Prof. Dr. Eckhard Keßler

Geschichte der Philosophie II: Philosophie des späten Mittelalters und der Renaissance

Überblicksvorlesung

Teil 1


Dokument erstellt: 2003-04-30
Letzte Änderung: 2003-04-30
WWW-Redaktion: Helga Pirner-Pareschi & Heinrich C. Kuhn





46. Averroes: Philosophie und Theologie von Averroes, a.a.O. (Nr. 45) 6 f. (it. Ausg. 59) [vgl. auch: pp. 16; 20-22: (it: 83; 97-101)]:

Da dies alles bestimmt ist und wir Muslime überzeugt sind, daß dieses unser göttliches Gesetz Wahrheit ist und daß es aufmerksam macht und auffordert zu dieser Glückseligkeit, welche in der Erkenntnis des allmächtigen und erhabenen Gottes und seiner Geschöpfe besteht, so steht dieses für jeden Muslim entsprechend dem Typ der Zustimmung fest, welchen seine angeborene und natürliche Anlage erfordert.

Denn die Naturen der Menschen sind unterschieden nach der Art und Weise der Zustimmung: der eine gibt seine Zustimmung dem rationalem Beweis, der andere den dialektischen Erörterungen - und dies mit der gleichen Entschiedenheit wie der Mann, der dem Beweis folgt, und dies, weil seine Natur ihm nicht mehr erlaubt -, wieder ein anderer den rhetorischen Ausführungen - und auch dies mit der gleichen Entschiedenheit wie der Mann, der dem Beweis folgt.

47. Averroes: Philosophie und Theologie von Averroes, a.a.O. (Nr. 45) 21 f. (it. Ausg. 99 f.):

Generell kann alles, was von diesen Äußerungen der Interpretation bedarf, allein auf dem Weg des Beweisens begriffen werden, und es ist ausdrücklich die Aufgabe der Auserwählten, sich ihnen zu widmen. Pflicht der Massen ist es hingegen, sie dem Wortlaut entsprechend anzunehmen, sowohl in Hinblick auf Begriffe wie in Hinblick auf die Aussagen, denn die Natur der Massen ist nicht in der Lage, die Stufe des Äußeren zu überwinden.

Den Erforschern des religiösen Gesetzes kommt es, aufgrund der größeren Fähigkeit der einen als der anderen gebräuchlichen Methode zur Bewirkung von Zustimmung, ebenfalls zu, Interpretationen zu formulieren - wenn es sich z. B. ergibt, daß die Interpretation in einem Zusammenhang vollkommenere und überzeugendere Hinweise gibt als der wörtliche Sinn. Dabei handelt es sich um Interpretationen, die eine große Verbreitung haben und es kann sein, daß ihre Kenntnis verpflichtend ist für jene, deren Argumentationsvermögen bis zur Stufe der Dialektik reicht... Was aber die Massen angeht, deren Vermögen nicht die rhetorische Stufe übersteigen, so sind sie verpflichtet, sich treu an den wörtlichen Sinn zu halten, denn es ist absolut verboten, daß sie irgendetwas von den Interpretationen kennenlernen.

So zerfallen nun die Menschen, in Bezug auf das religiöse Gesetz, in drei Klassen:

1. Die erste, der es absolut nicht zukommt, zu interpretieren, besteht aus der übergroßen Mehrheit der Bevölkerung, die sich für die rhetorischen Argumentationen eignet. Niemand, der mit Vernunft ausgestattet ist, kann sich nämlich weigern, dieser Art von Argumentation seine Zustimmung zu geben.

2. Die zweite Klasse ist jene, die sich an der dialektischen Interpretation erfreut - und Dialektiker wird man von Natur aus oder durch Natur und Ausbildung.

3. Die dritte Klasse ist jene der wahren Interpretation; es handelt sich dabei um die beweisführenden Leute, die dazu werden durch natürliche Veranlagung oder durch Unterweisung in der Kunst der Philosophie. Die Interpretation, die von dieser letzten Gruppe vorgenommen wird, darf nicht an die Dialektiker weitergegeben werden, und noch weniger an die Massen.

48. Averroes: Philosophie und Theologie von Averroes, a.a.O. (Nr. 45) 14 (it. Ausg. 79 ):

Seine Zustimmung zu einem Schluß zu geben, zu dem man durch einen Beweis gelangt ist, der seine Wurzeln in der eigenen Seele hat, ist eine Frage des Müssens und nicht der freien Wahl. Das heißt, es liegt nicht in unserer Macht, eine derartige Zustimmung zu verweigern oder anzunehmen so wie es in unserer Macht steht, auf unseren Füßen zu stehen oder uns hinzusetzen. Und da die freie Wahl zu den Voraussetzungen der gesetzlichen Verantwortung gehört, folgt daraus, daß wer zu einem Irrtum, dessen Wahrscheinlichkeit ihn vom rechten Wege abgeführt hat, seine Zustimmung gegeben hat, entschuldigt ist, wenn er zur Klasse der Menschen der Wissenschaft gehört.

49. Jacques Le Goff: Die Intellektuellen im Mittelalter, Stuttgart 1986 (dt. Übers. v. Intellectuels au Moyen Âge, Paris 1957)

50. Arts liberaux et philosophie au Moyen Âge. Actes du 4ème Congrès International de Philosophie Médiéval, Montreal 1967, Montreal / Paris 1969

51. H. Denifle / A. Chatelain: Chartularium Universitatis Parisiensis, 4 Bde., Paris 1889-97

52. Lynn Thorndyke: University Records and Life in the Middle Ages, 2New York 1971

[p. 28]:

Statut des Kardinals Robert de Courçon für die Universität Paris von 1215

Sie sollen die Bücher des Aristoteles über die Dialektik - die alte ebenso wie die neue - in den Schulen ordentlich und nicht nur kursorisch (ad cursum) lesen. Sie sollen in den Schulen auch die beiden Bücher des Priscian - oder zumindest eines von ihnen - ordentlich lesen. Und sie sollen an Feiertagen nicht lesen, es sei denn Philosophen und Rhetorik und über das Quadrivium und den Barbarismus [1] und Ethik sowie das vierte Buch der Topik. Nicht gelesen werden dürfen die Bücher des Aristoteles über die Metaphysik und die Naturphilosophie oder deren Zusammenfassungen (summe).

53. Aristoteles: Analytica posteriora / Lehre vom Beweis I,2; 71b9-18:

[9] Wir glauben aber, ein jedes schlechthin zu wissen - nicht aber auf die sophistische Weise, d.h. nur akzidentell - wenn wir die Ursache zu kennen glauben, aufgrund deren der Sachverhalt (tò prâgma) ist, und daß sie die Ursache von diesem Sachverhalt ist, und daß dies sich nicht anders verhalten kann.

[12] Es ist nun offenbar, daß das Wissen etwas Derartiges ist. Denn diejenigen, die nicht wissen ebenso wie die, die wissen, glauben entweder selbst, sich in einem solchen Zustand zu befinden, oder befinden sich, wenn sie wissen, auch tatsächlich darin, so daß das, wovon es schlechthin Wissenschaft gibt, sich unmöglich anders verhalten kann.

[16] Ob es nun auch noch eine andere Weise des Wissens gibt, werden wir später sagen; wir sagen aber, daß man auch durch Beweis wissen kann. Beweis aber nenne ich einen wissenschaftlichen Syllogismus (syllogismòs epistemonikós). Wissenschaftlich aber nenne ich einen Syllogismus, dem zufolge wir dadurch, daß wir ihn haben, wissen

54. Aristoteles: Analytica priora / Erste Analytik I,1; 24b18-22:

Der Syllogismus ist eine Rede (lógos), in der, nachdem etwas gesetzt worden ist, sich dadurch, daß dieses ist (tô taûta eînai), etwas von dem Gesetzten Verschiedenes mit Notwendigkeit (ex anánkes) ergibt (symbaínei). Ich meine aber mit "dadurch, daß dieses ist", daß es sich durch dieses ergibt (tò dià taûta symbaínein), und mit "daß es sich durch dieses ergibt", daß es keines weiteren Begriffes von Außen mehr bedarf, damit Notwendigkeit entsteht (genésthai).

55. Aristoteles: Analytica posteriora /Lehre vom Beweis I,2; 71b19- 32:

[19] Wenn nun das Wissen so beschaffen ist, wie wir gesetzt haben, ist es auch notwendig, daß die beweisende Wissenschaft aus Wahrem (ex alethôn), Erstem (proton) und Unmittelbarem (améson) hervorgeht und aus solchem, das bekannter (gnorimotéron) und früher (protéron) ist als der Schlußsatz und ursächlich (aitíon) für ihn. Denn so werden auch die Prinzipien (archaí) dem, was bewiesen wird, eigentümlich (oikeîai) sein. Denn einen Syllogismus wird es auch ohne dies geben, ein Beweis aber wird er nicht sein. Denn er wird nicht Wissenschaft hervorbringen.

[25] Wahres (alethe) nun muß es sein, weil es nicht möglich ist, das nicht Seiende zu wissen, wie z.B. daß die Diagonale mit der Seite kommensurabel ist.

[26] Aus Erstem (ek próton) und Unbeweisbaren (anapodeíkton) aber, weil man sonst nicht wissen wird, ohne daß man seinen Beweis besitzt. Denn das Wissen dessen, wofür es - nicht nur in akzidentieller Weise - einen Beweis gibt, besteht im Besitz des Beweises.

[29] Ursächlich (aítia) und bekannter (gnorimotera) und auch früher (prótera) muß es sein: ursächlich, weil wir dann wissen, wenn wir die Ursache wissen; und früher, insofern es ursächlich ist; und vorhergewußt nicht nur auf die eine Weise, nämlich die des Verstehens, sondern auch durch das Wissen, daß es ist.

56.Aristoteles: De interpretatione / Lehre vom Satz 1; 16 a 3-8:

Es ist also das, was in der Stimme ist, ein Symbol (sýmbolon) der Affektionen (pathemata) der Seele, und das Geschriebene dessen, was in der Stimme ist. Und wie nicht alle die gleichen Buchstaben haben, sind auch die Laute nicht bei allen dieselben. Das aber, wovon diese zuallererst Zeichen (semeía) sind, die Affektionen der Seele, ist bei allen das gleiche, und ebenso sind die Sachverhalte (prágmata), von denen diese Ähnlichkeiten (homoiomata) sind, dieselben.

57. Schriften des Aristoteles in ihrer systematischen Ordnung

1. Logische Schriften (Organon)

2. Ethische Schriften:

3. Physikalische Schriften:

4. Metaphysik

58. Charles B.Schmidt / Dilwyn Knox (edd.): Pseudo-Aristoteles Latinus. A Guide to Latin works, falsely attributed to Aristotle before 1500, London 1985

59. Charles B. Schmidt / Jill Kraye / William F. Ryan (edd.): Pseudo-Aristotle in the Middle Ages. The 'Theology' and other Texts. London 1986

60. Averroes: "In libros Physicorum Aristotelis Prooemium" (Vorwort zum Physik-Kommentar), in: Aristotelis quae exstant Opera omnia cum Averrois Cordubensis commentariis, Venedig, Apud Iuntas, 1562-74, Reprint Frankfurt 1962, Bd. IV, p. 4 - 5

[4L] Der Autor dieses Buches ist Aristoteles, der Sohn des Nikomachus, am weitesten bekannt bei den Griechen in der Wissenschaft. Er war auch der Autor der anderen Bücher, die es in dieser Wissenschaft (ars) gibt, und derer, die man in der Wissenschaft der Logik (in arte Logica) findet und ebenso der Traktate, die sich in der göttlichen Wissenschaft (scientia Divina) finden lassen. Und er war zugleich auch der Erfinder (inventor) dieser drei Wissenschaften, nämlich der Wissenschaft der Logik, der göttlichen Wissenschaft und der natürlichen Wissenschaft und hat sie mit eigener Hand vollendet.

Daß aber er selbst sie hinzuerfunden hat (adinvenerit), ist offenbar, weil wenn von jemand anderem außer ihm etwas über diese Dinge gesagt worden ist, dies [4M] weder als ein Prinzip noch als ein Teil dieser Wissenschaft übernommen werden darf. Im Gegenteil, wenn man etwas findet, das von anderen darüber gesagt worden ist, darf man es in diesen Wissenschaften nicht als Gegenargument vorbringen (pro dubio produci), geschweige denn daß es verdiente, als ihr Prinzips übernommen zu werden. Und dies ist hinreichend klar in seinen Büchern, wo er sie erwähnt und ihre Worte in direkter Rede (in histribus) anführt und auch aufgrund der Bücher, die man von den ihnen zugeschriebenen heute noch findet - obwohl dies sehr wenige sind - eindeutig feststeht. Denn nachdem die Bücher dieses Mannes bekannt geworden waren, wurden die Bücher seiner Vorgänger verworfen (abnegati) und zerstört (aboliti). Von den Büchern aber, die [5D] vor ihm über diese Dinge als wissenschaftliche Lehrbücher (per viam doctrinae) veröffentlicht wurden, kommen ihm am nächsten die Bücher Platons: Obwohl das, was in ihnen enthalten ist, im Vergleich zu dem, was die Bücher dieses Weisen enthalten, sehr wenig ist - und auch in einer Wissenschaft weniger als in der anderen.

Daß aber er selbst Erfolg hatte (profecerit), steht hinreichend fest. Denn niemand von denen, die nach ihm kamen bis auf unsere Zeiten, d.h. in fast 1.500 Jahren, war in der Lage, dem, was er behandelt hat, irgendetwas hinzuzufügen noch irgendetwas, was von Gewicht oder erwägenswert gewesen wäre, dagegen einzuwenden.

Solches aber in einem einzigen Individuum [5E] anzutreffen ist befremdend (alienum) und höchst verwunderlich (maxime miraculum). Wenn man das aber tatsächlich in einem Manne findet, muß man es eher einem göttlichen als einem menschlichen Stande (statui) zuschreiben. Und deshalb nannten ihn die Alten "göttlich".

61. Averroes: Commentarium in Aristotelis De generatione animalium (Kommentar zur Entstehung der Lebewesen) I, zit. nach Jacob Brukker: Historia Critica Philosophiae, t. III, Leipzig 1766, 105:

Lasset uns Gott loben, der diesen Menschen in seiner Vollkommenheit (in sua perfectione) von den anderen Menschen abhob (separavit) und ihm die letzte menschliche Würde (ultima dignitas humana) nahebrachte (appropinquavit), an die kein Mensch sonst in irgendeiner Phase seines Lebens heranreichen (attingere) kann.

62. Averroes: Destructio destructionum(Zerstörung der Zerstörung), zit. nach Jacob Brukker: Historia Critica Philosophiae, t. III, Leipzig 1766, 105:

Die Lehre des Aristoteles ist die höchste Wahrheit; denn sein Intellekt war die Vollendung (finis) des menschlichen Intellektes. Deshalb sagt man richtig von ihm, daß er geschaffen und uns von der götllichen Vorsehung geschenkt wurde, damit wir nicht unwissend darüber blieben (ut non ignoremus), was gewußt werden kann (possibilia sciri).

63. Averroes: Commentarium Magnum in Aristotelis De anima libros (Großer Kommentar zu den Büchern über die Seele), Lib.III, t.c. 14, ed. F. Stuart Crawford, Cambridge, Mass., 1953, 433, 139-145

Dies ist so außerordentlich schwierig, daß, wenn man keine Aussage des Aristoteles dazu fände, es sehr schwierig wäre, darauf zu verfallen - oder vielleicht auch unmöglich, es sei denn, man fände jemanden, der Aristoteles gleicht. Denn ich bin davon überzeugt, daß dieser Mann einen Maßstab (regula) in der Natur darstellte und ein Idealbild (exemplar), von der Natur erfunden, um die höchste menschliche Vollendung konkret in der Materie vorzustellen (ad demonstrandun ultimam perfectionem humanam in materiis).



[1] d.h. die Ars maior des Grammatikers Donatus
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