Vivat Germania latina, Vivat Latinitas teutonica!

Fidel Rädle

Einige Bemerkungen zu Reuchlins Briefwechsel



Anlaß für diesen Beitrag ist die erfreuliche Tatsache, daß vor zwei Jahren der erste Band der ersten kritischen Ausgabe von Johannes Reuchlins Briefwechsel erschienen ist. [1] Die Edition der insgesamt etwa 400 erhaltenen Briefe an und von Reuchlin ist auf vier Bände angelegt, das Erscheinen des zweiten Bandes steht unmittelbar bevor. Ich werde mich hier nur mit dem ersten Band befassen, der insgesamt 136 Nummern enthält, die sich auf fast drei Jahrzehnte, nämlich die Jahre 1477 bis (Mai) 1505, verteilen. Sie setzen ein mit Reuchlins Studium in Basel und erstrecken sich bis in seine zweite Stuttgarter Zeit (nach dem Exil in Heidelberg); damals war der gelernte Jurist Reuchlin, inzwischen 50 Jahre alt, u. a. Beisitzer am Württembergischen Hofgericht und Richter des Schwäbischen Bundes. [2] Die dramatischen Jahre, in denen Reuchlin durch seinen Streit mit den Kölner Dominikanern über das jüdische Schrifttum und durch seinen daraus erwachsenen Prozeß mit Rom ganz Europa geistig mobilisiert hat, sind in diesen Briefen also noch nicht gespiegelt. Wir haben es stattdessen mit dem gelehrten, aber auch politisch höchst aktiven Humanisten Reuchlin zu tun, der nicht nur das Wissen seiner Zeit im Kopf hatte, sondern auch die Welt und ihren Lauf gut kannte und in diesen Lauf seinerseits aktiv eingriff.

Reuchlin hat in Freiburg, Paris, Basel, Orléans, Poitiers und Tübingen studiert; er war in den neunziger Jahren dreimal für längere Zeit in Italien, er war Rat und Vertrauter des württembergischen Grafen Eberhard im Barte, Prinzenerzieher beim Pfalzgrafen Philipp dem Aufrichtigen in Heidelberg und pflegte berufliche und private Verbindungen zum Hof Kaiser Friedrichs III. und zu Maximilian I. Er sprach mindestens sechs Sprachen: neben seiner schwäbischen Muttersprache die drei sog. heiligen Sprachen, in denen er auch Briefe schreiben konnte, und zumindest noch französisch und italienisch.

Der Briefwechsel hat eine ungewöhnliche Druckgeschichte. Im Jahre 1514 veröffentlichte Reuchlin persönlich eine Sammlung von einhundert an ihn adressierten Briefen berühmter Männer, die "Clarorum virorum epistolae" [3] , die ihrerseits die "Epistolae obscurorum virorum", also die "Dunkelmännerbriefe", zeugten. Von diesen einhundert Briefen, durch die Reuchlin damals in seinem Kampf mit den Dominikanern signalisiert hatte, wie stark seine Truppen europaweit waren, sind 87 in dem hier zu verhandelnden ersten Band enthalten. [4] Unter den Korrespondenten befinden sich große Namen wie Rudolph Agricola, Sebastian Brant, Marsilio Ficino, Aldo Manuzio.

Im Gefolge seiner Reuchlin-Biographie [5] hatte Ludwig Geiger im Jahre 1875 eine Ausgabe des Briefwechsels vorgelegt, die allerdings viele Briefe nur regestierte. [6] Die neue kritische Ausgabe bietet erstmals alle erhaltenen Texte vollständig, darunter zahlreiche Neufunde, und sie zeichnet sich aus durch eine umfassende und überaus sorgfältige Kommentierung, die nach dem Urteil Franz Josef Worstbrocks den Vergleich mit den besten humanistischen Briefeditionen des vergangenen Jahrhunderts aushält. [7] Erst durch diese Kommentierung ist aus Reuchlins Briefwechsel geradezu eine Dokumentation des frühen Humanismus in Deutschland geworden, die einen ganz ungewöhnlich differenzierten Einblick nicht nur in die litteraria res publica bietet (diesen Terminus gebraucht Reuchlin mehrfach), sondern auch das politische und gesellschaftliche Leben der Zeit beleuchtet.

Ich möchte im folgenden einige Besonderheiten des Briefwechsels ansprechen und bei dieser Gelegenheit ein paar punktuelle Bemerkungen zur Edition machen, die, um es noch einmal zu sagen, als eine hervorragende wissenschaftliche Leistung gelten muß. Es gibt seit dem vergangenen Jahr auch eine deutsche Übersetzung der Edition von Adalbert Weh, die gelegentlich heranzuziehen ist. [8]

1.Barbari – oder Deutschland und Italien

Wie die meisten deutschen Humanisten, vor allem jene, die nicht nur die "Germania" des Tacitus gelesen, sondern Italien persönlich erlebt haben, registriert Reuchlin die schmerzliche Differenz zwischen der italienischen und der deutschen Kultur seiner Zeit. Er tut das, wie es scheint, ohne Affekt, ohne Neidkomplex, überhaupt ohne Komplexe, weit souveräner und rationaler als etwa sein früherer Kommilitone Konrad Celtis. Sein Vertrauen in die humanistische Leistungsfähigkeit Italiens ist grenzenlos. Italien hat–ganz abgesehen von seiner glänzenden indigenen lateinischen Grundausstattung–durch die Einwanderung der Exilgriechen eine faszinierende Zufuhr griechischer Literatur und Sprachkompetenz erfahren, die Reuchlin regelrecht ausbeutet. Seine griechischen Freunde in Italien, die ihm auf griechisch schreiben, sind erkennbar überrascht und fühlen sich geschmeichelt von so viel Eifer und Anerkennung, die ihnen in Italien selbst nicht unbedingt zuteil geworden sind. Reuchlin versucht ständig, durch die Vermittlung italienischer bzw. in Italien weilender Freunde in den Besitz der neuesten gedruckten Texte zu kommen. Petrus Jacobi schreibt ihm im Jahre 1488 aus Pavia, es gebe in Italien leider mehr Kinder als Bücher von Griechen; im Lateinischen ließ sich daraus ein schönes Wortspiel machen:

Ego certe omnium librariorum apothecas perreptavi, nusquam inveni libros Graecos, Graecorum vero liberos multos. [9]

Eine besondere Rolle spielte für Reuchlin, was seine Versorgung mit Büchern betrifft, der Venezianische Drucker Aldo Manuzio. Unser Band enthält zwei Briefe Reuchlins an Manuzio [10] und zwei von Manuzio an Reuchlin [11] , deren erster vielmehr ein Begleitschreiben zu einer Büchersendung, sozusagen ein erweiterter, freundschaftlich kommentierter Lieferschein ist. Reuchlins erstes Schreiben an Manuzio, datiert vom April 1499 aus Heidelberg, ist für die Einschätzung des Verhältnisses Deutschland–Italien von höchstem Interesse. Es nimmt Bezug auf eine gemeinsame Unterredung in Venedig, bei der Manuzio seinem Freund Reuchlin den Plan zur Gründung einer Griechischen Akademie (Neacademia) in Deutschland erläutert hatte. "Ziel der Akademie sollte die Förderung der griechischen, aber auch der hebräischen Sprache und die sowohl wissenschaftliche als auch militärische Ausbildung der deutschen Jugend sein; letzteres war vermutlich eigens im Hinblick auf die erwünschte Patronage Maximilians miteinbezogen worden." [12] Für die Versorgung mit geeigneten Büchern sollte Manuzio selber zuständig sein. Manuzio hat diesen Plan noch über mehrere Jahre hin weiter verfolgt, wie wir u. a. aus einem Brief an Konrad Celtis erfahren. Der erste Versuch, Maximilian durch die Vermittlung Reuchlins dafür zu gewinnen, scheiterte allerdings kläglich. Maximilian war in den Krieg mit Frankreich verstrickt, und Reuchlin schreibt voller Resignation an Manuzio, den litterae gelinge es nicht, sich in medio armorum zu behaupten. Ohnehin sei das Verhältnis Deutschlands zu den Künsten wie das des sprichwörtlichen Esels zur Leier. Und dann heißt es wörtlich:

Non defui, quin rem omnem ad quosdam etiam doctos deferrem, qui sibi tum videbantur columnae esse, sed nosti Germaniam: Nunquam desiit esse rudis. Mi Alde, paucis habe: Non sumus te digni. [13]

("Ich habe es nicht daran fehlen lassen, die ganze Sache einigen sogar gebildeten Leuten vorzutragen, die sich damals als die Stützen der Kultur fühlten, doch Du kennst ja Deutschland: es hat nie aufgehört, unkultiviert zu sein. Mit einem Wort, mein lieber Aldo: Wir sind Deiner nicht würdig.")

Die Sammlung enthält aus dem Jahre 1484 noch einen zweiten Brief, der sich in deutlichem Einvernehmen mit Reuchlin zum Problem der beschämenden deutschen barbaries äußert. Er stammt von dem Eichstätter Humanisten Bernhard Adelmann von Adelmannsfelden, der ein Freund Pirckheimers und Bohuslavs von Hassenstein und außerdem Mitglied der Sodalitas litteraria Augustana um Peutinger war. Adelmann berichtet von einem Gespräch mit seinem Bruder, bei dem es um die Lage der humanistischen Studien in Deutschland gegangen sei:

... varius nobis sermo tum de bonarum literarum ingenuarumque disciplinarum studiis, tum etiam de gymnasiis nostris praestantiaque eorum erat. Nanque cum ego seu studio contradicendi seu potius amore veri Italiae palaestras (ut ita dixerim) tanque (lege: tanquam) nutrices, autores opificesque optimarum artium non modo Germanicis ante, verum etiam totius orbis posuissem, frater, ut est homo singularis erga patriam amoris, hoc aegre tulit. Conatusque est Tubingen vestrum Italicis Academiis conferre, modo humanarum literarum studia istic non adeo fugerent. Quod quidem quam graviter molesteque tulerim quantumque de errore detrimentoque patriae nostrae conquestus fuerim, minime perscribere possum. Despicimus enim, Ioannes mi, immo tanquam venena adhorremus ac aliquando (proh quantum nephas) iisce incumbere prohibemur, quae Latinis iucunda voluptuosaque, nobis vero ob nostram barbariem quantum pernecessaria utiliaque esse soleant, tu ab exemplo epistolae principis nostri, quam cum summo pudore ad te mitto mihi opprobratam, pro tua praecipua doctrina optime intelliges. [14]

("Wir unterhielten uns damals über die humanistischen Studien und besonders auch über unsere Gymnasien und ihre Vorzüge. Als ich dabei aus Widerspruchsgeist oder doch eher aus Liebe zur Wahrheit die Bildungsstätten Italiens sozusagen als die Ammen und Urheberinnen und Bildnerinnen der humanistischen Kultur über die entsprechenden Einrichtungen nicht nur in Deutschland, sondern in der ganzen Welt, stellte, da war mein Bruder in seinem ausgeprägten Patriotismus durchaus gekränkt, und er versuchte, Euer Tübingen mit den italienischen Akademien zu vergleichen, wenn nur die humanistischen Studien hier nicht so im Schwinden begriffen wären. Wie unerträglich ich dieses wiederum meinerseits gefunden habe, und wie sehr ich die Verirrung und den Schaden unseres Vaterlandes beklagt habe, kann ich Dir gar nicht beschreiben. Denn, mein Johannes, was den geborenen Lateinern [15] Freude und Vergnügen bereitet, das achten wir Deutschen gering, ja wir meiden es wie das Gift, und blamablerweise hindert man uns auch bisweilen daran, es uns anzueignen. Wie bitter nötig und wie nützlich das aber gerade für uns angesichts unserer Unkultiviertheit wäre, kannst Du als ein hochgebildeter Mann am Beispiel dieses beiliegenden aus der Kanzlei unseres Fürsten hervorgegangenen Briefes sehr gut ermessen, den man mir empört vorgehalten hat [16] und den ich Dir mit der Empfindung tiefster Scham zuschicke.")

Es handelt sich um einen Brief der Gemahlin des Grafen Eberhard im Barte an den Kardinal von Mantua. Dieser Brief, den die Herausgeber dankenswerterweise der Edition beigegeben haben, ist in der Tat in einem so schlechten Latein geschrieben, daß er leicht unter die "Dunkelmännerbiefe" hätte eingereiht werden können.

Hier mag noch eine Bemerkung zum eben zitierten Text des Adelmann-Briefes angefügt werden: Das überlieferte, aber sinnlose tanque (tanque nutrices) resultiert mit hoher Wahrscheinlichkeit aus der paläographisch leicht erklärbaren falschen Auflösung eines ursprünglich abgekürzt geschriebenen tanquam.

Ebenfalls durch ein paläographisch evidentes Versehen (sei es durch den Schreiber, sei es durch den Drucker) erklärt sich übrigens folgende problematische Stelle in einem Brief des Rutger Sygamber an Reuchlin:

Hoc quidem dei est, eos, qui minus grati sunt, relinquere sibi, quatenus in profundum malorum cadant et sic aptum (lege: apertum) fiat ingratitudinis probrum. [17]

Hier ist offensichtlich der Querstrich durch die Unterlänge des p von aptum verloren gegangen: aptum fiat ergibt keinen Sinn, wohingegen apertum fieri biblisch belegt ist. [18] Die Stelle ist also wie folgt zu verstehen: "Gott pflegt diejenigen, die ihm gegenüber zu wenig dankbar sind, sich selbst zu überlassen, damit sie bis auf den Grund der Übel hinabfallen und so die Schande ihrer Undankbarkeit offenbar werde (apertum fiat)."

2. sanctissima poetica und die heiligen Bücher

Wer sich an die bei den Humanisten übliche Lobpreisung der boni oder optimi auctores gewöhnt hat, dem wird auffallen, wie nüchtern der gelehrte Reuchlin der antiken Literatur begegnet. Sein Ton ist immer sachlich, es fehlen die wohlfeilen Hymnen auf die antike Literatur und die beflissene Bekundung des Glücks, mit ihr Umgang zu haben.

Allerdings gibt es éine Ausnahme, einen Brief des jungen Reuchlin, der in Basel einem Hörer seiner Vergilvorlesung von der sanctissima poetica spricht, derer keineswegs alle Studenten würdig seien. Und dann heißt es:

Nam qui propter aliqua fortuita bona, que habet, relinquit divinam poeticam, is haud est ea dignus, ei nolim misteria Virgilii orthographiamque communicare. ... . Adhuc et illud abs te velim, ut condiscipulos tuos in studia poetica cohortari et armare non cesses, cum tu scias nulla nos alia re posse fieri nomine immortales. [19]

("Denn wenn einer um irdischer Güter willen die göttliche Dichtkunst [divinam poeticam] aufgibt, ist er ihrer wahrhaftig nicht würdig; wer aber ihrer nicht würdig ist, dem möchte ich die misteria Virgilii und seine makellose Sprache gar nicht vermitteln. ... . Ich wünsche mir aber zudem von Dir, daß Du nicht nachläßt, Deine Mitschüler zu den studia poetica anzuhalten und sie dafür auszurüsten; Du weißt ja doch, daß wir durch nichts anderes als die Dichtung unsterblichen Ruhm erwerben können.")

Das klingt noch nach auswendig gelernter Humanismusverherrlichung, und möglicherweise ist dieser Enthusiasmus nicht einmal ganz uneigennützig: im selben Brief gibt Reuchlin nämlich zu, daß er befürchtet, seine Vergilvorlesung könnte wegen zu geringen Interesses der Studenten ausfallen. [20]

Später findet man bei Reuchlin kaum noch solche Zeugnisse einer besonderen Vorliebe für die antike Poesie. Sehr früh bildet sich Reuchlins theologische Grundorientierung heraus: sein eigentliches Interesse gilt den heiligen Sprachen, und das heißt: den heiligen, will sagen für die christliche Religion grundlegenden Texten, um die er sich sein Leben lang bemüht. Dichtung ist ihm etwas Vorläufiges, und auch sein eigenes lateinisches Dichten wird ihm, wie noch zu sehen sein wird, ganz anders als bei Celtis, als das Produkt von Muße zu einer seltenen und lediglich spielerischen Äußerung seiner ansonsten von den Forderungen des Tags bestimmten Existenz. Daß der Jurist und Theologe Reuchlin allerdings von Geblüt ein Philologe ist, ein zweiter Hieronymus, manifestiert sich auch in jedem seiner Briefe. [21]

Sein Freund Adelmann von Adelmannsfelden gebraucht in dem bereits zitierten Brief zur Verdeutlichung des Verhältnisses zwischen heidnischer Antike und christlicher Lebenswelt ein Bild aus dem Bereich der Malerei. Manche Gegner des Humanismus, schreibt er, diskriminierten den sprachlichen Schmuck der antiken Rhetorik als eitle Tünche (dealbamentum), und sie seien damit gar nicht weit von der Sache entfernt: dealbamentum im Sinne von Grundierung sei nämlich das, wofür die Maler als erstes zu sorgen hätten, bevor sie das eigentliche Gemälde ausführten. So fungiere die antike ars als notwendige Grundierung für die Werke des Christentums. [22] Wie bei allen christlichen Verteidigern der heidnischen Antike werden in diesem Brief und auch sonst mit Vorliebe die kultivierten, d. h. gutes Latein bzw. Griechisch schreibenden, Kirchenväter als Vermittler in Anspruch genommen. Sie verbürgen, daß antike Formkultur und christliche Inhalte sich wohl vertragen. Adelmann zählt dafür viele Namen auf, von Hieronymus bis zum heiligen Bernhard von Clairvaux.

Reuchlin, der für eine solche Ansicht nicht eigens gewonnen werden mußte, ist sein Leben lang interessiert an einer integrativen Kultur, zu der die komplette Antike und das komplette Christentum unter selbstverständlichem Einschluß des Judentums gehörten. Sein Bild von der Antike beschränkt sich nicht auf die von den Humanisten gefeierten klassischen Autoren (zumal die Poeten), es schließt die spätantike Philosophie und die spätantiken sowie nachantiken Grammatiker und Lexikographen ein, und dazu kommen bemerkenswerterweise auch die spätantiken christlichen Dichter: die Bücherlieferung aus Venedig, zu der Manuzio den schon erwähnten Lieferschein-Brief schrieb, enthielt u. a. Gregor von Nazianz, die poetische Paraphrase des Johannes-Evangeliums von Nonnos von Panopolis, Prudentius (Prudentium poetam Christianum) und die von Manuzio auch in Italien erstmals gedruckten frühchristlichen Epiker Sedulius, Iuvencus und Arator. Diese christlichen Dichter hatte Manuzio durch seinen Druck auch für Italien, das damals so stark auf die heidnischen Poeten fixiert war, zum ersten Mal zugänglich gemacht.

3. negotium und otium–gestreßtes Leben, entspannende Scherze und Sprachspiele

Stefan Rhein hat sehr überzeugend dargelegt, daß Reuchlin vor allem durch seine Entdeckung der "Offenbarungsqualität der hebräischen Sprache", wie sie in seinem Werk "De verbo mirifico" entfaltet wird, den "klassischen Referenzrahmen des Humanisten verändert" und "eine 'barbarische' Archaik jenseits des griechisch-römischen Modells" aufsucht. [23] Nicht die Rhetorik der humanistischen Wortkultur, sondern Tradition und Weisheit seien die gültigen Normen für Reuchlin, der unbeirrt seine orthodoxe Religiosität bewahrt und die christliche "Zielvorgabe" seines Denkens und Forschens nie aus den Augen verloren habe. [24] In der Tat, das Glatte und Flatterhafte, das manche Humanisten, auch Erasmus, an den Tag legen, ist ihm ganz und gar fremd.

"Ich glaube", so schreibt er an den Prior der Basler Kartause Jakob Lauber, "man muß sich vor allem um das bemühen, was religiöse Weisheit zum Ausdruck bringt und was unsere Gedanken, wie ein Magnet, zur himmlischen Welt hin zieht ... .":

Maxime vero circa ea insistendum puto, quae religiosam sapientiam prae se ferunt nostrosque cogitatus ad caelestia, ut ferrum magnes, attrahunt ... . [25]

Was Reuchlin jedoch, abgesehen von seiner religiösen Konsequenz (der übrigens gelegentlich auch etwas Reaktionäres anhaftet), grundlegend von einem klassischen humanistischen Literaten wie Erasmus unterscheidet, ist die Tatsache, daß er in vielfältigen Funktionen und Ämtern nicht nur als Gelehrter, sondern als Jurist, Politiker und Diplomat eingesetzt war und im zivilen Alltag durch sein ganzes Leben gebraucht wurde. [26] Die Briefe dokumentieren ein von rastloser Tätigkeit und von unglaublichen Leistungsanforderungen bestimmtes Leben, das man heute wohl als gestreßt bezeichnen müßte. Da es meistens um konkrete Anliegen und um Sachen geht, sind Briefe mit den sonst üblichen eitlen Schmeicheleien und Freundschaftsbekundungen relativ selten. Natürlich bringen seine Briefpartner immer wieder ihre Bewunderung für Reuchlins sensationelle Sprachenkompetenz zum Ausdruck, in der Regel ist der Ton aber sachlich und seriös. Reuchlin seinerseits hält sich grundsätzlich zurück mit routinierter Topik, lediglich in einigen Briefen an Johannes von Dalberg wirkt er etwas verkrampft: ansonsten haben seine Briefe, wenn sie wirklich persönlicher und nicht beruflicher Natur sind, einen direkten und offenen, bisweilen ausgesprochen herzhaften Ton. Man spürt, daß solches Briefschreiben, für ihn (und auch für die ihm adäquaten vertrauten Freunde) eine wohltuende, entspannende Tätigkeit war. Sie bot ihm, bei entsprechendem Gegenüber, die Möglichkeit, literarisches Wissen ins Spiel zu bringen und auch mit der Sprache selbst, in Metaphern und vor allem in meist das Griechische aktivierenden Etymologien, zu spielen. Das gilt natürlich auch für die Briefgedichte Reuchlins, die übrigens nicht durchweg von sprachlicher Eleganz sind. [27] Ihr bisweilen vertrackter und auch situationsbedingter Witz kann dem nicht eingeweihten heutigen Leser durchaus Verständnisschwierigkeiten bereiten.

Im folgenden seien noch einige Beispiele angeführt, die ein wenig den philologischen Nahkampf mit dem Text erfordern, wodurch an der einen oder anderen Stelle vielleicht noch etwas mehr Klarheit zu gewinnen ist.

Zunächst ist das Briefgedicht an den Freisinger Domdekan Johann von Lamberg vom Jahre 1497 (?) zu verhandeln:

Ad magnificum dominum Johannem Delamberg Johannes Reychlin legum doctor carmen super symposio sodalibus praestito

Bache, quid +arnorii+ tot vultibus atria lustras,

Quando simul coenat dulce sodalicium?

Nam modo purpureus, modo candidus esse videris,

Flavus, item fuscus, denique luteolus.

Nec sapor est unus, vinum istud acerbius illo,

Gracius hoc, deinde hoc dulce ac odoriferum.

Iungere conabar tot odores totque colores,

Sed lesit nostrum mixtio tanta caput.

Nam sibi certabant color atque odor, ille vetustus

Hic novus est Bromius, fecibus iste sedet. ...

... Conseruere manus, patitur calvaria pugnam:

Hanc noxam luere, digne decane, potes. [28] (Nr. 87, S. 284f.)

"Warum, Bacchus, durchstreiftest du die Hallen +arnorii+ mit so vielen verschiedenen Gesichtern, als unsere nette Sodalitas dort speiste?", fragt der Autor im Rückblick auf ein Gelage, bei dem ganz verschiedene Weine, Weine von unterschiedlicher Herkunft, Farbe und Geschmack, durcheinander getrunken wurden. Das ist der Sinn der tot vultus, mit denen Bacchus als Gott des Weines die +arnorii atria+ durchstreift hat. Im folgenden werden in komischer Variation diese Weine beschrieben: der eine war rot, der andere weiß, der andere gelb, ... "der eine war herb, der andere lieblich, der andere süß und aromatisch. Ich versuchte sie zu vereinigen, aber diese Mischung hat meinem Kopf nicht gut getan. Denn die verschiedenen Farben und Aromen vertrugen sich nicht miteinander": Nam sibi certabant ... .

So geht es noch eine Weile weiter, die beiden letzten Verse lauten:

"Sie (die Weine) fingen untereinander an zu kämpfen, und mein Schädel muß diesen Kampf ertragen. Du kannst, würdiger Dekan, diese Schuld allerdings durch eine von dir zu leistende Buße tilgen."

Es geht hier vor allem um den Sinn des dritten Wortes, das in der Edition durch cruces als unerklärt markiert ist, und es geht auch um die Deutung des letzten Verses, den ich anders verstehe als die Herausgeber und als der Übersetzer.

arnorii ist in der Tat kein lateinisches Wort; die Konjektur armarii hat Joseph Schlecht, der das Gedicht 1922 erstmals veröffentlichte, erwogen, aber metri causa verworfen [29] ; der Übersetzer Weh entscheidet sich für die Konjektur Abnobii (statt arnorii), und übersetzt Abnobii atria mit "Donauhallen". [30] Davon ist jedoch nicht die Rede, vielmehr muß es sich natürlich um den Saal des Gastgebers handeln. Der aber heißt von Lamberg, und wenn man diesen Namen nach Humanistenmanier ins Griechische überführt, ergibt sich tatsächlich die überlieferte Form arnorii: arén, arnós heißt 'das Lamm', to óros ist 'der Berg'; arnorius bedeutet also 'Lammberger', und arnorii atria sind demnach die Hallen des Lam(m)bergers. Ganz dem entsprechend heißt ja auch der aus Leonberg stammende Verfasser der Briefe Nr. 31 und 68, von dem auch Sebastian Brant in Nr. 102 spricht, Konrad Leontorius. Bekannt sind auf ähnliche Weise gräzisierte Bildungen wie zum Beispiel Leukorea für Wittenberg oder Panorius für Heidelberger. [31] Bacchus ist also durch den Saal des Lambergers, des Gastgebers Johann von Lamberg, geschweift. Und das ist ja auch nicht überraschend.

Den Schlußvers deuten die Herausgeber doch wohl nicht ganz zutreffend, wenn sie im Kommentar schreiben: "Mit diesem metrisch anstößigen Vers (breve statt longum am Ende des ersten Halbverses [32] ) bittet Reuchlin scherzhaft um 'Absolution'." [33] Dem entsprechend übersetzt Weh die Stelle wie folgt: "In Deiner Macht steht es nun, hochwürdiger Dekan, den Losspruch von dieser Sünde (des Weinmischens) zu erteilen." [34] Nun heißt aber noxam luere eindeutig: 'seine eigene Schuld büßen', 'Strafe zahlen'; der Dekan ist ja auch tatsächlich schuld, daß Reuchlin Kopfweh hat, und Reuchlin bietet ihm zuletzt, ironisch, die Möglichkeit an, dafür eine Buße zu leisten.

Ein ähnliches Verfahren der Rückübersetzung gräzisierter Namen bringt Klarheit über einen anderen Brief, den Francesco Bonomo, der Sekretär der zweiten Gemahlin Maximilians Bianca Maria Sforza, an Reuchlin geschieben hat, ohne Datum, aber mit einer rätselhaften, in der Edition mit Fragezeichen versehenen Ortsangabe: Ex Cleopyrgotanae regiae nuptiis – "von der Hochzeit in Cleopyrgotana regia". [35]

Der Schreiber berichtet, daß er sich von seiner Gelbsucht vollends zu erholen hoffe durch die Lustbarkeiten in Cleopyrgotana aula: ... Cleopyrgotanae aulae deliciis, puellarum saltatione et omni denique voluptatum genere, per quas morbus is pellitur.

Es handelt sich, das stand schon immer fest, um die Hochzeit zwischen der erwähnten Bianca Maria Sforza aus Mailand und Maximilian. Diese wurde aber, wie im Kommentar angegeben ist, an zwei verschiedenen Orten gefeiert, zunächst im November 1493 in Mailand, später, im März 1494, in Innsbruck. Deshalb bieten die Editoren für den Brief diese beiden Datierungen an.

Wenn man sich nun aber die Bedeutung der wichtigsten Elemente von Cleopyrgotana aula klar macht, - aulé heißt griechisch 'Hof', pýrgos heißt 'Turm, 'Burg', kléo heißt 'rühmen', kleitós heißt 'erhaben' (entsprechend lateinisch inclytus oder gar augustus) - so ist entschieden, daß wir uns in der Kaiserlichen Hofburg in Innsbruck befinden.

Ein letztes Beispiel soll noch einmal dieses produktive etymologisierende Abtasten von Namen vorführen, das Reuchlin so virtuos praktizierte. Johannes Krachenberger bedankt sich in einem Brief vom Februar 1493 dafür, daß Reuchlin ihn, Krachenberger, in einem Brief an einen anderen Freund mit dem schmeichelhaften Namen Amphion ausgezeichnet habe. Am Schluß desselben Briefes bittet Krachenberger seinen Freund Reuchlin, ihm doch anstelle seines uneleganten Namens einen griechischen Namen auszudenken. [36] Reuchlin erfand dann den Graccus Pierius, nach dem thessalischen Berg Pierus.

Was aber hat es mit dem alternativen Namen Amphion auf sich? Die Herausgeber äußern sich dazu nicht. Man muß tatsächlich krampfhaft um die Ecke denken, um einen plausiblen Zusammenhang zwischen Krachenberger und dem sagenhaften Sänger Amphion zu finden, der durch seinen Gesang und sein Lyraspiel die Mauern Thebens zusammengefügt hat. In der "Ars poetica" des Horaz liest man dazu die folgende Verse:

Dictus et Amphion, Thebanae conditor urbis

saxa movere sono testudinis et prece blanda

ducere quo vellet. [37]

("Man erzählte sich auch, daß Amphion, der Gründer der Stadt Theben, durch den Klang seiner Leier die Steine bewegt und mit solch schmeichelnder Bitte dorthin gelenkt habe, wo er sie haben wollte.")

Amphion also hat mit dem Klang seiner Leier die Steine bzw. Felsen bewegt - und nun muß man sich offenbar dazu denken, daß er zu diesem Zweck die Berge hat bersten lassen. Das deutsche Wort 'krachen' ist, nach dem Grimmschen Wörterbuch, bis ins 19. Jahrhundert auch transitiv gebraucht worden im Sinne von 'laut brechen', 'bersten lassen'. Somit ist vermutlich Krachenberger bei Reuchlin vorübergehend zu seinem mythologischen Ehrennamen Amphion gekommen, weil beiden Namen als tertium comparationis zukommt, daß sie 'die Berge krachen oder bersten lassen'. Der Weg der Etymologie vom einen zum andern ist, wie man sieht, überaus umständlich, und deshalb verwundert es nicht, daß Krachenberger für den Rest seines Lebens nicht Amphion, sondern Graccus Pierius genannt wurde.



[1] Johannes Reuchlin, Briefwechsel, Band 1:1477–1505, unter Mitwirkung von Stefan Rhein bearbeitet von Matthias Dall'Asta und Gerald Dörner (Herausgegeben von der Heidelberger Akademie der Wissenschaften in Zusammenarbeit mit der Stadt Pforzheim), Stuttgart–Bad Cannstatt 1999. Die folgenden Zitate aus dieser Edition sind mit der betreffenden Nummer des Briefes und der Seitenzahl nachgewiesen.

[2] Zu Leben und Werk Reuchlins vgl. zuletzt Gerald Dörner, Reuchlin, Johannes, in: TRE 29, 1998, S. 94–98.

[3] Clarorum virorum epistolae Latinae, Graecae et Hebraicae variis temporibus missae ad Ioannem Reuchlin Phorcensem LL. doctorem, Tübingen 1514.

[4] Im Jahre 1519 war eine erweiterte Sammlung unter dem Titel "Illustrium virorum epistolae" gedruckt worden.

[5] Ludwig Geiger, Johannes Reuchlin. Sein Leben und seine Werke, Leipzig 1871 (Neudr. Nieuwkoop 1964).

[6] Johannes Reuchlins Briefwechsel, hg. von Ludwig Geiger, Tübingen 1875 (Neudr. Hildesheim 1962).

[7] Vgl. Franz Josef Worstbrocks Rezension des vorliegenden Bandes in: Zeitschrift für deutsches Altertum und deutsche Literatur 130, 2001, S. 236–242.

[8] Johannes Reuchlin, Briefwechsel, Band 1: 1477–1505. Leseausgabe in deutscher Übersetzung von Adalbert Weh, Stuttgart–Bad Cannstatt 2000.

[9] Nr. 20, S. 68.

[10] Nr. 97 und Nr. 118.

[11] Nr. 116 und Nr. 119.

[12] Zitat aus dem Kommentar, S. 316, Anm. 7.

[13] S. 314.

[14] Nr. 11, S. 35.

[15] Mit Latini sind wohl kaum, wie in der oben, Anm. 8, zitierten Übersetzung von Weh zu lesen, "die Lateinkundigen", sondern die geborenen Lateiner, also die Italiener, gemeint.

[16] mihi opprobratum übersetzt Weh (wie Anm. 8) mit "in meinen Augen schändlich", wobei mihi offenbar als Dativus auctoris aufgefaßt ist. Vermutlich jedoch hat man Adelmann den Brief mit dem Ausdruck von Scham darüber, daß man sich vor den Italienern wieder einmal blamiert habe, zu lesen gegeben.

[17] Nr. 89, S. 291.

[18] Vgl. 2 Esdra 1, 6: Fiant aures tuae ... et oculi tui aperti.

[19] Nr. 2, S. 12.

[20] Man mußte, wie dem Kommentar zur Stelle (S. 13, Anm. 5) zu entnehmen ist, mindestens zehn Anfänger bzw. fünf baccalaurei in der Vorlesung haben.

[21] Über die "lexikalisch–grammatikalische Orientierung" seines theologischen Denkens vgl. Gerald Dörner / Stefan Rhein, Der Reuchlin–Briefwechsel – Auf dem Weg zu einem neuen Reuchlinbild, in: Editionsdesiderate zur Frühen Neuzeit, hg. von Hans–Gert Roloff unter redaktioneller Mitarbeit von Renate Meincke, Amsterdam–Atlanta 1997 (Chloe Band 24), S. 143.

[22] Nr. 11, S. 36.

[23] Stefan Rhein, Johannes Reuchlin, in: Deutsche Dichter der Frühen Neuzeit (1450–1600). Ihr Leben und Werk, hg. von Stephan Füssel, Berlin 1993, S. 147.

[24] Ebenda, S. 144.

[25] Nr. 26, S. 83.

[26] Vgl. Dörner / Rhein (wie Anm. 21), S. 132–139.

[27] Man vergleiche etwa den durchaus unbeholfenen Schlußteil des Gedichts an seinen Bruder Dionys, Nr. 65, S. 204, V. 10–15.

[28] Nr. 87, S. 284f.

[29] S. 286, Anm. 4.

[30] Abnobius ist tatsächlich in der Bedeutung "Donau" belegt, vgl. ebenda.

[31] Abgeleitet von 'Heidelberg' = 'eitel Berge, lauter Berge', vgl. dazu Fidel Rädle, Carmina Heidelbergensia inedita (saec. XVI ex.), in: From Wolfram and Petrarch to Goethe and Grass, Studies in Literature in Honour of Leonard Forster, edited by D. H. Green, L. P. Johnson, Dieter Wuttke, Baden–Baden 1982 (Saecula Spiritalia 5), S. 358, Kommentar zu V. 5f..

[32] Reuchlin steht hier vielmehr noch in der Tradition der mittelalterlichen Metrik, der die "productio in arsi" ganz geläufig war. Vgl. dazu Paul Klopsch, Einführung in die mittellateinische Verslehre, Darmstadt 1972, S. 74–76.

[33] S. 287, Anm. 12.

[34] Weh (wie Anm. 8), S. 176.

[35] Nr. 61, S. 190.

[36] Nr. 58, S. 182.

[37] Ars poetica 394–396.



Autor (author): Fidel Rädle
Dokument erstellt (document created): 2002-08-13
Dokument geändert (last update): 2002-08-20
WWW-Redaktion (conversion into HTML): Manuela Kahle & Stephan Halder