Vivat Germania latina, Vivat Latinitas teutonica!

Marcus Tullius Cicero, Lucius Annaeus Seneca, Harry C. Schnur (Ausw.: Jan Novák, Übers.: Wilfried Stroh)

Jan Novák: Politicon

Zyklus für Männerchor a cappella (1977)



Texte (mit Übersetzungen von Wilfried Stroh)

zur Uraufführung durch die Münchner Singphoniker am 11. September 2001 beim Kongress "Germania latina – Latinitas teutonica" in der Universität München

I. In Catilinam

(Cicero, Cat. 1, 1–2 [i] )

Magno impetu

Quo usque tandem abutere, Catilina, patientia nostra?

quam diu etiam furor iste tuus nos eludet?

quem ad finem ses(e) effrenata iactabit audacia?

Patere tua consilia non sentis?

constrictam omnium horum scientia coniurationem tuam non vides?

quid proxima, quid superiore noct(e) egeris?

ubi fueris? quos convocaveris? quid consili ceperis?

quem nostrum ignorar(e) arbitraris?

O, o, o tempora, o mores!

senatus hoc intellegit, consul videt: hic tamen vivit.

Catilina.

I. Gegen Catilina

(aus Ciceros erster Catilinarischer Rede)

Mit großer Leidenschaft

Wie lange noch willst du, Catilina, unsere Geduld missbrauchen?

Wie lang soll uns dein Aberwitz noch verhöhnen?

Wann endlich hast du nicht mehr die Stirn, dich so hemmungslos aufzuführen?

Merkst du nicht, dass deine Pläne entdeckt sind?

Siehst du nicht, dass alle hier deine Verschwörung kennen und sie im Griff haben?

Was du in der vorletzten Nacht, was du in der vergangenen Nacht getrieben hast,

wo du warst, welche Leute du zusammengerufen, welchen Plan du gefasst hast –

wer von uns, meinst du, wüsste das nicht?

O, o, o was für eine Zeit! O was für eine Moral!

Der Senat weiß es, der Consul sieht es. Er aber lebt.

Catilina.

II. In obitum C. Claudi imp.

(Seneca, apoc. 12, cant. 1–5, 19–22a, 27–31) dimetris anapaestis

Funebri motu (sed ironice!)

Fundite fletus, edite planctus,

resonet tristi clamore forum:

cecidit pulchre cordatus homo,

quo non alius fuit in toto

fortior orbe.

fundite fletus, edite planctus,

resonet tristi clamore forum.

Deflete virum, quo non alius

potuit citius discere causas

una tantum parte audita,

saepe et neutra.

Caedite maestis, pectora palmis,

o causidici, venale genus,

vosque poetae lugete novi,

vosqu(e) inprimis, qui concusso

magna parastis lucra fritillo.

O o o!

fundite fletus, edite planctus,

resonet tristi clamore forum.

II. Auf das Hinscheiden des Kaisers Claudius

(aus Senecas Apocolocyntosis) in anapästischen Dimetern

Im Duktus der Totenklage (aber mit Ironie!)

Vergießet die Tränen, erhebet die Klagen,

von Wehgeschrei töne voll Trauer das Forum:

Ein Mensch ist gestorben so herrlichen Geistes,

dass keiner auf Erden dem Trefflichen gliche

an tapferem Mute.

Beweinet den Wackern, der schneller als jemals

ein anderer Richter war kundig der Fälle,

obschon er nur einen der Streiter vernommen

(und öfter auch keinen).

Zerschlaget euch schmerzlich die Brüste mit Händen,

ihr Rechtsanwälte, ihr käufliche Sippe!

Du, traure mit Tränen, poetischer Nachwuchs!

Ihr aber vor allem, die immer ihr Würfel

dem Becher entschüttelnd die Schnäppchen euch finget!

O o o!

Vergießet die Tränen, erhebet die Klagen,

von Wehgeschrei töne voll Trauer das Forum!

III. In murum Berolinensem (I)

(C. Arrius Nurus: Vallum Berolinense [ii] ) hexametris

Infortunati, quorum iam moenia surgunt! [iii]

moenia? Numne hostes arcent civesque tuentur?

Vallum istud miseros claustris et carcere frenat,

rubrum n(e) effugiant paradisum. Mens mala vecors

illis, qui vulgo se decoxisse fatentur.

o!

III. Auf die Berliner Mauer (I)

(aus Harry C. Schnur: Der Wall von Berlin) in Hexametern

O unglückliches Volk, dem schon seine Mauern sich heben! –

Mauern? Ja wehren sie denn dem Feind und beschützen die Bürger?

Nein, es kerkert der Wall die Armen in Fesseln und Ketten,

hindert die Flucht aus dem Rotparadiese. Verrückt ist,

wer so offen bekennt den Totalbankrott und die Pleite!

O!

IV. In Murum Berolinensem (II)

(C. Arrius Nurus: Vallum Berolinense [iv] ) distichis elegiacis

Tractu quasi psalmodico

Diffissos videas urbemqu(e) orbemque propinquos:

hic binos mundos tenvia saepta secant.

Conspecto muro, complectere mente, viator,

quam sit libertas proxima servitio.

Fallitur, impavida quisquis negat esse tuendam

cura: ni vigilas, haud mora, servus eris.

IV. Auf die Berliner Mauer (II)

(aus Harry C. Schnur: Der Wall von Berlin) in elegischen Distichen

Gleichsam psalmodierend

Hier erblickst du die Stadt und die Erde zerschnitten in Nähe:

Nur ein dünner Verhau scheidet die zwiefache Welt.

Hast du die Mauer erblickt, so bedenke denn, Wandrer, im Geiste,

wie der Freiheit so nah immer die Knechtschaft auch wohnt.

Wer nicht wachsamen Sinns und furchtlos sorgt für die Freiheit,

täuscht sich: Gibst du nicht acht, bist du ein Sklave im Nu.



[i] Text leicht gekürzt

[ii] Menippeische Satire, zuerst veröffentlicht 1962; Ndr. in: C.A.N., Pegasus claudus, Saarbrücken 1977, 263–275, Gedicht dort S.171 (V.4 vecorsque)

[iii] Ironische Anspielung auf Vergil, Aeneis 1, 437: o fortunati, quorum iam moenia surgunt (Aeneas beim Anblick des im Aufbau befindlichen Karthago)

[iv] Pegasus claudus (wie oben) S. 175; statt Diffissos dort Dichotomon, von Novák offenbar geändert aus Gründen der Prosodie und des Sinns, der aber auch in seiner Fassung etwas unklar bleibt; vielleicht war zu interpungieren: Dichotomon videas urbemque orbemque: propinquos / hic binos mundos [...].



Autor (author): Marcus Tullius Cicero, Lucius Annaeus Seneca, Harry C. Schnur (Ausw.: Jan Novák, Übers.: Wilfried Stroh)
Dokument erstellt (document created): 2002-08-13
Dokument geändert (last update): 2002-08-19
WWW-Redaktion (conversion into HTML): Manuela Kahle & Stephan Halder