Vivat Germania latina, Vivat Latinitas teutonica!

Walther Ludwig

Latein im Leben –

Funktionen der lateinischen Sprache in der frühen Neuzeit



In einer Zeit, in der ein deutscher Kunsthistoriker in einem von einem führenden deutschen Kunstmuseum in vorzüglicher Ausstattung herausgegebenen Katalogband den nach Ovid formulierten und unter einer frühneuzeitlichen Darstellung des Ikarus–Fluges gedruckten Hexameter INTER VTRVMQVE VOLA, MEDIO TVTISSIMVS IBIS ohne Bedenken mit "Fliege in der Mitte zwischen beiden, höchst geschützter Ibis! "wiedergibt [1] , kann man sich kaum vorstellen, daß es in Deutschland einmal eine Zeit gab, in der Latein nicht nur in mühsam übersetzten Büchern stand, sondern flüssig geschrieben und gelesen, gesprochen und hörend verstanden wurde, eine Zeit, in der es die Menschen in ihrem Alltag und ihren Festen umgab und begleitete, eine Zeit, in der es eine lebendige Sprache war, wenn man denn eine Sprache lebendig nennen will, die in einer Sprachgemeinschaft in Gebrauch ist [2] . Muttersprache war Latein ja seit der Spätantike nicht mehr. Aber da in der frühen Neuzeit alle, die eine der vielen Latein– oder Hochschulen besuchten, es mehr oder weniger gut lernten und es ihnen in ihrem Leben ständig begegnete, gab es eine sprachliche Gemeinschaft von erheblicher Dichte und Ausdehnung, in der Latein ein selbstverständliches Kommunikationsinstrument war, auch Latein in verschiedenem Ausmaß gelernt wurde und nicht alle diese Sprache in gleicher Qualität beherrschten.

Diese hier in gröbster Allgemeinheit beschriebenen Verhältnisse veranlassen natürlich eine Reihe von Fragen, die ich unter folgende vier Grundfragen stellen möchte:

1.Wann und wie entstand das neuzeitliche Latein im deutschen Sprachraum? Wie unterscheidet es sich vom Latein früherer Epochen? Wie weit ist es mit dem Latein der Antike oder dem Latein bestimmter Autoren der Antike identisch? Ist es in den verschiedenen Textsorten ein einheitliches Phänomen und veränderte es sich im Lauf der Jahrhunderte?

2. Wie wurde Latein in der frühen Neuzeit gelernt? Was für ein Latein und wie viel lernte man in Lateinschulen, Gymnasien und Universitäten? Wie verbreitet waren diese Bildungsinstitutionen im deutschsprachigen Raum? Wer besuchte sie? Aus welchen sozialen Gruppen kamen die Schüler und Studenten? War Latein ausschließlich eine Sprache von Männern? Gab es territoriale und konfessionelle Unterschiede im Lateingebrauch?

3. Wozu wurde Latein in der frühen Neuzeit gebraucht? Wann begegneten damals die Menschen auf ihrem Lebensweg der lateinischen Sprache? Was schrieben sie in Latein und weshalb wählten sie diese Sprache? Wann und für welche Zwecke wurde es handschriftlich verwendet? Welche Art von Büchern wurde in Latein gedruckt? Bei welchen Gelegenheiten und von wem wurde Latein gesprochen? Welche Theaterstücke wurden lateinisch aufgeführt, welche Texte wurden lateinisch gesungen? Für welche Inschriften wurde Latein verwendet? Mit welchen bildlichen Darstellungen wurden lateinische Texte verbunden? Welche Kunstgegenstände und welche Gegenstände gewerblicher Art erhielten lateinische Aufschriften? Wurden die lateinische und die deutsche Sprache getrennt gehalten oder wurde Latein mit dem Deutschen im mündlichen und schriftlichen Gebrauch, in Drucken und auf Kunstobjekten verbunden und vermengt? Wie wirkte sich der Gebrauch des Lateins auf Wortschatz und Syntax der deutschen Sprache aus?

4. Wie, wann und weshalb verlor Latein die Funktionen, die es in der frühen Neuzeit besaß? Wie verlief der Rückgang des Lateins in den verschiedenen Bereichen? Woran sich die Frage anschließen könnte: Welche Verbreitung, welche Funktion und welche Reputation haben Lateinkenntnisse in unserer Zeit?

Es ist klar, daß hier nicht alle diese Fragen beantwortet werden können, und ebenso selbstverständlich, daß keine dieser Fragen hier in der Ausführlichkeit behandelt werden kann, die ihr angemessen wäre. Auch hat sich die bisherige Forschung in den einschlägigen Disziplinen trotz vieler wichtiger Beiträge mit manchen dieser Fragen noch kaum und mit vielen noch sehr unzureichend beschäftigt. Aber es sollte auch offensichtlich sein, daß alle diese Fragen angemessen beantwortet werden müßten, um dem Thema "Latein im Leben – Funktionen der lateinischen Sprache in der frühen Neuzeit" gerecht zu werden, und es sollte gleichzeitig einsichtig geworden sein, daß dieses Thema für die Kultur der frühen Neuzeit eine zentrale Bedeutung hat und daß seine weitere Erforschung und Erörterung für das historische Bewußtsein unserer eigenen Zeit dringend geboten ist, gerade weil die Gegenwart sich so weit vom Latein entfernt hat.

In dieser Situation werde ich mich vor allem auf den Bereich der dritten Grundfrage "Wozu wurde Latein in der frühen Neuzeit gebraucht? " konzentrieren und hier auch ein paar illustrierende Beispiele geben und Vorschläge zu neuen Forschungszielen und –strategien entwickeln, mich aber bei den beiden ersten Grundfragen, wann und wie das neuzeitliche Latein im deutschen Sprachraum entstand und wie Latein in der frühen Neuzeit gelernt wurde, auf die Feststellung einiger Grundlinien beschränken und mich auf die vierte Grundfrage, wie und weshalb Latein die Funktionen verlor, die es in der frühen Neuzeit besaß, nicht mehr einlassen. Auch werde ich im allgemeinen darauf verzichten müssen, auf die erheblichen kulturellen und pädagogischen Veränderungen innerhalb dieser Jahrhunderte näher einzugehen, und statt dessen die gemeinsamen und in gewissem Umfang gleichbleibenden Verhältnisse in Bezug auf die Funktion des Lateinischen – etwa in der Zeit vom Anfang des 16. bis um die Mitte des 18. Jahrhunderts – herausstellen [3] .

Das neuzeitliche, an den klassischen Autoren orientierte Latein setzte sich im deutschsprachigen Raum nach dem italienischen Vorbild durch den Einsatz einzelner Humanisten wie Heinrich Bebel [4] , Desiderius Erasmus und Jakob Wimpfeling in den ersten Jahrzehnten des 16. Jahrhunderts allmählich gegen die früheren Muster und Lernmethoden durch [5] . Eine Zeit lang wurden noch Lehrbücher alten und neuen Stils nebeneinander gebraucht [6] . Das neue Latein prägte in erster Linie die bonae literae und die studia humanitatis, während sich in der Jurisprudenz [7] und der Medizin, der Theologie und der Logik fachbedingte Sprachtraditionen der vorhumanistischen Zeit erhielten, die sich dann mit dem humanistischen Latein mehr oder weniger mischten. Das neue Latein hatte mit seiner Orientierung an den klassischen Autoren zwar ein einheitliches Ziel, duldete aber in unterschiedlichem Ausmaß gewisse mittelalterliche Sprachgewohnheiten und lexikalische und semantische Neuerungen, bis sich seit dem Ende des 17. Jahrhunderts eine puristische Reaktion zunehmend bemerkbar machte [8] . Damals begann man auch vom Tod des Lateins zu sprechen, womit man aber die Veränderungen der lateinischen Sprache beim Übergang von der Antike zum ’barbarischen’ Mittelalter meinte und intendierte, daß sich das Latein der Gegenwart ausschließlich nach dem ’lebendigen’ Latein der Antike und nicht nach dem humanistischen Latein des 16. und 17. Jahrhunderts zu richten habe [9] . Auch hat es seit dem 16. Jahrhundert Kontroversen darüber gegeben, welche Texte der Antike als musterhaft sprachlich–stilistisch nachgeahmt werden sollten. Die Standpunkte variierten von einer Akzeptanz auch der archaischen oder christlichen Literatursprache über eine Begrenzung der vorbildhaften Autoren auf die Zeit zwischen Cato Censorius und Suetonius Tranquillus bis zu einem extremen Ciceronianismus, der jedoch, von Erasmus in seinem Dialog Ciceronianus ad absurdum geführt und von Humanisten wie Vives bekämpft, eine kurzlebige Erscheinung blieb, wogegen ein gemäßigter Ciceronianismus die verbreitetste Form der neuzeitlichen lateinischen Prosa wurde. Das neuzeitliche Latein war also weder einheitlich noch unveränderlich. Trotz solcher synchroner Differenzen und derartiger diachroner Veränderungen waren jedoch die Gemeinsamkeiten, die durch das antike Latein vermittelt wurden und die auch zahlreiche allgemein akzeptierte Neologismen einschloßen [10] , immer so groß, daß das neuzeitliche Latein eine von allen Lateinkundigen in Europa verstandene Sprache blieb, die als zeitlose, weil seit der Antike bestehende, und als internationale und zugleich als dem Sacrum Imperium Romanum in besonderem Maße eigene Sprache betrachtet wurde.

Das 16. Jahrhundert übernahm Dom– und Klosterschulen, städtische Lateinschulen und Universitäten und baute sie reformierend und unter Hinzufügung erweiterter Lateinschulen, die die Bezeichnung Paedagogium, Lyceum, Gymnasium oder Collegium erhielten, zu einem außerordentlich dichten Netz Latein lehrender Bildungsinstitutionen aus [11] . In ihnen war Latein häufig die ausschließliche Unterrichts– und Anstaltssprache [12] . Charakteristisch war, daß die Schüler der Lateinschulen am Latein Lesen und Schreiben und vom ersten Schuljahr an Latein lernten. Sie besuchten zuvor keine der seit dem 16. Jahrhundert eingerichteten sogenannten deutschen Schulen, die sich auf deutschsprachigen Unterricht beschränkten.

Protestantische Gymnasien und katholische Jesuitenkollegien hatten, von der gegensätzlichen konfessionellen Ausrichtung abgesehen, die sich unter anderem auch in der Lektüre der jeweiligen lateinischen Katechismen niederschlug, weitgehend die gleichen und vom 16. –18. in vielem gleichbleibenden Unterrichtsziele (auf die didaktischen Veränderungen innerhalb dieses Rahmens kann hier nicht eingegangen werden) [13] . Als lateinische Lehrbücher bzw. Lektüreautoren wurden klassische und humanistische Autoren verwendet, wodurch die Schüler das humanistische Latein ohne Unterscheidung vom klassischen lernten. Gelesene Texte wurden nur in den ersten Jahren übersetzt, später ohne Übersetzung lateinisch erläutert und immer in großem Umfang auswendig gelernt. Die Lektüre von Colloquia und Komödien sowie die häufige Aufführung von Dramen diente – neben moralischen und religiösen Zwecken – dem Lateinsprechen [14] . Die Lektüre von Ciceros Briefen bereitete das eigene Briefeschreiben vor. Die Lektüre von klassischen Dichtern wie Vergil und Ovid wurde mit Übungen im eigenen Verseschreiben verbunden. Ständiges schriftliches Komponieren sowie mündliches Extemporieren führte ebenso wie die theoretische Ausbildung in Rhetorik zu öffentlichen Redeakten, in denen die Schüler zuerst mit kürzeren, später mit längeren lateinischen Reden zu philosophischen, theologischen und historischen Themen aufzutreten hatten und bei denen sowohl Erfindung und Stil gewertet wurden als auch die Aussprache, die Gestik und der Umstand, ob die Reden auswendig gehalten worden waren [15] .

Infolge der Existenz von erweiterten Lateinschulen stieg das Immatrikulationsalter an den Universitäten durchschnittlich von 14 auf 18 Jahre an. Die gemeinsame Grundausbildung aller Studenten in der Artisten– bzw. philosophischen Fakultät geschah ebenso wie in den höheren Fakultäten bis ins 18. Jahrhundert in lateinischer Sprache, und auch als erstmals um 1700 Vorlesungen in deutscher Sprache gehalten wurden, blieben die Lehrveranstaltungen einschließlich der obligatorischen Disputationen an protestantischen wie an katholischen Universitäten an allen Fakultäten im 18. Jahrhundert überwiegend lateinisch [16] .

Besucht wurden Lateinschulen und Gymnasien nicht nur von Akademikersöhnen, die selbst wieder ein Universitätsstudium anstrebten. Auch viele nichtstudierte staatliche und städtische Verwaltungsbeamte und Magistratspersonen, viele Kaufleute und manche gut gestellten Handwerker schickten ihre Söhne auf Lateinschulen und Gymnasien und zahlten das Schulgeld für sie, manchmal auch nur für einige Jahre, so daß ihre Söhne nur die Anfangsgründe des Latein erlernten. Andere wurden nach Schulabschluß sogar auf eine der Universitäten gesandt, die ihrerseits auch von Angehörigen des Adels besucht wurden, soweit diese nicht die seit Ende des 16. Jahrhunderts gegründeten Ritterakademien aufsuchten. Lateinkenntnisse waren dadurch in den bürgerlichen Oberschichten und den gehobenen Mittelschichten der Städte stark verbreitet; in zunehmendem Maße waren sie beim Adel, vereinzelt auch in den unteren bürgerlichen Mittelschichten vorhanden. Latein war also nicht nur Gelehrtensprache, sondern weit über den Bereich der akademisch gebildeten Gelehrten hinaus verbreitet, auch wenn das Spektrum der Lateinkenntnisse natürlich groß war. Im städtischen Bürgertum verhalf der Lateinschulbesuch oft zu einem sozialen Aufstieg. Sozialhistorische Untersuchungen über die Verbreitung und das verschiedene Ausmaß der lateinischen Bildung existieren meines Wissens noch nicht.

Auch wenn Latein anders als in der katholischen Kirche, in der es die erste lingua sacra blieb, im evangelischen Raum nicht mehr Sprache der kirchlichen Liturgie und nicht ausschließlich Sprache des theologischen Schrifttums war, hatte der Protestantismus nicht zu einem Rückgang der lateinsprachlichen Kenntnisse geführt – vor allem durch den Einsatz Melanchthons gegen wissenschafts– und lateinfeindliche Richtungen unter den Evangelischen [17] . Ein Großteil der theologischen Literatur der Protestanten blieb lateinisch. Für evangelische Pfarrer wurde das für katholische Priester zuvor nicht geforderte Universitätsstudium obligatorisch. Die Gründungswelle des 16. Jahrhunderts für protestantische Lateinschulen, Klosterschulen, Fürstenschulen und Gymnasien wurde erst durch die Jesuitenkollegien kompensiert [18] .

Latein war das Portal zu Bildung und Wissenschaften [19] , und wenn viri eruditi miteinander korrespondierten, schrieben sie lateinisch. Der lateinische Privatbrief war bis ins 18. Jahrhundert eine durch den frühen Humanismus begründete Gewohnheit [20] . Lateinische Briefe wurden nicht nur über gelehrte Themen, sondern über alle Fragen des täglichen Lebens gewechselt, und nicht nur zwischen befreundeten Gelehrten, sondern auch zwischen lateinkundigen Mitgliedern ein und derselben Familie, wie der von mir in dem Buch "Vater und Sohn im 16. Jahrhundert" herausgegebene Briefwechsel zeigte, der auch deutlich machte, daß nicht alle diese Briefe so sprachrichtig, flüssig und elegant formuliert waren wie die Briefe in den zunehmend zum Muster genommenen vielen gedruckten humanistischen Briefsammlungen [21] .

Der Umstand, daß Latein Unterrichts– und Kommunikationssprache in den höheren Lateinschulklassen und Universitäten war, schloß ein, daß Gremiensitzungen und Amtshandlungen des Rektors in der Regel lateinisch durchgeführt wurden. Dies geht auch aus den Senatsprotokollen der Universitäten hervor, in denen vereinzelte deutschsprachige Diskussionsbeiträge in den grundsätzlich lateinischen Rahmen und Text der Niederschrift eingefügt wurden [22] . Welche unerwarteten Aufgaben ein Universitätsrektor zu erfüllen hatte, zeigt Friedrich Taubmanns 1610 gedrucktes Otium semestre publicum sive Hercules academicus, in dem er alle Reden und Verlautbarungen seines Wittenberger Rektorats im Sommersemester 1608 gesammelt herausgegeben hat [23] . Die lateinische Sprache war im übrigen auch üblich auf den convivia, die humanistisch inspirierte Akademiker oft in Nachahmung antiker Symposien veranstalteten. Als Spiegel solcher convivia wurden deshalb auch Bücher mit Titeln wie Sermones convivales vielfach gedruckt [24] .

Diese Sprache war für wissenschaftliche Äußerungen lange Zeit nuancierter, klarer und begriffsreicher als die deutsche. Wenn man sich in ihr über wissenschaftliche Fragen äußerte, gab man seine Gedanken in dem Medium wieder, in dem man sich zuerst mit solchen Gedanken beschäftigt hatte. Man mußte also nicht von einer in eine andere Sprache umdenken, sondern bewegte sich immer in ein und derselben. Die Folge war die Dominanz der lateinischen Sprache im gesamten wissenschaftlichen Schrifttum dieser Jahrhunderte. Es hatte anfangs immer einen besonderen Grund, wenn man da von ihr abwich und die deutsche Sprache benützte, wie bei manchen theologischen Schriften des Protestantismus, bei Kräuterbüchern oder bei deutschen Landrechten. Bis über die Mitte des 18. Jahrhunderts blieb die Mehrzahl der wissenschaftlichen Buchtitel lateinisch. Es konnte nicht ausbleiben, daß die lateinische Sprache wegen ihres Renommees auch von Blendern benützt wurde, um zu imponieren. Ihre Schwächen wurden dann wieder in lateinischen Schriften satirisch angeprangert [25] .

Die Drucker der wissenschaftlichen Werke waren in der Regel selbst humanistisch gebildet. Sie wählten als Firmenzeichen oft ein Signet, dem sie lateinische oder griechische Devisen beigaben und mit dem sie humanistische Leser beeindrucken und anlocken wollten [26] .

Die humanistisch Gebildeten hörten und gebrauchten Latein im Unterricht, in Disputationen über Dissertationes, in Konversationen, beim Vortrag von Reden [27] und bei der Rezitation von Gedichten. Sie suchten die verschiedensten Anlässe durch lateinische Gedichte zu erhöhen und zu verewigen. So fand eine vielfältige Gelegenheitsdichtung Einzug in Deutschland, die im 17. Jahrhundert in die deutsche Sprache mehr und mehr übernommen wurde und während des 18. Jahrhundert langsam an Ansehen einbüßte, und zwar nicht nur weil der Geschmack der Öffentlichkeit sich veränderte, die nun das deutsche Gelegenheitsgedicht vorzog, sondern auch weil der Neuhumanismus seine Aufmerksamkeit nur noch auf die griechischen und römischen Autoren der Antike richten wollte.

Die lateinischen Gelegenheitsgedichte wurden in der Regel mündlich vorgetragen; dabei kamen auch lange Rezitationen zustande (Frischlin rezitierte sein über 5000 Hexameter umfassenden Epos über die Hochzeit Herzog Ludwigs von Württemberg und die anschließenden Turniere mehrere Tage an der Tübinger Universität [28] , Nathan Chytraeus sein Reisegedicht mit über 1000 Hexametern in Rostock [29] ). Manchmal wurden die Gelegenheitsgedichte auch nur schriftlich überreicht (z. B. wenn mehrere Humanisten zu einem Fest Gedichte beitrugen) und oft einzeln als Einblattdrucke [30] , als Broschüren [31] oder sogar als Bücher [32] oder mit anderen derartigen Gedichten und auch Reden zusammen als Bücher gedruckt [33] . Gedichte dieser Art begleiteten das ganze Leben der humanistisch Gebildeten und faßten nahezu alle ihre Lebensumstände in die lateinische Sprache, wobei die verschiedenen Anlässe auch die Motivation zu größeren Dichtungen oder Gedichtzyklen bieten konnten [34] . Die häufigsten Anlässe waren Beerdigungen und Hochzeiten, viele Gedichte wurden auch verfaßt zu Geburtstagen, im Zusammenhang mit dem Universitätsstudium, z. B. als Vorlesungs– oder Ferienankündigungen [35] , als Ermahnungen und als Gratulationen, als Dank– und als Abschiedsgedichte [36] , ferner im Zusammenhang mit convivia (d. h. vor, während und nach humanistischen Zechgelagen), mit Eintragungen in ein album amicorum [37] , mit Reisen [38] , mit Publikationen oder Widmungen von Büchern oder als Besitzeintragungen und bei Exlibris [39] , im Zusammenhang mit Bildnissen oder zu Wappen [40] und Devisen [41] sowie als Herrscherlob. Besondere in der Antike noch nicht belegte Kunstformen wie anagrammatische [42] , chronostichische [43] und emblematische Gedichte, die die verschiedensten Anwendungen fanden, waren sehr beliebt. [44]

Damit ist der Umkreis der Möglichkeiten nur angedeutet und nicht ausgeschöpft. Es waren in unserer Perspektive wichtigere und unwichtigere, ja manchmal sogar überraschende Anlässe. Verfaßt wurden diese Gedichte oft verhältnismäßig rasch. Die 150 Verse der Trauerelegie des Lotichius auf seinen Lehrer Micyllus waren schon drei Tage nach dessen Tod gedruckt [45] ; Martin Opitz konnte behaupten, die lateinische Fassung seines 90 Verse umfassenden Epikedion auf den Tod des Breslauer Bischofs Erzherzog Karl von Österreich in einer einzigen Stunde verfaßt zu haben [46] . Umgekehrt wurden solche Gedichte hörend verstanden und flüssig gelesen von Menschen, die auch auffallende Anspielungen auf klassische Texte wahrnahmen.

Bis um die Mitte des 17. Jahrhunderts waren die lateinischen Gedichtproduktionen zahlreicher als die deutschen. Daß bei einer so verbreiteten Kunstübung die Produkte von unterschiedlicher Qualität waren, war unvermeidlich und auch den Humanisten bewußt. Im 16. –18. Jahrhundert wurden weit mehr lateinische Gedichte in Europa verfaßt als in der gesamten Antike, selbst wenn man berücksichtigt, daß nur ein Bruchteil der antiken Produktion überliefert ist.

Eine so extensive Gedichtproduktion setzt neben lateinischer Sprachkompetenz eine heute kaum vorstellbare Hochschätzung der Poesie voraus. Die zugrundeliegenden prinzipiell gemeinsamen und Jahrhunderte gleichbleibenden Vorstellungen über Ursprung und Ziel der Dichtung, für die man in vielen Regelpoetiken bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts, in Gedichten, Reden und Briefen Belege finden kann, lassen sich so zusammenfassen:

Dichtung ist zum Vers gestaltete Sprache. Ein Text wird durch seine Verse zu einem poema, nicht durch den dargestellten Gegenstand. Poeta ist einer, der Verse macht, er heißt so a versus faciendo, nicht a fingendo. Poeta und versificator unterscheiden sich nur durch die Qualität, nicht durch den Inhalt ihrer Verse. Die anders lautende aristotelische Auffassung wurde weitgehend verdrängt. Ziel der Dichtung ist – hier folgte man Horaz – docere cum delectatione. Vergnügen bereitet Dichtung durch den Rhythmus und den Klang der Verse, also durch numeri und sonus verborum. Es ist sozusagen ein humanistisches Axiom, daß lateinische Verse dem Ohr und Geist des Hörers Vergnügen bereiten, ihn bezaubern und gefangen nehmen und ihm willkommener sind und fester in der Erinnerung haften als ungebundene Rede. Deshalb galt unmoralische Poesie auch als so gefährlich und verwerflich. Eine condicio sine qua non dieses Axioms ist freilich die heute äußerst selten gewordene Fähigkeit, lateinische Verse ohne Schwierigkeiten flüssig zu verstehen.

Die möglichen Gegenstände der Dichtung sind unbeschränkt, sollten jedoch durch die Moral kontrolliert werden. Dichtung belehrt über das Vergangene, das Gegenwärtige und das Zukünftige, über das real Seiende und das durch Fiktion Geschaffene. Sie verwertet dafür die Erkenntnisse, die durch die Wissenschaften geliefert werden, steht also in diesem Sinn über den Wissenschaften.

Damit der Dichter mit Vergnügen verbundene Belehrung liefern konnte, waren nicht nur die erlernbare ars poetica und ständige exercitatio notwendig. Der große poeta brauchte ein besonderes ingenium, worunter man nicht nur eine natürliche Begabung, sondern eine von Gott – metaphorisch von den Musen – gegebene Inspiration verstand. Daraus folgte das hohe Ansehen des poeta bei den Humanisten und seine Erwartung unsterblichen Ruhms ebenso wie die wichtige Rolle der Kritik, die mit Eifer diskutierte Frage, ob ein Gedicht den Anforderungen an eine gute Dichtung gerecht wurde.

Die chronologisch und ontologisch erste Aufgabe der Poesie aber sah man lange Zeit im Lob Gottes, und so war Poesie als christliche Poesie auch eine zentrale Aufgabe für Katholiken und Protestanten. Christliche lateinische Poesie diente nicht nur den kirchlichen Gottesdiensten, sondern begleitete das gesamte christliche Leben und bediente sich dazu aller poetischen Gattungen [47] .

Unterentwickelt war, der Hinweis sei an dieser Stelle gestattet, gegenüber den Verhältnissen in Italien und Frankreich die pornographische Funktion der lateinischen Sprache im deutschsprachigen Raum [48] , jedenfalls bevor sie der Saalfelder Konrektor Friedrich Karl Forberg 1824 in seinen Apophoreta sozusagen auf wissenschaftliches Niveau hob [49] . Ohne Analogie blieben die einzigartigen erotisch–pornographischen Dialoge, die Nicolas Chorier im 17. Jahrhunderts unter dem Pseudonym des biederen niederländischen Philologen Johannes Meursius veröffentlichte und die während des 18. Jahrhunderts unter Angabe von fingierten Druckorten in Frankreich häufig nachgedruckt wurden [50] , ohne Parallele blieben in Deutschland auch obszöne erotische und homo–erotische Dichtungen wie die der Italiener Antonius Panormita, Ramusius Ariminensis und Pacificus Maximus, die der Abbé de Saint–Leger Barthélemy Mercier 1791 zusammen mit Gedichten des Giovanni Pontano und Janus Secundus in Paris herausgab [51] . Auch etwas wie das Pervigilium Veneris des Jean Bonnefons (Paris 1587) war in Deutschland nicht möglich [52] . Hier verzichtete man in Liebesgedichten auf derart detaillierte Beschreibungen des Liebesaktes oder begnügte sich mit Iocosa wie den De arte bibendi libri tres des Vincentius Obsopoeus [53] , und die an unbekanntem Ort 1542 gedruckten drastischen Amorum libri IIII des Simon Lemnius fanden keine Verbreitung [54] .

Von diesem literarischen Bereich, für den besondere Bedingungen galten, aber einmal abgesehen, wurde Latein im deutschsprachigen Raum für alle Themen der bonae litterae, der Religion und Wissenschaften in Wort und Schrift verwendet. Es wurde jedoch nicht nur privat und öffentlich gesprochen, es wurde nicht nur in handschriftlicher Form oder gedruckt gelesen und oft auch auf Theaterbühnen oder gesungen gehört, sondern es begegnete den Augen auch auf vielen Objekten der baulichen und bildenden Künste und auf mannigfachen Produkten der handwerklichen Gewerbe, und zwar sowohl in der Öffentlichkeit als auch im privaten Bereich. Man sah es geprägt auf Münzen und Medaillen, gemeißelt in Inschriften auf Stein an Häusern [55] , Kirchen, Stadttoren, Brücken, Brunnen und Monumenten [56] . Man sah es geschrieben auf die Innenwände von Gebäuden [57] . Man sah es als Um– und Unterschriften von Bildern in Palästen [58] , in Rat– und Bürgerhäusern, als Intarsien auf Möbeln [59] und auch ziseliert in Goldschmiedearbeiten [60] , auf Goldpokalen und Ordensketten [61] oder in Leder geprägt auf schweinsledernen Bucheinbänden [62] . Lateinische Bezeichnungen der materia medica las man auf Apothekergefäßen. Man las Latein in prosaischer und poetischer Gestalt, in der Form von klassischen oder biblischen Zitaten und in neuen Formulierungen auf Waffen [63] und Schützenscheiben [64] , astronomischen Geräten, Globen, Musikinstrumenten [65] und Spielbrettern [66] , in Exlibris und Wappendevisen , auf Ölporträts, Porträtstichen [67] und Ölbildern [68] , auf Holzschnitten [69] , Clair–Obscur–Schnitten [70] , Kupferstichen und Radierungen, auf Epitaphientafeln, Holzskulpturen [71] , bemalten Glasfenstern und Kabinettscheiben, auf Majolikaschalen [72] , auf Steinzeugkrügen [73] und auf Glasflaschen, auf Wandteppichen [74] und auf hölzernen Zimmertäfelungen [75] , als Künstlersignaturen [76] und auf Flugblättern. Die im einzelnen jeweils zu untersuchende Motivation für die Aufnahme lateinischer Aussagen auf derartigen Gegenstände konnte verschieden sein, etwa die Absicht, einem Objekt eine besondere Würde und Zeitlosigkeit zu geben oder einen internationalen Leserkreis anzusprechen oder auf die humanistische Bildung seiner Benützer zu rekurrieren oder nicht auf den ersten Anblick hin Verständliches zu erklären oder das Bild in nicht darstellbare Zusammenhänge zu setzen.

Wer diese lateinischen Texte heute kennen lernen möchte, ist zu einem großen Teil auf Zufallsfunde in Museen und Katalogbänden und ein aufmerksames Auge bei der Besichtigung kultureller Sehenswürdigkeiten angewiesen. Von den erwähnten Verwendungsarten des Latein haben fast nur die Steininschriften, Münzen und Medaillen die Aufmerksamkeit der Forschung auf sich gezogen. Epigraphik [77] und Numismatik sind eigene Disziplinen. Viele numismatische Kataloge existieren, allerdings oft ohne eine Auflösung der auf den Münzen und Medaillen gebrauchten lateinischen Abkürzungen [78] . Das Corpus der sogenannten, bis 2000 51 Bände umfassenden "Deutschen Inschriften", in dem mehr lateinische Inschriften, diese aber immer mit deutschen Übersetzungen [79] , ediert und kommentiert werden, wächst stetig. Dieses Corpus beschränkt sich auch nicht auf die Steininschriften, sondern bezieht tendenziell mit Ausnahme von Papier und Pergament die anderen In– und Aufschriftenträger (Glas, Holz, nicht gemünztes Metall und Textilien) mit ein. Die insgesamt sorgfältige Arbeit des relativ zu der Aufgabe kleinen Mitarbeiterstabs hat in den etwa sechzig Jahren seit Bestehen des Unternehmens das deutsche und österreichische Gebiet bisher jedoch nur sehr sporadisch abdecken können, die im allgemeinen geltende untere Zeitgrenze 1650 zerschneidet die damals ununterbrochen kräftige lateinische Sprachtradition, und die örtlichen Überlieferungsbedingungen tragen in der Regel doch zu einem starken Überwiegen der Steininschriften und einer erheblichen Unterrepräsentation von kleineren Gegenständen des handwerklichen Kunstgewerbes bei, so daß die Bände kein ausgewogenes Bild der damals sichtbaren Präsenz des Lateinischen außerhalb von Büchern und Drucken geben können.

Das Latein auf Gegenständen der Kunst und des Kunstgewerbes hat auch sonst bisher merklich weniger Beachtung erfahren als die neuzeitlichen Steininschriften, die seit dem 16. Jahrhundert gesammelt wurden. Ebenso fand das auf graphischen Werken verwendete Latein nur gelegentliche und nie systematische Beachtung. Die Latinisten, die sich auch als Neo–Latinisten bisher so gut wie ausschließlich mit Buch–Literatur beschäftigten, kümmerten sich bisher nahezu überhaupt nicht um diese Bereiche [80] . Wer aber sollte es sonst tun? Die Kunsthistoriker interessieren sich für diese Objekte, aber meist nicht für die lateinischen Texte an ihnen. Sie erwähnen sie in ihren Beschreibungen oft nicht, erkennen, wenn sie sie transkribieren, häufig weder ihre metrische Form noch ihren Zitatcharakter und erklären sie in Ausstellungen und Büchern nur selten.

Ein charakteristisches Beispiel für die Behandlung solcher Bild–Text–Verbindungen in der modernen Ikonographie bietet das Schema seu speculum principum, eine Folge von – einschließlich der Titelseite – sechs gemischt allegorisch–realistischen Darstellungen mit einem jeweils drei Distichen umfassenden Epigramm. Sie wurde 1597 von den Brüdern Johannes und Raphael Sadeler nach Zeichnungen des in Florenz lebenden Flamen Johannes Stradanus (Jan van der Straeten) gestochen und mit einer Widmung an Herzog Karl Emmanuel von Savoyen und seine Gemahlin Katharina veröffentlicht [81] . Da die bildlichen Darstellungen nach der Titelseite VENATIO, ARMA, LITTERAE, PIETAS und NVPTIAE überschrieben sind und die drei Distichen jeweils unter den Bildern stehen [82] , handelt es sich im weiteren Sinn um eine emblematische Blattfolge. Sie wurde 1979 in dem Ausstellungskatalog des Westfälischen Landesmuseums für Kunst und Kunstgeschichte "Stilleben in Europa" und soeben in der 2000 erschienenen Dissertation von Claudia Brink "Arte et Marte" [83] ausführlich behandelt. Die Detailgenauigkeit der ikonographischen Beschreibung und Deutung ist in der zweiten Arbeit, die sich ihrer Fragestellung nach nur mit drei der sechs Darstellungen beschäftigt, noch erhöht. Keine der beiden Arbeiten geht jedoch auf die mit den Kupferstichen jeweils verbundenen lateinischen Epigramme ein. In dem Katalog werden sie mit einem einzigen Satz erwähnt und abgetan ("Die den Blättern beigegebenen Texte rücken die Seiten in die Tradition der Fürstenspiegel"), in der im Hamburger Graduiertenkolleg für politische Ikonographie entstandenen Dissertation ist von ihnen überhaupt nicht die Rede. Dies erweckt den Eindruck, daß die kunsthistorische Ikonographie unserer Zeit in der Praxis manchmal mit einer Beschreibung und Deutung allein der Bilder auszukommen glaubt und es nicht für nötig hält, die mit den Bildern verbundenen Texte zu berücksichtigen [84] . Dann ist es eine noch kaum wahrgenommene Aufgabe der Latinistik, sich um solche Epigramme zu kümmern. Werden sie im vorliegenden Fall interpretiert, ergibt sich, daß ihre Informationen einerseits über das, was in den Bildern dargestellt ist, hinausgehen und die Bilder durch sie in einen erweiterten Verständnishorizont gestellt werden und daß sie andererseits aber auch nicht auf alles eingehen, was der Zeichner in die Darstellung eingebracht hat. Eine Betrachtung des Texts zum Bild und des Bildes zum Text – und dies ist die Betrachtung, für die der Bild–Text–Zusammenhang ursprünglich bestimmt war – führt zu einem Verständnis des Bild–Text–Komplexes, die durch eine isolierte Betrachtung von Bild oder Text nicht erreicht werden kann [85] .

Gelegentlich bieten kunsthistorische Arbeiten zwar eine Transkription oder Übersetzung der zu Bildern gehörenden lateinischen Texte. Nicht immer, aber immer öfter reichen die Lateinkenntnisse dafür jedoch nicht aus [86] , und diese sind dann noch weniger für eine angemessene Kommentierung vorhanden. Die weitergehende Frage, an welchen Objekten und zu welchen Zwecken lateinische Aufschriften verwendet werden und welche lokalen und zeitlichen Veränderungen beobachtet werden können, wurde deshalb bisher gar nicht gestellt. Dies ist ohne latinistischen Hochmut, auch ohne latinistische Pedanterie und nicht als Vorwurf, sondern als Situationsbeschreibung gesagt und vor allem als Appell an die Latinisten gemeint, ihre Forschungen auf das Latein an Kunstobjekten auszudehnen. Eine kunsthistorische und eine genügende latinistische Kompetenz findet sich heutzutage nur ausnahmsweise vereint. Und schon gar nicht ist es eine kunsthistorische Aufgabe, das Latein an Kunstobjekten zum speziellen Untersuchungsgegenstand zu machen. Es wäre den Interessen der Kunsthistoriker und der Latinisten gedient, wenn sich beide Disziplinen in diesem Bereich zu einer Zusammenarbeit entschließen könnten. Die Kunsthistoriker könnten erkennen, daß eine zutreffende Interpretation des Lateins am Kunstobjekt Sinn und Funktion des Objekts besser erschließt, und die Latinisten könnten einen wichtigen Aspekt der neuzeitlichen Latinität in ihren Kenntnishorizont einbeziehen und für ein besseres Verständnis der frühen Neuzeit nützen. Eine Verwirklichung dieser Empfehlung dürfte allerdings nicht leicht fallen, da erfahrungsgemäß Latinisten sich oft nicht leicht bewegen lassen, ihre Tätigkeit auf einen professionell von ihnen bisher nicht beachteten Textbereich auszudehnen, und Kunsthistoriker sich oft nicht leicht überzeugen lassen, daß sie in einem bisher von ihnen allein betreuten Bereich Hilfe annehmen und suchen sollten.

Nehmen wir als Beispiel eine runde Nürnberger Kabinettscheibe aus der Zeit um 1530, die im Berliner Kunstgewerbemuseum ausgestellt ist (Inv. AE 470). Sie zeigt innerhalb einer Säulenarchitektur in einer klassisch ausgewogenen Komposition drei junge Frauen, die durch die über ihren Köpfen befindlichen Aufschriften LACHESIS ATROPOS CLOTO als die drei Parzen bezeichnet sind. In einem rahmenden Kreisband steht: LANIFICAS NVLLI TRES EXORARE PVELLAS: CONTIGIT OBSERVANT QVEM STATVERE DIEM. Seit 1985 kann der Besucher dazu auf dem ausliegenden und käuflich erwerbbaren Erklärungsblatt Nr. 1449 des Kunstgewerbemuseums immerhin folgenden Erklärungsversuch lesen [87] : "[Die Scheibe] trägt eine lateinische Umschrift, die in deutscher Übersetzung lautet: "Niemandem gelang es je, von den drei Spinnenden zu erfahren, welchen Tag sie zu bestimmen beabsichtigen. " Diese Worte weisen auf die Bedeutung der Parzen als Schicksalsgöttinnen hin, denn von ihnen wurde, Homer zufolge, der Lebensfaden gesponnen, gemessen und im entscheidenden Moment abgeschnitten. "

Dem lateinunkundigen Besucher fällt nicht auf, daß er hier mehrfach falsch instruiert wurde. Der Text betont die Unveränderlichkeit und Unentrinnbarkeit der Todesstunde, nicht die Unkenntnis derselben, denn eine zutreffende Übersetzung der Umschrift lautet: "Niemandem gelang es, die drei Spinnerinnen zu erbitten (d.h. durch Bitten zu überreden, daß sie den Todestag hinausschoben). Sie achten auf (und halten sich an) den Tag, den sie festgesetzt haben. " Diese Worte weisen auch nicht auf die Parzen als Schicksalsgöttinnen zum Zwecke einer mythologischen Belehrung (der zeitgenössische Leser brauchte sie anders als der moderne Museumsbesucher nicht), und bei Homer ist im übrigen eine so differenzierte Ausprägung der Vorstellung von den Moiren noch gar nicht vorhanden. Die Ziele der durch den Anblick der Scheibe ausgelösten Gedanken sind, wie sich herausstellen wird, ganz andere.

Es wurde hier auch – wie meistens in den Erklärungen der kunsthistorischer Kataloge – der metrischen Form der Umschrift keine Aufmerksamkeit geschenkt. Sie bildet ein elegisches Distichon:

Lanificas nulli tres exorare puellas

Contigit: observant, quem statuere, diem.

Die Angabe mag für ein Erklärungsblatt schon zu detailliert sein, aber das Ergebnis der darauf aufbauenden Beobachtungen und Überlegungen ist dann sehr wohl auch für den lateinunkundigen Besucher von Interesse.

Das Distichon ist keine Neukomposition, sondern ein Zitat aus einem Epigramm Martials (4, 54, 5 f.). Schon Albrecht von Eyb hatte dieses Distichon in seiner Margarita poetica in die Liste der zitierfähigen antiken Dichterstellen aufgenommen [88] . Im 16. Jahrhundert wurden Martials Epigramme viel gelesen. Das Epigramm, aus dem das zitierte Distichon stammt, führt die Unveränderlichkeit des Todestags als Grund dafür an, daß der Angeredete seine Tage genießen und jeden für den möglicherweise letzten halten solle:

O cui Tarpeias licuit contingere quercus

Et meritas prima cingere fronde comas,

Si sapis, utaris totis, Coline, diebus

Extremumque tibi semper adesse putes.

Lanificas nulli tres exorare puellas

Contigit: observant quem statuere diem.

Divitior Crispo, Thrasea constantior ipso

Lautior et nitido sis Meliore licet,

Nil adicit penso Lachesis fusosque sororum

Explicat et semper de tribus una negat.

"O du, dem es erlaubt war, die tarpeischen Eichenblätter zu erlangen und verdientermaßen das Haupthaar mit dem Laub des Siegers zu bekränzen, wenn du klug bist, dürftest du alle Tage genießen und immer glauben, daß der letzte für dich gekommen ist. Keinem gelang es, die drei spinnenden Mädchen durch Bitten zu erweichen – sie bleiben bei dem Tag, den sie festgesetzt haben. Reicher als Sallust, beständiger als selbst Thrasea und schöner als der strahlende Melior magst du sein, Lachesis fügt dem Gesponnenen nichts hinzu und wickelt die Spindeln der Schwestern ab und eine von den dreien sagt immer nein (bzw. nach der Konjektur von Daniel Heinsius secat: schneidet immer den Faden ab). "

Domitius Calderinus erklärte das Epigramm in seinem seit 1474 sehr oft gedruckten Kommentar [89] und schrieb dort zu tres puellas in V. 5: Cloton, Lachesin & Atropon. Von hier hat der Zeichner der Vorlage der Kabinettscheibe vermutlich die drei zuerst bei Hesiod erscheinenden Namen genommen oder bekommen. Das Epigramm bringt eine gedankliche Variante zu der berühmten Horaz–Ode 1, 11, Tu ne quaesieris ... und zu der Horaz–Epistel 1, 4, Albi nostrorum sermonum candide iudex, an deren Verse: sapias ... carpe diem, quam minimum credula postero (11, 6–8) und: omnem crede diem tibi diluxisse supremum (4, 13) es im Ausdruck deutlich erinnert.

Was sollte die Umschrift dem Betrachter sagen? Sicher sollte sie ihn an den unausweichlich bevorstehenden Tod denken lassen, aber zu welchem Zweck? Sollte sie im Sinne Martials – und im Sinne des Horaz – dazu auffordern, deshalb die gewährten Augenblicke des Leben zu genießen und zum Beispiel, wie Martial es in einem anderen thematisch verwandten und von Domitius Calderinus sogar zur Erklärung herangezogenen Epigramm formuliert [90] , deshalb Wein zu einem convivium mit Freunden holen? Dazu mußte der Leser der Umschrift aber das Zitat erkennen und seinen Kontext kennen. Die Kabinettscheibe paßte dann durchaus in das Zimmer eines Humanisten, der sich durch sie an den Tod erinnern und an ein convivium mit Freunden mahnen ließ.

Die Erinnerung an den Tod konnte an sich aber auch einen andersartigen, sehr verbreiteten christlichen Gedankengang hervorrufen. Ihm folgend schrieb z. B. Wolfgang Rychardus um 1510 in einer antike Philosophie und christlichen Glauben verbindenden Reflexion in einem Brief [91] : "Nicht ohne Grund haben die alten Weisen überliefert, daß Ziel und Gipfel der Philosophie in der Betrachtung des Todes liegt. Denn was paßt besser zur christlichen Religion, was ist unserer kleinen Seele für das himmlische Leben zuträglicher als die Flucht vor der Sünde und die Beachtung der Frömmigkeit gegenüber Gott? Das aber können wir durch keine andere günstigere Bedingung erreichen als durch die Betrachtung des Todes. Es sagt nämlich Augustinus, jener heiligste der Väter: ’an deinen letzten Tag denken – und du wirst in Ewigkeit nicht mehr sündigen! ’ " [92]

Eine derartige christliche contemplatio mortis sollten die beiden Kabinettscheiben anmahnen, die drei Jahrzehnte zuvor gleichfalls in Nürnberg hergestellt worden waren. Der Propst Dr. Sixtus Tucher hatte sie 1502 in Nürnberg für sich bestellt. Dürer zeichnete die Vorlagen für sie [93] . Auf der einen der beiden Scheiben ist der personifizierte Tod auf einem Pferd mit Pfeil und Bogen und einem Sarg abgebildet in der Umschrift: CAVE MISER NE MEO TE CONFIXVM TELO IN HOC TETRO [94] COLLOCEM LECTO "Sieh dich vor, Unglücklicher, daß ich dich nicht durchbohrt durch mein Geschoß in dieses garstige Bett lege". Auf der anderen Scheibe sieht man Sixtus Tucher selbst, der auf ein offenes Grab zeigt und laut Umschrift sagt: QVID MINARIS QVOD HOC MONENTE SEPVLCHRO ECIAM SI VELIS CAVERE NEQVEO "Wieso drohst du mir das, wovor ich mich angesichts dieses mahnenden Grabes auch nicht, wenn du es willst, vorsehen kann? " [95]

Wer die drei Jahrzehnte später entstandene Parzenscheibe sah und ihr Latein verstand, ohne das Martialzitat zu erkennen oder zu beachten, mochte sich durch die beiden Verse im gleichen Sinn auf eine christliche contemplatio mortis verwiesen sehen. Ja er konnte sogar in Kenntnis des heidnischen Kontexts bewußt eine Umdeutung in christlichem Sinn vornehmen.

Denn dies haben in einem ähnlichen Fall Nicolaus Reusner und Herzog Wolfgang von Pfalz–Zweibrücken und Neuburg (1526–1569) getan. Nicolaus Reusner bringt in seiner Sammlung von Herrscherdevisen auch die des Herzogs (VIVE MEMOR LETHI) [96] und paraphrasiert ihren Sinn mit:

Vive memor lethi: vives pius: hora suprema

Semina nequitiae languidiora facit.

"Lebe eingedenk des Todes, [dann] wirst du fromm leben. Die letzte Stunde [= der Gedanke an die letzte Stunde] macht die Samen der Sünde schwächer. "

Reusner nahm mit Recht an, daß die Erinnerung an den bevorstehenden Tod bei dem Herzog einen solchen christlichen Sinn hat. Herzog Wolfgang war ein entschiedener Lutheraner und auch die von Reusner mitgeteilten Devisen seiner fünf Söhne haben einen christlichen bzw. sehr moralischen Sinn [97] . Reusner gab kommentierend aber auch ausdrücklich an, daß die Devise ein Halbvers des Persius ist, und der steht dort in folgendem Kontext (Sat. 5, 151–153):

Indulge genio, carpamus dulcia: nostrum est,

Quod vivis. cinis et Manes et fabula fies.

Vive memor leti: fugit hora – hoc, quod loquor, inde est.

"Laß es dir gut gehen, laßt uns das Angenehme genießen: denn wir haben nur die Zeit, die man lebt! Asche und ein Totengeist und eine bloße Geschichte wirst du bald sein. Lebe im Bewußtsein, daß du bald tot bist! Es entflieht die Stunde – das, was ich sage, ist schon vorbei. "

Die antiken sogenannten Cornutus–Scholien erklären indulge genio mit id est convivare [98] . Wie sehr ein solcher Imperativ den alten christlichen Idealen widersprach, beleuchtet Cap. 41 der Formula vivendi Canonicorum, Vicariorum et aliorum presbyterorum secularium [99] : Convivia et hospites et nundinas et dedicationes et concursus hominum studeat evitare, quia teste beato Hieronymo: Sunt quasi quaedam catenae voluptatis, et qui talia diligit, Christo displicet. Die Imperative werden bei Persius zwar dadurch relativiert, daß er sie Luxuria sprechen läßt. Ein Humanist konnte sie aber auch ernst nehmen. Horaz, in Anlehnung an den Persius formulierte, und Martial stimmten zu. Johannes Britannicus schrieb in seinem zuerst 1481 gedruckten Kommentar zu der Persiusstelle: Arguta suasio, quis enim memor mortis non vacet ocio et voluptati? Aemulatio est Horatii und zitierte Horaz, Sat. 2, 95–97 (dum licet, in rebus iucundis vive beatus, | vive memor quam sis aevi brevis), danach Carm. 1, 11, 7 f. (dum loquimur, fugerit invida | aetas) [100] . Auch Albrecht von Eyb hatte die drei Persius–Verse in seiner Margarita poetica in die Liste der zitierfähigen antiken Dichterstellen aufgenommen [101] . Herzog Wolfgang muß die Herkunft seiner Devise aus Persius gekannt haben. Er hatte Latein gelernt [102] und förderte die humanistische Bildung: er gründete die evangelischen Landesschulen in Hornbach und Lauingen.

Was der Humanist als einen auf das Diesseits gerichteten Imperativ las, funktionierte der Christ zu einem Imperativ mit einer auf das Jenseits gerichteten Konsequenz um. Die ursprüngliche Bedeutung war dadurch jedoch nur verdeckt und im Bewußtsein nicht gelöscht, sie konnte bei Bedarf sozusagen reaktiviert werden. Der Humanist konnte sogar versuchen, die beiden vom Ursprung her verschiedenen und sich an sich widersprechenden Konsequenzen des Todesgedankens miteinander zu verbinden, wobei sie aber in ihrer Verwirklichung verändert werden mußten.

Ähnlich ist es um die Kabinettscheibe mit den Parzen und dem Martialzitat bestellt. Die Scheibe kann nur ein Humanist in Auftrag gegeben haben, der das Zitat und seinen Kontext kannte. Er konnte sich dadurch unter Abänderung der ursprünglichen Intention des Textes zu christlicher contemplatio mortis auffordern lassen, aber sobald er sich an den Kontext bei Martial erinnerte, mußte ihm auch die Mahnung von Martial und Horaz vor Augen stehen, alle Tage wie den letzten zu genießen. Domitius Calderinus paraphrasierte utaris totis diebus mit totos dies consume in vera vita, der Kommentator Thomas Farnabius ergänzte 1615 den Ausdruck durch: ad voluptates et vitae huius gaudia.

Wenn die in Nürnberg hergestellte Kabinettscheibe auch, wie zu vermuten ist, für einen Nürnberger hergestellt wurde, kann sie nur von einem vermögenden und humanistisch gebildeten Nürnberger bestellt worden sein, der sein Haus mit einem humanistischen Element verschönern wollte, der die klassische Literatur gut kannte und der ihre Gedanken auch auf sein Leben wirken lassen wollte. Hierbei ist wohl nicht mehr an Wilibald Pirckheimer zu denken, der 1530 sechzigjährig starb. Ein solcher Nürnberger war aber z. B. der seit 1525 in Nürnbergischen Diensten stehende Advokat und Ratskonsulent Lic. iur. utr. Johannes Mylius, der um 1530 eine humanistische sodalitas in Nürnberg gründete und der seine humanistischen Freunde nach dem Vorbild Pontanos und Ciceros zu Symposien und gelehrten Gesprächen in sein Haus oder seinen Garten einzuladen pflegte. Seine bekannten sodalicii waren die Lehrer am 1526 gegründeten Nürnberger Aegidiengymnasium Joachim Camerarius, Eobanus Hessus und Michael Roting sowie der Nürnberger Kanzleischreiber Georg Hoeppel. Camerarius hat eines dieser convivia, bei dem man sich über Vorzeichen in Antike und Gegenwart unterhielt, in seinem 1532 gedruckten Dialog Norica sive de ostentis libri duo dargestellt [103] .

Der erste Käufer der Scheibe kann ohne weitere Angaben nicht sicher identifiziert werden [104] . Aber sie ist sicher für ein humanistisches Milieu wie das eben beschriebene geschaffen worden. Die Scheibe konnte durch ihre Erinnerung an den Tod zu einer christlichen contemplatio mortis auffordern, sie konnte aber auch durch ihr Martialzitat an die dort geforderte Einstellung zum Leben erinnern und entsprechend zu einem bewußten Genuß des gewährten irdischen Lebens mahnen. Das Zitat auf der Kabinettscheibe dokumentiert instruktiv, wie humanistische Gedanken einerseits dem christlichen Bewußtsein assimiliert wurden und andererseits zugleich als nichtchristliches Ferment wirken konnten.

Das etwas ausführlicher vorgestellte Beispiel illustriert wohl zur Genüge, daß selbst eine richtige Übersetzung lateinischer Inschriften nicht ausreicht und daß mehrere Disziplinen profitieren und unsere Kenntnis der Kultur der frühen Neuzeit wesentlich gefördert werden kann, wenn sich die Latinisten in Zukunft auch um Latein auf neuzeitlichen Kunstobjekten kümmern [105] . Es illustriert zugleich wie Latein im Leben und im Zusammenspiel verschiedener Medien, auf Kunstobjekten, in Büchern und in geselliger Mündlichkeit präsent war.

Da diese Alltagspräsenz des Lateinischen jedoch immer innerhalb einer deutschsprachigen Gesellschaft stattfand, und die lateinisch Sprechenden immer auch deutsch Sprechende waren, konnte es nicht anders geschehen, als daß die beiden Sprachen auch in Kontakt miteinander kamen. Den Einfluß der deutschen auf die lateinische Sprache suchten die Humanisten nach ihren Sprachprinzipien möglichst auszuschließen, umgekehrt hatte ihre lateinische Sprache aber erheblichen Einfluß auf den Wortschatz und die Syntax des Deutschen. Der Weg dazu wurde teilweise dadurch bereitet, daß lateinische Worte, Satzteile und Sätze im Gespräch in die mündliche und dann auch in Briefen und Romanen in die schriftliche deutsche Sprache übernommen wurden, daß antike und humanistische lateinische Texte in deutscher Übersetzung erschienen, daß die Titel deutscher Bücher oft oben lateinisch und darunter deutsch formuliert wurden und daß Flugblätter lateinische und gleichsinnige deutsche Texte nebeneinander zeigten. Wie sich diese lateinisch–deutschen Kontakte im einzelnen entwickelten, ist im einzelnen von germanistischer Seite noch wenig [106] , von latinistischer so gut wie nicht untersucht. Der Fragenkomplex führt von selbst zu den Veränderungen des Verhältnisses von lateinischer und deutscher Sprache und zu der Frage nach dem Wechsel der Paradigmen im 18. Jahrhundert, was hier nicht mehr Gegenstand sein kann.

Unser Umblick, der leider meist sehr summarisch bleiben mußte, hat jedoch hoffentlich bewußt machen können, daß der Anteil des Lateinischen in der deutsch–lateinischen Mischkultur des 16. –18. Jahrhunderts oft unterschätzt und zu sehr im Bereich der gedruckten Bücher gesehen wird. Daß Latein ein integraler Bestandteil der Alltags– und Festkultur war und daß hier wichtige Aufgaben künftiger interdisziplinärer Forschungen liegen, suchte dieser Vortrag deutlich zu machen. Die lateinische Kultur der frühen Neuzeit und ihre Wirkungen können nur erfaßt und ins historische Bewußtsein unserer Zeit gehoben werden, wenn die Forschung sozusagen in einer konzertierten Aktion allen ihren Äußerungen Aufmerksamkeit schenkt und die Latinistik in diesem Konzert die ihr zukommende Aufgabe übernimmt.



[1] Damit hat die Wirklichkeit die karikierende Übersetzungssatire für medio tutissimus ibis "in den Medien ist der Ibis am sichersten" überholt. Vgl. Pieter Bruegel invenit. Das druckgraphische Werk. Katalog zur Ausstellung in der Hamburger Kunsthalle, hgg. von Jürgen Müller und Petra Roettig, Hamburg 2001, S. 142f. Der hier mißverstandene Hexameter INTER VTRVMQVE VOLA, MEDIO TVTISSIMVS IBIS kombiniert zwei ovidische Halbverse aus der Ikarus– und Phaethon–Episode (Met. 8, 206 + 2, 136). Unter ihm steht das Epigramm: Qui fuit ut tutas agitaret Daedalus alas? | Icarus immensas nomine signet aquas? | Nempe quod hic alte, demissius ille volabat: | Nam pennas ambo non habuere suas. J. M. übersetzte diese Verse dann so: "Wie es gekommen ist, daß Daedalus taugliche Flügel erfand, Ikarus einem großen Meer seinen Namen gab? Offenbar stürzte dieser aus großer Höhe ab und jener wollte fliegen, ohne daß beide seine Flügel hatten. " Die Mißverständnisse anderer Bildepigramme in dem Katalogband sind vergleichbar. Der Aufsatz " Über die Folgen der Lateinarmut in den Geisteswissenschaften" in Gymnasium 98, 1991, S. 139–158, hat an Aktualität nicht verloren; vgl. dazu auch Walther Ludwig, Risiken und Chancen bei der Erforschung der neuzeitlichen Latinität, Jahrbuch für Internationale Germanistik 30, 1998, S. 8–20, und als erschreckende Fallstudie die Rezension von Klaus Alpers zu: Lüneberger Testamente des Mittelalters, 1323–1500. Bearbeitet von Uta Reinhardt (Veröffentlichungen der historischen Kommission für Niedersachsen und Bremen XXXVII: Quellen und Untersuchungen zur Geschichte Niedersachsens im Mittelalter. Band 22), Hannover 1996, in: Göttingische Gelehrte Anzeigen 251, 1999, S. 73–98.

[2] Das schon oft widerlegte, aber auch immer wieder von Unkundigen mit Genuß wiederholte Diktum Eduard Nordens (Die Antike Kunstprosa, zuerst 1898, hier 5. Auflage Darmstadt 1958, S. 767), daß die Humanisten dem im Mittelalter noch lebendigen Latein den "Todesstoß gegeben" hätten, resultiert aus einer Verkennung des lebendigen Gebrauchs des Lateinischen in mehreren Jahrhunderten der europäischen Neuzeit (die Humanisten unterschieden zwischen der lingua vernacula, patria oder materna und der durch ars erworbenen lingua Latina) und vermutlich noch mehr aus einer Überbewertung der Auswirkungen des extremen Ciceronianismus, die Norden nahelag, da die puristischen Antibarbarus–Tendenzen im 18. und 19. Jahrhundert tatsächlich dazu beigetragen hatten, den Gebrauch der lateinischen Sprache zu erschweren, auch wenn sie nicht allein und auch nicht hauptsächlich für den allmählichen Verlust der Funktionen des Lateins im 18. und 19. Jahrhundert verantwortlich gemacht werden können.

[3] Der Untersuchungszeitraum stimmt also weitgehend mit der mittleren deutschen Literatur überein, wie sie Hans–Gert Roloff, Das Berliner Modell der mittleren deutschen Literatur, in: Christiane Caemmerer u. a., Hrsg., Das Berliner Modell der Mittleren Deutschen Literatur, Beiträge zur Tagung Kloster Zinna 29.9. –01.10.1997, Amsterdam 2000 (= Chloe, Beihefte zum Daphnis, 33), S. 469–494, definiert und durch fünf Grundzüge charakterisiert hat, nur daß Roloff mit Rücksicht auf die deutsche Literatur die Eckdaten auf etwa 1400 und 1750 ansetzt, während hier vom Anfang des 16. Jahrhunderts ausgegangen wird, als sich das humanistische Latein in Deutschland allmählich durchsetzte. Ferner erhalten sich auch nach der Mitte des 18. Jahrhunderts bis zum Anfang des 19. noch gewisse, für den Renaissance–Humanismus und die Folgezeit typische Funktionen des Latein, da die neuen Paradigmen, unter ihnen der Neuhumanismus, noch nicht zur vollen Wirkung gekommen sind.

[4] Heinrich Bebels Commentaria epistolarum conficiendarum, die 1500–1516 zwölf mal gedruckt wurden (vgl. zu ihnen Carl Joachim Classen, Zu Heinrich Bebels Leben und Schriften, Nachrichten der Akademie der Wissenschaften in Göttingen I. Phil. –Hist. Kl., Jahrgang 1997, Nr. 1, Göttingen 1997), und die Grammatiken und Vokabularien seiner Schüler Altenstaig, Brassicanus und Henrichmann hatten eine beträchtliche Wirkung im Kampf für den neuen Stil, vgl. dazu demnächst Walther Ludwig, Der Humanist Ortwin Gratius, Heinrich Bebel und der Stil der Dunkelmännerbriefe, in: Humanismus in Erfurt, hrsg.von Gerlinde Huber–Rebenich und Walther Ludwig.

[5] Zur humanistischen Auseinandersetzung mit den vorhumanistischen Unterrichts– und Nachschlagewerken vgl. Jozef IJsewijn, Alexander Hegius (_ 1498), Invectiva in Modos Significandi, Forum for Modern Language Studies 7, 1971, S. 299–318, M. A. Nauwelaerts, Grammatici, Summularii et autres auteurs réprouvés: Érasme et ses contemporains à la remorque de Valla, Paedagogica Historica 13,1, 1973, S. 471–485, Jacques Chomarat, Grammaire et Rhétorique chèz Érasme, Paris 1981, Bd. 1, S. 184–224, und Jozef IJsewijn, Mittelalterliches Latein und Humanistenlatein, Wolfenbütteler Abhandlungen zur Renaissanceforschung 1, 1981, S. 71–83.

[6] Dies läßt sich durch die erhaltenen Sammelbände belegen, die in zeitgenössischen Einbänden Schriften des alten Stils wie die Gemma gemmarum mit solchen des neuen wie der Grammatik Henrichmanns und den Adagia des Erasmus verbinden (vgl. z. B. Wolfenbüttel HAB: 98 Qu N; Li Sammelbd 24). Ein Zeichen des Übergangs ist auch die in Lyon 1514 erschienene Bearbeitung des von Humanisten geschmähten Catholicon des Johannes Balbus de Janua durch den Humanisten Jodocus Badius Ascensius (= Index Aurelianus 111. 803), der folgendes Epigramm ans Ende setzte: Si quondam in pretio tibi Summa fuit genuensis | Lector: ob eximij sensa profunda viri: | Nunc ea tot vitijs lima detersa recenti. | Auctaque multijuga iure placebit ope. | Ergo age iudicio cetus studiose probato. | Dispice quid prestet culta Minerva sui.

[7] Vgl. die juristischen lateinischen Texte der frühen Neuzeit mit Übersetzungen in: Christian v. Bar und Peter H. Dopffel, Deutsches Internationales Privatrecht im 16. und 17. Jahrhundert, Materialien, Übersetzungen, Anmerkungen, Band 1–2, Tübingen 1995 und 2001 (=Materialien zum ausländischen und internationalen Privatrecht 39, 42).

[8] Vgl. Gerardus Joannes Vossius, De vitiis sermonis et glossematis Latino–Barbaris libri quatuor, partim utiles ad pure loquendum, partim ad melius intelligendos posteriorum seculorum scriptores, zuerst 1640, Amsterdam 1645, ed. ult. Frankfurt 1566. Der erste, der den von Erasmus berühmt gemachten Ausdruck Antibarbarus für ein puristisches Wörterbuch verwendete, war anscheinend Christoph Cellarius, der 1668 De Latinitate mediae et infimae aetatis liber sive Antibarbarus herausgab und in mehreren Auflagen erweiterte. Hier wurden (benützt wird die 3. erweiterte Auflage Jena 1695) gebrandmarkt voces nullius aut obscurae autoritatis, vocabula autoritatis mediae, notiones peregrinae, phrases et formulae minus latinae, syntaxis suspecta und Graecismi insolentes. Der Ausdruck setzte sich über Johann Friedrich Noltenius, Lexicon Latinae linguae Antibarbarum, Helmstedt 1730 (1744 und 1780 stark erweiterte Auflagen) bis zu Johann Philipp Krebs, Antibarbarus der lateinischen Sprache, Frankfurt am Main 1832 (7. Auflage bearbeitet von J. H. Schmalz, Basel 1905) fort.

[9] Vgl. Cellarius, S. 1: Coniungo, quae nullam auctoritatem habent, utpote barbaris saeculis in linguam introducta, et quae habent quidem suos auctores, antequam lingua Romana exspiravit, sed, quod ad stilum pertinet, subobscuros et in classicorum censu minime scribendos; und Johann Peter von Ludewig, Opuscula oratoria, Halle 1721, S. I f.: Nam dulcius ex ipsis fontibus, Romanis scilicet et classicis auctoribus hauritur, quam ex rivulis etiam limpidissimis scriptorum nostrae aut inferioris aetatis. Qui, licet purissimi videantur, plerumque alvei tamen sui id est, temporis ac genii quasdam feces trahunt inficiuntque Latinitatem nunc verbis, nunc sensibus, nunc phrasibus et dictionibus a florentis aevi usu alienissimis. Deinde paucissimis tantum otii, ut sibi Romanos scriptores aut in his unum vel alterum, ut tamen fieri debet, familiares reddant. Est vero ingenii parum considerati, tempus surripere classicis, et dare illud gregariis scriptoribus legendis. Nam ultimi in tantum boni sunt, in quantum accedunt ad primos, ad quos, instar Lydii lapidis, illi exiguntur et aestimantur. Atque hoc quidem non solum ideo fit, quoniam Latinitas est demortua, ut magistris linguae huius etiam uti liceat nonnisi mortuis: sed etiam ideo, quod scriptores veteres excellant ingenio, usu, iudicioque, ut hodie, in tanta litterarum luce, habeamus, ut corruptae eloquentiae causas indagemus, non superbiamus de huius artis prolatis limitibus. Scio, regnare in scholis quibusdam Muretum, Buchnerum, Manutium, Cunaeum, aut similes. Verum haec instituta aut damnanda sunt aut veniam ideo tantum merentur, quoniam hi auctores de rebus familiaribus aut intellectu facilibus scripsere, cum Romanos contra difficulter intelligant iuvenes nostri, nisi imbuti sint rerum Romanarum notitia, quae argumenti difficilioris. Die Aussage Latinitas est demortua meint hier offensichtlich nicht, daß die lateinische Sprache für die zeitgenössische Kommunikation nicht geeignet sei, sondern daß sich die lateinische Sprache nach der Antike nicht weiterentwickelte, so daß die Muster für heutiges Latein ausschließlich in den klassischen Autoren zu finden seien und die modernen Autoren umso besseres Latein schrieben, je näher es dem der klassischen Autoren käme.

[10] Wie viele Gräzismen das neulateinische Vokabular aufnahm, die auf diesem Weg dann auch in die europäischen Nationalsprachen eindrangen, wird durch ein Lexikon wie das von René Hoven, Lexique de la prose Latin de la Renaissance, Leiden u. a. 1994, deutlich.

[11] Während längere und kürzere Übersichten über die Universitäten im deutschsprachigen Raum zur Verfügung stehen (sehr gut zur deutschen Universitäts– und Gymnasiallandschaft Anton Schindling, Bildung und Wissenschaft in der frühen Neuzeit 1650–1800, München 1994), gibt es für die Verbreitung der Lateinschulen keine zusammenfassende Darstellung. Für sie muß auf regionale Arbeiten zurückgegriffen werden, die bis jetzt nur für einzelne Territorien existieren. So geht z. B. aus: Geschichte des humanistischen Schulwesens in Württemberg, Hrsg. von der Württembergischen Kommission für Landesgeschichte, 3 Bde., Stuttgart 1912–1928, hervor, daß sich in dem kleinen Herzogtum Württemberg vom 16. bis Ende des 18. Jahrhunderts in 57 Städten Lateinschulen, anfangs in 13, später in 4 säkularisierten Mannsklöstern evangelische Klosterschulen und in Stuttgart ein Gymnasium befanden.

[12] Daß dies freilich manchmal auch nur ein unerreichtes, aber doch immer wieder angestrebtes Ziel war, belegt der folgende Bericht über eine Visitation der städtischen Schulaufsichtskommission (des aus Ratsherren, Ratsbeamten und Geistlichen bestehenden Scholarchats) von Schwäbisch Hall aus dem Jahr 1636. Damals stand die dortige fünfklassige Lateinschule unter dem Rektorat von Caspar Scheuring, der zugleich Praeceptor der obersten Klasse (der sogenannten prima) war (erstmals ediert aus einer Handschrift des Stadtarchivs Schwäb. Hall, Ev. Dekanat Archiv Inventar Nr. 22, Protocollum des Scholarchats, Bd. 1, Bl. 62r): "Bei gehaltener Deliberation ist erstlich insgemein über primam classem geklagt worden, daß die Knaben so übel bestanden, in recitando reingesehen, und waß sie memoriter solten recitiert haben, per fucum nur aus den büchern gelesen, ja das der praeceptor selbst im Beisein Scholarcharum teutsch mit seinen discipulis geredt, daraus abzunehmen, daß das viel mehr in absentia geschehe. In Summa es sei kein autoritet und ernst da, sondern gehe alles schläffrig ab. Solches ist ihm durch H. Directorn [des Scholarchats] ernstlich undersagt worden, inskünfftig solches abzustellen quod promisit."

[13] Vgl. Notker Hammerstein, Hrsg., Handbuch der deutschen Bildungsgeschichte, Bd. 1, 15. –17. Jahrhundert, München 1996 (Bd. 2 zum 18. Jahrhundert noch nicht erschienen, aber 5 weitere Bände für das 19. und 20. Jahrhundert; eine bedauerliche Eigentümlichkeit dieses guten Handbuchs ist, daß in ihm die deutsche Bildungsgeschichte erst im 15. Jahrhundert beginnt, wodurch nicht nur die Kloster– und Domschulen, sondern auch frühe städtische Schulgründungen nicht behandelt werden, und daß in Band 1 nur das höhere Schulwesen und die Universitäten, nicht die seit dem 16. Jahrhundert in Städten und Dörfern eingerichteten deutschen Schulen darsgestellt werden) und z. B. für die Curricula und Lehrbücher protestantischer Gymnasien in südwestdeutschen Reichsstädten: Geschichte des humanistischen Schulwesens in Württemberg, Bd. 2, 1, Stuttgart 1920, für den Unterrichtsaufbau in einem Jesuitenkolleg Hermann Wiegand, Das Heidelberger Jesuitenkolleg: Gymnasiale Bildung im Zeitalter der katholischen Reform, in: Ders., Der zweigipfelige Musenberg, Studien zum Humanismus in der Kurpfalz, Ubstadt–Weiher 2000, S. 167–209. Eine Gesamtdarstellung der Geschichte des Lateinunterrichts gab soeben Manfred Fuhrmann, Latein und Europa, Geschichte des gelehrten Unterrichts in Deutschland von Karl dem Grossen bis Wilhelm II., Köln 2001. Die Untersuchung der zahlreichen lateinischen Unterrichtswerke des 16. –18. Jahrhunderts und ihrer didaktischen Veränderungen ist eine bisher noch nicht wahrgenommene Aufgabe einer mit der Latinistik verbundenen Pädagogikgeschichte.

[14] Schulen und Hochschulen veranstalteten im katholischen und protestantischen Raum lateinische Dramenaufführungen, die in der Forschung der letzten Jahrzehnte immer mehr Beachtung fanden; vgl. zuletzt zu einer festlichen lateinischen Theateraufführung 1597 in München die große kommentierte Ausgabe von Barbara Bauer und Jürgen Leonhardt, Hrsg., Triumphus Divi Michaelis Archangeli Bavarici, Regensburg 2000 (=Jesuitica 2), und zum lateinischen Benediktinertheater die Probe und die Projektbeschreibung von Franz Witek, Der Salzburger Amletus von 1736 und seine Quellen, Neulateinisches Jahrbuch 3, 2001, S.187–203, und MBS – Musae Benedictinae Salisburgenses, Lateinisches Drama der Salzburger Benediktineruniversität, ebd. S. 220–225.

[15] Vgl. Wilfried Barner, Barockrhetorik, Untersuchungen zu ihren geschichtlichen Grundlagen, Tübingen 1970, und z. B. Walther Ludwig, J. P. Ludwigs Lobrede auf die Reichsstadt Schwäbisch Hall und die Schulrhetorik des siebzehnten Jahrhunderts, Württembergisch Franken 74, Schwäb. Hall 1990, S. 247–294, und ders., Deklamationen in Schulen der Neuzeit ‑ das Gymnasium der Reichsstadt Schwäbisch Hall, in: Bianca Schröder, Hrsg., Declamatio, Festschrift zum 65. Geburtstag von Joachim Dingel, erscheint demnächst.

[16] Aus der umfangreichen universitätsgeschichtlichen Literatur seien hier nur genannt das umfassende Handbuch von Walter Rüegg, Hrsg., Geschichte der Universität in Europa, Bd. 2 Von der Reformation zur französischen Revolution (1500–1800), München 1996, und die eben erschienene Spezialstudie zu den deutschen Universitäten des 16. Jahrhunderts von Matthias Asche, Frequenzeinbrüche und Reformen – Die deutschen Unviersitäten in den 1520er bis 1560er Jahren zwischen Reformation und humanistischem Neuanfang, in: Walther Ludwig, Hrsg., Die Musen im Reformationszeitalter: Akten der Tagung der Stiftung Luthergedenkstätten in der Lutherstadt Wittenberg 14. –16. Oktober 1999, Leipzig 2001 (=Schriften der Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen–Anhalt 1), S. 53–96.

[17] Vgl. dazu allgemein Ludwig, Hrsg. (wie Anm.15).

[18] Vgl. Wolfgang Reinhard, Hrsg., Humanismus im Bildungswesen des 15. und 16. Jahrhunderts, Weinheim 1984 (=Mitteilung XII der Kommission für Humanismusforschung der Deutschen Forschungsgemeinschaft).

[19] Die Metapher wurde schon von Humanisten gebraucht, s. Johannes Ludovicus Vives, De disciplinis libri XII, zuerst Brügge 1531, hier Leiden 1636, S. 546: [lingua Latina et Graeca] fores sunt disciplinarum omnium atque artium, earum certe, quae monimentis magnorum ingeniorum sunt proditae. Danach Hieronymus Wolf, M. T. Ciceronis libri tres de officiis una cum Hieronymi Wolfii commentariis, Basel 1563, S. 16: Constat enim peregrinas istas linguas non ipsam eruditionem, sed eruditionis fores atque aditum esse, ut eleganter Vives ait.

[20] Vgl. Franz Josef Worstbrock, Hrsg., Der Brief im Zeitalter der Renaissance, Weinheim 1983 (=Mitteilung IX der Kommission für Humanismusforschung der Deutschen Forschungsgemeinschaft), als Beispiel für einen lateinischen Briefsteller des 18. Jahrhunderts: Daniel Georg Morhof, De ratione conscribendarum epistolarum libellus ... Recensuit, emendavit ... Io. Burchardus Maius, Lübeck 1716, wo etwa 150 humanistische Briefsammlungen beurteilt werden, und als Sammelausgabe lateinischer Briefe Peter Burmannus, Sylloges Epistolarum a viris illustribus scriptarum Tomi quinque, Leiden 1727.

[21] S. Walther Ludwig,Vater und Sohn im 16. Jahrhundert, Der Briefwechsel des Wolfgang Reichart genannt Rychardus mit seinem Sohn Zeno (1520–1543), Herausgegeben und erläutert, Hildesheim 1999.

[22] Vgl. zum Inhalt solcher Senatsprotokolle Volker Schäfer, Universität und Stadt Tübingen zur Zeit Frischlins, in: Sabine Holtz und Dieter Mertens, Nicodemus Frischlin (1547–1590), Poetische und prosaische Praxis unter den Bedingungen des konfessionellen Zeitalters, Stuttgart–Bad Cannstatt 1999, S. 105–142, hier S. 111 f., zu ihrer Sprachform Walther Ludwig, Der Doppelpokal der Tübinger Universität von 1575 und zwei neue Epigramme des Nikodemus Frischlin, Zeitschrift für Württembergische Landesgeschichte 60, 2001, S. 139–151, hier S. 145–151.

[23] FriedrichTaubmann, Otium semestre publicum, Eiusdem oratiuncula de Hercule Academico, Wittenberg 1610, enthält u. a. seine Reden zur Beerdigung nicht nur von Professoren und Studenten, sondern auch der Frau des Cantors der Universitätskirche, einer 11 Tage alten Professorentochter, Vorladungen und Relegationen von Studenten, Jagd– und Elbschwimmverbote, Warnungen gegen Zusammenrottungen udn Aufruhr, Einladungen zu Redeakten und Dichterkrönungen sowie Reden und Gedichte für Universitätsgottesdienste.

[24] Vgl. Walther Ludwig, Leges convivales bei Nathan Chytraeus und Paulus Collinus und andere Trinksitten des 16. Jahrhunderts, in: Boris Körkel u.a., Hrsg., Mentis amore ligati, Lateinische Freundschaftsdichtung und Dichterfreundschaft in Mittelalter und Neuzeit, Festgabe für Reinhard Düchting zum 65. Geburtstag, Heidelberg 2001, S. 275–291.

[25] Vgl. z. B. Petrus Cunaeus, Sardi venales, Satyrae Menippeae, In huius seculi homines plerosque inepte eruditos, Antwerpen 1612, Johann Burkhard Menckenius, De charlataneria eruditorum declamationes duae, Amsterdam 1627 (in dem gestochenen Frontispiz steht auf dem oberen Spruchband: Muntus fuld tezibi).

[26] Vgl. Anja Wolkenhauer: "Zu schwer für Apollo" – Die Antike in humanistischen Druckerzeichen des 16. Jahrhunderts, Diss. Universität Hamburg 2000, demnächst erscheinend.

[27] Vgl. z. B. die vielfältigen Gelegenheiten für lateinische Reden noch im 18. Jahrhundert in: Johannes Daniel Schoepflin, Opera Oratoria, Augsburg 1769 (Vol. 1 Panegyrici anläßlich von Herrschergeburtstagen; Vol 2 akademische Orationes, Alloquia ad Reges, Principes et Magnates, Programmata funebria, rectoralia, doctoralia, Invitatoria ad orationes aliorum), die zeitgenössische Zusammenstellung von gedruckten Ausgaben von Reden in: Daniel Georg Morhof, Polyhistor, Lübeck 1708, I, 6, 3: De oratoribus recentioribus und die grundlegende moderne Untersuchung von Barner (s. Anm. 15).

[28] Nicodemus Frischlin, De nuptiis Illustrissimi Principis ac Domini, D. Ludovici, Ducis Wirtembergici et Teccii, Comitis Mompeligardici, etc. cum Illustrissima Principe ac Domina, D. Dorothea Ursula, Monarchionissa Badensi etc. Stuccardiae, Anno 1575, Mense Novembri celebratis Libri septem versu heroico conscripti, Tübingen 1577, dazu Walther Ludwig, Frischlins Epos über die württembergisch–badische Hochzeit von 1575 und zwei neue Briefe Frischlins, Daphnis 29, 2000, erscheint demnächst.

[29] Nathan Chytraeus, Hodoeporicon, continens itinera Parisiense. Anglicum. Venetum. Romanum. Neapolitanum etc. recitatum Rostochii cum ad usitatas in Academia operas rediret Anno MDLXVII. Idib. Octobr., Rostock 1568.

[30] Das 57 Distichen umfassende "Epithalamion. In Thalamum Illustriss. ac Generosiss. Domini D. Guilhelmi Ursini, supremi domus Rosenbergicae Gubernatoris, aurei velleris Equitis, sacrae C. M. ab Arcanis Consiliis, Regni Boemiae Proregis, etc. Cum Illustrem, ac Magnificam, et citae sanctimonia pudicitiaque spectabilem Virginem D. D. Polyxenam a Bernstein in Matrimonium duceret", gezeichnet "Nicodemus Frischlinus Poeta L. feci Pragae Bohemorum, Pragae, ex officina typographica Michaelis Peterle. Anno M.D.LXXXVII", ist auf einem 52 x 31 cm großen Blatt einseitig mit Bordüren gedruckt (in Privatbesitz).

[31] Dies war wegen ihres Umfangs die häufigste Druckform für einzelne Gelegenheitsgedichte; die Broschüren enthielten in der Regel 4–16 Blätter meist in Oktavformat.

[32] So war z. B. das zur Hochzeit des Kurfürsten Johann Sigismund von Brandenburg mit Prinzessin Anna von Preußen verfaßte Epos des Königsberger Hofgerichtspräsidenten Friedrich von Nostitz De Praestantia sive dignitate legitimi coniugii libri tres ein Quartband von 70 Blättern (gedruckt Königsberg 1594, in Privatbesitz, nicht in VD 16).

[33] Sehr umfangreich waren z. B. die Bücher zum Tod von Philipp Melanchthon und Johann Sturm: Orationes, Epitaphia et Scripta, quae edita sunt de morte Philippi Melanthonis omnia, cum narratione exponente, quo fine vitam in terris suam clauserit una cum praecedentium proxime dierum et totius morbi, quo confectus est, brevi descriptione, edita a Professoribus Academiae Vvitebergensis, qui omnibus quae exponuntur interfuerunt, Wittenberg 1561 (enthält auch alle zunächst einzeln gedruckten poetischen Epikedien); Manes Sturmiani sive Epicedia, scripta in obitum summi viri D. Ioan. Sturmii una cum Parentaliis eidem memoriae et gratitudinis ergo factis a diversis amicis atque discipulis, Straßburg 1590.

[34] Vgl. die programmatische Äußerung von Wulf Segebrecht zu der Bamberger Forschungsstelle "Edition von Gelegenheitsgedichten" in: Ders., Hrsg., Tübinger Epicedien zum Tod des Reformators Johannes Brenz (1570), Kommentiert von Juliane Fuchs und Veronika Marschall unter Mitwirkung von Guido Wojaczek (=Beiträge zur deutschen Literatur 24), Frankfurt a. M. 1999, S. 9: "Die Aufgabe dieser Forschungsstelle ist es, aus der unübersehbaren Menge der überlieferten Einzel– und Sammeldrucke von Casualcarmina (Gedichte zu Geburten, Hochzeiten, Festen, Jubiläen, Amtsantritten, Promotionen aller Art, Leichenbegängnissen u. a.) paradigmatische Texte in kommentierter Form zu edieren. Auf diese Weise soll die in der Zeit vom 16. bis 18. Jahrhundert überaus verbreitete, später jedoch weithin in Vergessenheit geratene oder diffamierte Praxis der literarischen und gesellschaftlichen Kommunikation mithilfe der Casualpoesie dokumentiert und erläutert werden. " Vgl. zu dem hier vorgelegten Arbeitsergebnis dieser Forschungsstelle die Rezension von Walther Ludwig, Zeitschrift für württembergische Landesgeschichte 59, 2000, S. 555–557.

[35] Georgius Sabinus kündigte 1544 als erster Rektor der Universität Königsberg in Preußen die Weihnachtsferien vom 25.12.1544–6.1.1545 durch einen in catullische Hendekasyllaben gefaßten Aushang an, s. Georgius Sabinus, Poemata, Leipzig 1589, S. 327 f.

[36] Walther Ludwig, Das Studium der holsteinischen Prinzen in Straßburg (1583/84) und Nicolaus Reusners Abschiedsgedichte, Zeitschrift der Gesellschaft für Schleswig–Holsteinische Geschichte 119, 1994, S. 111–147.

[37] Vgl. Wittenberger Gelehrtenstammbuch. Das Stammbuch von Abraham und David Ulrich. Benutzt von 1549–1577 sowie 1580–1623. Herausgegeben durch das Deutsche Historische Museum Berlin. Bearbeitet von Wolfgang Klose, Karlsruhe, unter Mitwirkung von Wolfgang Harms, München, Chris L. Heesakkers, Leiden, Rolf Max Kully, Solothurn. Mit einem Nachwort von Wolfgang Harms und Christine Harzer, Halle: Mitteldeutscher Verlag 1999, und dazu Walther Ludwig, Joachim Münsinger von Frundeck im Album amicorum des David Ulrich, Neulateinisches Jahrbuch 4, 2002, demnächst erscheinend.

[38] Eine musterhafte Gattungsdarstellung bietet Hermann Wiegand, Hodoeporica, Studien zur neulateinischen Reisedichtung des deutschen Kulturraums im 16. Jahrhundert, Baden–Baden 1984 (=Saecula Spiritualia 12). Sie beschränkt sich jedoch auf die eigentlichen Reisegedichte im Sinne von Reisedarstellungen und erfaßt nicht alle Formen der im Zusammenhang mit Reisen zustandegekommenen Gedichtproduktion, wozu auch die Abschieds–, Geleits– und Ankunftsgedichte gehören.

[39] Ein frühes betextetes Exlibris zeigt ein im Besitz des Predigerseminars Wittenberg befindlicher Buchdeckel, auf dessen Innenseite sich ein foliogroßer von Lucas Cranach um 1510 für Christoph Scheuerl hergestellter Exlibris–Holzschnitt findet. Über einer in jeder Hand ein Wappen haltenden Frau steht: HIC SCHEVRLINA SIMVL TVCHERINAQ[VE] SIGNA REFVLGENT | QVE DOCTOR GEMINI SCHEVRLE PARENTIS HABES. Vgl. auch Armin Schlechter, Liber amicus. Buchgedichte von Laurentius Schnell, in: Körkel (wie Anm. 24), S. 429–434.

[40] Vgl. zur Gattung der Wappengedichte Walther Ludwig, Klassische Mythologie in Druckersigneten und Dichterwappen, in: Bodo Guthmüller und Wilhelm Kühlmann, Hrsg., Renaissancekultur und antike Mythologie, Tübingen 1999 (=Frühe Neuzeit 50), S.113–148.

[41] Vgl.Nicolaus Reusner, Symbolorum heroicorum liber singularis, Jena 1608.

[42] Die umfänglichste Anagrammsammlung bietet vermutlich Nicolaus Reusner, Operum pars quarta continens anagrammatum libros IX, Jena 1594, 634 S.

[43] Das Chrono– bzw. Eteostichon war neben den Emblemgedichten vielleicht die beliebteste unantike poetische Sonderform. Rudolf M. Kloos, Einführung in die Epigraphik des Mittelalters und der Neuzeit, Darmstadt 1980, S. 44 "Beliebt und allgemein verbreitet werden Chronogramme erst im 17. und 18. Jahrhundert", übersah, daß sie schon im 16. Jahrhundert sehr in Mode kam. Caspar Bruschius, Monasteriorum Germaniae ... Centuria prima, Ingolstadt 1551, enthält zahlreiche Chronogramme, Josephus a Pinu, Eteosticha et Aenigmata, Wittenberg [1571] füllt mit ihnen ein ganzes Buch; Nikodemus Frischlin schätzte sie sehr. Es gab Eteosticha für das Jahr nach Christi Geburt und für das Jahr nach Erschaffung der Welt, ja Distichen, in denen der Hexameter das Jahr nach Erschaffung der Welt, der Pentameter für das gleiche Ereignis das Jahr nach Christi Geburt anzeigte (s. Ludwig, wie Anm. 22, S. 142–144) sowie Gedichte, Buchtitel und Frontispizien, in denen Eteosticha gehäuft auftraten (vgl. Joseph Zoller, ConCeptVs ChronographICVs De ConCepta saCra DeIpara, Augsburg 1712, und dazu Hans Pörnbacher, Literatur in Bayerisch Schwaben, Weißenhorn 1979, S.118 f.).

[44] Von ihnen haben bisher nur die letzteren, vor allem wegen ihrer Bild–Text–Kombinationen, in der Forschung besondere Aufmerksamkeit erregt und in der Emblemforschung sogar eine eigene Disziplin erhalten.

[45] Walther Ludwig, Die Epikedien des Lotichius auf Stibar, Micyllus und Melanchthon, in: Ulrike Auhagen und Eckart Schäfer, Hrsg., Lotichius und die römische Elegie, Tübingen 2001(=NeoLatina 2), S. 153–184, hier S. 164.

[46] Walther Ludwig, Des Martin Opitz Epicedium auf Erzherzog Karl von Österreich, Daphnis 29, 2001, S. 177–196, hier S. 180. Christian Adolf Klotz, Mores eruditorum, Altenburg 1760, S. 27 f., persiflierte die Produktionsgeschwindigkeit mancher lateinischen Dichter seiner Zeit im satirisch fingierten Brief eines Poeten so: Composui [...] per hosce dies praeter Anacreonticos versus, in quibus me imprimis felicem esse nosti, qui una horula saepe ducentos non multo sudore chartis illinam [vgl. Horaz, Sat. 1, 4, 9 f.], duo carmina non ignobilis argumenti, quorum in altero Phyllidem meam Dianam, me Actaeonem et deinde in leporem [...] mutatum facetissime finxi, in altero de systemate Copernicano exposui et mercatori opulento novas nuptias gratulatus sum.

[47] Vgl. dazu jetzt Walther Ludwig, Geistliche Dichtung des 16. Jahrhunderts – Die Poemata sacra des Georg Fabricius, Nachrichten der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen, I. Philologisch–historische Klasse, Jahrgang 2001, Nr. 4, Göttingen 2001, und ders., Musenkult und Gottesdienst, in: ders., Hrsg., Die Musen im Reformationszeitalter (s. Anm. 16), S.9–51.

[48] Vgl. hierzu Ingrid De Smet und Philip Ford, Hrsg., Eros et Priapus, Erotisme et obscénité dans la littérature néo–latine, Genf 1997.

[49] Friedrich Karl Forberg (1770–1848), Antonii Panormitae Hermaphorditus. Primus in Germania edidit et Apophoreta adjecit, Coburg 1824. Es dauerte bis 1908, bis eine zweite Ausgabe, jetzt mit deutscher Übersetzung, erschien; 1965–1991 wurden dann vier Ausgaben gedruckt.

[50] (Nicolas Chorier [1612–1692]), Joannis Meursii elegantiae latini sermonis seu Aloisia Sigaea Toletana, zuerst um 1660, später etwa 20 mal gedruckt. Forberg, wie Anm. 49, S. 212, rühmte die Dialoge so: nescias, utrum Latine loquendi accuratam et sine molestia diligentem elegantiam, an festivitatem et facetiarum leporem, an eruditionis Romanae scintillas identidem micantes, an multam et copiosam orationem, exquisitis et verborum et sententiarum luminibus, antiquitatem redolentibus, velut gemmis distinctam, an praeclaram artem prodigialiter variandi rem unammagis admireris.

[51] (Barthélemy Mercier [1734–1799]), Quinque illustrium poetarum, Ant. Panormitae, Ramusiii Ariminensis, Pacifici Maximi Asculani, Joan. Joviani Pontani, Joan Secundi Hagiensis, Lusus in Venerem, Paris 1791.

[52] S. Walther Ludwig, Giovanni Pontano und das Pervigilium Veneris des Jean Bonnefons, in: Mauro de Nichilo, Grazia Distaso, Antonio Iurilli, Hrsg., Confini dell’ Umanesimo letterario, Bari 2001, erscheint demnächst.

[53] Vincentius Obsopoeus, De arte bibendi libri tres, zuerst Nürnberg 1536, wurden ab 1578 mit Matthaeus Delius, De arte iocandi libri quatuor, zuerst Wittenberg 1555, gerne zusammengedruckt, teilweise auch mit anderen sympotisch–erotischen Texten und an fingierten Druckorten wie z. B. Lugd. Batav. Ex Typographia rediviva 1648.

[54] S. Lothar Mundt, Simon Lemnius, Amorum Libri IV, Liebeselegien in vier Büchern, Nach dem einzigen Druck von 1542 herausgegeben und übersetzt, Bern u. a. 1988 ( = Bibliotheca Neolatina 2). Die Erstausgabe ist in Deutschland nur in der Sächsischen Landesbibliothek Dresden nachgewiesen.

[55] An einem Erker eines 1544/46 in Augsburg von dem Kaufmann und kaiserlichen Rat Lienhard Boeck von Boeckenstein gebauten und reich verizierten Hauses steht die Inschrift AEDIFICAT NOSTRAS DOMINVS DEFENDIT ET AEDES IN VANVM VIGILANS ERGO LABORAT HOMO, wozu ein Katalog (Welt im Umbruch, Augsburg zwischen Renaissance und Barock, Augsburg 1980, Bd. 1, S. 277) richtig vermerkt, daß sie nach Psalm 127,1 geschrieben sei. Nicht bemerkt ist, daß die Inschrift ein elegisches Distichon bildet. Das entspricht den damaligen poetischen Psalmenparaphrasen. Vielleicht stammt das Monodistichon von dem Rektor der Augsburger Annenschule Sixtus Betulius (Birk, 1500–1554), der auch biblische Dramen zur Aufführung durch seine Schüler verfaßte. Natürlich konnte auch ein Chronostichon als Hausinschrift dienen. So ließ Dr. med. Adam Schaffer (1617–1675) über der Eingangstür seines 1667 in Bayreuth erbauten Hauses folgendes Distichon meißeln: SChaffero qVI GVestphala erat posVere propago | En prIMo seDes has bona Fata bene. Außer dem in ihm enthaltenen das Jahr 1617 anzeigenden Chronogramm ist hier das Kunststück gelungen, dem Distichon 67 Buchstaben, dem Hexameter 6 und dem Pentameter 7 Worte zu geben. Vgl.dazu Walther Ludwig, Westfälische Schaffer/Scheffer in Würtemberg, Südwestdeutsche Blätter für Familien– und Wappenkunde 16, 1980, S. 217–226.

[56] Monumentinschriften auf Reisen abzuschreiben und zu sammeln, war für Humanisten eine beliebte Beschäftigung, vgl. das Vorwort zu Nathan Chytraeus, Variorum in Europa itinerum Deliciae, Herborn1606, Bl. ):( 2–6.

[57] Renate Neumüllers–Klauser, Die Inschriften des Enzkreises bis 1650, München 1983 (= Deutsche Inschriften 22), Nr. 293_, edierte folgende, im 16. Jahrhundert über einer "Cammer–thür" des Klosters Maulbronn geschriebene Aufschrift (Kapitalisierung und Verstrennung des handschriftlich überlieferten Textes von mir): PRAETERIT ISTA DIES. NESCITVR ORIGO SECVNDI. | AVT LABOR AVT REQVIES. SIC TRANSIT GLORIA MVNDI. Es sind zwei auch sonst belegte mittelalterliche Hexameter (s. Hans Walther, Proverbia sententiaeque Latinitatis medii aevi 3, Göttingen 1965, Nr. 22 258, dort in der älteren Fassung: Sit labor an requies). Die von der Editorin gelieferte Übersetzung ("Dieser Tag ist vergangen. Er wird den Aufgang des nächsten nicht kennen, ob Arbeit, ob Ruhe. So vergeht der Ruhm der Welt. ") ist grammatisch falsch und verfehlt den Sinn (die Alternative besteht nicht zwischen Arbeit und Freizeit). Um Sinn und Gedankengang zu verdeutlichen, empfehlen sich eingeklammerte Zusätze: "Dieser Tag ist vergangen. Nicht gewußt wird [= Unbekannt ist] der Anfang des folgenden. [Er wird für dich] entweder die Mühe [des Lebens] oder die Ruhe [des Todes sein]. [Denn] so [rasch] vergeht [= kann vergehen] der Ruhm der Welt. " Die Hexameter standen passend über der Tür einer Schlafkammer.

[58] Im Italienischen Saal der Landshuter Stadtresidenz, die unter Herzog Ludwig X. von Bayern gebaut wurde (s. Annegrit Schmitt, Einfluß des Humanismus auf das Bildprogramm höfischer Residenzen, in: August Buck, Hrsg., Höfischer Humanismus, Weinheim 1989, S. 215–258), finden sich die zwölf Herkulestaten als Rundreliefs mit lateinischen Umschriften, z. B. um Herkules und Atlas: QVO FRVERIS COELUM TIRYNTHIE SARCINA COLLO * APTA STETIT TVO * Es ist ein daktylischer Hexameter, dem drei Jamben folgen (das nur in der antiken metrischen Theorie sich findende Versmaß wurde dort als brachykatalektischer jambischer Dimeter registriert). Formuliert wurden die Verse mit Hilfe von Ovid, Her. 9, 57 f. Vidit in Herculeo suspensa monilia collo | illo, cui caelum sarcina parva fuit.

[59] Oberhalb des Betthaupts eines für Herzog Ludwig von Württemberg 1585 hergestellten Prunkbettes steht "die Inschrift" (Renaissance im deutschen Südwesten zwischen Reformation und Dreißigjährigem Krieg, hrsg. vom Badischen Landesmuseum Karlsruhe 1986, S. 775): OMNIADATDOMINVSNONHABETERGOMINVS. Es ist ein Pentameter. Im Augustinermuseum in Freiburg im Breisgau befindet sich eine Aufsatzkommode (Inv.Nr. 12277B), auf der ein das Baujahr 1728 anzeigendes lateinisches Chronogramm eingekritzt und eingelegt ist: IaM DIV VIVat CaroLVs ALbertVs, darunter steht ein gleichfalls einfacher deutscher Satz zum Preis des Kurfürsten.

[60] Vgl. Stefan Bursche, Hrsg., Das Lüneburger Ratssilber, Berlin 1990.

[61] Der von Kurfürst Christian II. von Sachsen gestiftete Orden der sächsischen Treue zum Kaiser von 1611 trägt die Umschrift TIME DEVM. HONORA CAESAREM (Kunstgewerbemuseum Berlin V2), deren Formulierung Luc.20, 25 und Röm. 13, 7 kontaminiert, eine Gesellschaftskette desselben Kurfürsten zeigt auf dem Anhänger SVB VMBRA ALARVM TVARVM (Kunstgewerbemuseum, Leihgabe Historisches Museum Berlin) – nach Psalm 57,8 und den Lutherübersetzungen von Ps. 57,8, 62, 8 und 91, 1f.

[62] Vgl. die Angaben bei Konrad Haebler, Rollen– und Plattenstempel des 16. Jahrhhunderts, Leipzig 1928. Daß die Stempelschneider mit dem Latein ihrer Vorlagen nicht immer verständnisvoll umgingen, zeigt der von dem Wittenberger Buchbinder Heinrich Blume (tätig 1572–1602) verwendete Plattenstempel mit einem Brustbildnis Kaiser Karls V., unter dem ein elegisches Distichon in folgender Form zu lesen ist (Haebler, Bd.1, S. 42 f.): CAROLE. MORTALES. DVBITANT. HO | MO. SISNE. DEVSVE. SVNT. TVAS. | CEPTRA. HOMINIS. SED. TVA. FACT.|| [A. DEI].

[63] Vgl. den Degen des Markgrafen Georg Friedrich von Baden–Durlach vom Ende des 17. Jhs. (Renaissance im deutschen Südwesten, wie Anm. 59, S. 748) und zu früheren Waffen– und Rüstungsinschriften Nikolaus Henkel, Die Stellung der Inschriften des deutschen Sprachraums in der Entwicklung volkssprachiger Schriftlichkeit, in: Renate Neumüllers–Klauser, Hrsg., Vom Quellenwert der Inschriften, Vorträge und Berichte der Fachtagung Esslingen 1990, Heidelberg 1992, S. 161–187, hier S. 172 f.

[64] Vgl. Armin Panter, Emblematische Darstellungen auf Schützenscheiben des Historischen Vereins für Württembergisch Franken, in: Württembergisch Franken 78, 1994, S.205–216.

[65] Vgl. auf einer süddeutschen Laute von 1593 (Renaissance im deutschen Südwesten, wie Anm. 59, S. 904): VT TIBI CHRISTE CANIT LAVDES STELLA OMNIS IN OMNI COELO, SIC CHELYS HAEC CARMINA GRATA SONET – ein elegisches Distichon, auf einem 1733 in Antwerpen gefertigten Cembalo (Museum für Kunst und Gewerbe, Hamburg, Stiftung A. und H. Beurmann): MUSICA MAGNORUM | SOLAMEN DULCE LABORUM – ein Hexameter.

[66] Einem 1661 in Eger gefertigten Spielbrett mit 8x8 Feldern und runden Spielsteinen, die die Köpfe antiker Götter mit lateinischen Umschriften wie PALLAS, DIANA zeigen, ist rechts als Reliefintarsie eine Schlachtenszene angefügt, unter der das Epigramm steht: Hannibal ad Zamam non dextro milite pugnat, | Quem impiger ingenti Scipio clade ferit. | Turrigeri primum confracta potentia monstri, | Hinc eques et tandem tota perempta phalanx. Johan Georg Fuchs 1661 (Kunstgerwerbemuseum Berlin, K 2866).

[67] Vgl. Walther Ludwig, Das bessere Bildnis des Gelehrten, Philologus 142, 1998, S.123–161. Die dort u.a. begründete Erkenntnis, daß der bei Bildnissen häufige Ausdruck ad vivum – im Gegensatz zu e vivo – zunächst nicht die Methode der Porträtierung ("nach dem lebenden Model"), sondern das Ziel einer lebendigen, lebensechten Porträtierung bezeichnet, zwingt manche Vorstellung über die Herstellung eines Porträts zu revidieren.

[68] Auf großformatige Altarbilder konnten im 16. Jahrhundert längere Epigramme gemalt werden. So befinden sich auf dem Ölbild von Christus am Kreuz von Lucas Cranach d. J. (1571; Leihgabe des Priesterseminars Wittenberg an das Cranach–Museum Wittenberg) neben den Knien des Gekreuzigten rechts und links zwei Tafeln, auf denen zwei 14–zeilige in der Bilderklärung der Ausstellung nicht erwähnte Epigramme stehen, die dem Betrachter des Bildes die richtige Betrachtungsart nahebringen sollen (dem heutigen Betrachter sollte eine Übersetzung nicht verweigert werden). Es ist zu vermuten, daß das Ölbild für einen Andachtsraum der Wittenberger Universität und humanistisch–evangelische Betrachter bestimmt war.

[69] Die Funktion solcher lateinischer Texte expliziert das von dem kaiserlichen Ehrenherold Johannes von Francolin verfaßte Epigramm auf einem Holzschnitt, der die Belehnung Herzog Augusts von Sachsen mit der sächsischen Kurwürde durch Kaiser Maximilian II. 1566 auf dem Augsburger Weinmarkt darstellt (Welt im Umbruch, wie Anm. 55, Bd. 1, S. 251, dort nicht transkribiert): Dum tibi conspicitur praesentis imago tabellae, | Lector, amas certo scire quid ipsa velit. | Namque oculos tantum pictura pascere nuda, | Iusta voluptatis pondera ferre nequit. | Ergo ut cum fructu versere in imagine picta, | Perlege quae fidis sunt ibi iuncta Typis.| Illic Imperii Marescalcum sumere sacri | Invenies terris debita iura suis. | Namque is ab Augusto Augustus percepit Honores | Augustae, placida quam Lycus intrat aqua. | Illic Theutonici apparent proceresque ducesque, | Claudere quos Domini cernis utrinque latus. | Saxonicoque Ducem circumvolitare caballo | Sepius Augustum structa theatra vides, | Quique sacramento fidei sese obligat illi, | Quem penes Imperij sceptra decusque sacri. | Sed quid ago multis, tibi primum impressa legantur, | Supplebit reliquam picta tabella, vale.

[70] Innerhalb eines Clair–Obscur–Schnitts von Hans Wechtlin aus dem Jahr 1512, der den Schuß des Alcon zeigt, steht auf einer an einem Baum hängenden Tafel das Epigramm (Renaissance im deutschen Südwesten, wie Anm. 59, S. 393, dort teilweise unrichtig transkribiert): Alconem pietas torquet, simul horridus anguis: | Liberat arte mira, turbidus atque necat – nach Anth. Plan. 6, 78 (=A.P. 6, 331). Die selten dargestellte mythologische Szene bedurfte einer Erklärung zur Identifikation.

[71] Auf dem vierseitigen Sockel einer 1529/35 von dem Ulmer Daniel Mauch für den Benediktiner Paschasius Berselius in Lüttich hergestellten Marienstatue aus Lindenholz stehen die von letzterem verfaßten Distichen und Eintragungen: QVID MIRARE TVOS AETAS ANTIQVA MIRONES | DESINE DANT PALMAM SAECULA PRISCA NOVIS || SVM BERSELII || AETATIS VALEANT ILLVSTRIA SIGNA VETVSTAE | CVNCTA NIHIL FACIVNT AD DANIELIS OPVS || DANIEL MAVCHIVS FECIT (Renaissance im deutschen Südwesten, wie Anm. 59, S. 537–540).

[72] Auf einer im Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg befindlichen 1552 in Urbino für den Nürnberger Rechenmeister Johann Neudörffer gefertigten Wappenschale aus Majolika findet sich oben die Devise SPARTAM QVAM NAC–|TVS ES HANC ORNA – nach dem Adagium 2, 5, 1 des Erasmus.

[73] Auf einem Creußener Steinzeughumpen von 1627 (Kunstgewerbemuseum Berlin 68, 2883) stehen am oberen Rand über allegorischen Frauen die Begriffe OLFACTUS AVDITVS TACTVS VISVS GVSTVS – Die fünf Sinne stehen für den Genuß des sinnlichen, irdischen Lebens, hier konzentriert im mit Bier gefüllten Humpen. Vgl. zum Thema der fünf Sinne und ihrer christlichen Überwindung: Marcel Israel, Jacob Balde et la thematique des cinq sens, in: Jacob Balde, Urania Victrix, Choix de texts traduits et annotés par Andrée Thill, Guebwiller 1989, S. VII–XXIX.

[74] Ein in Brüssel um 1625 im Atelier Jan Raes hergestellter Wandteppich mit einer Bestattungsszene hat unten in einer Kartusche die eingewebte Inschrift ARS ET VIS | DIVINA | SVPERANT | OMNIA (Museum für Kunstz und Gewerbe Hamburg, 1950.107). Ein von Jan Franz van den Hecke in Brüssel um 1690 gefertigtes Paar von Wandteppichen zur Alexandergeschichte gibt in oberen Kartuschen die historischen Erklärungen (Die Sammlung der Markgrafen und Großherzöge von Baden, Sotheby’s Auktionskatalog 1995, Bd. 1, S. 188–191).

[75] In dem 1603 gefertigten Rendsburger Zimmer (Museum für Kunst und Gewerbe, Hamburg) sind auf der reliefierten Holztäfelung oben in Kartuschen deutsche Sentenzen, in den Mittelfeldern (verlorene) allegorische Figuren u. a. der platonischen und christlichen Kardinaltugenden mit über ihnen angebrachten lateinischen Bezeichnungen.

[76] Sie konnten über ein "N.N. me fecit" hinausgehen. Christoph Stimmer (_ 1562) schrieb auf eine der gläsernen Wappenscheiben für das Ratshaus der Reichsstadt Pfullendorf (Renaissance im deutschen Südwesten, wie Anm. 59, S. 269, mit fehlerhafter Transkription): Ego Christophorus Stymmer Hasce imagines et singna [für signa oder insignia] Marte quidem meo depinxi, quamvis plus quam Δις διά Πασω̑ν ab arte Parrhasy et Ap[ellis] absunt, Vale lector. Anno dm. 1525 – und verwendete dafür zwei Adagia des Erasmus (1, 6, 19; 1, 2, 63).

[77] Vgl. Kloos (wie Anm. 43) und Walter Koch, Literaturbericht zur mittelalterlichen und neuzeitlichen Epigraphik (1976–1984), München 1987 (= Monumenta Germaniae Historica Hilfsmittel 11).

[78] Welcher Benützer der Katalogbände "Renaissance im deutschen Südwesten" (wie Anm. 59, S. 607) und "Welt im Umbruch" (wie Anm. 55, S. 164) war z. B. in der Lage, die transkribierte Aufschrift auf der dort abgebildeten Augsburger Bildnismedaille von Ambrosius Volland (1472–1551) AMB. VOLANT. V. I. D. CES. AC. WIRTEMB. CON. S. P. L. COM. ANNO. DO. M. D. XXXIII. aufzulösen (=Ambrosius Volantius Vtriusque Iuris Doctor Cesareus ac Wirtembergicus Consiliarius Sacri Palatii Lateranensis Comes Anno Domini 1533)?

[79] Die von verschiedenen Mitarbeitern und Beratern verantworteten Übersetzungen sind im allgemeinen zuverlässig; zu den gelegentlich überraschenden Fehlleistungen vgl. z. B. oben Anm. 57 und Walther Ludwig, Südwestdeutsche Studenten in Pavia 1451 – 1500, Zeitschrift für Württembergische Landesgeschichte 48, 1989, S. 97–111, hier S.109–111 (betreffend: Anneliese Seeliger–Zeiss und Hans–Ulrich Schäfer, Die Inschriften des Landkreises Ludwigsburg, Wiesbaden 1986 [ = Deutsche Inschriften 25], Nr. 475_ "Grabschrift" [richtig: Gedenkepigramm] für Dietrich Wilhelm Nothaft [_ Avignon 1596] in Hochberg am Neckar; sein bisher unbekanntes Epitaphium in Avignon zitiert übrigens nach Besichtigung Paul Hentzner, Itinerarium Germaniae, Galliae, Angliae, Italiae, Nürnberg 1612, S. 48 f.).

[80] Jozef IJsewijn und Dirk Sacré, Companion to Neo–Latin Studies, Part II, Löwen 1998, S.365–373, weisen kurz auf "Inscriptions, On Stone, On Bells and Sundials, On Coins, Medals and Stamps, Tapestries etc. " hin und bemerken auf S. 372:"Finally Latin inscriptions can be found on almost every art object from paintings and tapestries [...] to chalices, sceptres and the like", ohne jedoch einschlägige Literatur nennen zu können.

[81] Auf der Titelseite, die die Personifikation der NOBILITAS zwischen POTESTAS und LIBERALITAS und darunter in einer Mittelkartusche die Widmung an das Herzogspaar zeigt, steht unten das die drei Personifikationen deutende Epigramm, dessen drei Distichen nebeneinander angeordnet sind: Longa atavum series et rerum mira Potestas | Innumerosque opibus posse iuvare viros || Dona Deum data sunt orbem moderantibus, alta | Quo placidas urbes arvaque pace regant. || Rex igitur Superum magnorum haud immemor artes | Et fovet ingenuas et nova secla parat.

[82] Für die bildlichen Darstellungen vgl. die Abbildungen in: Gerhard Langemeyer und Hans Albert Peters, Hrsg., Stilleben in Europa, Ausstellung des Westfälischen Landesmuseums für Kunst und Kunstgeschichte in Münster, Münster 1979, S. 229–236. Die Epigramme werden hier nach diesen Abbildungen transkribiert. Venatio: At Rex, ne iuvenum incipiant frigescere vires, | Pax olea incedit dum redimita comas, || Venatu invigilet pubemque exerceat arvis. | Per iuga sit ludus cursu agitare feras. || Ille autem ante alios pernix volet aequore nec sit | Tranare insolitus flumina magna labor. || Arma: Nec minus armorum studiis bellique labore | Et clara Princeps Palladis arte micet. || Tum si quando hostes patrias avertere praedas | Regnatas veniant et populare domos, || Obvia signa ferat, tutetur milite fines: | Crebra ruant tela, et plumbea grando cadat. || Litterae: Ultima nec Regi vatum sit cura piorum, | Qui Regum aeterno carmine facta canunt. || Praestantes virtute viros sibi iungere tentet [Gemeint sind die im Bild auch dargestellten Maler und Bildhauer] | Ac nunquam ingeniis sponte favere neget. || Sic urbes florere suas atque oppida cernet: | Fama volans illum sic super astra vehet.|| Pietas: Qui fulges hominum imperio regnique corona | Curam adhibe, ut dignus sorte habeare tua; || Utque animata Dei in terris videaris imago, | Relligione gravis numina rite colas. || Diis centum ponas delubra, altaria centum, | Ignem aris vigilem, pinguia thura sacres. || Nuptiae: Nec non tranquillam ut firmet concordia Pacem | Civibus et rumpat foedera nulla dies, || Se dignis primum studeat sociare Hymenaeis,| Mox aliis nectat dulcia vincla tori. || Hinc Princeps grata inducet spectacula turbae, | Plausibus hinc populi laetitiaque fremens.

[83] Claudia Brink, Arte et Marte, Kriegskunst und Kunstliebe im Herrscherbild des 15. und 16. Jahrhunderts in Italien, München 2000 (=Kunstwissenschaftliche Studien 91), S.194–198.

[84] Ein Gegenbeispiel mit ausgezeichneter Berücksichtigung der bildlichen und schriftlichen Überlieferung bietet Elisabeth Schröter, Die Ikonographie des Themas Parnass vor Raffael, Die Schrift– und Bildtraditionen von der Spätantike bis zum 15. Jahrhundert, Hildesheim 1977 (= Studien zur Kunstgeschichte 6).

[85] Bild–Text–Relationen zu verfolgen ist eine durchaus aktuelle Forschungsrichtung (vgl. z. B. Stephan Füssel und Joachim Knape, Hrsg., Poesis und Pictura, Studien zum Verhältnis von Text und Bild in Handschriften und alten Drucken, Festschrift für Dieter Wuttke zum 60. Geburtstag, Baden–Baden 1989, und Wolfgang Harms und Michael Schilling, Hrsg., Das illustrierte Flugblatt in der Kultur der frühen Neuzeit, Wolfenbütteler Arbeitsgespräch 1997, Frankfurt/M. u. a. 1998 [= Mikrokosmos, Beiträge zur Literaturwissenschaft und Bedeutungsforschung 50]), es hat jedoch den Anschein, daß ihre Ziele in der Kunstgeschichte, wenn es sich um lateinische Texte bei Bildern handelt, in Kooperation mit einer dafür aufgeschlossenen Latinistik verläßlicher und besser erreicht werden könnten.

[86] Vgl. z. B. oben mit Anm. 1, unten mit Anm. 87 oder Walther Ludwig, Sind wir mit unserem Latein am Ende? Ein Werk über die Renaissancefamilie Borgia, Zeitschrift für Württembergische Landesgeschichte 52, 1993, S. 458–462 (zu: Elisabeth Schraut, Hrsg., Die Renaissancefamilie Borgia, Geschichte und Legende, Ausstellung im Hällisch–Fränkischen Museum Schwäbisch Hall aus Anlaß des Kongresses "Die Borgia. Eine Renaissancefamilie im Zwielicht" veranstaltet von der Stadt Hall und der Universität Stuttgart 29. Mai bis 16. August 1992, Sigmaringen 1992 [= Kataloge des Hällisch–Fränkischen Museums 6]). Soeben machte mich mein Kollege Heimo Reinitzer auf einen anderen Katalogband aufmerksam, der dringend latinistischer Hilfe bedurft hätte. In: Sylvia Böhmer, Hrsg., Von der Erde zum Himmel, Heiligendarstellungen des Spätmittelalters aus dem Suermondt–Ludwig–Museum. Eine Ausstellung des Suermondt–Ludwig–Museums im Krönungssaal des Aachener Rathauses 17. Juni – 8. August 1993, Aachen 1993, sind nur auf zwei Tafelbildern lateinische Spruchbänder, aber in beiden Fällen wurden sie falsch transkribiert und nicht übersetzt (auf S. 158 f. ist zu lesen speciosa statt speciola, videru[n]t statt vider(a)u(i)t, ea[m] statt ea(rum), Trahe statt Trah(e), Q[ua]m statt Q(a)m, greßus statt grerkus, auf S. 176 f. no[min]is statt no(b)is). – Meiner Frau fiel in einem amerikanischen Roman kürzlich ein Satz auf, der den Titel für eine Satire abgeben könnte: "The main endangered species there [sc. in Brooklyn] is Homo sapiens. And Femina sapienta even more. " (Alison Lurie [Frederic J. Whiton Professor of American Literature an der Cornell University], The Last Resort, London: Vintage 1999 [zuerst 1998], S.65).

[87] Kunstgewerbemuseum Berlin Nr. 1449, 18, Die Nürnberger und die Schweizer Kabinettscheiben, Text: [Dr.] Katrin Steinke, Gesamtherstellung: Pädagogischer Dienst 1985, Copyright Staatliche Museen Preußischer Kulturbesitz Berlin.

[88] Albrecht von Eyb, Margarita poetica, Pars I, Tractatus III, Cap. XIII, De versibus inserendis ex Martiali (in der Ausgabe Basel 1503, Bl. [81v]).

[89] Hier zitiert nach: Martialis Cum Duobus Commentis, Venedig 1503, Bl. XLVIv. Der älteste und sehr ausführliche Martial–Kommentar von Domitius Calderinus erschien zusammen mit dem kürzeren von Georgius Merula 1493–1514 sechs mal, später zusammen mit den notae auch anderer Kommentatoren.

[90] Martial, Ep. 2, 59, 3f. frange toros, pete vina, rosas cape, tinguere nardo | – ipse iubet mortis te meminisse deus.

[91] Staats– und Universitätsbibliothek Hamburg, Sup. Epist. 4°, 49, Bl. 40 (Wolfgang Rychardus an Dr. med. Johannes Stockar, Ulm, 1509/12): Omnem philosophiae finem et apicem proculdubio haud ab re prisci sapientes in mortis contemplatione sita esse tradiderunt. Quid etenim religioni Christianae concinnius, quid animulae nostrae ad coelestem vitam conducibilius quam peccati fuga et pietatis erga deum observantia? Id quod nulla alia commodiore conditione nancisci possumus quam per mortis contemplationem. Ait enim Aurelius Augustinus, ille patrum sanctissimus: "novissima tua memorare et in aeternum non peccabis". Vgl.hierzu Walther Ludwig, Ein Epitaphium als Comoedia, in: Ekkehard Stärk und Gregor Vogt–Spira, Hrsg., Dramatische Wäldchen, Festschrift für Eckard Lefèvre zum 65. Geburtstag, Hildesheim u. a. 2000 (= Spudasmata 80), S. 525–540.

[92] Das Zitat aus Augustinus, Speculum 23, der seinerseits den Ecclesiasticus Jesu Sirach 7, 40 zitiert, zitierte schon Jakob Wimpfeling nach dem Ecclesiasticus innerhalb der Sammlung der flores seiner Adolescentia (zuerst 1500, hier Straßburg 1515, Bl. LIIIr) und es wurde in seiner lateinischen Form bis ins 19. Jahrhundert rezipiert: Justinus Kerner besaß ein Ölgemälde eines auf einen Totenschädel zeigenden Hl. Hieronymus vom Anfang des 19. Jahrhunderts, über dessen Kopf MEMORARE NOVISSIMA TVA ET IN AETERNVM NON PECCABIS steht (jetzt im Kerner–Haus, Weinsberg).

[93] Nürnberg 1300–1550, Kunst der Gotik und Renaissance, Ausstellungskatalog des Germanischen Nationalmuseums Nürnberg, München 1986, S. 288f.

[94] In der Transkription der Umschrift wird in dem in der vorigen Anmerkung genannten Werk überflüssigerweise TETRO zu "TETR<IC>O" korrigiert.

[95] Der verbreitete christliche Sinn der Erinnerung an den Tod scheint auch in einem Druckersignet auf. Der Buchhändlers Martin Boillon in Lyon führte ein Signet (es steht auf der Titelseite der Bearbeitung des Catholicon durch Badius Ascensius steht; s. oben Anm. 6), das das Bild eines Engels und Christus’ mit der Umschrift DEVM TIME. PAVPERES SVSTINE. MEMENTO FINIS zeigt.

[96] Reusner (wie Anm. 41), S. 74.

[97] Zu Pfalzgraf Wolfgang vgl. Reinhard H. Seitz, Reformation und Gegenreformation im Fürstentum Pfalz–Neuburg, in: Horst H. Stierhof, Hrsg., 475 Jahre Fürstentum Pfalz–Neuburg, Ausstellung im Schloß Grünau bei Neuburg an der Donau 20. Juni – 19. Oktober 1980, München 1980, S. 43–66. Die Devisen seiner Söhne lauteten (Reusner, wie 38, S. 75–79): Christus meum Asylum; Illumina oculos meos, Domine; Deum time, regem honora; Justitia stabilitur thronus; Justitia exaltat gentem.

[98] Hier zitiert nach Aulus Persius Flaccus, Satyrae, Cum antiquissimis commentariis qui Cornuto tribuuntur, collatis cum veteribus membranis et auctis. Eliae Vineti Praefatio et Annotationes in easdem. Ioa. Britannici eruditissima Interpretatio. P. Beroaldi Oratio habita in enarratione Persij. Angeli Politiani V. C. Praelectio in eundem. P. Pithoei IC. var. lect. et notae ad vet. glossas. Theodori Marcilii Professoris Eloquentiae Regii Emendationes et Commentarius, Paris 1613, S.64.

[99] Hier zitiert nach: Reformatio cleri Germaniae ad correctionem vitae et morum ac ad removendos abusus per Reverendissimum in Christo patrem et dominum D. Laurentium, tunc S. R. Ecclesiae tr. sanctae Anastasiae presbyterum, nunc Sabinen. epm., Cardinalem, Ad nationem Germanicam sedis apostolicae de latere Legatum Ratisponae aedita. Et Statuta Synodalia Reverendi in Christo patris et domini D. Valentini Episcopi Hildesemensis. Nec Non Formula vivendi Canonicorum, Vicariorum et aliorum presbyterorum secularium. Köln 1539, Bl. 39r.

[100] Persius (wie Anm. 98), S.110.

[101] Albrecht von Eyb, Margarita poetica, Pars I, Tractatus III, Cap. XIII, De versibus inserendis ex Persio (in der Ausgabe Basel 1503, Bl. [69r]).

[102] Elias Reusner, Opus genealogicum catholicum, Frankfurt 1592, S.221: traditus est institutioni Casp. Glaseri, sub quo non tantum Latinas literas, sed et religionis fundamenta ex fontibus sacrae scripturae hausit.

[103] Vgl.zu Johannes Mylius und seiner Nürnberger sodalitas Walther Ludwig, Pontani amatores: Joachim Camerarius und Eobanus Hessus in Nürnberg, in: Thomas Baier, Hrsg., Catull und Pontano, Tübingen 2002 (=NeoLatina 3), demnächst erscheinend.

[104] Es befanden sich um 1530 eine ganze Reihe humanistisch gebildeter und finanziell gut gestellter Personen in Nürnberg, vgl. Georg Andreas Will, Nürnbergisches Gelehrten–Lexikon, 1. Bd., Nürnberg 1755, S. 104, der aus dem Nürnberger Bekanntenkreis von Eobanus Hessus "Wilibald Pirkheimer, Hector Pömer, Hieronymus Ebner, Hieronymus Paumgärtner, Lazarus Spengler und sein[en] College[n] Höppel, Sebald Heyden, Johannes Ketzmann, Johannes Mylius, Thomas Venatorius, Wenzel Link, Albrecht Dürer und Wilhelm, ein[en] Musicus" nennt.

[105] Aus der Perspektive der Geschichte der Kunstgeschichte hat Dieter Wuttke das Verhältnis von Latein und Kunstgeschichte thematisiert in seinem Aufsatz: Latein und Kunstgeschichte – Ein Beitrag zum Methodenproblem, in: Markus Hörsch und Elisabeth Oy–Marra, Hrsg., Kunst – Politik – Religion, Studien zur Kunst in Süddeutschland, Österreich, Tschechien und der Slowakei, Festschrift für Franz Matsche zum 60. Geburttag, Petersberg 2000, S. 177–191.

[106] Vgl. zum früheren Verhältnis des von Latein und Deutsch Klaus Grubmüller, Latein und Deutsch im 15. Jahrhundert. Zur literaturhisorischen Physiognomie der ’Epoche’, in: Deutsche Literatur des Spätmittelalters. Ergebnisse, Probleme und Perspektiven der Forschung, Greifswald 1986 (Deutsche Literatur des Mittelalters 3), S. 35–49, Christine Wulf, Versuch einer Typologie der deutschsprachigen Inschriften, in: Walter Koch, Hrsg., Deutsche Inschriften, Fachtagung für mittelalterliche und deutsche Epigraphik, Graz 1988, S. 129–140, und Nikolaus Henkel, wie Anm. 63.



Autor (author): Walther Ludwig
Dokument erstellt (document created): 2002-08-13
Dokument geändert (last update): 2002-10-02
WWW-Redaktion (conversion into HTML): Manuela Kahle & Stephan Halder
WWW-Redaktion (final editing): Heinrich C. Kuhn