Vivat Germania latina, Vivat Latinitas teutonica!

Volkhard Wels

Humanistische ars und deutsche Sprache in Ortholph Fuchspergers Dialectica deutsch (1533)



In der Württembergischen Schulordnung, die 1559 in Tübingen von Herzog Christoph erlassen wurde, heißt es unter dem Titel "Welcher gestalt die Knaben in die Dialecticam einzufüren vnnd anzubringen seyen": Damit aber die Knaben lustig, und die Dialecticam zu lernen begirig gemacht werden, soll der Praeceptor diser Classis inen zum eingang anzeigen, daß dise Kunst nit so schwär sey zu lernen und zu begreiffen, dann der mehrertheil derselbigen uns angeborn, und jnen den Knaben so gemein, wo sie diser Kunst nit einen guten theil wißten, so kunte ir keiner mit dem andern reden, dann (das die Jungen sollichs durch ein Exempel mögen verstehn) so ein Knab von dem andern begert, er soll ime das Buch schenken, so er in den henden hab, Antwortet der Knab, ich kann dir es nit schenken, dann es ist nit mein, da hat der Knab wol und recht, nach der Dialectica antwort geben, und weißt doch noch der Zeit nicht, was Dialectica heißt, dann er hat ein Enthymema gemacht, das lauttet also: Hic liber non est meus, Ergo hunc librum tibi non possum donare. Der Syllogismus lauttet also: Quae mea non sunt tibi donare non possum, Hic liber non est meus, Ergo hunc librum tibi donare non possum. Also treiben sie die Dialecticam täglich von jugent auff, ehr sie wissen, was Dialectica heißt. Dergleichen die Baurn auff dem Marckt, und in allen Gesprechen, wa inen nicht ein gutter theil der Dialectik angeborn were, könnten sie nit mit einander handlen. [1]

Um also den Schülern die Angst vor dem Dialektikunterricht zu nehmen und ihnen den eigentlichen Zweck der Dialektik vor Augen zu führen, soll der Lehrer ihnen zeigen, daß es sich beim dialektischen Vermögen, also dem Vermögen zu logisch konsistenter Argumentation, um etwas handelt, das sie alle bereits von Natur aus beherrschen: Jeder von den Schülern würde, bitte man ihn etwa um sein Buch, als Antwort ein Enthymem bilden: "Ich kann dir dieses Buch nicht schenken, denn es gehört mir nicht." Dieses Enthymem wiederum läßt sich problemlos in einen Syllogismus überführen: "Was mir nicht gehört, kann ich dir nicht schenken. Dieses Buch gehört mir nicht. Also kann ich dir dieses Buch nicht schenken." Im Dialektikunterricht, so sollen die Schüler begreifen, wird nichts von ihnen verlangt, was sie nicht schon, wenigstens in ihren Anlagen, von sich aus beherrschen würden. Das dialektische Vermögen ist jedem angeboren, es ist eine natürliche Fähigkeit, und der schulische Dialektikunterricht ist nur die sozusagen "künstliche" Vervollkommnung dieser natürlichen Fähigkeit.

Genau diese Vorstellung von der Angeborenheit eines Vermögens ist es, in der der entscheidende Anlaß zur humanistischen Neubestimmung des Begriffes der ars liegt. Gleichzeitig wird an der Schulordnung auch deutlich, inwiefern diese Neubestimmung an das Problem von Latein und Volkssprache geknüpft ist. Es sticht in dem Zitat hervor, daß der Text genau dort vom Deutschen ins Lateinische springt, wo es um den Nachweis geht, daß der Schüler sich einer korrekten logischen Form bedient hat. Die lateinische Formulierung des Syllogismus wirkt geradezu wie ein Beweis dafür, daß man auch in einer Volkssprache, im Deutschen, korrekte argumentative Schlüsse bilden kann. Beides – die Angeborenheit der Dialektik und die Verwendung der Muttersprache – bedingt sich natürlich auch gegenseitig, denn niemand wächst im Jahr 1559 mit Latein als Muttersprache auf, trotzdem aber können die Schüler korrekte Syllogismen bilden.

Damit sind im Grunde die Thesen genannt, die ich im folgenden aufstellen möchte. Erstens: Der Begriff der ars erlebt bei den Humanisten eine Neubestimmung. "Kunst" wird nicht als eine Art von Wissenschaft verstanden, d.h. als ein Feld von positivem Wissen, das man sich aneignen kann, sondern als ein angeborenes Vermögen, das durch den Schulunterricht ausgebildet und vervollkommnet wird. Dieser neue Begriff der ars zeigt sich am deutlichsten in der Grammatik, denn dort markiert er den Übergang von einer normativen zu einer deskriptiven Grammatik. Daraus ergibt sich die zweite These: Wenn die ars deskriptiv verfährt, hat dies nicht nur Konsequenzen für die Grammatik, sondern auch für die Dialektik, d.h. die Argumentationstheorie. Wie die Grammatik aus dem Sprachgebrauch, so muß auch die Dialektik aus dem natürlichen Gebrauch der Argumente abzuleiten sein. Drittens aber, und damit möchte ich dann diese beiden ersten Thesen zusammenführen, muß bei einem so bestimmten Begriff von Dialektik auch eine volkssprachliche Dialektik möglich sein. Wenn deshalb Ortolph Fuchsperger 1533 zum ersten Mal eine Dialektik in deutscher Sprache erscheinen läßt, so dient dies in erster Linie dem Nachweis, daß es überhaupt möglich ist, in der deutschen Sprache logisch zu argumentieren, und daß es deshalb auch möglich sein muß, ein deutschsprachiges Lehrbuch der Dialektik zu schreiben.

Damit zur ersten These. Mit der Wiederentdeckung der antiken Literatur, die im Begriff der Renaissance zum Definiens der Epoche geworden ist, entdeckten die Humanisten nicht nur die geistige Welt der Antike, sondern auch die Tatsache, daß sich das antike Latein erheblich von dem Latein unterscheidet, das ihnen in der wissenschaftlichen Tradition des Mittelalters begegnete. Der Unterschied war leicht zu benennen. Im antiken Latein erkannte die Renaissance einen muttersprachlichen, natürlichen Gebrauch der lateinischen Sprache, einen Gebrauch, wie er sich bei denjenigen findet, die eine Sprache als Muttersprache lernen. Das scholastische Latein dagegen war eine künstliche, von sachlich-inhaltlichen Erwägungen bestimmte Sprache, eine Sprache, die immer wieder dazu gezwungen worden war, sich den jeweiligen Bedürfnissen ihrer Benutzer anzupassen. In der mittelalterlichen Version der Grammatik, der grammatica speculativa mit ihren modi significandi, war dieser Sprachgebrauch sogar zum Prinzip erhoben worden. [2]

Zweck der modi significandi war es gerade gewesen, ein logisches Substrat der Grammatik nachzuweisen und damit der lateinischen Sprache den Rang einer universalen Wissenschaftssprache zu geben. Dabei waren diese modi significandi keineswegs nur deskriptiv gemeint, sondern sie wurden tatsächlich im Sinne einer normativen Schulgrammatik eingesetzt. Der Sprachgebrauch des Lateinischen sollte sich den normativen Gesetzen einer logisch bestimmten Grammatik fügen.

Gegen dieses mittelalterlich-scholastische Modell zeigt nun die Wiederentdeckung der antiken Literatur, daß sich das antike Latein nur zu einem sehr kleinen Teil an der Logik, d.h. der Analogie, orientiert, zum weitaus größeren Teil aber, wie jede Sprache, von einer Idiomatik bestimmt ist, die sich keiner grammatischen Regel unterordnen läßt. Mit der Wiederentdeckung der antiken Literatur entdecken die Humanisten damit auch die Tatsache, daß die lateinische Sprache keine Kunstsprache, sondern, wie jede andere Sprache, eine lebende Sprache ist – oder zumindest war–, und das heißt, daß ihre Grammatik nicht von normativen, logischen Regeln bestimmt wird, sondern von ihrem muttersprachlichen Gebrauch, in der Terminologie der Zeit: von der consuetudo, der Sprachgewohnheit. Es stellt sich umgekehrt nun, aus humanistischer Perspektive, die Frage, ob sich die mittelalterliche Wissenschaft nicht schon durch ihren falschen Sprachgebrauch auch inhaltlich disqualifiziert hat.

Die früheste Gestalt dieser Argumentation findet sich in den Disputationes dialecticae Lorenzo Vallas, die in verschiedenen Fassungen ab 1439 entstanden sind. Im neunten Kapitel des zweiten Buches heißt es dort unter dem Titel "Die Dummheit derjenigen, die die Negation falsch gebrauchen": Natürlich müssen wir uns beim Sprechen nach der Norm der Grammatik richten, aber genauso wie grammatisch korrekt müssen wir echt lateinisch sprechen, d.h. wir dürfen uns nicht so sehr an den Vorschriften der Kunst als am Sprachgebrauch der Gebildeten und Ausdrucksgewandten orientieren, der die höchste Form der Kunst darstellt. Denn wer wüßte nicht, daß der größte Teil des Sprechens durch die Autorität und den Sprachgebrauch gestützt wird? Von ihm sagt Quintilian [Inst. orat. 1.6.3] folgendes: 'Der Sprachgebrauch ist der sicherste Lehrer des Sprechens, und wie bei einer Münze muß man offensichtlich die Sprache benutzen, die einen öffentlichen Stempel hat.' – 'Aber es ist doch die Vernunft [also die ratio, und damit eben die Logik]', sagen diese Leute, 'die es uns erlaubt, so zu sprechen, wenn wir es wollen!' Wäre es doch nur so, daß wir diese Leute billigen könnten, statt sie kritisieren zu müssen. Denn weil Griechisch, Hebräisch, Lateinisch, Afrikanisch, Dalmatisch und alle anderen Sprachen nicht nur in ihren Lauten, sondern auch in ihrer Sprachform voneinander abweichen, entsteht sie [die Sprachform] aus dem Sprachgebrauch, nicht aus der Vernunft, mit wenigen Ausnahmen. Und für die Grammatik kann keine weitergehende Begründung angegeben werden (was einige Dummköpfe getan haben, wie diejenigen, die über die modi significandi schrieben), als warum sich andere Völker anderer Laute bedienen. [3] Man kann also keine logischen Begründungen für grammatische Phänomene angeben, und noch weniger kann man aus der Vernunft normative Regeln für die Grammatik ableiten.

Um seine Behauptung zu illustrieren, bedient sich Valla der doppelten Negation als Beispiel. Nach der Vernunft – und damit der Logik–, müßte es so sein, daß bei einer doppelten Negation die zweite Negation die erste aufhebt und der Satz deshalb eine affirmative Bedeutung bekommt. Nun ist es aber so – und Valla führt hier genüßlich eine ganze Reihe von Beispielen an –, daß nicht nur in der griechischen, sondern auch in zahlreichen anderen Sprachen, manchmal selbst im Lateinischen, die doppelte Negation nicht eine aufhebende, sondern eine verstärkende Wirkung hat. [4] Dann aber gehorcht die Grammatik offensichtlich nicht der Vernunft, sondern dem Sprachgebrauch, für den sich seinerseits keine weiterführende rationale Begründung angeben läßt.

Man hat sich darüber gewundert, daß die humanistischen Lehrbücher der Grammatik sich nicht von den mittelalterlichen unterscheiden. Freilich, die Gültigkeit der Konjugations- und Deklinationstabellen wird auch kein Humanist bestreiten. Und wer Latein sprechen will, muß diese Tabellen beherrschen. Was die Humanisten bestreiten, ist, daß man aus der Kenntnis dieser Tabellen heraus bereits echtes Latein sprechen oder schreiben kann. Die eigentlich humanistische Tätigkeit fängt deshalb erst viel später an, nämlich dort, wo es um solche Dinge wie den Gebrauch der Negation oder – ganz allgemein –um die Idiomatik der lateinischen Sprache geht. Zwei Wörter können dieselbe Bedeutung haben und trotzdem völlig unterschiedlich verwendet werden. Die lateinische Sprache ist – wie jede andere natürliche Sprache – kein System quasi mathematischer Variablen, in dem sich jedes Element mit jedem anderen verbinden läßt. So sind z.B. manche Verbindungen von Verben und Nomen durch den Sprachgebrauch sanktioniert, andere nicht. Der antike Sprachgebrauch allein entscheidet deshalb, welche von diesen Verbindungen möglich sind.

Wieder war es Lorenzo Valla, der mit seinen Elegantiae linguae latinae den ersten Versuch gemacht hat, den Sprachgebrauch, die Idiomatik des antiken Lateins zu erfassen. [5] Die Grundüberzeugung, die den Elegantiae zugrunde liegt, ist gerade, daß sich der Sprachgebrauch nicht durch grammatische Regeln erfassen läßt, sondern nur durch eine umfassende Beschreibung der Verwendung der einzelnen Wörter. Extrem formuliert, könnte man deshalb sagen, daß das Prinzip der Elegantiae gerade die Aufhebung der Grammatik im Wörterbuch ist, d.h. die Überzeugung, daß sich der Gebrauch der Wörter nur durch die Auflistung ihrer Verwendungen bestimmen läßt.

Es ist an dieser Stelle nicht der Ort, diese Behauptung an einer Analyse der Elegantiae zu belegen, denn worauf es mir hier ausschließlich ankommt, ist die Veränderung im Begriff der ars, d.h. hier der ars grammatica, die sich bei Valla offensichtlich vollzieht. Wenn es nicht Sache des Logikers ist, zu entscheiden, ob eine doppelte Negation aufhebende oder verstärkende Wirkung hat, sondern Aufgabe des Grammatikers, dann hat sich damit auch der Begriff der Grammatik verändert. Deren Gesetze werden nicht mehr von der Logik bestimmt, sondern, genau umgekehrt, der Logiker muß die Grammatik zu Hilfe nehmen, um entscheiden zu können, welche Bedeutung eine doppelte Negation jeweils hat. Die Grammatik als Kunst, als ars, wird nicht mehr als normgebende Kraft verstanden, sondern als normbeschreibende, als deskriptive Aufgabe. Die Kunst wird aus der Natur abgeleitet, statt daß die Kunst auftritt, um die Natur zu ordnen.

Im selben Augenblick, in dem die Grammatik als deskriptive Aufgabe verstanden wird, verliert auch die lateinische Sprache, in und an der sich diese Veränderung vollzieht, ihren universalen Charakter. Die lateinische Sprache ist nicht mehr, wie in der mittelalterlichen grammatica speculativa, das Material, das so geformt wird, daß es den Ansprüchen der Logik (und damit natürlich der Wissenschaft überhaupt) gerecht wird, sondern die lateinische Sprache ist jetzt ein vorgefundenes Medium, das der Wissenschaftler nur noch beschreiben, aber nicht mehr seinen Bedürfnissen anpassen kann. Mehr noch, der Logiker muß eigentlich, bevor er sich an die Formulierung der logischen Gesetze machen kann, die antike Literatur studieren, denn nur durch sie kann er den korrekten Sprachgebrauch lernen.

Zwei Prozesse sind hier bei Lorenzo Valla miteinander verbunden. Einerseits gewinnt die lateinische Sprache ihre antike Würde zurück. Sie ist nicht mehr nur ein Baukasten, dessen einzelne Bestandteile jeder so zusammensetzen kann, wie er will. Andererseits wird damit die lateinische Sprache aber auch zu einer Sprache unter anderen, die sich in nichts mehr von diesen unterscheidet. Schon an dem Valla-Zitat wird deutlich, wie gleichzeitig mit der Neubestimmung des Grammatik-Begriffes die lateinische Sprache in eine Reihe mit der afrikanischen und dalmatischen gestellt wird. Im Jahr 1439 dürfte diese Reihung einiges Entsetzen hervorgerufen haben, gehört es doch zu den Überzeugungen dieser Zeit, daß nur die Schriftsprachen Hebräisch, Griechisch und Lateinisch überhaupt über eine Grammatik verfügten. Die sogenannten Volkssprachen dagegen, wie das Deutsche, galten als agrammatisch und regellos.

Otfried von Weißenburg z.B. schreibt in der Vorrede zu seinem Evangelienbuch, daß das Deutsche roh, undiszipliniert und durch den Zügel der grammatischen Kunst nicht zu bändigen sei. [6] Die bekannteste Referenz für diese Überzeugung ist sicher Dante, der in De vulgari eloquentia die Volkssprache als die bestimmt, die wir durch Nachahmung lernen, im Gegensatz zum Latein, das wir durch Regeln lernen. Damit gehört die Volkssprache zum Bereich der Natur, Latein aber, das Dante schlechthin mit dem Begriff der grammatica in eins setzt, zum Bereich der Kunst. [7] Ein dritter Beleg schließlich ist die viel zitierte Tatsache, daß die erste Grammatik des Italienischen (und damit die erste Grammatik einer Volkssprache überhaupt), nämlich Albertis Regole della lingua fiorentina aus dem Jahr 1450 im wesentlichen dem Zweck diente, zu beweisen, daß es überhaupt möglich war, die Grammatik einer Volkssprache zu schreiben. [8]

In einer der ersten deutschen Grammatiken, der Grammatica germanicae linguae des Johannes Claius, erschienen 1578, gilt die Regellosigkeit der deutschen Sprache als ein endlich überwundener Zustand, und zwar interessanterweise durch das 'Werkzeug' Luther, der für das Deutsche geleistet habe, was die Propheten für das Hebräische und die Evangelisten für das Griechische. [9] Indem der Heilige Geist sich seiner bei der Bibel­übersetzung bediente, habe er ein Korpus von Schriften aufgestellt, dem für die Sprachregelung normativer Charakter zukommt, so daß Claius von dort seine Grammatik des Deutschen ableiten kann. [10] Dessen ungeachtet scheint sich der Glaube an die Regellosigkeit der Volkssprachen in Deutschland besonders lange zu halten, denn noch Justus Georg Schottels Ausführliche Arbeit Von der Teutschen Haubt­Sprache aus der Mitte des 17. Jahrhunderts macht sich den Nachweis der Grammatikalität des Deutschen zu ihrem vorrangigen Ziel. [11]

Die Humanisten entdecken die Historizität der lateinischen Sprache, und mit dieser Historizität fällt ihre Universalität, denn diese Universalität wurde gerade von der normativen, logischen Grammatik hergestellt. Die Entdeckung der Deskriptivität der Grammatik bedingt sich wechselseitig mit der Entdeckung, daß nicht nur die lateinische Sprache, sondern alle Sprachen über eine Grammatik verfügen. Korrekt Latein zu sprechen, heißt für die Humanisten nicht mehr, nur die Grammatik zu beherrschen, sondern Latein so zu benutzen, wie es in der Antike benutzt wurde. Deshalb muß eine Grammatik des Lateinischen den Sprachgebrauch der Antike erfassen. Gleichzeitig liegt es natürlich nahe, daß, wenn die Grammatik deskriptiv verfahren muß, auch jede andere Sprache grammatisch erfaßt werden kann. Der Ciceronianismus und der Übergang zum Gebrauch der Volkssprachen erscheinen damit nur als zwei extreme Konsequenzen, denen dieselbe Überzeugung zugrunde liegt.

Diese Überzeugung ist, in letzter Instanz, die Neubestimung der ars als deskriptives Verfahren. Im Gegensatz zur Wissenschaft, zur scientia, d.h. einem System von positivem Wissen, bestimmen die Humanisten die ars als eine Fähigkeit, eine facultas, die jeder schon von Natur aus hat, genauso wie eben jeder von Natur aus die Fähigkeit besitzt, in seiner Muttersprache grammatisch – mehr oder weniger – korrekt zu sprechen. Die ars ist nichts anderes als ein System von Re­geln, das man aus dieser natürlichen Anwendung abgeleitet hat und das man dann zur Vervoll­komm­nung dieser natürlichen Fähigkeit im schulischen Unterricht wieder auf diese zurückwendet.

Diese Neubestimmung des Begriffes der ars findet sich nicht nur bei Lorenzo Valla, auch zum Beispiel Melanchthon legt diesen Begriff der ars seiner Rhetorik und Dialektik zugrunde. [12] Ein deutliche Auseinandersetzung mit dem Thema findet sich bei dem spanischen Humanisten Juan Luis Vives, der im zweiten Kapitel seines Werkes De tradendis disciplinis von 1531 den neuen Begriff der ars zum Grundstein seiner Wissenschaftstheorie macht. [13]

Damit komme ich zu meiner zweiten These, den Folgen dieses neuen Begriffes der ars für die Dialektik. Die Abgrenzung der humanistischen Dialektik von der mittelalterlichen Logik beginnt bei der Wahl des Namens. Es ist kein Zufall, daß die Humanisten sich für den Begriff der "Dialektik" und gegen den im Mittelalter bevorzugten Begriff der "Logik" entscheiden. Wie die Grammatik als deskriptive Kunst bestimmt wird, so auch die Dialektik. Und wie die Grammatik den aktuellen Gebrauch der Sprache beschreibt, so beschreibt die Dialektik den Gebrauch von Argumenten. Der Punkt aber, an dem das sozusagen natürliche Auftreten von Argumenten beobachtet und beschrieben werden kann, ist das Gespräch, die Diskussion im modernen Sinne. Ausdrücklich möchte deshalb Melanchthon statt des Begriffes der Logik den der Dialektik benutzen, den er vom griechischen "dialegomai" ableitet, was er mit "sich mit einem andern unterreden" übersetzt. [14] Diese "Unterredung" ist es nämlich, bei der sich das Auftauchen und der Gebrauch von Argumenten in natura beobachten läßt.

Die Neubestimmung der Dialektik als einer deskriptiven Kunst hat weitreichende inhaltliche Folgen für die Dialektik. Auch hier sind wieder Lorenzo Vallas Dialecticae Disputationes der früheste Zeuge. In der traditionellen Geschichtsschreibung der Logik hat es blankes Entsetzen hervorgerufen, daß Valla dort im dritten Buch die letzten fünf Modi der ersten syllogistischen Figur und schließlich auch die ganze dritte Figur einfach streicht. [15] Weniger Beachtung hat dagegen seine Begründung für diesen radikalen Eingriff gefunden. [16] Valla streicht diese Figuren nämlich deshalb, weil ihre Anwendung weder in der Praxis zu beobachten ist, noch er sich überhaupt eine praktische Anwendung für sie vorstellen kann. In der alltäglichen Argumentation haben diese Modi und Figuren keine Funktion, und deshalb haben sie auch in einer Dialektik, die sich als Beschreibung natürlicher Diskussionsvorgänge versteht, nichts zu suchen.

Anders als die scholastische Logik, die ein erhebliches Maß an geistiger Energie darauf verwendet hatte, zu zeigen, daß die einzelnen syllogistischen Modi und Figuren logisch gültig sind, interessiert sich Valla nur für die Modi und Figuren, die sich tatsächlich beobachten lassen. Und wo es natürlich für die scholastische Logik am einfachsten war, die Gültigkeit dieser Modi und Figuren mit Buchstabenvariablen oder einfachsten Beispielen zu beweisen, kommt es Valla bei jeder Figur gerade darauf an, eingängige und aus dem tatsächlichen Gebrauch abgeleitete Beispiele zu finden. Welcher vernünftige Inhalt und welche Anwendung, fragt Valla, ließe sich aber nun für einen Syllogismus im Modus Ferison vorstellen, dessen Form lautet: Kein Mensch ist ein Stein, einige Menschen sind Lebewesen, also sind einige Lebewesen keine Steine? –Für einen solchen Modus gibt es keine Anwendung, er kommt in der Natur, d.h. in einem natürlichen Gespräch, nicht vor. [17] Solche natürlichen Gespräche seien wie Kämpfe, so Valla, immer möchte der eine den anderen von etwas überzeugen, und deshalb ist Argumentieren wie Kämpfen. Syllogismen in der dritten Figur aber seien entweder kranke Soldaten, oder, wenn sie nicht krank seien, dann trügen sie ihre Waffen verkehrt herum: sie schaden demjenigen, der sich ihrer bedient. [18]

Die Reduktion der Syllogistik auf die tatsächlich in der Argumentation zu beobachtenden Modi und Figuren ist jedoch nur ein Aspekt der humanistischen Reform. Ein weiterer ist die humanistische Vervielfältigung der Argumentationsformen überhaupt. Während sich die scholastische Logik praktisch ausschließlich auf den Syllogismus konzentrierte und, wenn überhaupt, andere Formen nur erwähnte, um ihre Zurückführbarkeit auf den Syllogismus zu demonstrieren, interessieren sich die Humanisten für die tatsächliche Vielfalt der Argumentationsformen, wie sie sich in einem Gespräch beobachten läßt. [19] Zwar kann man ein Enthymem problemlos zu einem Syllogismus ergänzen oder einen Sorites in zwei Syllogismen auflösen, aber dabei geht gerade die interessanteste Tatsache verloren, nämlich daß wir in einem natürlichen Gespräch, aber auch in einem wissenschaftlichen Text, vollständige Syllogismen nur selten verwenden, Enthymeme aber ununterbrochen. Ganz zu schweigen von der Tatsache, daß die scholastische Logik einer so prominenten und zentralen Argumentationsform wie dem Exemplum kaum Aufmerksamkeit geschenkt hat.

Die wichtigste Neuerung der Humanisten jedoch betrifft die Neubestimmung des Verhältnisses von Topik und Syllogistik. In jedem natürlichen Gespräch ist das erste, was zu beobachten ist, nicht die logische Form, in der ein Argument vorgebracht wird, sondern das Auftauchen des Arguments, seine Findung als solche. In dem Beispiel der zu Beginn zitierten Württembergischen Schulordnung fragt ein Junge den anderen, ob er dessen Buch haben könne. Der andere Junge antwortet ihm in der Form eines Enthymems, daß er das Buch nicht verschenken könne, denn es gehöre ihm nicht. Die enthymematische Form des Arguments ist chronologisch sekundär, das erste, was hier passiert, ist, daß der Junge überhaupt ein Argument findet, d.h. daß er die Frage nicht nur verneint, sondern auch noch eine Begründung für seine Ablehnung anfügt. Ein theoretisches Modell für diesen Prozeß des Findens einer Begründung liefert seit der Antike die Topik. Nach diesem Modell würden wir bei einer vorliegenden Frage im Kopf, entweder bewußt oder unbewußt, eine Reihe von Punkten ("topoi" oder "loci", wie sie in der Dialektik heißen) durchlaufen und an jedem dieser Punkte fragen, ob sich dort ein brauchbares Argument für den jeweiligen Sachverhalt findet. Das Modell ist bekannt und muß hier nicht weiter ausgeführt werden. Worauf es mir ankommt, ist die Tatsache, daß es sich nach humanistischer Überzeugung bei diesem theoretischen Modell um eine Beschreibung des natürlichen Vorganges handelt, dessen jeder von uns sich alltäglich unzählige Male bedient.

Diese Tatsache, daß es sich bei der Topik um die Beschreibung eines natürlichen Vermögens handelt, ist nicht nur heute eine vollkommen neue Interpretation dieses Prozesses, sondern war es auch im sechzehnten Jahrhundert. Die scholastische Logik nämlich hatte die Topik, genauso wie die Syllogistik, als ein nachträgliches Klassifikationsverfahren begriffen, d.h. sie hatte ein gegebenes Argument in zweierlei Hinsicht analysiert, nämlich erstens auf seine syllogistische Form und zweitens dann auf seine topische Herkunft hin. Demgegenüber war auch hier wieder das humanistische Interesse darauf gerichtet, die Topik als einen natürlichen Prozeß zu fassen. Erst in zweiter Linie sollte die beschriebene Topik dann für die technische Ausbildung im Schulunterricht instrumentalisiert werden.

Lorenzo Valla hatte sich in seiner Dialektik noch einer selbstständigen Beschreibung der topoi mit der Begründung entzogen, besseres als Quintilian könne man zu diesem Thema nicht sagen, und deshalb schlicht die entsprechenden Kapitel des fünften Buches der Institutio oratoriae in seine Dialektik übernommen. [20] Erst circa fünfzig Jahre später ist es Rudolf Agricola, der mit seinen De inventione dialectica libri tres die epochemachende humanistische Topik schreibt. [21] Im umfangreichen zweiten Buch widmet er jedem topos eine ausführliche Beschreibung. Auch hier sind es wieder die Beispiele, die die eigentliche Neuheit ausmachen und die meines Erachtens entscheidend für den Erfolg dieses Buches verantwortlich sind. [22] Wenn es sich bei der Topik um ein natürliches Vermögen im Sinne der humanistischen ars handelt, dann muß dieses Vermögen auch an natürlichen Argumentationen aufgewiesen werden, das aber heißt: an Beispielen. Während Agricola diese Beispiele noch fast ausschließlich der antiken Literatur entnimmt, geht die erste deutschsprachige Dialektik einen Schritt weiter und verzichtet mit der lateinischen Sprache auch auf die literarischen Beispiele. In Ortholph Fuchspergers Dialektik von 1533 mit dem Titel Ain gründlicher klarer anfang der natürlichen und rechten kunst der waren Dialectica [23] sind es vor allem Bauern, deren sonntäglichem Gespräch unter der Dorflinde wir zuhören. Damit komme ich zu meiner dritten These. [24]

In seiner Widmung an Johann Hagen stellt Fuchsperger sein Unternehmen in eine Linie mit der ersten deutschen Grammatik, der Teutschen Grammatica Valentin Ickelsamers von 1527. [25] Auch nämlich, so Fuchsperger, wenn es vor Ickelsamer keine deutschsprachige Grammatik gegeben hätte, würde wohl kaum jemand behaupten, daß sich die Deutschen deswegen ihrer nicht bedient hätten. Selbiges gilt für die Dialektik: Niemand würde bestreiten, daß man einen Sachverhalt dialektisch korrekt in deutscher Sprache darstellen könne, obwohl es bisher keine deutsche Dialektik gegeben habe. [26] Also, lautet die Schlußfolgerung, muß das dialektische Vermögen unabhängig von der konkreten Sprache sein, in der es sich ausdrückt. Auf Verlangen des Abtes hat Fuchsperger, wie in der Folge des Widmungsbriefes deutlich wird, die These auch schon in der Praxis erprobt und etlichen Konventbrüdern die Dialektik in deutscher Sprache vorgetragen. Von dem Erfolg könne sich jeder überzeugen, der eine Predigt dieser Brüder höre. [27]

In der Vorrede an den Leser stellt Fuchsperger schließlich die Verbindung her, auf die es hier ankommt. Fuchsperger bindet dort nämlich sein Unternehmen einer volkssprachlichen Dialektik zurück an den humanistischen Begriff der ars. Anfangs der Schöpfung, so Fuchsperger, hätten die Menschen nur die Natur zu ihrem "Zuchtmaister" gehabt, so daß sich bei Meinungsverschiedenheiten immer derjenige durchgesetzt habe, der von Gott mit natürlichem verstand [...] höher begabt gewesen sei. [28] Einzelne "verstendige" hätten jedoch die Mittel, die diese höher Begabten anwandten, um sich argumentativ durchzusetzen, beobachtet und nach und nach daraus das Regelwerk der Dialektik abgeleitet. Fuchspergers Zusammenfassung dieses Prozesses: Solche wege sein von manchen mancherley hin vnnd wider beschriben/ von den nachkommen gelesen/ vnnd erfarn worden/ das sich diser einer solchen form vnnd schlußred/ ["schlußred" ist Fuchspergers deutscher Terminus für "Syllogismus"]> jhener einer andern/ auch mit andern anzügen/ ["anzüge" ist der deutsche Terminus für "Argumente"]> in allerley handlungen/ mancherley gebraucht haben. Welche formen redens nachmals sametlich verfaßt/ vnnd inn ain künstlich wissen [d.h. eine ars] sein verkert worden. [29] Historisch lokalisiert Fuchsperger den Prozess der Beobachtung der Regeln in der jüdischen Antike, von dort sei dieses Wissen nach Griechenland weitergegeben worden, wo vor allem Platon es aufgenommen habe. Aristoteles sei dann der erste gewesen, der die verstreuten Regeln zusammengetragen und aufgeschrieben habe. [30]

Wenn aber die dialektischen Regeln derart schon zweimal die Sprache gewechselt haben, nämlich vom Hebräischen ins Griechische und vom Griechischen ins Lateinische, warum sollte es dann nicht auch möglich sein, sie ins Deutsche zu bringen? Dann was wolts irren/ dz diser konst regel/ nit mit so lauterm verstand/ wie jm Latein also auch jm teutsch solten oder mechten gelernt werden? Jsts jm latein treffenlich? wer wils im teutsch schelten? Dann sie lerent weder latein/ teutsch noch Behemisch reden/ sondern lerent aigenlich vnd glaubwirdig reden/ es sey in welcher sprach das wölle. [31] Glaubwürdig zu reden aber, das ist die Aufgabe des dialektischen Vermögens.

Fuchspergers Anspruch erschöpft sich keineswegs in einer theoretischen Vorrede, sondern seine gesamte Dialektik dient dem Zweck, diesen Anspruch in der Praxis zu beweisen. Dieser Beweis, den Fuchsperger mit seiner Dialektik erbringt, ist also von vornherein ein zweifacher. Einerseits führt er den Nachweis, daß das dialektische Vermögen ein angeborenes ist und jeder, von Natur aus – und damit auch in seiner Muttersprache – zu logisch korrekter Argumentation fähig ist. Andererseits beweist er, daß es deshalb auch möglich sein muß, die Dialektik als Kunst in der deutschen Sprache zu formulieren. Wie dies konkret aussieht, sei hier abschließend an einem Beispiel vorgeführt.

Im ersten Kapitel des zweiten Buches illustriert Fuchsperger die Unterscheidung zwischen inventio und iudicium, also zwischen der Findung eines Arguments und seiner Formulierung in einer Argumentation, mit folgendem Beispiel: Vnnd zum exempel/ hört ich eins mals zwen pauren/ am Sontags vnder der predig bey der linden disputieren/ welcher fürschlag wäre/ wie die einen vnbillich dunckte/ das der pfarrer die predig vom glauben solang anhielt/ mit eylender vrsach. Dann etlich nachpern wurden darob verdrossen/ vnd ein tail wären nun schon des glaubens so voll/ das sie weder der welt noch Gott glauben/ vnd jrs aygen bedunckens new gaistligkait wolten erdichten mit anzaigung/ seyther die zehen gebot vnd der glauben auf kommen/ wär es nie gut/ vnd mer ain vrsach der auffrur/ dann fridens gewesen. Einige Bauern also sind der Überzeugung, daß –und jetzt kommt die dialektische propositio, der "fürschlag" wie Fuchsperger eindeutscht – der Pfarrer zu lange über den richtigen Glauben predigen würde. Ihr Argument lautet: Einige von ihnen wären ob dieser langen Predigt schon so verdrossen, daß sie an gar nichts mehr glauben würden. Schlußfolgerung: Die Predigt über den Glauben verursacht mehr Unfrieden als Frieden.

Damit ist die inventio abgeschlossen und das Argument als solches gefunden, doch nun kommt der "Dorfredner" in der Funktion des iudicium: Welche anzüg [d.h. Argumente] der ander von natur ains höhern verstands/ vnd gemainer dorffredner/ mit solcher form verneut/ sagendt/ Die weyl Got der Herre/ ain vermöger aller schrifft/ allain der menschen hertzen ansicht/ vnnd verdrossen predig die menschen an jrs hertzen andacht mer hinderten/ dann zu Gott zugen. Die weyl auch yetzo die leut in articklen des glaubens mer jrrsall vnnd auffrur/ die sich allain auß sollichem gruplen der predig erhuben/ dann vor ye gehabt hetten/ So woltens also sambt andern/ die sie zu jn ruffen beschlossen haben/ nun hinfür nymmer so lang bey der predig zu beleyben/ ain ruwig gewissen/ sambt frid vnd ainigkait dester statlicher damit zuerhalten. In dieser Form wird das Argument dem Pfarrer vorgebracht, der aber offensichtlich nicht allzu viel davon hält. Denn, wie es bei Fuchsperger weiter heißt: Do aber der Pfarrer diser bündtnuß gewar worden/ sagt er jnen auf nachfolgenden Sontag (wie gewönlich beschicht) sein mainung/ nach der sie sich noch thun halten. Es folgt die Schlußfolgerung von Fuchsperger: Auß welchem pauren gespräch aygentlich vernummen/ wie dise kunst der natur so gar anhangt/ das sie nichts anders dann natur ist. Dann dise pauren haben kain kunst nie gelernt/ vnnd geben doch der kunst ain exempel. Der erste sucht vnd erfindt ursach/ was er zu bekrefftigung jrs fürschlags anziehen wölle/ Aber der ander bring die selben erfundenen außzug/ inn ain argumentlich form oder schlußrede/ [d.h. Syllogismus] welliche resoluiert oder inn bessern augenschein gelegt/ also möcht lauten/ [und jetzt bringt Fuchsperger die Argumentation in ihre syllogistische Form] Alle ding/ so des menschen hertzen von Gott ziehen/ sein zumeyden/ verdrossen predig thun solches/ darumb seind die selben zumeyden. [32]

Es sind nicht die inhaltlichen Neuerungen, auch nicht die Deutschsprachigkeit als solche, die die Bedeutung von Fuchspergers Dialektik ausmachen, sondern es sind diese Beispiele. Nur wenn es gelingt, an solchen alltäglichen, volkssprachlichen Beispielen dialektische Strukturen aufzuweisen, hat Fuchspergers Dialektik ihren Zweck erfüllt: den Nachweis zu führen, daß die dialektische Fähigkeit eine angeborene und natürliche ist, und deshalb die Dialektik auch nicht an die lateinische Sprache gebunden ist. Grammatik und Dialektik stünden damit in derselben Traditionslinie, die sich aus der humanistischen Neubestimmung des Begriffes der ars ergibt.



[1] Württembergische Schulordnung. Zitiert nach: Evangelische Schulordnungen. Hg. von Reinhold Vormbaum. Bd. 1: Die evangelischen Schulordnungen des sechzehnten Jahrhunderts. Gütersloh 1860, S. 88 f., Anm. 32.

[2] Zur humanistischen Sprachtheorie vgl. vor allem Sarah Stever Gravelle: Humanist Attitudes to Convention and Innovation in the Fifteenth Century. In: Journal of Medieval and Renaissance Studies 2 (1981), S. 193-209; Sarah Stever Gravelle: The Latin-Vernacular Question and Humanist Theory of Language and Culture. In: Journal of the History of Ideas 49 (1988), S. 367-387; Eckhard Kessler: De significatione verborum. Spätscholastische Sprachphilosophie und humanistische Grammatik. In: Res publica litterarum 4 (1981), S. 285-313; Eckhard Kessler: Humanist Thought. A Response to Scholastic Philosophy. In: Res publica litterarum 2 (1979), S. 149-166; Eckhard Kessler: Zur Bedeutung der lateinischen Sprache in der Renaissance. In: Acta Conventus Neo-Latini Bononiensis. Proceedings of the Fourth International Congress of Neo-Latin Studies. Hg. v. R.J. Schoeck. Binghampton, New York 1985, S. 337-355; Walter Keith Percival: The Grammatical Tradition and the Rise of the Vernaculars. In: Historiography of Linguistics. Hg. v. Th. A. Sebeok. The Hague, Paris 1975, Bd. 1, S. 231-275; Walter Keith Percival: Grammar and Rhetoric in the Renaissance. In: Renaissance Eloquence. Studies in the Theory and Practise of Renaissance Rhetoric. Hg. v. J.J. Murphy. Berkeley usw. 1983, S. 303-330. Vgl. zu den hier vorgetragenen Thesen auch Volkhard Wels: Triviale Künste. Die humanistische Reform der grammatischen, dialektischen und rhetorischen Ausbildung an der Wende zum 16. Jahrhundert. Berlin 2000.

[3] Die Disputationes dialecticae liegen in drei Fassungen vor, nur die zweite, im fünfzehnten und sechzehnten Jahrhundert gedruckte Fassung trägt den Titel "Disputationes dialecticae". Diese Ausgabe ist in den Opera omnia zugänglich, vgl. Lorenzo Valla: Opera omnia. Basel 1540. Ndr. Turin 1962. Hg. v. Eugenio Garin, S. 643-761, hier S. 738. Ich zitiere nach der ersten, kritisch herausgegebenen Fassung, vgl. Lorenzo Valla: Repastinatio dialectice et philosophie. Hg. von Gianni Zippel. Padua 1982, Bd. 1, S. 217: Nobis quidem ad normam grammatices loquendum est, nec tam grammatice quam latine loquendum, hoc est non tam ad precepta artis, quam ad consuetudinem eruditorum atque elegantiu, que optima ars est. Nam quis nescit maximam loquendi partem auctoritate niti et consuetudine? De qua ita ait Quintilianus: "Consuetudo certissima est loquendi magistra, utendumque plane sermone ut nummo, cui publica forma est". At enim ratio est, inquiunt, cur ita loqui liceat si velimus. Utinam esset, ut eos probare potius quam improbare possemus! Nam quod Grecus, Hebreus, Latinus, Afer, Dalmata cetereque lingue preter ipsas voces figura loquendi discordant, usu fit, non ratione, nisi in paucis. Nec magis de grammatica reddi ratio potest (quod quidam nugatores faciunt, ut ii qui de modi significandi scribunt), quam cur aliis vocibus alie nationes utantur. Übersetzung hier und im folgenden, soweit nicht anders vermerkt, vom Verfasser.

[4] Valla: Repastinatio dialectice S. 217 f.: Ac ne de aliis rebus agam, sed de sola negatione (que apud Germanos verbo postponitur, quale esset 'volo non'): quid cause est cur in lingua greca, preter ea que superius exposui, dicitur 'non audivi nihil' vel 'nihil a nullo audivi', cum quis nihil audisse vel nihil ab aliquo se audisse ait, et 'nec non' pro 'non'? Quid de Grecis loquor? nonne apud nos idem intellectus est 'nec amare nec odisse te possum' et 'non possum nec amare te nec odisse', cum hic duplex negatio sit, ibi triplex?

[5] Lorenzo Valla: Elegantiarum linguae latinae libri sex. In ders.: Opera omnia S. 3-235. Vgl. dazu vor allem Jacques Chomarat: Erasme lecteur des "Elegantiae" de Valla. In: Acta Conventus Neolatini Amstelodamensis. Hg. v. P. Tuynman u.a. München 1979, S. 206-243; Jacques Chomarat: Grammaire et rhetorique chez Erasme. Paris 1981, Bd. 1, S. 225-241. Weitere Forschungsliteratur bei Wels: Triviale Künste S. 57, Anm. 82.

[6] Otfried von Weißenburg: Evangelienbuch. Hg. v. Johann Kelle. Regensburg 1856, Bd. 1, S. 9.

[7] Dante Alighieri: De vulgari eloquentia. Hg. und komm. v. Aristide Marigo. In: Opere di Dante. Bd. 6. Florenz 1957, S. 6 ff.

[8] Vgl. Leon Battista Alberti: Grammatica della lingua toscana. In ders.: Opere volgari, Bd. 3. Hg. v. Cecil Grayson. Bari 1973, S. 177.

[9] Johannes Claius: Grammatica Germanicae Linguae. Leipzig 1578. Ndr. Hildesheim, New York 1973. f. )( 3v - )( 4r: Nam et imperium Monarchiae quartae a Romanis ad Germanos translatum est, vt iam electio quoque imperatoris sit penes principes Germaniae: Et verum sacerdotium, quod consistit in praedicatione Euangelij de vero sacrificio Christi, ex idololatrias superstitionibus et tenebris pontificijs ereptum, et ad nos singulari Dei beneficio traductum est, vt iam non solum ex fontibus Prophetarum et Apostolorum Ebraice et Graece a doctis, sed et a vulgo Germanice ex riuulis Lutheri limpidissimis hauriri possit salubris de iustificatione hominis veritas. Ad haec duo beneficia accedit etiam tertium, quod ius duplicis haereditatis, quod ipsum quoque primogenitis cedebat, merito videri et existimari debet: Quod videlicet praeter cognitionem rerum Sacrarum et ad salutem nostram pertinentium, quae in libris Lutheri planissime et plenissime explicantur, disci potest ex ijsdem libris etiam perfecta et absoluta linguae Germanicae cognitio, tam indigenis quam exteris nationibus vtilis et necessaria. Quam quidem ego Grammaticis regulis hoc libro complexus sum, ex Biblijs alijsque scriptis Lutheri collectis, cuius ego libros non tam hominis, quam Spiritus Sancti per hominem locuti agnosco, et plane in hac sum sententia, Spiritum Sanctum, qui per Mosen caeterosque Prophetas pure Ebraice, et per Apostolos Graece locutus est, etiam bene Germanice locutum esse per electum suum organon Lutherum. Absque hoc enim esset, fieri non potuisset, vt vnus homo tam pure, tam proprie, tam eleganter Germanice loqueretur, sine cuiusquam ductu et adminiculo, cum praesertim lingua nostra Germanica habita sit semper difficilima, et nullis Grammaticorum regulis comprehendenda. Auch für Claius also ist das Deutsche an sich regellos. Die sprachschöpferische Leistung Luthers bestand gerade darin, dieser regellosen Sprache normative Gestalt gegeben zu haben. Ähnlich scheint auch Fuchspergers Überzeugung, vgl. unten Anm. 26. Zur Entwicklung der deutschen Grammatik sei stellvertretend verwiesen auf: Karin Donhauser: Das Deskriptionsproblem und seine präskriptive Lösung. Zur grammatikologischen Bedeutung der Vorreden in den Grammatiken des 16. bis 18. Jahrhunderts. In: Sprachwissenschaft 14 (1989), S. 29-57; Max Hermann Jellinek: Geschichte der neuhochdeutschen Grammatik von den Anfängen bis auf Adelung. Heidelberg 1913. Ndr. Heidelberg 1968, S. 34-112 und Dirk Josten: Sprachvorbild und Sprachnorm im Urteil des 16. und 17. Jahrhunderts. Sprachlandschaftliche Prioritäten, Sprachautoritäten, sprachimmanente Argumentation. Bern u.a. 1976, S. 171-175.

[10] Laurentius Albertus schreibt seine Teutsch Grammatick oder Sprach=Kunst von 1573 hauptsächlich, um Ausländern das Lernen der Sprache zu erleichtern. Es geht ihm jedoch auch um die Ehre der deutschen Sprache, wenn er schreibt, daß inzwischen alle Volkssprachen eine Grammatik bekommen hätten, nur die Deutsche verachtet und vernachlässigt wäre. Vgl. Laurentius Albertus: Deutsche Grammatik. Hg. v. Carl Müller-Fraureuth. Strassburg 1895, S. 12 f.: Et cum non tantum vetustissimae vtiles linguae, qualis est, Hebraea, Syra, Chaldaea, Graeca, Latina, Heneta et aliae regulis comprehensae sint, sed his quoque seculis, linguae quae ex corruptione originis suae natae sunt, nempe Italica, Hispanica, Gallica, Anglica et similies grammaticis praeceptiunculis doceri coeperint: non merito itaque nobis, externi omnes obijciunt, contemptum et negligentiam in inquirendis linguae nostrae principijs. Ascribunt illi quidem hoc barbariei ipsius linguae, sed male et contumeliose in tam facilem et antiquissimam linguam committunt, cum sub sole (Hebraea excepta) vix brevior succinctior et facilior lingua sit [...]. Albert Ölinger schreibt in der Vorrede zu seinem Vnderricht der Hoch Teutschen Spraach von 1574, er sei auf das Problem einer deutschen Grammatik gestoßen, als er einigen französischen Baronen Deutsch beibringen sollte. Als er die Buchhandlungen auf der Suche nach einer deutschen Grammatik durchstreifte, teilte man ihm mit, daß es eine solche nicht gebe, und man es auch für äußerst unwahrscheinlich halte, daß eine solche in Anbetracht der Schwierigkeit der deutschen Sprache und der Vielzahl der Dialekte überhaupt möglich sei. Vgl. Albert Ölinger: Vnderricht der Hoch Teutschen Spraach. Straßburg 1574. Ndr. Hildesheim, New York 1975, f. ijr f.: Nam cum passim bibliopolarum officinas perlustrassem, num forsan percontando aliquam Grammaticam reperirem, quae maximo nostro instituto competeret: praeter spem meam accidit, ut nullam uenalem habuerint, plaerunque respondentes se dubitare, lingua Germanica, ut est difficilis et gravis, possitne facile in certas leges Grammaticorum redigi. Auch Johann Sturm tadelt in der Widmung desselben Werkes die Überzeugung derjenigen, die glaubten, nur für Latein und Griechisch könnten grammatische Regeln formuliert werden. Vgl. ebenda, f. 6v: N[o]n laudo eorum consilia: qui dicendi praecepta in Latinis solum atque Graecis applicanda esse: et obseruanda, et exercenda putant: non etiam in alijs nostrae aetatis exteris nostrisque linguis.

[11] Vgl. Justus Georg Schottel: Ausführliche Arbeit Von der Teutschen HaubtSprache. Hg. v. Wolfgang Hecht. Braunschweig 1557. Ndr. Tübingen 1967, S. 2.

[12] Vgl. Philipp Melanchthon: Elementa rhetorices. Grundbegriffe der Rhetorik. Hg., übers. u. komm. v. Volkhard Wels. Berlin 2001, S. 20 ff.

[13] Vgl. Juan Luis Vives: De tradendis disciplinis, seu de institutione christiana. In ders.: Opera omnia. Hg. v. Gregorio Mayans. Valencia 1782-1790. Ndr. London 1964, Bd. 6, S. 243-437. Vgl. dazu Wels: Triviale Künste S. 92 f.

[14] Vgl. Philipp Melanchthon: Erotemata dialectices. In ders.: Opera omnia. Hg. v. Karl Gottlieb Bretschneider u. Heinrich Ernst Bindseil. Halle 1834-1860, Bd. 13, Sp. 508-752, hier Sp. 513 f.: Inde est nomen , cuius si quaerimus Germanicam appellationem, sit sane unterredkunst, vel unterrichtkunst, quia est ars recte docendi alium, tanquam in colloquio, in qua collatione argumentorum aliquid investigatur. Diese Ableitung entspricht damit nicht der des Petrus Hispanus, wie Risse: Die Logik der Neuzeit S. 12 behauptet. Es geht gerade um den Unterschied zwischen einer universitären disputatio in schlechtem Latein, die Fertigkeiten in der syllogistischen Argumentation vorführt, und einem natürlichen Gespräch, wie es etwa die humanistischen Schülergespräche nachahmen, in dem sich die Argumente in ihrer natürlichen Form in einer natürlichen Sprache finden.

[15] Vgl. Karl Prantl: Geschichte der Logik im Abendlande. Leipzig 1870. Ndr. Graz 1955, Bd. 4, S. 151-172. William und Martha Kneale widmen Valla und Agricola zwei Sätze, in denen sie auch Agricola mit einem "Agrippa" verwechseln. Vgl. William and Martha Kneale: The Development of Logic. Oxford 1962, S. 300: From them [Cicero und Quintilian] the men of the Renaissance acquired the Roman attitude to scholarship, with the result that genuine logic was neglected for rhetoric and books which purported to be on logic quoted Cicero as often as Aristotle. Laurentius Valla, who exposed the forged donation of Constantine, and Rudolphus Agrippa were two writers who started the corruption. Auch Wilhelm Risse, der mit seiner Logik der Neuzeit das Standardwerk zum Thema geschrieben hat, verdeckt mit seinen Begriffen des "Rhetorismus" und der "Rhetoridialektik", unter denen er die humanistische Dialektik subsumiert, die Zusammenhänge und kann deshalb in der humanistischen Dialektik nur eine Verfallserscheinung sehen. Vgl. z.B. Wilhelm Risse: Die Logik der Neuzeit. Bd. 1: 1500-1640. Stuttgart-Bad Cannstatt 1964, S. 10, S. 12, S. 16 f., S. 36, S. 54. Angemessenere Beurteilungen der humanistischen Dialektik finden sich bei Lisa Jardine: Lorenzo Valla and the Intellectual Origins of Humanist Dialectics. In: Journal of the History of Philosophy 15 (1977), S. 143-164; Lisa Jardine: Humanistic Logic. In: The Cambridge History of Renaissance Philosophy. Hg. v. Charles B. Schmitt, Quentin Skinner u.a. Cambridge, New York usw. 1988, S. 173-198; Peter Mack: Renaissance Argument. Valla and Agricola in the Traditions of Rhetoric and Dialectic. Leiden u.a. 1993; Cesare Vasoli: La Dialettica e la retorica dell' Umanesimo. 'Invenzione' e 'metodo' nella cultura del 15 e 16 secolo. Milano 1968.

[16] Vgl. Vasoli: Dialettica e retorica S. 68-77.

[17] Das Beispiel nach Valla: Retractatio S. 298: Sextus vocant 'Ferison': 'nullus homo est lapis, quidam homo est animal, ergo quoddam animal non est lapis.'

[18] Valla: Retractatio S. 299: Sed quo mihi syllogismos egrotos? argumentari velut preliari est: quis ergo in prelio velit milites egrotos? Aut si egroti non sunt, certe arma inversa ac prepostere gestant et illis magis impediti sunt quam muniti, et tanquam vestibus non amicti, sed involuti atque impliciti.

[19] Vgl. z.B. Vives, der in De censura veri S. 167 ff. zwischen zwölf Argumentationsformen unterscheidet. Juan Luis Vives: De censura veri. In ders.: Opera omnia Bd. 3, S. 142-184.

[20] Vgl. Valla: Retractatio Buch 2, Kapitel 20-22. Die entsprechenden Kapitel bei Quintilian sind Buch 5, Kapitel 8-10.

[21] Vgl. Rudolf Agricola: De inventione dialectica libri tres. Drei Bücher über die Inventio dialectica. Auf der Grundlage der Edition von Alardus von Amsterdam (1539) kritisch hg., übers. und komm. v. Lothar Mundt. Tübingen 1992.

[22] Die entscheidende Rolle der Beispiele zeigt auch der Kommentar des Alardus, dessen hauptsächliche Funktion in der Illustration der topoi mit weiteren Beispielen besteht. Vgl. den Nachdruck des Kommentars in: Rudolf Agricola: De inventione dialectica. Lucubrationes. Köln 1539. Ndr. Nieuw­koop 1967.

[23] Ich habe die zweite Ausgabe, Augsburg 1534 benutzt, Exemplar der Staatsbibliothek zu Berlin Preussischer Kulturbesitz, Sign. Nl 3065 R. Der vollständige Titel lautet: Ain gründlicher klarer anfang der natürlichen vnd rechten kunst der waren Dialectica/ durch Ortholpheit Fuchsperger von Ditmoning/ Kaiserlicher rechten Licentiaten/ auß dem Latein ins teutsch transferiert vnd zusammgefast/ so allen den mit schriftlichen künsten vmbgeen/ nicht weniger nutz dann not ist zuwissen. [...] M. D. XXXIIII. Kolophon: Getruckt in der Kaiserlichen Statt Augspurg/ Durch Alexander Weyssenhorn. Nach Wilhelm Risse: Bibliographia Logica. Hildesheim 1965, Bd. 1 ist das Werk insgesamt viermal gedruckt worden.

[24] Zu Fuchsperger vgl. vor allem Armin Sieber: Rhetorik – Topik – Dialektik. Zur Übernahme rhetorischer Kategorien im ersten deutschen Logiklehrbuch von Ortolph Fuchsperger (1533). In: Artibus. Kulturwissenschaft und deutsche Philologie des Mittelalters und der frühen Neuzeit. Festschrift für Dieter Wuttke zum 65. Geburtstag. Hg. v. Stephan Füssel. Wiesbaden 1994, S. 229-248. Teilweise wiederaufgenommen in ders.: Deutsche Rhetorikterminologie in Mittelalter und früher Neuzeit. Baden-Baden 1996, S. 146-162. Vgl. außerdem: Wilhelm Britzelmayr: Über die älteste formale Logik in deutscher Sprache. In: Zeitschrift für philosophische Forschung 2 (1947), S. 46-68; Karl Prantl: Ueber die zwei ältesten Compendien der Logik in deutscher Sprache. In: Abhandlungen der philosophisch-philologischen Classe der königlich bayerischen Akademie der Wissenschaften. Bd. 8. München 1856-58, S. 193-228; Wilhelm Risse: Die Logik der Neuzeit. Bd. 1: 1500-1640. Stuttgart-Bad Cannstatt 1964, S. 59 f. Zu Fuchspergers Person vgl. den Artikel von Westermeyer in ADB. Gleiches, wie hier für Fuchsperger gezeigt, gilt auch für die zweite deutschsprachige Dialektik, Wolfgang Bütners Dialectica Deutsch von 1574. Leider gibt Bütner keine über den konkreten Anlaß hinausgehende Begründung für seine Wahl der deutschen Sprache, die Beispiele zeigen jedoch eine ähnliche Tendenz. Vgl. Wolfgang Bütner: Dialectica Deutsch. Das ist Disputierkunst. Wie man vernünfftige und rechte Fragen/ mit vernunfft und mit kunst entscheiden/ und verantworten solle. Eisleben 1574. (Staatsbibliothek zu Berlin Preussischer Kulturbesitz, Sign.: Nl 5298.) Zweite Ausgabe Leipzig 1576.

[25] Valentin Ickelsamer: Ein Teütsche Grammatica. Erfurt 1527. Ndr. in: Vier seltene Schriften des sechzehnten Jahrhunderts. Mit einer bisher ungedruckten Abhandlung über Valentinus Ickelsamer von Friedrich Ludwig Karl Weigand. Hg. v. Heinrich Fechner. Berlin 1882. Ndr. Hildesheim, New York 1972, unpag. Im Gegensatz zu den oben, Anm. 10 erwähnten Grammatiken behandelt Ickelsamer nur die Etymologie und die Orthographie. Auch Ickselsamer betont in seiner Vorrede, seine Regeln seien aus Beobachtungen entstanden, die in dieser Form auch an anderen Sprachen zu machen wären: Mein studieren/ in diser sprach/ ist nun nicht anders/ dann das ich auff die feine/ künstliche Compositiones der alten teütschen wörter/ Sprichwörter/ vnnd etliche jrer reden art vnd eygenschafften achtung gib/ dann so zeiten nit weniger leiblich vnd künstlich in diser/ dann in andern sprachen/ erfunden werden.

[26] Fuchsperger: Dialectica f. 2r: Sprichst du aber/ sie hab zuuor der teutschen sprach gemangelt/ wirdest du doch nit mögen vernainen/ das sie in der teutschen brauch nit allweg sey gewesen? Dann wer hat vor Valentin Jckelsamer/ ye ain teutsche Grammatica gelernet? kainer. Wer hat aber dannoch die menschen (vermög der selben kunst/ die allain verstendig reden lernt/ vnd sich doch inß teutsch nit so aygenlich reguliern leßt) jr gedancken nit mit lautern verstendigen wol geordenten worten hören fürbringen? haben wir den brauch im teutsch verstendig zureden/ ausser der kunst der Grammatiken/ warumb solt dann vnser natur/ ains yeden dings aygenschafft ordenlich anzuzaigen/ nach Dialectischer form/ wiewol ausser der gelernten kunst/ verspert seind gewesen? Wie die Parenthese zeigt, ist sich Fuchsperger nicht sicher, inwieweit eine deutsche Grammatik, trotz des Versuches von Ickelsamer, möglich ist. Eine ähnliche Formulierung findet sich auch einige Seiten später noch einmal in der Vorrede an den Leser, f. A ijv f.: Die weyl vns aber die Teutsch sprach angeboren vnnd nit so aigenlich reguliert/ so ist auch yetzo nit von nöten/ vom selben glide etwas zumelden [...].

[27] Fuchsperger: Dialectica f. 2v: Derhalben E. G. mir auch beuolhen/ dieselb kunst etlichen Conuentbrüdern zu ordenlicher zeyt lateinisch vnd teutsch fürzutragen. Wie hoch aber dieselben darinn auffgenummen/ mag bey denen/ so das göttlich wort von jn hören/ erlernt werden.

[28] Fuchsperger: Dialectica f. Av.

[29] Fuchsperger: Dialectica f. A ijr.

[30] Fuchsperger hat die Überzeugung, daß es sich bei der Dialektik um eine angeborene Fähigkeit handelt, bereits so sehr verarbeitet, daß er im Anschluß an die Vorrede sogar ein ganzes Kapitel der Frage widmet, warum überhaupt noch eine Kunst der Dialektik nötig wäre, wenn das Vermögen schon angeboren ist. Vgl. Fuchsperger: Dialectica f. IIIIr-Vir: "Ob künstlich Dialectica sey von nöten".

[31] Fuchsperger: Dialectica f. A iijr.

[32] Fuchsperger: Dialectica f. LXVIv f.



Autor (author): Volkhard Wels
Dokument erstellt (document created): 2002-08-13
Dokument geändert (last update): 2002-08-20
WWW-Redaktion (conversion into HTML): Manuela Kahle & Stephan Halder