Vivant oratores, vivant auditores, vivat Petrarca, vivat GGREN!

Sabrina Ebbersmeyer:

Veritas ergo suis locis maneat, nos ad exempla pergamus: Funktion und Bedeutung des Exemplum bei Francesco Petrarca

(Beitrag zur Interdisziplinären Vortragsreihe durch Münchner Gelehrte zur Feier der 700. Wiederkehr des Geburtstags Francesco Petrarcas im Sommersemester 2004


1. Einleitung

Wenn man moralphilosophische Texte früher italienischer Humanisten liest, bemerkt man schnell, daß sich die Argumentationsstruktur dieser Texte - ganz allgemein gesprochen - nicht mit dem Prädikat "wissenschaftlich" beschreiben läßt: Es werden mehr Behauptungen als Begründungen gegeben, es wird nicht syllogistisch verfahren, nicht deduktiv und auch nicht systematisch. Die logische Konsistenz der Texte etwa von Francesco Petrarca, Coluccio Salutati oder Leonardo Bruni läßt, wie in der Sekundärliteratur immer wieder bemängelt wird, zu wünschen übrig .[1]

Ob in dem Mangel an Wissenschaftlichkeit auch ein Mangel an philosophischer Relevanz zu sehen ist, hängt von den Bestimmungen und Funktionen ab, die man der Philosophie zuspricht. Für die Humanisten selbst war die Frage nach der Wissenschaftlichkeit ihrer Texte jedenfalls nicht entscheidend und leitend. Ihr denkerisches Potential läßt sich deshalb auch nicht durch die Fokussierung auf die Wissenschaftlichkeit gewinnen.

Hinzu kommt, daß Humanisten ethische Fragen in der Regel nicht bloß analytisch und deskriptiv, sondern ethisch engagiert behandeln. Mit dem wiederholt genannten Ziel, den Leser nicht bloß belehren, sondern vor allem auch bewegen und verbessern zu wollen, werden auch andere Methoden der Darstellung notwendig. Das Argumentieren mit ethisch vorbildlichen Personen der Vergangenheit - mit Exempla - ist eine davon. Es ist sogar nicht unangemessen, darin ein Signum der moralphilosophischen Texte von Humanisten zu sehen.

Mit dem vorliegenden Beitrag möchte ich der Frage nach der Funktion von Exempla im philosophischen Denken der Humanisten vornehmlich anhand eines Autors - Francesco Petrarca - nachgehen. Zunächst (2) werde ich einige mir als zentral erscheinende Eigenschaften des Exemplagebrauchs bei Petrarca beschreiben und in ihren Funktionen beleuchten. Dann (3) werde ich zeigen, wie dieses Exemplaverständnis rückwirkt auf das Selbstverständnis des Autors, der sich peu à peu selbst zu seinem Exemplum stilisiert. Die Hinweise, die Petrarca in seinen Texten gibt, um selbst als Exemplum rezipiert werden zu können, werden von seinen Freunden und Nachfolgern willig und intensiv aufgegriffen, so daß Petrarca - nach dem von ihm selbst formulierten Muster - selbst zum Exemplum und damit zu einer Gründungsfigur der intellektuellen Bewegung wird, die wir heute Humanismus nennen. Abschließend (4) möchte ich einige Überlegungen formulieren, die die spezifische Funktion von Exempla für die Philosophie betreffen.


2. Exempla im Werk Petrarcas

2.1. Ausgangspunkt: Petrarca über Exempla

Wir sind darüber, was Petrarca über Exempla dachte und warum er sie für wichtig hielt, durch einen Brief an Giovanni Colonna aus dem Jahr 1342 bestens unterrichtet: "Ich verwende Beispiele in großer Fülle", so beginnt Petrarca die Rechtfertigung seines häufigen Exemplagebrauchs, um sogleich die einschränkenden Bestimmungen zu nennen, die Exempla aufweisen müssen, damit sie für ihn zitierbar sind: "aber sie müssen berühmt und wahr sein und neben Unterhaltungswert auch Autorität besitzen." ;[2]

Die ersten drei Bestimmungen scheinen sich von selbst zu verstehen. Mit den Eigenschaften "berühmt" und "wahr" referiert Petrarca auf historische Exempla. Deren Funktion ist es nun, eingestreut in einen theoretischen Text, den Leser "zu unterhalten". Was aber meint Petrarca damit, daß einem Beispiel auch "Autorität" zukommen solle? Autorität wird der Unterhaltsamkeit zur Seite gestellt. Ein bloß unterhaltsames Exemplum dürfte man nach der Aufheiterung, die es verschafft hat, gleich wieder vergessen. Einem Beispiel mit Autorität räumt der Autor - und auch der von diesem antizipierte Rezipient - jedoch eine gewisse Geltung ein: Es ist gut und richtig, wie sich X im vorliegenden Fall verhalten hat. Der durch den Begriff der Autorität hervorgehobene Geltungsanspruch, der die ethische Dimension eines Exemplum markiert, wirkt sich auch auf den Rezipienten aus, denn das Exemplum hat Apellcharakter. Es enthält die implizite Aufforderung, die im Exemplum erzählte Tat oder den Ausspruch oder die Geisteshaltung, auf die diese Taten und Aussprüche verweisen, nachzuahmen. D.h. an der Autorität, die einem Exemplum zukommt, sind zwei Komponenten zu unterscheiden: die Zuschreibung einer Geltung und die Akzeptanz dieser Geltung für den Rezipienten selbst.

Wer entscheidet nun darüber, ob einem Beispiel Autorität zukommt oder nicht? Zunächst ist der Autor eines Textes an dieser Entscheidung beteiligt. Die Art seiner Präsentation eines Exemplum trägt maßgeblich zur Rezeption eines solchen bei. Freilich kann er eine bestimmte Rezeptionsweise seinen potentiellen Lesern bloß nahelegen, absolut bestimmen kann er sie nicht. Letztendlich liegt beim Leser die Entscheidung darüber, ob er ein Exemplum als autoritativ anerkennt oder nicht. Autor wie Leser sind jedoch bei ihrer Entscheidung konditioniert von dem Diskurs, in dem sie sich bewegen, und von den darin vorgegebenen Werten (z.B. republikanischer Geist, monastischer Kontext, bürgerliche Erziehungsfragen etc.). Die Exempla müssen mithin - wenn sie ihre volle Geltung entfalten sollen - so gewählt sein, daß sowohl die Protagonisten als auch die erzählte Handlung in dem jeweiligen Diskurs akzeptiert sind.

Aus dem bisher Gesagten läßt sich ex negativo schließen, wofür sich Petrarca nicht besonders interessiert, nämlich für Exempla in Form von Fabeln und Anekdoten, die nicht von historischen Person handeln. Diese erfüllen nämlich zwei wichtige Kriterien nicht: sie sind nicht authentisch, es gehört nicht zu ihrem Begriff, daß sie sich wirklich an einem konkreten historischen Ort zu einer bestimmten Zeit und von im Prinzip verifizierbaren Personen ereignet haben, und sie sind nicht berühmt.

Warum und auf welche Weise historische Exempla im Geschriebenen nützlich und sinnvoll seien, expliziert Petrarca, indem er von seiner eigenen Erfahrung ausgeht und annimmt, daß ähnliches auch für seine Leser gelten möge. Zwei Gründe führt Petrarca für seinen häufigen Exemplagebrauch an, hier zunächst der erste:

Mir jedenfalls geht es so, daß mich nichts so sehr bewegt wie die Beispiele berühmter Männer. Es macht nämlich Spaß, sich zu erheben, es macht Spaß, zu erproben, ob der eigene Geist etwas Festes besitzt, ob er etwas Edles und gegenüber dem Schicksal Unbezwingbares und Ungebrochenes hat, oder ob er sich über sich selbst getäuscht hat. Dies aber kann - abgesehen von der Erfahrung, die die sicherste Lehrmeisterin der Dinge ist - auf keine Weise besser geschehen, als wenn ich meinen Geiste denen, denen er am ähnlichsten zu sein wünscht, annähere .[3]

Exempla bewegen die Seele, insofern der Rezipient sich und seine Fähigkeiten an der historischen Vorlage selbst überprüfen und gegebenenfalls einem leuchtenden Vorbild nacheifern kann. Sie bieten die Möglichkeit der Selbsterkenntnis und Selbsterprobung (facultas experiendi )[4] . Wo wir über eigene Erfahrungen verfügen, benötigen wir die Exempla freilich nicht .[5] Sie sind jedoch nach der eigenen Erfahrung (experientia) die zweitbeste Möglichkeit, sich zu orientieren und sich über sich selbst Klarheit zu verschaffen .[6] Exempla enthalten nicht die eigenen, sondern fremde und gleichsam konservierte Erfahrungen, die freilich den Vorteil haben, jederzeit rezipiert werden zu können.

Der zweite Grund, den Petrarca angibt, bezieht sich nicht auf die imitatio, sondern auf die consolatio von Exempla:

Der andere[Grund] ist, daß ich auch für mich schreibe, und während des Schreibens begierig mit unseren Vorfahren verkehre, auf die einzige Weise, die möglich ist; und diejenigen, mit denen zu Leben ein unglücklicher Stern mir bestimmt hat, vergesse ich mit größtem Vergnügen, und darin übe ich alle Kräfte meines Geistes, daß ich diese fliehe, jenen aber folge .[7]

Mit dem für ihn üblichen Pathos der Distanz zu seiner eigenen Gegenwart und seinen Zeitgenossen, läßt Petrarca die Autoren der Antike als seine Freunde und Gesprächspartner auferstehen, die mit ihm durch ihre Werke kommunizieren. Die Autoren der Antike verlieren ihre zeitlose Exemplarik, sie werden zu Personen, zu abwesenden Freunden, an die Petrarca Briefe richtet, mit denen er diskutiert und die er sogar, wie etwa in De vita solitaria, [8] miteinander ins Gespräch bringt, die, zusammengefaßt,

obwohl sie viele Jahrhunderte vor uns auf Erden wandelten, doch durch ihr göttliches Genie und ihre hochheiligen Weisungen mit uns leben, wohnen, reden. [9]

Wer also ähnlich wie Petrarca empfindet, der kann von seinem Exemplagebrauch zweierlei profitieren: er kann seine eigene Seele ausloten und mithin durch die Exempla sich selbst erkennen und sich in Hinblick auf ein zu imitierendes Ideal gegebenenfalls selbst verbessern; und er kann Freude und Trost durch das Gespräch mit antiken Gestalten erhalten.

2.2. Rerum memorandarum libri

Exempla gehören, wie man nach dem bisher Dargelegten schließen kann, für Petrarca zum Grundrepertoire seines Denkens. Er verwendet sie in fast allen seiner lateinischen Texte: in den Briefen, den Invektiven, in De vita solitaria, De otio religioso, auch in De remediis finden wir sie und selbstverständlich in De viris illustribus. Die meisten Exempla freilich finden sich in dem Werk Rerum memorandarum libri, an dem Petrarca über viele Jahre gearbeitet hat.

Es liegt kein Vorwort vor, dem man entnehmen könnte, wie Petrarca sein Werk selbst verstand und welche Absicht er mit ihm verfolgte. Dies können wir nur aus dem Text selbst erschließen. Es handelt sich bei dem Text um eine Exemplasammlung, bei deren Abfassung sich Petrarca ganz offensichtlich an Valerius Maximus' Exemplasammlung Dicta et facta memorabilia orientiert hat. Exemplasammlungen bildeten in der Antike ein eigenes Genre, das verschiedenen Funktionen diente, so auch das Werk von Valerius. Neben der Informationsvermittlung und der Konsolidierung der römischen Geschichte hatte das Werk auch eine ethische Dimension. Valerius' Exempla handeln nach seiner eigenen Auskunft von Tugenden und Lastern .[10]

Die ethische Dimension des Werkes wurde auch im 14. Jahrhundert wahrgenommen und sogar intensiviert. So schreibt Dionigi da Burgo San Sepolcro, ein Freund Petrarcas, in seinem Kommentar zu diesem Werk, daß das Werk der Moralphilosophie zuzurechnen sei, da der Autor die Absicht verfolge, die Menschen zu den Tugenden zu führen und vom Laster abzuhalten .[11] Petrarca seinerseits greift diese ethische Dimension mit seiner Exemplasammlung auf und verstärkt sie noch dadurch, daß er das Tugendschema Ciceros aus De inventione seinen Kapitelanordnungen zugrunde legt .[12] Die einzelnen Exempla werden somit zu Exempla für bestimmte Tugenden. Unterhalb dieses Schemas orientiert sich Petrarca an der Einteilung von Valerius Maximus, indem er Unterkapitel zu bestimmten Sachzusammenhängen einführt. Ähnlich wie bei Valerius sind diese Unterkapitel schließlich nach dem Schema Romana (römische Antike), Externa (sonstige, vor allem griechische Antike) und Moderna (Gegenwart) angeordnet, nur mit dem Unterschied, daß Valerius die Rubrik Moderna nicht kannte. Und auch bei Petrarca finden sich von den fast fünfhundert (498) Exempla noch nicht einmal dreißig (28) unter der Rubrik Moderna.

Warum schreibt Petrarca eine Exemplasammlung und wie ist eine solche zu lesen? Dezidiert und wiederholt reagiert Petrarca auf die von ihm antizipierte Erwartungshaltung des Lesers, der es gewohnt ist, Gründe und Wahrheiten zu erhalten, und dem das Lesen einer Exemplasammlung schwer fallen dürfte. Dieser Erwartungshaltung will Petrarca nicht nachgeben, sein Werk ist anders zu lesen. Wer z.B. eine subtile Abhandlung über die Weisheit verlangt, der muß zu einem anderen Werk greifen, hier finden sich, wie angegeben, berühmte Beispiele, aus verschiedenen Quellen zusammengetragen .[13] An anderer Stelle stellt er wiederum Ursachenforschung, die er nicht betreibt, Exemplaangaben gegenüber .[14]

Mit Exempla wird keine Wissenschaft gemacht, jedenfalls nicht im aristotelischen Verständnis, wenn nämlich Wissen Erkenntnis der Ursachen meint. Exempla geben keine Erklärungen für die Dinge, sie zeigen auf, was andere unter bestimmten Bedingungen getan haben. Sie bleiben hinsichtlich der Begründung an der Oberfläche. Sie fragen nicht zurück, sondern bieten Handlungsanweisungen, sie weisen nach vorn:

Denn wie das Gesicht am Spiegel, so werden die Sitten der Menschen am Vorbild mühelos verbessert; ferner wie man einen Weg sicherer entlang geht, der durch die Spuren von anderen gekennzeichnet ist, so sind wir im Leben durch fremde Beispiele standfester, als wenn wir selbst ohne Führer einen neuen Weg auf uns nehmen .[15]

Den Widerstand gegen die Erforschung der Gründe und die Zuwendung zu Exempla kann man bei Petrarca durchaus als eine Reaktion auf eine erkenntnistheoretische Situation verstehen. Wenn die Möglichkeit der Erkenntnis der Wahrheit fragwürdig geworden ist, dann ist es sicherer, wenn man sich an in der Erfahrung bereits bewährte Handlungsmuster hält:

Uns aber gefällt soweit die maßvolle Sitte der Akademie: dem Wahrscheinlichen zu folgen, wo wir nicht darüber hinaus gelangen können, nichts unbesonnen zu verdammen, nichts unverschämt zu behaupten. Die Wahrheit mag an ihren Orten bleiben, wir machen weiter mit Beispielen. [16]

Lesen wir die Exemplasammlung mit dem Verständnis, das Petrarca den Exempla selbst in seinem Briefen und in den Rerum memorandarum libri gegeben hat, dann läßt sich folgendes festhalten: Exempla beantwortet nicht wissenschaftliche Interessen und sie dienen nicht der Ursachenforschung. Wer sich in seinem ethischen Verhalten an Exempla orientiert, der verzichtet auf beweisbare und allgemeingültige Wahrheiten zugunsten von kontingenten, historischen und authentischen Wahrheiten.

Exempla können jedoch als Wegmarken und Orientierunspunkte bei der eigenen Lebensführung fungieren. Diese Orientierungspunkte sind radikal individuell im zweifachen Sinne: der Protagonist eines historischen Exemplum ist ein Individuum und ebenso der Leser, der für seine individuelle Lebenssituation eine Orientierung benötigt. Exempla ermöglichen es, sich eine eigene geistige Welt mit je spezifischen Referenzpunkten zu gestalten.

2.3. Die spezifische Wirkweise der Exempla

Ein Exemplum ist ein bestimmtes Überzeugungsmittel, das Petrarca als eines neben der Erfahrung (experientia), der vernünftigen Überlegung (ratio) und der Autorität (autoritas) begreift .[17] Von der Erfahrung unterscheidet es sich, weil es die Erfahrungen anderer transportiert, die durch den glanzvollen Namen des Protagonisten eine entsprechende Aufwertung erhält. Mit dem Vernunftargument hat es nichts gemein, es muß nicht einmal logische Konsistenz aufweisen, es ist außerdem niemals zwingend. Schließlich unterscheidet sich das Exemplum vom Autoritätsargument, da das bloße Aufrufen eines Namens nicht ausreicht, sondern erst die Erzählung einer Tat oder eines Ausspruchs für die Angemessenheit eines Urteils verbürgt.

Wie funktioniert ein Exemplum? Aristoteles hat in den Analytica priora die Logik des Exemplum in Begriffen der Syllogistik expliziert .[18] Zusammengefaßt wirkt ein Exemplum, indem man die Gültigkeit einer Regel von einem Einzelfall auf einen anderen Einzelfall überträgt. Das Exemplum fungiert als eine Art Induktion auf Gebieten, wo keine allgemeingültigen Wahrheiten zu erwarten sind, d.h. vor allem in dem Bereich des menschlichen Handelns. Ein Exemplum kann daher niemals zwingen, seine logische Wirksamkeit ist schwach. Worin besteht nun seine Stärke?

Warum fühlt sich ein Rezipient möglicherweise eher von historischen Exempla als von einer theoretischen Abhandlung über Tugenden angesprochen? Petrarca beschreibt Exempla als Bilder der Tugenden und versteht sie damit in Analogie zu Statuen, die Bilder der Körper sind .[19] Damit hat Petrarca den Blick auf die ästhetische Dimension der Exempla gerichtet, denn Exempla enthalten eine wie auch immer geartete narrative Sequenz. Mit dieser ästhetischen Dimension sprechen sie nicht unmittelbar die Vernunft, sondern das sinnlich-affektive Vermögen der Seele an. Dieses Seelenvermögen äußert sich nicht in der Erkenntnis von gut und schlecht und auch nicht in einer intellektuellen und voluntativen Zustimmung zu dem als gut und schlecht Erkannten, sondern es äußert sich affektiv durch ein Streben, nämlich dem Ansprechenden zu folgen, bzw. das Abschreckende zu fliehen.

Historische Exempla verfügen über eine weitere Qualität: sie sind berühmt, illustres. Es ist dieser Glanz der Tugendhaften, der uns zum Nachahmen verleitet, nicht bloß die rationale Einsicht in die Vernünftigkeit des tugendhaften Handelns. Auf diese Weise vermögen es Exempla auf effektivere Weise, den Leser zum tugendhaften Handeln anzuregen als es eine theoretische Abhandlung je könnte. Woran entscheidet sich nun, ob ein Exemplum glanzvoll ist? Der Glanz eines Exemplum wird zunächst einmal grundlegend durch die Angehörigkeit zu einer fremden und fernen Epoche erzeugt, der schon als ganze dieser Glanz zukommt .[20] Wer danach - d.h. im Mittelalter oder auch zu Petrarcas Zeiten selbst - lebte, kann nur als Ausnahme durch besonders ungewöhnliche Taten selbst zum Exemplum werden. Doch auch der Inhalt eines Exemplum muß glanzvoll sein, es muß von Helden, deren Taten oder deren Ruhm handeln.

Im Vergleich zu anderen ethischen Orientierungsmöglichkeiten bieten Exempla einen weiteren Vorteil. Sie vermögen es besser, der Individualität des Orientierungssuchenden Rechnung zu tragen. Es handelt sich bei ihnen nicht um positiv formulierte Vorschriften (wie etwa die zehn Gebote) und auch nicht um allgemein formulierte Maximen der Lebensführung, die in einer philosophischen Grundanschauung fundiert und begründet sind (wie z.B. die platonische, aristotelische oder stoische Moralphilosophie). Was im Einzelfall als exemplarisch herausgestellt und gewürdigt wird, ist abhängig von den subjektiven Interessen des jeweiligen Rezipienten. Es gibt kein anderes Kriterium als das aufzuführen, was bemerkenswert erscheint.


3. Petrarca als Exemplum

3.1. Selbstdeutung durch Exempla

Petrarcas Exemplaverständnis ist, soviel konnte festgestellt werden, radikal individuell. Das Exemplum wirkt für Petrarca von Person zu Person .[21] Die zentrale Funktion von Exempla ist, daß sie den Rezipienten auf effektive und je spezifische Wiese zum tugendhaften Handeln führen. Dies wird durch Imitation erreicht: indem man dem tugendhaften Vorbild nacheifert, wird man selbst tugendhaft. Doch damit ist die Imitation noch nicht vollendet, denn dies ist sie erst dann, wenn man selbst - wie die antiken Vorbilder auch - zu einem Vorbild für künftige Generationen geworden ist. Genau dies, ein Exemplum für Nachfolgende zu werden, scheint Petrarcas Absicht gewesen zu sein.

Wie aber wird man zu einem Exemplum? Ein erstes Mittel ist, sich selbst an die Seite von Exempla zu stellen. In der Streitschrift De sui ipsius et multorum ignorantia, die gegen ehemalige Freunde Petrarcas gerichtet ist, sieht sich Petrarca in einen Kampf gedrängt: er muß den Neid seiner sogenannten Freunde, die ihn übel verleumdet hätten, den Kampf ansagen, wobei er auch die Freundschaft der Gefahr aussetzt. Wie er sein Vorgehen versteht, erläutert er durch Verweis auf zwei Exempla:

Du erinnerst dich sicher, wie vor Alexandria Caesar, von einem plötzlich Angriff überrascht, den König Ptolemaeus mit in den Kampf nahm und allen Gefahren des Krieges aussetzte, um nicht ohne ihn zu fallen. Das war, wie man annimmt, der entscheidende Grund für seine Rettung, da ja die, die den einen haßten, den anderen aber liebten, es für schwierig hielten, den einen zu töten und zugleich den anderen zu verschonen. Und auch dies ist dir wohl nicht entfallen, wie an jenem Tag, an dem das Perserreich durch die Klugheit des Hortanes und den Einsatz sieben tapferer Männer von drückender Gewaltherrschaft befreit wurde, Gophyrus, einer der Verschwörer, in einem dunklen Winkel den einen der beiden Tyrannen ergriff und seine Gefährten aufforderte, mitten durch seinen Körper hindurch diesen zu treffen, damit der nicht etwa dadurch, daß sie ihn selbst schonten, davonkomme. [22]

Petrarca zitiert diese Exempla, um durch sie sein eigenes Vorhaben zu deuten, denn ähnlich wie die antiken Krieger, so wird Petrarca von der heiligen Freundschaft aufgefordert, mit der Spitze seiner Feder den ruchlosen Neid zu durchbohren .[23] An dieser Stelle bezieht sich Petrarca auf Exempla nach dem Muster der Nachahmung (imitatio): durch die Vorbildhaftigkeit wird man selbst zu großen Taten angeregt. Die Eignung der Exempla entscheidet sich daran, wie einleuchtend der Vergleichspunkt ist, den Petrarca deutlich benennt. Strukturell ähnelt seine Aufgabe der der antiken Krieger: den Feind zu vernichten ohne zugleich den Freund zu töten.

Zugleich jedoch, und zumindest für den heutigen Leser viel frappanter, ist in diesem Kontext eine weitere Funktion des Exemplum. Der von Petrarca genannte Vergleichspunkt ist für den weiteren Verlauf des Textes nicht besonders wichtig, die Freundschaft zu retten nicht sein eigentliches Anliegen. Die Exempla stellen jedoch Petrarca in eine Reihe mit Kriegern und Feldherren, kurz mit Personen, die sich ihren Ruhm auf dem Kampfplatz erworben haben. Auch Petrarcas Tätigkeit, so suggeriert das Aufrufen der Helden, ist eine Heldentat, vollbracht mit der Feder. Der von Petrarca explizit genannte Vergleichspunkt liefert mithin nur die Legitimation, sich selbst den Helden an die Seite zu stellen. Die eigentliche Funktion des Beispiels liegt jedoch darin, die eigene Tat, nämlich das Verfassen eines Textes, als heldenhaft erscheinen zu lassen .[24]

Immer wieder stellt Petrarca sich ganz beiläufig an die Seite von so berühmten Autoren wie etwa Livius und Cicero .[25] Und es mangelt ihm auch nicht an Beispielen aus dem Bereich der Philosophie, um sich zu deuten. Am Ende von De sui ipsius führt Petrarca mit dieser Absicht eine Reihe von Exempla an. Hier geht es ihm jedoch nicht wie am Beginn des Textes um die Darlegung seiner Absicht, sondern um die Einschätzung des ganzen Vorfalls, der Petrarca zur Reaktion und mithin zum Verfassen der Schrift veranlaßt hat: da wird jemand aus Neid verleumdet und angegriffen. Wie zum Trost zitiert Petrarca eine Reihe anderer Gelehrter, denen das gleiche wie ihm zugestoßen ist: Epikur hat nicht nur gegen Pythagoras, sondern auch gegen Platon, Aristoteles und Demokrit gelästert, Seneca gegen Quintilian, Quintilian gegen Seneca, etc. Daher kann Petrarca schließen:

Was reden wir von Männern, wenn Leontion, eine griechische Frau - nein, vielmehr eine, wie Cicero sagt, kleine Hure, gegen Theophrast, einen so bedeutenden Philosophen, zu schreiben wagte! Wer könnte sich also nun darüber empören, daß auch einmal gegen uns selbst etwas vorgebracht wird, wenn von solchen Leuten gegen solche Männer solche Worte gesagt worden sind? [26]

Dieser Rekurs auf Exempla hat neben dem Trost eine weitere, für die Rezeption des Textes ganz entscheidende Funktion: die Exempla lösen die kurze Abhandlung aus der Banalität - jemand ist beleidigt, weil er angegriffen wurde - und stellen sie in einen bedeutenderen Kontext und damit zugleich Petrarca in eine Reihe mit Platon, Seneca und Cicero.

Dieselbe Strategie findet sich auch in anderen Werken. So hebt Petrarca in De vita solitaria mit dem Zweifel an, der Leser könne vielleicht keinen Gefallen an seinem Werk finden. Auch dieser Selbstzweifel wird von Petrarca methodisch eingesetzt, um durch das Aufrufen eines antiken Parallelfalls, den eigenen Fall aufzuwerten. Was hätte Petrarca für einen Grund, sich anzumaßen, von allen anerkannt zu werden, wenn dies nicht einmal Cicero mit seinem Werk De optimo genere dicendi gelungen sei ?[27] Indem sich Petrarca auf Exempla nach den von ihm selbst explizit genannten Mustern - imitatio und consolatio - bezieht, gelingt ihm noch etwas anderes: er plaziert sich zugleich neben diesen Exempla und macht sich ihnen vergleichbar.

3.2. Die Arbeit am eigenen Exemplum

Sich neben große Autoren zu stellen, ist ein erster Schritt, um an deren Glanz teilzuhaben, reicht aber nicht aus, um selbst als Exemplum zu erscheinen. Wenn man ein Exemplum für Nachfolgende sein möchte, so muß man auch ein berühmtes Leben und ruhmwürdige Taten vorweisen können. Mit einem gewissen Willen zur Stilisierung hat Petrarca selbst in seinen Schriften die Weichen dafür gestellt, als Exemplum rezipiert werden zu können.

Die Stilisierung des eigenen Lebens zum Exemplum geschieht bei Petrarca vornehmlich in dem Briefcorpus. Dort verwendet Petrarca eine bestimmte Strategie: wiederholt gibt er Hinweise darauf, wie sehr er von seinen Zeitgenossen verehrt wurde, obwohl ihm dies selbst kaum glaublich und höchst seltsam vorkommt. So, wenn er sich in einem Brief an die Florentiner Bürger für die ihn erwiesenen Ehren bedankt .[28] So, wenn er in einem Brief an Giovanni Aretino von dem Empfang berichtet, den ihm die Bürger seiner Heimatstadt Arezzo bereitet haben, die sein Geburtshaus quasi in eine Gedenkstätte transformiert haben .[29] So, wenn er in einem Brief an Donino Grammatico da Piacenza davon berichtet, wie Menschen ihn bewundert haben und selbst große Mühen nicht gescheut haben, um ihn - Petrarca - aus der Nähe sehen zu dürfen .[30]

Am ausführlichsten geschieht diese Selbstinszenierung freilich in dem Fragment gebliebenen autobiographischen sogenannten "Brief an die Nachwelt" (posteritati). Petrarca berichtet hier den Verlauf seines Lebens, bricht jedoch mit seinem einundfünfzigsten Jahr ab. Er präsentiert sich selbst auf den ersten Blick durchaus bescheiden als "ein sterbliches Menschlein" (mortalis homuncio). [31] Diese bescheidene Selbstcharakterisierung, die sich wiederholt auch an anderen Stellen in seinem Werk findet ,[32] kontrastiert jedoch auffällig zu den Urteilen, die andere über Petrarca gefällt haben, denn diese sehen in Petrarca geradezu einen großartigen Menschen. Dadurch, daß Petrarca bloß die Urteile anderer referiert, tritt die Tatsache in den Hintergrund, daß er selbst der Autor dieser Lobeshymne auf sich selbst ist, wodurch er dem Verdikt entgeht, anmaßend und eitel zu erscheinen. Petrarca wagt somit den Spagat zwischen topischer Selbsterniedrigung und indirekter, durch fremde Urteile legitimierte, Selbsterhöhung.

Das sieht dann so aus: Petrarca weiß nicht warum, aber die größten Könige waren ihm zugeneigt und suchten seine Freundschaft .[33] Seine Sprachfähigkeit, die ihm selbst gering erscheint, wurde bewundert .[34] Im Altern von zweiundzwanzig Jahren war er bereits berühmt, warum, weiß er nicht, er wundert sich selbst darüber .[35] Schließlich jedoch hat er etwas zu berichten, was ganz und gar merkwürdig und kaum glaublich ist - dictu mirabile -: am selben Tag, nämlich am 1. September 1340 erreichten ihn die Briefe vom römischen Senat und vom Kanzler der Universität Paris, die jeweils die Einladung enthielten, ihn zum Dichter krönen zu lassen .[36]

Mit diesem Brief an die Nachwelt und mit den Sammlungen seiner übrigen Briefe wurde Petrarca zum ersten Chronisten seines eigenen Ruhms. Er hat damit ausreichend Material geliefert, um von Nachfolgende als Exemplum rezipiert werden zu können. Petrarcas Selbststilisierung hatte Erfolg: seine Freunde und Nachfolger haben seine Deutungsangebote bereitwillig angenommen. So erzeugt die humanistische Bewegung ihre eigenen Helden, die als Exempla wiederum von anderen Humanisten aufgerufen werden.

3.3. Die Rezeption Petrarcas als Exemplum

Die Rezeption Petrarcas als Exemplum beginnt bereits zu seinen Lebzeiten. Einer der ersten, die sich auf diese Weise auf Petrarca beziehen, ist Giovanni Boccaccio. Im Kontext der Verteidigung der Poesie und der Dichter führt Boccaccio in dem Text De genealogia deorum auch Exempla von herausragenden philosophierenden Dichtern an, nämlich Vergil, Dante und Petrarca. Von Petrarcas "Leben und Sitten" weiß er zu berichten, was er selbst bezeugen kann, nämlich daß sich Petrarca mit allem Ernst zu jeder ihm möglichen Zeit den "heiligen Meditationen" und Studien gewidmet hat. Davon zeugen schließlich auch seine Werke, Boccaccio nennt hier De vita solitaria und De remediis, die nicht nur eine "Würde der Sprache" aufweisen, sondern denen man auch die "Heiligkeit und Scharfsinnigkeit der Moralphilosophie" entnehmen könne. [37] Nach Boccaccio zeichnet sich Petrarca also durch seinen Lebenswandel und seine Frömmigkeit aus. Ihren Niederschlag finden diese hohen moralischen Eigenschaften dann in Petrarcas Werken, wo sie, in einer besonders lobenswürdigen, ihnen angemessenen Sprache, nachzulesen sind.

In Boccaccios Werk De casibus virorum illustrium erscheint Petrarca ebenfalls, und zwar als moralisches Gewissen des Autors. In Reminiszenz an Boethius, dem im Trost der Philosophie die Philosophie selbst erscheint, und an Petrarca, der im Secretum nicht nur von der Wahrheit, sondern auch von Augustinus besucht wird, erscheint dem Autor von De casibus hier nun Petrarca:

Als ich mir den Schweigenden, nachdem ich die Augen geöffnet hatte und den Schlaf ganz und gar abgeschüttelt hatte, ansah, erkannte ich meinen besten und verehrten Lehrer Francesco Petrarca, dessen Ermahnungen mich immer zur Tugend geführt hatten. [38]

Petrarca ermahnt ihn nun mit Hinweis auf zahlreiche Exempla, seine Faulheit zu überwinden und seine Arbeit weiterzuführen. Der Grund, den Petrarca hierfür angibt, erhellt, warum die Rezeption von Exempla und das Streben, selbst zu einem Exemplum zu werden, strukturell zusammengehören:

Darum soll man arbeiten, sich bemühen und die Geisteskräfte anstrengen, um sich von der gemeinen Herde abzusondern, damit wir, so wie die Verstorbenen uns mit ihrer Arbeit genützt haben, unseren Nachkommen mit unserer nützen. [39]

Boccaccio legt hier Petrarca ein Selbstverständnis der eigenen Bemühungen in den Mund, das sich mit dem deckt, was sich an dem Exemplaverständnis Petrarcas beobachten läßt: Die Identifikation, bzw. Imitation des antiken Ideals, ist erst dann abgeschlossen, wenn man selbst das erreicht hat, was diese waren, ein Exemplum für Nachfolgende.

Es war ein weiterer Florentiner maßgeblich an der Konsolidierung Petrarcas als in Leben und Werk vorbildliche Person beteiligt, Coluccio Salutati, der von Petrarca als "sidereus Petrarca noster" ;[40] spricht. Drei Briefe von Salutati sind hier vor allem einschlägig. Den ersten von diesen hat Salutati anläßlich des Todes Petrarcas an Roberto Guidi conte de Battifolle im September 1374 geschrieben .[41] Der Brief enthält ein mehrseitiges Lob Petrarcas. Um die Größe und die Bedeutung Petrarcas zu betonen, scheut er sich nicht, ihn mit den großen Autoren der Antike zu vergleichen:

Diesen Petrarca, sage ich, kann man jenem göttlichen Vergil und den griechischen Dichtern, welchen jener Sieger gleichgekommen ist, in der Dichtung entgegensetzen; man kann ihn Cicero und Demosthenes in der von den Regeln der Maße und Versfüße freien Rede und sogar Seneca in moralischen Dingen vorziehen. [42]

Dieses Urteil blieb allerdings nicht unwidersprochen, denn es war vielleicht doch zu hoch gegriffen, Petrarca über Vergil, Cicero und Seneca zu stellen. So hatte Giovanni Bartolomei, Kanzler von Francesco da Casale, eben genau an diesem Urteil gezweifelt. Deshalb verteidigt Salutati in einem Brief vom 13. Juli 1379 an Giovanni Bartolomei seine Ansicht, Petrarca sei Homer, Hesiod, Theokrit, Vergil, Demosthenes Cicero, Varro und Seneca vorzuziehen .[43] Er verfährt so, daß er zunächst die griechischen Autoren ausschließt, da diese bereits von den Lateinern an Eloquenz übertroffen worden wären .[44] Es reiche also aus, die Unterlegenheit der antiken lateinischen Autoren zu belegen. Salutati übergeht außerdem Varro, weil von diesem kaum etwas überliefert sei .[45] Schließlich beschränkt sich Salutati auf den Vergleich von Petrarca mit Vergil und Cicero.

Vergil verliert nun gegen Petrarca, da er bloß ein Dichter war. Denn, wie Salutati sagt,

es ist groß, Verse zu schreiben, aber das Größte ist es, glaube mir, sich im Prosastil mit Lobreden und mit reichlich Gedanken zu ergießen. So wie sich der Fluß vom Meer unterscheidet, so glaube ich fest, daß die Dichtung etwas geringeres ist als Prosa. [46]

Nun kommt also das schwierigste Unterfangen, nämlich zu zeigen, wie und worin Cicero Petrarca unterlegen sein könnte. Zunächst einmal lobt Salutati Cicero über alle Maßen: er sei der eigentliche Erfinder der Beredsamkeit (eloquentia), habe wie kein anderer über die Vielfalt (copia) der Sprache verfügt und habe schließlich ein Lehrbuch der Beredsamkeit verfaßt. Wie aber Cicero selbst sagte, sei es für den Redner das Geringste, über die Kunst zu sprechen, viel größer sei es, mit der Kunst zu sprechen. Und auf diesem - dem wichtigsten - Feld, braucht sich Petrarca nicht hinter Cicero zu verstecken. Über den Prosastil Petrarcas in bezug auf einen Brief schreibt er:

Glaub mir, du würdest ihn [= seinen Brief] nicht für eine menschliche, von der Vernunft umfaßte oder durch Kunst überlieferte, Erfindung halten, sondern für ein sozusagen göttliches Orakel der Beredsamkeit, so daß jener Brief beim Abhandeln, nicht nur mit Cicero das, was zu beachten ist, zu lehren scheint, sondern über Cicero von dem himmlischen Gipfel durch göttliche Fügung widerschallt. [47]

Außerdem, so fügt Salutati noch hinzu, finde sich bei Cicero nichts, was sich nicht auch bei Petrarca finden lasse .[48] Ganz am Ende nennt Salutati jedoch ein Argument, das die vorherigen Behauptungen ein wenig zurückzunehmen scheint:

"Füge hinzu, daß Francesco, auch wenn wir alles andere zugestehen, im metrischen Sprechen Cicero ohne Widerspruch übertraf; so daß - wie du dich auch wenden magst - man zugestehen muß, daß Petrarca nicht geringer als Vergil oder Cicero ist." ;[49]

Mit anderen Worten: Petrarca überragt Cicero auf einem Gebiet, wo nicht dessen Stärken liegen.

Die Auseinandersetzung über den Stellenwert Petrarcas und die Frage, inwieweit es gerechtfertigt ist, einen Zeitgenossen den antiken Gelehrten zur Seite zu stellen, war damit noch nicht geklärt. Poggio Bracciolini ist einer von denen, die ihre Zweifel an dieser Hochschätzung Petrarcas in einem Brief an Salutati, der leider verlorengegangen ist, äußerte. Wie wir dem Antwortbrief von Salutati vom 17. Dezember 1405 entnehmen können, scheint sich Poggio darüber gewundert zu haben, daß Salutati Petrarca vielen Autoren der Antike, unter ihnen auch Vergil und Cicero vorgezogen hat .[50] Poggio scheint im Gegensatz zu Salutati der Meinung gewesen zu sein, daß es überhaupt unangemessen sei, antike Denker mit Zeitgenossen zu vergleichen .[51] Salutati wehrt sich gegen das bloße Vorurteil der Autorität des Alters und hält dafür, daß der Streit nicht um das Zeitalter, sondern um das Wissen gehen sollte .[52]

Das Argument der Autorität des Alters einmal ausgeschaltet, macht sich Salutati daran, die Leistungen Petrarcas mit denen von antiken Autoren zu vergleichen und kommt schließlich zu dem Ergebnis, daß Petrarca sowohl in der Beredsamkeit (eloquentia) als auch in der Weisheit (sapientia) die antiken Autoren überrage. Diese Überlegenheit begründet er mit Petrarcas Teilhabe am christlichen Glauben.

In diesem Brief findet sich ein Argument für die Größe Petrarcas, welches auch von allen nachfolgenden Biographen aufgegriffen wird, und welches es zugleich legitimiert, Petrarca neben Vergil und Cicero zu stellen. Während diese beiden unbestrittenen Autoritäten jeweils auf einem Gebiet hervorragend waren, so war es Petrarca auf beiden - in Dichtung und Prosa:

jene werden von unserem Petrarca überragt, nicht schlechthin, sondern Cicero in der Dichtung, Vergil aber, ich bitte dich, es nicht zu bestreiten, im Schmuck der ungebundenen Rede. [53]

Es ist vor allem diese Doppelkompetenz, die Petrarca vor Cicero und Vergil auszeichnet und die es legitimiert, Petrarca über antike Autoren zu stellen. Dieses eine Argument hat sich behauptet, und findet sich in ähnlicher Form in den Biographien, die in der Folgezeit über Petrarca geschrieben wurden .[54]

Daß Petrarca Gegenstand von Vitensammlungen wurde, verdankt er nicht nur seiner eigenen Stilisierung, sondern auch dem Umstand, daß sich die Herrscher von Florenz um Propagandamaterial für die Legitimierung der eigenen kulturellen Überlegenheit, vor allem in der Auseinandersetzung mit Mailand, bemühten. So unternahm es Leonardo Bruni, Kanzler von Florenz, 1436 zu diesem Zweck, eine Lebensbeschreibung von Dante und Petrarca zu verfassen .[55] Bruni legitimiert seine Parallelvita in der Einleitung mit den Worten: "ich halte die Kenntnis und den Ruf dieser beiden Poeten für zu dem Ruhm unserer Stadt gehörig." ;[56]

Bruni modelliert Petrarca durch die Parallelisierung mit Cicero und interpretiert die Blüte der lateinischen Sprache bei jedem der beiden als Effekt der republikanischen Verfassung .[57] Brunis Vita selbst folgt einem antiken Muster, indem er Dantes und Petrarcas Leben als Parallelviten präsentiert .[58] Mit der Präsentation des eigenen Lebens in antiken Mustern oder in einer Reihe mit antiken Gelehrten hat Petrarca das erreicht, was er zu erstreben schien: auf gleicher Höhe mit antiken Vorbildern zu stehen .[59]


4. Schlußüberlegungen

Abschließend möchte ich - ausgehend von der Bedeutung und der Funktion der Exempla bei Petrarca - einige Überlegungen zur philosophischen Relevanz von Exempla anstellen. Exempla gehören zu den Überzeugungsmitteln und damit traditionell zur Rhetorik. Damit hat man jedoch noch nichts über ihre philosophische Bedeutung gesagt. Ebenso gehört ein Syllogismus ja auch zur Logik und hat dennoch eine feste Funktion im philosophischen Denken, nämlich als Form des Beweises.

Überzeugen und Beweisen sind Verfahren, auf die man in einem philosophischen Text zurückgreifen kann. Dies wird von verschiedenen Denkern ganz unterschiedlich gehandhabt. Für Petrarca macht es geradezu das Wesen der wahren Philosophie aus, daß sie nicht nur zu belehren, sondern auch zu überzeugen weiß:

Das also sind die wahren Moralphilosophen und nützlichen Lehrer der Tugend, deren erste und letzte Absicht es ist, den Hörer und Leser gut zu machen, und die nicht nur lehren, was das Wesen der Tugend und des Lasters sei, und uns damit in den Ohren liegen, daß das eine herrlich, das andere verwerflich sei, sondern die unser Herz mit Liebe zum sittlich Guten und mit Verlangen danach, mit Haß aber und Abneigung gegen das sittlich Schlechte erfüllen. [60]

Je nachdem, welchen Philosophiebegriff man voraussetzt, verändern sich die Möglichkeiten, die Exempla im philosophischen Diskurs einnehmen können. Teilt man die Vorstellung von Philosophie als Wissenschaft, so können Exempla bestenfalls der Illustration einer schon gewußten Wahrheit dienen. So wie Aristoteles die Möglichkeit des Exemplagebrauchs in der Topik beschreibt .[61]

Hat man einen emphatischen Begriff von Philosophie als Lebensführerin - magistra vitae -, so werden Exempla zu einem zentralen Argumentationsmittel, welches sich durch kein anderes ohne Verlust ersetzen läßt. Worin besteht nun diese spezifische Leistung? Neben aller Rationalität gehören Metaphern, Bilder, Vergleiche, Mythen etc. ohne Zweifel zum Grundbestand der philosophischen Reflexion. Es handelt sich hierbei um sprachliche Mittel, durch die man versucht, Verständigung und Klarheit zu erlangen auf Gebieten, die sich der rationalen Explikation - sei es aufgrund ihrer Komplexität oder ihre Abstraktheit oder aus einem anderen Grund - entziehen. Historische Exempla, so würde ich sagen, gehören ebenso dazu: Exempla transportieren Bedeutungselemente, die durch eine rationale Explikation nicht gewonnen, bzw. ersetzt werden können. Dies tun sie freilich auf andere Weise als etwa Metaphern und Mythen. Durch Exempla werden mittels einer narrativen Sequenz Erfahrungen einem theoretischen Diskurs implantiert. Dabei sind zwei Dinge bedeutsam.

1. Die Erfahrungen, die Exempla bereitstellen, weisen spezifische Merkmale auf: a. sie werden als authentisch inszeniert, b. sie sind individuell und haben auch nur einen solchen Geltungsradius (es handelt sich nicht um "die Erfahrung lehrt", sondern um "eine spezifische Erfahrung zeigt"), c. ihre Geltung wird abgesichert durch das Alter und den Namen des Protagonisten und d. sie sind gleichsam konserviert. Die autoritativ abgesicherte authentische individuelle Erfahrung ist freilich nicht in jedem philosophischen Diskurs bedeutsam. In einem Denken jedoch, in dem sich die Philosophie nicht an dem Grad ihrer theoretischen Spekulation, sondern an ihrer Realisierung im Leben bemißt, wird die wirkliche Erfahrung - die sich an einem bestimmten Ort zu einer bestimmten Zeit und mit bestimmten Personen zugetragen hat - zum angemessenen Kriterium für den Wert einer Handlungsnorm.

2. Dem Exemplum als kurzer narrativer Sequenz, haftet, wie bereits erwähnt, eine ästhetische Dimension an, die nicht unmittelbar den Verstand, sondern das sinnlich-affektive Vermögen der Seele anspricht. Wenn es also - wie es das Anliegen und die Absichten Petrarcas und anderer früher Humanisten war - darum geht, die Menschen nicht bloß zu belehren, sondern auch zu bewegen, dann sind berühmte Exempla geeignete Mittel, da sie uns konkrete Vorstellungsbilder von tugendhaftem Verhalten bereitstellen, auf die wir nicht bloß mit dem Verstand, sondern auch sinnlich-affektiv reagieren.

Exempla docent, richtig, aber man darf mit Petrarca ergänzen: exempla delectant et movent.


Fußnoten


[1] Vgl. J. E. Seigel, Rhetoric and Philosophy in Renaissance Humanism. The Union of Eloquence and Wisdom, Petrarch to Valla, Princeton, New Jersey, 1968, 73ff. A. Kamp, Petrarcas philosophisches Programm. Über Prämissen, Antiaristotelismus und 'Neues Wissen' von 'De sui ipsius et multorum ignorantia', Frankfurt / New York / Paris 1989.
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[2] Familiares VI,4: "Exemplis abundo, sed illustribus, sed veris, et quibus, nisi fallor, cum delectatione insit autoritas." F. Petrarca, Familiarum Rerum libri I-XXIV, éd. V. Rossi, U. Bosco, 4 vols., Firenze. II,77. Für eine genaue Analyse des Briefes siehe E. Kessler, Petrarca und die Geschichte. Geschichtsschreibung, Rhetorik, Philosophie im Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit, München 1978 (RP 2004), 109-115.
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[3] "Me quidem nichil est quod moveat quantum exempla clarorum hominum. Iuvat anim assurgere, iuvat animum experiri an quicquam solidi habeat, an generosi aliquid atque adversus fortunam indomiti et infracti, an sibi de se ipse mentitus sit. Id sane, preter experientiam que certissima magistra rerum est, nullo melius modo fit, quam si eum his quibus simillimus esse cupit, admoveam." Ebd. II,78.
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[4] Ebd. II,78.
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[5] "qui, quod audit, secum conferens, non exempli imaginem, non autoritatis pondus, non rationis aculeum, ut credat, nichil denique nisi suiipsius testimonium querit, et tacitus dicit: 'ita est'?", F. Petrarca, De vita solitaria, in : Opere latine, hg. A. Bufano, 2 vols. Torino 1975, I ,274.
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[6] Fam. VI, 4: "Id sane, preter experientiam que certissima magistra rerum est, nullo melius modo fit, quam se eum his quibus simillimus esse cupit, admoveam. Ebd. II,78.
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[7] Fam. VI,4: "Altera [causa] est, quod et michi scribo, et inter scribendum cupide cum maioribus nostris versor uno quo possum modo; atque hos, cum quibus iniquo sidere datum erat ut viverem, libentissime obliviscor; inque hoc animi vires conctas exerceo, ut hos fugiam, illos sequar." Ebd. II,78.
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[8] Vgl. Petrarca De vita solitaria, in: Opere latine, I,349f.
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[9] F. Petrarca, Heilmittel gegen Glück und Unglück, (dt./lat.), übers. R. Schottländer, München 1975, 52-53. "qui multis ante nos in terra versi divinis ingenibus institutisque sanctissimis nobiscum vivunt, cohabitant, colloquuntur". F. Petrarca, De remediis utriusque fortunae, (Epistolaris praefatio ad Azzonem), in: Opera omnia, Basel 1554, I,2.
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[10] I (Prooemium): "virtutes, de quibus dicturus sum, benignissime foventur, vitia severissime vindicantur". Valerius Maximus, Facta et dicta memorabilia, hg. C. Kempf, Stuttgart 1966,1.
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[11] "Causa finalis est ad virtutes inducere et a vitiis removere. Nam hoc intendit in toto opere: homines a vitiis retrahere et virtutibus informare. Ex his sequitur quod liber iste supponitur ethicae, cuius est virtutes cognoscere et de ipsis docere et scientiam tradere. Quare sicut loquimur de subiecto libri Ethicorum Aristotelis ita per omnia de huius libri subiecto ist loquendum." In: J. W. Larkin, S.J., A cricital edition of the first book of the commentary of Dionigi da Borgo San Sepolcro on the " Facta et Dicta Memorabilia urbis Romae " of Valerius Maximus, New York 196, 76.
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[12] Cicero, De inventione II, 160f.
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[13] III,31: "Siquis erit fortisan qui magnam spem materie felicioris ex tituli presentis inspectione conceperit, sciat me hoc loco neque mei ipsius neque propositi oblitum de comuni hominum sapientia tractare. Quamobrem siquid altius expectabat, errorem suspectum in limine linquens in vestibulo rebus integris abeat, quod apud me querebat apud alios reperturus. At cui exemplorum illustrium prefertilem vetustatem scrutari propositum est, multis hec diffusa voluminibus coacervantem calamum sequatur." F. Petrarca Rerum memorandarum libri, hg. G. Billanovich, Firenze 1945, 124.
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[14] IV,40: Sompniorum causas scrutentur alii, nos hoc libro - quod sepe iam diximus - rerum exempla conquirimus." Ebd. 221.
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[15] III, 42: "Quoniam sicut vultus ad speculum, sic mores hominum ad exemplar facillime corriguntur; sicut preterea certius eum callem ambulamus qui aliorum vestigiis signatus est, sic in vita alienis exemplis promptius inheremus quam novam ipsi viam nullo duce suscipimus." Ebd. 133.
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[16] IV,31: "Nobis autem eatenus modestus Achademie mos placeat: veresimilia sequi ubi ultra non attingimus, nichil temere dampnare, nichil impudenter asserere. Veritas ergo suis locis maneat; nos ad exempla pergamus." Ebd. 214.
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[17] Vgl. Petrarca, De vita solitaria, in: Opere latine, I,274.
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[18] Aristoteles Analytica priora II,24.
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[19] Fa. VI,4: "nec improprie michi videor dicturus statuas corporum imagines, exempla virtutum." Petrarca, Familiarum Rerum libri, II,80.
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[20] Daß dem Altertum schon allein aufgrund einer gewissen Alterspatina Autorität zukommt, galt bereits in der Antike als gängige Meinung und läßt sich so wiederholt etwa bei Cicero und Quintilian finden. Vgl. z.B. Cicero, Orator ad M. Brutum 169; Quintilian, Institutiones oratoriae XI,1,32; XII,4,2.
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[21] Vgl. den Schluß des bereits zitierten Briefes an Giovanni Colonna, Fam. VI,4,: "Hec ergo consilii mei ratio est, propter observatores ac miratores meos sepius iteranda; video enim quam multis exempla contulerint ad virtutem, et quid in me agant sentio, et de aliis idem spero. Si fallor, res periculo abest; quibus exempla non placent, non legant; neminem cogo; et si me rogas, a paucis legi malim." Petrarca, Familiarum Rerum libri, II,80.
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[22] F. Petrarca, Über seine und vieler anderer Unwissenheit (lat./dt.), übers. K.Kubusch, Hamburg 1993, 9. "Tenes puto memoria ut apud Alexandriam Cesar inpino Marte circumfluus Ptholomeum regem secum in omnes belli casus trahit, ne sine illo pereat: que res sibi non exigua evadendi, ut creditur, causa fuit, quod illum scilicet mactare, simulque hunc servare difficile censuissent qui illum oderant, hunc amabant. Nec id, puto, excidit, ut de illo quo Persarum regnum Hortanis viri prudentis ingenio et septem virorum fortium virtute servili tyrannide liberatum est, Gorphirus, unus ex coniuratis, fusco in loco tyrannorum alteram amplexus, sortios ut vel per suum corpus illum feriant hortatur, ne parcendo sibi ille forsan evaderet." F. Petrarca, De sui ipsius et multorum ignorantia, in: Opere latine, II,1028.
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[23] "Et michi nunc igitur sancta clamat amacitia, ut vel per suum latus stili acie impium feriam livorem". Ebd. 1028.
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[24] Der Humanist als Feldherr begegnet uns auch in anderen Texten. So nimmt sich Lorenzo Valla einen Feldherrn zum Vorbild, wenn er sich daran macht, die Eleganz der lateinischen Sprache zu verteidigen. In der Vorrede zu den Elegantiae linguae latinae von ca. 1448 lesen wir: "Camillus nobis, Camillus imitandus est, qui signa, ut inquit Virgilius, in patriam referat eamque restituat; cuius virtus adeo ceteris praestantior fuit, ut illi qui vel in Capitolio, vel Ardeae, vel Veiis erant, sine hoc salvi esse non possent. [...] Equidem, quod ad me attinet, hunc imitabor, hoc mihi proponam exemplum; comparabo, quantulaecumque vires meae fuerint, exercitum, quem in hostes quam primum educam; ibo in aciem, ibo primus, ut vobis animum faciam." L. Valla Elegantiae linguae latinae, praefatio, in: Garin (Hg.) Prosatori latini del Quattrocento, Milano 1952, 600. Camillus wird von Valla als der größte aller Feldherren dargestellt, nur, um durch die Aufstellung eines so hohen Ideals die eigene Leistung als um so heldenhafter und ruhmwürdiger erscheinen zu lassen.
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[25] Vgl. etwa die Lobrede von Petrarca an Jean le Bon, in der Petrarca seine Situation mit der von Seneca vergleicht (Collatio coram domino Iohanne, in: Opere latine, II,1289), oder seinen Brief an Donino Grammatica da Piacenza, in dem sich Petrarca Cicero, Vergil und Titus Livius vergleichbar macht (F. Petrarca Opera omnia, Basel 1554, II,1060).
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[26] Petrarca, Von seiner und vieler anderer Unwissenheit, 159. "Et loquimur viros, cum Leuntium, Greca mulier, imo, ut Cicero ait, meretricula, contra Theophrastum tantum philosophum scribere ausa sit. Quis hec audiens indignetur in se aliquid dici, cum in tales a talibus talia dicta sint?" Petrarca, De sui ipsius, II,1150.
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[27] "Nam quis ego aut quid est unde michi in tanta presertim varietate iudiciorum interblandiar, aut arrogem quod nec Marco Tullio preclara illa celestique facundia contigisse scio? Cuius Liber De optimo genere dicendi - Deus bone, quale quamque ex alto sumptum opus! - quod idem in epystolis indignanter attigit, Marco Bruto, ad quem et cuius precibus scriptus erat, erudito viro licet et amico scribentis, non probatur;" Petrarca, De vita solitaria, in: Opere latine, I,264.
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[28] Fam. XI,5: "sed illa permaxima quod donum publicum tanto mei nominis, digno utinam, preconio, tanta precum instantia, tanta verborum suavitate conditum est, ut nisi sim saxeus, eternum michi hoc vestro benificio et lumen ad gloriam et calcar accesserit ad virtutem." Petrarca, Familiarum Rerum libri, II,334.
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[29] Seniles XIII,3: "Anno igitur iubileo Roma reverenti, atque Aretio transuendim, quidam nobiles concives tui, qui me comitatu suo dignum censuerunt, dum extra moenia urbis adducerent, ignarum me per illum deducerunt vicum, atque inscio, et miranti domum illam ostenderunt, in qua natum essem, haud sane amplam seu magnificam, sed qualis exulem decuisset, dixerunt que inter multa unum, quod apud me, ut Livii verbo utar, plus admirationis habuit, quam fidei, Voluisses nonnunquam dominum domus illius, eam amplificare, publique, prohibitum. ne quid es ey specie mutaretur, quae fuisset, quando hic tantillus homuncio, tantusque peccator intra illud limen, in hac laboriosam & miseram vitam venit, proinde illa digito tui cives ostendunt, plusque advenae praestat Aretium quam Florentia suo civi." Petrarca, Opera omnia, Basel 1554, II,1015f.
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[30] Seniles XVI,7: "Nonne igitur audivisti, ut ego ipse, qui si non dicam, cum antiquis, sed cum coetaneis meis conferar nihil sim, dum in Galiis agerem admodum adolescens, nobiles quosdam, & ingeniosos viros, tam de ulteriore Gallia, quam de Italia venientes, ad me vidi admirans, nullo alio negocio tractos, quam ut me viderent, mecumque colloquerentur". Ebd. II,1059.
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[31] Vgl. F. Petrarca, Posteritati, in: Prose, hg. G. Martellotti, Milano 1955, 2.
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[32] Vgl. Fam. XI,5 "mihi nunc tantillus homuncio", Petrarca, Familiarum Rerum libri, II,334; und: Sen. XIII,3: "hic tantillus homuncio", Petrarca, Opera omnia, II,1016.
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[33] "Maximi reges mee etatis et amarunt et coluerunt me; cur autem nescio, ipsi viderent." Petrarca, Posteritati, in: Prose, 6
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[34] "Eloquio, ut quidam dixerunt, claro ac potenti; ut michi visum est, fragili et obscuro." ebd. 6
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[35] "Ibi ergo iam nosci ego et familiaritas mea a magnis viris expeti ceperat; cur autem nescire nunc me fateor et mirari", ebd. 10.
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[36] "Illis in locis moram trahenti - dictu mirabile! - uno die et ab urbe Roma senatus, et de Parisius cancellarii studii ad me litere pervenerunt, certatim me ille Romam ille Parisius ad percipiendam lauream poeticam evocantes." Ebd. 14.
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[37] "Quis insuper adeo insanus erit, ut putet preclarissimum virum atque christianissimum Franciscum Petrarcam, cuius vitam et mores omni sanctitate laudabiles vidimus ipsi, atque, prestante Deo, diu videbimus, et quo neminem magis redimentem non dicam tempus tantum, sed quoscunque temporis labentis athomos noscimus, expendisse tot vigilias, tot sacras meditationes, tot horas, dies et annos, quot iure possimus existimare impensos, si Buccolici sui carminis gravitatem, si ornatum, si verborum exquisitum decus pensemus, ut Gallum fingeret Tyrheno calamos exposcentem, aut iurgantes invicem Pamphylum et Mitionem et alios delirantes eque pastores? Nemo edepol sui satis compos assentiet; et longe minus, qui viderunt, que scripserit soluto stilo in libro Solitarie vite et in eo, quem titulavit De remediis ad utramque fortunam, ut alios plures omictam! In quibus, quicquid in moralis phylosophie sinu potest sactitatis aut perspicacitatis assumi, tanta verborum maiestate percipitur, ut nil plenius, nil ornatius, nil maturius, nil denique sanctius ad instructionem mortalium dici queat." Giovanni Boccaccio De genealogia deorum (XIV,10), hg. V. Zaccaria, in: Tutte le opere, éd. V. Branca, Bd. 7/8,2, Milano 1998, 1420ff.
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[38] "Quem adhuc tacentem, dum reseratis oculis, somnoque omnino excusso acutius intuerer, agnovi eum Franciscum Petrarcham optimum venerandumque preceptor meum, cuius monitus mihi semper ad virtutem calcar exciterant", G. Boccaccio, De casibus virorum illustrium, hg. P.G. Ricci / V. Zaccaria, in: Tutte le opere, hg. V. Branca, Bd. 9, Milano 1983, 652.
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[39] "Ergo agendum est, laborandum est, et totis urgendum viribus ingenium, ut a vulgari segregemur grege. Ut tamquam praeteriti, labore suo profuere nobis, sic et nos nostro valeamus posteris", ebd. 660.
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[40] C. Salutati Epistolario, 4 Bde., hg. F. Novati, Torino 1891-1905, III,321.
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[41] Ebd. I,176-187.
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[42] "hunc Petrarcam, inquam, et divino illo Maroni ac Graiorum vatibus, quos ille victor emulatus est, opponere licet in carmine; Ciceroni atque Demostheni in libera metrorum et pedum regulis oratione ipsiqeu Anneo in moralibus anteferre." Ebd. I,183.
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[43] "Unum impatienter fero, quod ambigere videaris Petrarcam nostrum Homero, Hesiodo, Theocrito, Virgilio, Demostheni, Ciceroni, Varroni vel Senece preferendeum." Ebd. I,337.
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[44] "Hesiodum quidem et Theocritum, quos nominas, quia grece scripserunt iste Bucolica et ille Georgica, quosque sine contentione Maro noster creditur excessisse, facile dimittam; dimittam et Demosthenem, cui etioam Grecorum testimonio equatum esse novimus Ciceronem;" ebd. I,337f.
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[45] "omittam et Varronem, de quo pene nichilo maxime proferendeum posteritati", ebd. I,338.
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[46] "magnum, fator, versibus scribere, sed maximum, crede michi, prosaico stilo cum laudibus plenisque sententiis exundare. quantum flumen a pelago differt, tantum carmina prosis credito fore minora." Ebd. I,338.
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[47] "crede michi, ea non humanum inventum ratione conclusum aut arte traditum, sed divinum quoddam eloquentie oraculum reputares, ut illa pertractans non iam cum Cicerone videatur observanda precipere, sed supra Ciceronem a celesti quodam culmine divinitus resonare." Ebd. I,340f.
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[48] "denique lege cum diligentia Ciceronem; nichil vel preceptum arte vel observatum dicendo poteris invenire, quod non exquisite, floride atque abundanter Petrarca tractaverit." Ebd. I,341.
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[49] "adde quod in metrico dicendi caractere Franciscus Ciceronem sine controversia, cunctis approbantibus, superavit; ut quocunque te verteris, Petrarcam nec Virgilio nec Tullio minorem oporteat confiteri." Ebd. I,342.
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[50] "mirari videris quod ipsum et Virgilio et Ciceroni et plurimis antiquorum duxerim preferendum", ebd. I,131.
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[51] "ut diceres nullam vel parvam comparationem admodum, quo verbum ponam tuum, fieri debere inter priscos illos eruditissimos viros et eos qui his seculis claruerunt." Ebd. I,131.
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[52] "removimus iam, arbitror, totam hanc auctoritatem, umbram et oponionem laudatissime antiquitatis; voloque, si placet, quod quicquid ex prioritate temporum dignitatis et eminentie concepisti, sicut decet, omnino removeas. pura sit, non temporum, sed scientie concertatio." Ebd. I,132.
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[53] "superantur illi a Francisco nostro; non simpliciter, sed Cicero versu, Maro vero, ne contendas, obsecro, solute dictionis ornatu." Ebd. I,144.
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[54] Vgl. z.B. Leonardo Bruni Le vite di Dante e di Petrarca (1436), in: Humanistisch-philosophische Schriften, hg. Hans Baron, Leibzig 1928: "Ebbe il Petrarca nelli studi suoi, una dote singolare, che fu attissimo a prosa ed a verso", ebd. 66.
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[55] Bruni Le vite di Dante e di Petrarca (1436), in: Humanistisch-philosophische Schriften, 50-69.
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[56] "la notizia e la fama di questi due poeti grandemente riputo appartenere alla gloria della nostra città.", ebd. 51.
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[57] Vgl. ebd. 64f.
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[58] Er dürfte dazu von Chrysoloras inspiriert gewesen sein, der seinen Griechischunterricht in Florenz anhand der Parallelviten von Plutarch durchführte. Vgl. z.B. G. Manetti Biographical Writings, éd. St. U. Baldassarri, R. Bagemihl, Cambridge/ Mass. / London 2003, VII.
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[59] So verfaßt Giannozzo Manetti die Vita Petrarcas gemeinsam mit der von Dante und Boccaccio; die Mehrzahl der Manuskripte enthält noch zwei weitere Viten, nämlich die von Sokrates und Seneca, so daß die drei Modernen als Komplement zu den großen Vorbildern der antiken Moralphilosophie präsentiert werden. Vgl. die Einleitung der Herausgeber zu Gionnozzo Manetti Biographical Writings, hg. Stefano U. Baldassarri u. Rolf Bagemihl, Cambridge/ Mass.. u. London 2003, XVff.
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[60] Petrarca, Von seiner und vieler anderer Unwissenheit, 108. "Hi sunt ergo veri philosophi morales et virtutum utiles magistri, quorum prima et ultima intentio est bonum facere auditorem ac lectorem, quique non solum docent quid est virtus aut vitium preclarumque illud hoc fuscum nomen auribus instrepunt, sed rei optime amorem studiumque pessimeque rei odium fugamque pectoribus inserunt." Petrarca De sui ipsius, in: Opere latine, II,1108-1109.
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[61] Vgl. Aristoteles Topik VIII,1, 157a.
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Autor: Sabrina Ebbersmeyer
WWW-Redaktion: Helga Pirner-Pareschi
Ansprechpartner für die Vortragsreihe: Heinrich C. Kuhn (hck@lrz.uni-muenchen.de)
Document created: 2004-09-29
Last update:2004-09-29