Michaela Boenke

Geschichte der Philosophie II: Philosophie des späten Mittelalters und der Renaissance

Zwölfte Vorlesung

Dokument erstellt: 2002-07-17
Letzte Änderung: 2002-07-18
WWW-Redaktion: Heinrich C. Kuhn





Wir haben in der letzten Vorlesung Vallas Dialog Über den freien Willen an dem Punkt verlassen, an dem der Dialogpartner Antonio sich an Lorenzo - alias Lorenzo Valla - wandte, weil er von ihm die Auflösung des Freiheitsproblems erwartete; er erhielt zur Antwort, daß die Lösung des Freiheitsproblems in einer von Gott determinierten Welt schwierig, wenn nichr gar unmöglich sei, und daß Antonio sich daher mit seinem Nichtwissen bescheiden solle. Antonio wollte sich mit dieser Antwort nicht zufrieden, und das Gespräch kam auf Boethius, der in der Consolatio philosophia versuchte, göttliche Vorsehung und menschliche Freiheit zu vereinbaren.

Heute kommen wir nochmal zu Vallas Dialog zurück, den wir das letzte Mal für eine Darstellung der Argumentation Boethius´ verlassen haben. . Valla, sagte ich, verteidigte eine realitätsadäquate Philosphie, was heißt, daß Philosophie von res, von Dingen und Sachverhalten handeln soll, die in menschlicher Erfahrung gegeben sind und die die Möglichkeit menschlichen Erfahrens und Erkennens nicht übersteigen. Philosophie aber war, seit ihrem historischen Beginn in Parmenides Reise in den Himmel, spezialisiert auf Strategien des Überstiegs und Flugvisionen: das machte sie zu einem schwierigen, zu einem hochkomplexen Überfangen, wie wir das bei Boethius Reflexionen zum Verhältnis von Vorsehung und Willensfreiheit sahen. Boethius, der die Frage nach dem freien Willen in einer einer Welt gestellt hat, deren Gang von der Vorsehung vorausgesehen wird, mußte alle Mittel der Logik und der Spekulation einsetzen, um den freien Willen sozusagen vor Gottes Vorsehung zu retten. Kommen wir nun zu Vallas Kritik an Boethius.

Valla wirft ihm vor, Argumente bemüht zu haben, die nicht verständlich sind. Boethius wird bei Valla zum Inbegriff eines leere Worte redenden Philosophen. Valla charakterisiert Boethius als einen Denker, der aus allzu großer Liebe zur Philosophie die Wahrheit niccht erkannte und zu eingebildeten und erlogenen Dingen seine Zuflucht nahm. Denn Boethius sprach - so wirft ihm Valla vor - von Dingen, die unser Erkennen übersteigen, seine Worte gingen so ins Leere. Diese Kritik bezieht sich auf den Schluß von Boethius´ Traktat, auf die Passage, in der Boethius auf die Differenz von unseren menschlichen Wissen und Gottes Wissen zu sprechen kommt. Wir hatten die Passage in der letzten Stunde

→ Handout

Consol. phil. V,6, 119-128: "Freilich schaut Gott das Zukünftige, das aus der Freiheit des Willens hervorgeht, als ein Gegenwärtiges. Also geschieht dies, auf das göttliche Schauen bezogen, mit Notwendigkeit, bedingt durch das göttliche Erkennen. für sich betrachtet aber läßt es nicht ab von der absoluten Freiheit seiner eigenen Natur. Also wird ohne allen Zweifel alles geschehen, was Gott als zukünftig geschehend zuvor erkennt, aber einiges hiervon leitet sich aus dem freien Willen ab."

Und Boethius argumentierte → das Zitat davor (Cons. phil. V,5):

"Darum sollen wir uns, wenn wir es können, zum Gipfel jener höchsten Intelligenz emporrecken; denn dort wird die Vernunft sehen, was sie in sich nicht anschauen kann: auf welche Weise nämlich eine sichere und bestimmte Vorrnunfterkenntnis auch das, was keinen sicheren Ausgang hat, zu schauen vermag, und zwar nicht als bloßes Meinen, sondern vielmehr als die in keine Grenzen eingeschlossene Einfachheit des höchsten Wissens."

Eine solche Argumentation ist Valla zufolge unverständlich: denn sie fordert dazu auf, etwas zu erkennen, das unserem Erkennen doch gleichzeitig entzogen ist. Valla schreibt:

"er sagt nämlich, daß Gott durch die Einsicht, die über dem Verstand ist, und durch die Ewigkeit alles wisse und alles gegenwärtig habe. Aber ich, der ich ein mit Verstand begabtes Wesen bin und nichts außerhalb der Zeit erkenne, wie kann ich zur Erkenntnis der Einsicht und der Ewigkeit zu kommen hoffen? Ich habe den Verdacht, daß nicht einmal Boethius dies eingesehen hat, sofern wahr ist, was er gesagt hat, wa ich nicht glaube. Denn man kann wohl kaum sagen, einer spreche wahr, wenn seine Rede weder er selbst noch ein anderer versteht." (72f.)

Aber Vallas Kritik an Boethius geht weiter: Boethius hat, in Vallas Augen, den Kern des Problems der Willensfreiheit verkannt. Er verwechselte res, Sachverhalte, indem er dasselbe Wort für ganz verschiedene Dinge denotieren ließ: Er verwechselte nämlich Vorhersagen und Vorhersehen, und er verwechselte Vorhersehen und Vorherbestimmen.

Valla kritisiert also Boethius, indem er zeigt, daß eine ganz einfache Begriffsdifferenzierung einige der außerordentlichen Schwierigkeiten vermeidbar gemacht hätte, in die Boethius sich verwickelte. Valla wählt dazu ein demonstratives Beispiel aus der Erfahrungswelt: Das Thema Willensfreiheit kommt in Form einer burlesken Szene sozusagen auf den Boden. Antonio - der wie gesagt im Dialog die Rolle des Schülers hat und eine Antwort auf die Frage nach dem freien Willen sucht - Antonio also will Lorenzo demonstrieren, daß es den freien Willen gibt, und daß es unmöglich ist, Handlungen, die aus dem freien Willen folgen, vorherzusehen Antonio führt Lorenzo vor, daß dieser niemals vorherwissen könne, welchen Fuß er, Antonio, zuerst bewegen werde.

Die Antwort des Lorenzo auf das kindische Spiel Antoios deckt implizit einen argumentativen Fehler bei Boethius auf:: Vorhersagen und Vorherwissen (praedicere, praescire) sind nicht dasselbe; Boethius hat in seinen erkenntnistheoretischen Reflexionen den Begriff der Vorsehung für völlig verschiedene Dinge gebraucht.. Wir können lediglich den Versuch machen vorherzusagen, was sich in der Zukunft ereignen wird, und werden entweder das Richtige oder das Falsche treffen. Vorherwissen hat demgegenüber diese Möglichkeit von Irrtum nicht. Das heißt: Boethius´ Argumentation war viel zu komplex geraten, weil er ganz einfache begriffliche und sachliche Unterscheidungen nicht getroffen hat. Die ganze Reflexion zum Verhältnis von Erkennen und Realität ist, aus der Perspektive der Kritik Vallas, müßig - Sie erinnern sich an die 4 Sätze auf dem Tafelbild.

Und Boethius´ logische Reflexionen zu einer kausalen oder modalen Realation von Realität und Wissen haben mit dem fraglichen Problem, der Willensfreiheit, im Grunde nichts zu tun. Die Frage nach der Willensfreiheit ist viel existentieller; sie stellt sich in der Erfahrung und wird nicht gelöst in einer abgehobenen Spekulation. Das klassische Beispiel ist der Verrat Judas an Christus, Valla greift das Judas-Problem auf: Verriet Judas Jesus aus freien Stücken an die Römer? War dies von Gott vorhergesehen? Und wenn er es nicht aus freien Stücken tat, wenn vielmehr Gott ihn dazu bestimmte, so zu handeln, wieso ist Judas dann moralisch schlecht und bestrafungswürdig?

Lorenzo - alias Lorenzo Valla - erklärt im Dialog dem Antonio:

(S. 79) "Du sagst, Gott habe vorhergesehen, daß Judas ein Verräter sein werde. Hat er ihn etwa deshalb auch zum Verrat verführt? Das kann ich nicht sehen. Daß nämlich Gott etwas, das von einem Menschen getan werden wird, vorherweiß, bedeutet nicht, daß es mit Notwendigkeit getan wird, denn es wird willentlich getan. Was aber willentlich ist, das kann nicht notwendig sein."

Nun: das sagte ja auch schon Boethius, wenn auch auf komplizierte Weise, indem er die Kausalverbindung von Realität und Wissen löste. Rücksichtlich des Vorherwissens stimmt Valla dem Boethius also sachlich zu, greift aber zu weniger komplexen Argumenten:

"Zwischen dem, das etwas geschehen kann, und dem, das etwas sein wird, besteht ein großer Unterschied. Ich kann ein Ehemann sein, ich kann ein Soldat sein oder ein Priester - werde ich es darum schon sein? Keineswegs. So kann ich anders handeln, als tatsächlich geschehen wird, aber ich werde dennoch nicht anders handeln. Es lag in den Händen von Judas, nicht zu sündigen, obwohl es vorhergesehen war, aber er zog es vor, zu sündigen, und das dies so sein würde, war vorhergewußt. Daher läßt sich das Vorherwissen behaupten, ohne daß die Freiheit des Willens geopfert werden muß. Der Wille wird eines von beidem wählen, denn beides kann man nicht tun. Welches aber der Wille wählen wird, erkennt das Vorherwissen mit seinem Licht voraus." (S. 99)

Das heißt: Determiniert sind wir nicht durch das Vorherwissen Gottes, denn dieses Vorherwissen bestimmt unseren Willen nicht, es ist nicht seine Kausalursache. Das stimmt mit Boethius überein. Aber das heißt deswegen nicht - und mit diesem Gedanken geht Valla weit über die Argumentationen des Boethius hinaus - das heißt noch nicht, daß wir deswegen nicht determiniert sind. Sondern determiniert sind wir dann, wenn Gott uns so erschaffen hat, daß wir nicht anders können, als er will, und nicht anders wollen können, als er will, weil er uns von Anfang an mit diesem bestimmten Willen erschaffen hat. Das heißt: der Kern der Frage nach der Willensfreiheit ist also nicht: Determiniert Gottes Erkennen, determiniert die Vorsehung unser Handeln, sondern die Frage ist: können wir anders wollen, als Gott will, wenn unser Wille doch von Gott bestimmt ist?

Valla entwirft einen Mythos, um die Nichtdetermination des Menschen durch das göttliche Vorherwissen und zugleich die Determination des Menschen durch den göttlichen Willen zu demonstrieren. Dieser Mythos hat zunächst rhetorische Funktion: er soll in einer verständlichen Argumentation einerseits von dem überzeugen - persuadere, Grundbegriff der Rhetorik - was Boethius mit hochgradig komplizierten Argumenten dargelegt hat: daß göttliches Vorherwissen das Geschehen nicht kausal bestimmt. Und andererseits soll dieser Mythos verdeutlichen, daß Boethius nur die halbe Arbeit - und auch diese, wie wir mittlerweile wissen, in Vallas Augen nur sehr unzulänglich - geleistet hat. Er hat vergessen, über die Vorherbestimmung, die Praedestination, zu sprechen. er ging am Kern des Problems vorbei.

Das Vorherwissen ist der Verstand Gottes, das Vorherbestimmen folgt aus seinem Willen. Valla kehrt zum voluntaristischen Gotttesbild zurück. In seinem Mythos legt er die zwei Aspekte Gottes: seine Vernunft und seinen Willen, in zwei Götter auseinander: in Jupiter und in Apoll.

Die Geschichte, den Mythos den Valla erfunden hat, läuft so: Tarquinius Superbus, ein römischer Gewaltherrscher, tritt vor Apollo, den weissagenden Gott der Griechen, und will Auskunft über sein Schicksal haben. Apollos Orakel lautet: "Arm und verbannt sinkst du hin, vom Zorn der Bürger geschlagen ." [1]

Darauf bittet Tarquinius Apoll, ihm ein besseres Schicksal zu prophezeien. Apoll sagt, daß er das nicht kann; das Schicksal des Tarquinius sei unabänderlich gewiß. Er, Apollo, würde die Schicksale zwar kennen, aber bestimmen würde er sie nicht. Hören wir die Rede des Apoll bei Valla:

"Freilich ist es [dein Schicksal] elend und traurig - ich wünschte, es wäre erfreulicher. Aber das zu tun steht nicht in meiner Macht. Ich kenne die Schicksale, aber ich bestimme sie nicht. Ich kann Glück und Unglück verkünden, aber ich kann sie nicht ändern. Ich kann die Lose anzeigen, aber nicht über sie entscheiden. Ich würde Besseres verkünden, wenn dich Besseres erwartete. Dafür trage ich keinerlei Verantwortung, ich kann doch nicht einmal dem Unglück, das ich für meine eigene Zukunft vorhersehe, widerstehen. Klage, wenn du willst, Jupiter an, klage die Parzen an, klage Fortuna an, von denen die Ursache dessen, was sich ereignet, herabsteigt. Bei ihnen liegt die Macht und der Wille, der über das Schicksal entscheidet, bei mir das reine Vorherwissen und Vorhersagen. Du hast ein Orakel gefordert, ich habe es Dir gegeben; du hast nach der Wahrheit gefragt, eine Lüge konnte ich dir nicht sagen; du bist zu meinem Tempel aus einem fernen Lande gekommen, ohne Antwort durfte ich dich nicht ziehen lassen. Dies sind die beiden Dinge, die mir fremd sind: Lüge und Verschweigen." (107)

Und auf die Frage des Tarquinius, warum Jupiter ihm ein so trauriges Schicksal zugewiesen habe, ohne das er es verdiene, antwortet Apollo, daß die Strafe alles andere als unverdient sei. In Wirklichkeit sei sie die Folge der Verbrechen, die Tarquinius begehen werde: Apollo sagt zu Tarquinius:

&"Du sagst, du habest dies nicht verdient und seiest schuldlos, Sextus? Irrst du dich nicht? Die Verbrechen, die du begehen wirst, sind deine Schuld, die Ehebrüche, die Verrätereien, die Meineide und der ererbte Hochmut." (109)

Die göttliche Vorsehung ist also nicht der Urheber von Schuld, Sünde und den Strafen, die auf begangene Verbrechen folgen: sie weiß, wie einer ist und handeln wird, voraus, aber sie ist nicht die Ursache des moralisch Bösen. So soeht es so aus, als sei das Problem gelöst: der freie Wille ist gerettet. Dies scheint jedenfalls der Dialogpartner Antonio zu meinen, der sich mit dieser Antwort Lorenzos zufrieden geben will: Antonio erklärt allen Ernstes, sein Problem, die Frage nach dem freien Willen, sei nun gelöst. Es ist nun Lorenzo, also Valla, der das Unzulängliche auch dieser Antwort offenlegt, der darlegt, daß das Problem noch keinesfalls gelöst sei.

Und erst an diesem Punkt tritt das Problem von Freiheit und Determination in seiner wirklichen Bedeutung auf, in Form der Frage: Woher nimmt das moralisch Böse seinen Ursprung? Was veranlaßte also den Tarquinius, oder auch, was veranlaßte Judas, böse zu sein und böse zu handeln? Der Frage unde malum wendet Valla sich im 2. Teil des Mythos zu.

Kommen wir wieder zu dem Mythos, durch den der Dialogpartner Lorenzo das Problem der Willensfreiheit verständlich machen will. Valla erzählt den selbstkreierten Mythos weiter. Tarquinius will von Apoll wissen, ob er seinen eigenen Charakter und damit sein Schicksal ändern kann. Er fragt Apoll:

"So kann ich also, Apoll, mich des Verbrechens nicht enthalten, kann die Tugend nicht erwerben, vermag meinen Geist nicht von der Schlechtigkeit zu befreien und ihm eine neue Form zu geben, bin nicht mit der Freiheit des Willens begabt?"

Darauf antwortet ihm Apoll:

"So sind die Dinge, Sextus. So wie Jupiter den Wolf räuberisch, den Hasen ängstlich, den Löwen mutig, den Waldesel dumm, den Hund reißend, das Schaf milde geschaffen hat, so hat er dem einen Menschen das Herz hart, dem anderen weich geschaffen, hat den einen zum Verbrecher, den anderen zur Tugend geneigt gemacht. Darüber hinaus hat er dem einen eine besserungsfähige Veranlagung, dem anderen ein unverbesserliche gegeben, dir aber teilte er eine böswille Seele zu, die durch kein Mittel zu bessern ist. Und so wirst du, der Qualität deiner Veranlagung entsprechend, schlecht handeln und Jupiter wird dich deinem Tun und Handeln entsprechend böse bestrafen und er hat beim Wasser des Styx geschworen, daß es so sein wird." (115)

Tarquinius also hatte von Apollo erfahren, daß es einen Urheber seines Schicksals gibt: Jupiter, den Gott, der alles in der Welt und so auch den Willen, den Charakter des einzelnen Menschen und den Lauf des individuellen Lebens eingerichtet hat. Gott hat den Tarquinius so geschaffen, daß er mit Notwendigkeit böse sein und böse handeln muß; und das heißt: Tarquinius handelt nicht aus freiem Willen, sondern aus Notwendigkeit:

Gegen einen voluntaristischen Gott, einen Willkürgott, kann ein inividueller Wille nicht konkurrieren. Dies zu zeigen, und um den voluntaristischen Gott gegen den Rationalisten Boethius auszuspielen, war der Sinn des Mythos, den Valla erfunden hat..Valla selbst - also der Dialogpartner Lorenzo - äußert sich über die Bedeutung seines Mythos: (117)

"Denn die Bedeutung dieser Geschichte ist folgende: Da die Weisheit Gottes nicht von seinem Willen und von seiner Macht getrennt werden kann, habe ich sie in diesem Gleichnis von Apollo und Jupiter getrennt, um, was ich mit dem einen Gott nicht zu erreichen vermochte, mit den beiden zu erreichen, deren jeder seine bestimmte Natur hat, der eine als Schöpfer der menschlichen Anlagen, der andere als ihr Kenner. Es sollte nämlich klar werden, daß die Voraussicht nicht die Ursache der Notwendigkeit ist, sondern daß all dies, worin immer es besteht, völlig auf den Willen Gottes zu beziehen ist."

Und damit sind wir in der Falle. Wir befinden uns in einer Aporie. Jupiter und Apollo sind, erklärt Valla, nur zwei Seiten des eines Gottes, Gottes Vernunft und seine Macht. Dennoch behauptet Lorenzo nicht, daß es den freien Willen deswegen nicht gebe, zumindest zieht er verbal nicht diesen Schluß. Was sich schließen läßt, ist dies, daß feststeht, daß wir unmöglich verstehen können, wie Gottes Wille und der freie Wille des Menschen koexistieren können

Das heißt nicht, daß es nicht eine andere Form der Auflösung der Widersprüche geben kann, nur ist sie nicht im Wissen und nicht in der Philosophie zu suchen. Hierauf arbeitete Valla strategisch hin: denn ist eine Lösung bewiesenermaßen philosophisch nicht zu haben, dann ist der Weg für andere Zugangsweisen frei.. An die Stelle des Wissens setzt Valla den Glauben, an die Stelle von Begründung tritt Rheorik, an die Stelle der Philosophie tritt eine neue Form der Theologie. Vallas Dialog schließt mit langen Zitaten aus Paulus´ Römerbriefen. Ich stelle hier nur eines davon vor, das Valla aufgenommen hat, das denkwürdige Argument aus dem Römerbrief IX,21:

"Ehe die Kinder geboren waren und weder Gutes noch Böses getan hatten, da ward - auf daß der Vorsatz Gottes bestehen bliebe und seine freie Wahl, nicht aus Verdienst der Werke, sondern aus Gnade des Berufenden - gesagt, daß der Ältere dem Jüngeren dienen werde, so wie geschrieben steht: Jakob habe ich geliebt, aber Esau habe ich gehaßt. Was also sollen wir sagen? Gibt es Ungerechtigkeit bei Gott? Das sei ferne!" (123).

Die Argumente des Paulus, mit denen der Dialog schließt, sind - und genau darum geht es Valla - sie sind philosophisch nicht vermittelbar. Vernunft wird außer Kraft gesetzt, ent-mächigt, wo sie sich Argumente wie das folgende bieten lassen muß:

"Wir aber fragen allein dies: Wie denn ist Gott gut, wenn er den freien Willen nimmt? Er würde ihn aber nehmen, wenn es nicht möglich wäre, daß es anders kommt, als es vorhergewußt wurde. Nun aber legt er uns keine Notwendigkeit auf, noch raubt er uns die Freiheit des Willens, wenn er den einen verstockt und des anderen sich erbarmt, da er dies in der größten Weisheit und Heiligkeit tut. Den Grund aber dafür hat er in einer geheimen Schatzkammer niedergelegt und verborgen." (127)

Das ist, wie Sie sehen, eine philosophische bankrotterklärung: es ist der wiederauferstandene Gott des Alten Testaments Und so stehen wir nun vor der Frage, was Valla eigentlich mit seinem Dialog bezweckt.

Kehren wir, um das zu klären, zu unsreren Investigationen zu Boethius und Valla zurück., um herauszufinden, was es mit Vallas Destruktion der Philosophie und der Rationalität insgesamt auf sich hat. Valla veteidigt also einen voluntaristischen Gott gegen einen rationalistische Gottesvorstellung, er verteidigt den Gott des Glaubens gegen den Gott der Philosophen, einen absolutistische Willkürgott gegen alle Bestrebungen, Gott und die Relation von Gott und Mensch gemäß der Vernunft zu denken. Er macht diese Verteidigung eines Willkürherrschers, dem die Prädikate der Güte, Liebe etc. schwerlich noch angedichtet werden können, er erschent ja so das inkarnierte Unrecht-tun - Valla macht die Verteidigung seines voluntaristischen Ungeheuers an einer Kritik der Philosophie überhaupt fest. Dies tut er anhand der Auseinandersetzung mit Boethius.

Vallas Vorwurf, daß Boethius zu eingebildeten und erlogenen Dingen seine Zuflucht genommen habe, schließt - so sahen wir - zwei Vorwürfe ein: weder soll die Argumentation des Boethius realitätsadäquat, noch soll sie sachhaltig sein. Letzteres ist Kritik an den spekulativen Höhen der Argumentation des Boethius´. Philosophie, die gemäß der Allegorie des Boethius am Beginn der Consolatio bis zum Himmel reicht und über ihn hinaus, verfehlt aus Vallas Perspektive jeden argumentativen Sinn. Unserer Vernunft hat zum göttlichen Erkennen keinen Zugang. Sie erinnern sich: Tempier verbot zu lehren, daß wir in diesem Leben Gott dem Wesen nach erkennen können.

Vallas Traktat über den freien Willen beginnt im Einleitungsschreiben mit der Forderung, daß die Philosophie sich der Theologie unterordnen solle, und nicht umgekehrt. Valla schließt an die ancilla-theologiae-Thematik an, wenn er schreibt: (55)

"Ich würde es sehr begrüßen, Garzia, bester und gelehrtester aller Bischöfe, und von ganzem Herzen wünschen, daß die Christen generell, besonders aber diejenigen, die man Theologen nennt, der Philosophie nicht so große Bedeutung beimäßen, nicht so viele Mühe auf sie verwendetenb und sie nicht zur gleichberechtigten Schwester, um nicht zu sagen zur herrin der Theologie macten. Denn sie scheinen mir schlecht von unserer Religion zu denken, wenn sie meinen, sie bedürfe des Schutzes der Philosophie."

Sodann sind in den Augen Vallas Boethius´ Darlegungen nicht realitätsadäquat. Die Realität, in der wir leben, erklärt Valla, ist die Realität des Christentums. Diese Realität ist kein spekulatives Gebilde, sondern ein Faktum; sie ist das Ergebnis eines historisches Prozesses christlicher Welteroberung. In dieser Realität, und nicht im lufleeren Raum metaphysischer Spekulationen, stellt sich uns das Problem der Willensfreiheit; und es ist deshalb ein theologisches, und kein philosophisches Problem, und es ist ein praktisches, und kein theoretisches Problem. Valla fährt nach dem Angriff gegen die Philosophie fort:

"Das [die Philosophie heranziehen] haben jene in keiner Weise getan, deren Werke schon viele Jahrhunderte überdauern, die dem Vorbild der Apostel gefolgt sind und in Wahrheit zu Säulen im Tempel des Herrn wurden. Und wenn wir aufmerksam zusehen, so waren alle Heresien, die es zu jener Zeit gab - und wie wir hören, gab es viele - beinahe ohne Ausnahme aus den Qzellen philosophischer Lehren entsprungen, so daß die Philosophie der heiligen Religion nicht nur nicht nützte, sondern sogar in hohem Maße schadete."

Der Gott, gegen den oder durch den wir unsere Freiheit retten oder nicht retten können, dieser Gott ist laut Valla der Gott des Glaubens, und nicht der Gott der philosophischen Vernunft. Wir stehen, sagt Valla am Ende seiner Abhandlung, wir stehen im Glauben, nicht in der Wahrscheinlichkeit von Gründen. Das heißt: in Vallas Sicht hat Boethius den realen Kontext, in dem das Problem der Willensfreiheit sich stellt, verfehlt.

Valla destruiert die Philosophie als solche - eine Destruktion, die sie Valla zufolge jedoch selbst verschuldet und durch ihre Geschichte hindurch selbst vollzogen hat. Der Fehler der Philosophen war laut Valla und in seiner bilderreichen, an der Bibel geschulten Sprache, daß sie ihren Mund bis zum Himmel erhoben und ihn sogar ersteigen wollten. Die Destruktion der Philosophie und einer philosophisch geschulten Theologie ist daher die Folge spekulativer Selbstüberbietungen, in denen sie sich zum Schaden der Praxis ergangen ist: sie hat sich, heißt das, im Grunde selber destrueirt, indem sie jeden relevanten Sinn verfehlte.

Fragen wir: Muß man aber nicht den Spieß umwenden? Ist Vorherbestimmung, so wie Valla sie mit Paulus denkt, nicht ihrerseits ein leeres Gedankending, eine erfundene und erlogene Sache? Sind die alttestamentarischen Züge des absoluten Willkürgottes nicht ihrerseits nur leerer Schein? Ist die Prädestination, um die der Schluß des Dialogs kreist, nicht einfach der Reflex einer längst vergangenen nomadischen und patriarchalen Kultur?

So sagt Valla zum Thema Engelsturz:

"Dem ist ähnlich, was sich mit den Engeln ereignete, von denen einige verstockt wurden und andere Erbarmen erlangten, obwohl alle aus der gleichen Substanz waren, aus der gleichen, und zwar unbefleckten, Masse. (…) Und die einen, gleichsam als Gefäße zum Dienste auf dem Tische des Herrn erwählt, haben die Gnade dieser Ehre empfangen, die anderen aber kann man als Gefäße betrachten, die aus dem Gesichtskreis entfernt, allen Unrat und allen Abfall aufnehmen, was schmählicher ist, als wenn sie selbst Schlamm wären. Daher ist ihre Verdammnis beweinenswerter als die der Menschen. Denn größere Schmach bedeutet es für das Gold, aus dem die Engel gemacht sind, als für das Silber, aus dem die Menschen gemacht sind, mit Schmutz angefüllt zu werden." (129f)

Laut Valla ist die Prädestination nicht Schein, kein leeres Wort. Daß die Prädestination ein Faktum ist, läßt sich historischen Tatsachen entnehmen. Eine dieser Tatsachen ist die Bibel, die den Christen ein voluntaristisches Gottesbild diktiert. Ein zweite Tatsache sind die Erfolge der Kirche, deren Autorität und Macht sich in der christlichen Welteroberung durchgesetzt haben: das ist für Valla ein Beweis dafür, daß die Religion der Philosophie vorzuziehen ist, daß eine philosophielose Religion mächtiger und wahrer ist, als es eine philosophisch instruierte Theologie je sein kann: Philosphie ist Quelle von Heresie, von Streitigkeiten, sie untergräbt die Macht des Christentums. Das ist ein Gegenprogramm zu dem Intellektualismus, der - wie wir in den ersten Vorlesungen sahen - an den Universitäten um sich griff, und die Gegenposition zu der Intention einer Versöhnung von Vernunft und Glaube, der wir beim Platonismus, bei Marsilio Ficino, begegnet sind..

Vallas Schrift verfolgt kein theoretisches Interesse, sondern ihr Ziel ist praktisch.. Es geht ihm - und zwar in allen seinen philosophischen und theologischen Bemühungen und Schriften - um die Beförderung der Macht und des Erfolgs der von ihm so genannten res christiana militaria, der kriegerischen Sache des Christentums. Vallas Abhandlung Über den freien Willen, in seiner Zeit und in den aufgeklärten Bildungsinstitutionen Italiens nicht rezipiert, faßte Fuß im Norden. 50 Jahre nach der Abhandlung hat sich Luther Vallas Schrift auf seine Fahnen geschrieben. Sie stellt soz. die Geburtsstunde des protestantischen Gottes dar.

Kommen wir also zu Luther. Luthers Schrift De servo arbitrio, vom unfreien Willen, stellt die von Hass erfüllte Antwort auf Erasmus´ Schrift De libero arbitrio diatribe sive collatio / Gespräch oder Unterredung über den freien Willen dar; diese Schrift war von Oktober 1525 bis Januar 26 bereits in 3 Ausgaben erschienen und hatte die Abgrenzung gegen die lutherische Lehre zum Zweck. Im 3. Teil seiner Schrift Über den freien Willen hat Erasmus Argumente gegen die Willensfreiheit aus der Theologiegeschichte - aus der Scholastik, von Augustinus und Origines - als nicht beweiskräftig zurückgewiesen. Denn die Leugnun der Willensfreiheit ist laut Erasmus fatal gerade auch im Hinblick auf den rechten Begriff Gottes und den Glauben. Willensfreiheit wird - theologisch - als die Fähigkeit des menschlichen Wollens definiert, sich aus freien Stücken dem Heil zu- oder sich von ihm abzuwenden; Erasmus schreibt am Ende des 1. Buches:

"Weiters fassen wir an dieser Stelle den freien Willen als eine Kraft des menschlichen Wollens auf, durch die sich der Mensch dem zuwenden, was zum ewigen Heil führt, oder sich davon abwenden könne ." [2]

Ist diese Freiheit des Willens nicht gegeben, dann folgt, daß der Mensch nicht als Autor des Guten oder Bösen in seinen Handlungen zu betrachten ist. "Diejenigen, die leugnen", schreibt Erasmus gegen Luther und seine Parteigänger,

"IV.12. Diejenigen übrigens, die leugnen, daß es überhaupt einen freien Willen gebe, sondern behaupten, alles geschehe aus absoluter Notwendigkeit, bekennen, daß Gott in allen nicht nur die guten Werke wirke, sondern auch die bösen, woraus zu folgen scheint, daß, wie der Mensch in keiner Hinsicht der Urheber guter Werke genannt erden kann, er auch in keiner Hinsicht der Urheber der bösen genannt werden kann. Obwohl diese Meinung ganz offen Gott Grausamkeit und Ungerechtigkeit zuzuschreiben scheint - eine Rede, die in frommen Ohren heftigen Abscheu erregt (denn er wäre nicht Gott, wenn ein Fehler oder etwas Unvollkommens auf ihn zuträfe) -, wissen diese Leute doch auch, was sie in einer so wenig einleuchtenden Sache antworten sollen: Gott ist, und was er tut, kann nur das Beste und Schönste sein; wenn man die Schönheit des Weltalls betrachtet, so ist hier auch das, was an sich böse ist, gut und zeigt die Herrlichkeit Gottes, und es ist nicht Sache irgendeines Geschöpfes, den Ratschluß des Schöpfers zu beurteilen, sondern sich ihm zur Gänze in allem zu unterwerfen, so daß, wenn Gott diesen oder jenen verdammen will, es nicht dagegenmurren dürfe, sondern bejahen müsse, was immer jener beschlossen habe (…)", usf.

Luther, sagt Erasmus, verstümmelte den freien Willen, und nicht einmal damit zufrieden, brachte er den freien Willen um und beseitigte ihn völlig (ebd.) Willensfreiheit impliziert, daß der Mensch selbst, und nicht Gott im Menschen handelt: der Mensch ist als sittliche Persönlichkeit und nicht als passives Gefäß in Gottes Hand zu begreifen. Und eben ist die Bedingung dafür, daß er für sein Wohl- oder sein Missverhalten im Jenseits belohnt oder bestraft wird: ohne Freiheit wird auch Verantwortung nicht zu retten sein..

Erasmus wirft Luther vor, den Verstand korrumpiert zu haben. Korrumpiert wird der Verstand laut einer recht deutlichen Bemerkung des Erasmus dann, wenn er mit Paradoxa gegen die Wahrheit eingenommen wird. Erasmus verteidigt Vernunft und Freiheit gegen die Theologie, die er als paradoxal zurückweist. Am Ende seiner Verteidigung des freien Willens schreibt Erasmus:

"Dann möchte ich, daß der Leser prüfe, ob er das für billig erachten kan (…) gewisse Paradoxa zu übernehmen, deretwegen der christliche Erdkreis von Kämpfen erschüttert ist. Wenn diese Paradoxa wahr sind, bekenne ich freimütig meine Schwerfälligkeit, da ich sie nicht verstehe, doch kämpfe ich nicht wissentlich gegen die Wahrheit und stehe mit Überzeugung auf seiten einer wirklich evangelischen Freiheit und verabscheue, was immer dem Evangelium widerstreitet."

Auf Erasmus antwortete Luthers dezidiert, daß der freie Wille nicht existieren würde, in dem Text mit dem Titel "Daß der freie Wille nichts sei". Und hierbei schließt er an Lorenzo Valla an (→ Handout): "Laurencius Valla", schreibt er, "ist der beste Walh, den ich mein lebtag gesehn oder erfaren hab. De libero arbitrio bene disputat. quaesivit simplicitatem in pietate et in literis simul." Und boshaft fügt er hinzu: "Erasmus eam tantum in litteris quaerit, pietatem ridet."

Luther erklärt die Rede von einem freien Willen "für ein leeres Wörtlein (…) dessen Gegenstand man außer acht gelassen hat." Denn nach dem Verlust seiner Freiheit aufgrund der Erbsünde soll dem Menschen das Wollen des Guten aus eigener Kraft nicht möglich sein. Luther sagt:

"Wenn der freie Wille aus sich allein nichts Gutes wollen kann, durch die Gnade allein aber Gutes will (…) wer sieht nicht, daß jener gute Wille, Verdienst und Lohn allein Sache der Gnade sind? (119)

und fährt, durchaus übereinstimmend mit Valla, fort:

"Wer sind wir nun, daß wir den Grund des göttlichen Willens erforschen wollten? Es genügt zu wissen, daß Gott so will, und es gehört sich, diessen Willen zu verehren, zu lieben und anzubeten, und das verwegene Treiben der Vernunft zu bändigen." (122)

Der Wille Gottes, nach dem er Barmherzigkeit schenkt oder nicht, sagt Luther,

"Dieser Wille ist nicht zu erforschen, sondern mit Ehrfurcht anzubeten als das bei weitem ehrwürdigste Geheimnis der göttlichen Majestät, das ihr allein vorbehalten, uns aber verwehrt ist ". [3]

Sie sehen: Auch hier, im Protetestantismus, leben Tempiers Verbote fort. These 23 verbot

- Zitat -

"Zu sagen, Gott gebe dem einen die Glückseligkeit, einem anderen aber nicht, ist ohne Grund und eine Fiktion."

Die Geschichte des voluntaristischen Gottes trat mit dem protestantischen Glauben in eine neue Phase ein. Der Gottesgedanke blieb derselbe, und dasselbe blieb das Interesse an einer Depotenzierung der Vernunft. Der voluntaristische Antirrationalist will die Vernunft in ihrem Ansprüchen beschneiden; sie soll kein Weg zu wirklicher Erkenntnis sein.

Die Geschichte dieses Antirationalismus, der den Gott des Glaubens gegen den Gott der Vernunft stellt, reicht von Augustinus, dem ersten Philosophen des Christentums über Tempier zu Luther und von diesem hin bis zu Jacobi, dem Verteidiger einer Vernunft des Herzens, der sich die Unphilosophie aufs Banner geschrieben hat und noch zu Beginn des 19. Jahrhunderts mit allen Mitteln, auch den schlechtesten, gegen Philosophen stritt, die ihr Heil nicht im Glauben, sondern in der Folgerichtigkeit des Gedankens finden mochten. (→ Handout, Zitate)

Kommen wir nach diesem Streifzug in das philosophische Herzstück des Protestantismus, noch einmal zur Philosophie zurück. Und nehmen wir unseren Ausgang noch einmal bei Valla, bei dem Mythos des in Jupiter und Apoll geternnten, realiter aber doch einen Gottes, der die Aspekte des Wissens und des Wollens, der Vorhersehung und der Macht in sich vereint, aber nicht versöhnt - zmindest auf keine dem Menschen zugängliche Weise.

Den von Valla erfundenen Mythos, der bei Valla mit dem paulinsichen Gottesbild schloß, spann Gottfried Wilhelm Leibniz weiter. Sie erinnern sich vielleicht aus dem kosmologischen Themenkreis: Leibniz war Rationalist, er verteidigte den Gott der Vernunft gegen den voluntaristicchen Gott Newtons. Sein philosophisches Hauptwerk, die Theodizee von der Güte Gottes, der Freiheit des Menschen und dem Ursprung des Übels (→ Rechtfertigung) schließt mit der Forterzählung der Geschichte von Apoll und Tarquinius Superbus.

In § 413 der Theodizee kommentiert Leibniz den Mythos Vallas mit den Worten:

"413. Dieser Dialog Vallas ist schön, obgleich man hier und da etwas dagegen einzuwenden findet: Sein Hauptfehler ist jedoch der, daß er den Knoten zerhaut und die Vorsehung unter dem Namen Jupiters, den er nahezu zum Urheber der Sünde macht, zu verdammen scheint. Treiben wir daher die Geschichte noch ein wenig weiter."

In Leibniz´ Fortsetzung des Mythos sucht Tarquinius Superbus Jupiter auf und stellt ihn vor die Alternative, entweder sein, des Tarquinius Geschick und Herz zu ändern, oder sein, des Gottes, Unrecht zuzugeben. Jupiter erklärt sich zur Änderung des Schickslas des künftigen Gewaltherrschers bereit, stellt ihm aber folgende Bedingung: der Bittende muß auf den Königsthron verzichten, denn ein guter König kann er nun einmal nicht sein. Tarquinius ist nicht bereit zu verzichten, und geht, nun also freiwillig, in sein Schicksal.

Bei dem Gespräch zwischen Jupiter und Tarquinius waren in Leibniz´ Fortsetzung diese nicht allein, sondern anwesend war auch ein Oberpriester namens Theodoros. Dieser setzt anstelle des Tarquinius den Protest bei Jupiter fort.

"Deine Weisheit", sagt er, ist bewunderungsnswürdig, großer Gebieter der Götter. Du hast diesen Mann von seinem Unrecht überzeugt; er muß nun sein Unglück seinem bösen Willen anlasten und kann nichts dagegen einwenden. Allein deine treuen Verehrer sind erstaunt: sie möchten deine Güte bewundern, wie sie deine Größe bewundern; es hing doch nur von dir ab, ihm einen anderen Willen zu geben."

Jupiter schickt, um Theodorus vom Zweifel an seiner Güte zu befreien, ihn zu seiner Tochter Pallas, der griechischen Göttin der Vernunft. Laut griechischer Mythologie ist Pallas aus Jupiters Haupt geboren; Wissen und Macht sind generisch eins. Der Hohepriester fällt in ihrem Pallast in einen Traum, indem ihm die Göttin erscheint. Sie spricht zu ihm:

"Jupiter, sprach sie, der dich liebt, hat dich mir empfohlen, damit ich dich belehre. Du siehst hier den Palast der Lose des Lebens, der meiner Obhut anvertraut ist. Er enthält die Darstellungen nicht allein dessen, was wirklich geschieht, sondern auch alles dessen, was möglich ist. Jupiter hat diese vor Beginn der bestehenden Welt durchgesehen, hat alle die möglichen Welten überdacht und die beste von allen erwählt."

So zeigt Pallas dem Hohepriester die Gesamtheit der in Gottes Verstand möglichen Welten, deren jede, wie sie sagt, in ihrer Art alles enthält, was man begehren kann. Sie führt Tarquinius durch ihren paramidenförmigen Palast, dessen Zimmer stets Eintritte in neue Welten sind, in denen der Hohepriester mögliche Leben und Geschicke des Tarquinius erblickt. Das Zimmer in der Pyramidenspitze ist das prächtigste. So lassen sich zahllose Welten denken, die Tarquiniusse enthalten, die dem wirklichen Tarquinius ähnlich, aber nicht mit ihm identisch sind.

Pallas erklärt dem Hohepriester:

"Siehe hier, was Jupiter dir bereitet, wenn du fortfährst, ihm treu zu dienen. Hier nun ist Sextus, wie er ist und wie er wirklich sein wird. Er verläßt voll Zorn den Tempel, er mißachtet den Rat der Götter. Dort siehst du ih nach Rom gehen, alles in Verwirrung stürzend, das Weib seines Freundes schändend. Hier erscheint er mit seinem Vater, vertrieben, geschlagen, unglücklich. Hätte hier Jupiter einen Sextus,der in Korinth glücklich oder König von Thrakien wäre, an seine Stelle gesetzt, so würde es nicht mehr diese Welt sein. Und doch mußte er diese Welt wählen, die alle anderen an Vollkommenheit übertrifft und die Spitze der Pyramide bildet: denn sonst würde Jupiter seiner Weisheit entsagt und mich, die ich seine Tochter bin, verbannt haben. Du siehst, nicht mein Vater hat den Sextus böse gemacht, er war es von aller Ewigkeit her und war es immer aus freiem Willen: er hat ihm nur das Dasein gewährt, das seine Weisheit jener Welt nicht vorenthalten konnte, in der er mitenthalten ist: er hat ihn nur aus der Region der Möglichkeiten in die Region der wirklichen Wesen übergeführt."

Die Welt, in der ein sündigender und bestrafter Tarquinius vorkommt, ist, so sieht der Hohepriester ein, die beste mögliche Welt.

In Leibniz Fortsetzung des Mythos ist also eine neue Figur ins Spiel gekommen, der Hohepriester, der mit dem Ausgang der Geschichte nicht zufrieden ist Leibniz ließ den Hohepriester zu Jupiter sagen, daß es darum gehe, nicht nur die Größe Gottes, sondern auch die Güte Gottes zu bewundern. Das ist Kritik an vallas Begriff von Gott: Gott ist, bei Valla, als Allmachtsgott begriffen, aber nicht als guter Gott.

Leibniz hat den voluntaristsichen Gott in der Einleitung zur Theodizee angegriffen Er schrieb:

"Man hört manchmal Leute lautstark von Frömmigkeit, Hingebung, Religion reden, die sogar damit befaßt sind, sie zu lehren; und dann findet man, daß sie nur wenig über die göttlichen Vollkommenheiten Bescheid wissen. Sie haben falsche Vorstellungen von der Güte un der Gerechtigkeit des Weltenherrschers; sie stellen sich einen Gott vor, der es weder verdient, nachgeahmt noch geliebt zu werden. Dies schien mir gefährliche Folgen zu haben, weil es außerordentlich wichtig ist, daß die Quelle der Frömmigkeit nicht verunreinigt werde. Die alten Irrtümer derer, die die Gottheit angeklagt oder ein böses Prinzip aus ihr gemacht haben, sind in unserern Tagen zuweilen wieder erneuert worden: man hat sich auf die unwiderstehliche Macht Gottes berufen, wo es vielmehr darum ging, seine höchste Güte sichtbar zu machen; und man hat eine despotische Macht bemüht, wo man sich eine von der höchsten Weisheit gelenkte Macht hätte vorstellen sollen."

Diese Güte, oder die Konkordanz von Größe und von Güte, müßte folglich am Ende, in Leibniz´ Schluß des Mythos, bewiesen und dargestellt sein. Aber sobald wir die Ebene der schönen Geschichte, des happy end verlassen, die Leibniz da zu Vallas Text hinzugedichtet hat, wird dann diese Lösung nicht doch ihrerseits auch fraglich? wieso ist Gott bei Leibniz gut?

Denn, so ist doch zu fragen, ist die Güte Gottes schon dadurch versichert, daß die Schöpfung, und die Einrichtung der Schöpfung, und daß ihr Bestand nicht ein Akt bloßer Willkür, und als solcher jederzeit reversibel ist, sondern daß Vernunft es ist, die Gott zur Entscheidung für eine bestimmten Welt veranlaßt? Gottes Wahl der besten Welt aus einer Vielzahl möglicher Welten, die in seinem Verstand vorhanden sind: kann diese Vorstellung das Individuum versöhnen damit, daß sein eigener Platz in dieser besten aller Welten nun einmal nicht der beste ist? Wie eigentlich steht es um das eigene Glück in einer Welt, die qua bester - die größten Glücksmöglichkeiten bietet, aber nicht für jedermann?

Gott, betrachtet als so etwas wie der größte Mathematiker, richtete die Welt so ein, daß alle Einzelheiten, Monaden und Aktionen, sich in ein großes Ganzes fügen: er schuf nicht die einzelnen Monaden, sondern eine Welt.. Und diese Welt nun integriert Substanzen und Ereigisse, die zum Zweck des Besten so eingerichtet sind, wie Gott sie ins Leben führte. Sie enthält u.a. besondere Monaden, Seelen, die Erkenntnis von sich selbst haben und mithin als verantwortlich für sich, als lohn- und straffähig, zu betrachten sind. Diese bilden "ce roman de la vie humaine", den Roman des menschlichen Lebens. In § 149 der Theodizee spricht Leibniz davon, "wie der Roman des menschlichen Lebens, der die allgemeine Geschichte der Menschheit bildet, mit einer Unzahl anderer im göttlichen Verstand vorgestellt bestand, und daß Gottes Wille nur deshalb sein Dasein beschlossen hat, weil gerade diese Abfolge von Ereignissen zwecks Hervorbringung des Besten am meisten mit den übrigen Dingen harmonierte. Jene anscheinenden Mängel der ganzen Welt aber, jene Flecken in einer Sonne, von der die unsere nur ein Strahl ist, erhöhen nur ihre Schönheit, statt sie zu vermindern und tragen zur Erzeugung eines größeren Guts zu ihrer Schönheit bei." (a.a.O. II,1, S. 463)

Schlussdiskussion





Fußnoten


[1] 105
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[2] ebd 37
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[3] ebd. 107
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