2. Themenstellung: Die Idee einer philosophischen ‚magnificentia’

Mit Hilfe der bereits vorhandenen Sekundärliteratur zum Thema ‚magnificentia’ zeichnet sich ein erstes Bild ihrer Bedeutung und ihres geschichtlichen Kontextes ab. Wie gesehen, hat das Thema Aufmerksamkeit gefunden und ist von verschiedener Seite bearbeitet worden. Vor allem Kunst- und Wirtschaftshistoriker fühlen sich von ihm angezogen, die sich für die ‚magnificentia’ als ‚ästhetischen’ Begriff interessieren, der mit Prachtentfaltung und Glanz verbunden ist, ferner als ‚wirtschaftlichen’ Begriff, der den Umgang mit großen Summen von Geld und ihre standesgemäße Ausgabe zu beschreiben versucht. Nicht zu vergessen ist ferner der politische Zug, den sie trägt, da mit der Prachtentfaltung zugleich die Demonstration von Macht verbunden ist, worauf vor allem der Aufsatz von Green hinweist (78). Letztendlich konzentriert sich die vorhandene Sekundärliteratur also auf bestimmte Aspekte der ‚magnificentia’ – „The predominantly political and social nature of this debate remains clear“, wie Guerzoni meint (79).

Aber ist diese politisch-soziale Natur des ‚magnificentia’-Problems tatsächlich so klar? Seit der grundlegenden Arbeit von Fraser Jenkins (1970) liegt der Blick der Interpreten in der Hauptsache auf dem erstaunlichen Wandel, der sich im 15. Jahrhundert in Bezug auf Mäzenatentum und Baukunst vollzieht – und es steht wirklich in Frage, wie dieser Wandel möglich wird. Muss man sich aber bei dem Versuch einer Erklärung tatsächlich auf die politisch-soziale Seite des Problems beschränken? Wenn man der bisherigen Sekundärliteratur folgt, steht der Begriff der ‚magnificentia’ selbst viel weniger im Mittelpunkt als die Versuche, ihn zu rechtfertigen und gegenüber dem Widerstand der mittelalterlichen, von franziskanischen Idealen geprägten Welt durchzusetzen, eine Tendenz, die bis in die Antike zurückverlegt wird. So sagt Guerzoni schon in Bezug auf die Überlegungen des Aristoteles zur ‚magnificentia’:

This is a philosophy that theorizes authoritatively about the social lawfulness of aristocratic consumption and elegantly removes the issue of luxury from the province of morality. (80)

Den Theorien über die ‚magnificentia’ kommt also ein vorwiegend apologetischer Charakter zu, deren Aufgabe es ist, die Verhaltensweise der politisch-sozialen Elite von literarischer Seite her zu unterstützen. Ob und inwiefern diese Theorien dann reines Instrumentarium der Macht sind oder aus wirklicher Überzeugung geschrieben, steht dabei noch gar nicht in der Frage; und vielleicht wäre es auch nicht klug, eine Frage zu stellen, die von der strikten Trennung beider Bereiche ausgeht. Offenbleibt, was Guerzoni mit ‚authoritatively’ meint: Wenn mit diesem Ausdruck die Abhängigkeit der ‚magnificentia’ von gesellschaftlichen Normen bezeichnet wird, kann dies vielleicht im Rahmen einer genaueren Untersuchung herausgearbeitet werden. Und auch die These, die ‚magnificentia’ würde durch ihre Theoretisierung aus dem Gebiet der Moral entfernt, scheint gewagt zu sein: Ist nicht eher das Gegenteil der Fall?

Fest steht, dass sie im antiken Kontext nicht von vorneherein als verwerflich abgelehnt wird wie im Christentum. Bezüglich dieser Ablehnung denke man vor allem an Passagen wie folgende aus dem 1. Brief des Paulus an Timotheus, auf den auch Augustinus in ‚De civitate Dei’ I, 10 eingeht:

Nihil enim intulimus in hunc mundum, haud dubium quod nec auferre quid possumus. Habentes autem alimenta, et quibus tegamur, his contenti sumus. Nam qui volunt divites fieri, incidunt in temptationem, et in laqueum diaboli, et desideria multa inutilia, et nociva, quae mergunt homines in interitum et perditionem. (81)

Die Gebundenheit an äußere Güter und das Streben nach Reichtum, beide der Vergänglichkeit preisgegeben, lenken aus Sicht des Christentums vom eigentlichen Ziel des Menschen ab, der erst in der jenseitigen Ewigkeit seine wirkliche Erfüllung finden kann. Weltliche Macht und materieller Reichtum führen zu Hochmut und Verblendetheit, denen die wahren Gläubigen widerstehen müssen. ‚Deus superbis resistit, humilibus autem dat gratiam’ (82). Mit der ‚humilitas’ verfügt das Mittelalter über eine der ‚magnificentia’ entgegengesetzte Formel, die das weltliche, diesseits gerichtete Ansehen verwirft zu Gunsten einer demütigen, der himmlischen Ewigkeit harrenden Demut.

Aus diesem christlichen Kontext heraus muss jede Tugend, die sich mit Glanz und Pracht beschäftigt, sinnlos sein. Es scheint also, dass Guerzoni von einem christlichen Standpunkt aus spricht, wenn er meint, die ‚magnificentia’ diene dazu, die Frage des Luxus ‚außermoralisch’ zu behandeln. Aber durch ihre Kennzeichnung als ethische Tugend wird die ‚magnificentia’ gerade nicht aus dem Gebiet der Moral entfernt, sondern in den größeren Zusammenhang der aristotelischen Tugendlehre integriert. Die grundsätzliche Frage nach ihrer Berechtigung verlagert sich also, will man sie nicht als reinen Rechtfertigungsversuch lesen, hin zu einer Diskussion ihrer theoretischen Voraussetzungen. Für einen Kunsthistoriker, der die Geschichte des Mäzenatentums untersucht oder einen Wirtschaftshistoriker, der sich für die Rolle der Luxusgüter zu verschiedenen Zeiten interessiert, sind solche theoretischen Voraussetzungen natürlich weniger wichtig und überschreiten den Rahmen seiner jeweiligen Arbeit. Die Behandlung von Aristoteles stellt hier eine Art Gerüst dar, das als Hintergrundwissen dient, will man die ‚magnificentia’ in ihren vielfältigen kunsthistorischen und gesellschaftlichen Zusammenhängen studieren.

Die philosophische Frage zielt aber in eine andere Richtung: Wie steht es mit der ‚magnificentia’ selbst? Sie befindet sich offensichtlich in einem gewissen Spannungsfeld zwischen christlicher und aristotelischer Moral. Ferner scheint sie weniger einleuchtend zu sein als andere ethische Tugenden bei Aristoteles wie die Tapferkeit und die Mäßigung. Die heutigen Autoren, die sich weniger für die philosophische Seite der ‚magnificentia’ interessieren, müssen sich aus diesen Umständen kein Problem machen. Sie sehen das Aufkommen der ‚magnificentia’ im 15. Jahrhundert vorwiegend als einen einfachen Rückgang auf das ursprüngliche aristotelische Konzept, das seit dem Mittelalter bekannt war. Eine philosophische Arbeit kann sich damit aber nicht zufrieden geben. Sie wird ihren Blick auf die Schwierigkeiten wenden, die mit dieser Tugend verbunden sind, und die schon in der Überlieferung zum Vorschein kommen. Bei den scholastischen Autoren wie Albertus Magnus und Thomas von Aquin ist z.B. eine deutliche Anstrengung zu bemerken, wenn es darum geht, die ‚magnificentia’ in ihrer Unterscheidung zur ‚liberalitas’ deutlich zu machen. Denn die Bezugnahme auf die ‚Größe’ als Unterscheidungsmerkmal erweist sich im Kontext der aristotelischen Definitionslehre und des Konzepts der ‚mediocritas’ der ethischen Tugenden als problematisch: Wie kann etwas die Mitte treffen, das möglichst groß sein soll? Und inwiefern kann die Größe, die eine Quantität bezeichnet, eine ‚differentia specifica’ ausmachen? – Wie man sieht, muss Pontano mehr unternehmen, als Aristoteles nur wiederzugeben, auch und gerade wenn seine Schriften als „important works that played a prominent role in preserving the Aristotelism of the fifteenth century“ gelten (83).

Wenn also im Folgenden Giovanni Pontanos Traktat ‚De magnificentia’ im Kontext der humanistischen Moralphilosophie untersucht werden soll, steht im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit die philosophische Seite der ‚magnificentia’. Nicht eine Beschreibung der Großartigkeit von Gebäuden oder Werken, von Ansehen, Würde, Schmuck und all den anderen Versatzstücken, die mit der ‚magnificentia’ verbunden sind, steht in ihrem Mittelpunkt, sondern die Herausarbeitung ihres Charakters als ethischer Tugend. Der ‚Phänomenologie’ des Begriffs, die sich auch aus dem Text Pontanos ergibt, der bei langem nicht nur theoretisiert, sondern durch die vielen Beispiele und Beschreibungen auch zu seiner Ausgestaltung beiträgt, wird trotzdem Platz eingeräumt. Wenn möglich soll ein Konzept klar werden, mit dem sich die verschiedenen ‚Gesichter’ der ‚magnificentia’ (Politik, Sozialgeschichte, Wirtschaft, Ästhetik, Kunstgeschichte, Ethik) erklären lassen.

Pontanos Abhandlung bietet sich zu diesem Zweck aus mehreren Gründen an: Zunächst ist sie, anders als z.B. die Werke Fiammas, Maffeis oder Argento di Sabadinos, eine primär philosophische Arbeit. Denn nicht im Rahmen eines Prinzenspiegels, nicht innerhalb eines Kommentars zur aristotelischen Ethik schreibt Pontano über die ‚magnificentia’; auch nicht in Hinsicht auf die Lobpreisung oder die Rechtfertigung seines Königs, sondern in freier und ungebundener Art und Weise. Seine gesellschaftliche Rolle als Hofmann und Künstler gibt ihm dabei zusätzlich zu seinen philosophischen Gedanken genügend Einblick in die ‚ästhetische’ und ‚wirtschaftliche’ Seite dieser Tugend. Er ist, wenn man so will, ein ‚Mann vom Fach’. Ferner befindet sich Pontano in einer Art von historischer Schwellensituation: Er weist mit seinem Traktat ‚De splendore’ voraus in das 16. Jahrhundert, in dem sich die ‚magnificentia’ als eine ‚Luxus’-Tugend endgültig etabliert, beschäftigt sich aber zusätzlich mit definitorischen Fragen, die eher das 15. Jahrhundert kennzeichnen. So wird die Offenheit der Diskussion garantiert, und ihr apologetischer Charakter nimmt ab. Diese ‚Neutralität’ zeigt sich am beeindruckendsten in der ruhigen Ausführlichkeit seines Traktats: Zum einen wird die ‚magnificentia’ in den Zusammenhang weiterer sozialer Tugenden eingebettet, was ihr Umfeld erweitert, zum anderen glänzt sie aber in Eigenständigkeit. Gerade auf Grund dieses freien Blicks auf ihren Gegenstand ermöglicht es die Schrift Pontanos, sich der begrifflichen Struktur der ‚magnificentia’ zu nähern und sich ihrer philosophischen Prägung klar zu werden.

Diese philosophische Prägung der ‚magnificentia’ soll im Folgenden herausgearbeitet und ein genaueres Verständnis ihres Inhalts durch die gegenseitige Beleuchtung von Aristoteles, seinen Kommentaren (Albertus Magnus, Thomas von Aquin, Aegidius Romanus) und Pontanos selbst gewonnen werden. Aristoteles ist als Autor der ursprünglichen ‚magnificentia’-Theorie einer der Bezugspunkte für ihre Einordnung in den Kontext der humanistischen Moralphilosophie. Eine große Rolle spielt ferner Cicero, der in der bisherigen Debatte nur wenig behandelt wurde, aber als Schöpfer einer ‚bürgerlichen’ und ‚rhetorischen’ Philosophie für das Verhältnis von ‚ethischer’ und ‚ästhetischer’ ‚magnificentia’ viel zu sagen hat. Seine Theorie des ‚aptum’ steht neben den Überlegungen des Aristoteles zur ethischen Tugend.

Aristoteles und Cicero sind in der Diskussion der Humanisten lebendig und gegenwärtig, sie sind zwei wertvolle Gesprächspartner im Dialog um die ‚magnificentia’. Als dritte in der Runde gesellen sich die Philosophen der Renaissance selbst zu ihnen, die ihre Ideen weiterentwickeln und verwerfen, und die (gerade im Bereich der Tugenden betreffs des Geldes) neue Wege beschreiten wollen. Vor allem Leonardo Bruni und Poggio Bracciolini stechen unter ihnen hervor, aber auch Alberti mit seinen Traktaten zur Architektur und zur Moraltheorie. Ihnen ist Pontano, wenn auch eine oder zwei Generationen jünger als seine Kollegen, ebenso verbunden wie den ‚Klassikern’, und auch sie werden im Lauf der Untersuchung berücksichtigt werden.