Michaela Boenke

Geschichte der Philosophie II: Philosophie des späten Mittelalters und der Renaissance

Erste Vorlesung


Dokument erstellt: 2002-05-07
Letzte Änderung: 2002-05-07
WWW-Redaktion: Heinrich C. Kuhn





Themen:

1. Einleitung: Epochen, Weltbilder, Weltbildwandel

2. Aristoteles- und Platonrezeption in Mittelalter und Renaissance

3. Das Bildungssystem im späten Mittelalter und Renaissance


1. Epochen/Weltbilder

Die Welt der Antike, der wohlgeordneten schöne Kosmos des Platon oder auch des Aristoteles; die von Teufeln, Dämonen und auch freundlicheren Geistwesen bevölkerten Welt des Mittelalters sind für uns Vergangenheit.. Vergangenheit ist heute, laut den Theoretikern der Postmoderne, auch die Welt der großen Erzählungen, die der Entwicklung unserer Kultur und Geschichte zugrundelagen, sei dies die Erzählung des Christentums mit seiner Vision eines erlösten Lebens in einer jenseitigen Welt, oder die von schnellerer Verfallszeit charakterisierte marxistische Version, die Erlösung ins Diesseits flektierte, in die Vorstellung einer in dieser Welt zu realisierenden gerechten Ordnung und eines diesseitigen guten Lebens. Im Lauf der im Grunde doch nur wenigen Generationen, die uns vom Ursprung der abendländischen Philosophie und Wissenschaft in Griechenland vor etwa 2 1/2 tausend Jahren trennen, hat unser Weltbild sich verändert.

Die Frage, was es mit Weltbildern und den Brüchen oder Revolutionen, mit denen veraltete Weltbilder verabschiedet und neue errichtet wurden auf sich hat, ist aber alles andere als leicht. Epocheneinteilungen beruhen darauf, daß unter souveräner Mißachtung von erheblichen Differenzen epochenspezifische Weltbilder retrospektiv definiert werden; und dies in der älteren Forschung meistens auf der Grundlage kosmologischer Vorstellungen: das funktioniert deshalb so gut, weil der Blick auf die Welt der Sterne eine ziemlich großzügige, eine ziemlich erdenferne Perspektive ist; ein Sozialhistoriker beispielsweise wüßte mit dieser Megaperspektive auf den Weltbildwandel vom ptolemäischen zum kopernikanischen System nicht viel anzufangen.

Die übliche Epocheneinteilung ist die von Antike, Mittelalter, Neuzeit , und als Zeit des Umbruchs, des Übergangs zur Neuzeit kommt dann, sozusagen nachgetragen, als vierte Epoche die Renaissance hinzu; die auf das 14. bis zum Beginn des 17. Jahrhunderts zu datieren ist. Anders als bei Antike und Mittelalter, sagt der Name Renaissance eine Wesenscharakteristik aus: Die Renaissance, als eigene Epoche getauft im 19. Jahrhundert, trägt den Namen Wieder-geburt. Dieser Name als Bezeichnung einer Epoche wurde 1855 von dem Historiker Jules Michelet in der "Histoire de France" geprägt, der ihren Beginn eigentümlicherweise auf das 16. Jahrhundert nachverlegte; der Schweizer Jakob Burckhardt hat ihn in seiner berühmten "Cultur der Renaissance in Italien" 1860 aufgegriffen. Er geht zurück auf Wendungen bei Renaissanceautoren, beispielsweise durch den ersten Kunsthistoriker Vasari, der in seinen "Vite de più´eccelenti Pittori, Scultori e Architettori" von 1550 von der "Rinascita" der schönen Künste sprach.

Wiedergeboren wird nun einmal Altes. Wiedergeboren wurde in der Renaissance die antike Welt. Die Bemühungen des Renaissancezeitalters um die Entdeckung der Antike waren vielfältig: sie umfassen die Auffindung, die Edition und Übersetzung von Schriften der Antike, bis zur architektonischen Planung neuer und Umgestaltung alter Bauten gemäß der antiken Idealvorstellungen von Proportionen; in der Literatur ahmte man in der Komödiendichtung antike Vorbilder wie Plautus und Terenz nach, in humanistischen Abhandlungen bemühte man sich, den Dialogen Ciceros nachzueifern. Der Maler, Architekt, Schriftsteller und Moralphilosph Leon Battista Alberti war sehr stolz, daß eine von ihm unter Pseudonym veröffentlichte Komödie bei seinen Zeitgenossen als spätantike Dichtung durchgegangen war. Aber sagt dieser Rückgriff auf das Alte schon etwas über den Charakter, die Grundlagen, die Intentionen, eben über das Weltbild der Epoche zwischen dem 14. und dem 17. Jahrhundert aus? (...)

Gab und gibt es überhaupt so etwas wie ein verbindliches Weltbild der Antike, des Mittelalters, der Renaissance, der Neuzeit oder auch der Gegenwart? Was wäre denn jeweils dieser Nenner, auf den das Denken einer ganzen Epoche, spricht man von Weltbildern, zu bringen ist? Aus der historischen Entfernung von Jahrhunderten mag man aus den architektonischen, den bildlichen und schriftlichen Dokumenten einer vergangenen Zeit auf bestimmte Grundvorstellungen einer sozialen, religiösen, einer wissenschaftlichen Kultur rückschließen dürfen. Aber ein solcher Schluß ist immer fragwürdig. Was man als generell als ein Weltbild, und als Wandel von Weltbildern, als Bruch mit eingefelischten Traditionen apostrophieren mag, das erscheint so blockhaft-monolithisch nur aus einer Perspektive, die die Vorbereitungen des Neuen im noch Alten ebenso übersieht, wie die Anknüpfung an Altes durch die Vordenker und Heroen der jeweils neuen Zeit und ihres Weltbilds. Das Bewußtsein eines gemeinsamen Nenners, einer gemeinsamen Grundansicht von Gott und Welt, hat es zu irgendeiner historischen Zeit in unserer Kultur in Wirklichkeit nicht gegeben.

Was es gab, waren Theologen, Philosophen oder Wissenschaftler, die in verschiedenen Epochen ein umfassendes metaphysisches und wissenschaftliches Weltbild formulierten: in der Antike war dies vor allem Aristoteles, im Mittelalter mag man an Thomas von Aquin denken, an seine Verbindung von Aristoteles und Christentum, in der frühen Neuzeit mag man an Descartes denken, den wir Philosophen gerne zum Vor- und Meisterdenker eines völlig neuen Weltbilds stilisieren. Für die Renaissance werden sie keine Figur nennen können, die so paradigmatisch für das Denken der Epoche steht.

Aber fragen wir: gab es je wirklich einen solchen Ausdruck eines ganzen Zeitalters, war wirklich je einer dieser Weltbild-Autoren paradigmatisch für das ganze seiner Zeit? Solche Meisterdenker einer Epoche befanden sich ja meistens gerade nicht im Einklang mit ihrer jeweiligen Zeit: vielmehr sind ihre Philosophien, ihre Weltbilder aus Streit, aus zeitgenössischen Auseinandersetzungen hervorgegangen. Aristoteles stellte sich gegen Platon, dessen Ideenlehre ihm zu abgehoben schien; Thomas von Aquin (1225-74) suchte im 13. Jahrhundert theoretisch zu vereinen, was sich in den wesentlichen Fragen nach Gott und Seele grundsätzlich widersprach: nämlich Aristoteles´ Lehre von der Ewigkeit der Welt mit dem christlichen Schöpfungsmythos und Aristoteles´ Lehre von der Seele mit der christlichen Idee persönlicher Unsterblichkeit; das ist ihm bekanntlich nicht geglückt. Und wichtiger noch: Thomas´ "Summe der Theologie" war im Mittelalter weit davon entfernt, allgemein anerkannte Grundlage einer christlichen Wissenschaft und Theologie zu sein; das Welt- und Gottesbild war in seiner Gegenwart hochgradig kontrovers.

Ein wichtiger Ausdruck dieser Kontroverse ist das Dokument des beim Papst hoch einflußreichen Bischofs von Paris, Étienne Tempier, der im Jahr 1277 219 Thesen gegen das rationalistische Weltbild aristotelischer Philosophen verfasste und gegen die Philosophie und Theologie des Thomas ein eigenes Buch zu schreiben plante, um dessen rationalistisches Welt- und Gottesbild in Grund und Boden zu verdammen: zuviel an Ratio, zuviel an Glauben in die Vernünftigkeit der Welt war in Tempiers Augen dem Glauben, der Demut, dem christlichen Innenleben abträglich.

Das christliche Mittelalter war sich nicht einig in der Bewertung der Bedeutung der Vernunft. Das Pariser Universitätsleben im 13. Jahrhundert war durch Interventionen von Papst und Bischöfen bestimmt. Im Jahr 1210 hatte der Erzbischof von Sens - der für Paris zuständig war - und 1228 und noch einmal 1231 hatte Papst Gregor das Studium der aristotelischen Naturphilosophie verboten; Tempier sprach mehrere Verbote aus. Solche Verbote verfolgten die Absicht, die Rolle der Philosophie auf die ancilla-theologiae-Funktion zu begrenzen und augustinische Frömmigkeit anstelle von wissenschaftlicher Gelehrsamkeit hochzuhalten - und dies in einer Zeit, in der der Fortschritt der wissenschaftlichen Bildung nicht mehr aufzuhalten war; nicht nur, weil Aristoteles´ Schriften zurück in den Westen kamen und ihn, der bislang mehr mit Glaubens- denn mit wissenschaftlichen Fragen zu kämpfen hatte, mit einem völlig anderem, einem wissenschaftlichen Weltbild konfrontierten, sondern auch, weil seit dem 12. Jahrhundert in Frankreich, Ober- und Mittelitalien, England und dem Rheingebiet eine urbane Zivilisation entstand; die auf eine Ausbildung nicht verzichten konnte, die die Klosterschulen nicht mehr leisten konnten.

Und - um noch ein wenig länger Epochencharakteristika zu hinterfragen: Springen wir zur Neuzeit, fragen wir: was macht die Modernität der Vor- und Meisterdenker des neuzeitlichen Weltbilds aus?

(ff. Zu Descartes und Newton)

Versucht man Epochen zu charakterisieren, bestimmte Züge in den Mittelpunkt zu stellen, so ist also stets im Auge zu behalten, daß keine auf einen einfachen Begriff sich bringen läßt. Die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen ist fundamental. Sie stellt sich dar im Nebeneinander unterschiedlichster Strömungen und Weltanschauungen; von Strömungen, die bisweilen in ein und derselben Person zusammentrafen, wie dies der Fall bei Newton war. Im Gründungsjahrhundert der Moderne, dem 17., dem wissenschaftlichen Jahrhundert von Descartes, Thomas Hobbes, Robert Boyle und Newton, standen okkulte Wissenschaften, Alchemie, Theosophie und Mystik hoch im Kurs; und es gab und gibt heute einige Versuche, sogar Basistheoreme Newtons aus den "Principia" aus dem Geist der Mystik Böhmes, und der Alchemie eines Michael Maier oder Sendigovius zu deuten - was, wie Sie sich denken können, heftig und hochgradig umstritten ist.


2. Aristoteles- und Platonrezeption

Kommen wir zur Renaissance, zum Zeitalter der Wiedergeburt der Antike zurück. Der Pluralismus, der die Renaissance kennzeichnet, ist bereits in diesem Begriff enthalten. Denn die Antike gab es nicht. In der Antike gab es völlig verschiedene, einander wiedersprechende Weltmodelle. Kannte das Mittelalter aufgrund der Quellenlage fast nur den Aristoteles, ist er zu dem Philosophen schlechthin der mittelalterlichen Welt geworden, so entdeckte die Renaissance alternative Weltmodelle wieder, die ihr halfen, die Vorherrschaft des Aristoteles zu kompromottieren. In der italienischen Renaissance war nach und nach alles wieder da: Die Dialoge Platons, den das Mittelalter nur durch Auszüge aus dem Timaios, durch Darstellungen bei Cicero und bei Kirchenvätern kannte; wurden im Lauf des 15. Jahrhunderts in ihrer Gesamtheit aus dem Griechischen ins Lateinische übersetzt und kommentiert. Erstmals im Abendland herausgegeben wurden neben Platon auch neuplatonische Schriften, die während des Konzils zu Florenz im Jahr 1438 und nach dem Fall Konstantinopels im Jahr 1453 nach Florenz gelangten: Schriften von Plotin und Proclos nicht anders als hermetische Schriften, die mythischen Autoren wie Hermes Trismegistus, Orpheus, Pythagoras und Zoroaster zugeschrieben worden sind. Und ebenso wurde in der Renaissance das Weltbild der Stoiker und der Epikureer wiederentdeckt.

So haben wir es im Mittelalter und in der Renaissance mit einer Pluralisierung von Weltbildern zu tun, befördert durch die Wiederentdeckung antiker Schriften, und notwendig geworden durch die Veränderungen des sozialen und wirtschaftlichen Lebens. Diese Wiederkehr der Antike läßt sich, sowohl was die Wiederentdeckung des Aristoteles im Mittelalter als auch die des Platon in der Renaissance betrifft, unter den Begriff Entwicklungshilfe fassen: Entwicklungshilfe leisteten Kulturen, die im Mittelalter blühend waren; es war dies der arabische Kulturraum, der sich bis Südspanien und Sizilien erstreckte, und über den Aristoteles in den Westen kam, und der byzantinisch-oströmische Kulturraum, der mit der Eroberung Konstantinopels durch die Osmanen im Jahr 1453 zusammenbrach. Die Geburt der Wissenschaft im Abendland ging auf die Interaktion mit der überlegenen Kultur und Wissenschaft der arabisch-islamischen Welt zurück. Die Kreuzzüge - zum Teil klug strategisch von Päpsten inszeniert, um nordische Potentaten aus Italien fernzuhalten - die Kreuzzüge also waren Gott sei dank nicht die einzige Art der Begegnung zwischen der hochstehenden arabischen Kultur und der wenig entwickelten Kultur bzw. bisweilen barbarischen Unkultur des Abendlandes.

Die Araber hatten die Werke der griechischen Ärzte Hippokrates und Galen, der zum wichtigsten Medizintheoretiker des Mittelalters und der Renaissance werden sollte. Seit der Mitte des 10. Jahrhunderts war der ganze Aristoteles ins Arabische übertragen; zudem hatte man die neuplatonische Literatur von Plotin und Proklos in Ausschnitten übersetzt.

Arabische Übersetzungen aus dem Griechischen bildeten die Grundlage der islamischen Aristotelesrezeption im Mittelalter. Bedeutsam für die Vermittlung von Aristoteles nach Westen wurde vor allem der islamische Philospoh Averroes, der im Jahr 1126 in Cordoba geboren wurde; er starb 1198 in der Verbannung. Averroes wurde für die Vermittlung von Aristoteles nach Europa die wichtigste Figur - und wenn Sie in scholastischen Texten neben dem Namen "Philosophus", der für Aristoteles steht, den Namen "Commentator" finden, handelt es sich stets um Averroes, dessen Werk neben eigenen Schriften in einer Fülle von Kommentaren zu Schriften des Aristoteles besteht. Aristoteles war also der Philosoph des Mittelalters; und Averroes sein "commentator"; auf ihn geht der "Averroismus" zurück. Neben ihm ist für die Interpretation des Aristoteles noch ein weiterer Autor ganz zentral: Alexander von Aphrodisias, ein spätantiker Aristoteleskommentator aus dem 3. nachchristlichen Jahrhundert, dessen Aristotelesdeutung den sogenannten Alexandrismus begründet hat; es handelt sich dabei um eine entschieden materialistische Lehre, die die Unsterblichkeit der Seele explizit geleugnet hat (→Lit.hinweis: Pluta, Kritker der Unsterblichkeitsdoktrin).

Vermittelt durch islamische Gelehrte also kam Aristoteles im 12. Jahrhundert zurück nach Europa. Schon um 1240 lag der ganze Aristoteles auf Lateinisch vor. Seitdem hier die aristotelischen Texte zu Naturphilosophie, Metaphysik und Ethik wieder bekannt geworden waren, insbesondere eben dank der Übersetzungen und Kommentare des Averroes, hat sich das intellektuelle Leben stark verändert. Zum traditionellen Lehrplan trat an den Universitäten Unterricht in aristotelischer Naturphilosophie, philosophischer Seelenlehre, Metaphysik, Ethik und Politik hinzu.

Die Lehre an den Universitäten orientierte sich durch die Wiederentdeckung des Aristoteles an neuen Begriffen von Wissenschaftlichkeit; die Schriften der Offenbarung traten in den Hintergrund..Die Kirche reagierte auf diese Entwicklung mit einer Reihe von Verboten: So wurde in Paris, wo die Führungskräfte der Kirche ausgebildet wurden und die hervorragendsten Theologen lehrten, die Lehre der aristotelischen Naturphilosophie im Jahr 1210 verboten, 1215 wurde das Verbot wiederholt und die Metaphysik des Aristoteles in das Verbot eingeschlossen. Papst Gregor IX mahnte 1228 die Theologieprofessoren an, sich nicht mit Naturphilosophie zu befassen, sondern ihren Geist in den Gehorsam Christi zu ergeben. Viel erreichten diese Verbote offensichtlich nicht - was sie schon an der Häufigkeit ermessen konnten, in denen Verbot auf Verbot erfolgte. Ganz im Gegenteil setzte die Pariser Artistenfakultät Mitte des 13. Jahrhunderts das Studium der Schrift De anima und 1255 dann generell das Studium des Aristoteles auf den Pflichtlehrplan.

Aristoteles wurde zu dem Philosophen der christlichen Scholastik. Der erste bedeutende christliche Aristoteleskommentator war der Dominikaner Albertus Magnus (Zu Albertus Magnus) Der zweite wichtige lateinische Aristoteleskommentator war Thomas von Aquin. (Zu Thomas von Aquin). Thomas verfaßte 12 Kommentare zu Hauptwerken des Aristoteles. Insbesondere aber verteidigte er einen christlich interpretierten Aristoteles gegen die arabisch-islamischen Kommentare.

Der Sieg des Thomas, wegen seiner Gescheitheit "doctor angelicus" genannt, über den Averroismus ist in einem Fresco von Andrea da Firenze in der Kirche Santa Maria Novella in Florenz dargestellt.

→ Bild

Nun sind wir mithilfe dieser Darstellung schon in Italien und in der Renaissance gelandet: Die Kirche Sta. Maria Novella, in der das Bild hängt, war Ort der Tagung eines für die europäische Geistesgeschichte außerordentlich bedeutsamen Konzils. Denn hier trafen byzantinische Gelehrte und europäische Humanisten aufeinander, und geboren wurde hier, was man den Platonismus der Renaissance nennt.

Damit sind wir zum zweiten Hauptaspekt der von mir sogenannten kulturellen Entwicklungshilfe -die Wiederentdeckung Platons für das Abendland haben wir ebenfalls einem anderen, wenn diesmal auch einem christlichen Kulturkreis, nämlich byzantischen Gelehrten zu verdanken. Platon, Neuplatonismus, aber auch platonisierende Aristoteleskommentare sowie die griechischen Kirchenväter und hermetische Schriften hatten im oströmischen Reich die Grundlage einer Gelehrsamkeit gebildet, der es um Fragen der Erlösung, um eine christliche Theologie und Lebensführung gegangen ist.

Dank der Ankunft byzantinischer Gelehrter konnten in Florenz Schüler und Gelehrte seit der Zeit um 1400 Griechisch lernen und Einzelübersetzungen platonischer Schriften aus dem Griechischen ins Lateinischen anfertigen. Unter Leitung des von 1397-1400 in Florenz weilenden Chrysolaras wurden wurden der Staat, die Gesetze, der Gorgias und der Phaidros übersetzt. Der bedeutendste Übersetzer der ersten Generation war der Humanist Leonardo Bruni aus Arezzo (1374-1444). Leonardo Bruni war der erste, der eine größere Anzahl von Plato-Übersetzungen geschaffen hat: 1404/05 Phaidon, 1409 Gorgias, 1423/27 Kriton, ab 1424 die Apologie, ebenfalls 1424 den Phaidros, 1427 die Briefe. Bruni hat auch Teile des Symposion, und auch die Nikomachische Ethik des Aristoteles übersetzt.

Die Verfügbarkeit von Schriften Platons sowie Interpretationen seiner Philosophie und - was in Italien zu einem hochbrisanten Thema wurde - Darlegungen zum Verhältnis von platonischer und aristotelischer Philosophie wurde durch das Konzil zu Ferrara-Florenz entscheidend vorangetrieben. Das Konzil drehte sich um die Frage nach der Einigung von Ost- und Westkirche; es sollte - wenn auch nur kurzfristig - das seit 1054 bestehende Schisma überwinden und eine Union zwischen Katholiken und Griechisch-Orthodoxen schaffen. Die entscheidenden Impulse für diesen Dialog unter den Religionen und Völkern hatte Nikolaus Cusanus (→Cusanus) auf dem Baseler Konzil gegeben, das seit 1431 tagte; aber in der Frage nach der Union von Ost- und Westkirche zu keiner Lösung gekommen war und über die Frage, ob das Konzil oder der Papst das Sagen in religiösen Dingen habe, schließlich auseinanderbrach. Während die Basler "Konziliaristen" weitertagten und einen Gegenpapst ausriefen, setzte Papst Eugen IV. das Unionskonzil zunächst in Ferrara, dann in Florenz fort (der Umzug nach Florenz ging - nebenbei bemerkt - auch auf das Betreiben Cosimo de´Medicis, eines gebildeten Humanisten und begabten Bankiers zurück, der - unter formaler Wahrung der republikanischen Staatsform - nach einigen Schwierigkeiten im Jahr 1434 zum Herrscher von Florenz geworden war und dessen Bankhaus die Kosten für die Konzilsteilnehmer übernahm).

Während der Westen von der Tradition der östlichen Platon- und Aristotelesrezeption vor dem 15. Jahrhundert nichts gekannt hat, waren byzantinische Gelehrte mit dem westlich-lateinischen Aristotelismus, insbesondere mit Thomas von Aquin, den sie durch dominikanische Missionare kannten, durchaus vertraut. Sie hielten großenteils den westlichen Weg für falsch, Aristoteles´ Metaphysik mit dem christlichen Gottesbild zu konfundieren; sie erklärten, daß über die arabische Tradition ein verfälschter Aristoteles in den Westen gekommen sei, sie versuchten, den Westen über den originalen Aristoteles zu informieren. Dies war wiederum insbesondere das Verdienst eines byzantinischen Kirchenmanns und Gelehrten, des Georgius Gemistus, der sich zu Ehren Platons den Beinamen Plethon gegeben hatte und in Mistra eine platonische Akademie gegründet hatte.

Während seines kurzen Aufenthalts in Florenz verfaßte Plethon eine Darstellung der aristotelischen und platonischen Philosophie in der Absicht, den Platonismus zu befördern und Irrtümer in der westlichen Aristotelesexegese aufzudecken, insbesondere was die Verbindung von Aristoteles und Theologie betraf. Plethon und sein früherer Schüler Bessarion, auch er einflußreicher byzantinischer Gelehrter und Kirchenmann, der nach dem Konzil von Florenz in Italien blieb und von dem humanistischen Papst Nikolaus V. im Jahr 1439 mit der Kardinalswürde ausgestattet wurde, wollten gegen die westlich-scholastische Allianz von Aristoteles und Christentum die Philosophie des Platon und des Neuplatonismus als bessere Alternative profilieren. Bessarions Traktat "In calumniatorem Platonis", auf Griechisch verfaßt und erst 1469 ins Lateinische übertragen, machte den Westen erstmals mit der Gesamtheit der Lehren Platons bekannt.

Das Verdienst, den ganzen Platon, sowie die Schriften des Neuplatonikers Plotin und hermetische Schriften in lateinischer Übersetzung herauszugeben, kam schließlich einem der berühmtesten Philosophen der Renaissance, Marsilio Ficino zu, der daher - unter souveränem Hinwegsehen über die nun schon 50 Jahre währenden Leistungen der byzantinischen Gelehrten - gemeinhin als Begründer des Renaissanceplatonismus gilt. (→Ficino).

Kehren wir zur Frage nach der Existenz von Weltbildern, von epochentypischen Ansichten der Welt, des Kosmos, des Menschen zurück. In der Antike gab es das platonische, das aristotelische, das stoische und das demokritisch-epikureische Weltmodell (→Stoa u. Epikurrezeption): Vier widersprüchliche Ansichten von der Welt, die bisweilen - auch in der Rezeption und Weiterverarbeitung in Mittelalter, Renaissance und Früher Neuzeit - gewisse Allianzen eingegangen sind, aber doch ganz unterschiedliche Deutungen der einen Welt, die sie alle vor sich hatten, formulierten.

Raphael, die "Die Schule von Athen", im Auftrag von Papst Julius II. in der "Stanza della Segnatura" im Vatikan gemalt, ist eine Darstellung der Renaissancegelehrsamkeit, des Programms der Rückkehr der Antike.

→Bilderläuterung

Genialer war das Programm der Renaissance, die Bemühungen der Humanisten um die Antike, ins Bild nicht umzusetzen. Aber die Renaissance war nicht entschieden: ist Platon die Alternative zu Aristoteles, steht der Lehrer gegen seinen Schüler, oder geht es um ein und, um eine Synthese beider Meisterdenker. Einerseits war zur Zeit Raphaels die Idee einer "pax philosophica" en vogue. (→Pico).


3. Bildungssystem

- Spätmittelalter: Modernisierungsschub: Entwicklung urbanen Lebens, Bildung eines Bürgertums, damit einhergehender Ausbau von Schulen und Universitäten. Die Städte führten zu einer Differenzierung der mittelalterlichen Sozialstruktur, die ursprünglich ausschließlich feudal war. Für die Bildung des Bürgertums wurden in den Städten Schulen errichtet, zum einen Lateinschulen, die in der Art der vermittelten Bildung den Kloster- und Domschulen entsprachen, sodann aber auch ("niedere") städtische Schreib- und Rechenschulen, die hauptsächlich praktische Fähigkeiten vermittelten. Unterricht an den Fürstenhöfen; Frauenbildung. Spätse Mittelalter: Beginn einer laizistischen Kultur.

Lehrer: Humanisten. Lehrer der freien Künste oder "artes liberales". Die Lehre umfaßte traditionell das Trivium, das sind die Elementarfächer Grammatik, Rhetorik und Dialektik oder Logik. Mit dem Aufblühen der Wissenschaften kam zunehmend das Quadrivium der mathematischen Wissenschaften hinzu: Algebra, Geometrie, Musik und Astronomie; die man für Schiffahrt, für Städtebau, Befestigungsanlagen etc. benötigte. Mit Beginn der Universitätsgründungen gegen Ende des 12. Jahrhunderts lehrten Humanisten die "artes liberales" auch an den Universitäten; sie bildeten dort die Artistenfakultät. Universitäten waren zunächst von Studenten initiierte freie Zusammenschlüsse von Lehrern und Schülern, die lange Zeit von Studenten finanziert und verwaltet wurden. (→Ausführung zu Uni Paris, Padua, Bologna). Aristoteles auf dem Lehrplan.

Das Studium der "artes" war lang, in Paris waren im Mittelalter 6 Jahre festgesetzt; hatte man diese Zeit als "artista", als Student der freien Künste hinter sich gebracht, dann verließ man nach einer Abschlussdisputation entweder die Universität als "magister", oder konnte mit einem Hauptfachstudium beginnen; die klassischen Studienfächer waren Theologie, Recht oder Medizin. Paris war die berühmteste theologische Universität des Mittelalters, ein Studium der Theologie dauerte hier 8 Jahre. Die norditalienischen Universitäten, die wesentlich freier d.h. unabhängiger von Kirche und Theologie waren, boten Medizin und Jura als Hauptstudienfächer an.

- Renaissance: der Platonismus formierte sich außerhalb der traditonell aristotelisch-scholastischen Universitäten und dies in einer Zeit, in der die Entwicklung freier, bürgerlich regierter Städte zurück- und zu ihrem Ende ging. Der zunehmenden Weltbildpluralisierung entsprach eine Pluralismierung von Ausbildungs- und Forschungsstätten. Der Rang der großen historischen Universitäten, der Sorbonne, Paduas und Bolognas, ging zurück. Während der Aristotelismus sich insgesamt einzementierte, verließ, nach dem Vorbild der platonischen Akademie und der anderen Akademien an Fürsten- oder Königshöfen, die philosophische und wissenschaftliche Avantgarde die Universitäten; die heute berühmstesten Renaissancegelehrten wie Fracastoro, Cardano, Gordano Bruno lebten von ihrem Arztberuf oder als Privatgelehrte, bzw. sie zogen, wie der Naturphilosoph Bernardino Telesio, eigene Akademien hoch; diese wurden sodann zum Vorbild der Wissenschaftsgesellschaften der frühen Neuzeit; etwa der berühmten Royal Society in London. Beginnend in der Renaissance, kulminierend in der frühen Neuzeit, spielte sich die Forschung nun außerhalb der Universitäten ab.