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Marianne Pade
Die Rezeption der Plutarchviten in Italien im 15. Jahrhundert.

Text des Vortrags am Seminar für Geistesgeschichte und Philosophie der Renaissance, Universität München,
15.2.2000

Zu diesem Vortrag gibt es ein Handout.

Inhalt:

Ich werde mich in diesem Vortrag mit der lateinischer Überlieferung der Plutarchviten im fünfzehnten Jahrhundert in Italien beschäftigen. Plutarch, der um 120 nach Christus gestorbene Philosoph aus Chaironea in Griechenland, schrieb unter anderem eine Reihe Biographien, von denen heute noch 48 Lebensbeschreibungen großer Staatsmänner erhalten sind. Die meisten sind in Paare geordnet, in denen ein Grieche und ein Römer miteinander verglichen wird, zum Beispiel die großen Generäle Alexander und Cäsar, oder die Redner Demosthenes und Cicero. Dazu kommt bei mehreren Paaren eine comparatio, ein vergleichendes Resümee der Biographien. Plutarchs Schriften wurden im römischen Reich viel gelesen, und sie waren in Byzanz, bis zum Fall Konstantinopels, sehr beliebt.

Im lateinischen Westen wußte man dagegen im Mittelalter wenig über Plutarch. So war John von Salisbury im zwölften Jahrhundert unbekannt, daß Plutarch, den er oft erwähnt, der Verfasser von Biographien war, wie wir im Policraticus, den er im Jahr 1151 vollendete, sehen. Der erste, der Plutarch in Zusammenhang mit den Lebensläufen brachte, war Petrarca 200 Jahre später im Brief an Seneca. Er nennt ihn Lehrer Traians, eine Fehlinformation aus dem Policraticus, aber immerhin wußte er, daß Plutarch berühmte Griechen und Römer miteinander verglichen hatte. Es ist nicht klar, woher er diese Information hatte: Er behauptete irrtümlich, daß Plutarch Platon und Aristoteles mit Varro und Homer mit Vergil verglichen hätte; er erwähnt jedoch auch Vergleiche zwischen Demosthenes und Cicero, Cäsar und Alexander dem Großen, die im Werk Plutarchs wirklich existieren.

Ca. um 1380 gab der Aragoneser Juan Fernandez de Heredia, Großmeister des Hospitalritterordens auf Rhodos, für seine Grant Crónica de Espanya und Grant crónica de los conquiridores eine Übersetzung der Lebensbeschreibungen Plutarchs in Auftrag. Wir kennen die Geschichte dieser und der darauf basierenden Übersetzungen aus dem Vorwort zur italienischen Version. Auf Rhodos wurden die Viten ins Neugriechische übersetzt, höchstwahrscheinlich mündlich, davon dann ins Aragonesische. Coluccio Salutati, florentinischer Kanzler und nach Petrarca die zentrale Figur der humanistische Bewegung, wußte schon am Beginn der neunziger Jahre von dieser aragonesischen Übersetzung; es gelang ihm, davon eine Kopie zu erhalten, die er ins Lateinische übersetzen lassen wollte. Dieser Plan wurde nicht verwirklicht, aber wir kennen, wie gesagt, eine anonyme Übersetzung der aragonesischen Viten ins Italienische. Von ihr gibt es mindestens vierzehn zum Teil vollständige, zum Teil als Fragment erhaltene Handschriften: Novati, der Herausgeber des Salutati-Briefwechsels, hat vorgeschlagen, daß Salutati die italienische Übersetzung veranlaßt hätte, damit der junge Leonardo Bruni daraus eine lateinische Version erstellen könnte. Ein wesentlicher Grund, daß dieser Plan nicht weiter verfolgt wurde, war, daß in Florenz Altgriechisch mittlerweile unmittelbar zugänglich wurde.

Im Jahr 1397 gelang es Salutati, den charismatischen byzantinischen Diplomaten und Gelehrten Manuel Chrysoloras als Griechisch-Professor am florentinischen Studio anzustellen; das ist der Beginn einer ununterbrochenen Tradition für Griechisch-Studien, die bis heute andauert. Als Chrysoloras in Florenz zu unterrichten begann, konnte er an das bereits vorhandene Interesse an Plutarch anknüpfen. Plutarch spielte in Chrysoloras' Unterricht eine wichtige Rolle. In einem Brief an Salutati erklärt er, daß Plutarch der am besten geeignete griechische Schriftsteller sei, die Italiener in die griechische Literatur einzuführen, weil er über berühmte Persönlichkeiten beider Kulturen geschrieben habe.

Die erste Übersetzung einer Plutarch-Vita ins Lateinische ist die Brutus-Biographie, die Iacopo Angeli da Scarperia, ein Schüler von Chrysoloras, im Jahr 1400 publizierte. Damit begann eine lange Reihe von lateinischen Übersetzungen der Viten. Um 1462 waren alle 48 Viten auf Latein zugänglich, einige wurden sogar mehrfach übersetzt, und die Übersetzungen sind in hunderten von Handschriften erhalten.

Das Interesse der Humanisten am neuen Text und die Präferenzen des Chrysoloras lassen es als natürlich erscheinen, daß sich eine Teil der Biographien Plutarchs vom Beginn des 15. Jahrhunderts an auf Lateinisch verbreitete. Damit erklärt sich aber nicht das enorme Interesse dieser Periode an Plutarch, eine Rezeption, die sich sowohl in Übersetzungen wie auch in Imitationen, wissenschaftlichen Diskussionen und in der bildenden Kunst manifestiert.

Einige Forscher haben versucht, soziale und kulturelle Umstände zu benennen, die die Rezeption Plutarchs begünstigten. So hat man betont, daß sich in Italien am Ende des 14. Jahrhunderts eine gebildete Mittelklasse entwickelte, die als Ideal nicht mehr die vita contemplativa hatte, sondern die aktive Teilnahme am öffentlichen Leben, die durch philosophische Studien geleitet werden sollte. Genau dieser Menschentyp wurde von Plutarch beschrieben, zum Beispiel in Dion, dem Staatsmann, der die platonische Vorstellung des Philosophen-Königs zu verwirklichen versuchte.

Das gemeinsame und überhaupt zentrale Thema der Plutarch-Viten sind die Umstände, die den Staatsmann schaffen können und hervortreten lassen, und die Beschaffenheit eines großen Staatsmanns, also das Verhältnis zwischen aretê und tychê, der Tugend, Tatkraft, bzw. dem Schicksal, Zufall, im menschlichen Leben. Das Italien des 15. Jahrhunderts ist durch seine soziale Mobilität gekennzeichnet, und für die homines novi, wie zum Beispiel Coluccio Salutati, Leonardo Bruni, oder einen condottiere wie Francesco Gonzaga musste die Betonung der Möglichkeiten des Individuums attraktiv sein.

Die Hervorhebung der Möglichkeiten des Einzelnen sowohl in persönlicher Hinsicht als auch im Rahmen des öffentlichen Lebens hatte Plutarch mit der Geschichtsschreibung der Renaissance gemeinsam. Im Gegensatz dazu wurden in der mittelalterlichen Historiographie die Ereignisse meist in moralischen Begriffen erklärt, und Erfolg und Misserfolg als Lohn, bzw. Strafe für Sünden verstanden; die Renaissance dagegen bevorzugte eine säkularisierte Interpretation historischer Abläufe. Die Ereignisse der staatlichen Geschichte wurden mit den Fähigkeiten, Plänen und der Begabung der menschliche Akteure, als Resultat kultureller oder politische Umstände, erklärt.

Darüber hinaus darf man nicht vergessen, daß für die italienischen Leser des 15. Jahrhunderts die Lebensbeschreibungen eine bis dahin unbekannte Quelle zur römischen Geschichte waren, die in einigen Fällen auch Personen und Ereignisse darstellten, die in der lateinischen Überlieferung übergangen worden waren.

Auswahl der Texte

Diese Überlegungen erklären die enorme Popularität der Lebensbeschreibungen Plutarchs in der Renaissance in Italien. Offen bleibt dabei aber, warum einige Biographien schneller übersetzt und verbreitet wurden als andere. Im folgenden werde ich versuchen, die Geschichte der lateinischen Viten unter zwei Gesichtspunkten zu beschreiben: Erstens werde ich die Wahl der einzelnen Texte anhand des politischen und kulturellen Kontexts zu erklären versuchen, in dem sich Übersetzer und Publikum jeweils befanden; zweitens werde ich auf einen anderen wichtigen Aspekt, nämlich die weitere handschriftliche Verbreitung, eingehen.

Die Beziehungen zwischen den humanistischen Übersetzer und dem Empfänger der Übersetzung sind im Fall der Lebensbeschreibungen Plutarchs vielfältig. Wir finden den am Hof angestellten Humanisten, aber ebenso finden wir viele Übersetzungen, die in der oft vergeblichen Hoffnung auf Lohn an einen Herrscher geschickt wurden. In solchen Fällen liegt die Annahme nahe, daß das einem Mäzen überreichte Werk auf die Vorlieben des Empfängers einging.

Es ist allerdings nicht selten, daß der Empfänger sich auf demselben sozialen Niveau wie der Übersetzer befand; hier kann man die Wahl des Texts nicht mit den Mechanismen des Mäzenatentums im engeren Sinn erklären. In jedem Fall wird die Wahl der Übersetzung aber von der Ideologie der Umgebung beeinflußt, ein Einfluß, der von sozialen und politischen Notwendigkeiten bestimmt war.

Florenz 1400-1415 (siehe Handout)

In Florenz stand die Plutarchrezeption von Anfang an in engen Zusammenhang mit der allgemeinen politischen Entwicklung. Die Situation Florenz' in den ersten Jahrzehnten des 15. Jahrhunderts war folgendermaßen: Die florentinische Republik wurde in der Realität von einer begrenzten Zahl reicher Familien beherrscht; immerhin gab es eine gewisse soziale Mobilität, die es Leuten wie Coluccio Salutati und Leonardo Bruni erlaubte, wichtige Posten in der Regierung zu erreichen und beachtliche Vermögen zu erwerben. Diese beiden, zusammen mit Iacopo Angeli, Roberti de' Rossi, Niccolò Niccoli und Guarino Veronese, waren der Kern der kulturellen Avantgarde von Florenz. Wie aus den verteilten Fotokopien ersichtlich, waren sie alle entweder Plutarchübersetzer oder Empfänger der Übersetzungen. Unter Bezug auf diese Gruppe oder auf den Humanismus am Anfang des 15. Jahrhunderts führte Baron der Begriff des civic humanism ein. Damit wollte er den Umstand bezeichnen, daß die Humanisten Philologie, Historiographie und Literatur in den Dienst des Staates oder der staatlichen Ideologie stellten. Der florentinische staatsbürgerliche Humanismus verherrlichte die republikanischen Werte der Stadt und bekräftigte den gegenwärtigen Ruhm durch den Bezug auf die Antike: Als Gründer der Stadt galt nicht mehr wie im Mittelalter Cäsar; eine neue Lektüre vor allem von Cicero und Sallust zeigte, daß Florenz schon zu Zeiten der römischen Republik von Veteranen Sullas gegründet worden war. Florenz war also nicht die Erbin des römischen Kaiserreichs, sondern eben der Republik.

Baron und andere haben die betont republikanische Gesinnung dieser Periode hervorgehoben, eine Gesinnung, die sowohl in den zeitgenössischen Schriften als auch in der Lektüre der antiken Autoren hervortritt. Auch die Serie der insgesamt sechzehn Übersetzungen von Plutarchs Viten in dieser Zeit kann als Ausdruck dieser Ideologie gesehen werden. Die vier Viten, die Iacopo Angeli im ersten Jahrzehnt des 15. Jahrhunderts übersetzte, behandeln alle Helden des Endes der römischen Republik: Brutus, den Cäsar-Mörder, Cicero und Pompeius, seine wichtigsten Gegenspieler, Marius, den Protagonisten des Bürgerkriegs. Der von Bruni übersetzte Antonius ist eine wichtige Quelle für die Ereignisse derselben Periode, in denselben Zeitraum gehört auch der jüngere Cato, der Verteidiger der alten republikanischen Werte. Die anderen Übersetzungen Brunis behandeln zum Großteil republikanische Helden, Aemilius Paulus, Sertorius, die Gracchen; dazu kommt der Cicero novus, eine Bearbeitung der entsprechende Plutarch-Biographie. In römischen Kontext gehört auch Brunis Pyrrhus; das ist zwar die Lebensbeschreibung eines nichtrömischen Staatsmanns, aber eine wichtige Quelle für die Geschichte Roms im dritten Jahrhundert vor Christus.

Die letzte Humanist der besprochenen Gruppe ist Guarino Veronese, später der berühmteste humanistische Lehrer des fünfzehnten Jahrhunderts. Er unterrichtete von 1410 an vier Jahre in Florenz. Mit dem florentinischen Ambiente ist er nicht besonders eng verbunden, die Briefe dokumentieren aber seine enge Freundschaft mit den wichtigsten Förderern der studia humanitatis wie Angelo Corbinello und Roberto de' Rossi, dem er den Flamininus widmete. Im Widmungsbrief hebt er die Griechischstudien Rossis hervor, und vergleicht ihn mit dem großen römischen Philhellenen Flamininus. Mit dieser Biographie und den Übersetzungen von Marcellus und Coriolanus haben wir wieder eine Serie republikanischer Helden vor uns. Die Cäsar-Biographie ist ein Fall für sich. Cäsar war als monarchischer Reichsgründer in Florenz ganz bestimmt persona non grata. Wir wissen aber, daß Guarino, unzufrieden mit seiner Situation in Florenz, sich nach einer anderen Stellung umsah; die Widmung von Alexander und Cäsar, die ich vor einigen Jahren in einer Handschrift der Biblioteca Vaticana gefunden habe, ist an eine hochrangige Persönlichkeit gerichtet, von der, wie aus dem Brief hervorgeht, Guarino Unterstützung suchte. Eine solche Persönlichkeit fand sich eher in einer Signoria als in einer Republik; die Übersetzung war also offenbar für eine Publikum außerhalb von Florenz bestimmt.

Venedig 1414-1432 (siehe Handout)

Im Jahr 1414 ging Guarino, und mit ihm des Zentrum der Plutarchstudien, von Florenz nach Venedig, wo er fünf Jahre blieb. Während seines Aufenthalts erscheinen zehn Biographien, übersetzt sowohl von ihm als auch von seinen Schülern Francesco Barbaro und Leonardo Giustinian. Als Angehörige patrizischer Familien nahmen sie an der Regierung teil und waren Repräsentanten der einflußreichsten Schicht der Serenissima. Venedig war keine römische Gründung, und seine Gründungsmythen und seine kulturelle Ausrichtung waren von denen anderer italienischer Städte verschieden. In einigen Fällen sehen wir, daß eher Griechenland als Rom als Vorbild diente. Venedig hatte intensivere kulturelle und politischen Beziehungen zum Orient als alle anderen italienischen Städte, und sein maritimes Imperium ließ es eher Athen als Rom ähnlich erscheinen. Als Georg von Trapezunt 1451 die Gesetze Platons übersetzte, schrieb er an Barbaro, die Gründer Venedigs hätten das Werk Platons zu Rate gezogen; er widmete die Übersetzung Barbaro und dem venezianischen Staat. In seinem Dankesbrief beschrieb Barbaro, wie sich seine Vorfahren in ihrer Gesetzgebung an Platon orientiert hätten, wie die Kreter an Minos, und die Athener an Solon.

Sicher reflektiert die Übersetzungstätigkeit Guarinos in dieser Zeit die kulturelle Orientierung seiner Schüler: Die Plutarchübersetzungen behandeln ohne Ausnahme griechische Helden. Dion und Phokion waren, wie eben die alten Venezianer, Schüler Platons, und vor allem Dion versuchte die politischen Ideen Platons zu realisieren. Guarino übersetzte Dion für Francesco Barbaro, und fertigte teilweise selbst das Präsentationsexemplar an, das sich heute in Oxford befindet. Die Wahl eines Texts, der sich teilweise mit dem politischen Denken Platons beschäftigte, war keineswegs zufällig. Bei einer anderen Gelegenheit adnotierte Guarino für Barbaro eine Handschrift von Platons Republik, in der lateinischen Übersetzung von Chrysoloras und Uberto Decembrio (die Michael Allen hier im letzten Sommersemester besprochen hat); sicherlich von Chrysoloras hatte Guarino die Idee, daß die Werke Platons für die Erziehung und literarische Bildung der jungen Patrizier besonders gut geeignet waren. Barbaro, seinerseits, verwendete Platons Werk und Guarinos Kommentare für sein Traktat De re uxoria.

Die Übersetzung des Themistocles, des Helden von Salamis, widmete Guarino dem alten Admiral Carlo Zeno, der die Genueser bei Chioggia besiegt hatte. Die Übersetzung erschien ein Jahr nach der Schlacht bei Gallipoli, der ersten zwischen venezianischen und türkischen Schiffen. Die Venezianer, obwohl siegreich, konnten die Bedrohung nicht wirklich eliminieren. Mit der Widmung an Zeno verband Guarino implizit eine weitere Identifikation: Zeno wurde der neue Themistokles, und Venedig das Athen, das gegen eine Großmacht des Orients kämpfte, die Perser bzw. Türken.

Barbaro und Giustinian waren die ersten, die ganze Paare der Lebensbeschreibungen übersetzten, Aristides und Cato, und Kimon und Lukullus. Ich möchte hier die historischen Parallelen nicht überbetonen; aber es ist doch bemerkenswert, daß Aristides und Kimon, die beiden griechischen Biographien, die eine den Begründer, die andere den wichtigsten Admiral des delisch-attischen Seebundes, das heißt des athenischen Seeimperiums behandelten, also eben der Stadt, die als politisches und kulturelles Modell für die venezianischen Humanisten des Anfangs des 15. Jahrhunderts vieles zu bieten hatte. Außerdem war für den Empfänger des Cimon, den König von Zypern Enrico Lusignan, die Identifikation mit den griechischen Gegnern der Perser/Türken sicherlich sehr leicht.

Florenz nach 1430 (siehe Handout)

Das Resultat der innenpolitischen Krisen in den dreißiger Jahren in Florenz waren das Exil und die Rückkehr Cosimo de' Medici als de facto Herrscher der Stadt: Die Republik befand sich offensichtlich in einer Krise. Wie auch anderswo wurde die Diskussion über die aktuelle Situation über Beispiele aus der klassischen Antike artikuliert; die Unzufriedenheit mit der Verfassung drückt sich unter anderem in einem gesteigerten Interesse an der gemischten Verfassung Spartas aus. Im Jahr 1432 hielt sich der Humanist Francesco Filelfo in Florenz auf; hier widmete er dem Kardinal Nicola Albergati zusammen mit Xenophons Agesilaos, der Biographie des spartanischen Königs, und seiner Res publica Lacedaemoniorum, auch das plutarchäische Paar Lykurg und Numa. Zur Übersetzung der Lykurg-Biographie hatte sich Filelfo vor allem durch die Notwendigkeit einer historischen Vertiefung der spartanischen Problematik veranlaßt gesehen; so hatte er seine Textwahl in einem Brief an Palla Strozzi gerechtfertigt. Die Numa-Biographie habe er nur aus sich bietender Gelegenheit und aus Gründen der Vollständigkeit hinzugefügt. In der Widmung weist Filelfo darauf hin, daß die in der Lykurg-Vita zum Ausdruck kommende Weisheit Grundlage für Wachsen und Reichtum von Städten und Staaten gewesen sei, sie in Frieden bewahrt und zu ihrer Verschönerung beigetragen habe. Zweifellos spielt er mit dem lateinischen Namen von Florenz, Florentia, wenn er von den "florentissimae respublicae" spricht; damit unterstreicht er die Relevanz des Plutarch-Texts für die problematische Situation der Stadt.

Als sich nach 1434 Cosimo als primus inter pares und effektiver Souverän der Stadt etablieren kann, spiegelt sich seine Position in Schriften wider, die ihn als zweiten Gründer der Stadt, als Friedensbringer und als Pater patriae bezeichnen. Ihm und anderen Mitgliedern der Familie wurden Biographien von Helden gewidmet, die aus ähnlichen Gründen berühmt geworden waren: Themistokles, der das Vaterland rettete, Timoleon, der Syrakus vom Tyrannen befreite, die Gesetze reorganisierte, Frieden nach Sizilien brachte und als oikistês, Stadtgründer, geehrt wurde; und Camillus, nach der Gallier-Invasion von 387/6 vor Christus, der zweite Gründer der Stadt.

Rom und die Kurie (siehe Handout)

Die letzte Gruppe von Übersetzungen, auf die ich eingehen will, ist mit den politischen Kämpfen des Papsttums in den dreißiger und Anfang der vierziger Jahre verbunden. Am Anfang des 15. Jahrhunderts war die Auffassung allgemein verbreitet gewesen, daß zur Überwindung des Schismas das Papsttum vereint werden und nach Rom zurückkehren müsse.

Während des Schismas hatten die Päpste die politische und militärische Kontrolle über Mittelitalien verloren. Als Oddo Colonna, Angehöriger einer einflußreichen römischen Familie, 1417 als Martin V. zum Papst gewählt wurde, bot sich die Möglichkeit, die Kurie in Rom zu reetablieren. Martin gelang es auch, die Kontrolle über der Kirchenstaat zu erlangen; er mußte sich dabei allerdings auf die Hausmacht der Colonna stützen; Sie weigerten sich, die Kontrolle über ihre Festungen an seinen Nachfolger zu übergeben, den Venezianer Eugen IV., der 1431 gewählt wurde. Im darauffolgenden Konflikt musste Eugen zunächst aus Rom fliehen. Allmählich gelang es ihm, die verlorenene Territorien zurückzugewinnen, vor allem dank des militärischen Talents des Kardinals Giovanni Vitelleschi. 1443 konnte er erneut in Rom einziehen. Anerkennung fanden die Leistungen des kriegerischen Kardinals unter anderem in der Übersetzung der Vita des athenischen Generals Perikles, der im Widmungsbrief an Vitelleschi als würdiger Vorgänger hinsichtlich der gloria militaris bezeichnet wurde. Der Übersetzer, Lapo da Castiglionchio, war einer der an der Kurie angestellten Humanisten.

Die Päpste verstanden sich nicht nur als Nachfolger Petrus', sondern auch als Erben der säkularen Macht der römischen Kaiser. Das Ende des Schismas und die Etablierung des Papsttum in der Ewigen Stadt wurden wie eine zweite Gründung der Stadt und die Rückkehr der gesetzmäßigen Ordnung gefeiert: dies kam auch in den an der Kurie übersetzten Plutarch-Biographien zum Ausdruck. Lapo übersetzte das Paar Solon und Publicola für Eugen und für den römischen Kardinal Giordano Orsini. Solon ist der weise Gesetzgeber Athens, Publicola, auch er Gesetzgeber, war nach der Überlieferung einer der ersten römischen Konsuln im Jahr 509 vor Christus. Das Paar Romulus, der Gründer Roms, und Theseus widmete Lapo dem Neffen Martins V., Prospero Colonna. Colonna wurde 1430 zum Kardinal ernannt, und galt am Hof Eugens als Förderer humanistischer Studien und der Humanisten. Vor allem die Widmung der Vita des Romulus mußte dem Abkömmling einer der ältesten Familien Roms willkommen sein. Der Rom-Mythos bleibt in der Literatur der Kurie auch weiter aktuell. Zwei Jahre später, während des Konzils von Ferrara, übersetzte der junge Giovanni Tortelli die Romulus-Biographie erneut, und auch in seinem Werk De Orthographia findet sich unter dem Lemma Rom eine längere Abhandlung über die Ursprünge Roms, die der Plutarchvita viel zu verdanken hat.

Die handschriftliche Überlieferung

Bis jetzt habe ich die Umständen besprochen, unter denen die Biographien übersetzt wurden. Ein anderer wichtiger Aspekt der Fortuna der Plutarch-Viten ist ihre Verbreitung in Handschriften und Drucken. Ich habe ungefähr fünfhundert Handschriften mit unterschiedlicher Anzahl von Biographien registrieren können; dazu kommen acht Inkunabeldrucke des gesamten Korpus. Das erste datierbare Manuskript gehört in das Jahr 1403; es ist vom auch sonst bekannten Frater Thebaldus in Florenz geschrieben und enthält eine der beiden bis dahin übersetzten Biographien, den Brutus von Iacopo Angeli. Zusammen mit der Plutarch-Vita enthält die Handschrift Texte, die aus Florentiner humanistischen Kreisen stammen. Vom Anfang des Jahrhunderts sind zwei weitere Handschriften; Zehn Handschriften sind in das zweite Jahrzehnt des Jahrhunderts datiert worden; davon sind zwei während des Konzils von Konstanz kopiert und markieren so den Beginn der Verbereitung der Übersetzungen nördlich der Alpen. Sechs Handschriften gehören in die zwanziger Jahre; vierzehn in die dreißiger, und in dieser Periode beginnen auch die großen Sammlungen der Biographien. Der größte Teil der Handschriften wurde in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts kopiert, einige auch noch am Anfang des nächsten.

Für die Beurteilung der Verbreitung der einzelnen Biographien ist nicht nur die Anzahl der Kopien wichtig, sondern auch der Kontext, in dem sie auftauchen, entweder zusammen mit anderen Biographien oder anderen nicht von Plutarch stammenden Texten. In der handschriftlichen Überlieferung zeigen sich mehrere Kompositionsmodelle, verschiedene Typen von Sammlungen; die Analyse der Zusammensetzung kann uns also Aufschluß geben, wie die enthaltenen Texte von den zeitgenössischen Lesern aufgefaßt wurden.

Hin und wieder war die Zusammensetzung einer Handschrift nur von dem Wunsch motiviert, eine Gesamtausgabe der Plutarch-Viten zu besitzen. Ich kenne einige Handschriften, die alle zu ihrer Entstehungszeit zugänglichen Viten umfassen, aber nur zwei, in denen alle achtundvierzig Biographien enthalten sind. Eine davon ist heute in Cesena, bestellt von Malatesta Novello, die andere heute in der Biblioteca Laurenziana. Die beiden Sammlungen repräsentieren zwei verschiedene Typen von Handschrift. Die Malatesta-Sammlung beginnt mit dem Paar Alexander und Cäsar, und die illuminierten Initialen zeigen die Helden in vollem Herrscherglanz. Ich kenne siebzehn Sammlungen mit Alexander und Cäsar am Anfang, oft große und kostbare Handschriften, die schon in ihrem Äußeren darauf hinweisen, daß die Viten als Fürstenspiegel zu verstehen sind. Ein großartiges Exemplar mit zweiunddreißig Biographien wurde etwa für Federico da Montefeltro verfertigt. In der Handschrift der Laurenziana dagegen sind die Viten ungefähr chronologisch nach den Römern geordnet, dies im Gegensatz zu den griechischen Manuskripten, die die Biographien nach der Chronologie der griechischen Helden anordnen. Dieselbe Anordnung, also nach der Chronologie der Römer, findet sich in den Drucken und häufig in Handschriften wieder. Sie deutet auf eine Lektüre Plutarchs hin, die dessen Wert für die römische Geschichte unterstreicht. Diese Tendenz ist noch stärker ausgeprägt in den Handschriften, die die Paare zusammenstellen, aber die Biographie des Römers vor die griechische stellen. Von diesem Typ kenne ich eine Sammlung in Brüssel, die passenderweise auch die Roma instaurata von Flavio Biondo enthält, und eine Handschrift im Vatikan, die Tomasso Parentucelli, dem späteren Papst Nikolaus V., gehörte.

Eine größere Zahl von Handschriften enthalten mehr oder weniger ausschließlich die Texte, die für die römische Geschichte wichtig sind; einige enthalten nur die römischen Biographien, andere enthalten auch andere relevante Schriften. Ein Beispiel ist eine Handschrift in Neapel, die Lucullus, Cato maior und Marcellus enthält, zusammen mit der Polybius-Bearbeitung De bello Punico von Leonardo Bruni. Eine Handschrift in London enthält Cicero und Sertorius zusammen von Sallusts Catilina und Jugurta. Ein Ottobonianus in der Vaticana, zu Teil autograph von Giovanni Tortelli, enthält die Romulus-Biographie und danach seine Topographia Urbis Romae, also das Lemma Rom aus De orthographia.

Andere Handschriftengruppen reflektieren das Ambiente, in dem die Viten übersetzt wurden. Die Übersetzungen der Florentiner Humanisten sind gerne zusammen überliefert, oft mit anderen Texten derselben Herkunft, zum Beispiel den Biographien von Dante, Petrarca und Boccaccio von Gianozzo Manetti. Es gibt eine venezianische Gruppe mit den Arbeiten von Guarino, Francesco Barbaro und Leonardo Giustinian. Eine Reihe von Handschriften steht in Zusammenhang mit der Polemik über Scipio und Cäsar; sie enthalten die Viten, die für die Beurteilung Cäsars wichtig sind, nämlich Cäsar, Brutus, Cato der Jüngere, Cicero und Pompeius, und die polemischen Beiträge von Poggio und Guarino, die die republikanische der monarchischen Verfassung gegenüberstellen.

Die Übersetzungen der Viten sind Produkte der humanistischen Kultur. In dieser Verbindung möchte ich auf einen anderen Umstand eingehen, der sie in der lateinischen Kultur des Humanismus ansiedelt, nämlich das materielle Äußere eines Teils der Handschriften. Eine großer Teil der Handschriften sind aus Pergament, oft kostbare illuminierte Bücher, aber trotz vieler Miniaturen finden wir so gut wie nie Illustrationen zum Text. Miniaturen, die über Randornamente und das Stemma des Bestellers hinausgehen, sind in klassischen und humanistischen Handschriften selten, dagegen häufig in Büchern in Volgare. Ich kenne nur eine Handschrift, aus der Lombardei und heute in der British Library, in der die Handlung illustriert wird, nicht nur in den Initialen, sondern in großem Umfang; für jede Vita sind eine oder mehrere zentrale Ereignisse abgebildet. Eine andere Handschrift in London hat eine Serie von individualisierten Heldenporträts; eine ähnliche Serie finden wir in einer Handschrift der Laurenziana, die für Piero de' Medici angefertigt wurde. In beiden Fällen sehen wir, daß die Römer dem Künstler oder dem, der die Illustrationen für den Künstler entwarf, besser vertraut waren, während die griechischen Porträts weniger individuelle Züge tragen. In einer Florentiner Handschrift, die heute in Modena liegt, haben die Initialen narrative Darstellungen; auch hier haben die Abbildungen der Römer mehr Details. Schließlich finden wir in einigen Fällen in der Initiale der ersten Vita ein Porträt entweder Plutarchs oder des Helden der Biographie. Da nicht wenige Handschriften mit Alexander und Cäsar beginnen, haben wir also eine größere Anzahl von Alexander-Porträts; es scheint aber, daß sie von der Ikonographie der übrigen Alexander-Literatur nicht beeinflußt wurden.

Im Kontrast dazu ist es interessant zu sehen, daß für die wichtigste Volgare-Übersetzung des 15. Jahrhunderts eine Reihe von Illustrationen existiert. Es handelt sich um Ergänzungen der Volgare-Übersetzung der Historia Alexandri von Curtius, die Pier Candido Decembrio angefertigt hat. Der Curtius-Text ist nur lückenhaft überliefert, die ersten beiden Bücher fehlen, auch im Rest sind Lücken; Decembrio füllte einige dieser Lücken mit passenden Passagen vor allem aus Plutarchs Alexander aus. Die prachtvollste der Handschriften dieses Texts ist lombardischen Ursprungs und befindet sich heute in Siena. In der Handschrift ist sowohl beim Supplement am Anfang als auch in allen anderen Büchern ein zentrales Ereignis der Erzählung abgebildet. In einem aus Plutarch entnommenen Teil finden wir die Schlacht zwischen Darius und Alexander am Granicos abgebildet, eine, soweit ich weiß, in der Plutarch-Ikonographie einzigartige Darstellung.

Fortuna und virtus (siehe Handout)

Ich habe am Anfang meines Vortrags erwähnt, daß für die Leser des 15. Jahrhunderts Plutarchs Diskussion der Möglichkeiten des Individuums im Verhältnis zwischen tycheê und aretê, zwischen virtus und fortuna, besonders interessant war. Ich werde zum Schluß auf einigen Aspekten der Rezeption dieser beiden Begriffe im fünfzehnten Jahrhundert im Rahmen der Plutarchübersetzungen eingehen.

Am Anfang des Humanismus scheint eine Moralphilosophie vorzuherrschen, die neben stoischen Einflüssen auch platonische und peripatetische Elemente hatte. Die fortuna, die oft Ähnlichkeit mit der Vorsehung hatte, war im großen und ganzen eine schädliche Kraft, gegen die man sich zu verteidigen hatte. Die einzig mögliche Verteidigung war die virtus, die lehrte, die Angriffe der fortuna zu ertragen und Maß zu halten, wenn sie sich zu geneigt zeigte. Die virtus diente dazu, den Menschen gegen die Umschwünge der fortuna immun zu machen, die fortuna selbst wurde dadurch allerdings nicht beeinflußt. Beispiele für solche Auffassungen finden wir bei Salutati oder Poggio Bracciolini.

Bei Plutarch ist in den Viten, aber auch in Opuscula wie De virtute aut fortuna Alexandri, oder De fortuna Romanorum, die Darstellung der aretê zentral; mit Hilfe der aretê kann man nicht nur den Angriffen der feindlichen fortuna widerstehen, und sich im umgekehrten Fall maßvoll verhalten. Die aretê zeigt sich auch und vor allem in den Taten, besonders im öffentlichen Leben: Plutarch bezeichnet Alexander wegen seinen großen Taten als "Philosophen in Aktion", und ihm gibt klar den Vorrang vor den "nur" theoretischen Philosophen; Politik und Moralphilosophie werden miteinander verbunden. Dieses Konzept ist ein Leitfaden in den Viten, die ja den Charakter großer griechischer und römischer Staatsmänner illustrieren sollten.

Die moralische Bildung des Menschen ist also nicht Selbstzweck, sondern befähigt den Menschen, sich in einer dem Staat nützlichen Weise zu verhalten. Und die fortuna kann überwunden werden; Plutarch ist hier, scheint mir, optimistischer, was die Möglichkeiten des Menschen betrifft, als viele Verfasser am Anfang des Humanismus.

Unter diesen Voraussetzungen kam der Übersetzung von tychê und aretê ins Lateinische zentrale Bedeutung zu. Die Etymologie des griechischen Worts aretê ist bis heute umstritten. Zwei Etymologien scheinen möglich: entweder von areskô, aresai, also erleichtern, versöhnen, gefallen, oder von areiôn, aristos, besser, der beste. In einem der letzten griechischen etymologischen Wörterbücher hat Pierre Chantraine sich kategorisch geäußert, aretê habe keinen Bezug zu areskô, die Ableitung von areiôn sei wahrscheinlich. Dieser Meinung haben sich die späteren Gelehrten im wesentlichen angeschlossen. Wie auch immer, die lateinische Übersetzung von aretê mit virtus, die seit Cicero geläufig ist, gibt nur einen Teil der Bedeutung wieder. Die ältesten Wörterbücher versuchten einen Zusammenhang mit der Wurzel von Ares, dem Kriegsgott, herzustellen, dies auf der Basis des lateinische virtus, das als "männliche Kraft" oder ähnliches verstanden wurde. Eine Übersetzung von aretê mit praestantia, wie sie Vito Giustiniani vorgeschlagen hat, wäre vorzuziehen. Obwohl der Begriff virtus von Cicero in philosophischem Kontext gebraucht wurde, war es durch die Jahrhunderte klar, daß er kein genaues Äquivalent zu aretê war. Wie Valla gezeigt hat, kommt in griechischen Neuen Testament aretê niemals vor, während wir in der Vulgata virtus einige Male finden, allerdings als Äquivalent des griechischen dynamis. Andererseits ist Plutarch einer der wenigen griechischen Schriftsteller, die von römischen Denken beeinflusst wurden, und wir finden bei ihm Beispiele, in denen aretê die Bedeutung von virtus angenommen hat, das heißt also "Kraft" eher als "hervorragender Zustand".

Dieses Problems scheinen sich auch die Humanisten bewußt gewesen zu sein. Ich habe einige humanistische Übersetzungen hinsichtlich der Wiedergabe dieser Begriffe untersucht. Als Fallstudie habe ich eine Übersetzung ausgewählt, die weite Verbreitung gefunden hat und deshalb als einflußreich gelten kann, und in der darüber hinaus Plutarch die Bedeutung von aretê und tychê diskutiert, nämlich den Phokion von Leonardo Giustinian. Wir werden sehen, daß für keines der beiden Konzepte automatisch jeweils virtus oder fortuna gebraucht wird.

Im ersten Kapitel des Phokion diskutiert Plutarch die Rolle von aretê und tychê im Leben des Helden; er weist darauf hin, daß die schwierigen Lebensumstände Phokions seine Vorzüge überschattet und ihre Anerkennung vermindert hätten. Schon hier sehen wir, daß der Übersetzer auf den Begriff aufmerksam ist, Plutarch spricht nur von der aretê des Phokion, der Übersetzer dagegen von den virtutes magnas und eximias. Im Gegensatz zur aretê stehen hai tychai tês Hellados, sie werden übersetzt mit Graeciae calamitates atque procellae - fortuna bleibt in der Übersetzung Giustinians unerwähnt. Beide Stellen gehören zu einer Passage, in der Plutarch in Kritik an Sophokles virtus über die fortuna stellt, unter der Einschränkung, daß fortuna/tychê oft die Anerkennung der aretê verhindere (siehe Handout).

Weiter unten begründet Plutarch, warum er Phokion und Cato kombiniert habe; dabei charakterisiert er Cato als einen Menschen, der mit seinen Fähigkeiten der tychê widerstanden, ja sie fast überwunden habe. Hier ist die tychê jene schädliche Kraft, die die römische Republik zerstörte; offensichtlich liegt für Plutarch der Schwerpunkt mehr auf dem praktischen Handeln Catos als auf seinem Charakter. Auch hier war virtus allein nicht ausreichend, um aretê wiederzugeben; Giustinian spricht von der virtus und constantia des Helden. Im selben Kapitel, in einem Passus, der sehr frei übersetzt ist, werden die aretai, die Phokion und Cato gemeinsam haben, von Giustinian mit natura et ingenium und vielleicht mit institutum wiedergegeben. Als Antithese fügt Giustinian auch fortuna ein, das im griechischen Text kein Äquivalent hat (siehe Handout).

Weiter Stellen, in denen die Übersetzung von aretê den vollen Umfang der griechischen Wortbedeutung wiedergeben will, finden wir im Kapitel 14, wo Giustinian von genere et virtute spricht (siehe Handout), und in Kapitel 27, wo aretê mit vita, moribus, virtute wiedergegeben wird (siehe Handout). Andererseits bezeichnet er mit virtus eine militärische Tatkraft in einem Passus, in dem im griechische aretê nicht vorhanden ist (siehe Handout). Dazu passt ein Beispiel aus der Übersetzung des Philopoimen von Guarino, wo virtus dem griechischen andreia entspricht (siehe Handout). Um zu Giustinian zurückzukehren, es scheint, daß er sich klar über die ursprüngliche Verschiedenheit der beiden Begriffe oder wenigstens über einen Bedeutungsunterschied zwischen aretê und virtus war. Dies gilt auch für andere Übersetzer der Biographien. Ich gebe ein Beispiel aus einer Übersetzung von Leonardo Bruni, dem Cato minor. Hier übersetzt Bruni im Kapitel 9 aretê mit dem Adjektiv bonus (siehe Handout).

Zum Schluß möchte ich auf einen agon, einen Wettkampf zwischen virtus und fortuna hinweisen (siehe Handout), der sich in einem Vorwort zu Plutarchs Themistokles befindet, in der Übersetzung Lapo di Castiglionchios (nach 1434). Lapo widmete Themistokles Cosimo de'Medici, und im Vorwort feiert ihn Lapo als großen Staatsmann, würdig, einem Themistokles verglichen zu werden. Die Parallelen zwischen den beiden werden von Anfang an betont; Cosimo wird dadurch als Mensch dargestellt, der durch die eigenen Fähigkeiten das feindliche Schicksal überwinden konnte. Im Haupteil des Vorworts diskutiert Lapo die Bedeutung der beiden Kräfte im menschlichen Leben; man gewinne den Eindruck, sagt er, die fortuna sei allmächtig, und könne allein, auch ohne virtus, die größten Dinge vollbringen, die virtus allein sei dagegen ohnmächtig, ein Begriff ohne Inhalt. Er könne daher auch diejenigen verstehen, die sich aus dem öffentlichen Leben aus Furcht vor den unwiderstehlichen Angriffen der fortuna zurückzögen. Dies, so Lapo, sei die intelligentia communis, die opinio vulgi. Wenn er aber die wirklichen Ursachen betrachte, so sehe er, daß eine andere Auffassung notwendig sei: Die fortuna sei der virtus bei weitem unterlegen, und nur die Schwäche und Trägheit der Menschen veranlasse sie dazu, anders zu denken, damit sie für ihren eigenen Mangel an Klugheit dem Schicksal die Schuld geben könnten. Virtus lehre nicht nur "ferre adversa constanter", "ungünstige Umstände ausdauernd zu ertragen" sondern befähige die, die Vertrauen in sich selbst und die eigenen Fähigkeiten haben, "acriori ac praesentiori animo ad rem gerendam incumbent," "daß sie sich mit Energie und Tatkraft einem aktiven Leben widmeten."

Lapos kurze Bemerkungen sind sicher kein Zeugnis tiefgreifender philosophischer Analyse; immerhin befindet er sich in der Einschätzung der Möglichkeiten des Menschen ebenso im Einklang mit Plutarch wie in der Auffassung, daß das wichtigste Tätigkeitsfeld der menschlichen virtus das öffentliche Leben ist. Die virtus besteht nicht nur darin, das fast immer feindliche Schicksal zu ertragen, sondern im Handeln. Vom mittelalterlichen Ideal der vita contemplativa sind wir hier weit entfernt.

Die Übersetzungen von Plutarchs Biographien stehen mit den intellektuellen und politischen Entwicklungen des 15. Jahrhunderts in Italien mehrfach in Wechselwirkung. Wir haben gesehen, wie sie in Florenz zunächst für die Republik, später für die Medici-Herrschaft vereinnahmt werden, wie sie in Venedig das venezianische Seeimperium, in Rom die Papstherrschaft in Bezug zur Antike brachten. Daß Plutarch das Individuum und seine Entfaltungsmöglichkeiten in politischem Kontext thematisiert hatte, macht ihn für die Epoche des civic humanism besonders attraktiv. Nicht umsonst hat man das fünfzehnte Jahrhunderts das Zeitalter Plutarchs genannt.

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Erstellt von Marianne Pade, 17-2-2000