Rohübersetzung von:
Niphus, Augustinus: : In libris de Anima Collectanea atque Commentaria Praefatio

Autor: Agostino Nifo
Übersetzer: Heinrich C. Kuhn
WWW-Redaktion: Heinrich C. Kuhn
Dokument erstellt: 1999-01-27
Dokument geändert: 1999-01-27


Augustinus NIPHUS: In libris de Anima Collectanea atque Commentaria Præfatio

Übersetzung nach:
Niphus, Augustinus: Expositio Subtilissima collectanea commentariaque in libros Aristotelis de Anima nuper accuratissima dilligentia recognita, Venedig [apud Iuntas] 1544 {BSB: 2 A. gr. b. 290}, f.2ra-f.3rb . [1]

Gliederung:


f. 2ra

Des Philosophen Augustinus Niphus aus Sessa Vorwort zu den Anmerkungen und Kommentaren zu den Büchern über die Seele.

<0. Einleitung>

Unter Vermeidung der aufgeblasenen Einführungen und aufgebauschten Sprüche, die üblicherweise zu Beginn von Kommentaren zu stehen pflegen, habe ich als erster beschlossen, daß zu Anfang unserer Kommentierung disputiert werden soll warum man sich bei allen Völkern, und zwar seit mehreren Jahrhunderten, daran hält, die Bücher des Aristoteles zu lesen. Denn, warum dies so ist, dazu habe ich weder eine Untersuchung, noch auch einen Zweifel irgendwo bei irgendeinem (meiner) Vorgänger gefunden, noch scheint diese Untersuchung unfruchtbar zu sein. Zuerst gewiß weil der Weg zu den Wissenschaften so gefährlich und so schwierig ist, daß wir ihn nicht einfach gehen können werden, es sei denn wir haben des besten Führer angenommen, der uns leicht den Weg weist. Zweitens, weil, wie Aristoteles im dritten Buch der Rhetorik sagt, wo er über die Wahl des Fürsten spricht , [2] dies im Leben keinen geringen Gewinn zu bringen scheint. Wenn wir nämlich einen Führer gewählt haben, der sowohl im Leben, als auch in der Beherrschung des Lehrens herausragend ist, so wird auch wer ihn nachahmt leuchten, und sowohl durch Kenntnisse als auch durch hellste Tugenden herausragen: Wer nämlich Epikur nachahmt, und die epikuräische Lehre lieben wird, und das epikuräische Leben bevorzugt - wie Sardanapal; wer die Stoiker, der disputiert und lebt stoisch - wie Seneca; auf ähnliche weise wird es auch im bezug auf andere <Vorbilder> zu sehen sein.

<1. [["Videtur"]] Argumente gegen Aristoteles>

<1.1. Argumente inbezug auf die Lehren>

<1.1.1 Argumente inbezug auf die Dialektik>
[3] Es scheint aber diese Untersuchung von nicht geringer Schwierigkeit zu sein, nachdem es unter den Philosophen, und unter denen, die über Philosophie geschrieben haben, welche gab, die in den dialektischen und sophistischen Künsten einiges wert wahren: sowohl Protagoras, als auch Chrysipp. Chrysipp hat die Dialektik gewiß so beherrscht, daß <es schien> als würden alle Götter, und alle Göttinnen mit dialektischer Rede sprechen, als würden sie mit chrysippischer Rede sprechen.

Protagoras aber hat mit seinen Sophistereien die Götter in Zweifel gezogen.

Es gab unter den Dialektikern auch Parmenides, dessen Sophisterei von allen für unauflöslich gehalten wurde. Es gab auch Zeno den Eleaten, der sowohl unter den Logikern als auch unter der Rechnern [4] (die von den heutigen Menschen Calculatores genannt werden) in höchstem Maße herausragte. Der hat nämlich mit seinem Achilles alle übertroffen. Es gab noch mehrere andere, die hier nicht abgehandelt werden müssen, aber dies eine nehmen wir mit , [5] daß es nicht scheint, als habe Aristoteles in der Dialektik alle <anderen> überragt.

<1.1.2 Argumente inbezug auf die Rhetorik>
Und auch in der Rhetorik scheint es nicht, daß er über die anderen herausragt. Lykurg war nämlich (wie Valerius im 5. Buch erzählt) derart hervorragend hierin, daß Sparta keinen größeren oder nützlicheren Mann als ihn hervorgebracht hat, woher der Spruch des Delphischen Orakels kommt, es sei unbekannt, ob dieser zu den Menschen oder zu den Göttern zu rechnen sei. Des weiteren. Er übertraf Solon nicht. Solon nämlich (wie der selbe Valerius geschrieben hat) gab den Athenern so klare und so nützliche Gesetze, daß sie sie für immer gebrauchen wollten, für immer unter ihrer Herrschaft bleiben wollten.

Zudem übertraf er nicht Demosthenes denn dieser übertraf unstreitig alle Redner seiner Zeit. Diesbetreffend wird nicht gesehen, daß jener <Aristoteles> sei's Sokrates, sei's Demades, sei's Anarches, sei's Marcus Tullius <Cicero> in der Rhetorik übertroffen hätte. Es sei daher zugestanden, daß es eines Zweifels wert ist, warum bei allen Völkern die Bücher der Rhetorik gelesen werden, die Theodectes gewidmet sind - und die von Aristoteles <verfaßt> sind.

<1.1.3 Argumente inbezug auf die Poetik>
Des weiteren. Er übertraf die anderen nicht in der Poetik. Er übertraf nämlich weder Homer, noch Pindar, noch Hesiod, noch Linus, noch Orpheus, noch unter den unsren Vergil. Weder die Oden des Horaz noch die Liebesgedichte des Catull übertraf er. Daher scheint es nicht wohl getan, daß die Bücher des Aristoteles, die er über die Poetik abgefaßt hat, gelesen werden, und die Bücher der anderen Poeten außer acht gelassen werden.

<1.1.4 Argumente inbezug auf die Naturphilosophie>
Und jener übertraf die anderen nicht in der Naturphilosophie. In der Naturphilosophie wird nämlich Anaxagoras für in höchstem Maße berühmt gehalten, und daher auch wegen seiner Hervorragendheit von allen mit Anerkennung "der Physiker" genannt, wie selbst Aristoteles in den Büchern der Physikvorlesung sagt.

Des weiteren. Empedokles aus Agrigent war der größte, er, der Epikur und Lukrez als Fans [6] hatte.

Des weiteren. Unter den Naturphilosophen gab es Demokrit, der - nach dem Zeugnis des Aristoteles im ersten Buch von De generatione animalium - allen anderen sowohl in bezug auf die Lehre [7] als auch auf die Erfahrung in bezug auf die natürlichen Dinge vorgezogen wurde. Deshalb wurde er auch "Pentathlusius", das heißt Fünfkämpfer genannt. Denn in der Naturwissenschaften, den Moralwissenschaften, den mathematischen Wissenschaften , [8] den Grundlagen der Freien Künste [9] . in allen Künsten war er durch seine Kenntnisreichheit bewandert. Dieser wurde, als er den "Diakosmos" vorlas mit fünfhundert Ta-

f. 2rb

lenten geehrt wurde. Und nicht nur damit, sondern auch mit ehernen Standbildern, und als sein Leben zu ende war wurde er öffentlich bestattet, nachdem er mehr als 100 Jahre gelebt hatte. Aristoxenus sagt in den Kommentaren von Platon, er habe die Kommentare des Demokrit, welche auch immer er habe zusammensammeln können, verbrennen wollen, aber dies sei von den Pythagoräern Amydas und Clynias verboten worden, die sagten, daß seine Bücher sich bei den meisten <potentiellen Lesern bereits zuhause> befänden. Andere sagen, Platon habe die Bücher des Demokrit verbrannt, was daraus geschlossen wird, daß, während er an fast alle alten Weisen erinnert, Platon Demokrit nirgends erwähnt. Des weiteren. Timon lobt die Bücher es Demokrit indem er sie anderen vorzieht, und darauf hinweist, sie seien mit größter Begierde zu lesen.

<1.1.5 Argumente inbezug auf die Moralphilosophie>
Darüber hinaus hat er <i.e.: Aristoteles> andere nicht in der Moralphilosophie überragt. Er hat nämlich den Sokrates nicht überragt, der unstrittig (nach dem Zeugnis Platons) alle überragt hat. Des weiteren. Wenn er in der Moralphilosophie alle überragt hätte, so hätte er die Rechtsgelehrten und Gesetzgeber überragt, die die Moralphilosophie in Gesetzen zusammengefaßt haben. Und dann würden nicht die Bücher der Rechtsgelehrten, sondern die des Aristoteles gelesen. Wir sehen das Gegenteil davon, denn bei fast allen Völkern werden für die moralische Disziplin Gesetze verwendet, die von den Rechtsgelehrten und den Gesetzgebern eingesetzt sind, und gewiß für den Willen der Fürsten.

<1.1.6 Argumente inbezug auf die mathematischen Wissenschaften>
Des weiteren. Er war nicht allen in den mathematischen Wissenschaften überlegen. Denn, zugestanden, daß Aristoteles über Mathematik, Astronomie, Perspektive, Musik viele Bände zustandegebracht hat, wie Diogenes Laertius schreibt, es werden doch nicht seine Bücher gelesen, sondern die des Euklid, des Ptolomeus und andere dergleichen.

<1.1.7 Argumente inbezug auf die Metaphysik>
Des weiteren. Er hat auch in der Metaphysik nicht alle übertroffen. Unter unseren jüngeren <Autoren> stellt nämlich Antonius Andreas Hiberus fest, daß Aristoteles von Metaphysik keine Ahnung hatte.

<1.1.8 Argumente inbezug auf die Theologie: Überlegenheit Platons>
<1.1.8.0. Theologie/Platon: Einleitung>
Des weiteren. Plato scheint ihm <d.h. dem Aristoteles> in der Wahren Theologie überlegen.

Wobei zuerst klarzustellen ist, daß die Wahre Theologie die christliche Wahrheit ist, die von Gott gehabt wird, wie wir jetzt annehmen. Wir haben dies nämlich in useren theologischen Schriften mit mehreren Gründen bewiesen.

Des weiteren. Es ist auch klarzustellen, ob nun Aristoteles der christlichen Wahrheit näher kam, oder ob das Plato tat, darüber ist von uns jetzt nicht zu handeln. Denn wir meinen noch wollen weder von Aristoteles noch von Platon daß sie Christ waren. Sowohl Plato als auch Aristoteles standen unserem Glauben fern, so daß sie sowohl der Religion, als auch dem Namen nach Heiden waren.

Und es sind auch nicht die Aussagen Christi an die Lehren des Platon und des Aristoteles anzupassen, sondern eher im Gegenteil die Aussagen des Platon und des Aristoteles and die wahre Lehre Christi: nicht damit wir <so> die christliche Wahrheit aufnehmen, sondern damit wir die aufgenommene verstehen, und die verstandene verteidigen. Des weiteren:

Weder Aristoteles noch Platon haben das, was zum rechten Glauben gehört regelgemäß überliefert, so wie es die Christen glauben, was uns göttlich geoffenbart worden ist, und durch die heiligen Schriften überliefert, sondern ein gewisses Spiegelbild unserer allerheilgsten Religion ist bei Platon und auch Aistoteles zu sehen, durch das Licht der Natur illustriert, das sein Schöpfer und Herr durch die göttliche Lehre seines Sohnes später vollständiger erkennbar gemacht hat , [10] und sein Wohltuen offensichtlicher geoffenbart hat.

Daß daher bei Plato eine Ähnlichkeit zur christlichen Wahrheit stärker erkennbar ist: dies bemühen sich die Platoniker auf verschiedene Weise zu erklären.

<1.1.8.1. Theologie/Platon: Inhaltliche Ähnlichkeit>
Zuerst aber in bezug auf die Ähnlichkeit dessen was er in seinen Büchern überliefert. Im Parmenides spricht er nämlich von Gott Dinge, die ähnlich dem sind, was wir von Gott glauben. Und auch im Phaidros, im Phaidon, im Philebos, im Timaios, im Sophistäs, in den Nomoi, der Politeia zum Beispiel, überhaupt an allen Stellen, an denen er göttliche Dinge erwähnt, sagt er immer Dinge von Gott, die dem ähnlich sind, was die höchtheiligen Männer, die von der Gottheit angehaucht sind, überliefert haben.

Was aber die Dreieinigkeit betrifft, so haben weder Platon noch Aristoteles sich damit sei's beschäftigt, sei's darüber geschrieben. Alle beide waren sie nämlich im Irrtum inbezug auf diese höchstheilige Wahrheit, und ohne Kenntnis unserer Frömmigkeit. Aber Platon hat viel über die Dreieinigkeit gesprochen, er, der (obwohl er sehr anderes als unsere Religion lehrt) doch vieles gesagt hat, was ihr ähnlich ist, Dinge, die mit ihr übereinstimmen zu scheinen; so zum Beispiel im Timaios <und> in dem Brief, den er an Dionysius geschrieben hat <und> im sechsten Buch der Politik <und> im ersten Buch der Nomoi, das er Epimenides gewidmet hat. <Und> in dem Brief an Hermias, Erastus un Koriskos . [11]

Des weiteren. Auch über die göttlichen Werke schreibt er Sachen, die dem, was unserer Frömmigkeit entspricht, sehr ähnlich sind: So zu Beispiel über die Schöpfung der Welt, den Ursprung der Menschen und der Dämonen, über die Vorhersehung, von der Unsterblichkeit der Seele, über die Lichter, über die Verwandlung der Welt, über die Wiederauferstehung, über das künftige Gericht, über den Betrug der Schlange, über den Ursprung der Frau aus dem Manne, über das Leben der ersten Menschen, über die Streitsucht der heidnischen Götter, und über einiges anderes, was wir der Kürze halben auslassen. Diese scheinen nämlich nicht nur der christlichen Frömmigkeit in höchstem Maße ähnlich, sondern sie scheinen sogar mit ihr identisch zu sein.

<1.1.8.2. Theologie/Platon: folgt besseren Autoritäten>
Zweitens aber in Nachahmung der Großen, die göttlich <inspiriert> Dinge über die christliche Wahrheit über-

f. 2va

liefert haben:daß in Ägypten der treffliche Platon den Propheten Jeremias gehört habe berichtet Augustinus unter Berufung auf den göttlichen Ambrosius. Und er sagt, es scheine ihm nicht unglaubwürdig, daß der ihm die hebräischen Buchstaben [12] beigebracht habe. Daher habe er was er im Timaios über die Schöpfung der Welt schreibt aus dem Buche Genesis übernommen. Kyrill, ein in Büchern höchstgelehrter Mann, schreibt über Plato in den Büchern, die er gegen Julian zur Verteidigung des heiligen Evangeliums herausgegeben hat, daß, da er in Ägypten gelernt habe, neben der vieler anderer berühmter Männer, vor allem in seinen Studien über die Lehre des Moses nicht in Unkenntnis geblieben sei. Es war nämlich in dieser Zeit der Namen des Moses Gegenstand nicht geringer Bewunderung, ich schätze weil er, weil er über Gott, das heißt die erste Ursache vollständigere Kenntnis hatte, und direkter fühlte, besser als andere über göttliche Dinge geredet hat. <Dies ist> auch dasselbe, was Eusebius Pamphilus, ein gelehrter Mann, und höcht kundig zu verschiedenen historischen Themen, in deen Bücher von der Evangelischen Vorbereitung erzählt, der länglich über Platon handelnd ingeniös bekundet, daß fast die ganze platonische Theologie zu recht aus unseren heiligen Schriten entnommen sei. Dem entspricht das Dictum des Philosophen Numenius, Platon sei nichts anderes, als ein attischer Moses.

Zudem hat Platon auch soweit er konnte Pytagoras nachgeahmt, um dessentwillen er sich in die Magna Grecia (was heute Kalabrien ist) begab., damit er von Archytas dem Tarentiner die Pytagoräische Lehre lerne. Es steht aber fest, daß Pytagoras mehreres vom Mosaischen Gesetz in seine <eigene> Philosophie übernommen hat, wie Hermipp der Pytagorärer sagt. Durch diese Nachahmung der Alten scheint Platon unserer Frömmigkeit näher zu kommen.

<1.1.8.3. Theologie/Platon: argumentiert auf Basis von Glauben>
Und als dritten Grund geben sie an: Weil Platon keinerlei Begründung des Beweises verlangt, sondern die erste und hervoragendste aller Tugenden durch Glauben konstituiert, durch welchen seiner Ansicht nach den göttlichen Dingen berechtigt Verehrung bezeugt wird, wie er im Timaios sagt, und im ersten Buch der Nomoi durch das Lied des Theognis [13] bestärkt, und im 12. Buch der Nomoi wo er über den Tartaros handelt, und im Gorgias, und in anderen Werken. Da sich nun Platon für die Dinge, die nicht offensichtlich sind, des Glaubens bedient, und der Autorität der Alten, wird zurecht geurteilt, er weiche weniger von der christlichen Frömmigkeit ab, weil ja selbiger Glaube und die Autorität der Alten sich über weit mehr ergießt, als selbige menschliche Vernunft.

<1.1.8.4. Theologie/Platon: Weise des Vorgehens>
Es kommt auch noch hinzu, daß die Weise des Vorgehens [14] des Platon und des Aristoteles nicht die selbe ist. Aristoteles geht nämlich vom sinnlich wahrnehmbaren, Platon aber vom intellektuell erkennbaren aus. Und diejenigen Dinge, die göttlich offenbart sind, unterliegen zwar nicht den Sinnen, aber sie sind intellektuell erkennbar, woher es kommt, daß Platon an jenen festhalten kann, Aristoteles aber auf keinen Fall. Aristoteles kann nämlich aufgrund seiner Weise zu philosophieren die christliche Wahrheit nicht erreichen. Er philosophiert nämlich von den Sinnen aus; was zu inserer Frömmigkeit gehört scheint über den Sinnen zu sein.

Noch auch <kann Aristoteles christliche Wahrheiten erreichen> auf Grund seines Werkzeugs der Vermittlung. Das hervorragendste und nämlich auch erste Instrument der Vermittlung konstituiert der Beweis, der aus notwendigen und per se <einsichtigen> Teilen besteht, ohne welchen, so hat er <Aristoteles> entschieden, der Gelehrte und auch der der Wahrheit Begierige nichts zu bestätigen habe. Es steht aber fest, daß vieles davon, was uns göttlich offenbart ist, nicht durch einen Beweis nachgewiesen werden kann. Darüber hinaus hat Aristoteles keinen Gebrauch von der Autorität der Alten gemacht, außer jener, die einen festen Gebrauch von der Vernunft gemacht haben. Weil aber das was Gegenstand unserer Frömmigkeit ist, durch die Autorität der Alten vermittelt ist, und nur durch den Glauben bestätigt, wird zurecht erkannt, daß Aristoteles hiervon abweicht. Es scheint also offensichtlich, daß in den platonischen Büchern eine größere Ähnlichkeit zur christlichen Wahrheit zu sehen ist, wesshalb wir nicht ohne Grund fragen, warum man sich bei allen Völkern und zwar seit mehreren Jahrhunderten daran hält, die Bücher des Aristoteles zu lesen.

<1.1.9 Widersprüche zu christlichen Glaubensinhalten>
Hinzu kommt, daß mehreres was Aristoteles vermittelt gegen die Religion zu sein scheint, nämlich in den moralischen Vorschriften, und in den Naturwissenschaften.

Und zwar in den Naturwissenschaften: nämlich was er über die Bewegung schriebt, und über die Ewigkeit der Welt, und über die Entstehung der Lebewesen, und über die Hervorbringung der Dinge, das scheint gegen das was von er Religion ermittelt ist zu stehen.

In den moralischen Vorschriften aber: Zuerst weil er beim Geschlechtsverkehr das rechte Maß lobt, und die Extreme tadelt, so daß er gezwungen wird die Jungfräulichkeit als Laster zu bezeichnen, was gegen die Religion zu sein scheint. Zweitens weil er aus der Großtuerei [15] eine Tugend macht, wesshalb er die Verrufenheit der Großtuer zurückweist, was auch gegen die Religion zu sein scheint. Drittens gesteht er den Tugenden keine Belohnung außer der Ehre zu, die zudem eine zweischneidige Sache ist. Viertens vertritt er es sei gegen Feinde und für Freunde zu handeln, was etwas ist, dem wir nicht zustimmen. Fünftens vertritt er im siebten Buch der Politik mißgebildete Kinder seien nicht zu ernähren und im selben Buch befürwortet er in einigen Fällen die Abtreibung, was unfromme Dinge sind.

<1.2. Argumente aus Charakter und Vita des Aristoteles>

Es kommt zudem hinzu, daß wir die Tugendhaften [16] nachahmen müssen, Aristoteles aber war in vielem nicht tugendhaft.

Er wird nämlich der Undankbarkeit gegenüber dem Lehrer angeklagt, der <doch>, wie er <Aristoteles> selbst bezeugt, fast genauso wie ein Gott und die Eltern zu verehren ist. Weshalb Platon gesagt hat "Aristoteles schäumt gegen uns, <er ist> nicht bei sich, und gegen die Mutter des gezeugten Füllens ." [17]

Er wurde auch des Neides beschuldigt: als er nämlich die Menge der Schüler des Isokrates sah, sagte er es sei garstig, daß er schweige, dem Isokrates aber das Reden erlaubt sei.

Er <Aristoteles> ist weiterhin für mangelnde Selbstbeherrschung > [18] bekannt. Es wird nämlich überliefert

f. 2vb

(von Aristipp im ersten Buch von Über die alten Freuden), Aristoteles habe die Freundin des Hermias geliebt, und sie, nachdem der das erlaubte, zu sich genommen, und im Überschwang der Freude geheiratet.

Er ist auch für Unfrömmigkeit bekannt. Er verließ nämlich Athen, nachdem er dort 12 Jahre lang gelehrt hatte, und zog sich heimlich nach Chalzidien zurück, da er von Hierophant der Unfrömmigkeit angeklagt wurde.

Sie fügen hinzu, aus diesem Grunde habe er den Giftbecher akzeptiert, daß er stürbe. Was nämlich ist weichlicher, als sich selbst zu töten um nicht Schädigungen und Schmerzen ausgesetzt zu sein?

<1.3. Zusammenfassung der Argumente gegen Aristoteles>

Aus all dem scheint offensichtlich, daß Aristoteles der Nachahmung nicht wert ist, sowohl weil es in der Wissenschaft größere als ihn gegeben hat, als auch weil er moralisch defizient war.

<2. [["sed contra"]] Position Niphus'>

<2.1 Einleitung>

Ich <selbst> aber bin kein sooo Großer, daß ich den Unterschied sovieler Männer einschätzen könnte. Wer nämlich den Unterschied an Weisheit bei anderen zuweisen will, setzt sich selbst als weiser als beide <Beurteilten> voraus.

Und Gegenstand unserer Quästio ist auch nicht, wer größer sei, Platon oder Aristoteles, oder iergendwer von denen, die in in der Philosophie bewandert waren, sondern warum es bei allen Völkern so eingerichtet ist, daß die Bücher des Aristoteles gelesen werden. Schweigen wir daher von der Vergleichung, die immer voll Haß war, und sagen wir zu dem in Frage stehenden, daß die Bücher des Aristoteles aus vielerlei Gründen bei allen Völkern, die lernen wollen, zu lesen sind.

<2.2 [[argumenta in contrarium]] Pluspunkte Aristoteles'>

<2.2.1. Wissenschaftseinteilung>
Zuerst wegen der Aufteilung der Wissenschaften in Gattungen und wegen der Ordnung unter ihnen, die unter die ihnen eigentümlichen Gattungen eingeordnet sind. Aristoteles unterteilte nämlich die Wissenschaften nach Gattungen, und eine Gattung unterteilte er in Bücher, und legte jedwedes Buch in seine Gattung.

Diese Folge ist bei den Büchern Platons nicht erkennbar. Platon nämlich hat in höchstem Maße und bis in sein Alter alle diese Teile der Philosophie wie die verstreuten und vermischten Glieder des Pentheus in einen Körper und ein Lebewesen zurückgeführt: manchmal hat er in einem Buch alle Wissenschaften vermischt, weshalb <Aristoteles> im ersten Buch der Zweiten Analytiken quasi gegen Platon argumentiert, wenn er wünscht es sei nicht von der Gattung einer Wissenschaft zu einer anderen Gattung in ein und dem selben Buche zu wechseln . [19] Er sagt nämlich, Beweise seien zu erweitern, entweder inbezug auf das was nachher anzunehmen sei, oder in die Breite - wegen der Ordnung und Unterscheidung der Wissenschaften, wie er hinzufügt . [20]

<2.2.2. Ordnung des Vorgehens>
Zweitens Wegen der Ordnung des Vorgehens, denn er <Aristoteles> wollte von uns, daß wir immer von dem, was uns bekannter ist, aus vorgehen. Platon aber geht bisweilen von dem aus, was uns weniger bekannt ist, wie im Timaios, wo er zuerst über die Götter handelt, und danach u den Naturdingen kommt, gegen welche Ordnung Aristoteles überall aufschreit.

<2.2.3. Verbindung von Inventio und Resolutio>
Drittens weil er <Aristoteles> in seinem Vorgehen bei jeder Sache über die er handelt zugleich die Inventio und die Resolutio verbindet, wesshalb er, wenn er über die Materie handelt, ihre Inventio gibt, indem er abseitige Ansichten über den Ursprung der Dinge widerlegt, und dabei aber Dinge in bezug auf die Materie bewiesen werden. Und so gibt er zugleich ihre Inventio, und ihre Resolutio inbezug auf das was von ihr gefunden wurde. Plato aber macht weder die die Inventio noch die Resolutio einer Sache, er geht nämlich dialektisch vor, indem er immer vom Gegebenen aus argumentiert.

<2.2.4. Angemessene Ausführlichkeit>
Viertens wegen des Schmuckes der Vermittlung: Weil, wie Alexander gesagt hat, seine <des Aristoteles> Worte nicht überflüssiges, und nichts zu knappes enthalten. Platon aber fügt der Wissenschaft über die Sache über die er <jeweils> handelt viel Überflüssiges und weniges Nützliches hinzu, was wer seine Bücher liest sehen können wird.

<2.2.5. Proprieteas verborum>
Fünftens wegen der Eigentlichkeit der Wörter die er verwendet. Er lehrt nämlich, daß man die rhetorischen Vorträge in den bewesenden Wissenschaften fliehen müsse. Und [21] er will, daß man keinen Gebrauch davon mache, außer bei den abseitigsten Gegenständen, die man kaum erkennen kann. Aber Platon geht immer durch rhetorische Vorträge vor, und durch Beispiele, und Metaphern, und durch uneigentliche Wörter.

<2.2.6. Konsistenz>
Sechstens wegen der Konstanz in seinen <(des Aristoteles)> Aussagen. Aristoteles ist nämlich immer mit sich selber konsisten, und in seinen Schriften wurde kein <einziger> wahrer <Selbst->widerspruch gefunden, wie Averroes und Alexander und die anderen Kommentatoren zeigen. Aber Platon ist in mehrerem inkonstant, wie Eusebius im Buch Über die evangelische Vorbereitung feststellt.

<2.2.7. Klarheit und Kürze>
Siebtens weil er <Aristoteles> in seinen Aussagen größtes Licht der Wörter mit größter Kürze verbindet - was bei Platon und den anderen Philosophen höchst selten ist.

<3. Conclusio>

Es scheint daher nicht ohne Grund so eingerichtet zu sein, daß bei allen Völkern zu allen Gegenständen über die er geschrieben hat, die Bücher <des Aristoteles> gelesen werden, die auf uns gekommen sind. Ich spreche von den Büchern, die auf uns gekomen sind, weil er über mathemtische Perspektive und Astronomisches geschrieben hat, und <diese> Bücher nicht auf uns gekommen sind.

Es scheint auch offensichtlich, daß es nicht einschlägig ist, über den Vergleich der anderen Philosophen mit Arstoteles zu disputieren. Denn ob einer ihm überlegen war (was Alexander nicht glaubt), oder ob keiner ihm überlegen war: das hat mit dem infrage stehenden nichts zu tun, weil unsere Frage sich nicht auf die Überlegenheit der Lehre bezieht, sondern auf das, was wir gefragt haben, warum bei allen Völkern die Bücher des Aristoteles gelesen werden. Auch wenn also jemand in der Lehre dem Aristoteles überlegen war (was Alexander leugnet): in der Kunst zu Lehren hat niemand Aristoteles überstrahlt.

<4. [[Respondeo]]> Gegen die Gegenargumente>

<4.0 Einleitung>

Gegen die Dinge aber, die gegen Aristoteles gesagt wurden, sprechen wir leicht, wenn wir zuerst sagen, daß jemand in der Lehre und in den Inhalten dessen was er lehrt überlegen sein kann, und <zugleich> in den Vorschriften der Kunst

f. 3ra

geringer. M. Tullius <Cicero> hat geurteilt, daß viele größer als Aristoteles im Reden waren, die in der Redekunst, die auf Griechisch Rhetorik heißt, nicht größer waren. Auf ähnliche Weise kann man sagen, daß einige größer im Sprechen und im Disputieren sind, die in der Kunst des Abhandelns, die Dialektik genannt wird, kleiner sind, wie es bei denen der Fall ist, die in einer Kunst herausragend sind und doch ungelehrt in ihr sind . [22] Von daher werden diejenigen <Argumente> zerschlagen, die gegen Aristoteles vorgebracht sind.

<4.1 Gegen die Argumente gegen die Lehre>

<4.1.1. Dialektik>
Und zwar zuerst weil, zugestanden auch daß Protagoras, Chrysipp, Zeno und Parmenides im Disputieren größer als Aristoteles gewesen wären (was ich nicht glaube), so hat doch Aristoteles in der Kunst des Abhandels <, d.h.: in der Dialektik> alle übertroffen. Alexander aber würde sagen, daß sowohl im Abhandelns als auch in der Kunst des Abhandelns Aristoteles alle übertroffen habe, wofür das Zeichen ist, daß er <Aristoteles> ihre Sophistereien widerlegt hat, indem er gezeigt hat, daß sie <d.h. Protagoras, Chrysipp, Zeno und Parmenides> aus Unkenntnis der Dialektik sündigten.

<4.1.2. Rhetorik>
Mit ähnlicher Argumentation kann man sich auch zu denen äußern, von denen es schien, daß sie in der Rhetorik größer als Aristoteles waren, denn wenn es Leute gab, die durch <ihre> Erfahrung im Reden größer als Aristoteles waren, wi vielleicht Lykurtg, Solon, Demostenes und andere: In der Redekunst und in den Vorschriften <dieser> Kunst war - gemäß dem Zeugnis des M. Tullius <Cisero> - niemand Aristoteles gleich oder <gar> größer als er.

<4.1.3. Poetik>
Mit ähnlicher Argumentation kann man sich auch zu den Poeten äußern: wenn sie nämlich Aristotels beim Dichten überragten, wegen der Erfahrung, die sie im Drechseln von Gedichten hatten: in der Kunst des Dichtens hat keiner Aristoteles übertroffen oder war ihm <auch nur> gleich. Ein Zeichen hierfür hat uns Horaz gegeben, der in seiner Poetik Aristoteles nachgeahmt hat.

<4.1.4. Naturphilosophie>
In der Naturphilosophie hat er alle sowohl in der Kunst, als auch in der Philosophie übertroffen, wie es Alexander gefällt.

<4.1.5. Moralphilosophie>
Wenn aber gesagt wird, daß ihn die Rechtsgelehrrten oder Gesetzgeber überragt hätten was das Schreiben bzw. Vermitteln der Moralphilosophie betrifft, so ist darauf hinzuweisen, daß Moralphilosophie auf zweierlei Weise vermittelt werden kann: entweder in verlangender Form, und so wird sie von den Gesetzen vermittelt <und> ohne Vernunft, und auf diese Weise verbreiten die Fürsten die Moralphilosophie durch ihre rechtsgelehrten Räte und durch die Gesetzgeber, die Philosophen waren - wenn auch ohne Vernunft:

Es sind einige Gesetze so gemacht, daß sie die Menschen sozusagen durch Grauen an die Freigiebigkeit gewöhnen, wie es bei denen von der Bindekraft der Worte, den Diebstählen, den Testamenten, den Verträgen und derlei der Fall ist. Andere so, daß sie durch Furcht vor Strafe an die Mäßigung gewöhnen, som wie alle die betreffend schädigender Akte eingerichtet sind. Andere so, daß die durch Furcht vor Strafe an die Selbstbeherrschung gewöhnen, wie es bei allen der Fall ist, die betreffend Sakrilegen, Inzest, und derlei gemacht sind. Andere gewöhnen die Menschen durch vor Strafe an die Wahrhaftigkit, wie die, die über das Recht des Schwörens und Meineide gemacht sind.: und derlei läßt sich auch in bezug auf andere einfach ableiten.

Auf eine andere Weise kann man die Moralphilosophie vermitteln durch die Weise eines Schusses aus einem rhetorischen Argument, und so wird sie von den Philosophen vermittelt. Der Grund für diesen Unterschied aber ist: weil die Moralphilosophen schärfer dem Intellekt und dem Appetit untergeben sind: so daß sie daher mit richtiger Vernunft und richtigem Intellekt unterworfen sind, so daß uns die Philsophen so belehren, daß sie dem richtigen Appetit unterworfen sind, so daß so jene vom Fürsten verlangt werden, nämlich durch Gesetze.

Aristoteles hat also im durch Schlüsse Vermitteln der Moralphilosophie alle anderen übertroffen. Dies nämlich war <die Aufgabe> eines Philosophen. Im Vermitteln der Moralphilosophie auf die Weise des Gesetzes hat er nicht alle übertroffen - weil er sich darin nicht geübt hat.

<4.1.6. mathematische Wissenschaften>
Betreffend der Mathematik sagen wir, daß bei uns die Bücher die Aristoteles <darüber> geschrieben hat, nicht sind. Sonst würden nämlich nicht die Bücher des Euklid oder des Ptolemäus gelesen: ein Zeichen dafür ist, daß die Geometrie des Euklid nicht so tradiert wird, wie Aristoteles in den Zweiten Analytiken beweist daß sie zu vermitteln sei.

<4.1.7. Metaphysik>
Was die Metaphysik betrifft: Es möge Hiberus mit seinem Irrtum <den er bei Aristoteles gefunden zu haben glaubt> vorübergehen, wir aber wollen mit Alexander, Themistius, Simplikios, Averroes irren, die Aristotels vor alle Metaphysiker gesetzt haben, <und zwar> sowohl in der Kunst, als auch in der Wissenschaft selbst.

<4.1.8. Theologie>
Was aber die Theologie betrifft: Unser Thomas hat geurteilt, daß Aristoteles in der Theologie, die durch natürliche Gründe gefunden wird alle Philosophen überrage.

Aber in der göttlich vermittelten Theologie hat vielleicht Platon alle <anderen> Philosophen wegen der oben angegebenen Gründe übertroffen, d.h. wegen der Ähnlichkeit dessen, was er vermittelt, der Autorität derjenigen, die er nachahmt, des Weges den er gebraucht hat, und der Weise des Philosophierens.

Wenn man aber sagt, daß Aristoteles gegen die christliche Frömmigkeit im Irrtum gewesen sei, so gebe ich dies zu, weil er nicht durch Gott als Autor gesprochen hat, sondern erleuchtet durch das Licht der Natur, wesshalb er nicht alle Dinge richtig vermitteln konnte; er hat aber weniger als andere geirrt. Platon nämlich ist in mehrerem von der christlichen Frömmigkeit abgewichen, wie der höchstgelehrte Thomas überall aufzeigt.

<4.1.9. problematische Lehren in der Moralphilosophie>
Was aber die Irrtümer betrifft, die er in der Moralphilosophie schreibt, so kann man zuerst sagen, daß er nirgends die Jungfräulichkeit mißbilligt hat; bei der Selbstbeherrschung lobt er das Mittlere, und tadelt das eine laszive Extrem, das andere <zurückhaltende> habe ich <hingegen> von ihm nicht mißbilligt gefunden.

Was die Großtuerei [23] betrifft, hat er kaum geirrt, weil er über die heroische Großtuerei gesprichen hat, nicht aber über die brgerliche Großtuerei. Themistius unterscheidet nämlich im zweiten Buch der Zweiten Analytiken eine doppelte Großtuerei, eine, die im übertreffen besteht, die den Königen und Heroen angemessen ist. <Und> die andere Bestrei-

f. 3rb

ten, welche Sokrates und Hirus und Diogenes hatten, die Ehren und Reiche verachteten. von der ersten <von diesen beiden Weisen der Großtuerei> hat also Aristoteles gesprochen, nicht aber von der zweiten.

Wenn er den Tugenden keinerlei Belohnung gibt, so spricht er im gegenwärtigen Leben, wie der göttliche Thomas meint: denn im anderen Leben ist eine andere Ratio.

Was in bezug auf die Feinde gesagt wird, wird nur als begründbar, und nicht als wahr gesagt: Zeichen dafür ist, daß er jenes Problem in der Topik aufnimmt, indem er sagt, wenn es begründbar sei, daß man den Freunden wohltun müssse, so ist es <auch> begründbar, daß man den Feinden übeltun müsse.

Was er von den mißgestalteten Kindern sagt, jenes sagt er nicht aus einem Grunde der auf das schlechthin Gute geht, den er würde sagen, daß dies nicht schlechthin gut sei, sondern aus einem Grunde, der sich auf das Gute der Gemeinschaft bezieht.

Ähnlich das was er über die Abtreibung sagt: jenes sagt er nicht aus einem Grund der sich auf das schlechthin Gute bezieht, sondern, wie Thomas sagt, aus einem Grund der sich auf das Gute der Sache der Familie bezieht, und zwar für die Erhaltung des Adels, er würde aber sagen, daß es etwas schlechthin böses sei. Auf diese Weise kann man die Moralität des Aristoteles verteidigen.

<4.2. Gegen die Einwände gegen Charakter und Leben des Aristoteles>

Was aber die Sachen betrifft, die Aristoteles aufgrund seiner Vita vorgeworfen werden: Das erste löscht überall Simplikios aus, der wollte, daß Aristoteles nicht gegen Platon widersprochen habe, sondern dessen Worte schlecht verstanden habe. Man kann auch sagen, Aristoteles habe Platon widersprochen, nicht weil er undanhbar gegen ihn war, sondern weil es bei zwei existierenden Freunden heilig ist, die Wahrheit höher zu ehren. Wahrlich hat er <Aristoteles> in Worten und Schriften ihn <Platon> immer verehrt, nicht anders als einen Elternteil: er hat dem Platon nämlich keinen Menschen, sondern die Wahrheit vorgezogen.

Mit ähnlicher Begründung kann man sagen, er habe sich gegen Isokrates nicht neidisch gezeigt, sondern als Freund der Wahrheit.

Was Aristipp inbezug auf die Freundin des Hermias schreibt, haben alle, die eine Biographie des Aristoteles geschrieben haben als erfunden geleugnet.

Was <Aristoteles> inbezug auf Unfrömmigkeit vorgeworfen wird, das ist wahr, weil die Religion der Heiden nicht richtig war, und auch nicht mit der Vernunft übereinstimmend. daher hat er die Götter der Heiden und andere ihrer Fabeln verachtet.

Was aber den Giftbecher betrifft: alle Historiker, die seine Biographie geschrieben haben, haben dies geleugnet.

Aristoteles ist daher weder für Undankbarkeit, noch für Neid, noch für mangelnde Selbstbeherrschung, noch für Unfrömmigkeit, noch für Weichlichkeit gerechterweise bekannt.

<5. Schlußwort>

So müssen wir also diejenigen nachahmen und ihre Bücher lesen, die ihm Leben und in der Lehre und in der Kunst heller sind. Ein solcher aber ist Aristoteles, wie wir bewiesen und verteidigt haben. Es wird also mit Recht so gemacht, daß seine Bücher und seine Lehre in allen Schulen gelesen werden.

_

Soweit über den Führer. Es ist aber über jenen Teil der Philosophie, den wir ihn diesem Jahr vorzutragen haben zu handeln. Wir gehen aber in folgender Ordnung vor: Zuerst reden wir über die allgemeine Aufteilung der Wissenschaft. Zweitens speziell über die Teil und Unterteile eines jeglichen Teils. Drittens werden wir etwas hinzufügen inbezug auf jene Zweifel und Analysen, ...



[Übersetzungen] , [Leitseite]

Fußnoten


[23] magnaminitas.
[Zurück zum Text]


[22] ??: "artem calent, inexpertos esse in ea." Venedig 1553 desgleichen.
[Zurück zum Text]


[21] Druck: "At". Vermute: Druckfehler für "Et". Venedig 1553 hat ebenfalls "At".
[Zurück zum Text]


[20] 78b34sqq??
[Zurück zum Text]


[19] 75a38s??
[Zurück zum Text]


[18] incontinentia
[Zurück zum Text]


[17] Vgl. (verständlicher) Diogenes Laertius: De vita et moribus philosophorum, I,1,§2.
[Zurück zum Text]


[16] probi
[Zurück zum Text]


[15] magnaminitas
[Zurück zum Text]


[14] genus tradendi: die Weise in der der Stoff behandelt wird.
[Zurück zum Text]


[13] Nomoi 630a3s: "pistòs anär chrysoy ...": Lob des Treuen (pistòs); "pistis" (Treue, Glauben) wird im Lateinischen meist mit "fides" übersetzt; Niphus verwendet hier "fides" im Sinne von "Glauben".
[Zurück zum Text]


[12] litera : kann auch "Schriften" heißen.
[Zurück zum Text]


[11] Unser sechster Brief.
[Zurück zum Text]


[10] aperuit : wörtlich: geöffnet hat.
[Zurück zum Text]


[9] "liberalium discilinarum rationes": auch möglich: "Gründen der Freien Künste", "Begründungen für die Freien Künste".
[Zurück zum Text]


[8] "meatheca", vermutet: Druckfehler für "matheca": "mathematica". Venedig 1553 hat "mazhematica".
[Zurück zum Text]


[7] doctrina : wäre hier auch mit "Theorie", "theorische Inhalte" übersetzbar gewesen.
[Zurück zum Text]


[6] Sectatores: Angehörige seiner Sekte, seiner Schule.
[Zurück zum Text]


[5] accipiamus : "nehmen wir an" im Sinne von "akzeptieren wir als richtig".
[Zurück zum Text]


[4] discipli : Ich kenne das Wort sonst nicht. Bedeutung aus Rest des Satzes erschlossen. Venedig 1553 hat "disciplinis": "der in den Logischen Dingen und in den Disziplinen (die heute im Sprachgebrauch der Menschen kalkulatorische genannt werden".
[Zurück zum Text]


[3] Ich gebe ein Caput-Zeichen ("") dort, wo sich auch im Druck eines befindet, und ein doppeltes wo sich Im Druck eine Verbindung von Absatzwechsel und Caput-Zeichen befindet.
[Zurück zum Text]


[2] Mir ist nicht klar, auf welche Stelle bei Aristoteles sich dies beziehen soll.
[Zurück zum Text]


[1] NIPHUS, Augustinus: Expositio Subtilissima Collectanea Commentariaque In tres Libros Aristotelis de Anima nuper accuratissima dilligentia recognita, Venedig [apud Hieronymum Scotum] 1553 {BSB: 2 A. gr. b. 225}, f.2ra-f.3rb bietet den Text ebenfalls: stilistisch an einigen Stellen geglättet, aber inhaltlich soweit ich sehe nicht abweichend. Da die stilistische Glättung kaum auf Niphus (er bereits 1538 verstorben war, und bei dem ich - soweit es sicher auf ihn selber zurückführbar war - bislang zwar durchaus Belege für inhaltliche, nicht aber für stilistische Überarbeitungen seiner Werke kenne) zurückgehen dürfte, habe ich als Vorlage der Übersetzung die frühere Ausgabe gewählt.
[Zurück zum Text]



[Übersetzungen] , [Leitseite]