachahmliche Naivität des Magister Hederich" konstatiert (Goethe, Begegnungen und Gespräche, hrsg. von E. u. R. Grumach, Bd.4, Berlin 1980, S.145); vgl. auch Goethes Tagebucheintrag vom 21.5.1818: "Mythologische Salbadereyen über Herkules, vom Hederich." (WA III Bd.6, S.211).

[12] Saur reproduziert (im Rahmen der Edition "Große deutsche Lexika. Aufklärung und frühes neunzehntes Jahrhundert") die 2. Auflage von 1741 (Fiche Nr.369–379), die WBG die von J.J. Schwaben besorgte Auflage (Leipzig 1770). Goethe selbst legt in seinem Brief vom 25.10.1797 Schiller nahe: "Haben Sie Gelegenheit, so lesen Sie diese Fabel [über die Zeugung des Erichthonios] ja in der ältern Ausgabe des Hederich nach ..." (Reise in die Schweiz 1797, WA I Bd.34,1, S.437).

[13] Promtuarium Latinitatis probatae et exercitae, oder Vollständigstes Teutsch-Lateinisches Lexicon, Worinne Ein so hinlänglicher Vorrath an Wörtern, Phrasibus, Synonymis, Epithetis, Adiunctis u.d.g. aus tüchtigen, so wohl alten, als neuen Auctoribus, insonderheit aber aus dem Cicerone enthalten, Als sonderlich die Jugend auf Schulen zu Verfertigung ihrer Lateinischen Übungen in Prosa bey nahe nur erfordern kan ..., Leipzig 1729.

[14] Serv.Aen.2,442; s. dazu Thes.ling.Lat. X 2, Sp.231,3–8.

[15] Siehe Thes.ling.Lat. X 2, Sp.230,67f.

[16] 3,369.

[17] Eingesehen wurde die 3. Auflage Padua 1731.

[18] Sein Ergebnis: Sed rectius a Germanico Pfoste cum Hallbauero et Funccio deduxeris!

[19] Hausmann (o. Anm.8) S.27–31.

[20] Für diesen speziellen Bereich ist neben Kirsch (u. Anm.31) und Bayer (u. Anm.32) noch ausdrücklich zu nennen A. Bartal, Glossarium mediae et infimae latinitatis regni Hungariae, Leipzig 1901.

[21] Siehe Hausmann (o. Anm.8) S.21.

[22] Appendix IV (Sp.109–112).

[23] U.a. Sp.110 ein Zeichen, das als ignis reverberii aufgelöst und als "Reverberir-Feuer" verdeutscht wird; zu diesem Wort reverberium bemerkt Hederich im Wörterbuch selbst folgendes: "ein Reverberir-Ofen, Chymischer Ofen, worinne die Flamme rings um die Dinge, so calcinirt werden sollen, herum schlägt."

[24] Siehe o. Anm.8.

[25] B. Faber, Thesaurus Eruditionis Scholasticae, Leipzig 1572 (benutzt wurde die Ausgabe von 1587).

[26] Chr. Cellarius, Latinitatis probatae et exercitae Liber Memorialis,naturali ordine ita dispositus ..., Merseburg 1689 (benutzt wurde die von J.M. Gesner bearbeitete Ausgabe Mannheim/Frankfurt 1765).

[27] Si quis igitur arbitrabitur Thesaurum hunc nostrum in hoc conscriptum esse, ut Vocabularii aut Dictionarii, quemadmodum vocant, loco quis eo utatur, nec prius ad eum confugiat, quam de vocabuli alicuius significatione dubitet, ac interpretationem eius petere ex eo instituat, tota aberrabit via. Non enim ut Dictionarium tantum esset conscripsimus, sed ut uberrimam copiam, et instructissimum apparatum locutionum Latinarum, rerum ac sententiarum contineret, ac quasi in foro quodam, ut conspici ab omnibus posset, explicaret atque ostentaret. Proinde ad assiduam eius lectionem docentes ac discentes etiam atque etiam cohortamur. Eorum enim solum studiis proderit hic Thesaurus, qui ab initio ad finem usque aliquoties attente et diligentissime integrum evolverint volumen.

[28] J.J. Dentzler, Clavis linguae Latinae, Basel 1666.

[29] Allerdings findet er sich sogar noch in Schellers kleinem Wörterbuch von 1780.

[30] E. Weismann, Lexicon bipartitum, Latino-Germanicum, et Germanico-Latinum, Offenbach 1698 (benutzt wurde die 8. Auflage Stuttgart 1725).

[31] A.F. Kirsch, Abundans Cornucopiae linguae Latinae et Germanicae selectum, Nürnberg 1714.

[32] J. Bayer, Paedagogus Latinus [...] sive Lexicon Germanico-Latinum et Latino-Germanicum, Mainz 1724.

[33] Bei Hederich ist die Präposition a/ab in 27 durchgezählte Rubriken unterteilt.

[34] Nach Hausmann (o. Anm.8) S.31 gemäß der zeitgenössischen lexikographischen Theorie.

[35] Ich zitiere nach der leichter greifbaren Neubearbeitung von Forcellinis Wörterbuch durch V. De-Vit, Bd.1, Prato 1858–1860, S.XXVf.



Autor (author): Dietfried Krömer
Dokument erstellt (document created): 2002-08-13
Dokument geändert (last update): 2002-08-20
WWW-Redaktion (conversion into HTML): Manuela Kahle & Stephan Halder
Schlussredaktion (final editing): Heinrich C. Kuhn