Rohübersetzung von:
Machiavelli, Niccolò: Ai Palleschi

Autor: Niccolò Machiavelli
Entstehungszeit des übersetzten Textes: Spätsommer oder Herbst 1512
Übersetzer: Heinrich C. Kuhn
WWW-Redaktion: Heinrich C. Kuhn
Dokument erstellt: 1999-05-14
Dokument geändert: 1999-07-21


Niccolò MACHIAVELLI: Ai Palleschi

Übersetzung nach:
Machiavelli, Niccolò: Arte della guerra e scritti politici minori, a cura di Sergio Bertelli (= Machiavelli, N.: Opere II), Milano [Feltrinelli] 1961, 225-227

Erinnerung an die Anhänger der Medici

Ich will Euch warnen [1] inbezug auf jene Ansicht jener, die sagen, wie gut es wäre, die Fehler des Piero Soderini zu entdecken, um ihm Ansehen [2] im Volk hinwegzunehmen: und daß Ihr derlei Leuten gut ins Gesicht seht, und das was sie bewegt erwägt: und Ihr werdet sehen, daß es sie nicht bewegt diesem Staate [3] gut zu tun, sondern vielmehr [4] ihrer eigenen Partei [5] Ansehen zu verschaffen: Zum ersten weil mir nicht scheint, daß irgendeine Sache, in bezug auf die sich bei Piero Soderini Schuld findet, diesem Staat Ansehen beim Volk geben kann, weil inbezug auf die selben Sachen, deren Piero beschuldigt werden könnte, immer <auch> dieser Staat beschuldigt oder verdächtigt sein wird.
Deswegen gibt man durch das Auffinden der Fehler Pieros diesem Staat kein Ansehen, sondern gibt nur jenen Bürgern [6] Ansehen, die ihm übel gesonnen waren , [7] und die ihn in Florenz offen beleidigt haben : [8] Deshalb sagt man heute, daß besagte Bürger dem Piero übel gesonnen waren um dem Volk den Staat wegzunehmen; wenn Piero für schlecht [9] erkannt würde, so würde man sagen: <">Guck! Sie haben die Wahrheit gesagt! Sie waren doch gute Bürger; und wollten dem Piero übel weil er's verdiente: und wenn die Dinge dann so geschehen sind <wie sie halt geschehen sind>, so ist das gegen ihren Willen.<"> Deshalb würde dieser Staat, indem er Piero Soderini bloßstellt , [10] diesem <(i.e. Soderini)> Ansehen nehmen und es nicht sich <(dem Staate)> geben, sondern jenen Bürgern, die seine Feinde waren, und die schlecht über ihn geredet haben; und <das> würde sie dem Volk wohlgefälliger machen: was nicht im geringsten zum Wohle [11] dieses Staates ist; weil dieser Staat Bedarf daran hat eine Methode [12] zu finden, daß sie vom Volk gehaßt, und nicht geliebt [13] werden; so daß sie noch viel mehr Notwendigkeit haben mit dem Staat vereint zu bleiben, und mit jenem Guten und jenem Schlechten, das ihm geschehen wird.
Und wenn Ihr gut nachforscht wer diejenigen sind, die dieses Gedränge [14] machen , [15] so werdet Ihr erkennen, daß das was ich Euch sage wahr ist: Denn es scheint, daß sie einen großen Haß bei der Allgemeinheit [16] erworben haben, dadurch daß sie Pieros Feinde waren - es sei denn es fände sich das dieser ein schlechter Mensch war, und daß er solche verdiente. Und sie würden sich gerne von diesem Haß reinigen , [17] um ihre eigenen Angelegenheiten zu erledigen, nicht diejenigen der Medici: weil die Ursache des schlechten Verhältnisses zwischen der Allgemeinheit und den Medici weder Piero noch sein Untergang ist, sondern die geänderte Ordnung . [18]
Aber ich sage von neuem, daß die Fehler Pieros zu finden dem Staat der Medici [19] kein Ansehen gibt, sondern einzelnen Bürgern: und dieser Staat würde dabei dies verlieren, daß er einem der im Exil [20] ist, und ihm nicht schaden kann, Ansehen wegnehmen; und es jemandem geben würde, der in der Stadt [21] ist, der ihn jeden Tag angreifen kann, und ihm aus dieser ganzen Allgemeinheit einen Umschlag machen kann . [22]

Ich sage erneut, um diese Schlußfolgerung besser einzuschränken: Daß dieser Staat nicht Piero Soderini als Feind hat, sondern die Alte Ordnung: und deshalb wäre es nötig, um diesem Staate zu nutzen, von jener Ordnung schlecht zu reden, nicht von Piero: aber einige Bürger, und speziell diejenigen, die unter dem Volk und den Medici huren, haben sehr wohl Piero als Feind, und würden ihn gerne als schlechten Menschen bloßstellen, um die Last, die sie mit dem Volk haben weil sie ihm feindlich waren, loszuwerden. Und dies tun sie für sich selbst, nicht für die Medici, noch für diejenigen, die mit diesen im Guten und im Schlechten zusammenbleiben wollen.

Ich will diese Sache auch noch auf andere Weise erklären.
Es gibt da einige Bürger, die sich unter den Schutz der Medici begeben , [23] weil sie Angst vor zwei Sachen haben: Die eine ist von den Medici verletzt [24] zu werden, da sie sich von diesen entfernen: die andere ist, daß sie, falls die Alte Ordnung mit Piero Soderini wiedererstehen sollte, von ihm aus Florenz verjagt werden. Daher erreicht Piero Soderini als schlechten Menschen bloßzustellen und ihn bei der Allgemeinheit verhaßt werden zu lassen nichts anderes, als daß jenen Bürgern die Angst vor Piero abhanden kommt, und daß sie hoffen ihm in seiner Stellung nachzufolgen, wann auch immer die Alte Ordnung wiederersteht; und sie hätten dadurch weniger Bedarf sich an die Medici anzuschließen, und können mehr erhoffen wenn sie sich von den Medici entfernen.
Inwieweit das gegen das Wohl der Medici ist, kann jeder sehen: Denn die Medici können nicht in Florenz bleiben, wenn die alte Ordnung wiederersteht, gleich ob sie mit Piero oder ohne Piero wiederersteht, aber einige Bürger können, wenn sie mit Piero Soderini wiederersteht nicht hierbleiben, aber wenn sie ohne Piero wiederersteht können sie's: Und deshalb würden sie gerne das Ansehen von Piero hinwegnehmen, um ihrer eigenen Partei Sicherheit zu verschaffen, nicht den Medici. Dies <Herabsetzen Soderinis> macht nicht das geringste zugunsten der Medici: vielmehr ist es in allem und für alle Sachen in höchstem Maße schädlich und höchstgefährlich für ihr Haus und ihren Staat, das es durch dieses Mittel vielen einen Maulkorb wegnimmt, so daß sie es <(das Haus, die Familie der Medici)> sicherer und mit weniger Umsicht [25] beißen können.



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Fußnoten


[1] "avvertire"
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[2] "reputazione"
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[3] "Stato": wie weiter unten klar wird, ist hiermit die Herrschaft der Medici gemeint!
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[4] "sì bene"
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[5] "a loro proprii"
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[6] Es geht um Gegner Soderinis, die nicht eindeutig zu den Palleschi, den Medici-Anhängern gehören: einen Teil der städtischen Oberschicht.
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[7] "che li hanno voluto male"
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[8] "apertamente l'urtavano"
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[9] "tristo"
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[10] "scoprendo Piero Soderini"
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[11] "a proposito"
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[12] "modo"
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[13] "ben voluti"
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[14] "questa calca"
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[15] d.h.: diese Stimmungsmache gegen Soderini
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[16] "l'universale": "Ganz Florenz" (außer vielleicht Machiavelli und diejenigen an die er schreibt, und diejenigen die schlecht von Soderini reden ... .
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[17] "purgare questo odio"
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[18] wohl zu ergänzen: der staatlichen Angelegenheiten, Institutionen, Besetzung der Ämter ... .
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[19] "lo Stato de' Medici"
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[20] "di fuora"
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[21] "in casa"
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[22] d.h.: die nicht-mediceische Soderini-Partei kann die Bevölkerung in einen Aufstand gegen die Medici wenden.
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[23] ? : "si tirono sotto a' Medici"
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[24] "offesi"
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[25] "con meno rispetti"
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