Wie schaden Schlechte Katalogisate?



Autor: Dr. Heinrich C. Kuhn
Vorgetragen: XXIII. Bibliotheksleiter/innenTagung der Max-Planck-Gesellschaft (München, 9. Mai 2000)
Version: Vortragsvorlage, ohne die extemporiert vorgetragenen Ergänzungen.
Dokument erstellt: 2000-05-23
Letzte Veränderung: 2000-05-23


Inhalt:



Text des Vortrags

MDDHH,

man hat mich freundlicherweise eingeladen, Ihnen kurz vorzutragen zur Frage "Wie schaden schlechte Katalogisate?"

Bevor diese Frage beantwortet werden kann muss die Frage "was ist ein Schlechtes Katalogisat?" beantwortet sein. Und um die Frage was denn ein schlechtes Katalogisat sei, zu beantworten, muß die Frage "was ist überhaupt ein Katalogisat?" beantwortet sein . [1]

Diese letzte Frage scheint unsinnig: wir glauben's doch alle zu wissen:

Mehr als hinreichend zahlreiche Definitionen scheinen dies zu sein, und die Frage damit mehr denn hinreichend beantwortet.

Aber - diejenigen von Ihnen, die mich kennen, die sich noch an mich erinnern werden sich vielleicht bereits gefragt haben, wann endlich der obligate Verweis auf Aristoteles kommt -, hier ist er: aber Aristoteles, der maestro di coloro che sanno, bei dem schon Galileis' Simplicio alles Wissbare geortet hat, von dem Averroes glaubte nachgewiesen zu haben, daß er sich in nichts als der Beurteilung des andalusischen Klimas getäuscht habe, Aristoteles warnt in seiner Topik vor dem Gebrauch von derlei "lockeren" Definitionen in Fällen wo man auch "stringentere" gebrauchen kann . [2]

Ein Katalogisat ist etwas "relatives", etwas mehreres Verbindendes, und als solches auch bestimmbar . [3] Ein Katalogisat ist etwas, das eine Verbindung schafft zwischen etwas was sich in einem Regal aufhalten kann und Jemandem, der Information über etwas was sich in einem Regal aufhalten kann sucht. Es ist nichts naturnotwendiges, sondern Menschenwerk. Die Weisen, auf die es auf etwas verweist, die Regeln nach denen es erstellt wird, die Gewohnheiten gemäß denen es gebraucht wird: all dies ist konventionell, könnte auch anders sein, kann auch anders gemacht werden, und wird, wie Sie wissen, in unterschiedlichen Kontexten auch anders gemacht: Die Regelwerke nach denen Katalogisate erstellt werden sind mehrere, und die Anwendungen ein und des selben Regelwerks sind alles andere als identisch.

Doch weder danach, nach welchen Regeln noch nach welcher Anwendung welcher Regeln ein Katalogisat erstellt wird, läßt sich bestimmen, ob es ein gutes oder ein schlechtes Katalogisat ist, sondern dies läßt sich nur daran bestimmen, ob es seine Funktion erfüllt eine hinreichend gute Verbindung zwischen einer Fragestellung eines Fragenden (vulgo "Bibliotheksnutzers") und einem bestimmten Zustand eines potentiellen Aufbewahrungsorts für Informationsträger (vulgo "Regal") herzustellen. Die Fragestellungen sind fast jedesmal andere, und damit kann ein und das selbe Katalogisat einmal ein "gutes" Katalogisat sein, eines, das dies bestmögliche oder zumindest eine hinreichend gute Antwort auf die eine Fragestellung gibt, und einmal ein "schlechtes" Katalogisat, eines, das eine falsche, und in einigen Fällen auch eine zu falsche Antwort auf eine andere Fragestellung gibt.

Ihnen allen ist bewußt, daß kein Katalogisat so gut sein kann, daß es richtige Antworten auf alle möglichen Fragestellungen gibt. (Vor einigen Wochen hatten wir in unseren Server-Logfiles die Spur von jemandem der in unserem OPAC nach einem der "Jubiläumsphilosophen" dieses an "Jubiläumsphilosophen" sehr reichen Jahres suchte , [4] und dabei für den Autorennamen die Schreibweise "Decarte" wählte [auch "Deka" ist für den selben Autorennamen belegt ..."]. Wer auch immer da suchte erhielt die falsche Auskunft, daß wir keine Werke dieses Jubiläumsphilosophen hätten: für ihn oder sie waren alle unsere Katalogisate für Werke von René Descartes schlecht.) Kein Katalogisat kann so gut sein, daß es nicht für einige denkbaren Fragestellungen ein "schlechtes" Katalogisat wäre. Aber: Es gibt einige Dinge, die man tun kann, um ein Katalogisat für möglichst wenige Fragestellungen "schlecht" zu machen, es gibt einige Dinge, die man vermeiden sollte, will man nicht ein Katalogisat produzieren, das für alle oder fast alle Fragestellungen "schlecht" ist.

Lassen Sie mich etwas in's Detail gehen.

Es gibt Katalogisate, die für jede Fragestellung des Suchenden "schlecht" sind, und dies unabhängig von der Sorgfalt, Ausführlichkeit und Regeltreue, mit der sie erstellt wurden: dies sind jene Katalogisate, die dem Fragestellenden nicht zugänglich sind: solche, die sich in Katalogen finden, die dem Nutzer nicht zugänglich sind. (Doch, sowas gibt es ...; zumindest für einige Nutzergruppen; auch an großen und berühmten Bibliotheken; für Nutzer, die nicht an die richtigen Personen die richtigen Sätze richten; für Nutzer, die dies nicht tun, weil sie z.T. nicht wissen, daß es die entsprechenden Kataloge gibt und z.T. weil sie, die Nutzer, nicht "mutig" genug sind). Diese Katalogisate haben in diesem Zustand nur eine Möglichkeit zu schaden: durch Unzugänglichkeit. Wenn sich im Bibliothekswesen der MPG seit Sommer 1998 nicht ganz schreckliche Änderungen ergeben haben, dürfte sich derlei in seiner "absoluten" Form in Ihren Bibliotheken nicht finden. Aber Unzugänglichkeit kann auch "relative" Unzugänglichkeit sein; dann ist das Schaden nur "relativ". Aber immerhin. Reduzieren, ja sogar beseitigen läßt sich derlei Schaden durch Retrokonversionsmaßnahmen und durch das Zugänglichmachen der Katalogisate im Internet.

Die anderen "Schadensweisen" von "schlechten Katalogisaten" sind nicht unabhängig von den Katalogisaten selbst.

Die banalste Schadensweise ist vermutlich diejenige durch Tippfehler: Was mit zutreffender Schreibweise gesucht wird, und mit vertippter Schreibweise katalogisiert wurde, ist zumindest in elektronischen Katalogen deutlich erschwert findbar; das zugehörige Katalogisat ist ein schlechtes Katalogisat.

Verwandt, und in der Wirkung gleich: Abweichende Schreibweisen die keine Tippfehler sind: die Probleme, die damit zusammenhängen, daß es aus legitimer Sicht des Fragestellenden Schreibweisen gibt, die nicht der Schreibweise des Katalogisats entsprechen - ohne daß das Katalogisat fehlerhaft wäre: es geht um: Ganz alte, alte und neue Rechtschreibungen, Sonderzeichen & Symbole, Formeln, Transliterationen, Abweichungen zwischen Ansetzungsformen und Vorlageformen, Varianten von Personennamen u. dgl.. Einiges läßt sich hier durch die Suchsoftware abfangen, anderes durch die Einbindung von Normdateien, einiges durch Schulung aller Nutzer deren man habhaft werden kann. Für anderes bleibt nur menschliche Arbeit am einzelnen Katalogisat. Und die dringende Vermutung, daß die Idealvorstellungen der Nutzer der Katalogisate sehr häufig nur schwer mit den Idealvorstellungen derjenigen, die über die Personalausstattung der Katalogisierungsteams entscheiden, in völligen Einklang zu bringen sein werden.

Das eben angesprochene war eine Variante von zumindest in gewissem Sinne unvollständigen Katalogisaten. Eine andere Variante ist die Folge von unvollständigen Ausgangsdaten für Retrokonversionen, und/oder von Entscheidungen gewisse mögliche Kategorien nicht zu füllen: Keine Sacherschließungsinformationen, kein Kollationsvermerk, keine Angaben zum Verlag, etc. etc. pp. Wie schädlich derlei ist, ist abhängig davon welche Fragestellungen an den Katalog herangetragen werden. In unseren eigenen Retrokonversionsdaten fehlen z.T. die Angaben zu Verlag und Umfang. Benutzer unserer Bibliothek, die darin eine Einschränkung ihrer Suchmöglichkeiten gesehen hätten, sind uns nicht bekannt. Aber: andererseits: wir sind derzeit bei der Vorbereitung eines Projekts, in dem's um Ingolstädter Drucke aus knapp 300 Jahren geht, und bei denen Verlagsangaben in den für dieses Projekt genutzten Katalogisaten sehr willkommen sind, um zu sehen wer was druckt, in welchem verlegerischen Kontext welche philosophischen Werke erschienen sind, in dem Umfangsangaben willkommen sind als Hinweis auf potentiell unterschiedliche Ausgaben ... .

Es gibt nicht nur die Relation Fragender/Katalogisat, sondern auch die Relation Katalogisat/Katalogisiertes. Gerade im Kontext und in Folge von Retrokonversionsprojekten macht sich mutige Dublettenvermeidung unwillkommen bemerkbar: Entscheidungen der retrokatalogisierenden Personen, daß das, was in den Ausgangsdaten der Retrokonversion als A beschrieben ist, identisch zu sein habe mit etwas, was in den genutzten Fremddaten als A' beschrieben ist. Hier sind vermutlich abweichende Ausgaben, die in den Regalen vorhanden sind, für immer aus den nicht nur lokal genutzten Katalogen verschwunden.

Das Gegenstück ist die hasenherzige Dublettenreduktionsvermeidung: die Übernahme von Ausgangsdaten der Retrokonversion ohne hinreichende Folgerungen aus Abweichungen der Regelwerke zu ziehen: die Übernahme von erschlossenen Informationen zu Druckern, Orten, Jahren etc., von von Bibliothekaren selbstgebauten Titeln, von Abgrenzungen von Werken (und es gibt vermutlich noch einiges andere in solcher Richtung), die Übernahme von derlei auf solche Weise, daß ein Katalogisat entsteht in dem sich diese Informationen so finden, als seien sie der Vorlage entnommen und auf Basis des zum Zeitpunkt der Retrokonversion gültigen Regelwerks formuliert worden. Für den Fragesteller führt's nicht ganz selten zur Notwendigkeit, · mehr Bücher einzusehen, als ihm nach Einsichtnahme sinnvoll erschien, · mehr fragende Mails an Bibliotheken zu schicken, als Fragendem und Bibliotheken lieb ist, · wenn keine Antwort erhalten wird Reisen zu unternehmen die hätten unterbleiben können wäre das Katalogisat "besser" gewesen. Dennoch: Fragender wie Bibliothek werden in der Folge solchen Schadens solcher "schlechten" Katalogisate gelegentlich fluchen; über die Folgen des Schadens durch das Gegenstück, das Identischmachen von Nichtidentischem kann man nur weinen. Zumindest ich fluche lieber als daß ich weine; Bibliothekaren die im Zweifelsfall lieber einen Eintrag im Katalog mehr produzieren bin ich als Nutzer der Katalogisate dankbar, beim Gedanken an Bibliothekare, die im Zweifelsfall lieber den u.U. einzigen Wegweiser zu einer bestimmten Ausgabe vernichten verkrampfen sich mir gelegentlich die Hände.

Bei Retrokonversionen wird fast nie Autopsie all jener Objekte, auf die sich die Katalogisate beziehen, möglich sein, Schäden durch "schlechte Katalogisate" fast nie vermeidbar sein. Anders steht's bei "autoptischen" Katalogisaten: hier ist mangelnde Kennzeichnung dessen was erschlossen worden ist als erschlossen und nicht der Vorlage entnommen: hies ist das etwas, was zu einem Katalogisat führt, das nicht nur "schlecht" ist, sondern unnötig schlecht.

Die möglichen Folgen Schlechter Katalogisate sind wenig überraschend:

Aristoteles - sie merken an seiner erneuten Erwähnung, daß ich zum Schluß komme -, Aristoteles hat in Peri hermäneias darauf hingewiesen, daß Konzepte und Worte als solche, weder wahr noch falsch sind . [5] Analog sind Katalogisate als solche weder "gut" noch "schlecht". Als gut oder schlecht erweisen sie sich erst in der Relation Fragestellung/Katalogisat/Katalogisiertes. Sie schaden durch das Herstellen einer falschen Relation zwischen Fragestellung und Katalogisiertem und durch das Nichtherstellen einer richtigen Relation zwischen Fragestellung und Katalogisiertem.

Nicht alle dieser "Missrelationen" lassen sich vermeiden, aber immerhin einige. Ich selber bin, hoffe ich, in der Lage, eine mögliche Missrelation zu vermeiden: die zwischen der Länge meines Vortrags und der mir zugestandenen Redezeit: indem ich diesen Vortrag jetzt beende: mit einem Dank an Sie für Ihre Geduld: Danke!



Fußnoten


[1] Was denn "schaden" meine ist nicht vorgängig zu untersuchen, sondern wird durch die Beantwortung der Hauptfrage "Wie schaden schlechte Katalogisate?" illustriert.
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[2] Aristoteles: Top. VI,4sqq : 141a23sqq.
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[3] cf. Aristoteles: Top. VI,8: 146a36sqq.
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[4] Nietzsche: 100 Jahre tot, Schelling 225 Jahre geboren, Bruno 400 Jahre tot, Cremonini 450 Jahre geboren, Descartes 350 Jahre tot.
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[5] Aristoteles. De interpr. 1: 16a13-19.
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hck: MPG-BL2000 9