Prof. Dr. Eckhard Keßler

Geschichte der Philosophie II: Philosophie des späten Mittelalters und der Renaissance

Überblicksvorlesung

Teil 3


Dokument erstellt: 2003-05-09
Letzte Änderung: 2003-05-09
WWW-Redaktion: Helga Pirner-Pareschi





64. Loris Sturlese: Die deutsche Philosophie im Mittelalter. Von Bonifatius bis zu Albert dem Großen (748-1280), München 1993

65. Albertus Magnus (1193-1280): "Quaestiones super de animalibus, (Fragen zur Lehre von den Lebewesen)" L.XI, q.1, ed. E. Filthaut O.P., in: Opera omnia t.XII, Münster 1955, p.218, Z.11; 36-50:

Ob es in der Wissenschaft eine doppelte Weise des Vorgehens gibt?...

Es ist zu sagen, daß der Prozess der Wissenschaft ein doppelter ist. Und dies ist offenbar von der Sache her und von uns her. Von der Sache her, weil in jeder Wissenschaft irgendetwas gleichsam als Fundament der Wissenschaft vorausgesetzt wird, und von ihm aus im Folgenden die Ursachen für die Konsequenzen aufgezeigt werden; aber Voraussetzungen (suppositiones) werden nicht vermittelt (tradere), es sei denn durch Erzählen (narrando), daraus folgende Schlüsse jedoch werden vermittelt, indem man die Ursachen aufzeigt (assignare). Also etc.

Von uns her sind beide Prozesse erforderlich, weil es zum Lehrenden gehört, zu erzählen, und zum Lernenden, wenn er zweifelt, nach den Ursachen zu fragen. Und daher geht der Philosoph, als der weiseste und in den Wissenschaften erfahrenste, in dieser Wissenschaft so vor, daß er zuerst erzählt und dann die Ursachen für das Erzählte aufsucht und aufzeigt, und er zeigt damit oder deutet an, daß wir es ähnlich machen müssen.

66. Thomas Rentsch: "Die Kultur der quaestio. Zur literarischen Formgeschichte der Philosophie im Mittelalter", in: G. Gabriel / Chr. Schildknecht (Hgg.): Literarische Formen der Philosophie, Stuttgart 1990, 73-91

67. Johannes von Salisbury: Metalogicon, ed. C.C.I. Webb, Oxford 1929 (vor allem: I,1; I,7; I,24) [Auszüge, lt./dt. in: Eugenio Garin: Geschichte und Dokumente der abendländischen Pädagogik I: Mittelalter, rde 205/206, Reinbek 1964, 211-253 (= W.Raith/E. Garin: Erziehung, Anspruch, Wirklichkeit I: Von der antiken Tradition bis ins Mittelalter, Starnberg 1971)

68. Martin Grabmann: "Die Entwicklung der mittelalterlichen Sprachlogik", in: Mittelalterliches Geistesleben I, München 1926, 104-146

69. Jan Pinborg: Die Entwicklung der Sprachtheorie im Mittelalter (Beitr. z. Gesch. d. Philos. und Theol. des MA 42.2), Münster 1967

70. Jan Pinborg: "Speculative Grammar", in: Cambridge History of Later Medieval Philosophy, edd. Kretzmann / Kenny / Pinborg, Cambridge 1982, 254-270

71. Boethius de Dacia (fl. 1275): Quaestiones super Priscianum maiorem, edd. J. Pinborg / H. Roos (Corpus Philosophorum Danicorum Medii Aevi 4) Kopenhagen 1969

72. Martinus de Dacia († 1304): Opera, ed. H. Roos (Corpus Philosophorum Danicorum Medii Aevi 2) Kopenhagen 1961

73. Thomas von Erfurt [= Pseudo-Scotus] (fl. 1300): "Tractatus De modis significandi, sive Grammatica speculativa", in: Johannes Duns Scotus: Opera omnia, ed. Wadding, Lyon 1639, (Reprint Hildesheim 1968) Bd.I, 45-76 [Grammatica speculativa ed. lat. /engl. G.L. Bursill-Hall (The Classics of Linguistic 1) Longmans 1972]

74. Radulphus Brito († 1320): Quaestiones super Priscianum minorem, 2 Bde., edd. W. Enders / J.Pinborg (Grammatica speculativa 3) Stuttgart-Bad Cannstatt 1980

75. Johannes Aurifaber (fl. 1330): "Determinatio de modis significandi", ed. J. Pinborg in: J.P.: Die Entwicklung der Sprachtheorie im Mittelalter, a.a.O. Nr. 69, 213-232

76. Martin Heidegger: Die Kategorien- und Bedeutungslehre des Duns Scotus (Habilitations-Schrift 1915) Tübingen 1916, jetzt in: Gesamtausgabe I,1, (ed. Fr. W. Herrmann), Frankfurt 1978, 189-411 [Vgl. Thomas von Erfurt = Pseudo-Scotus, oben, Nr. 73]

77. Radulphus Brito († 1320): Quaestiones super Priscianum minorem, q. 1; 2 Bde., edd. W. Enders / J.Pinborg (Grammatica speculativa 3) Stuttgart-Bad Cannstatt 1980, Bd. 1, 89:

1. In Hinblick auf den Priscianus Minor wird zuerst gefragt, ob die Grammatik eine Wissenschaft (scientia) ist, und es wird argumentiert, daß sie es nicht ist, denn jede Wissenschaft geht aus Notwendigem hervor (est ex necessariis) und die Grammatik geht nicht aus Notwendigem hervor, also usw.

Der Obersatz ist offenbar aufgrund der Analytica posteriora [I, 2; 71 b 9-18 s.oben, Nr. 53]. Denn Wissenschaft geht aus dem hervor, was sich unmöglich anders verhalten kann, wie offenbar ist durch die Definition der Wissenschaft, die dort gegeben wird, so daß jenes, von dem es Wissenschaft gibt, sich unmöglich anders verhalten kann und folglich notwendig ist.

Der Untersatz ist offenbar, da die Sprache (sermo), von der die Grammatik handelt, nicht etwas Notwendiges ist, da sie nach unserem Willen ist (est ad voluntatem nostram) [Vgl. Aristoteles: De interpretatione 2; 16a19: "Nomen ergo est vox significativa secundum placitum sine tempore": Der Name ist also ein nach Belieben und ohne Zeitangabe bezeichnender Laut, vgl. auch oben, Nr. 56) und etwas Derartiges nicht notwendig ist.

2. Ebenso: Jede Wissenschaft ist ein und dieselbe bei allen. Die Grammatik ist nicht ein und dieselbe bei allen. Also usw.

Der Obersatz ist offenbar.

Beweis des Untersatzes: denn eines ist die Grammatik im Griechischen und etwas anderes im Lateinischen...

78. Aristotles: Lehre vom Satz (De interpretatione) 1; 16a9-18:

Es gibt aber, so wie es in der Seele mal einen Gedanken (nóema) gibt, der weder wahr noch falsch ist, mal aber einen Gedanken, dem eines von beidem mit Notwendigkeit zukommt, Gleiches auch in der Sprache. Denn in Hinblick auf Zusammensetzung (sýnthesis) und Teilung (dihaíresis) tritt das Falsche (tò pseûdos) und das Wahre (tò alethés) auf. Die Namen und die Verben an sich nun scheinen dem Gedanken ohne Zusammensetzung und Teilung zu gleichen, wie z.B. "Mensch" und "weiß", wenn nichts hinzugesetzt wird. Denn da gibt es nirgends weder falsch noch wahr. Zeichen dafür aber ist, daß ja auch der Name "Bockshirsch" (tragélaphos) etwas bezeichnet, aber noch nicht etwas Wahres oder Falsches, wenn man nicht das "ist " oder "ist nicht" hinzusetzt, sei es absolut oder in zeitlicher Relativierung.

79. Thomas von Erfurt (fl. 1300): "Tractatus De modis significandi, sive Grammatica speculativa", in: Johannes Duns Scotus: Opera omnia, ed. Wadding, Lyon 1639, (Reprint Hildesheim 1968) Bd.I, 45:

Dazu ist zu bemerken, daß der Intellekt, da er den Laut (vox) zum Bezeichnen (significare) und zum Mitbezeichnen (consignificare) einsetzt (imponit), ihm auch eine doppelte Bestimmung (ratio) gibt:

nämlich die Bestimmung des Bezeichnens (ratio significandi), die Bezeichnung (significatio) heißt, durch welche er zu einem Zeichen (signum) bzw. zu einem Bezeichnenden (significans) wird - und als solches ist er formal ein Wort (dictio),

und die Bestimmung des Mitbezeichnens (ratio consignificandi), die "Weise des aktiven Bezeichnens" (modus significandi activus) genannt wird, durch welche der bezeichnende Laut zu einem Mit-Zeichen (consignum) oder einem Mitbezeichnenden (consignificans) wird - und als solches ist er formal ein Teil einer Aussage (pars orationis).

80. Martinus de Dacia († 1304): Modi significandi IV, 12, in: Opera, ed. H. Roos (Corpus Philosophorum Danicorum Medii Aevi 2) Kopenhagen 1961, 8:

Und man muß wissen, daß so wie die Dinge (res) nach ihren Eigentümlichkeiten (proprietates), die Teile der Rede nach ihren Bezeichnungsweisen (modi significandi) unterschieden werden. Die Weise des Bezeichnens aber ist die Form (forma) des Teiles der Rede, da sie ihm das Sein (esse) gibt und ihn von jedem Teil der Rede, der anders ist als er, unterscheidet. Denn jeder Teil der Rede ist ein Teil (der Rede) aufgrund seiner Bezeichnungsweise (per suum modum significandi).

81. Martinus de Dacia († 1304): Modi significandi I, 3, in: Opera, a.a.O. (Nr.80) 4:

Man muß wissen, daß die Weisen des Bezeichnens von den Weisen des Erkennens (a modis intelligendi) als von ihrer unmittelbaren Ursache (causa immediata) empfangen worden sind. Denn was man erkennen kann, das kann man auch bezeichnen. Und von den Weisen des Seins (a modis essendi) sind sie empfangen worden als von ihrer mittelbaren Ursache (a causa mediata), nämlich durch Vermittlung der Weisen des Erkennens. Die Weisens des Seins aber sind die Eigentümlichkeiten einer Sache (proprietates rei), insofern sie eine Sache außerhalb des Geistes (extra intellectum) ist. Die Weisen des Erkennens aber sind dieselben Eigentümlichkeiten der Sache, insofern die Sache erkannt ist und dieselben Eigentümlichkeiten zusammen mit der Sache erkannt sind. Die Weisen des Bezeichnens aber sind die der Zahl nach identischen Eigentümlichkeiten (eaedem proprietates in numero), insofern die Sache durch den Laut (vox) bezeichnet ist.

82. Gerhard von Zütphen (fl.1488): Glossa notabilis (=Kommentar zum Doctrinale des Alexander von Villadei [1170-1250]), zit. nach T. Heath: "Logical Grammar, Grammatical Logic and Humanism in Three German Universities", in: Studies in the Renaissance 18 (1971) 9-64, 13, Anm. 21:

Wer war der erste Erfinder der Grammatik?

Der erste Erfinder der positiven Grammatik war ein Metaphysiker oder ein Naturphilosoph, denn er betrachtete die unterschiedlichen Qualitäten, die Natur und die Weisen des Seins der Dinge und belegte die Dinge dann mit unterschiedlichen Namen.

83. Dante Alighieri: Das Schreiben an Cangrande della Scala §21, lt./dt. hg. u. komm. v. Th. Ricklin, (Philosophische Werke, hg. v. Ruedi Imbach, Bd.I) Hamburg 1993, 9 [vgl. auch: Il convivio II, 1; dt. v. K. Sautter, München 1965, 50 f.]:

Damit dieses Verfahren einsichtiger werde, kann es anhand der folgenden Verse veranschaulicht werden: "Als Israel aus Ägypten auszog, das Haus Jakob aus dem barbarischen Volk, da wurde Juda sein Heiligtum, Israel sein Machtbereich". Wenn wir das nämlich allein dem Buchstaben nach anschauen wollen, wird für uns der Auszug der Söhne Israels aus Ägypten zur Zeit Mose bezeichnet; wenn der Allegorie nach, wird für uns unsere durch Christus erfolgte Erlösung bezeichnet; wenn der moralischen Bedeutung nach, wird für uns die Umkehr der Seele von der Trauer und dem Elend der Sünde zum Stand der Gnade bezeichnet; wenn der anagogischen (Bedeutung) nach, wird der Auszug der heiligen Seele aus der Knechtschaft der Verderbnis in die Freiheit der ewigen Herrlichkeit bezeichnet.

84. Henri de Lubac S.J.: Exégèse médiévale. Les quatre sens de l'écriture, 4 Bde., Paris 1959

85. Martin Grabmann: "Petrus Lombardus", in: M.G.: Geschichte der scholastischen Methode, Freiburg 1911 (Repr. Graz 1957), Bd. II, 359-407

86. Petrus Lombardus (†1164): Libri IV Sententiarum, Prolog, ed. Collegium S. Bonaventurae, 2 Bde., Ad Claras Aquas 1916, 3:

Um ihre [d.h. der Feinde der Wahrheit] Gott verhaßte Gemeinschaft zu vernichten und ihre Münder zu verstopfen, damit das Virus der Nichtsnutzigkeit sich nicht über andere ergießen kann, und im Bestreben, das Licht der Wahrheit (lucerna veritatis) auf dem Leuchter aufzurichten, haben wir unter viel Schweiß und Arbeit mit der Hilfe Gottes ein Buch zusammengestellt aus den in alle Ewigkeit begründeten Zeugnissen (testimonia in aeternum fundata) der Wahrheit, in vier Bücher aufgeteilt.

In ihm findet man die Beispiel und Lehre der Alten (exempla doctrinaque maiorum), in ihm haben wir durch das ehrliche Bekenntnis der göttlichen Glaubens den Betrug der Lehre der Schlange preisgegeben...

Es soll also diese Mühe keinem Faulen oder sehr Gelehrten überflüssig erscheinen, da sie vielen Fleißigen und vielen Ungelehrten, zu denen auch ich gehöre, notwendig ist, diese Mühe, die in einem kleinen Band die Meinungen der Väter (Patrum sententiae) zusammenstellt (complicans) und ihre Zeugnisse (testimonia) hinzufügt, so daß der Fragende nicht eine Unzahl von Büchern (numerositas librorum) wälzen muß, da ihm das Gesammelte in seiner Kürze das, wonach er fragt, ohne Mühe anbietet. Für diese Darstellung aber wünsche ich mir nicht nur einen frommen Leser, sondern auch einen freimütigen Verbesserer, vor allem dort, wo es um die tiefe Frage nach der Wahrheit geht, die ebenso viele "Finder" haben möge wie sie Widersacher hat.

87. Martin Grabmann: "Peter Abälard", in: M.G.: Geschichte der scholastischen Methode, Freiburg 1911 (Repr. Graz 1957), Bd. II, 168-229

88. Roger Bacon: Opus minus, zit. nach Petrus Lombardus: Libri IV Sententiarum, a.a.O. (Nr. 86) Prolegomena, p. LIX, Anm. 7:

Der Baccalaureus, der den Text [der Bibel] liest, ist in Paris und überall dem Leser der Sentenzen (lector Sententiarum) unterworfen. Denn jener, der die Sentenzen liest, hat die beste Vorlesungszeit (principalem horam legendi) nach seinem Wunsch und er hat auch einen Assistenten (socius) und eine Stube (camera) bei den Theologen (religiosi). Derjenige aber, der die Bibel liest, muß auf dieses alles verzichten und bettelt um die Vorlesungszeit, je nachdem es dem Leser der Sentenzen gefällt. Und jener, der die Sentenzen liest, disputiert und wird für einen Magister gehalten; der andere, der den Text [der Bibel] liest, erhält keine Möglichkeit zu disputieren, so wie es in diesem Jahr in Bologna und an vielen anderen Orten war, was absurd ist.

89. Thomas von Aquin (1224-1274): Summa Theologica I, q.1, art.1 (Parisiis, Adreas Blot, 1926, vol.I, 2 ff.)

Frage I: Über die heilige Lehre selbst, welcher Art sie ist und worauf sie sich erstreckt.

Art. 1 - Ob es notwendig ist, neben den philosophischen Disziplinen noch eine andere Lehre zu haben

Es scheint nicht notwendig zu sein, außer den philosophischen Disziplinen noch eine andere Lehre zu haben.

1. - Nach dem, was über der Vernunft (supra rationem) ist, soll der Mensch nicht trachten - nach Ecclesiastes III,22: Suche nicht nach Höherem. Das aber, was der Vernunft unterworfen ist, wird ausreichend gelehrt in den philosophischen Disziplinen. Es scheint daher überflüssig zu sein, außer den philosophischen Disziplinen noch eine andere Lehre zu haben.

2 - Außerdem. - Eine Lehre kann es nur von Seiendem geben; denn nichts kann gewußt werden außer dem Wahren, das mit dem Seienden konvertibel ist. Von allen Seienden aber wird in den philosophischen Disziplinen gehandelt, auch von Gott, weshalb ein Teil der Philosophie Theologie heißt bzw. göttliche Wissenschaft (scientia divina)... Daher war es nicht notwendig, neben den philosophischen Disziplinen noch eine andere Lehre zu haben.

Aber dagegen steht, was im 2. Brief an Timotheus III,16 gesagt wird: Jede göttlich inspirierte Schrift ist nützlich für das Lehren, das Argumentieren, das Widerlegen, das Erziehen zur Gerechtigkeit. Die göttlich inspirierte Schrift aber gehört nicht zu den philosophischen Disziplinen, die mit der menschlichen Vernunft erfunden worden sind. Daher ist es nützlich, daß es außer den philosophischen Disziplinen eine andere, göttlich inspirierte Wissenschaft gibt...

Zum ersten, also. - Es ist zu sagen, daß, mag auch das, was höher ist als die Erkenntnis des Menschen vom Menschen nicht durch die Vernunft untersucht werden können, so ist es doch, von Gott offenbart, durch den Glauben zu ergreifen... Und darin besteht die heilige Lehre.

Zum zweiten. - Es ist zu sagen, daß das unterschiedliche Erkenntnisprinzip (ratio cognoscibilis) die Verschiedenheit der Wissenschaften herbeiführt. Denn die gleiche Konklusion beweist der Astrologe und der Naturphilosoph, z.B. daß die Erde rund ist, der Astrologe aber durch einen mathematischen, d. h. von der Materie abstrahierten Mittelbegriff, der Naturphilosoph aber durch einen als materiell betrachteten. Daher hindert nichts, daß von dem Gleichen, von dem die philosophischen Disziplinen handeln, insofern es erkennbar ist durch das Licht der natürlichen Vernunft (lumen naturalis rationis), auch eine andere Wissenschaft handelt, insofern es durch das Licht der göttlichen Offenbarung (lumen divinae revelationis) erkannt wird. Weshalb die Theologie, welche zur heiligen Lehre gehört, der Gattung nach von der Theologie unterschieden ist, die als Teil der Philosophie gesetzt wird.

p.4

Art. 2 - Ob die heilige Lehre eine Wissenschaft ist

Es scheint, daß die heilige Lehre keine Wissenschaft ist.

1 - Jede Wissenschaft schreitet aus durch sich selbst bekannten Prinzipien (ex principiis per se notis) fort. Die heilige Lehre aber schreitet aus Glaubensartikeln (articula fidei) fort, die nicht durch sich selbst bekannt sind, da sie nicht von allen zugestanden werden...

Ich antworte. - Es ist zu sagen, daß die heilige Lehre eine Wissenschaft ist. Aber man muß wissen, daß die Gattung der Wissenschaften doppelt ist. Denn es gibt einige, die aus Prinzipien fortschreiten, die aufgrund des natürlichen Lichtes des Intellekts (lumen naturale intellectus) bekannt sind, wie die Arithmetik, die Geometrie und derartige. Es gibt aber auch einige, die aus Prinzipien fortschreiten, die aufgrund des Lichtes einer übergeordneten Wissenschaft bekannt sind (lumine superioris scientiae), so wie die Optik (perspectiva) aus Prinzipien fortschreitet, die durch die Geometrie bekannt gemacht worden sind und die Musik aus Prinzipien, die durch die Arithmetik bekannt sind. (Vgl. Aristoteles: Analytica posteriora I, 13; 78 b 32 ff) Und auf diese Weise ist die heilige Lehre Wissenschaft. Sie schreitet nämlich aus Prinzipien fort, die durch das Licht einer übergeordneten Wissenschaft bekannt sind, welche die Wissenschaft Gottes und der Seeligen (scientia Dei et beatorum) ist. Weshalb so, wie die Musik die Prinzipien glaubt (credit), die ihr von der Arithmetik gelehrt wurden, die heilige Lehre die Prinzipien glaubt, die von Gott offenbart sind.

Zum ersten also: Es ist zu sagen, daß die Prinzipien einer jeden Wissenschaft entweder durch sich selbst bekannt sind (nota per se) oder auf die Erkenntnis einer übergeordneten Wissenschaft (in notitiam superioris scientiae) zurückgeführt werden: und dieser Art sind die Prinzipien der göttlichen Lehre, wie gesagt wurde.

90. Lynn Thorndyke: University Records and Life in the Middle Ages, 2New York 1971, p.26; p. 64

p.26: 1210

Dekret des Bischofs von Sens, Paris etc. gegen Heretiker und die Naturphilosophie des Aristoteles

Weder die Bücher des Aristoteles über die Naturphilosophie noch ihre Kommentare dürfen in Paris, öffentlich oder heimlich, gelesen werden, und dies verbieten wir bei Strafe der Exkommunikation.

p. 64: 1254:

Lehrveranstaltungen in der Artisten-Fakultät in Paris

Im Jahre des Herrn 1254. Es mögen alle wissen, daß wir, alle und jeder, Magister der Freien Künste in völliger Übereinstimmung, ohne jeden Widerspruch, ob der neuen und unkontrollierbaren Gefahr, welche unserer Fakultät droht - manche Magister eilen, ihre Lehre früher zu beenden, als es die Länge und die Schwierigkeit der Texte erlaubt, weshalb beide, Lehrer beim Lesen und Schüler beim Hören weniger Fortschritte machen - in Sorge über den Niedergang unserer Fakultät und im Wunsch, unsere Studienordnung zu verbessern, zum gemeinen Nutzen und zur Wiederherstellung unserer Universität, zur Ehre Gottes und der katholischen Kirche beschlossen und angeordnet haben, daß alle und jeder einzelne Magister unserer Fakultät in Zukunft gehalten sein wird, die Texte, die am Fest des Heiligen Remigius (1.Oktober) begonnen wurden, an den unten genannten Tagen und nicht früher zu beenden:

Die Alte Logik, d.h. das Buch des Porphyrius, die Kategorien, die Lehre vom Satz, die Divisionen und die Topik des Boethius mit Ausnahme des vierten Buches am Fest Mariae Verkündigung (25. März) oder dem letzten Vorlesungstag davor. Den Priscianus maior und minor, die Topik und Sophistischen Widerlegungen, die Ersten und Zweiten Analytiken müssen in der gleichen oder in entsprechender Zeit abgeschlossen werden. Vier Bücher der Ethik in zwölf Wochen, wenn sie mit einem anderen Text gelesen werden; wenn allein und ohne einen anderen Text, in der halben Zeit. Drei kurze Texte, nämlich die Sechs Prinzipien, Barbarismus und Priscian über die Akzente, wenn zusammen gelesen und ohne weitere Texte, in sechs Wochen. Die Physik des Aristoteles, die Metaphysik und die Lehre von den Tieren am Fest Johannes des Täufers (24. Juni); Über den Himmel und Über die Welt, das erste und vierte Buch der Meteorologie an Himmelfahrt; Über die Seele, wenn mit den Büchern über die Natur gelesen, an Himmelfahrt, wenn mit den logischen Texten, am Fest Mariae Verkündigung (25. März); Über Werden und Vergehen am Fest des Stuhles St. Peters (22. Februar); De causis in sieben Wochen; Über die Wahrnehmung und das Wahrgenommene in sechs Wochen; Über Schlaf und Wachen in fünf Wochen; Über die Pflanzen in fünf Wochen; Über Erinnerung und Gedächtnis in zwei Wochen; Über den Unterscheid zwischen Spiritus und Seele in zwei Wochen; Über Tod und Leben in einer Woche...

Es wird niemandem erlaubt sein, die genannten Texte in weniger Zeit abzuschließen, aber jeder kann sich, wenn er will, mehr Zeit nehmen.

91. Edward P. Mahoney: "The Worst Natural Philosopher <pessimus naturalis>...", [so Bonaventura 1217-1274 über Aristoteles] in: O. Pluta (Hg.): Die Philosophie im 14. und 15. Jh. In memoriam Konstanty Michalski (1879-1947), Amsterdam 1988, 261-273

92. Thomas von Aquin (1224-1274): De unitate intellectus contra perversam doctrinam Averrois (1270) (Opera omnia, editio Leonina Bd. XLIII) Rom 1976 (engl. Übers. von B.H. Zedler, Milwaukee, Wisc. 1968)

93. Aegidius Romanus (1243/47-1316): Errores philosophorum (1270), lt./engl. ed. J. Koch, Milwaukee, Wisc., 1944

94. Siger von Brabant (1235-1281/84): Quaestiones in tertium de anima - De anima intellectiva - De aeternitate mundi, ed. B. Bazán, Louvain-Paris 1972

95. P. Mandonnet: Siger de Brabant et l'averroisme latin au XIIIe siècle, 2 Bde., Louvain 19112 und 1908

96. R.A. Gauthier: "Notes sur Siger de Brabant: I. Siger en 1265", in: Revue des sciences philosophiques et théologiques 67 (1983) 201-232; "II. Siger en 1272-1275", ebd. 68 (1984) 3-49

97. Ernest Renan: Averroes et l'Averroisme, Paris 1852 (jetzt: Oeuvres, t. 3, Paris 1949)

98. Friedrich Niewöhner / Loris Sturlese (Hgg): Averroismus im Mittelalter und in der Renaissance (Symposion 3.-7. 11.1991, Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel), Zürich 1994

99. Luca Bianchi: Il vescovo e i filosofi: la condanna parigina del 1277 e l'evoluzione dell'aristotelismo scolastico, Bergamo 1990

100. Kurt Flasch: Aufklärung im Mittelalter? Die Verurteilung von 1277. Das Dokument des Bischofs von Paris übersetzt und erklärt, Mainz 1989

101. "Verdammungsedikt von 1270", in: H. Denifle / L. Chatelain (Hgg.): Chartularium Universitatis Parisiensis, 2 Bde., Paris 1889-1897, Reprint Brüssel 1964, Bd.I,486 f. (vgl. auch: L. Thorndyke, a.a.O. Nr. 113, 80 f.):

Dies sind die Irrtümer, die Stephan [Tempier], Bischof von Paris, im Jahre des Herrn 1270, am Mittwoch nach dem Fest des Hl. Nikolaus im Winter verdammt und exkommuniziert hat samt allen, die diese Irrtümer wissentlich gelehrt oder behauptet haben.