Vivat Germania latina, Vivat Latinitas teutonica!

Eckhard Keßler & Heinrich C. Kuhn

Vorwort



Die beiden Bände "Germania latina – Latinitas teutonica" enthalten die Vorträge, die während des gleichnamigen internationalen Kongresses vom 10. –13. September 2001 an der Ludwig-Maximilians-Universität in München gehalten wurden. Nur 7 von 57 Vorträgen wurden nicht rechtzeitig druckfertig eingereicht und konnten daher zu unserem Bedauern nicht aufgenommen werden, nur ein aufgenommener Beitrag wurde nicht während des Kongresses vorgetragen.

Als wir, ermutigt durch den Präsidenten der Fondazione Cassamarca di Treviso, Avv. On. Dino De Poli, diesen Kongress planten und zu ihm einluden, hatten wir die lateinische Sprache im Blick, die seit dem Ende der Antike nicht Sprache eines Volkes oder einer Region, sondern Sprache aller Völker, Sprache aller Regionen war; die internationale Sprache von Kultur, Gelehrsamkeit und Wissenschaft, von antiker Weisheit und christlicher Religion für mehr als tausend Jahre in Europa und weit darüber hinaus; die Sprache der dauerhaften, gemeinsamen Identität derer, die sie gebrauchten, und die Sprache ihrer wechselnden Eigentümlichkeiten in synchroner und diachroner Vielfalt. In der lateinischen Sprache haben sich daher die Tendenzen der Regionalisierung und Internationalisierung, wie sie die Geschichte Europas und der europäischen Kultur durch die Jahrhunderte geprägt haben und heute die globalisierte Welt prägen, niedergeschlagen und sie schien uns daher der ideale Gegenstand zu sein, um die Dialektik von Internationalität und Regionalität in ihren unterschiedlichen Formen zu studieren.

Mit der Formulierung des Titels "Germania latina –Latinitas teutonica" haben wir beabsichtigt, einen Beitrag zu dieser noch kaum beachteten aber darum nicht weniger aktuellen Thematik zu leisten. Unser Kongress sollte die Funktionen und Leistungen der lateinischen Sprache unter einer begrenzten räumlichen Perspektive – in den deutschsprachigen Ländern, zu denen sich wegen der engen Verbindungen dann die skandinavischen Länder hinzugesellten – und unter einer begrenzten zeitlichen Perspektive – vom Ende des Mittelalters bis zur Gegenwart – untersuchen und in seinen vielfältigen Prozessen wechselseitiger Einflußnahme von überregionalen Rahmenbedingungen und regionalen Eigenentwicklungen diskutieren und möglichst umfassend dokumentieren.

Wir haben dazu in unserer Einladung 6 Sektionen gebildet [1] , die, jeweils unter einer besonderen Fragestellung, an die Vielfalt zentraler Aspekte erinnern, ihre gleichgewichtige Berücksichtigung im Programm garantieren und eine thematische Ordnung der Vorträge während des Kongresses ermöglichen sollte. Sie haben ihren Dienst getan – sie haben aber auch erkennbar werden lassen, daß eine solche thematische Gliederung zu künstlichen Grenzziehungen und gewaltsamen Klassifizierungen zwingt, die den Blick auf die im gleichzeitigen Neben- und Miteinander sich vollziehende organische Entwicklung verstellt. Wir haben daher für die Veröffentlichung der Vorträge die Einteilung in Sektionen nicht beibehalten, sondern stattdessen – nach der Dokumentation der Eröffnung des Kongresses und den Plenarvorträgen, die thematisch das weiteste Feld abdecken - eine Ordnung gewählt, die nicht an thematischen sondern an zeitlichen Kriterien orientiert ist. Wir haben versucht, für die einzelnen Beiträge jeweils einen zeitlichen Schwerpunkt zu bestimmen, um sie dann, gegliedert in die sieben Gruppen vom 15. bis zum 21. Jahrhundert, chronologisch auf einander folgen zu lassen.

Auch diese Anordnung beruht sicherlich manchmal auf anfechtbaren Entscheidungen und wird nicht immer auf die Zustimmung aller treffen. Wir hoffen aber, daß sie durch die Zusammenstellung des thematisch disparaten Gleichzeitigen dem Leser auch dort neue Zusammenhänge vermitteln und neue Einsichten ermöglichen wird, wo sie von den Autoren der Beiträge nicht beabsichtigt sind oder noch nicht beabsichtigt sein konnten.

Wenn es so den beiden Bänden der Kongressakten unter diesem Aspekt vielleicht gelingen könnte, über eine reine Dokumentation hinauszugehen, müssen sie gleichzeitig doch auch das Ziel einer Dokumentation notwendig verfehlen, da sich vieles nicht dokumentieren läßt. Dazu gehört das vielstimmige freundliche Echo, das wir auf die Ankündigung unseres Kongresses erhielten, das uns zeigte, wie groß die Zahl der kompetenten Kolleginnen und Kollegen ist, die in diesem Bereich forschen und das uns zugleich zwang, vielen trotz ihrer interessanten und wichtigen Vortragsangebote abzusagen. Dazu gehört – unvergeßlich - die freundschaftliche Atmosphäre unter den Teilnehmern in den zahlreichen Pausengesprächen, bei den vielen neu und wieder geknüpften Kontakten, beim wechselseitigen Lehren und Lernen in Vorträgen und Diskussionen. Dazu gehört aber auch das gemeinsame Entsetzen und die fraglose Solidarität aller angesichts der Ereignisse des 11. September in New York, Washington und Pennsylvania, von denen wir unmittelbar nach der Uraufführung von Jan Nováks Politicon hörten und die uns belehrten, daß der Erfindungsreichtum des politischen Wahnsinns ungebrochen ist.

Wir wünschen uns, daß diese Kongressakten auch und gerade in der seit dem September 2001 veränderten Welt ihren Platz und ihre Leser finden werden, daß sie der Erforschung der Latinität nicht nur in den deutschsprachigen, sondern auch in den anderen Ländern innerhalb und außerhalb Europas neue Anregungen zu geben vermögen, und daß sie, jenseits der Fachwissenschaften, zur Reflexion über die Dynamik – die Gefahren und die Chancen – des gegenwärtigen "Globalisierungs"-Prozesses beitragen können.

So bleibt uns nur noch, ehe diese Akten geschlossen werden, dankbar die vielfältigen Hilfen zu bezeugen, ohne die es diesen Kongress nicht gegeben hätte. Wir nennen vor allem Avv. On. Dino De Poli, den die lateinische Tradition in der ganzen Welt fördernden Präsidenten der Fondazione Cassamarca di Treviso. Er war von Anfang an dabei, er hat jeden unserer Schritte mit großem Vertrauen begleitet und hat nicht nur, ein großzügiger Mäzen, die finanzielle Basis bereitet, sondern auch nie mit Ermutigung und moralischer Unterstützung gegeizt. Möge er seine segensreiche Tätigkeit noch lange weiterführen können. Wir nennen dann die Ludwig-Maximilians-Universität München, die uns bereitwillig ihre Infrastruktur zur Verfügung gestellt hat, und wir verbinden mit dem Dank die Hoffnung, sie auch in Zukunft wie in der Vergangenheit als Hort des Geistes gepriesen zu hören. Wir nennen endlich die Mitgliedern des Vorbereitungs- und Durchführungsteams [2] , und all jene, die an der Erstellung dieser Akten (sei es in gedruckter, sei es in elektronischer [3] Form) mitgewirkt haben. Unser Dank möge sich auf immer mit der Erinnerung an die gemeinsame Arbeit verbinden.

München, 20. Mai 2002

Eckhard Keßler
Heinrich C. Kuhn



[1] I. Der klassische deutsche Humanismus und seine Nachfolgen (14. bis 18. Jh.); II. Besonderheiten im Lateingebrauch der deutschsprachigen Region (14. bis 18. Jh.); III. Latein als Formalursache deutscher Geschichte (Bildung, Politik, Gelehr­samkeit, Wissenschaften; 14. bis 18. Jh.); IV. Latein in Deutschland im 19. und 20. Jh.; V. Transversale Aspekte (Regionen, Funktionen, Transformationen; 14. bis 20. Jh.); VI. Scandinavia latina.

[2] Es würde zu weit führen, alle namentlich zu nennen, es wäre aber unverzeihlich, Marianne Pade nicht zu erwähnen, die mit ihrer genauen Kenntnis der skandinavischen Szene für die Zusammenstellung und Organisatio der Sectio VI (Scandinavia latina) unschätzbare Dienste geleistet hat.

[3] Die elektronische Form ist zu finden unter URL www.phil-hum-ren.uni-muenchen.de/GermLat/



Autor (author): Eckhard Keßler & Heinrich C. Kuhn
Dokument erstellt (document created): 2002-08-13
Dokument geändert (last update): 2002-08-149
WWW-Redaktion (conversion into HTML): Manuela Kahle & Stephan Halder
Schlussredaktion (final editing):Heinrich C. Kuhn