Auctor etiam inventor

Suchen, Finden, Gelesenwerden: Einführung in das wissenschaftliche Informationswesen und Arbeiten

Teil 6: Umgang mit Internet-Quellen

Kursleiter:
Dr. Heinrich C. Kuhn
Semester:
Sommersemester 2005
Das in diesem Dokument enthaltene wird verhandelt:
voraussichtl. 26. KW 2005 (Sitzung 10)

Es geht in diesem Kursteil darum darum, wie man die Qualität von Internetquellen beurteilt — wobei es hier m.E. keinen wesentlichen Unterschied zu den Verfahren der Beurteilung anderer Dokumente gibt: wer alles glaubt was in einem gedruckten Buch steht das er auf einem Bibliotheksregal findet, der ist genauso klug oder dumm, wie derjenige der's bei Internet-Dokumenten tut (und hier geht's mir nicht um Sachen wie "The Onion. - America's finets news source (TM)" … .

Hier nun also einige Überlegungen dazu, wie man m.E. halbwegs sicher die Qualität von Internet-Quellen beurteilen kann. Wie Sie sehen werden, sind viele, wenn nicht gar die meisten, dieser Gesichtspunkte identisch mit denen, die viele von Ihnen - m.E. vernünftigerweise - bei der Beurteilung gedruckter Quellen verwenden werden. Die Anordnung ist so, dass ich empfehle, woimmer möglich, die Aspekte, die in der Liste weiter oben stehen vor denen, die in der Liste weiter unten stehen, in Anwendung zu bringen. Die Liste ist primär für die Beurteilung von sekundärliterarischem und originären Forschungsarbeiten aufgestellt, gilt mutatis mutandis aber auch für Übersetzungen, Editionen, Bibliographien, banalen Sachinformationen, etc. etc. pp.

Gesichtspunkte bei der Beurteilung von Internetdokumenten

  1. Sonderfall: Idealfall: Falls Sie sich auf dem Detailgebiet, mit dem sich der Text beschäftigt, wirklich gut auskennen: lesen Sie den Text, und beurteilen Sie ihn; mehr ist m.E. nicht nötig. Alles andere gilt nur für Fälle, wo Ihre Kenntnisse für eine fundierte inhaltliche Berurteilung nicht ausreichen.
  2. Falls Sie zwar nicht das Detailgebiet zu dem der Text ist, fundiert kennen, wohl aber die Autorin bzw. den Autor: übertragen Sie versuchsweise zunächst Ihre Beurteilung der Autorin bzw. des Autors auf den Text
  3. Untersuchen Sie die formale Korrektheit des Textes: Belegt er Zubelegendes durch Angabe von Quellen und/oder Sekundärliteratur?
  4. Wählen Sie 5 bis 10 Belege aus, bei denen Sie halbwegs bequemen Zugriff auf die belegende Literatur haben, und überprüfen sie, ob die als Belege angeführeten Stellen als Belege für die These(n) der Autorin/des Autors des zubeurteilenden Textes tauglich ist. (cf. hierzu Peter Mario Kreuter: "Große, internationale, fundierte, ausführlich-selbstredende Hexenforschung" (HEXENFORSCHUNG 2005-06-19)
  5. Falls ja: wählen Sie eine Stichprobe von 20 derartigen Belegen, und überprüfen Sie mithilfe der Werkzeuge (Kataloge, Datenbanken, gedruckte Bibliographien), die Sie in diesem Kurs kennengelernt haben (und gerne auch anderer), ob es das was angeführt wird gibt, und ob die bibliographische Beschreibung halbwegs zutreffend ist.
  6. Überprüfen Sie mithilfe der üblichen bibliographischen Hilfsmittel, ob es von der Autorin/dem Autor weitere Texte zum Thema der zubeurteilenden Arbeit gibt.
  7. Überprüfen Sie, ob die Autorin/der Autor den Text in einer seiner "offiziellen" Masken geschrieben hat (z.B. of ein Text zur Iksüpsilonologie von einem Prof. der Iksüpsilonologie geschrieben wurde), und man daher fundierte Sachkenntnis erwarten kann.
  8. Überprüfen Sie mit einer geeigneten Suchmaschine, (z.B. via Link-Suche oder, wo vorhanden, oberer Platz in einer Google Kategorie) ob halbwegs häufig auf das zubeurteilende Dokuemnt gelinkt wurde; überprüfen Sie gegebenenfalls, ob von "vertrauenswürdigen" Personen oder Institutionen auf dieses Dokument gelinkt wurde — und was die ggf. zu dem Dokument zu sagen haben.
  9. Überprüfen Sie, was der "Status" des Dokuments ist: z.B.: in absteigender Ordnung der "Vertrauenswürdigkeit":
    1. eVersion eines genauso oder fast genauso in einer Ihnen als "gut" bekannten Zeitschrift oder in den Akten eines von einer vertrauenswürdigen Institution organisierten Kongresses erschienenen oder erscheinenden Beitrags.
    2. eVersion eines genauso oder fast genauso in einer Zeitschrift oder in den Akten eines Kongresses die Sie nicht kennen erschienenen oder erscheinenden Beitrags.
    3. Habilitationsarbeit (kann je nach Fach und Institution auch sehr deutlich höher auf die Liste gehören!!!)
    4. Doktorarbeit (kann je nach Fach und Institution auch deutlich höher auf die Liste gehören!!!)
    5. Sonstige Monographie einer/eines einschlägigen Fachgelehrten (kann je nach Fach und Institution auch deutlich höher auf die Liste gehören!!!)
    6. Vorabversion von eines Kongress- oder Zeitschriften-Beitrags in einem provisorischen Stadium (z.B.: Vortrag wie auf Kongress gehalten, Preprint vor Einarbeitung der Ergebnisse eines peer-review)
    7. Magisterarbeit (kann je nach Fach und Institution auch etwas höher auf die Liste gehören)
    8. Text einer unversitären Vorlesung oder dergl.
    9. Ober- oder Hauptseminararbeit
    10. Kursunterlagen für Lehrveranstaltung
    11. Beitrag zu fachspezifischer eMail-Liste
    12. Proseminararbeit, Paper für Tutorial oder dgl.
    13. Beitrag zu fachspezifischer Newsgroup
    14. Beitrag zu fachspezifischem Forum
    15. Beitrag zu fachspezifischem WebLog
    16. Beitrag zu sonstiger eMail-Liste
    17. Beitrag zu sonstiger Newsgroup
    18. Beitrag zu sonstigem Forum
    19. Beitrag zu sonstigem Blog
    20. sonstige Resource
  10. Überprüfen sie, ob die Autorin/der Autor in einer entsprechenden Funktion einer Institution angehört, die für ein gewisses Minimum an akademischem Niveau der Texte ihrer Mitarbeiter bürgen kann (renomierte Universitäten und Forschungseinrichtungen z.B.)<7li>
  11. Überprüfen Sie, ob das Dokument über den Server einer Ihnen als vertrauenswürdig bekannten Institution veröffentlicht ist
  12. Bedenken Sie, ob das Dokument eines ist, das, sollte es schlecht sein, dem Ruf der Autorin/des Autors ernsthaften und dauerhaften Schaden zufügen kann. Überlegen Sie dabei, ob die Autorin oder den Autor solches stören würde. (Nota bene: die ganze obige Reihenfolge beruht zu nicht geringem Teil auf der Überlegung einem wie hohen Risiko eingehender und detail-fachlich kompetenter Kritik der entsprechende Text ausgesetzt ist bzw. war)
  13. Ziehen Sie gegebenfalls auch die Aktualität des Dokuments in Ihre Überlegungen ein.

Übersicht zum Rest des Dokuments:


Links betreffend Einschätzung von Internet-Resourcen

  1. Margo Bargheer: Qualitätskriterien und Evaluierungswege für wissenschaftliche Internetessourcen. - Ein Report für die bibliothekarische und dokumentarische Praxis:: 73 PDF-Seiten, ziemlich solide Studie, interessante Literaturangaben. Nicht unendlich frisch, aber vieles wohl unüberholt.[ (2002 [[recte 2003 o.sp.], gesehen: 2005-06-24]
  2. Deborah Lines Andersen: A Case of Searching for Shaker History on the World Wide Web Solide Fallstudie zu Shaker-Resourcen und ihrer Qualität. [ (Informationsstand vermutlich: September 1999), gesehen: 2005-06-24]
  3. Konrad Umlauf: Annotation und Evaluation von WWW-Dokumenten :: durchaus lesenswerte Kursunterlagen zu einer Fortbildungsveranstaltung für Bibliothekare [Juni 2001, gesehen: 2005-06-24].
  4. D. Scott Brandt: Evaluation of Internet Information : Übersicht zu Aspekten der Einschätzung von Informationen die im Internet zu finden sind. Alt. Aber: Ziemlich gute Einführung [Mai 2005 (Basis 1996), gesehen: 2005-06-24].
  5. Virginia Montecino: Guidelines for Evaluating Web Sites :: Verzeichnis von im Internet zugänglichen Anleitungen zur Bewertung von Internet-Resourcen, enthält durchaus manches sehenswerte, was das Verzeichnis, das Sie jetzt gerade lesen nicht enthält (und vice versa natürlich … [:-)] …). [Februar 2002, gesehen: 2005-06-24].
  6. Alastair Smith: Evaluation of information sources :: Internetographie zum Thema. Nicht sehr frisch, aber dennoch m.E. sehr konsultierenswert [Oktober 2003, gesehen: 2005-06-24].
  7. Joan Ormondroyd, Michael Engle, Tony Cosgrave: How to Critically Analyze Information Sources : Von Niveau her wohl eher für fortgeschrittene Schüler als für Studierende geeignet; vergleichsweise "autoritätsfreundlich". [Oktober 2004, gesehen: 2005-06-24]
  8. Rober Harris: Evaluating Internet Research Sources : obwohl nicht mehr ganz "frisch" (Textstand: November 1997): brauchbare Einführung propädeutischen Charakters [September 2003, gesehen: 2005-06-24]
  9. Esther Grassian: Thinking Critically about World Wide Web Resources Checkliste zur Bewertung vom Internet-Resourcen. [September 2000, gesehen: 2005-06-24]
  10. Rebecca Bradshaw: Guidelines for the Selection of Resources for Inclusion in the ADAM Database :: Richtlinien zur Beurteilung der Aufnahmewürdigkeit Daten für Internetdokumente Dokumente in die Datenbank des " Art, Design, Architecture & Media Information Gateway". Alt, aber erfreulich nachvollziehbar. [November 1999, gesehen: 2005-06-24]
  11. Pam Berger: "Evaluating Web Resources" :: Formular/Checkliste zur Bewertung vom Internet-Resourcen [Februar 2003, gesehen: 2005-06-24]
  12. Mark Stover: Statement on Electronic Information : Sicht einer USamerikanischen Universitätsbibliothek; m.E. berechtigtes Misstrauen in viele WWW-Publikationen bei m.E. sehr problematischen Vertrauen in traditionellere Veröffrentlichungskanäle (gleich ob elektronisch oder auf Papier). [Juli 2001, gesehen: 2006-06-24]
  13. Historisches Seminar der Universität Basel: "Raumlose Orte - geschichtslose Zeit?". - Internet, Archiv und Geschichtswissenschaften. Standortbestimmungen und Ausblick :: WWW-Angebot für einen Kongress im März 2001. [September 2002, gesehen: 2005-06-24]
  14. Diann Rusch-Feja: Informationsvermittlung, Informationsretrieval und Informationsqualität im Internet :: Überblick auf dem Stand von 1997 [Dezember 2002, gesehen: 2005-06-24]
  15. Regina Brand: Qualitätskontrolle von Internet-Ressourcen :: Proseminararbeit aus dem SoSe 2000. [Juli/Oktober 2000, gesehen: 2005-06-24]



Autor: Dr. Heinrich C. Kuhn (hck@lrz.uni-muenchen.de)
Dokument erstellt: 2005-06-24
Dokument geändert: 2005-06-30

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