Vivat Germania latina, Vivat Latinitas teutonica!

Günter Zöller

Eröffnungsworte "Germania latina"



Köngliche Hoheit,

Magnifizenz,

verehrter Presidente de Poli,

lieber Herr Keßler,

geehrte Kolleginnen und Kollegen,

liebe Studierende,

meine Damen und Herren,

im Namen des Philosophie-Departments der Ludwig-Maximilians-Universität München, dem das­Seminar für Geistesgeschichte und Philosophie der Renaissance - der Veranstalter dieser Tagung - seit gut einem Jahr zugehört, begrüße ich Sie und heiße Sie unter den Philosophen an der Ludovico-Maximileana willkommen.

Es ehrt und bereichert unser Department, daß Sie hier in den nächsten Tagen in Plenarsitzungen und Sektionen den lateinischen Erbteil der deutschen und skandinavischen Kultur von der Renaissance bis in die Gegenwart erforschen und auf seine Aktualität hin befragen werden. Über das Faszinosum dieser spezifischen Themenstellung hinaus scheint mir Ihre Tagung ein wichtiger Beleg für die fortgesetzte Existenz, Effizienz und Signifikanz geistesgeschichtlicher Forschung in einem allgemeinen akademischen Rahmen, der mehr und mehr von pragmatischen, unmittelbar anwendungsbezogenen Fragestellungen und Lösungsansätzen beherrscht wird. In dieser Hinsicht werte ich es als gutes Zeichen für die besondere Situation an unserer Universität, daß wir über ein eigenes Seminar für die Geistesgeschichte und Philosophie einer ganzen Epoche, eben der Renaissance, verfügen, und daß die Kollegen dieses Seminars, Herr Professor Keßler und Herr Dr. Kuhn, die Energie und den Einsatz aufgebracht haben, eine Tagung solchen Ausmaßes zu initiieren, vorzubereiten und nunmehr durchzuführen.

Im übrigen scheint mir gerade die Geistesgeschichte und die Philosophie des Humanismus und der Renaissance von ganz besonderer Aktualität in den gegenwärtigen Debatten über die gesellschaftliche Stellung der Universitäten und Hochschulen -- handelt es sich doch beim europäischen Humanismus um eine auf eigentümliche Art zwischen den Hochschulen einerseits und dem außeruniversitären gesellschaftlichen Bereich andererseits angesiedelten Diskurs. Die gegenwärtige Universität könnte vielleicht einiges lernen -- und zu verhindern lernen -- aus der Geistesgeschichte vom Verfall des mittelalterlichen universitären Lehrbetriebs und dem Entstehen extrauniversitärer Gelehrtenzirkel und Akademien zu Beginn der Neuzeit als Zentren von Forschung und wissenschaftlichem Fortschritt.

Zur möglichen Parallele zwischen dem lateinischen Humanismus und der nachlateinischen Wissensgesellschaft gehört sicher auch der Siegeszug einer neuen lingua communis, des Englischen, genauer: des amerikanischen Englisch. Den letzten philosophischen Kongress, bei dessen Eröffnung ich beteiligt war, habe ich in der Tat auf Englisch begrüßt -- allerdings ging es auch um Russells mengentheoretisches Paradoxon. In Ihrem Fall habe ich kurz überflogen, in welchem Verhältnis deutschsprachige und englischsprachige Vortäge auf diesem Kongreß stehen und ein, für mich auschlaggebendes leichtes Überwiegen der ersteren festgestellt, bei zahlreichen drittsprachigen Beiträgen übrigens - und ohne daß ich den, seinem Abstract zufolge, linguistisch ja noch schwankenden Mitorganisator, Herrn Dr. Kuhn, in die Zählung hätte einbeziehen müssen.

Allerdings fällt auch eine gewichtige Disanalogie zwischen dem Latein damals und dem Amero-Englischen heute auf: das Latein der Humanisten war eine Gelehrtensprache und nur dies. Das Englische ist heute ebenso lingua scientifica wie lingua vulgaris, eben eine lingua franca im Unterschied zur lingua docta. Ich wage auch zu diagnostizieren, daß das Amero-Englisch als Sprache mit extensiven idiomatischen Strukturen im Prozeß seiner Globalisierung beträchtlichen Simplifizierungen und Verballhornungen unterliegen wird, von zunehmenden Ingrammatikalitäten einmal ganz zu schweigen. Schon heute ist für viele der neudeutschen Englisch-Benutzer der Unterschied zwischen Genetiv- und Plural-S im Englischen ein undurchschaubares Rätsel und Gegenstand wildester ungrammatischer Spekulation. Die Sprache von Milton, Shelley und T. S. Eliot droht zum fazilen Vehikel für Konsum- und Kommerz-Kommunikation zu verkommen. Im Vergleich dazu ist es dem Latein seit der Renaissance und bis heute ganz gut ergangen.

Um nun aber abschließend kurz etwas auf Ihre Themenstellung einzugehen, möchte ich gern noch skizzieren, wie sich meine eigene philosophische Arbeit (zu Kant und dem deutschen Idealismus) im Rahmen der thematischen Vorgabe dieses Kongresses erörtern ließe. Es handelt sich gewissermaßen um das reale Abstract zu einem gänzlich imaginären Vortrag des Themas: Latinitas kantiana sive cantus firmus. Ich würde zunächst hinweisen auf die lateinische protestantische Schulphilosophie an den deutschen Universitäten des 18. Jahrhunderts als dem Nährboden der Philosophie Kants, und damit verbunden auf den Umstand, daß Kant bis zum Jahre 1770, er wurde 1723 geboren, lateinische Schriften produziert hat und bis zuletzt, bis in die späten 1790er Jahre, seine Vorlesungen nach lateinischen Handbüchern gehalten hat. Es ist auch belegt, daß er lateinische Ansprachen, speziell im Rahmen seiner akademischen Ämter gehalten und wohl auch verfaßt hat. Die ihm angebotene Rhetorik-Professur an der Universität Königsberg hat er allerdings abgelehnt; sie wäre auch mit dem regelmäßigen Verfassen von lateinischer Lobliteratur auf den König verbunden gewesen. Im Mittelpunkt meines Vortrages würden aber die neulateinischen Übertragungen von Kants "Kritik der reinen Vernunft", "Kritik der praktischen Vernunft" und "Kritik der Urteilskraft" durch Fr. Gl.Born stehen. Die Übersetzungen sind Teil einer umfangreichen vierbändigen Edition von Kants "Opera ad philosophiam criticam", die 1796 und 1798 erschien, also recht unmittellbar nach dem ersten Erscheinen der drei Kritiken (1781, 1788 bzw. 1790). Es ginge mir dabei einerseits um den Nachweis, wie verhältnismäßig leicht sich das der lateinisch-scholastischen Terminologie entlehnte Kant-Deutsch relatinisieren läßt und anderseits um die Untersuchung, inwiefern eine Übersetzung ins Lateinische das deutsche Original zwar syntaktisch simplifiziert, aber eben auch auf eine Weise desambiguiert, die das deutsche Original nicht leistet: come si dice: traduttore - tradittore. Zum Schluß würde ich die Latinisierung Kants um 1800 mit dessen Anglifizierung um 2000 in Verbindung bringen, wie sie insbesondere durch eine auf sechzehn umfangreiche Bände angelegte englischsprachige Werkausgabe derzeit vorgenommen wird. Dabei ginge es mir insbesondere um die entschiedende Zielsetzung dieser Ausgabe, die Übersetzung so weit wie möglich von interpretatorischen Entscheidungen freizuhalten, um so den Benutzer der Übersetzung tendenziell in die gleiche Position zu bringen, die der deutschsprachige Leser dem Original gegenüber innehat. Am Schluß stände die Vermutung, daß dies in der dem Deutschen relativ verwandten englischen Sprache leichter zu verwirklichen sein dürfte als etwa in Rahmen einer lateinischen Übersetzung.

Doch damit genug des imaginären Beitrags und zurück zum realen Programm des Kongresses. Ich wünsche Ihnen allen, auch im Namen meiner Kolleginnen und Kollegen im Philosophie-Department, eine erfolgreiche Tagung, einen angenehmen Aufenthalt in München und eine gute Heimkehr - und möchte Ihnen noch zwei architektonische Renaissance-Empfehlungen für Ihre München-Exkursionen mit auf den Weg geben. Das eine ist das Antiquarium Albrechts V. aus dem 16. Jahrhundert in der Residenz, wohl der bedeutendste Profanbau der Renaissance nördlich der Alpen -- in dem, wenn Philosophen Könige oder zumindest Bayerische Ministerpräsendenten wären, dieser Kongreß hätte eröffnet werden können. Das andere Renaissance-Gebäude ist die alte Kunstkammer der Residenz, die nachmalige Münze und der derzeitige Sitz des Amtes für Landespflege, mit einem dreistöckigen arkadenbestückten Innenhof. Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.



Autor (author): Günter Zöller
Dokument erstellt (document created): 2002-08-13
Dokument geändert (last update): 2002-08-19
WWW-Redaktion (conversion into HTML): Manuela Kahle & Stephan Halder